Mein kleiner Chinese: Ein China-Roman
Part 2
Ich habe einzig verstehen gelernt, daß Männer, die ihr Leben lang als Junggesellen herumgewandert sind, eine Häuslichkeit als Krone des Glücks betrachten, und nicht umsonst, wahrlich nicht umsonst! Aber um ein vollkommenes Bild, eine seelisch schön abgetonte Wiedergabe eines Menschen zu geben, bedarf es nicht nur eines Rahmens, meinetwegen eines reichen Rahmens -- nein, es ist nötig, daß der Rahmen paßt, daß er das Bild hervortreten läßt und es nicht zur Fratze herabstimmt. Durchschnittsmenschen schaffen sich leicht einen passenden Rahmen oder passen auch schnell in irgendeinen Rahmen hinein, die anderen, doch -- ich will nicht philosophieren.
Der Monat November sowie der zurückgekehrte Chinese Hoang-Zo fanden mich tief in allen Winterwiderwärtigkeiten steckend, die durch die Tatsache, daß der junge Gelehrte jetzt keine Zeit hatte, die Stunden fortzusetzen, wahrlich nicht vermindert wurden. Eines Abends, als wir uns im Nebelmeer begegneten, fragte er mich, ob ich nicht so freundlich sein wollte, einen jungen Chinesen -- kaum ein- oder zweiundzwanzig Jahre alt -- als Schüler für Deutsch und Französisch zu übernehmen. Ich willigte sofort ein -- war nicht alles besser als das fürchterliche Daheimsitzen in einem kalten, ungemütlichen Zimmer?
»Er ist aber sündhaft dumm!« sagte Hoang-Zo, »und ich muß Sie bitten, eine Bezahlung für die Stunden anzunehmen, denn an einen Austausch ist bei dem Menschen nicht zu denken. Eigentlich schäme ich mich,« fuhr er fort, »Ihnen so ein trauriges Exemplar meiner Landsleute zu überlassen, aber Sie scheinen mir besonders geeignet, ihm etwas beizubringen -- wenn sich ihm etwas beibringen läßt,« setzte er bekümmert hinzu.
»Wir können es ja versuchen,« erwiderte ich lächelnd. Wir bestimmten daher die Preise, und nur wenige Tage später erhielt ich einen mit Fehlern gespickten Brief meines neuen Schülers, der mir seinen Besuch für den darauffolgenden Sonntag in Aussicht stellte.
Der Sonntag kam und ging, ohne Mr. Ming Tse zu bringen, wohl aber fand ich Montag früh eine Karte vor, auf der er sich entschuldigte und mir versicherte, die Gasse nicht gefunden zu haben.
»Findet das Hascherl nicht einmal eine Gasse wie Guildford Street!« Ich seufzte unwillkürlich auf. Und so einem Menschen sollte ich mit dem Nürnberger Trichter die Weisheit einpumpen -- gewiß ein recht zweifelhaftes Vergnügen.
Der zweite Brief oder besser die zweite Karte war von Hoang-Zo. Er bat mich, seinem Schützling Montag abend die erste Stunde zu geben und fügte hinzu, daß Ming Tse kaum fünf Minuten von der Endstation der Hampstead Elektrischen wohne. Name der Gasse und Hausnummer ersah ich aus Mr. Ming Tses Karte.
»=Our deeds our angels are, or good or ill, Our fatal shadows that walk by us still.=«
=Beaumont & Fletcher.=
IV.
Es war ein feuchtkalter Wintertag. Seit einer Woche hatte Sankt Peter die Schleusen des Himmels geöffnet, und heute hatten wir nebst feinem, durchdringendem Regen auch noch einen jener berüchtigten Londoner Nebel, der schon lange, bevor es Nacht wurde, alle die triefenden Häuser und die schmutzbedeckten Gassen den Blicken der Menschheit entzog. Selbst die Elektrische, in der ich saß, schien mir trotz der vielen Beleuchtungskörper düster, da der Nebel sich in großen Wellen durch den langen Wagen dahinrollte, voll unerlaubter Neugierde bei Mund, Nase und Ohren in das Innere der Reisenden hinabkletterte, sich zärtlich an den weißen Halskragen und die tadellosen Manschetten der Zylinder tragenden Herren schmiegte und das ursprüngliche Weiß meiner Bluse in ein bescheidenes Grau verwandelte.
»Hampstead!« rief der Schaffner vom anderen Ende. Mit einem Ruck riß ich meine Habseligkeiten -- zwei Bücher und die Handtasche -- an mich und stürzte mich kühn in die auf und nieder wogenden Nebelfluten, die mich schon nach wenigen Augenblicken vollständig verschlangen.
Die Gasse -- das Endziel meiner Wanderung -- war die zweite zu meiner Rechten und führte steil abwärts. Der gedämpfte Schein einer Straßenlaterne ließ mich wohl die Vorgärten der Villen unterscheiden, doch wäre es eine Unmöglichkeit gewesen, die Hausnummer abzulesen. Ich öffnete daher eine der kleinen Gartenpforten und ging dicht an das Haus heran, um die Nummer auf der erleuchteten Scheibe der Haustür entziffern zu können.
»Nummer 22,« sagte ich halblaut, ging zurück und schloß die Pforte wieder, dann tastete ich mich vorsichtig an den Vorgärten entlang und zählte die Nummern, bis ich Haus 18 erreichte.
Während ich unter der Loggia stand und wartete, daß mein Klingelzeichen irgend jemand zur Tür brachte und ich das Muster auf der Glasscheibe -- Pfirsichblüten und Früchte -- studierte, war mir doch etwas ängstlich zumute. Den ersten Chinesen hatte ich um drei Uhr nachmittags an einem klaren Sommertage kennengelernt, jetzt war es Abend, Winter und -- ich schüttelte das unangenehme Gefühl ärgerlich ab. Der neue Schüler sollte ja noch ein wahres Kind sein, und ein Kirchenlicht war er entschieden nicht, wenn also jemand zittern sollte, so war es gewiß er und nicht ich.
Die Tür wurde von einem Stubenmädchen geöffnet, und ich drückte die Bücher unwillkürlich fester an mich, als ich fragte:
»Mister Ming Tse zu sprechen?«
»Mister Ming Tse speist soeben, wird aber sofort kommen,« sagte das Mädchen und stieg vor mir die Treppe empor. Im ersten Stock machte sie halt, und indem sie eine Tür öffnete und mich eintreten ließ, trat sie zurück und verschwand.
Ich stand in einem kleinen, geschmackvoll möblierten Salon, in dem alles von peinlichster Sauberkeit sprach -- jedenfalls waren nicht alle Chinesen Feinde der Ordnung wie Hoang-Zo. Aus dem Kaminsims waren eine Anzahl ausgezeichneter, schön gebundener Bücher in strammster Ordnung aufgestellt, ganz wie eine Abteilung Soldaten, von denen keiner einen Millimeter von der Linie abweichen darf. Im Kamin selbst brannte ein Feuer, zum Schrecken einer geizigen Hausfrau und zum Entzücken einer erfrorenen Seele, wie ich selbst; ich fühlte auch gleich, daß mein Wohlbefinden zunahm. Auf den kleinen Nipptischchen standen Vasen mit frischen Blumen zierlich geordnet, auf den Stühlen lagen reich gestickte Polster, nette Zierdeckchen waren, wo tunlich, vorteilhaft angebracht. Die Wände wiesen viele Photographien, meist von Chinesen in europäischer Kleidung, auf, aber ein Bild an der Wand zeigte vier Personen in chinesischen Trachten und schien Frauen vorzustellen. War mein neuer Schüler am Ende der glückliche Besitzer eines Harems oder doch einer Frau?
Ein leichtes Geräusch hinter mir machte mich umsehen. Vor mir stand eine menschliche Miniaturausgabe, ein zartgebauter kleiner Chinese, der gewiß nicht um ein Haar größer war als ich -- innerlich schmeichelte ich mir sogar, daß ich vielleicht um einige Haarbreiten mehr maß --, in tadellosem europäischem Anzuge und verbeugte sich vor mir mit einer Grazie, die ich vorher noch bei keinem Asiaten und nur bei wenigen Europäern gesehen hatte. Für diese Art Aeußerlichkeiten bin ich ungemein empfänglich.
»Herr Ming Tse?«
»Fräulein Schulze?«
Wir reichten uns gegenseitig die Hände, lächelten beide, und die Verbeugung wiederholte sich.
»Ich freue mich, Sie als Schüler begrüßen zu können,« sagte ich in Ermangelung von etwas Besserem, »und hoffe, daß Sie stets fleißig studieren werden.«
Ming Tse legte ein überaus feierliches Versprechen ab, immer fleißig arbeiten zu wollen, schob den allerschönsten Polster auf den allerbequemsten Stuhl des Zimmers, rückte ihn an den Tisch und lud mich ein, Platz zu nehmen. Diese Aufmerksamkeit entging mir nicht.
Auf dem Tische lagen Bleistifte, Federn, Federstiele, Lineale, Papiere und Bücher auch wie die Soldaten geordnet da. Er nahm nicht wie alle meine sonstigen Schüler an meiner Seite Platz, sondern setzte sich mir gegenüber an das entgegengesetzte Ende des Tisches, und da merkte ich auch, daß sowohl Bücher, Bleistifte, Federn und selbst die Tintenfässer doppelt vorhanden waren, so daß kein Austausch dieser Artikel zwischen Lehrer und Schüler stattfand.
Während ich seinen Sprachkenntnissen auf den Zahn fühlte, wobei ich sogleich bemerkte, daß viele Plomben nötig waren, hatte ich Gelegenheit, ihn näher zu betrachten. Seine Gesichtsfarbe war dunkler als die Hoang-Zos, man hätte ihn eher braun als gelb nennen können, die scharf geschlitzten Augen waren halbgeschlossen und nicht wie bei dem Philosophen zusammengekniffen, aber Gläser trug auch er, die Augenbrauen waren schwach gezeichnet und hörten schon früh auf. Wimpern fehlten ganz. Das vollkommene Oval des Antlitzes wurde durch die starken Backenknochen ein wenig beeinträchtigt, und die etwas dicke Unterlippe sowie die unregelmäßig stehenden Zähne verunschönten, doch nur unbedeutend, den Mund, aber dafür erfreute er sich einer ganzen Nase mit gutgebildetem Nasenrücken, hübsch geformten Nasenflügeln und einer tadellosen Nasenwurzel, auf der im Notfalle ein Kneifer hätte sitzen können. Das einzig wirklich Schöne an dem Kopfe war das rabenschwarze, glänzende, lange Haar, das denselben in reichster Fülle umgab und wie alles, was ihm gehörte, den untrüglichen Stempel der Ordnungsliebe trug. Nicht ein Haar -- und viele reichten von der etwas niederen Stirn bis in das Genick -- erlaubte sich Wanderungen auf eigene Faust zu unternehmen, und selbst eine ungestüme Kopfbewegung veränderte nichts daran.
Sooft er mir ein Papier oder sonst einen Gegenstand reichen mußte, drehte er ihn immer zuerst so um, wie er mir am bequemsten sein würde, und fragte mich auch im Verlauf der Stunde, ob mir Wasser erwünscht wäre, was ich dankend ablehnte. Ich war über diese bei Orientalen so ungewöhnliche Höflichkeit -- besser Ritterlichkeit, denn höflich habe ich sie mir gegenüber meist gefunden -- so erstaunt, daß ich mich nicht enthalten konnte, zu sagen:
»Was für reizende Umgangsformen Sie haben! Wo haben Sie sich dieselben angeeignet?«
Er lächelte zufrieden -- sein Lächeln war sehr einnehmend, da sowohl dieses und noch mehr sein Lachen unwiderstehlich zur Nachahmung reizte -- und entgegnete munter:
»Das Benehmen hat mein Vater mit dem Stock in mich hineingeprügelt.«
Die Aufrichtigkeit der Antwort, der komische Gesichtsausdruck meines Schülers und die neue Situation unterhielten mich dermaßen, daß ich herzlich lachte, und Ming Tse lachte laut und herzhaft mit. Ich fühlte, wir waren uns nähergekommen, und fand plötzlich, daß er ja eigentlich ganz gute Kenntnisse besaß. Mein Gott, man kann von einem Chinesen -- und noch dazu von einem so kleinen Chinesen -- doch nicht Unmögliches verlangen.
In einem Punkte war er von Europäern sehr verschieden -- er vermied, wie die meisten Asiaten, jedwede Berührung. Wenn er mir ein Buch reichte, wenn er mir etwas näherschob, immer sah er streng darauf, daß sich unsere Hände nicht berührten. Rief ich ihn einer Korrektur halber an meine Seite, so blieb er in der Entfernung eines halben Meters stehen und strengte sich übermenschlich an, von dort aus das von mir Gezeigte zu lesen. Er machte immer einen großen Bogen, sooft er um den Stuhl, auf dem ich saß, herumgehen mußte, nichts berührte mich als der Blick seiner schwarzen Augen, aber er sah mich nie geradezu an. Die Lider fielen beinahe vollkommen herab, und nur aus den Augenwinkeln heraus sah man etwas Schwarzes blinzeln. Er öffnete die Augen nur, wenn er böse war -- öffnete sie zu ihrer vollen Größe, und da wünschte man nur eins, daß er sie möglichst schnell wieder schließen würde. Die Gesichtszüge aber verrieten nie, was im Innern vorging. Alle Asiaten verstehen es, ihrem Gesicht den Stempel der Unergründlichkeit aufzudrücken, und die unerschütterliche Ruhe der Maske verändert sich nicht, nicht einmal in Affekten, nur um die Augen und um den festgeschlossenen Mund legt sich ein unheilverkündender Zug -- wohl dem, der ihn nie gesehen! Merkwürdig -- Hoang-Zos gemütliches kurzsichtiges Blinzeln hatte mir nie Furcht oder Grauen eingeflößt, aber die fast geschlossenen Augen meines neuen Schülers berührten mich unheimlich, wie sehr ich auch gegen dieses Empfinden ankämpfte. Sie schienen zu erforschen, unausgesetzt zu prüfen, und ließen ihrerseits keine Prüfung zu. Eine Ahnung flüsterte mir zu, daß dieses scheinbare Kind ein Buch mit sieben Siegeln war, die zu brechen nicht leicht -- einem Europäer vielleicht überhaupt nicht -- gelingen würde.
Der eigentliche Unterricht war vorüber, die Tage und Stunden waren bestimmt.
Er schob meinen Stuhl zum Feuer, machte eine gebietende Handbewegung, die mich innerlich furchtbar zum Lachen reizte, und sagte ganz in dem Tone, als ob ich der Schüler und er der Lehrer gewesen:
»Jetzt werden wir ein wenig miteinander plaudern.«
Das Feuer war viel zu warm, und meine Sehnsucht, auch einmal die Zunge bewegen zu dürfen, viel zu groß, als daß ich »nein« gesagt hätte. Ich setzte mich gehorsamst nieder, ließ meine Füße auf dem Feuerschutzgitter ruhen und fragte:
»Wie gefällt Ihnen Europa?«
»Gut!« erwiderte er in einem Tonfall, der das Gegenteil verriet.
»Wohl sehr verschieden von China, nicht wahr?« fuhr ich fort.
Er taute langsam auf. »Ich kann die europäische Kleidung nicht leiden,« erklärte er mit Nachdruck.
Das interessierte mich, da meine vorigen Bekannten dessen nicht erwähnt hatten. »Warum?« fragte ich daher schnell.
»Oh,« kam es langsam von seinen Lippen, während er sich nachdenklich zurücklehnte und eine Zigarette rauchte, »weil sie so eintönig ist -- immer dieselben Farben für Herren: grau, blau oder schwarz.«
»Und warum noch?« erkundigte ich mich weiter.
»Weil man immer nur Wolle oder Baumwolle verwendet, nie Seide. In China,« fügte er rasch hinzu, »habe ich immer nur Seide getragen, da hat man auch seidene Unterwäsche, nicht Fetzen wie hier,« bemerkte er wegwerfend.
»China ist reich an Seide, wir sind es nicht,« warf ich ein.
»Und diese Kragen!« räsonierte er von neuem. »So hart, so unbequem! Nie kann man sie fest genug machen, und immer sind sie eine Qual, gerade wie die Manschetten, die steif und unbehaglich die Hand umschließen und in diesem schrecklichen Lande gleich schwarz sind.«
Ich stimmte zu. Kragen und Manschetten mußten unerträgliche Dinge sein.
»Und die Hosen,« fuhr er fort.
»Ja, aber ohne Hosen können Sie doch nicht leicht umherwandern, nicht einmal in China,« sagte ich, und wir lachten beide.
»Gewiß nicht,« gab er zu, »aber wir tragen einen Kaftan oder ein so zugeschnittenes Kleidungsstück darüber und brauchen daher nicht so enge und strammsitzende Beinkleider zu tragen, die wehe tun. Auch formen unsere Hosen mit der Weste ein Stück, so daß sie nie hinunterfallen können.« Er sah mich so bitterböse an, als ob ich der Erfinder europäischer Hosen gewesen wäre.
»Aber hier fallen die Hosen gewiß nicht leicht herunter,« beeilte ich mich zu bemerken.
»O ja,« sagte er, ohne freundlicher auszusehen, »das kann geschehen. In China schneidet man dem Mann den Kopf ab, wenn ihm das passiert,« versicherte er mir mit Ueberzeugung.
Wenn mich Mama oder Jenny gehört hätten! Sie, die dieses Kleidungsstück nur mit heiligen Umschreibungen gebrauchten und holdselig erröteten, falls jemand unbedachtsam das Gespräch auf ein so unanständiges Bekleidungsding hinlenkte.
»Was kommt Ihnen noch merkwürdig in Europa vor?« fragte ich unverdrossen weiter, um ihn von den Hosen, die augenscheinlich keinen Beifall in seinen Augen fanden, abzubringen.
»Der dumme Aberglaube hier!« Dabei blies er eine dichte Rauchwolke gegen die Zimmerdecke.
»Was dünkt Ihnen Aberglaube bei uns?«
»Alles!« erwiderte er lakonisch.
»Alles?« wiederholte ich ungläubig.
»Alles! Sagen Sie zum Beispiel nicht, daß jemanden der Teufel holen soll?«
Freilich hatte ich im Herzen oft manch einen unter das Regiment Beelzebubs gewünscht, noch öfter gern im Pfefferland gesehen, aber gerade als Glaubens- oder Aberglaubensausbruch -- --
»Das soll man aber eben weder sagen noch wünschen,« warf ich ein, konnte aber ein Lächeln nicht unterdrücken.
»Das macht nichts,« wehrte er ab. »Sie glauben aber doch« -- und da er mein Lächeln sah, verbesserte er sich, »Leute glauben aber dennoch, daß der Teufel existiert.« Nach einer kurzen Pause fragte er beinahe leidenschaftlich:
»Haben Sie vielleicht schon einmal den Teufel gesehen?«
»Bis jetzt habe ich noch nicht das Vergnügen gehabt, seine Bekanntschaft zu machen -- es sei denn in der Gestalt einiger meiner Mitmenschen.«
Er lachte. »Viele glauben daran,« fügte er hinzu.
»Und Gott!« sagte er nach einer Weile. »Auch ihn hat niemand gesehen, er erhört trotz aller Gebete nicht unsere Bitten, nicht unsere Wünsche, das hat mir schon manch ein Christ gesagt -- das ganze ist Humbug, Bibel und alles,« beteuerte er.
Ich wußte, daß die meisten Chinesen nach unseren Begriffen sehr irreligiös waren. Waren auch sie der abstrakten Idee der Gottheit abhold, so schätzten sie doch unsere moralischen Gesetze, die in Europa durch die Religion ebensogut wie in China durch die Lehren des Weisen Konfuzius gelehrt wurden. Meiner Natur lag es fern, bei jemand Bekehrungsversuche anzustellen. Jeder hatte das Recht, zu denken, was er wollte oder besser, das, wozu ihn das Beobachten des Lebens gebracht hatte. Ich hatte nie Sympathie für die Missionäre gefühlt, die ihre Ueberzeugung anderen Rassen aufzwangen. Für jeden Menschen ist die eigene Anschauung die entscheidende und die maßgebende, daher beschränkte ich mich auch zu sagen, daß der Begriff »Gott« ein abstrakter sei, den sich jeder Mensch nach seiner Individualität auslegen müsse.
Der kleine Chinese schüttelte mißbilligend sein schwarzes Haupt. Wie ich aus Erfahrung wußte, waren sowohl seine Landsleute wie auch Japaner abstrakten Begriffen fast gar nicht zugänglich. Der sonst reichen japanischen Sprache fehlt es sogar vollständig an Ausdrücken für die meisten abstrakten Begriffe. Auch Konfuzius verliert sich nicht in metaphysischen Betrachtungen, -- er gibt praktische Ratschläge über den Umgang mit dem Nächsten, über die Pflichten der Könige, weist auf die hauptsächlichsten Gesetze der Moral hin, stellt Höflichkeit und Elternliebe als erste derselben auf und berührt fast nie und da nur höchst flüchtig Fragen, die Unsterblichkeit der Seele oder die Gegenwart eines Gottes betreffend.
Lao Tse stellt »Gott« als Naturkraft hin -- das große, ewig in Bewegung und in Veränderung begriffene Weltall, aus welchem wir auftauchen und in das zurück wir wieder verschwinden. Die Bewohner des fernen Ostens sind keine Träumer, lieben es aber oft, auf philosophischem Gebiete solche Fragen aufzuwerfen und zu erforschen. Ming Tse dagegen war nicht Träumer -- bewahre! -- und gar nicht philosophisch veranlagt. Er war Materialist und daher legte er sich den Begriff »Gott« seiner Veranlagung gemäß kurz und bündig als »Humbug« aus. Ein europäischer Unsinn, das war alles.
Es war spät geworden, und ich erhob mich, um meine Jacke anzuziehen. Nach augenblicklichem Zögern kam mir Ming Tse zu Hilfe, stand aber so weit als möglich von mir entfernt, und faßte meinen Ueberwurf nur beim äußersten Ende an, ihn, sobald ich nur halbwegs hineingeschlüpft war, sogleich loslassend und zurücktretend.
Er öffnete alle Türen für mich, begleitete mich die Treppe hinab, fragte mich ganz väterlich, ob ich wohl imstande sein würde, meinen Weg zur Elektrischen zu finden, und machte mich noch besonders auf die drei Stufen aufmerksam, die von der Villa zum Vorgarten führten. Hierauf reichten wir uns die Hände, und er wiederholte:
»Donnerstag um halb acht, ganz wie heute!«
»Und viel studiert bis dahin!« rief ich lachend zurück.
Wieder umgaben mich die Nebelwolken, doch schienen sie mir nicht so schrecklich wie vorher. Ich hatte in einem behaglichen Zimmerchen sitzen und recht munter plaudern können. Er war ja reizend, dieser kleine Chinese.
=Lyksalig, lyksalig, hver Sjæl som har Fred, Dog ingen kender Dagen för Solen gaar ned.=
=Dänischer Neujahrspsalm.=
V.
Weihnachten war gekommen und wieder vergangen, der Plumpudding war verspeist, die Mistelzweige entfernt, die Pantomimen zu Ende gespielt und die Knallbonbons verknallt worden. Ich hatte die beiden Feiertage wie immer bei Freunden in Brighton verbracht, bei denen ich immer warme Aufnahme gefunden.
Am Neujahrsabend war ich in das Ostende Londons, das sogenannte Verbrecherviertel gegangen, wo nahe der indischen Docks die dänische Seemannskirche liegt, und dort wohnte ich der Neujahrsfeier bei.
Um Mitternacht schritt ich durch die gefährlichen Gassen des Chinesenviertels, wo einem vor Lärm fast die Sinne vergingen. Aus allen Fenstern wurden Knallerbsen geworfen, kleine Pistolen krachten, Feuerräder wurden geschwungen, Raketen stiegen in die Luft, dazwischen schrien alle chinesischen Seeleute aus Leibeskräften, die fünffarbige Flagge wehte mir überall entgegen und rote Papierstreifen mit allerlei chinesischen Aufschriften waren gleichfalls sichtbar. Der dem Viertel sonst eigene Schmutz war heute verschwunden, und man konnte sogar Blumen vereinzelt auf Fenstern bemerken.
Ruhiger war es im nächsten, dem indischen Viertel, wo die Seeleute der ostindischen Schiffe ihre Seemannsheime hatten und wo man oft Inder in ihren weiten Trachten und den vielfarbigen Turbans sehen konnte, manchmal liefen sie auch nur in ein großes Leinentuch gehüllt über die Straße. Auf den breiten Stufen vor dem Tore saßen oft eine große Anzahl von ihnen, und schön waren sie, trotz ihrer elenden Fetzen, das mußte man zugeben. Männliche Erscheinungen, kräftig und finster, mit nachtschwarzen Augen und langem Barte. So spät waren sie bei dem kalten Wetter nicht draußen. Heute schliefen gewiß alle, aber als ich am deutschen Seemannsheim, einem sehr reinlich aussehenden Hause, vorbeiging, hörte ich Neujahrslieder singen und einige junge Leute standen auf der Steintreppe und riefen sich »Prosit Neujahr!« zu.
Hier kletterte ich auf eine Elektrische, die überfüllt war und auf der ich nur rückwärts hängend mitfahren konnte. Wir passierten Commercial Road mit allen seinen Judengeschäften, Whitechapel mit dem Russenviertel (lauter arme Unglückliche, die hier Zuflucht gefunden haben) und kamen endlich nach Aldgate, wo der große Judenmarkt liegt, der jeden Sonntag ein Bild riesiger Tätigkeit ist. Da hört man fast ausschließlich Israelitisch und kann vieles um einen wahren Spottpreis kaufen, nur muß man schäbig gekleidet und sehr vorsichtig sein. Bald waren wir in besseren Stadtteilen und endlich hielt die Elektrische in Theobalds Road, von wo ich nur zehn Minuten zu gehen hatte, um nach Hause zu kommen.
Als ich Guildford Street betrat, hörte ich das Läuten der Glocken und fragte mich, wie wohl das neue Jahr sein würde. Vor jedem Hause standen Leute mit gefüllten Gläsern in den Händen und grüßten das kommende Jahr. Ich kam mir wieder so verlassen vor, so ganz verlassen, wie schon so oft, seit ich nach London mit seiner unwiderstehlichen Melancholie gekommen war.
Es ist gut, daß wir nicht in die Zukunft blicken können, wie hätten wir sonst die Kraft, das Leben zu ertragen?
* * * * *
Seit sechs Wochen unterrichtete ich nun schon Ming Tse. Er war immer sehr aufmerksam gegen mich, sehr höflich und -- sehr faul. Wenn ich ihn fragte, ob er seine Aufgabe gelernt hatte, war die Antwort stets bejahend und der Erfolg ebenso sicher verneinend.
»Warum haben Sie nicht gelernt?«
»Weil Herr Hoang-Zo hier war und mich daran hinderte.«
»Herr Hoang-Zo hat mir eben heute von Cambridge geschrieben, wo er eine Woche zu bleiben gedenkt,« entgegnete ich ruhig.
»Weil ich nicht recht wußte, was ich lernen soll,« sagte er, ohne irgendwie die Fassung zu verlieren.
»Kleiner Schwindler, es steht ja in Ihrem Buche, -- Sie haben es selbst niedergeschrieben in Ihr Studienheft.«
»Ich konnte nicht entziffern, was dort geschrieben war, habe alles unrichtig eingetragen,« erklärte er mit halbgeschlossenen Augen und den unergründlichen Gesichtszügen, mir gegenübersitzend.
Ich nahm das Heft auf, bevor seine kleine Hand es erreichen konnte. Die Schrift war klar und deutlich, und ich hielt ihm das Blatt lächelnd entgegen.