Mein kleiner Chinese: Ein China-Roman
Part 9
Am folgenden Tage erspähten meine Augen endlich den erwarteten schlichten Grenzobelisk, auf dem mit russischen Buchstaben »Europa -- Asia« stand und an dem wohl manch' ein armer Verbannter mit Schaudern vorbeigegangen. Hier mußte man Abschied nehmen von der Zivilisation, nun waren wir in Asien, dem gefürchteten Sibirien. Ach, auch ich hatte Europa jetzt hinter mir gelassen -- wie, wie würde ich Asien finden?
Li Bai kam gelaufen. »Mutter, Käthe, kommt, jetzt kommen die hängenden Brücken, die großen Schluchten!«
»Der Ural?« fragte ich lebhaft und war augenblicklich am Fenster, Mama gleichfalls.
»Es ist ja gleichgültig, wie der Berg heißt,« meinte Li Bai, »hübsch ist die Gegend.«
Ich vergab ihm gern seine Unwissenheit und Gleichgültigkeit, verriet er doch zum ersten Male, daß die Schönheit eines Gegenstandes (außer Kleidern) auf ihn wirkte. Es war auch großartig, was wir sahen. Vorüber ging die Fahrt an herrlichen Bergseen, in denen sich der Schnee der Berggipfel klar spiegelte, an Abhängen, über die Schwebebrücken führten, an Aushöhlungen vorbei, die majestätisch in ihrer Großartigkeit wirkten; Abgründe erblickten wir, die uns den Atem benahmen und in denen wir Gießbäche wild rauschen hörten; bald führte die Bahn durch einen künstlich gebildeten Unterbau dahin, bald bahnte sie sich den Weg durch einen endlosen Tunnel, immer wechselnd, immer Bewunderung erregend. Zwischen Zlatoust, »dem goldenen Mund«, und Urshumka erreicht sie endlich ihren Höhepunkt. Mächtige Kurven, wilde Wasserfälle und schroffe Felswände verleihen auch weiterhin der Strecke großen Reiz.
Jenny hatte einen großen Bewunderer gefunden, der ihr auf Tod und Leben den Hof machte und uns alle interessanten Punkte erklärte, nicht nur während wir sprachlos vor Staunen und Entzücken den Ural kreuzten, sondern auch später, als er uns auf die Aushöhlung des Dergatsch, ein wahres Meisterwerk, aufmerksam machte. Er belehrte uns, daß nur einundzwanzig Werst vom malerischen Orte Ssuleja, an dem wir wie der Wind vorbeisausten, das berühmte Bakalsche Grubenwerk liegt, welches überreich an Eisenerz -- vielleicht das reichste Sibiriens -- ist, und erzählte, daß in dem Museum von Zlatoust ein Nagel aufbewahrt werde, den Kaiser Alexander I. eigenhändig geschmiedet haben soll. Kurz, der Russe war ein sehr angenehmer Gesellschafter für Jenny und Mama. Ich durfte freilich nicht viel mit ihm sprechen, sonst sah Li Bai drein wie ein vierzehntägiges Regenwetter mit gelegentlichem Schauer und Donnerwetter.
Trotzdem der Russe gewiß nicht zehn Worte mit mir gewechselt und sein ganzes Herz -- so schien es wenigstens -- Jenny zu Füßen gelegt hatte, sah Li Bai ihn doch mit Vergnügen bei Tschelabinsk den Zug verlassen, um mit der Zweigbahn nach Jekaterinenburg zu fahren, wo er Geschäfte hatte. Es war der Vorabend meines Geburtstages, und als mir Ming Tse zum Abschied die Hand reichte, zog er mich plötzlich etwas von Mama und Jenny weg und flüsterte mir geheimnisvoll zu:
»Ich habe etwas sehr Hübsches für dich, Käthe, für morgen,« und er hielt einen Augenblick inne, »und morgen werde ich dich -- küssen!« Sprach's, drückte meine Hand noch einmal und verschwand in sein Schlafabteil.
Ein Europäer hätte wahrscheinlich gefunden, daß er der gewinnende Teil bei diesem Vorgang wäre, aber Li Bai sagte es mit dem Tone und der Miene eines Menschen, der sich vollauf bewußt ist, welche unendliche Großmut er dem Gegner zeigt und welch unschätzbare Gnade damit verliehen wird. Ich war unglaublich gespannt, wie er sich dabei ausnehmen werde und wie mich diese seine Zärtlichkeit berühren würde. Ich war sogar ängstlich, da ich gegen jedwede Berührung außergewöhnlich empfindlich bin und ich mich fürchtete, mir könnte ekeln. Allerdings war er so rein und nett, jung und bartlos, daß ich mich einigermaßen beruhigt fühlte, aber mit großer Spannung sah ich nichtsdestoweniger dem kommenden Tage entgegen.
Als daher Jenny früh an mein Abteil klopfte und mir eine hübsche Handarbeit als Geschenk überreichte, bat ich sie, mit Mama voraus in den Speisesaal zu gehen, da ich natürlich Ming Tse allein treffen wollte. Mama gab mir eine lange Goldkette, an die ich mein Firmungsgeschenk, eine Golduhr, hängte, und nachdem wir beide geweint hatten -- ganz wie's sich schickt, wenn man vierundzwanzig Lenze hinter sich hat --, blieb ich allein in meinem Abteil.
Etwa fünf Minuten später klopfte es verstohlen an die Pforte, und auf mein »Herein!« erschien zögernder als gewöhnlich mein kleiner Chinese auf der Schwelle.
»Möge sich dieser Tag noch oft wiederholen!« sagte er, indem er ein sehr schönes Kettchen mit einem Anhänger um meinen Hals legte, und dabei berührten seine Lippen fast unmerklich meine Wange, gerade als fürchtete der Besitzer dieser Lippen sie an mir zu verbrennen. Er war auch gewiß dreimal so verlegen wie ich, blickte mich gar nicht mehr an, und obschon ich ihm warm dankte, wandte er sich mir nicht wieder zu, sondern faßte mich energisch bei den Schultern und schob mich vor sich dem Speisewagen zu.
Als wir vor der Türe des Wagens standen, hielt der kleine Chinese einen Augenblick inne und fragte mich:
»Bist du zufrieden, Käthe, daß ich dich geküßt habe?«
Und ich, die ich mich der Hoffnung hingab, daß hier wie in allen Dingen Uebung den Meister machen würde, entgegnete lächelnd:
»Sehr zufrieden und sehr froh, Li Bai!«
Damit betraten wir den Speisewagen, der eben mit voller Fahrt durch das wichtige Gouvernement von Orenburg dahinbrauste und in dem am appetitlich gedeckten Frühstückstisch Mama und Jenny saßen und ein Butterbrot nach dem anderen in den inneren Kräftebehälter hinabspazieren ließen.
Am Nebentische saßen zwei hagere Engländer, aber Jennys Augen und Mamas Beredsamkeit (Mama spricht auch mit Leuten, deren Sprache sie nicht mächtig ist, und macht aus drei Worten ausländischer Wortkenntnis mehr, als ich aus einem reichen Wortschatz von vielen tausend Wörtern) hatten das ihrige getan -- man sprach herüber und hinüber, und die beiden Herren machten uns aufmerksam, daß wir eben an Mischkino vorbeifuhren, das die Waren von ganz Sibirien für die berühmte Irbitsche Messe erhält. Als wir später im Salonwagen saßen und an Kurgan vorbeisausten, wußten die Engländer zu erzählen, daß dieser Ort seinen Namen dem Umstande verdankt, daß in unmittelbarer Nähe der Stadt künstliche Erdaufschüttungen in Gestalt von Kurganen oder Hünengräbern liegen, die mit Wald und Gräben umgeben sind und um die sich viele Sagen spinnen, besonders um den einen, in welchem einst eine wunderschöne Königstochter gelegen haben soll und die, als die Tataren immer wieder ihren Grabhügel der unermeßlichen, darin vergrabenen Schätze willen plünderten, eines Nachts auf silbergeschmücktem Wagen, der von zwei milchweißen, feurigen Rossen gezogen wurde, aus dem Hügel herausfuhr und sich in den unergründlichen Tschuklomsee stürzte. Natürlich blickten wir alle interessiert auf die eigentümliche Stadt mit ihrer breiten, öden Hauptstraße, ihren kleinen, fast durchschnittlich ebenerdigen Häusern und den im Hintergrunde auftauchenden Hünengräbern. Ueberall lag schon Schnee, obschon wir kaum Mitte Oktober hatten, und die Aussicht auf all die öden Strecken vor uns bot wenig Fesselndes, bis wir auf der breiten Eisenbrücke den mächtigen Tobol überschritten, an dem so viele Nomadenstämme sich niederließen und der eine so wichtige Rolle für diese Leute spielte.
Ich fühlte eine Hand auf meinem Arm. Li Bai stand neben mir und sagte gelangweilt:
»Komm mit mir, Käthe, wir gehen durch den Zug.«
Kaum waren wir in Bewegung, als er mir sagte:
»Diese Fremden sind ganz überflüssig, sie sollen mit Mama und Jenny sprechen. Für dich haben sie kein Interesse, nicht wahr?« fragte er mich und kniff die Augen gewaltig zusammen.
»Gar kein Interesse, aber sie kennen die Gegend gut. Hörst du nicht gern alles über ein Land, das man durchfährt?«
»Ja -- a!« entgegnete er gedehnt. »Ist doch immer die alte Geschichte,« fügte er wegwerfend hinzu. Hierauf lehnte er sich ruhig zurück und erzählte mir allerlei Geschichten von China -- von Vampiren, die ihren Feinden in der Nacht das Blut aussaugen, während sie am Tage meist die Gestalt eines schönen Mädchens haben; von Räubern, die sich in ein reiches Haus einschlichen und die Tochter des Hauses überfielen, worauf sie verschwanden, aber ihren Namen -- oft einen sehr gefürchteten -- zurückließen; von Dämonen, die sich in die Häuser einschlichen und allerlei Unheil stifteten und Aehnliches. Er schien, obschon er unseren Aberglauben, unsere Märchen, ja selbst unseren Glauben verspottete und verlachte, von dem, was er erzählte, ganz durchdrungen zu sein. Daß er auch nicht ohne Aberglauben mit Bezug auf die alltäglichen Vorkommnisse war, zeigte sich am folgenden Tage.
Wir hatten Irkutsk passiert, wo wir den Zug endlich einmal verlassen und auf dem mit Buräten, Jakuten, Tungusen, Japanern, Chinesen und den gefürchteten Kosaken mit ihren feurigen Augen und ihren hohen Pelzmützen übervoll besetzten Bahnsteig auf und ab gehen konnten, und saßen gerade vor einigen russischen Nationalspeisen, als eine tote Fliege in der Suppe Li Bais sichtbar wurde. So etwas ist immer unangenehm und abscheuerregend -- wer zweifelt daran? -- aber mein Verlobter nahm es doch noch viel tragischer, als man dies erwarten konnte.
»Eine Fliege! Eine Fliege in der Suppe!« sagte er mit Grabesstimme. »Das bedeutet einen Todesfall in der Familie!«
All unsere Versicherungen, all unsere Bemühungen, ihm begreiflich zu machen, daß dies nur ein Aberglaube sei, war vergeblich, und für den Rest des Tages war Li Bai äußerst schlechter Laune und sehr niedergedrückt.
Der nächste Tag war etwas freundlicher. Es schneite nicht mehr, und Li Bai sah auch fröhlicher aus, obschon er ganz in Trauer gekleidet erschien -- selbst mit schwarzer Krawatte und matten Manschettenknöpfen.
»Was ist geschehen?« fragte Mama, die sogleich an die Fliegenprophezeiung dachte.
»Vor sieben Jahren starb mein Großvater an diesem Tage, und daher ist es notwendig, daß ich für heute Trauer anlege.«
Der chinesischen Sitte gemäß legt man an den Sterbetagen der Mutter und der männlichen Verwandten stets Trauer an (für die übrigen Frauen wird jedoch nicht Trauer getragen), selbst wenn schon über zwanzig Jahre seit dem Tode des Betreffenden verstrichen sind. Mama fand dies rührend, aber ich konnte nicht umhin zu denken, daß es doch unangenehm sein dürfte, falls man sehr viele Verwandte zu betrauern hat, da man in diesem Falle aus dem Trauertragen kaum herauskommen kann.
Endlich gelangten wir zum See Baikal, von den einheimischen Russen das »Heilige Meer« genannt, der einer der größten Süßwasserseen der Welt und entschieden der gewaltigste der Alten Welt ist. Die Chinesen nennen diesen See »Pei-ho« oder »Nordmeer«, die Mongolen geben ihm den Namen »Dalai-Nor«, was »Heiliges Meer« bedeutet, oder auch »Baikul« oder »gesegnetes Meer«. Die den See umgebenden Höhenzüge verleihen ihm einen besonders malerischen und großartigen Charakter. Die Randgebirge bilden verschiedene Gestalten, um die die lebhafte Phantasie der Eingeborenen viele Sagen gesponnen hat. Jede der zahlreichen Landzungen hat einen eigenen Namen und die Inseln werden von den lamaïtischen Priestern und auch von den burjatischen Schamanen als die Aufenthaltsorte des Gottes der Unterwelt Begdosi angesehen. Rund um den riesigen See gibt es eine Anzahl geweihter Stätten, an denen bald dem Gotte der Weisheit, bald dem Seegotte Dianda, bald anderen Göttern geopfert wird, damit diese Götter keine Menschenopfer verlangen sollen, wohl aber geneigt werden, den Fischern viele Fische an den Strand und in die Netze zu treiben. Die Farbe des Sees ist hell und die Fluten leuchten dem Beschauer auffallend durchsichtig entgegen. Als wir ihn passierten, war er schon teilweise zugefroren, im Juni und Juli aber soll an den sonst so stürmischen Gestaden eine so wunderbare Windstille herrschen, daß das Wachsen einer Anzahl merkwürdiger Wasserpflanzen sehr begünstigt wird und die die Fluten bald grünlich, bald rötlich erscheinen lassen, weshalb man diese Zeit »die Blütezeit des Baikals« nennt.
Li Bai war schon in höchster Aufregung, denn wir näherten uns der chinesischen Grenze. Nur noch wenige Tage und ich hatte meine neue Heimat erreicht. Jenny war sehr gespannt auf die neuen Eindrücke und Mama sah dem himmlischen Reiche mit einigem Mißtrauen entgegen. Ich glaube, sie wäre am liebsten gleich wieder zurückgefahren.
Seit jenem Kusse an meinem Geburtstage, der mich mehr an die Liebkosung einer Freundin als an den ersten Kuß eines Verlobten erinnerte, waren wir in unser früheres freundschaftliches Verhältnis zurückgefallen, und ich fragte mich, ob er auch als Gatte so fremd und kalt bleiben würde.
Kosenamen gebrauchte er nie, und nur das englische »=dear=«, was seiner Kürze wegen sehr gut einen Namen ersetzen konnte, schlich sich in unsere Rede ein. Er war sehr höflich, erriet unsere Wünsche bezüglich allgemeiner Bequemlichkeiten, machte Jenny einen zuvorkommenden Schwager und Mama einen höflichen aber unverständlichen Schwiegersohn, der zu allem »ja« sagte und alles »nein« tat, was ein gewisses diplomatisches Talent verriet. Die Abwechslung der Reise hatte wohltuend auf mein aus dem Gleichgewicht gebrachtes Gemüt und auf meine erschütterten Nerven gewirkt, und ich war infolgedessen heiterer geworden, wozu die komischen, oft treffenden Bemerkungen meines kleinen Chinesen sehr beitrugen. Eigentlich sagte mir Jenny oft, daß ich kein Recht hätte, ihn »den kleinen Chinesen« zu nennen, da ich nicht um ein Haar größer und schwerlich mehr wie zwei Zentimeter breiter als er war. Aber er erschien mir nicht nur körperlich, sondern auch seelisch -- weniger klein, als vielmehr jung -- und doch war er es nicht, wie ich mich später überzeugte. Ich konnte deshalb nicht umhin, ihn immer als »meinen kleinen Chinesen« zu betrachten, wie wenig Recht mir meine eigene Größe oder der Mangel einer solchen auch dazu gaben. Daß er so klein war, so zart aussah, war mir ein Trost!
Früh am folgenden Morgen kamen wir zum Dorfe Nagodan -- der chinesischen Grenze. Die Kosaken verschwanden und eine Anzahl Chinesen mit kaftanähnlichen Kleidern und großen, in der Mitte spitz zulaufenden Hüten nahmen ihre Plätze ein. Hier war Zollinspektion, und ein verzweiflungsvolles Anklammern an sein Hab und Gut. Li Bai hatte uns gewarnt, die Träger auch nur einen einzigen Augenblick aus den Augen zu verlieren, da sie gleich mit den Koffern auf Nimmerwiederkehr verschwinden würden. Li Bai sprach, erklärte, schimpfte und bewachte, und es gelang uns mit vereinten Kräften einen Diebstahl zu verhindern, obschon es keine Kleinigkeit war, allen den zudringlichen, schmutzigen Chinesen zu wehren, die um jeden Preis ihre gelben Pfoten in die Tiefen unserer Koffer stecken wollten, und die mit affenartiger Geschwindigkeit bald einen Gegenstand, bald den andern ergriffen, um ihn in die weichen Falten ihres wallenden Gewandes verschwinden zu machen. Dazu schrien sie ununterbrochen und gestikulierten mit Händen und Füßen, daß mir ganz schwindlig im Kopf wurde und ich froh war, als die schreckliche Inspektion vorüber und wir wieder im Zuge waren.
Hier begann die chinesische Küche. Wir speisten zum erstenmal auf chinesische Art und Weise in Mukden, wo man uns zuerst grünen Tee ohne Zucker oder Milch in den kleinen, mit allerlei Zeichen und chinesischen Figuren überstreuten, henkellosen Tassen servierte. Ihm folgte eine Riesenschüssel Reis, der blendend weiß und ganz trocken war -- er ersetzt in China unser Brot --, und kleingeschnittenes Fleisch mit einer Art Seegras, das mir gut schmeckte und mich unterhielt, da es beim Essen ein Heidengeräusch machte. Man hätte glauben können, daß ich zum mindesten die allerstärksten Hühnerknochen mit einem wahren Löwengebiß zerdrückte, so riesig war der Lärm, den die Zerkleinerung dieses Gemüses hervorrief. Wir mußten uns zum erstenmal der chinesischen Eßstäbchen bedienen. Das war eine schwere Aufgabe. Li Bai hielt die feinen Stäbchen geschickt zwischen Zeige- und Mittelfinger und fischte aus dem Schälchen (denn wir aßen nicht von Tellern) sehr gewandt die Fleischstückchen, die er in die kleine Saucenschüssel, die bei jedem Besteck lag, tauchte und zum Munde führte. Mama, Jenny und ich aber, wir waren verloren. Li Bai warf in jede unserer Schalen mit dem entgegengesetzten Ende seiner Stäbchen alle erhaschbaren Leckerbissen, aber umsonst. Wenn wir sie endlich aufgefaßt hatten, ließ gewiß eine unvorsichtige Handbewegung die mühsam aufgeladene Beute ins Wanken kommen und manchmal flog sie mit der Sicherheit eines wohlgezielten Pfeils in das Gesicht oder auf die Bluse eines Mitspeisenden, und als endlich ein reichlich in die pikante schwarze Sauce getauchtes Stück Huhn auf diese ungewollte Weise Li Bai »platsch« gegen die tadellose Krawatte geflogen war, warf er einen Blick gegen den Himmel, als ob er die unsichtbaren Mächte einladen wollte, solche Ungeschicklichkeit näher in Augenschein zu nehmen, schüttelte das Haupt, als ob so etwas noch nie vorgekommen wäre, und öffnete dann seinen Koffer, dem er schweigend drei Löffel entnahm, die er uns mit unbeschreiblichen Gesichtsausdruck überreichte. Dann knüpfte er sich eine frische Krawatte um und setzte seine Mahlzeit fort, durchdrungen von dem erhebenden Bewußtsein, daß er unserer Schießlust Einhalt geboten hatte, indem er uns die gefährlichen Stäbchen gegen Löffel ausgetauscht. Den Schluß der merkwürdigen Mahlzeit bildete ein Litschikompott, das ausgezeichnet schmeckte. Die Früchte erinnern an unsere Pfirsiche, nur sind sie glatthäutig und viel kleiner. Der Geschmack ist sehr fein und die Frucht erquickt ganz unbeschreiblich. Tschau-tschau dagegen war mir zu süß, -- er war noch süßer als unsere kandierten Früchte, übermäßig verzuckert und klebrig.
Wir stiegen spät am Abend in Peking aus. Li Bai führte uns in das europäische Hotel unweit der deutschen Gesandtschaft und nahm dann Abschied von uns. Wir sollten noch zwei Tage in der Hauptstadt Chinas bleiben, er aber fuhr voraus nach Tientsin, um seine Eltern zu begrüßen und den chinesischen Zauberer noch einmal zu befragen, wann der günstigste Trauungstag für uns sein würde. Daher nahm er auch alle meine Geburtsdaten mit, denn nach chinesischem Glauben spielt das Horoskop eines Menschen eine sehr wichtige Rolle. Viele Chinesen, die lange in Europa gewesen sind, haben mit diesem Humbug lange gebrochen, aber Li Bai war in seinem ganzen Wesen Chinese -- unveränderlich Chinese -- und ich viel zu nachsichtig in meinem Denken, als daß ich mich diesen seinen Wünschen irgendwie widersetzt hätte. Er konnte soviel es ihm beliebte an chinesischen Sitten und Gebräuchen festhalten, wenn er mich nur recht liebhaben wollte und mich stets höflich und gut behandelte.
Als wir uns zum Abschied die Hand reichten, flüsterte ich ihm zu:
»Li Bai, ich fürchte mich ein wenig vor deinem Vater!«
»Unsinn!« entgegnete er. »Mein Vater wird dir nicht den Kopf abreißen, er hat Europäerinnen gern und ist froh, daß du so viele Sprachen sprichst.«
Diese Versicherung beruhigte mich ein wenig, doch nicht ganz. Wie würde ich mich je in diese Verhältnisse finden? Ein heißes, drückendes Angstgefühl stieg bei diesem Gedanken in mir auf, aber mit Aufgebot meiner ganzen Willenskraft drängte ich es zurück. Warum jetzt zittern, wo alles entschieden ist? Alle Menschen sind gleich, und gewiß kann es viele gute Menschen unter gelbem Aeußern geben, ebenso viele vielleicht als unter weißem oder braunem.
Ich hatte einem alten Herrn geschrieben, den ich einmal in Paris kennengelernt hatte und der nun, wie ich wußte, schon seit vielen Jahren zwischen Europa und Asien hin und her reiste, seinen eigentlichen Stammsitz geschäftshalber jedoch in Peking hatte. Früh am folgenden Morgen kam Herr Frise, um uns die Stadt mit allen ihren Sehenswürdigkeiten zu zeigen.
Er geleitete uns zuerst in die echt chinesische Stadt, wo wir in alte Porzellanfabriken und Geschäfte gingen, wo wir die herrlichen Schüsseln, Kannen, Vasen und Tassen bewundern konnten, die alle als Merkzeichen ihrer chinesischen Erzeugung den Drachen aufwiesen. Die Chinesen lieben es, solche echte Vasen oder Schüsseln zu sammeln und als Familiengut aufzubewahren, denn dieses Porzellan bedeutet ein ganzes Vermögen, etwa wie unsere Bücher vor der Erfindung der Buchdruckerkunst.
Die Straßen von »Shung-tien-fu«, oder wie die Chinesen die Stadt noch öfter nennen, nämlich »Peh-Djing«, d. h. nördliche Hauptstadt, sind entsetzlich. Sie sind weder geschottert noch gepflastert und der durch viele Hunderte von Jahren unablässig über sie hinwegrollende Verkehr hat den schrecklichen Sandboden in einen Hohlweg verwandelt, in dem man im Sommer vor Staub fast ersticken soll und in welchem man jetzt zur Winterszeit im Kot fast stecken blieb. Die kleinen echt chinesischen Wagen, die nach Aussage unseres Begleiters heute noch ebenso wie vor vielen hundert Jahren aussahen und die dem alten Weisen Konfuzius gewiß nicht um ein Haar verändert erscheinen würden, falls er plötzlich auferstehen und in den Gassen auf und ab gehen würde, halten sich noch heutzutage streng an die Achsenlänge, die wahrscheinlich unter Lao Tse in Kraft getreten war. Die Beförderung in einem solchen Vehikel läßt Herz, Lunge und Leber dergestalt gegeneinander fliegen, daß nur ein Orientale mit seiner Unempfindlichkeit gegen physische und moralische Schmerzen so eine Fahrt auf die Dauer aushalten kann. Daher tritt die japanische Jinriksha immer mehr in Kraft, aber auch da gehört eine gewisse Geschicklichkeit dazu, in diesen zweirädrigen Wägelchen nicht das Gleichgewicht zu verlieren und unsanft in den Straßenschlamm geschleudert zu werden. Trotzdem wird dieses fremdartige Verkehrsmittel besonders in Shanghai und Hongkong sehr viel verwendet.
Die reichen Chinesinnen wanken nicht auf ihren verkrüppelten Füßen (was Gott sei Lob ein Ende nimmt) durch die elenden Gassen, sondern werden in Sänften getragen, und nur die armen Chinesinnen müssen versuchen, ihr Gleichgewicht zu erhalten. Wie man uns sagte, soll der liebende Gatte seine Frau nie auf den Mund, sondern immer nur auf diese »goldenen Lilien« küssen, die aber nie ganz bloßgelassen werden, da der Fuß nur eine formlose, abstoßende Masse ist.
Von allen Häusern und besonders den Auslagefenstern hingen allerlei bunte Papierstreifen mit chinesischen Zeichen versehen herab, überall sah man heftig sprechende Chinesen in eifrigem Handel begriffen. Trafen sich zwei Bekannte, so reichten sie sich nie die Hand. Es schüttelte nur jeder seine eigene Hand und legte, wenn er besonders liebenswürdig sein wollte, beide Hände gekreuzt über die Brust, in dem er den Körper leicht nach vorn beugte.
Wir gingen auch zum Gesandten, um alle Einzelheiten der Eheschließung zu bestimmen, und ich muß sagen, daß der alte Herr sehr liebenswürdig war und nichts unversucht ließ, um eine Verbindung zu vereiteln. Wäre meine Existenz nicht so traurig gewesen, so hätte ich möglicherweise seinen Vorstellungen nachgegeben. So aber war ich bereit, mich in die unbekannten Gefahren zu stürzen, in der Hoffnung, dort der Einsamkeit zu entgehen, in der trügerischen Voraussetzung wohl auch, daß es mir gelingen werde, die Liebe meines Gatten zu erringen oder seine chinesischen Gefühle für mich in irgendeine europäische Münze gleich hohen Wertes zu verwandeln. Noch zweifelte ich nicht ernstlich daran, daß mein unausgesetzter Einfluß günstige Folgen haben und mir den endlichen Sieg sichern würde. Er mußte doch wie andere Leute eine Seele haben -- die Frage war nur, wie konnte ich die Perlen, die am Grunde seines Seins schlummerten, auf die Oberfläche fördern. Mama, die über die Warnungen des Gesandten nicht entzückt war, fürchtete sich ihrerseits viel zu sehr vor dem Gerede der Leute, als daß sie gewünscht hätte, mich vor der Ehe zu retten, und nur Jenny schlang weinend ihre Arme um meinen Hals und sagte, daß sie selber nie einen Chinesen heiraten könnte, auch nicht, wenn er so höflich wie Li Bai wäre, und damit war die Angelegenheit erledigt.