Part 21
Was Sie mir gestern erzählt haben, habe ich heute noch einmal überdacht. Es will mir scheinen, als ob trotz des kolossalen Absatzes Ihrer Werke der Umsatz noch erheblich gesteigert werden könnte. Meine Buchhändler- und Verlagserfahrungen haben mich gelehrt, daß der Wert einer richtig geleiteten Propaganda und direkten Reklame gar nicht überschätzt werden kann.
Meine Frau und ich empfehlen sich Ihrer werten Frau Gemahlin und Ihnen in _Verehrung_ und _Dankbarkeit_ ergebenst
Rudolf Lebius."
Ich mache darauf aufmerksam, daß er mich "Doktor" titulierte, obgleich ich ihm während seines Besuches bedeutet hatte, und zwar wiederholt, hiervon abzusehen. Er tat dies aber nicht, denn dieser Doktor sollte ihm ja als Waffe gegen mich dienen!
Um diese Zeit schrieb Max Dittrich eine Broschüre über mich und meine Werke. Er war so unvorsichtig, das Manuskript Lebius zu zeigen. Dieser kam sofort nach Radebeul geeilt, um mich zu bitten, mich bei Dittrich dafür zu verwenden, daß dieser ihm, Herrn Lebius, das Werk in Verlag gebe. Er wurde ganz selbstverständlich mit dieser Bitte abgewiesen, und ich schrieb Herrn Max Dittrich, daß ich niemals wieder mit ihm verkehren würde, wenn es ihm einfalle, diesem Manne die Broschüre zu überlassen.
Dieser zweite Besuch des Herrn Lebius dauerte höchstens zehn Minuten lang. Als er fort war, fehlte mir eine Photographie, die er mir entwendet hatte. Er durfte nie wiederkommen. Trotzdem hat er wiederholt behauptet, in meinem Hause vielfach verkehrt zu sein und mich sehr genau studiert zu haben.
Am folgenden Tage schrieb er mir:
"Dresden-A., 12. 7. 04. Fürstenstraße 34.
Sehr geehrter Herr Doktor!
_Ich_möchte_sehr_gern_die_Dittrichsche_ _Broschüre_verlegen_und_würde_mir_auch_die_größte_ _Mühe_geben,_sie_zu_vertreiben._ Durch den Rücktritt von der "Sachsenstimme" -- offiziell scheide ich erst am 1. Oktober d. J. aus -- bin ich aber etwas kapitalschwach geworden.
_Würden_Sie_mir_vielleicht_ein_auf_drei_ _Jahre_laufendes,_5prozentiges_Darlehen_ gewähren? Ich zahle Ihnen die Schuld vielleicht schon in einem Jahre zurück.
| Als Dank dafür würde ich die Broschüre | | so lancieren, daß alle Welt von dem Buche | | spricht. Ich habe ja auf diesem Gebiete | | besonders große Erfahrung. |
Meine Zeitung kommt zu Stande und zwar auf ganz solider Basis. Nun heißt es arbeiten und zeigen, _daß_man_ein_ganzer_Kerl_ist_ usw. usw. Beste Empfehlung an Ihre Frau Gemahlin
Ihr Ihnen ergebener Rudolf Lebius."
Ich antwortete nicht. Ich war der Ansicht, daß jemand, der Ehre besitzt, auf ein solches Schweigen nicht weitergehen könne, zumal ich Herrn Lebius _mit_der_ _Broschüre_total_abgewiesen_hatte._ Aber am 8. August schrieb er trotzdem wieder:
"Die "Sachsenstimme" ist am 4. d. zu vorteilhaften Bedingungen an mich allein übergegangen. Ich kann jetzt schalten und walten, wie ich will. Um mich von dem Drucker etwas unabhängig zu machen, _würde_ _ich_gern_einige_tausend_Mark_(3--6)_auf_ein_ _halbes_Jahr_als_Darlehen_aufnehmen._ Ein Risiko ist ausgeschlossen. Hinter mir stehen die jüdischen Interessentenfirmen, die mich, wie die letzte Saison bewiesen hat, in weitgehendem Maße unterstützten. Das Weihnachtsgeschäft bringt wieder alles ein. _Würden_ _Sie_mir_das_Darlehen_gewähren?__Zu_Gegenleistungen_ _bin_ich_gern_bereit._ Die große Zahl von akademischen Mitarbeitern erhebt mein Blatt über die Mehrzahl der sächsischen Zeitungen. Wir können außerdem die Artikel, auf die Sie Wert legen, an 300 oder mehr deutsche und österreichische Zeitungen versenden und den betreffenden Artikel blau anstreichen. So etwas wirkt unfehlbar. In Dresden lasse ich mein Blatt allen Wirtschaften (1760) zugehen. Mit vorzüglicher Hochachtung Rudolf Lebius."
Zu derselben Zeit erfuhr ich, daß Lebius gar nichts besaß, sondern den Offenbarungseid geleistet hatte, daß er den Drucker seines Blattes nicht bezahle, daß er überhaupt nur Schulden habe und daß er sogar Honorar schuldig bleibe. Daß seine Zeitung eine solide Basis habe, war unwahr, ebenso die "große Zahl der akademischen Mitarbeiter" und Anderes. Dergleichen absichtliche Täuschungen gehören eigentlich vor den Staatsanwalt. Ich mache auf seine Ueber- und Unterschriften aufmerksam: "Sehr geehrter Herr . . . . Mit vorzüglicher Verehrung!" "Mit großer Hochachtung und Verehrung!" "Sehr geehrter Herr Doktor . . . . In Verehrung und Dankbarkeit." Als er sah, daß diese Höflichkeiten nicht zogen, schrieb er nicht mehr an mich, sondern an Dittrich. So am 15. August 1904:
"Werter Herr Dittrich!
Ich gebe Ihnen für die Vermittlung ein Prozent. _Mehr_als_10_000_Mk._brauche_ich_nicht._ Ich würde aber auch mit weniger vorlieb nehmen. Das Honorar sende ich am 20. d. wie verabredet.
Können Sie nicht Dr. May _b_e_a_r_b_e_i_t_e_n,_ daß er mir Geld vorschießt?
Freundlichen Gruß R. Lebius."
Dann am 27. August:
"Werter Herr Dittrich!
Meine Frau kommt am 1. September zu Herrn Dr. Klenke, einen kleinen Betrag zu kassieren. Bei dieser Gelegenheit gibt sie Ihnen Ihr Honorar. Sie haben meine schriftliche Zusage, daß ich Ihnen 1 Prozent von dem Gelde gebe, welches Sie mir von H. V. oder Dr. M. (May) vermitteln. Sie erhalten das Geld sofort . . . .
Freundlichen Gruß Lebius."
Er war nämlich Herrn Max Dittrich ein Honorar von 37 Mark 45 Pfennigen schuldig, welches er trotz der Kleinheit dieses Betrages nicht bezahlen konnte. Es wurde ihm daraufhin ein Spiegel gerichtlich abgepfändet. Als er von Dittrich, anstatt der 10 000 Mark von mir, eine Mahnung um diese 37 Mark 45 Pfennig bekam, schrieb er ihm am 3. September:
"Geehrter Herr Dittrich!
Ich habe Herrn Dr. med. Klenke ersucht, Ihnen 40 Mk. zu meinen Lasten gutzuschreiben. Ihr Verhalten mir gegenüber finde ich höchst sonderbar, um nicht zu sagen beleidigend.
Achtungsvoll R. Lebius."
Diesem Dr. Klenke fiel es aber auch nicht ein, die Schulden des Herrn Lebius zu bezahlen, und so kam in logischer Folgerichtigkeit am 7. September in Form einer Postkarte folgende Drohung bei mir an:
"Werter Herr!
Ein gewisser Herr Lebius, Redakteur der "Sachsenstimme", erzählte einem Herrn, daß er einen Artikel gegen Sie schreibt. Ich habe es im Lokal gerade gehört. Es warnt Sie ein Freund vor dem Manne.
B."
Ueber den Verfasser und den Zweck dieser Karte war ich mir natürlich sofort im Klaren. Auch das Gutachten der _vereideten_Sachverständigen_ lautet dahin, _daß_sie_unbedingt_von_Lebius_selbst_geschrieben_ _ist._ Jedenfalls erwartete er ganz bestimmt, daß ich auf diese Erpressung hin die 10 000 Mark zahlen werde. Gab ich sie nicht, so waren mir nicht nur der jetzt angedrohte, sondern noch weitere Racheartikel sicher und auch noch anderes dazu, was mich in Besorgnis setzen mußte. Aber ich ließ auch jetzt nichts von mir hören und sah mit gutem Gewissen dem unvermeidlichen Artikel entgegen, der am 11. September 1904 in Nummer 33 des Lebiusschen Blattes, der "Sachsenstimme" erschien und die dreifache Ueberschrift hatte:
| "Mehr Licht über Karl May | | 160 000 Mark Schriftstellereinkommen | | Ein berühmter Dresdner Kolportageschriftsteller." |
Dieser Mann hatte meiner Frau und mir sein Wort gegeben, nichts zu veröffentlichen. Er war sogar nur unter diesem Versprechen bei uns hereingelassen worden, und nun veröffentlichte er doch, und zwar in welcher Weise und aus welchen Gründen! Er stellte alles auf den Kopf; er drehte alles um! Er legte uns alles, was ihm beliebte, in den Mund, und was wir wirklich gesagt hatten, das verschwieg er, um sich nicht zu blamieren. Dieser Aufsatz enthält über 70 moralische Unsauberkeiten, Verdrehungen und direkte Unwahrheiten. Aber das war nur der Anfang; die Fortsetzungen folgten baldigst nach. Dieser Artikel in Nr. 33 der "Sachsenstimme" war so gehalten, daß Lebius wieder umlenken konnte, falls ich das Geld nun endlich noch gab. Und schon in Nr. 34 kam ein sehr deutlicher Wink, der mir sagte, was geschehen werde, falls ich mich nicht zum Zahlen bewegen lasse. Dieser Wink bestand in einer Münchmeyerschen Annonce, die ganze Bände zu mir sprach. Der Besitzer der Firma Münchmeyer hatte nämlich zu mir gesagt: "Die Veröffentlichung der andern Romane tut Ihnen noch gar nicht viel; aber sobald ich mit dem "Verlorenen Sohn" fertig bin und ihn annonciere, sind Sie verloren! Der wird so happig, daß es Ihnen dann unmöglich ist, als Schriftsteller weiter zu existieren!" Und dieser "Verlorene Sohn" wurde jetzt in Nr. 34 der "Sachsenstimme" annonciert. Das war genau so, als ob mir mit Riesenbuchstaben geschrieben worden wäre: "Nun aber endlich Geld her, sonst geht es in diesem Tone weiter!" Der gefährlichste Erpresser ist der, welcher es in dieser raffinierten Weise anfängt, die noch deutlicher ist, als das gesprochene Wort, aber von keinem Staatsanwalt verfolgt werden kann. Ich gab aber trotzdem nichts. Da kam in Nr. 44 ein zweites Elaborat, in Nr. 46 ein drittes und in Nr. 47 ein viertes. In Nr. 46 wurde mir die Verbindung des Herrn Lebius mit der Firma Münchmeyer schon deutlicher gezeigt, denn es wurde da gesagt, der Inhaber dieser Firma habe einen ganzen Haufen alter Briefe von mir in der Hand und könne also ganz genaue Auskunft über mich geben, wenn er nur wolle. In Wahrheit aber besaß er nicht einen einzigen alten Brief von mir, doch wußte ich nun genau, daß Lebius die Ausführung des Münchmeyerschen Programms, mich durch meine Vorstrafen "in den Zeitungen vor ganz Deutschland kaput zu machen", übernommen hatte. Ich war überzeugt, daß die Zahlung der 10 000 Mark ihn sofort zum Schweigen bringen würde, hätte mich aber vor mir selbst geschämt, ihm auch nur einen einzigen Pfennig zu geben.
Wie ich gedacht hatte, so geschah es: Schon die Nr. 48 brachte die ohne alle Veranlassung frei aus der Luft niederfallende Verkündigung: "Die vier Jahre, die Herr Karl May in Waldheim verbüßte, waren nach unserer Information die Folge eines Einbruchdiebstahls in einem Uhrenladen." Ich habe aber niemals einen Einbruch verübt. Man sieht, daß es nicht auf die Wahrheit ankam, sondern nur auf das "Kaputmachen". Diese Nr. 48 erschien am Weihnachtsheiligenabend. Da hingen an den Fenstern der Dresdener Buchhandlungen Plakate aus, auf denen die "Sachsenstimme" mit den großen roten Buchstaben _"Die_Vorstrafen_Karl_Mays"_ angekündigt wurde. Einen schreienderen Beweis, daß es sich nicht um eine literarische Tat, sondern nur um die Ausführung ganz niedriger Absichten handelt, kann es wohl kaum geben! Daher mag es hier genug sein des grausamen Spiels. Es widerstrebt mir, die Heldentaten des Herrn Lebius einzeln aufzuzählen. Ich will nur in Summa sagen, daß er in dieser Weise fortfuhr, bis er nach einiger Zeit aus Dresden verschwinden mußte. Ich habe die Unwahrheiten, die er in seinen Dresdener Artikeln über mich verbreitete, zusammengestellt, um sie gerichtlich zu beweisen. Es sind ihrer trotz der Kürze der Zeit nicht weniger als hundertzweiundvierzig. Mehr hat bisher wohl noch kein Mensch geleistet! Ich betone aber ausdrücklich, daß diese Aufstellung nicht etwa alles, sondern nur eine Auswahl enthält. Ich könnte diese Ziffer trotz ihrer Höhe gut verdoppeln. Ich habe lange dazu geschwiegen, bis es nicht mehr zum Aushalten war. Da mußte ich mich endlich wehren. Ich erstattete bei der Staatsanwaltschaft Anzeige wegen Erpressung. Ich legte seine Briefe bei. Auch die drohende Karte vom 7. September 1904. Die Sachverständigen erklärten, daß Lebius sie unbedingt geschrieben habe. Die erwähnte Behörde aber war der Ansicht, daß dies nicht zureiche, eine Untersuchung zu eröffnen. Und Lebius gab sich bei seinen Auskünften die größte Mühe, mich als einen Menschen hinzustellen, dem man nicht glauben dürfe. Das Meisterstück hat er dabei abgelegt, indem er der Königlichen Staatsanwaltschaft in Dresden berichtete, daß der Wirt des Hotels auf dem Berge Sinai in Dresden gewesen sei und sich sehr schlecht über mich ausgesprochen habe. Nun weiß aber Jedermann, daß es auf dem Berg Sinai bis heutigen Tages noch nie ein Hotel gegeben hat! Ich zeige damit wohl zur Genüge, was man von der Erfindungsgabe des Herrn Lebius alles erwarten kann. Ich erhob zweimal Privatklage gegen ihn. Die eine zog ich während der Verhandlung aus reinem Ekel vor dem Schmutz, in dem ich da waten sollte, zurück. Die andere brachte ihm in der ersten Instanz eine Geldstrafe von 30 Mark; in der zweiten Instanz aber wurde er freigesprochen, weil mein Anwalt krank geworden war und einen Vertreter stellte, der die Sache führte, ohne orientiert zu sein.
Das ist alles, was ich gegen die ebenso zahlreichen wie unausgesetzten Angriffe des Herrn Lebius getan habe. Gewiß wenig genug! Daß ich Berichterstattern Auskunft gab, wenn sie kamen, mich zu fragen, versteht sich ganz von selbst. Es kann mir niemand zumuten, diesen Herren aus Angst vor Herrn Lebius die Unwahrheit zu sagen. Dennoch behauptet er noch heute, daß nicht ich von ihm, sondern er von mir verfolgt und angegriffen werde.
Selbst als er aus Dresden mit Hinterlassung einer ganz bedeutenden Schuldenlast verschwunden war, hörten seine Angriffe gegen mich nicht auf. Ich erwähne da nur den Aufsatz in der österreichischen Lehrerzeitung, durch den er ca. 40 000 Lehrer auf mich hetzte. Ich schwieg. Ich schwieg selbst dann, als er in der Wilhelm Bruhnschen "Wahrheit" in Berlin einen geradezu empörenden Angriff gegen mich brachte, in dem er mich als "atavistischen Verbrecher" brandmarkte, der wegen "fortgesetzter Einbruchdiebstähle" fast ein Jahrzehnt im Gefängnis und Zuchthaus gesessen habe! Er behauptete da, daß ich eine schwere, chronische Krankheit durchgemacht habe, die "offenbar kulturhemmend" gewirkt habe. Hiermit hatte er begonnen, sein in Dresden unterbrochenes Werk in Berlin gegen mich fortzusetzen. Leider war ich gezwungen, ihn dort persönlich aufzusuchen, weil ich in dem großen Münchmeyerprozeß eine Frage an ihn zu richten hatte, die nicht zu umgehen war. Ich fuhr zu diesem Zwecke mit meiner Frau nach Berlin. Wir entdeckten seine Wohnung. Wir hörten, daß er ein neues Blatt herausgab, der "Bund" genannt. Wir telefonierten ihm. Er bestellte uns nach Café Bauer. Wir folgten dieser seiner Weisung. Er kam mit seiner Frau und deren Schwester. Er beantwortete meine Frage nicht. Er leugnete alles. Ich sagte ihm, daß ich sein neues Blatt sehen möchte. Das war ganz ehrlich und gut gemeint, ohne alle böse Absicht. Er aber begehrte sofort zornig auf und fragte drohend: "Haben Sie etwas vor? Dann gehe ich auf der Stelle von neuem gegen Sie los! Hier in Berlin gibt es über zwanzig Blätter wie die "Dresdener Rundschau". Die stehen mir alle zu Gebote, wenn ich Sie totmachen will! Hier dauert das gar nicht lang!"
Ich antwortete, daß es mir gar nicht einfalle, wieder in den alten Sumpf zu steigen. Meine Frau sagte zu seiner Frau in ruhiger, freundlicher Weise, daß es die schönste Aufgabe verheirateter Frauen sei, versöhnend zu wirken und die Härten des Lebens zu mildern; dann entfernten wir uns.
Das war am 2. oder 3. September. _Einen_Monat_ _später,_ am 1. Oktober, kam folgender Brief aus Berlin; ich war verreist:
Geehrter Herr!
Obwohl völlig unbekannt, erlaube ich mir, bei Ihnen einmal anzufragen, ob Sie mir nähere Mitteilungen über einen Herrn Lebius, seinerzeit in Dresden, machen könnten. Genannter Herr, ehemaliger Sozialdemokrat, hat gegen mich als den seinerzeit verantwortlich zeichnenden Redakteur des "Vorwärts" die Privatbeleidigungsklage angestrengt. Es wird vor Gericht meine Aufgabe sein müssen, Herr Lebius als "Ehrenmann" zu kennzeichnen. Auf den Rat eines Dresdener Kollegen wende ich mich vertrauensvoll an Sie, ob Sie mir über diesen Herrn vielleicht einige Auskunft geben könnten. Sollte dies der Fall sein, so sehe ich Ihrer Freundlichkeit sehr verbunden entgegen.
Mit größter Hochachtung Carl Wermuth, Redakteur des "Vorwärts".
Ich wiederhole, daß ich verreist war und also auf dessen Wunsch, selbst wenn ich gewollt hätte, nicht eingehen konnte. Am 5. April 1908, also | ein volles halbes Jahr später, | erhielt ich von der Redaktion des "Vorwärts" eine weitere Zuschrift:
_"Zu_unserem_Bedauern_haben_Sie_es_bisher_ _unterlassen,_sich_ über die gegen Sie gerichteten Angriffe des Lebius _zu_äußern_ resp. _uns_die_ _notwendigen_Beweismittel_ der ehrenabschneiderischen Tätigkeit des Lebius in Bezug auf Ihre Person _zur_ _Verfügung_zu_stellen._ Wie ich von meinem Kollegen Wermuth erfuhr, hat Ihre Frau mitgeteilt, daß Sie sich zur Zeit auf Reisen befinden und _nicht_in_ _der_Lage_seien,_uns_mit_dem_gewünschten_ _Material_gegen_Lebius_zu_versehen._ Ich hoffe, daß Sie inzwischen von der Reise zurückgekehrt sind und nunmehr . . . ."
Hiermit ist wohl zur vollsten Genüge bewiesen, _daß_ _nicht_ich_Herrn_Lebius_verfolge,_sondern_er_mich._ Herr Lebius behauptet, daß ich mich damals, am Sedanstage, an ihn gemacht habe, um dem "Vorwärts" beizustehen. Hier beweise ich, daß ich damals von jener Beleidigungsklage noch gar nichts gewußt habe, sondern daß der "Vorwärts" es mir erst einen Monat später mitteilte und dann aber nach wieder sechs Monaten _noch_gar_keine_Antwort_bekommen_hat!_ Ich hatte also Herrn Lebius volle sechs Monate geschont, wo es mir doch durch die Sozialdemokratie so bequem und leicht gemacht worden war, mich an ihm zu rächen. _Daß_ich_ _ihn_nicht_verfolge,_sondern_von_ihm_fort_und_ _fort_zur_Notwehr_gezwungen_werde,_ ist übrigens auch schon dadurch erwiesen, daß ich es bis heut umgangen habe, als Zeuge gegen ihn auszusagen. Mit dieser Zeugenschaft für den "Vorwärts"-Redakteur hatte es damals folgende Bewandtnis:
Lebius hatte den "Vorwärts" wegen Beleidigung verklagt, und der "Vorwärts" hatte mich, natürlich ohne erst viel zu fragen, als Zeugen angegeben. Das Gewissen des Lebius sagte ihm, daß er von diesem Zeugen wohl nicht viel freundliches zu erwarten habe. Ja, es kam ihm sogar der Gedanke, daß ich von dieser Zeugenschaft schon im Café Bauer gewußt habe. Das erzürnte ihn. Er schickte seine Frau zu meiner Frau nach Radebeul, um mir zu drohen. Meine Frau wünschte diese Zusammenkunft in meinem Hause; aber darauf ging Frau Lebius nicht ein. Die beiden Frauen trafen sich im Restaurant unseres Bahnhofes. Dort wollte Frau Lebius uns im Auftrage ihres Mannes vorschreiben, was und wie ich als Zeuge auszusagen habe. Insonderheit sollte ich vor Gericht erklären, daß er jene drohende Postkarte vom 7. September in Dresden nicht geschrieben habe. Tue ich das nicht, so müsse er den alten Kampf gegen mich von Neuem beginnen. Meine Frau lehnte das ganz entschieden ab, denn wir waren jetzt mehr als je überzeugt, daß er der Verfasser sei. Seine Frau kehrte also unverrichteter Sache nach Berlin zurück.
Als Lebius diesen Versuch mißlungen sah, beschloß er, mich eidesunwürdig zu machen, und zwar durch eine Broschüre, die noch vor dem Termin, an dem ich als Zeuge aufzutreten hatte, herausgegeben werden mußte. Da aber diese Broschüre, wenn sie wirken sollte, derart abzufassen war, daß sie ganz unbedingt eine Bestrafung des Verfassers nach sich zog, die Lebius von sich abwenden wollte, so sah er sich nach einem Strohmanne um, der ihn und Karl May noch nicht kannte und unerfahren, vertrauensselig und bedürftig genug war, sich für einige Hundert Mark _völlig_ungeahnt_ in die ganz sicher zu erwartende _Gefängnisstrafe_stürzen_zu lassen._ Er fand ihn in einem gewissen Herrn F. W. Kahl aus Basel, zog ihn in sein Netz und umspann ihn derart mit Selbstvergötterungs- und Lügenfäden, daß der junge, völlig ehrliche Mann es fast für eine Ehre hielt, sich in den Dienst eines so bedeutenden, geistig, sozial und auch juristisch hervorragenden Mannes stellen zu dürfen.
Lebius ging, wie überhaupt und immer, auch hierbei außerordentlich schlau und raffiniert zu Werke. Er verschwieg anfänglich, daß es sich _nur_ um eine Broschüre gegen _mich_ handle. Er machte dem jungen Manne weis, daß er ein w i s s e n s ch a f t l i c h e s Werk über berühmte resp. berüchtigte Männer schreiben solle. Er nannte ihm die Namen derselben; darunter befand sich auch der meinige. Aber als Kahl sich an das Werk machte und täglich seine Instruktionen erhielt, lauteten diese so, daß nach und nach alle diese "Berühmten und Berüchtigten" verschwanden und nur Karl May allein übrig blieb. Aus dem "wissenschaftlichen" Werke aber sollte ein Pamphlet allerniedrigsten und allergefährlichsten Ranges werden. Kahl erkannte das von Tag zu Tag immer deutlicher. Er begann zu ahnen, daß er mit aller Liebenswürdigkeit in das Verderben geführt werden solle. Als er das Herrn Lebius zu verstehen gab, hielt dieser es für geraten, ihm den ganzen Zweck der Broschüre einzugestehen. Er gab folgendes zu:
| Lebius hat den Redakteur des "Vorwärts" | | wegen Beleidigung verklagt. |
| Der "Vorwärts" hat Karl May als Zeugen | | gegen Lebius angegeben. |
| Darum ist es für Lebius notwendig, Karl | | May kaput zu machen. |
| Um das zu erreichen, gibt er die hier in | | Arbeit liegende Broschüre heraus. |
| Der Termin, in dem Karl May als Zeuge | | verhört wird, findet anfangs April statt. |
| Darum muß die Broschüre ganz unbedingt | | bis zum 1. April fertig zum Versenden sein. |
| Wenn die Broschüre erst später fertig wird, | | hat sie keinen Zweck; dann braucht man sie | | überhaupt gar nicht erst zu schreiben. |
| Sie wird an die Zeitungen versandt, die | | darüber berichten. Das soll auf die Richter | | wirken. |
| Sie wird auch den Richtern direkt vorgelegt. | | Sobald dies geschieht, ist May als Zeuge kaput. |
Als der ehrliche, junge Mann das hörte, wurden seine Bedenken noch größer, als sie vorher gewesen waren. Als er diese äußerste und seiner Besorgnis, gerichtlich bestraft zu werden, Ausdruck gab, stellte Lebius ihm folgendes vor:
| Wir Schriftsteller stehen überhaupt und stets | | mit einem Fuße im Gefängnisse. |
| Bestraft zu sein ist für uns eine gute | | Reklame. Auch ich bin schon oft vorbestraft. |
| Sie brauchen sich vor dem Gericht gar nicht | | zu fürchten. Sie sind noch nicht vorbestraft, Sie | | dürfen schwören. May aber darf nicht schwören. |
| May steht unter Polizeiaufsicht. Es ist ihm | | verboten, in einer Stadt zu wohnen. Darum | | wohnt er in Radebeul. |
| I ch b i n e i n g r o ß e s, f o r e n s i s ch e s | | T a l e n t. W e n n i ch a n f a n g e z u s p r e ch e n, | | s i n d d i e R i ch t e r a l l e m e i n! |
| W e n n m a n i n e i n e m P r o z e s s e st e ck t | | u n d m a n s ch r e i b t e i n e s o l ch e B r o s ch ü r e, | | d a s w i r k t u n g e h e u e r b e i d e n R i ch t e r n! |
| Die Frau May hat mich mit Tränen in den | | Augen um Gnade für ihren Mann gebeten. |
| May muß durch die Broschüre totgemacht | | werden. Alles übrige ist Beiwerk, u m d e n | | w a h r e n Z w e ck z u v e r s ch l e i e r n! |