Mein kleiner Chinese: Ein China-Roman
Part 15
Alles, was später geschah, schwebt mir eher als schrecklicher Traum vor, nicht als Wirklichkeit. Ich litt furchtbar und, wie es mir deuchte, eine Ewigkeit, aber es wird, wie Li Bai so anteilnehmend sagte, nur einige Stunden gewesen sein. Man gab mir Chloroform und so oft ich meine Augen öffnete, neigte eine freundliche blonde Krankenpflegerin sich über mich, die mir zulächelte und mir meine Lage nach Kräften erleichterte und ein dicker Doktor sprach ermutigende Worte -- dann -- dann -- sank ich in langes, langes Vergessen zurück, aus dem ich nach Fieber und Leiden erst drei Wochen später erwachte.
Die Sonne warf durch eine Spalte einen einzelnen Sonnenstrahl über den dunklen Teppich, als ich wieder zu vollem Bewußtsein erwachte. Mir gegenüber saß die Nurse und arbeitete an einer Stickerei. Sie stand sofort auf und trat an das Lager.
»Wieder wohl und frisch?« lächelte sie.
»Nein,« entgegnete ich matt, »nur noch nicht tot.« Das Wort »frisch« erschien mir der schrecklichste Hohn, war ich doch so schwach, daß es mich Ueberwindung kostete, den Arm zu heben.
»Jetzt wird es schnell gehen und Sie werden zu Kräften gelangen,« sagte sie liebenswürdig.
»Was ist mit mir geschehen?« fragte ich und erst dann kam volles Verständnis für alles Vorgefallene zurück.
Die Nurse lächelte geheimnisvoll und eine Flut von neuem Empfinden erwachte mit diesem Lächeln in mir.
»Mein Baby?« sagte ich und fühlte, wie jeder Blutstropfen mir zum Herzen strömte.
»Ein Knabe!« sagte die Krankenpflegerin. »Er ist bei seiner Großmama.«
Gerade da kam Li Bai. Er neigte sich über mich mit derselben gleichmütigen Höflichkeit, die ich so gut an ihm kannte -- ohne ein Wort des Bedauerns, daß ich so sehr gelitten -- um seinetwillen gelitten -- hatte, ohne Zärtlichkeit dafür, daß er nun den erwünschten Erben hatte. Ich hatte meine Schuldigkeit als Weibchen getan -- damit war alles erledigt. --
»Siehst du,« sagte er stolz und triumphierend, »daß ich recht hatte! Ich habe dir einen reizenden Sohn gegeben mit meinen Zaubereien, und du kannst mir dankbar sein.«
Also die Dankesschuld war meinerseits??! -- Das beweist, daß jedes Ding auf Erden von zwei Gesichtspunkten aus gesehen werden kann und man nur zu wählen braucht, bis man den passenden findet.
Frau Ming Tse kam nun auch und in viele Seidentücher gehüllt, brachte sie meinen kleinen Sohn, der ohne mein Wissen »Sing« genannt worden war, dessen Horoskop aufgestellt wurde und der schon die Silberkette um den Körper gewickelt trug, die ich allein ihm hätte geben sollen. In der Tat, ich war Mutter nur in zweiter Linie in den Augen aller dieser Menschen.
Mit zitternden Händen griff ich begierig nach dem Bündel, das meinen Schatz enthielt, und nun fielen meine Augen zum erstenmal auf das Wesen, um dessentwillen ich so viel leiden mußte, das mir im fernen Land ein Trost und eine Stütze werden sollte, ein Band vielleicht, das mir helfen würde, wo alles andere mißlang, die Seele und das Herz meines chinesischen Gatten zu finden oder zu erwecken.
Vor mir lag ein kleines Geschöpfchen mit weißer Gesichtsfarbe aber ganz chinesischen Zügen. Die scharf geschlitzten Augen, die starken Backenknochen und die flache Nase ohne richtige Nasenwurzel, Li Bais etwas breite Lippen und sein straffes schwarzes Haar -- ja, Klein-Sing war ganz und gar Chinese, trotz der Hautfarbe -- das einzige, was er von seiner Mutter hatte. Würde seine Seele mir ähneln oder kalt und gefühllos wie die Herzen der Chinesen sein? Jetzt hoben sich langsam die wimpernlosen Lider und ein Paar nachtschwarze Aeuglein sahen mich verwundert an, dann verzog sich das kleine Schnäuzchen meines Sohnes und Erben, und ein lautes »Ä-ä« wurde hörbar. Ich hatte meine Mitmenschen, mein Vaterland, Li Bai und alles vergessen. Ich dachte nur an das kleine Wesen, das hier in meinen Armen lag und das so wunderschön -- oder so schien es mir -- »A-ä« sagte.
Die Schwiegermutter streckte ihre knochigen Hände nach der süßen Last aus, aber ich preßte Sing fester an mich. Er war mein, ganz mein eigen und niemand sollte ihn berühren.
Li Bai neigte sich über mich.
»Du wirst müde sein, Käthe, laß' Sing meiner Mutter. Sie hat ihn so lieb.«
»Ich habe ihn auch lieb,« erwiderte ich und meine Augen funkelten, »und Sing ist _mein_ Kind!«
»Gewiß,« sagte er finster, »aber auch das meine.« Damit ergriff er das Bündel, das mir so viel Freude bereitete, wenn es mir auch nicht wie mein Kind vorkam, dieser kleine, komische Chinese, den ich doch so innig liebhaben wollte und so gern zu behalten wünschte, ergriff es und reichte es seiner Mutter, die damit verschwand.
Ich legte mein Haupt müde auf die Kissen und fühlte, wie eine Träne nach der anderen über meine eingefallenen Wangen rann. Die Nurse neigte sich tröstend über mich. Li Bai war verschwunden.
»Ich hole es später wieder,« sagte sie leise, trocknete meine Tränen ab und gab mir etwas zu trinken, woraufhin ich einschlief und die Gegenwart vergaß.
Mama hatte sehr beglückt geschrieben -- Li Bai hatte ihr die Geburt meines Sohnes telegraphisch mitgeteilt -- und Jenny bat mich, ihr den gelben Neffen recht bald nach Europa zur Beschauung zu bringen. Sie war sehr glücklich in ihrer Ehe und lebte mit dem Doktor von allen Tanten fern in Mainz am schönen Rhein. Auch sie erwartete einen Erben und freute sich auf das kommende Glück. Ach ja, sie würde ihr Kind auch für sich behalten dürfen!
In der Nacht durfte ich Sing bei mir haben, und das Kind weinte nie. Früh am Morgen kam die gefürchtete Schwiegermutter und trug es davon, und den Rest des Tages verbrachten wir damit, das Kind uns gegenseitig wegzustehlen. War Li Bai daheim, so war seine gleichförmige Bemerkung:
»Sie ist die Mutter -- wir sind nicht aus der Erde gekrochen, sondern eine Mutter hat uns geboren; wir schulden ihr Achtung und Gehorsam, wenn sie also Sing haben will, mußt du ihr das Kind lassen.«
Manchmal lehnte ich mich dagegen auf, manchmal ließ ich meinen Schatz klaglos davontragen und die Mutter, die gewiß sah, daß ich unter der Trennung mit Sing litt, tat was sie konnte, um ihn mir oft wegzunehmen.
Es mochten seit des Kleinen Geburt zehn Wochen vergangen sein, als der Mandarin, der seinen Enkel auch manchmal auf die Arme nahm (denn Kinder liebt man überall in China), zu mir kam, um mir einige wichtige Briefe zur Beantwortung zu überreichen. Er fand mich nicht wie sonst lesend oder studierend -- mein einziger Trost in meiner Verlassenheit --, sondern auf dem Lager ausgestreckt, bitterlich weinend vor. Obschon er nicht danach aussah, als ob er zu den Personen gehören würde, die Herzensergüsse mit Verständnis entgegennehmen, vertraute ich ihm auf seine Frage nach meinem Kummer doch an, daß wir in Europa gewöhnt sind, unsere Kinder selbst zu haben, und daß ich mich so unendlich verlassen fühlte, da Li Bai immer bei seiner Mutter, bei seinen Brüdern oder bei Freunden in Tientsin weilte, ich meinerseits durch meine Ehe abgeschnitten von den Gefährten meiner Rasse sei und so nicht mehr wisse, wie ich dieses Leben in tiefster Einsamkeit aushalten solle.
Ich hatte erwartet, den Mandarin böse zu sehen, hatte selbst gedacht, daß er mir geradeswegs sagen würde, ich könnte ja zu dem Mittel greifen, zu dem so viele unglückliche Chinesinnen greifen mußten -- nämlich dem Wasser, durch das der Rauch der langen chinesischen Pfeifen gezogen ist und das, wie bitter es auch schmecken soll, doch unfehlbar zu einer Reisekarte in die Ewigkeit verhilft.
Nichts Derartiges geschah. Ernst und nachdenklich ruhten seine Augen auf mir, und nach einer kleinen Weile sagte er, wenn auch scheinbar ohne Mitgefühl in seiner Stimme:
»Li Bai ist zu sehr Chinese, als daß er einer Europäerin einen guten Gatten machen könnte!« meinte er kopfschüttelnd.
»Glauben Sie,« fragte er nach einer Pause, »daß Li Bai je das Doktorat machen wird?«
»Nein!« sagte ich aufrichtig. »Er hat keinen Ehrgeiz, keinen Fleiß, kein Interesse. Alle meine Bemühungen waren erfolglos!« gestand ich geknickt.
»Dies war nicht Ihre Schuld!« entgegnete er. »Sie sollen nicht mehr so lange allein sein!« sagte er sodann und ging.
Von da an durfte ich Sing den ganzen Vormittag behalten und am Abend brachte man ihn mir schon früh, aber ich beobachtete, daß der Blick meiner Schwiegermutter unendlich feindselig auf mir ruhte, wenn sie auch nicht mehr wagte, Sing so lange wie früher von mir fernzuhalten. Ein leises Grauen beschlich mich oft, wenn ich sie so lautlos herbeischleichen sah und ihre ölige Stimme vernahm, die immer einige höfliche Erwiderungen auf meinen tiefen Kotau hatte. Aeußerlich sprach nichts -- es sei denn das unmerkliche Zucken um die Augen und Mundwinkel -- von ihrer Abneigung gegen mich, aber eine Art sechster Sinn ließen mich diese ihre Gefühle wissen, als ob sie es mir offen gesagt hätte.
Mit Hilfe Li Bais gelang es ihr noch an manchen Tagen, den Kleinen fortzutragen, aber sie wagte nicht mehr sich zu weigern, ihn auszuliefern, wenn ich nach einiger Zeit mit Kotau und höflicher Bitte meinen Sprößling abholte. Sie reichte ihn mir mit den öligsten Worten und dem verbindlichsten Lächeln, aber die wimperlosen Lider senkten sich über die Augen, und die kleinen knochigen Hände ballten sich, als wollten sie einen unsichtbaren Feind erwürgen.
Und Wochen kamen und gingen. Sie brachten mich immer näher dem Ereignis, das für meine Zukunft entscheidend werden sollte.
=E vo' senza ba taglia e senza gloria E più non mi sorride il Dio d'un giorno. Dentro è gelo e infinita ombra intorno E sopita dei cieli è la memoria.=
=Ada Negri.=
XVII.
Es war in den ersten Septembertagen. Die große Hitze war vorüber, aber noch immer waren die Tage schwül, und es war angenehm, im Schatten der Bäume am fernen Weiher zu liegen. Sing war seit ein paar Stunden bei seiner Großmutter, da ich seit mehreren Tagen nicht wohl war. Ich konnte keine Krankheitsanzeichen angeben, nur Müdigkeit, Unlust zu jeder Arbeit und selbst zum Essen und Trinken. Li Bai war auf ein paar Tage verreist, die Geschäftsbriefe hatte ich trotz meiner Ermattung schon am Morgen vollendet, daher entschloß ich mich, in den Park zu gehen.
Als ich schon auf der Schwelle stand, kam die Dienerin meiner Schwiegermutter und fragte mit ihrem ergebensten Lächeln und mit vielen Demutsbezeugungen, ob ich nicht unter den schlanken Bambusrohren und den Teakbäumen ein wenig ruhen wollte, und ich nickte zustimmend. Wohl war es nicht mehr zu heiß in den Häusern selbst, aber etwas drückend war die Atmosphäre noch immer, deshalb schritt ich trotz meiner unerklärlichen Müdigkeit, die sich sogar auf mein Denkvermögen zu erstrecken begann, rüstig auf den Weiher zu, wo mir der Schatten der fremdartigen Sträucher in Herbstpracht entgegenschimmerte. Plötzlich fühlte ich eine unüberwindliche Sehnsucht nach meinem Kinde in mir erwachen. Wenn ich den kleinen weißen Chinesen -- dieses seltsame Gemisch des Ostens und Westens -- in meinen Armen hielt, schien es mir oft, als ob dies nicht ein Teil meines Selbst sein konnte. Da kam mir dieses fremdartige Wesen als etwas nicht zu mir Gehöriges vor, aber wenn ich die Augen schloß und nur sein weiches Gesichtchen an das meine preßte, da fühlte ich, wie ein unbeschreiblicher Strom von ihm auf mich überging und eine tiefe Liebe zu diesem Geschöpfchen in mir entbrannte. Vielleicht hatte er mein Wesen geerbt -- oh, wie wunderschön wollte ich da seine Seele gestalten, voll Poesie, voll Verständnis für alles Schöne, alles Edle, alles Hohe! Wie wollte ich alles aufbieten, mir die Liebe meines Kindes zu sichern und ihm alle meine Gedanken zu weihen. Bis jetzt hatte ich es nicht verstanden, daß ein Weib Trost für alle Leiden in einem Kinde finden konnte, nun dämmerte das Begreifen dieser Tatsache langsam in mir. Müde wie ich war, schleppte ich mich, wie von einer inneren Macht gezogen, bis zu den Gemächern meiner Schwiegermutter. Das Zimmer war wider Erwarten ganz leer und nur auf der weichen Seidendecke lag etwas, was »ä-ä« sagte und seine winzigen Fingerchen zu zählen schien.
»Sing!« rief ich und umschlang leidenschaftlich den gefundenen Schatz. Niemand war anwesend, um ihn mir streitig zu machen, und ihn auf und ab schaukelnd und Zukunftspläne entwerfend, gingen wir, besser ging ich auf den Weiher zu. Die Sonne stand schon tief im Westen und ihre letzten Strahlen vergoldeten mit magischen Farbenspiegelungen das bunte Laub der Bäume. War es der Sonnenschein, war es meine Stimme, die immer wieder mit steigender Zärtlichkeit seinen Namen rief, war es die Ahnung von etwas, was außerhalb unseres alltäglichen Bewußtseins liegt -- Sing lächelte mir zum erstenmal zu und streckte seine kleinen Aermchen mir entgegen. Ich blieb stehen, hob ihn hoch zu mir empor und preßte sein Gesichtchen gegen meine Lippen.
»Sing, Sing, mein Liebling!« flüsterte ich.
Die großen schwarzen Augen waren weit geöffnet und leuchteten seltsam, die kleinen Händchen griffen nach meinen Haaren, meiner Nase und glitten wie liebkosend über meine Wangen herab. Das kleine Mündchen lächelte, und Laute, die unzweifelhaft etwas Liebes bedeuten sollten, kamen von den dicken Lippen. Noch einmal küßte ich allen gelben Schwiegermüttern zum Trotz das zarte Antlitz meines Sohnes, und dann schritt ich auf die kleine gewölbte Brücke zu, die über den Weiher zu dem lauschigen Plätzchen führte. Hinter mir hörte ich die Dienerin schreien, die immer wiederholte:
»Sie hat das Kind! Sie hat das Kind!« was mich mit geheimer Genugtuung erfüllte.
Nun hörte ich auch die Stimme meiner Schwiegermutter, die mir lebhaft etwas zurief, aber ich nahm keine Notiz davon. Sie hatte mir selbst sagen lassen, ich möge mich unter die Teakbäume legen und ausruhen, und es konnte sie doch wahrlich nicht wundernehmen, wenn ich meinen Sohn mitnahm. Warum schrie sie plötzlich so wild, ich solle umkehren?
»Ka, Ka,« hörte ich sie rufen (das war ihr Name für mich, der in der Tat sehr chinesisch klang, wenn man ihn so veränderte), »bringe Sing zurück. Bleib' stehen!« rief sie wieder auf Chinesisch.
»Sie denkt, sie kann mir mein Kind wegnehmen, weil der Mandarin abwesend ist und Li Bai auch, aber darin soll sie sich irren. Ich behalte mein Kind -- jetzt und in Zukunft!«
Hinter mir klang das eilige Laufen zweier Paare Füße, die mir mein höchstes Gut entreißen wollten, oder so dachte ich, da mein Herz voll Bitterkeit und Mißtrauen gegen meine Schwiegermutter war. Ohne mich umzusehen und nur Sing liebend gegen mich drückend, betrat ich den kleinen Steg. Mir deuchte, als hätte jemand hinter mir einen Schreckensruf ausgestoßen, aber ich war meiner Sache nicht sicher und dachte, daß es sich um einen Wutausbruch der Chinesin handelte. Doch als ich mich der Mitte des Weihers näherte, fühlte ich, wie die Brücke langsam nachgab und unter mir zusammensank.
Ein leichter Krach, ein gellender Aufschrei von meinen Lippen, der aus zwei anderen Lippen ein Echo fand, und ich glitt hinunter in die Tiefe. Verzweifelnde Anstrengungen machend, um die Oberfläche zu erreichen oder doch das Kind über den Wasserspiegel zu heben, klammerte ich mich mit der einen freien Hand fest an die Reste der eingebrochenen Brücke und versuchte mich emporzuschwingen, doch vergeblich. Ein wahnsinniger Schmerz im Fuß verhinderte mich daran. Ich hatte ihn zwischen ein Brett hineingeklemmt und verstand plötzlich, daß ich nicht an die Oberfläche gelangen konnte, daß man den Steg eigens hatte durchsägen lassen, um mich durch einen »Unfall«, wie man am Konsulat melden würde, aus dem Leben zu schaffen. Li Bai hatte einen Träger seines Namens -- die Mutter des Kindes, die verhaßte Europäerin, sollte sterben.
Oh, die grausigen Sekunden, bevor ich ganz das Bewußtsein verlor, das entsetzliche Verstehen, daß das zarte Kind in meinen Armen steif wurde, daß dies Seelchen dahin zurückkehrte, woher es gekommen, eins wurde mit Tao. Wenn Tao alles war, dieses langsame Hingleiten von heftigem Todeskampfe in ruhigeres Hinsterben, das Rauschen in den Ohren, das dem Sterbenden das Brausen der Todesschwingen zu sein scheint, und dann die Nacht, die endlich Vergessen bringt. -- -- --
Als ich wieder zum Bewußtsein erwachte, lag ich auf dem Rasen am Rande des Weihers, über mich neigte sich scheinbar gelassen und ruhig wie immer der gestrenge Mandarin, und in den Armen hielt ich, noch immer leidenschaftlich fest an mich gepreßt, Sing, mein totes Kind! Langsam fielen meine Arme nieder, langsam schlossen sich die Lider aufs neue, die zu viel Elend gesehen hatten, um mehr schauen zu wollen, und nur wie im Traume hörte ich, wie der Mandarin zum englischen Arzte sagte:
»Sie hat das Bein gebrochen und soll in das Hospital gebracht werden!«
»Wäre sie nicht besser daheim aufgehoben als unter Fremden?« fragte der Doktor sichtlich verwundert.
»Sie ist am besten bei Ihnen untergebracht!« entgegnete im selben gelassenen Tone der Mandarin, aber ich hörte heraus, daß er den teuflischen Plan durchschaut hatte und mich in Sicherheit zu bringen wünschte.
Ich fühlte, wie man mich auf eine Tragbahre legte, dann schwanden mir die Sinne. -- -- --
Sechs Wochen waren ins Land gezogen, die kalten Oktobertage senkten ihre Nebelschleier auf Tientsin herab und ein feiner Regen schlug gegen die Fenster des Saales, in welchem ich auf einem großen Bette lag und auf meinen Fuß sah, der heute zum erstenmal aus dem Gipsverband genommen worden war.
Ueber fünf Wochen hatte ich in heftigen Fieberphantasien gelegen und nichts von dem gewußt, was draußen in der Welt vorgefallen war. Li Bai war gestern zu mir gekommen, kalt und höflich wie immer vor allen Fremden, und hatte sein Bedauern über mein »Mißgeschick«, wie er es nannte, ausgedrückt. Ich hatte die Nurse gebeten, uns allein zu lassen, und ihm dann alles so erzählt, wie es sich zugetragen hatte.
»Wir müssen eine eigene Wohnung haben, Li Bai!« sagte ich energisch. »Der Arzt hat Vergiftungserscheinungen in mir entdeckt und ich weigere mich, in das Haus deiner Mutter zurückzukehren!«
»Sie wird dir vergeben, wenn du sie um Verzeihung bittest!« sagte er. »Sie ist gut.«
»Soll ich sie um Vergebung bitten, weil sie mich umbringen wollte?« fragte ich und meine Augen blickten finster forschend in die meines Gatten.
Er schwieg und wandte sich ab.
»Soll ich mich entschuldigen, weil sie mein Kind getötet?« fragte ich noch einmal, und selbst diese elende kleine Gestalt fuhr bei dem Tone zusammen.
»Warum hast du ihr das Kind nicht gegeben, als sie es verlangt hat?« fragte er mich, und einen böseren Blick habe ich nie in menschlichen Augen gesehen.
Eine Pause entstand.
»Ich werde nie nach Europa zurückkehren,« warf er bitter hin, »und wenn mein Vater mich noch so sehr zwingen wollte. Lieber --« er vollendete nicht.
Der Arzt erschien mit der Wärterin, und da die Unterredung wieder Fieberanzeichen hervorgerufen hatte, verbot der Doktor Li Bai weitere Besuche während der nächsten Tage.
Ich starrte eben auf meinen ausgewickelten Fuß, auf dem wieder Strumpf und Schuh saßen, als sich die Saaltür öffnete und der Mandarin erschien.
»Besser, Ka?« fragte er.
»Ja, danke, leider!« erwiderte ich bitter.
Seine Augen sahen mich forschend an. »War Li Bai hier?«
»Gestern.« Ich schwieg einige Sekunden lang, nicht wissend, was oder vielmehr wie ich sagen sollte, was gesagt werden mußte.
»Er will nicht nach Europa zurück -- er will auch seine Mutter nicht verlassen -- und --« ich sank müde auf das Krankenlager zurück.
»Ka,« sagte er, »Sie sind ein tapferes Mädchen, das heißt, eine tapfere Frau!« verbesserte er sich. »Sie haben Jenny gegen meinen Willen vor -- vielem -- gerettet.«
Er berührte zum Abschied flüchtig meine Hand, eine seltene Gunstbezeugung, und sagte dann mit etwas wie Mitleid in der Stimme:
»Wenn Sie das Hospital verlassen können, so kommen Sie zu mir zur Bank und da -- da werden wir sprechen.« Damit ging er.
Ein paar Tage humpelte ich mühselig zwischen den Betten auf und ab, um meinen Fuß wieder in Ordnung zu bringen, dann ging es besser, und eine Woche nach meiner Unterredung mit dem Mandarin durfte ich das Hospital verlassen.
Um zehn Uhr stand ich, schwach und vor Kälte trotz meiner Pelze heftig zitternd, vor der Bank meines Schwiegervaters. Vielleicht war es auch Aufregung, was meine Zähne so unheimlich gegeneinander klappern ließ. Derselbe Diener, der uns vor einem Jahre die Tür geöffnet hatte, schlug nun dieselbe für mich allein zurück, und ich stand vor dem Mandarin, der mich mit einer höflichen Handbewegung aufforderte, Platz zu nehmen.
Eine Weile saßen wir uns stumm und regungslos gegenüber, dann sagte der Bankdirektor mit einer Festigkeit und Unumwundenheit, die gegen alle chinesischen Grundsätze und alle Ueberlieferungen des Himmlischen Reiches verstieß:
»Li Bai, mein jüngster Sohn, ist ein Esel.«
Ich widersprach nicht, denn, wenn eine Tatsache so einleuchtend ist, wie diese, ist selbst chinesische Höflichkeit nicht mehr vonnöten.
»Ka,« fuhr er fort, »Sie sind eine sehr nette, kluge und immer gefällige Schwiegertochter gewesen. Ich möchte nur ungern Unannehmlichkeiten mit dem deutschen Konsul haben. Wollen Sie nach Europa zurückkehren? Wollen Sie, daß wir eine Scheidung einleiten und als Grund -- als Grund --«
»Böse Zunge der Gattin angeben!« sagte ich. »Das ist ein Scheidungsgrund in China und das genügt.«
»Aber dies gilt nicht vor Ihrem Konsul!« sagte er.
»Mangel an Uebereinstimmungsvermögen, Untreue, was Sie wollen, nur lassen Sie mich nach Europa zurück!« versetzte ich müde.
»Wir werden Li Bai die Schuld geben,« sagte der Mandarin entschieden, »und ich werde nicht nur das von Ihrer Mama in meiner Bank niedergelegte Vermögen sofort auf eine europäische Bank überschreiben lassen, sondern Ihnen, wie vereinbart gewesen, einen jährlichen Betrag von --«
Ich lehnte ab. Ich wollte von den Chinesen nichts haben, aber was immer die Bewohner der Mitte auch sein mögen, redliche Geschäftsleute sind sie. Die Heirat war eine mißglückte Unternehmung, und er bezahlte ohne Murren das Defizit.
Eine Viertelstunde später war alles besprochen und ich kehrte in das Hospital zurück, um im Rekonvaleszentenheim noch so lange zu bleiben, bis die Scheidung vor dem chinesischen Magistrat und dem deutschen Konsulat vollzogen war, was in der nächsten Woche schon vorüber sein sollte. Heimkehren unter sein Dach wollte ich nicht, und darin gab mir der Mandarin vollkommen recht.
Die Scheidung sollte am 1. November vollzogen werden. Meine Koffer waren alle von Li Bai gepackt und nach Hongkong geschickt worden, da ich die Seereise zurück machen wollte; Mama hatte ich schriftlich von meiner veränderten Lage mit Bedauern (ich wußte, wie sehr sie auf die öffentliche Meinung hielt) Nachricht gegeben und zugleich mitgeteilt, daß ich erst einige Monate später reisen würde und auch bei meiner Heimkehr Jenny besuchen, aber nicht in meine Vaterstadt kommen wollte, um ihr alle Unannehmlichkeiten zu ersparen. Folglich war alles angeordnet und ich wieder frei -- ach frei! Nur ein Gang blieb noch, ein schwerer. Ich hatte meinen Schwiegervater gebeten, Sings Grab besuchen zu dürfen, und heute kam er, mich am Vorabend meiner Scheidung noch einmal durch den Garten zu begleiten, wo so unendlich viel Bitteres mir begegnet war.
Oede und feucht lag er vor mir, als ich an der Seite des Mandarins auf den Weiher zuschritt, die wieder hergestellte Brücke überschritt und unter den Teakbäumen vor dem Grabe meines Söhnchens stand. Keine geweihte Erde umhüllte seinen kleinen Sarg, kein Grabstein zeigte die Stelle, wo er begraben lag, nur einige kleine Steinchen zeigten den Ort, wo man die Kinderleiche der Erde anvertraut hatte.