Mein kleiner Chinese: Ein China-Roman

Part 14

Chapter 143,665 wordsPublic domain

Auch meine gelbe Schwiegermama setzte ein bedeutend freundlicheres Gesicht auf, schickte besondere Speisen zu mir, sorgte doppelt für meine Bequemlichkeit und erteilte Li Bai allerlei gute Ratschläge. Der Zauberer wurde geholt um auszurechnen, an welchem Tage der neue Weltbürger seinen Einzug halten würde, und aller denkbarer Hokuspokus wurde getrieben, was ich ruhig geschehen ließ, nur eins verlangte ich: Ich wollte rechtzeitig in das englische Spital gebracht werden, um dort nach unserer Art gepflegt zu werden, da mir der Gedanke, dann von Chinesinnen umgeben zu sein, ganz unerträglich war. Da ich Li Bais Versprechen kaum traute, wandte ich mich direkt an den Mandarin, der gegen eine Uebersiedlung in das Krankenhaus war, mir aber gelobte, eine »Nurse« oder Pflegerin von dort aufzunehmen und den europäischen Arzt zu verständigen, und mehr konnte ich nicht erwarten.

So weit weg von der Heimat, unter so ganz veränderten Verhältnissen sollte ich einem Wesen das Leben geben? Ich würde nun auf immer an Li Bai gebunden sein -- auf immer, denn ist in China die Scheidung leicht, wenn man keine Kinder hat, so wird sie geradezu unmöglich, wenn Nachkommen da sind. Wohl könnte ich in einem anderen Hause wohnen, mich aber nie von China entfernen, da die Regierung nur höchst ungern gestattet, daß irgendein Untertan das Reich verläßt. Nun war ich auf immer verdammt, in diesem lieblosen Lande zu verweilen, aber Li Bais neuerwachte Zärtlichkeit und jenes Glücksgefühl, das jede Mutter auch unter den traurigsten Umständen durchströmt, brachte Freude auch in meine freudlose Existenz im Reiche der himmlischen Mitte.

Die Silberkette wurde schon gekauft, die man dem kleinen Weltbürger (wenn es ein Sohn sein sollte) umgeben würde, die er sein Leben lang in Erinnerung an seine Mutter trägt und die am Hochzeitstage mit einer goldenen vertauscht wird. Für Mädchen trifft man keine Vorbereitungen -- Mädchen zählen nicht --, und während ein Sohn mit einem Edelsteine verglichen wird, beschreibt man ein Mädchen als wertlosen Ziegelstein. Die guten Chinesen vergessen, daß ohne Ziegelsteine keine Edelsteine in China wären.

Jeden Abend zauberte Li Bai zu meiner Unterhaltung herum und setzte geheimnisvolle Mienen auf, sooft er sich mir näherte oder um mich herumging.

»Was tust du, Li Bai?« fragte ich lachend.

»Ich zaubere, damit du einen Knaben bekommst und nicht etwa ein Mädchen,« erwiderte er ganz überzeugt.

»Wie er wohl aussehen wird?« meinte ich nachdenklich. »Am Ende ist es ein Ausbund der Häßlichkeit.«

»_Mein_ Sohn?« fragte Li Bai hocherstaunt. »Ich habe ihn gemacht,« setzte er stolz hinzu, und damit hatte er jede Zumutung über sekundären Erfolg zurückgewiesen. Sein Sohn konnte nur ein Prachtwerk sein. Wie ich lachte. --

Die angenehmen, heiteren Stunden waren zurückgekehrt. Mußte ich jetzt auch stillsitzen, so tat doch Li Bai viel, um mich zu unterhalten und fügte sich sehr oft meinen Wünschen da, wo er es vorher nie getan hätte. Leider dauerte dies nur etwa einen Monat, dann trat ein alter chinesischer Brauch trennend zwischen uns.

Eines Tages merkte ich, daß Li Bais Bett entfernt wurde. Ich war unbeschreiblich erstaunt und öffnete meine Augen so weit es ging, indem ich vergeblich versuchte, den Grund dieses Gebarens zu erfahren.

Meine Schwiegermutter legte ihren Arm um mich -- wohl um mich zu beruhigen, aber nervös, wie ich war, begann ich laut zu weinen, und endlich kam Li Bai und versicherte mir, daß wir nach chinesischem Brauche nicht länger zusammen wohnen dürften, da es dem Sprößling schaden könnte.

Wie ich mich wehrte, so mutterseelenallein gelassen zu werden, wie oftmal ich unter Tränen Li Bai bat, meine europäische Abstammung in Betracht zu ziehen, wie zärtlich forderte ich ihn auf, meinen Bitten nachzugeben und einen eigenen Haushalt zu gründen, wo ich nicht unausgesetzt von seiner Familie verfolgt werden würde. -- Umsonst! Li Bai küßte mich, versprach alles mögliche und -- verließ noch am selben Tage Tientsin, um in Geschäftsreisen oder angeblichen Geschäftsreisen einige Wochen fern zu bleiben.

Gerade um diese Zeit verträgt eine Frau am wenigsten das Alleinsein. Was Wunder, daß ich Tag und Nacht weinte, da ich immer stärker unter dem Heimweh litt, und als der Mandarin mich eine Woche nach Li Bais Abreise sah, war ich so mager geworden und sah so schlecht aus, daß er den Sohn sofort zurückkehren ließ -- vielleicht weniger um meine Pein zu vermindern, als aus Furcht, es könnte dem künftigen Träger des Namens Ming Tse schaden oder seine Ankunft gar vereiteln. Genug! Eine Woche später wohnte Li Bai trotz aller chinesischen Sitten wieder mit mir unter einem Dache.

Der Frühling war ins Land gezogen und alle die Zwergbäumchen in dem großen Garten waren in Blüte, die Brücken leuchteten in ihrem zarten Weiß und die Sonne spiegelte sich funkelnd in den zahllosen kleinen Bassins, die sehr geschmackvoll angelegt waren. Schlanke orientalische Bäume standen im Hintergrund der Parkanlagen und warfen ihren Schatten über einen Weiher, über den auch eine zartgeschwungene Holzbogenbrücke führte, und der, wie gering auch sein Durchmesser war, doch eine beträchtliche Tiefe besaß und den Kindern im Sommer als Schwimmplatz diente.

Unter diesen hohen Bäumen verträumte ich manche Stunde mit einem Buche oder mit einer der kleinen Nichtchen an meiner Seite, die in eintönigen Reimen, halb singend, halb sprechend, ihre Schulaufgaben aufsagte. In der Familie des Mandarins studierten auch die Mädchen, wenngleich die Knaben nicht damit einverstanden waren.

Alles was die Kinder können und wissen mußten, wurde auswendig gelernt und gesungen. Nichts Geisttötenderes als so ein chinesischer Unterricht, wo die Kinder von acht Uhr früh bis zum Sonnenuntergang in der Schule weilen mußten, wo man sie zuerst das Zeichen ordentlich zu schreiben lehrte, dann dessen Aussprache, hierauf die Bedeutung des Wortes und endlich seinen Wert im Satze. So wurde langsam der ganze Konfuzius auswendig gelernt, der allerdings die wichtigsten sittlichen Gesetze enthält, über Rechtswissenschaft und die Pflicht von Königen spricht, die genauen Zeremonien für jeden wichtigen Moment im Leben vorschreibt, über chinesische Geschichte teilweise Aufklärung gibt, aber über die augenblicklich notwendig gewordenen Kenntnisse, wie allgemeine Geographie, Physik, Geometrie usw. gar keine Aufschlüsse erteilt, den Schüler nie zum Denken anregt. So stellt dieser Unterricht eigentlich nur ein mechanisches Auswendiglernen dar. Dennoch wird an diesem Plane auch für die großen literarischen Wettprüfungen festgehalten.

Der arme Chung-Fu, der Jenny immer noch nicht vergessen und mir ebensowenig verziehen hatte, kam im April zur Prüfung und erzählte bei seiner Heimkehr von den mitgemachten Leiden.

Die Prüfungsgebäude in Peking umfassen eine ganze eigene Stadt und jedem Kandidaten wird eine eigene Zelle angewiesen, in der ein Brett an der linken Wand das Bett und den Stuhl vorstellt und ein Brett, etwas höher an der rechten Wand befestigt, den Tisch ersetzen muß. Jeder Kandidat muß Kerzen und Lebensmittel mitbringen, aber weder Bücher noch Papier dürfen mitgenommen werden. Jeder Kandidat wird bei seinen Namen aufgerufen, erhält eine Nummer, muß sich von Kopf bis zu den Füßen genau untersuchen lassen, damit auch nicht ein Stück Papier unerlaubterweise eingeschwärzt wird, bekommt hierauf Papier, Tusche und einen Pinsel und darf an dem Kanzler und dem Vizekanzler vorbei in das Reich der Prüfungsräumlichkeiten wandern.

Sind erst alle Kandidaten aufgerufen worden und in ihre Zellen verschwunden, so wird die Pforte feierlich versiegelt, einige Räucherstäbchen verbrannt, damit die bösen Geister draußen bleiben müssen, und sobald dies geschehen, kann niemand mehr hinein und niemand mehr heraus. Drei Fragen werden gestellt und drei Tage und drei Nächte arbeiten die Kandidaten ununterbrochen, dann muß die Arbeit abgegeben werden; ein Ruhetag entsteht und dann kommen wieder drei Fragen und drei Tage Beantwortungszeit und wieder ein Ruhetag und sodann wiederholt sich dieser Vorgang zum dritten und letztem Male.

Da sollen Männer bis über achtzig Jahre und schwache Jünglinge von zwanzig Jahren zu sehen sein, und bei dieser furchtbaren Anstrengung ist es kein Wunder, daß viele junge Leute irrsinnig werden oder sterben. Aber auch dann wird die Tür nicht geöffnet, sondern man wirft die Leichen einfach über die Mauer zu der vor ihr harrenden Menge.

Chung-Fu, der über seinen Erfolg sehr stolz war, erklärte den Tod der unglücklichen Kandidaten indessen auf ganz andere und abergläubische Weise. Die Geister, d. h. die uns stetig umgebenden bösen Geister dürfen nicht zulassen, daß eine böse Handlung ungestraft dahingeht und ein Bösewicht ein Mandarin wird. Hat ein Kandidat daher einen Mord auf dem Gewissen, so schleicht der Geist des ruhelosen Ermordeten im letzten Augenblick vor der Torschließung in die Prüfungsstadt hinein und sucht in den Zellen nach seinem Mörder. Trifft er ihn endlich, so verwandelt sich das gelbe Licht der Kerze langsam in ein grünes Licht und der Kandidat weiß, daß der Geist gekommen ist, um ihn zu erwürgen. Kein Schreien, keine Flucht kann ihn retten. Der Geist erwürgt ihn auf der Stelle und der Tote wird über die Mauer geworfen.

* * * * *

An einem herrlichen Maiabende sah ich meine älteste Nichte, ein Mädchen von etwa vierzehn Jahren, unter den Bäumen liegen und schlafen und wunderte mich, als ich sah, daß Li Bais Mutter auf sie zueilte und sie mit sich fort in das Haus zog, scheinbar böse, die arme Kleine dort gefunden zu haben.

»Warum wollte deine Mutter nicht, daß Pe-Niu unter den Bäumen schlafen soll? Es ist ja so schön dort draußen und hier ist es schwül und drückend!« fragte ich.

»Pe-Niu ist ein Mädchen und ein junges Mädchen darf nicht im Freien unter Bäumen einschlafen,« belehrte mich Li Bai. »Tut sie es, so kommt ein Vampir, und dann hat sie ein Kind, das weder ein Mensch noch ein Tier ist,« fügte er ganz ernsthaft hinzu.

»Li Bai, das glaubst du doch nicht?« rief ich verwundert, aber mein kleiner Chinese schüttelte nur den Kopf und meinte, daß ich nicht lachen sollte über Sachen, die ich nicht verstünde.

An Dämone und Vampire glauben Chinesen, wie die Katholiken an die Heiligen.

=Barnets smil og glaede söd er som livet uten død. Barnesmil og barnetro bygger over døden bro.=

=Norwegisches Lied.=

XVI.

Langsam verstrichen die Wochen, sie glitten fast unbemerkt an mir vorbei, die ich leidend auf den Kissen meines Lagers lag und die Zeit herbeisehnte, wo ein kleines süßes Wesen die gefürchtete Einsamkeit auf immer von mir nehmen würde. Li Bai war aufmerksam gegen mich, aber wie verschieden von den Männern des fernen Okzidents! Wie unempfindlich gegen die körperlichen Leiden seiner Mitmenschen, wie verständnislos gegen jedes tiefere seelische Weh. Er konnte kindlich heiter oder männlich brutal sein -- Mann in des Wortes schönster Bedeutung war er nie.

Jenny schrieb mir oft. Sie war mit dem Doktor verheiratet und im zehnten Himmel oder so klang es wenigstens aus ihren Zeilen heraus. Ich gönnte dem Kinde sein reines Glück, aber ich vermochte nicht ganz die Frage zu unterdrücken, warum Jennys Geschick so viel, viel lichter als das meinige sein durfte, warum ich immer nur Pech, sie immer nur Glück hatte? Hunderterlei philosophische Betrachtungen ließen sich daran knüpfen und doch wollte mich keine Antwort befriedigen. Wieviel glücklicher als wir Menschen waren die elenden Raupen, auf die wir doch nur mit Verachtung herabsahen! Jede hatte dieselben Lebensberechtigungen und genoß dieselben Freuden wie ihre Nachbarin, kein weniger vorteilhaftes Aeußere schnitt ihre Glückschancen jäh ab, keine Gewissensbisse konnten eine Raupenexistenz trüben, keine leidenschaftlichen Wünsche ein Raupeninneres erzittern machen, es sei denn der Wunsch, ein saftiges Blatt zu verspeisen. Hatte eine Raupe einen Baum voll solcher Blätter gefunden, konnten die anderen gewiß sein, auch auf denselben Baum klettern zu dürfen. Mein ewig forschender Geist versuchte und versuchte immer vergeblich das Rätsel unseres Seins zu lösen. Li Bai litt nie unter dieserlei Gedanken, ihm war alles gleich, wenn er nur hübsche Kleider, Geld, genug Speise und Trank und -- Mädchen hatte, alles andere hatte keine Bedeutung für ihn.

Nur ein Ereignis aus dieser Zeit steht klar vor meinen Blicken. Unser Nachbar, Herr Liang Tse, wurde plötzlich zu seinen Vorfahren einberufen, und da er nicht nur ein alter Nachbar, sondern auch ein guter Freund des Mandarins war, nahm unsere ganze Familie regen Anteil an dem Unglücksfall. Unter reger Teilnahme darf man nun freilich nicht unser europäisches Mitleid verstehen -- so etwas kennt ein Chinese nicht --, wohl aber ein Sichwichtigmachen und ununterbrochenes Hin- und Herlaufen zwischen unserem Hause und dem Sterbehause der Liang Tses.

Sieben Tage lang darf nämlich daheim nichts gekocht werden, und daher bringen alle Nachbarn die nötigen Lebensmittel in das Sterbehaus, die aber nicht mit den Speisestäbchen, sondern nur mit den Fingern in den Mund befördert werden. Wenn man bedenkt, daß die Vorschrift ebenfalls befiehlt, daß man sich in der Zeit weder waschen noch die Haare schneiden, noch die Nägel verkürzen soll, so wird man leicht begreifen, wie unendlich appetitlich so eine Hand am siebenten Tag aussieht -- für europäische Begriffe natürlich, denn ein Chinese sieht nicht den Schmutz, sondern lediglich die große Trauer der Hinterbliebenen in einer solchen Handlung.

Die weiblichen Familienmitglieder müssen Tag und Nacht bei der Leiche bleiben, und alle müssen so laut als möglich ihre Klagen gegen den Himmel (oder die Zimmerdecke) schreien. Wer das Sterbezimmer betritt, muß auf Händen und Füßen herankriechen, um den Toten die gebührende Ehre zu zeigen. Parte werden auf braunem Papier geschrieben und durch die Neffen oder Enkel des Dahingeschiedenen in die Häuser aller Bekannten geschickt, aber man erwartet auch eine gewisse Belohnung für solche Aufmerksamkeit. Die so mit Parte bedachten Personen geben meist den Kindern einige Geldstücke, die beitragen, die hohen Begräbniskosten zu decken, denn so eine Beerdigung eines Hausvaters ist eine sehr kostspielige Sache in einem Lande, wo man den Toten viel mehr Ehren zollt als den Lebendigen.

Der Sarg allein, der mindestens so groß wie ein kleines Zimmer ist und aus dem dicksten Mahagoniholz sein muß, kostet sehr viel Geld und wird oft schon viele Jahre vor seinem Ableben von dem Manne selbst gekauft und nach und nach abgezahlt. In der Mitte dieser großen Kiste ist eine Oeffnung, groß genug, den Toten bequem ruhen zu lassen, rund um diese Vertiefung aber befinden sich allerlei Fächer, in die alle Kleider, Schmuckgegenstände usw. des Verstorbenen gelegt werden und die ihn in das Grab hinabbegleiten. Damit ist aber lange nicht genügt. Täglich müssen eine große Anzahl Räucherkerzen und wohlriechendes Holz verbrannt werden und der Tote darf nicht früher der Erde übergeben werden, bevor der Zauberer nicht den richtigen Platz gefunden hat, was oft recht viele Tage in Anspruch nimmt; ferner muß die Familie weiße Trauerkleider haben, die sie jedoch schon nach der Beerdigung gegen dunkelblaue (Halbtrauer) umtauschen können. Alle roten Papierstreifen im Hause müssen entfernt und diese durch weiße ersetzt werden, was alles viel Geld kostet; aber am meisten kostet wohl der lange Trauerzug.

Die Leiche wird mit einer Schicht Baumwolle umgeben und sodann der Sarg sorgfältig verklebt, damit auch nicht die allergeringste Spalte bleibt. Ist dies geschehen, so trägt man den Sarg, den zwanzig Männer kaum heben können, über die Schwelle und der Trauerzug setzt sich in Bewegung. Voran tragen Chinesen allerlei Nachahmungen von Dienern und Dienerinnen auf Papier, wie auch von Tieren, Hausgeräten aller Art, von Kleidungsstücken und ähnlichen Sachen, die alle auf dem Grabe feierlich verbrannt werden und mit denen sich der Geist in der nächsten Welt seinen neuen Haushalt gründet. Papierene Gold- und Silbermünzen werden auf den Weg gestreut, damit die Dämone über sie herfallen und den Toten unbeachtet lassen. Viele Räucherkerzen und Papiere werden unterwegs und auf dem Grabe verbrannt, und die Leidtragenden stimmen die ohrenzerreißendsten Klagegesänge an. Die Söhne des Dahingeschiedenen müssen immer von zwei Chinesen unter den Armen gehalten werden, weil man annimmt, daß sie vor lauter Gram und Kummer nicht gehen können, aber in Wirklichkeit ist ihr Schmerz keineswegs allzu groß. Wirft sich gar ein Sohn in den Staub, um darin herumzurollen und Jammerlaute auszustoßen, so muß der Zug stehenbleiben, bis der Mustersohn sich wieder gefaßt hat, und so eine öffentliche Kummerbezeugung wird ihm sehr hoch angerechnet. Bei den Chinesen mehr als bei allen anderen Völkern gilt überall und vor allem der Schein.

Am Grabe angekommen, das fast durchwegs die Form eines Hufeisens hat und das immer bewacht ist, da die großen mitversenkten Schätze die Banditen sehr anlocken, werden alle nachgeahmten Tiere, Diener, Hausgeräte usw. verbrannt, Räucherkerzen ebenfalls, das Jammergeschrei der Leidtragenden muß meilenweit hörbar sein und dann erst darf man an den Rückmarsch denken. Fahren darf niemand und da oft ein Beerdigungsplatz viele Stunden weit entfernt liegt, kommen die Leidtragenden mehr tot als lebendig heim. Aber was tut's? Sie haben ihre Pflicht erfüllt und ein schönes Beispiel kindlicher Liebe und Hingebung gegeben.

Hundert Tage nach dem Sterbetag des Vaters wird seine Namenstafel dem Hausaltare eingefügt, vor dem der jetzige Hausherr täglich seinen Kotau machen muß, und damit ist die Geschichte erledigt. Nein, nicht ganz! Denn drei Jahre lang sollen die Kinder Trauer tragen und in der Zeit dürfen sie keine Ehen schließen. Man beschränkt die Trauerzeit jedoch heutzutage meist auf zweieinviertel Jahr, was noch immerhin sehr lange für unsere Begriffe ist.

Li Bai, der sich vor dem Tode sehr fürchtete und mir oft sagte, daß er lieber ein blinder lahmer Krüppel sein würde als sterben zu wollen, war durch dieses Ereignis sehr niedergedrückt und bekam einen bösen Anfall nach dem anderen, was natürlich in Grausamkeiten, wenn nicht in Werken, so doch in Worten, mir gegenüber sein Ende nahm. Auch war er von beispiellosem Aberglauben.

»Wenn eine Katze auf dem Dache oberhalb des Sterbezimmers ist und ein Hund unter das Bett des Toten kriecht, so kann der Tote aufstehen und dann tötet er alle, die er erreichen kann,« sagte er ganz überzeugt. »Und daher muß immer ein Wächter das Dach bewachen und die Leute unten das Eindringen eines Hundes verhüten,« er rückte mir ganz ängstlich näher, »wenn es aber doch geschehen sollte, daß der Tote aufstehen kann, so muß man ihm einen Stock in die Hand geben, da faßt er ihn gleich mit beiden Armen und fällt um und dann kann man sich ihm ruhig nähern und ihn zurück auf das Bett legen.«

Auch wußte er von Toten zu erzählen, die im Sarge laut geschrien hätten, von Dämonen, die allerlei Unfug getrieben, weil man nicht Räucherkerzen genug abgebrannt hatte, von Vampiren, die sich auf den Körper ihres vorigen Feindes stürzten und sein Blut langsam aussaugten und vieles dieser Art.

Grausame Geschichten gefallen dem chinesischen Temperament, grausame Strafen zu ersinnen ist ihnen ein seelischer Hochgenuß. Li Bai konnte ein wahres Vergnügen daran finden, mir trotz meines Zustandes von Enthauptungen chinesischer Verbrecher zu erzählen und die furchtbare Methode des langsamen Verbrennens einer Gattenmörderin zu beschreiben, der man ein chemisches Präparat in Gestalt einer Stange in den Magen stößt, das sie langsam innerlich verbrennt. Drei Tage und drei Nächte leidet das Opfer die furchtbarsten Schmerzen, bevor endlich die Erlösung eintritt. Die Folter wird noch allgemein angewendet und die verschiedenen Todesarten sind allzu grausam, als daß ich sie hier beschreiben wollte. Sie scheinen den Chinesen keineswegs zu hart und eins ist gewiß: Sie empfinden körperlichen Schmerz nicht wie wir. Sie ertragen Foltern, die kein weißer Mann aushalten könnte und sie verstümmeln absichtlich ihre Glieder, brennen ohne Klagen ihre eigenen Augen aus oder schlagen sich mit einem Stein Beulen auf den Kopf, um sich zum Bettlerfache auszubilden. Sie gehen an menschlichem Elend mitleidslos vorüber, vielleicht weil oftmalige Hungersnot, Seuchen und Ueberschwemmungen sie unempfindlicher gemacht haben, sie sind heldenmütig im Ertragen ihrer Leiden und Krankheiten, welche sie meist dem Einflusse böser Geister zuschreiben, und sie sind kaltblütiger als wir. Ihre Moral ist nicht unsere Moral, ihre Neigungen stimmen nicht mit den unsrigen überein. Sie sind fesselnde Bekanntschaften und schlechte Verwandte; als Diener sind sie schweigsam, fleißig, genügsam und ausdauernd, sehr schmutzig, unredlich und verlogen. In ihrer Heimat sind sie ebenso gut, wie wir in der unsrigen, aber wie wir nicht zu ihnen passen, passen auch sie nicht zu uns. Der Mond hat gewisse Vorzüge, seine Schönheit und seinen Wert, aber er muß am Nachthimmel sich zeigen. Vereint am Himmel können Sonne und Mond nicht stehen, ohne sich gegenseitig allzusehr zu benachteiligen. Westen ist Westen und Osten ist Osten, sagt Kipling, aber die beiden können sich nie treffen. -- Nein, nie treffen in gleichen Anschauungen, gleichen Grundsätzen, gleichem Ziele zusteuernd. --

Täglich trat bei Li Bai mehr und mehr der materialistische Zug seines Wesens hervor, die Kopfschmerzen, die, wie wir endlich entdeckten, von dem unsinnigen Brauch herrührten, sich eine schlanke Mitte zu schaffen und zu erhalten, indem er einen breiten Ledergürtel straff über den Magen spannte, nahmen immer zu und seine Wutausbrüche wurden nicht geringer. Er sollte immer studieren, um im Herbst nach Europa zurückzukehren -- der einzige Hoffnungsstrahl, der das grausige Dunkel meines Lebens erhellte -- und dies wollte er nicht. Er liebte das tatenlose Dahinleben, das Zeitvergeuden und die oberflächlichen Gespräche, die er mit seinen Freunden pflegen konnte, und wollte auch, zu seiner Ehre sei es gesagt, seiner Mutter gern als Schutz gegen die Konkubinen seines Vaters zurückbleiben, aber der Mandarin übte seine ganze Strenge aus und ich tat, was ich vermochte, um ihm den Uebergang vom Nichtstun zur Arbeit so leicht als möglich zu gestalten.

Ein heißer, wolkenloser Junitag. Li Bai stand vor dem großen Spiegel in der Ecke unseres Schlafgemachs und rasierte sich -- etwas, das er nie zu tun versäumte, da er sich glühend einen Bart wünschte, der aber bei den Chinesen selten vor dem Alter von vierzig Jahren sichtbar wird und daher, weil ein Zeichen weiseren Alters, immer Ehrfurcht einflößt; aber obschon er mir oft beteuerte, daß sich schon eine Unzahl Haare zeigten, muß ich gestehen, daß ich nie den Schatten auch nur eines einzigen kleinen Härleins entdecken konnte und sein Gesicht so glatt wie die reinste Haut eines jungen Mädchens war.

Ich fühlte mich elend -- elend -- und doch hatte der Zauberer mir den Storchbesuch erst für Anfang August angekündigt, aber jedenfalls hatten die ununterbrochenen kleineren und größeren Aufregungen das ihre beigetragen. Ich schrie auf und sank bewußtlos zurück.

Als ich die Augen wieder aufschlug, stand Li Bai über mich gebeugt da und fragte, ob ich mich nicht ganz wohl fühlte.

»Li Bai,« sagte ich bittend, indem ich meine letzten Kräfte aufraffte, »sende jemand in das englische Hospital.«

Einen Augenblick schien es, als wollte er Einwendungen machen, dann aber mußte mein Aussehen wohl jeden Zweifel getilgt haben, denn er machte sich daran auszugehen. Bevor er das Zimmer verließ, trat er noch einmal an mein Lager, wo ich schweißbedeckt und stöhnend lag.

»Mutter wird bald kommen und die ›Nurse‹ auch,« sagte er, »und mach' dir nichts daraus, wenn du ein paar Stunden große Schmerzen hast. Das ist immer so.« Damit nahm er seinen Fächer und verschwand. --