Mein kleiner Chinese: Ein China-Roman
Part 6
»-- und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt!« Eigentlich schien mir dieser Teil noch besser zu gefallen, wenigstens legte er den größten Nachdruck auf »so brauch ich Gewalt«. Ich muß ihm unrecht getan haben, sagte ich mir. Er hat Gefühl und Verständnis für Kunstgenüsse, er hat möglicherweise sogar eine Seele (was ich bis dahin sehr angezweifelt hatte) und ist besseren, erhabeneren Regungen zugänglich, nur hat niemand es verstanden, sie in ihm zu entwickeln.
Während ich mich diesen Betrachtungen hingab, hatte Ming Tse das Gedicht fertig gelesen und niedergelegt. Der eine Arm lag auf der grünen Tischdecke, der andere lag regungslos auf seinen zaundürren Beinchen. Die Sonne war im Sinken begriffen, und die ersten Schatten der Dämmerung erfüllten den Raum, ohne jedoch das Anzünden der Lampe nötig zu machen. Seine ruhigen, immer gleichen Gesichtszüge verrieten nichts von dem, was in ihm vorgehen mochte, nur die wimperlosen Lider waren tief gesenkt -- die Augen schienen geschlossen. Durch das offene Fenster drang fernes Klavierspiel undeutlich herein, und in der kurzen Pause konnte man das Summen einer ins Zimmer verirrten Biene hören.
Die Augen öffneten sich nicht, aber das Gesicht wurde mir zugewendet, als er die Frage an mich richtete:
»Wollen Sie meine Frau werden?«
Wenn der Mond vom Himmel herab und zum offenen Fenster hereingestiegen wäre, hätte ich nicht erstaunter sein können. Ich habe doch schon öfter selbst Heiratsanträge gehabt, habe den Verlobungen anderer beigewohnt (gewiß ein seltener Fall), hatte manch ein Paar Liebende zusammengebracht, aber so etwas wie diese unvermittelte Frage über den Tisch herüber von dem kleinen Chinesen -- das überstieg selbst meinen doch gewiß ungewöhnlich ausgedehnten Horizont.
»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt, und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt,« sagte Ming Tse mit jener unerschütterlichen Ruhe, die nur ein Asiate haben kann. Die Worte an und für sich waren freundlich gemeint, der Ton hätte in seiner Leidenschaftslosigkeit ebensogut »ich hasse dich« ausdrücken können.
»Würden Sie mit einer Europäerin glücklich werden können, und würde Ihr Vater einen solchen Schritt Ihrerseits je billigen?« fragte ich, als ich den Gebrauch meiner Sprachwerkzeuge zurückerlangt hatte.
»Mein Vater hat Europäer gern, und er weiß, daß ich mit Ihnen stets weiterstudieren könnte. Was mich anbetrifft, so sind Sie die einzige Person, die ich in Europa gern habe, und in China habe ich nur noch eine Person lieb -- meine Mutter!« sagte er ruhig.
Ich hätte um alles in der Welt gern seine Augen gesehen. Wenn man über seine ganze Zukunft entscheidet, wenn man sein Leben, sein Glück, seine Freiheit in die Hand eines Mannes legt, so möchte man gern irgendwelche moralische Ueberzeugung haben, daß er diese Schätze, unser Um und Auf, zu hüten wissen wird; aber die schwarzen Augen des Chinesen waren verdeckt von den Lidern, die wie aus Elfenbein geschnittenen Züge verrieten nichts von seinen Gefühlen oder Absichten, und er kam mir nicht näher. Er saß mir gegenüber und -- wartete.
Sollte ich »nein« sagen? Allerdings entging ich damit neuen moralischen Konflikten, möglicherweise wies ich damit kommendes Unheil ab, aber andrerseits, warum sollte ich nicht »ja« sagen? Meine Lage war nicht wie die anderer Mädchen. Einen Europäer hätte ich nicht heiraten mögen, weil er mich zu sehr an -- an ihn, den Verlorenen, erinnert hätte, aber warum nicht einen Orientalen? Verschieden genug waren sie, um ein Erinnern auszuschließen.
Und was begann ich, wenn ich »nein« sagte? Ich wollte ja morgen sterben. War es nicht wie eine Fügung des Himmels, daß mich der kleine Chinese gerade heute fragte, ob ich seine Frau werden wollte? Der Tod lief mir nicht davon. Entweder war meine Zukunft heller, und da konnte ich weiterleben, oder sie war ebenso dunkel oder noch dunkler (ich schauerte unwillkürlich zusammen), und da konnte ich sterben. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, und unterdessen konnte ich versuchen, die schlummernde Seele in diesem kleinen Chinesen zu wecken. Er war ein Jahr jünger, wir waren gleich groß und im Wissen war er mir weit unterlegen. Ich würde ein gewisses Uebergewicht haben. Da ich nichts zu verlieren hatte, konnte ich nur gewinnen.
Ming Tses Augen oder die Ecken seiner Augen blieben die ganze Zeit auf mich geheftet. »Ja oder nein?« fragte er endlich.
»Ja!«
»Ich bin sehr froh,« sagte er einfach. »Ich freue mich auf die Zeit, wo wir immer beisammen sein werden.«
Er hatte gleich mir oft und bitter unter der Einsamkeit gelitten, es würde dies ein Band mehr zwischen uns sein.
Wir lächelten uns zu -- das war alles. Zum erstenmal schien es mir, als ob die europäische Sitte sich bei einer Verlobung zu küssen, unleugbar seine Vorteile habe. Gerade in jenen Augenblicken fühlte ich, daß es angenehm sein müßte, sich, und wäre es auch nur einige Sekunden lang, an eine anteilnehmende Brust zu lehnen, war ich doch wie ein vom Sturm mitgenommenes und beinahe gestrandetes Schiff eben in einen Hafen eingelaufen -- aber der Hafen, das fühlte ich leider gleichzeitig, war eben ein chinesischer.
Wir sprachen nur über alltägliche Dinge, nur als ich mich erhob, um wegzugehen, sagte er:
»Jetzt mußt du mich »Du« und »Li Bai« nennen, Käthe!«
»Sehr gerne!« erwiderte ich. Er begleitete mich zur Elektrischen, reichte mir gerade so einfach die Hand zum Abschied wie immer und fügte nur hinzu:
»Jetzt sind wir Freunde, nicht wahr?«, was ich bejahte. Ein letzter Gruß von der kleinen braunen Hand, in die ich alles gelegt hatte, was einem Mädchen teuer sein kann, und die Elektrische trug mich um die Ecke, während ich das Gefühl hatte, als halte mich irgendein böser Geist bei den Füßen und ließe mich gewaltsam kopfstehen, wodurch ich alles, was früher gerade war, verkehrt sehen mußte. Mich deuchte, als hätte sich mein Gesichtspunkt vollständig verändert, als hätte ich den Splitter eines Zauberspiegels ins Auge bekommen, der mich alles verzerrt und ganz anders als vorher erblicken ließ. Er hatte nicht einmal die Hand auf meinen Arm gelegt -- er war in der Entfernung von einem Meter den ganzen Abend, auch auf dem Heimwege, geblieben. Wenn ich Verschiedenheit von Europäern wünschte, hier hatte ich eine genügende Menge davon.
Und auf diese Weise war ich die Braut von Li Bai Ming Tse geworden.
=Toujours Mars ne met pas au jour Des sujets de sang et de larmes, Mais toujours l'empire d'amour Est plain de troubles et d'alarmes.=
X.
Sechs Wochen waren seit jenem ereignisvollen Abende ins Land gegangen, und dennoch glaube ich nicht, daß Li Bai und ich uns geistig genähert hatten in dieser Zeit. Er hörte aufmerksam zu, wenn ich ihm von allerlei Kunstwerken erzählte, er sammelte mit sichtlichem Vergnügen die Karten, Bilder aus der Mythologie vorstellend, und war nicht abgeneigt, die Sagen zu erfahren, aber weiteres Interesse erweckten sie nicht bei ihm. Wir lasen Werke zusammen, -- er ohne Anteilnahme. Wir nahmen die englische Literaturgeschichte durch, und manche Perlen wurden ausgegraben, aber an ihn waren sie verschwendet. Er liebte nur ganz einfache Sachen der Wirklichkeit, am allermeisten als Hausfrau herumzuschalten, alles aufzustellen, zu putzen, zu schmücken. Er konnte stundenlang bei dem einen Indier sitzen und ihm zusehen, wie er ein Skelett zusammensetzte, räumte für ihn die Bücher auf und flickte jeden Sonntag nachmittag seine Sachen, bevor er zur Gesandtschaft ging, wo er den Abend verbrachte. Hatte ich gehofft, weniger einsam zu sein, wenn ich mit ihm verlobt war, so mußte ich mir eher das Gegenteil eingestehen. Ich kam mir eben durch den Kontrast noch verlassener, noch einsamer vor, tröstete mich indessen mit dem Gedanken, daß ich noch genug von seiner Gesellschaft haben würde, sobald wir verheiratet waren.
An Ueberraschungen fehlte es nie, denn wenn ich schon nicht über meine Verwunderung, daß irgendein Mann ein Recht haben sollte, ein Mädel zu küssen und es nicht tun würde, hinwegkam, so hatte ich Grund, mich über andere Sachen noch mehr zu wundern.
Es war etwa eine Woche nach unserer Verlobung, als er mich bat, meine Hand flach auf den Tisch zu legen, da er Messungen vornehmen wollte. Ich tat wie er mir geheißen, und er maß und maß eine halbe Ewigkeit an meinem Daumen herum, machte dann Zeichnungen auf ein Papier und schnitt endlich einen Kreis aus, über dessen Anblick er sehr vergnügt schien.
»Himmel, Li Bai,« rief ich lachend, »wollen Sie mir Daumenschrauben machen lassen?«
»Willst _du_,« korrigierte er.
»Verzeih' mir! Also sollen es Daumenschrauben werden?«
»Herr Hoang-Zo hat mir ein Pfund für dieses mein Wissen bezahlt,« versicherte mir mein kleiner Chinese.
Aufrichtig gesagt, hätte ich für sein Gesamtwissen nicht den übertriebenen Preis von 20 Mark bezahlt -- das erschien mir für den Vorrat der reinste Wucherpreis --, aber vielleicht kannte ich wirklich nicht das mager assortierte Warenlager seines Wissens in seinem ganzen Umfang.
»Willst du mir nicht sagen, warum du herumgemessen hast?« fragte ich, mehr aus Wissensdurst als aus profaner Neugierde.
Er lachte, daß er sich schüttelte, und schien mit sich über alle Maßen zufrieden.
»Ich werde es dir sagen, wenn wir verheiratet sind,« tröstete er mich und begann an meiner Nase herumzumessen. Mein Gesichtsvorsprung war immer mein wunder Punkt, da feindliche Zungen ihn mit einer Kartoffel in einem Mißjahr verglichen hatten und ich mit bestem Willen von meiner Nase nicht behaupten konnte -- ohne mich der haarsträubendsten Lüge schuldig zu machen --, daß sie hübsch sei. Ich wehrte mich daher sehr energisch, an ihr geometrische Studien anstellen zu lassen, was Li Bai aber keineswegs abhielt, in seinen Messungen fortzufahren. Nachdem sie scheinbar beendet waren, durfte ich den vorgesetzten Tee in Ruhe trinken.
Nicht vierzehn Tage nachher verreiste er auf zwei Wochen in ein Bad in Wales, wohin entfernte Bekannte ihn geladen hatten. Die Trennung schien ihm nicht nahezugehen und der Gedanke ihm nie zu kommen, daß ich mich einsam fühlen könnte.
Er hatte oft zu schreiben versprochen und hatte -- zwei Karten geschickt. Ich war grenzenlos entmutigt, doch noch so schwach von den vorhergegangenen seelischen und körperlichen Leiden, daß mir die Kraft und der Mut fehlte, energisch vorzugehen, ihm den Laufpaß zu geben und auf eigenen Füßen zu stehen. Ich wußte, daß ich nicht fähig war, jetzt eine Veränderung zu ertragen. Ich tat daher das einzige, was ich unter diesen Umständen tun konnte: ich litt schweigend.
Ganz an komischen Episoden fehlte es indessen nicht. Kurz nach seiner Rückkehr von Wales flog er eines Abends auf mich zu (dieses geradezu kindliche Entgegenfliegen ließ mich manches übersehen und vergessen) und rief:
»Denke dir! Man schneidet Hian-Sho-Dschin den Kopf ab!« Seine Stimme klang entschieden triumphierend, denn da Hian-Sho-Dschin aus dem Süden, Ming Tse aus dem Norden Chinas kam, war sowohl ihre Sprache (oder doch der Dialekt) als auch ihre Anschauungen und Charaktere sehr verschieden, und Ming Tse sah immer mit Verachtung auf seinen mondscheibenbesichteten Landsmann, obschon letzterer ihn um Kopfeslänge überragte.
Mir fehlten die Worte. »Den Kopf abschneiden?« Es tat mir plötzlich ungeheuer leid um das Mondscheibengesicht und den stotternden jungen Seekadetten.
»Doch nicht hier, du lieber Himmel?« rief ich entsetzt.
»Ja, -- nein,« erwiderte Li Bai. »Der Vater war Revolutionär, und ihm schneidet man dieser Tage in China den Kopf ab, und sobald Hian-Sho-Dschin nach China kommt, schneidet man ihm auch den Kopf ab,« erzählte mir Li Bai mit Frohlocken.
»Der arme junge Mensch!« sagte ich mitleidig. Er war mir allerdings alle Stunden, die ich ihm gegeben hatte, schuldig geblieben, aber deshalb wollte ich doch um keinen Preis daran denken, daß es angenehm sei, ihm den Kopf abzuschneiden.
»Er darf nie in sein Land zurückkehren,« meinte ich.
»Macht nichts, wir haben genug Schafe dort,« entgegnete Ming Tse. Nicht ein Funken Mitgefühl zeigte sich für den unglücklichen Landsmann.
»Wie hartherzig du bist, Li Bai!« sagte ich vorwurfsvoll.
»Warum sollte ich heucheln?« fragte er ganz verwundert. »Es tut mir nicht leid um ihn, warum soll ich es daher sagen? Hier in Europa tritt man jemand auf den Fuß, sagt ›es tut mir so leid‹ und lacht dabei trotzdem ganz vergnügt. Wir sagen nicht ›so leid‹, wenn wir nichts fühlen.«
Das war gewiß sehr wahr, ich war schon oft jemand auf die Zehen getreten, ganz besonders im Omnibus, und hatte vielleicht sogar manch ein Hühnerauge fest gequetscht, ohne daß mein Herz besonders »sorry« gewesen war, obschon meine Lippen mechanisch sofort »sorry« geflüstert hatten, aber dennoch -- trotz alledem --? Chinesen sind Chinesen, dachte ich mir, und damit war alles gesagt.
Als Traum eines jungen Mädchens hätte ein solches Verhältnis nur Enttäuschungen mit sich geführt, denn obschon er mir oft Blumen, Obst und selbst Schmuckstücke gab, so zeigte er doch nie Zärtlichkeit. Auch auf die Liebe kam er nicht mehr zurück. Wozu denn? Er hatte es mir ja einmal gesagt und es war zu hoffen, daß ich nicht an Gedächtnisschwund litt, warum daher zweimal ein und dieselbe Sache erwähnen?
Andrerseits hatte es den Vorteil, daß mir alle unangenehmen und oft lächerlichen Fragen, die ein Europäer an mich gestellt hätte, erspart blieben, wie z. B. ob ich schon früher geliebt habe. Es gehört wirklich der grenzenlose Dünkel und die Verblendung eines eitlen Mannes dazu, sich vorzustellen, daß man dreiundzwanzig Jahre gerade auf ihn gewartet habe, um mit dem Verlieben anzufangen. Selbst wenn man bis zu diesem Alter »den einzigen und richtigen Mann« nicht gefunden hätte, würde man ihm doch nicht jene vertrauensselige Zuneigung entgegenbringen können, wie fünf Jahre vorher. Man kennt da schon das Leben, hat Männer in ihrem Umgange mit anderen Frauen beobachtet und hat bemerkt, daß die Götter, zu denen man einst mit so viel Bewunderung und mit vollster Ueberzeugung ihrer Unfehlbarkeit aufgesehen hat, nur Gipsfüße, wenn nicht gar -- Hufe haben! Man liebt noch, aber eher vergebend, als bewundernd, blind vertrauend jedenfalls nicht mehr.
Ein Europäer versucht bei seiner künftigen Frau nicht nur das Herz mikroskopisch zu untersuchen -- er trachtet auch so viel als möglich von dem Seelenleben seiner kommenden Lebensgefährtin kennenzulernen. Ming Tse war sich, das glaube ich heute noch, nicht bewußt, daß ich so ein Ding wie ein tieferes Seelenleben hatte. Er wußte, daß ich viel gelernt hatte, was gewiß irgendwo im Kopfe herumschwamm, -- das war alles. Die Schönheit der Natur machte keinen Eindruck auf ihn, ebensowenig Musik oder Poesie, daher verstand er nicht, daß sie andere Leute entzücken konnten. Alles Abstrakte war in seinen Augen »Unsinn«, deshalb konnte ich in die Welt meiner Träume flüchten, ohne je zu fürchten, daß er mir dorthin folgen würde, um neugierig zu forschen. Ich ließ über mein Inneres, mein tiefstes ›Ich‹, einfach einen Vorhang niederrauschen und was vor dem lag, das gehörte dem Chinesen. Die nie geahnten Schätze würde er nicht entbehren.
Auch die dritte Untugend der Europäer -- die ärgste meiner Ansicht nach -- hatte er nicht. Er versuchte nie an mir herumzumodeln. Während ich seine Lehrerin war, hatte er nach jeder Stunde seine Beobachtungen über meine Persönlichkeit eingetragen, und das endlich sich ergebende Resultat war entschieden zufriedenstellend, nachdem er mich heiraten wollte. Jetzt kannte er mich -- wenigstens seiner Meinung nach -- und ein weiteres Forschen wäre Kraft- und Zeitvergeudung gewesen. Wozu verändern, was jedenfalls nur schwer zu ändern wäre? Er ließ mich so verbleiben, nahm mich so, wie ich war, und versuchte nie mich umzugestalten. Meinem europäischen Temperament getreu, hätte ich zwar gern auf ihn verändernd eingewirkt, sah indessen einerseits die Hoffnungslosigkeit eines solchen Unternehmens, andrerseits die Ungerechtigkeit einer solchen Handlung angesichts seiner Nachsicht gegen meine Schwächen ein und ließ es bleiben. Ich wollte lieber alles aufbieten, mich ihm anzupassen, als zu verlangen, daß er sich so vollständig europäisieren sollte.
Endlich kam die Antwort seines Vaters. Er hatte eingesehen, daß sein Sohn zu keiner Prüfung kam und war nicht abgeneigt, ihn heimkommen zu lassen. Er widersetzte sich auch nicht einer Heirat mit einer Europäerin, die ihn früher unterrichtet hatte und die imstande sein würde, diesen Unterricht auch in China fortzusetzen. Ferner würde es ihm auf diese Weise leichter sein, den Sohn später noch einmal nach Europa zu schicken, da er gewiß die europäische Gattin auf seiner Seite haben würde, -- kurz, der Mandarin gab seine Zustimmung mit der einzigen Bitte, daß die Heirat, die ohnehin nach den Gesetzen in China stattfinden mußte, nicht nur auf europäische, sondern auch auf chinesische Art und Weise gefeiert werden solle. Mama sollte mich begleiten und die Trauung ehemöglichst geschlossen werden.
Seine Mutter schien dagegen sehr gegen eine solche Heirat zu sein, da jedoch der Wunsch des Mandarins auch sie zwang, leistete sie keinen offenen Widerstand. Ich hatte dies allerdings genau so erwartet, fürchtete nun aber nichtsdestoweniger die kommenden Feindseligkeiten zwischen mir und der künftigen gelben Schwiegermutter.
Ming Tse war selig, nach China zurückkehren zu dürfen. Er ging den ganzen Tag umher, um die nötigen Einkäufe zu machen, packte seine Riesenschachteln, Kisten und Koffer mit unheimlicher Genauigkeit und so schön, daß nicht ein Kleidungsstück gedrückt, nicht eine unnötige Falte gemacht wurde. Die Bücher, deren Bekanntschaft er nur äußerlich gemacht hatte, wurden gleichfalls wie die Soldaten eingepackt und standen in den Kisten ebenso schön »Habt Acht!« wie sie es früher am Kaminsims und auf dem Tische getan hatten.
Oft besuchten ihn seine Landsleute, und da entstand ein so heilloser Lärm (sie sprachen alle in ihrer Muttersprache und gestikulierten mit Händen und Füßen), daß man sein eigenes Wort nicht hören konnte, dazu verdrehten sie die Augen, als ob sie vom Veitstanz besessen wären. Neben mir saß oft ein junger Seekadett -- ein Freund Hian-Sho-Dschins -- und ihn fragte ich eines Tages, warum sich die Chinesen eigentlich immer zankten, wenn sie zusammenkamen.
»Sie zanken nicht, Fräulein,« antwortete er mir mit seiner weichen, wohltuenden Stimme, »sie tauschen nur in ganz freundlicher Weise ihre Meinungen aus.«
»Ich küß' die Hand,« konnte ich mich nicht enthalten innerlich zu bemerken, »wie gebärden sie sich wohl dann, wenn sie sich tatsächlich in den Haaren liegen!«
Die meisten dieser jungen Leute, die alle zwischen zwanzig und achtundzwanzig Jahre alt waren, hatten Frauen daheim, die sie fünf Jahre und länger nicht gesehen hatten und die ihr freudenloses Dasein unter der Herrschaft einer Schwiegermutter fristen mußten.
Inzwischen veränderten die Männer ihre Ideen vollständig, und die Frau, die ihnen früher genügt hatte, schien ihnen jetzt ungebildet, möglicherweise sogar unschön. Hatten sie die Gattin vorher schon nicht gut behandelt, so würde sie jetzt eine noch schwerere Stellung haben. Wie schrecklich sind doch die Einrichtungen in einem Lande, wo man zwei sich unbekannte Wesen aneinanderknüpft, bevor sie ein Alter erreicht haben, wo sie sich dagegen wehren könnten. Allerdings ist die Macht der Eltern so groß, daß auch ein Wehren von seiten der Kinder ganz nutzlos wäre; der Sohn hat in Japan zum mindesten das Recht, seine Meinung über die Zukünftige auszusprechen, die er einmal von Ferne zu sehen bekommt, in China nicht einmal dies, und dem Mädchen hilft nichts, nichts als sich zu fügen. Trotzdem kommt es heutzutage vor, daß Mädchen freiwillig auf die Ehe verzichten. Die Schwester Hoang-Zos, dessen Vater tot war, wollte nicht heiraten, und der Bruder, der selbst sehr viele europäische Ansichten teilte, zwang sie nicht dazu. Er selber soll seine erste Frau -- so sagte Ming Tse -- an gebrochenem Herzen haben sterben lassen. Zwei Jahre lang war er fern von der Heimat in Japan und kehrte auch trotz der Bitten seiner Gattin nicht an ihr Sterbebett zurück. Im großen und ganzen fühlte ich mich durch diese Betrachtungen keineswegs zu einer Ehe mit einem Chinesen ermutigt, doch war mir Ming Tses heiteres Gemüt -- er war wie ausgetauscht, seit er heimkehren durfte -- ein Hoffnungsstrahl. Gewiß würden wir als zwei gute Kameraden miteinander leben können.
Endlich hatte ich auch heimgeschrieben, Mama von meiner Verlobung erzählt, Li Bais finanzielle Stellung erklärt und sie gebeten, sich so schnell als möglich auf die Reise nach China vorzubereiten, da sie nach dem Gesetz die Dokumente -- Ehevertrag usw. -- mit dem Vater Ming Tses austauschen müsse. Ferner bat ich sie, Jenny mitzunehmen. Li Bai drang darauf, die Fahrten für uns alle drei zu bezahlen, und um alle Streitigkeiten darüber abzuschneiden, hatte er schon jetzt die Sitze bestellt und die Karten zugesichert erhalten, so daß ich Mama erklärte, daß jede Weigerung ihrerseits unmöglich gemacht wäre. Ich wußte, daß sie überall hin gern reiste, wo man nicht über das Wasser zu fahren brauchte, und daher zweifelte ich nicht, daß sie nach einigen »Ach« und »Oh!« sich auf die Socken machen würde.
Nach fünf Tagen kam die Antwort. Mama protestierte zwar vier Seiten lang, sagte aber auf der fünften, daß sie selig war, mich so gut versorgt zu wissen und auf der sechsten, daß sie schon alle Vorbereitungen getroffen, um mich nach China zu begleiten. Das Hochzeitskleid für sie selbst und die Toilette für Jenny würde in zwei Tagen fertig sein, und in etwa vierzehn Tagen würden beide Damen in London eintreffen, von wo aus wir am 29. September nach Berlin, Moskau und weiter mit der sibirischen Eisenbahn nach Tientsin, Ming Tses Vaterstadt, fahren würden.
Meine Schwester schrieb:
»Liebster, dummer Kather! Ich weiß in der Tat nicht, ob ich Dir gratulieren oder kondolieren soll, doch tröste ich mich mit dem Gedanken, daß Du, die Du so ein vernünftiges Mädel bist, gewiß nicht »ja« gesagt hättest, wenn Du nicht überzeugt wärest, glücklich zu werden. Mir standen vor Entsetzen die Haare zu Berg, als ich Deinen Brief gelesen habe. Einen Chinesen!? Einen echten, gelben Chinesen!! Hat er einen langen Zopf? Oh, Käthe, nimm ihn nicht, wenn er einen Zopf hat!! Ich habe einst in einem Roman gelesen, daß die Chinesen ihre Zöpfe dazu verwenden, ihre Feinde zu erdrosseln. Und ist er gelb, so gelb wie eine Zitrone? Wie ich mich freue, ihn kennenzulernen, -- aber heiraten würde ich keinen Chinesen, o nein, Käthe, o nein. Ich habe gleich nach Erhalt Deines Briefes alle alten Geographiebücher, deren Inhalt ich längst vergessen, hervorgesucht und auch im großen Konversationslexikon alles über Chinesen durchgelesen und finde, daß sie gute Handelsleute, genügsam und fleißig, aber sehr grausam sind. Wirst Du Dir müssen die Füße verkrüppeln lassen, bevor Du seine Frau wirst? Es soll furchtbar wehtun, Käthe, laß' es lieber bleiben, du hast ja ohnehin kleine Füße, wenn sie auch nicht wie die »goldenen Lilien« der Chinesinnen sind, die kaum hin und her wackeln können und immer in einer Sänfte getragen werden müssen.
Jetzt will ich Dir berichten, welche Wirkung Deine Verlobung auf die »Familie« gemacht hat -- und dann -- -- noch etwas. O Käthe, ich sehne mich nach Dir! Ich habe so viel erlebt.
Wir saßen am Frühstückstisch -- Mama und ich --, als wir unsere Briefe erhielten. Mama las den ihrigen zum zweitenmal, als ich den meinigen erbrach, da ich um eine Pröbstlinge in den Garten gesprungen war. Bevor ich über die ersten Worte gekommen, sprang Mama auf, umarmte mich, weinte und schluchzte, daß ich mich ganz kalt werden fühlte und sagte dann: »Jenny, Deine Schwester hat sich verlobt.« Sie ging sofort in die Küche und schickte die alte Resi zu den Tanten, um sie zu bitten, in wichtiger, freudiger Angelegenheit sogleich zu uns zu kommen. Ich hatte unterdessen Deinen Brief gelesen.