Mein kleiner Chinese: Ein China-Roman

Part 13

Chapter 133,643 wordsPublic domain

»Ich will meine Kinder glücklich sehen!« entgegnete Mama, die nur an den Doktor, an die Verbindungen seiner Eltern, an den Glanz einer Trauung, den Neid der Tanten und so weiter dachte, und an der jeder Pfeil des Spotts wirkungslos abprallte.

»Ich kenne den Doktor sehr gut und wünsche lebhaft eine solche Verbindung!« sagte Mama rasch. »Das süße Dingelchen hat wohl aus lauter Scheu über den Antrag nicht gesprochen, bis wir wieder auf der Heimreise wären!« fügte sie mit sichtlicher Befriedigung hinzu. Sie dankte meinem Schwiegervater warm für die Gastfreundschaft, die er ihr und Jenny gezeigt hatte, und drückte ihr Bedauern aus, daß sie seine Bitte, Jenny noch einige Monate in China zu lassen, nicht erfüllen könne, damit neigte sie grüßend das Haupt und eilte auf ihre Zimmer zu.

Ich fühlte, wie etwas mir kalt und unbehaglich den Rücken hinablief, als ich die verschleierten Blicke des Mandarins auf mich gerichtet sah. Wir standen uns wohl eine geschlagene Minute regungslos gegenüber, dann sagte er kalt:

»Sie sind sehr bemüht, Ihrer Schwester Glück zu gründen -- ist es so schlimm, mit einem Chinesen verheiratet zu sein?«

»Nein,« antwortete ich tonlos, »aber man muß auf vieles verzichten, was man in Europa in einer Ehe finden kann. Wenn ich mit Li Bai glücklich bin, folgt daraus noch nicht, daß meine anspruchsvolle Schwester es auch sein würde.«

»Und was muß man in einer chinesischen Ehe entbehren?« fragte er finster.

Ich dachte an Li Bais wechselndes Verhalten, seine oft ausbrechende Grausamkeit, seine Gleichgültigkeit gegen mein Unwohlbefinden, seinen Mangel an Nachsicht und seine immer seltener werdenden Liebkosungen.

»Zärtlichkeit und Freiheit!« erklärte ich daher unerschrocken.

Er schien meine Entgegnung absichtlich zu überhören. Er verweilte einige Sekunden lang in derselben Stellung wie früher, dann sagte er:

»Mein Plan mißlang -- durch Ihre Schuld.« Er fügte kein einziges Wort hinzu, er sprach den Satz nicht lauter als alle anderen Sätze aus, aus seinen ruhigen Gesichtszügen sprach keine Drohung -- nicht einmal die geringste Unzufriedenheit -- und doch wußte ich, daß kein Verbrecher so bitter bestraft werden würde für sein Vergehen, als die kleine Schwiegertochter, die seine Pläne so jäh über den Haufen gestoßen.

»Um Jennys willen,« sagte ich mir, als ich mit tiefer Verbeugung von Ming Tse senior Abschied nahm.

Kaum war ich glücklich seiner angsteinflößenden Persönlichkeit entgangen, als ich Jenny suchte und sie endlich mit Chung-Fus Söhnchen auf dem Schoße fand, mit dem sie eifrigst spielte und den sie küßte. Dieser Anblick erschreckte mich so, daß ich alles andere darüber vergaß.

»Um Himmels willen, Jenny,« rief ich, »küsse den Kleinen nicht. Du weißt, wie furchtbar unsittlich man das Küssen hier findet, und daß meine Schwiegermutter es mir nie verzeihen würde, so etwas geduldet zu haben?«

Jenny ließ den kleinen siebenjährigen Chinesen von ihrem Schoße auf den Boden gleiten. Da flog auch schon meine Schwägerin herbei und riß das Kind zeternd mit sich fort. Ein haßerfüllter Blick traf meine Schwester und dann auch mich.

Kaum waren wir allein, als ich Jenny von meinem Gespräch mit dem Mandarin erzählte.

»Aber Käthe, der Doktor will mich am Ende gar nicht, er hat nie --« warf sie ein.

»Du mußt Mama sagen, daß er um dich in aller Form gefreit hat!« erklärte ich mit Bestimmtheit. »Ich werde dir einen Brief mitgeben, den du sofort aufgibst, wie du frei hier herauskommst. Wahrscheinlich wird der Doktor dich heiraten, denn er scheint dich zu lieben, dafür spricht die Locke -- und anderes, aber wenn auch nicht --, so lange dich der Arm chinesischer Gerechtigkeit erreichen kann, mußt du Mama und alle anderen Leute in dem Glauben lassen, daß du mit deinem Doktor verlobt bist. Jenny,« fuhr ich tiefernst fort, »wenn du einen Fehler machst, kommst du nie mehr nach Europa zurück.«

Meine Schwester sah den Ernst der Lage ein und spielte ihre Rolle vortrefflich. Ich selbst schrieb einen langen Brief an den Doktor, den Jenny in ihrer Bluse versteckt herumtrug, bis es ihr gelang, ihn unbemerkt in einen Briefkasten zu werfen. In dem Briefe aber hatte ich dem Doktor die ganze Sachlage erklärt und ihm gesagt, daß er sich nicht für gebunden zu halten brauche, da ich Mama sofort von dem wahren Sachverhalt verständigen würde, sobald China mit seinen Schrecken hinter den mir teuren Reisenden liegen werde.

Zwei Tage später reisten Jenny und Mama ab. So sehr zitterte ich um das Glück meiner Schwester, daß ich fast gar nicht weinte, als sie schieden, und erst als ein Telegramm von Nagodan mir sagte, daß sie das Himmlische Reich wieder verlassen hatten, überkam mich das Bewußtsein meiner grenzenlosen Einsamkeit. Seit dem Gespräch mit meinem Schwiegervater wurde ich nicht mehr in die Bank gerufen, und mit der Abreise Mamas und Jennys war das letzte Band zerrissen, das mich an die Außenwelt knüpfte.

Ich war wieder allein -- wieder der Einsamkeit preisgegeben -- und besaß noch weniger als früher. Ich hatte eines Trugbildes wegen das letzte Gut geopfert, das ich besessen hatte -- die Freiheit!

Erst jetzt war ich wirklich allein!

* * * * *

Und wieder vergingen Tage und Wochen.

Von keinem Leid, so schwer es sei, Laß stimmen deine Seele trüber. Geht auch dein Leiden nicht vorbei, So gehst du doch vorüber.

Hartmann.

XV.

Es mochten drei Wochen nach Mamas Abreise verstrichen sein, als Li Bai eines Abends mit ganz entstellten Zügen zu mir gestürmt kam. Der arme Kerl konnte nicht sitzen, so furchtbar hatte sein Vater auf ihn losgeprügelt. Li Bai hatte sich gegen eine der Konkubinen vermessen und sich erlaubt, sie zu schlagen, als sie sich ihm widersetzte, wofür der Mandarin von seinen väterlichen Rechten ausgiebigen Gebrauch gemacht und seinen jüngsten Sohn mit dem Stocke bearbeitet hatte. So etwas klingt uns Europäern ganz unglaublich, ist es jedoch in Wirklichkeit nicht. Auch wenn der Sohn schon vierzig Jahre alt ist, darf der Vater ihn durchprügeln, und das so kräftig und so oft er nur will -- ausgenommen, wenn der Sohn selbst Vater ist. Im Augenblick, wo er diese Würde erreicht hat, darf der Vater ihn nicht mehr körperlich züchtigen, denn da ist er endlich, ob er nun fünfzehn oder fünfzig Jahre zählt, »Respektsperson« geworden. Ein Mann, der keine Kinder hat, ist in China eine wertlose Person -- wahrscheinlich strafen ihn die Götter, indem sie ihm für seine Vergehen keinen Erben schenken wollen.

Erbittert über seinen Vater, war Li Bai lange Zeit in einer solchen Wut, daß man mit ihm gar nicht sprechen konnte, und als er endlich wieder gefasster war, beschwor er mich, schnell ein Kind zu haben, damit er seine Freiheit wiedererlangen könne. In solchen Augenblicken sehnte er sich, glaube ich, nach dem freien Europa zurück.

Ich kann kaum sagen, daß in unserem Verhältnis eine große Veränderung eintrat, nur wurde Li Bai immer kälter, blieb immer länger abwesend von daheim und wurde immer reizbarer. Seine Anfälle wurden immer heftiger und wiederholten sich häufiger als zuvor, was mich aber am meisten verwunderte und mit Angst erfüllte, das war zweifellos der Umstand, daß die leichte Tünche europäischer Kultur langsam aber sicher von ihm abglitt, etwa wie eine Schlange langsam aber ununterbrochen ihre alte Haut abstreift. Er war reinlich -- das war ihm angeboren --, aber dies war auch die einzige Tugend, die nicht ins Wanken geriet. Alle die kleinen Aufmerksamkeiten, die er mir in Europa so oft gezeigt und im Beginn unserer Ehe noch geübt hatte, verschwanden nach und nach. Er ging nun nie mehr hinter, sondern nach chinesischer Sitte vor mir, er öffnete nicht länger die Tür für mich, um mich durchzulassen, sondern nahm von meiner Gegenwart keine Notiz. Beim Essen bediente er mich nicht wie einst, sondern warf einige Speisen auf meinen Teller oder in meine Schüssel, oft auch erst, nachdem er sich selbst bedient hatte. Er tadelte -- und dies mit Recht -- meine Abneigung gegen häusliche Beschäftigungen und meine Unordnung, und wenn er mit mir studieren sollte, war er so bissig in seinen Bemerkungen, so unhöflich und oft so grausam, daß ich nur mit Zittern daran zurückdenke. Dazwischen konnte er Anfälle seiner Wildheit haben und mich jäh am Halse zu würgen beginnen, was ihm stets leid tat, sobald er wieder sein eigenes Ich war. Wenn er manchmal wieder lieb wurde, war es nur in höchst gleichgültiger Weise, und seine stereotype Entschuldigung für alle seine Eigenarten war, daß alle Weiber gleich seien. -- So lange sie den niedrigsten Zwecken dienten, war es einerlei, wie sie aussahen oder wer sie waren. Jede Europäerin wird mir nachfühlen können, wie ich darunter litt, selbst wenn ich um des lieben Friedens willen schwieg.

»Wenn dies deine Anschauungen sind, Li Bai,« sagte ich eines Tages, »warum hast du dann gerade mich gewählt?«

»Weil du eben am nächsten warst!« erwiderte er mit mehr Aufrichtigkeit als Zartgefühl.

Auch an anderen entmutigenden Einflüssen fehlte es nicht. Nach langer Zeit hatte der Mandarin mich wieder einmal in die Bank rufen lassen, wo zu meiner Freude ein großer Haufen Korrespondenz zur schleunigen Erledigung auf mich wartete. Ich arbeitete mit fieberhaftem Eifer und vergaß für die Zeit alles Bittere in meiner Existenz, als sich die Tür öffnete und zwei Europäerinnen und ein Europäer eintraten. Ich mußte eine Weile lang allerlei Bankangelegenheiten besprechen, da mein Schwiegervater ausgegangen war und die anderen Beamten der europäischen Sprachen nicht mächtig waren, und bald entspann sich das lebhafteste Gespräch.

Der Herr war schon zwei Jahre ansässig in Tientsin, die Damen waren ihn soeben besuchen gekommen, und nun erzählte er uns allen seine humorvollen Erfahrungen mit den chinesischen Dienstboten.

»Da ist zuerst mein »Boy« mit seinem Pidgin Englisch, der mir vielen Verdruß macht!« erzählte er lachend. »Man möchte meinen, daß er einen Harem voll Frauen und ein Dutzend Mütter hat, denn alle Augenblicke wird entweder die Frau oder die Mutter krank und stirbt, und da muß er heimreisen -- natürlich reisen immer einige meiner Sachen mit ihm, aber es wäre ganz nutzlos, sich dagegen irgendwie aufzulehnen. Jeder Boy stiehlt, und zwar so viel er kann, aber er sieht glücklicherweise darauf, daß ihm dabei niemand ins Handwerk pfuscht. Auch nimmt er selten Geld, da könnte der Herr vielleicht doch grausam genug sein, ihn den Obrigkeiten zu übergeben, und ein Dieb wird in China furchtbar streng bestraft.«

Daran erinnerte ich mich, denn oft mußte der Mandarin sein Urteil sprechen. Manchmal wirft man ihn ins Gefängnis, wo er langsam zugrunde geht, oft macht man ihn um einen Kopf kürzer, oder man gibt ihm fünfundzwanzig oder mehr Stockstreiche auf die Fußsohlen, was auch nicht angenehm sein soll.

»Aber was ist der Boy gegen den Koch!« jammerte der lustige Herr. »Wohl kann er im letzten Augenblick und ohne vorherige Benachrichtigung ein vorzügliches Mahl auf den Tisch stellen, indem er die Fleischspeise bei Koch im Hause links und die Mehlspeise bei Koch im Hause rechts, und die Suppe bei Koch im Hause gegenüber und vielleicht das Gemüse bei Koch im Hause an der Ecke ausborgt, aber in die Küche durfte man nicht gehen, wenn man nicht vor Ekel vergehen wollte. Nicht genug, daß der Boden an und für sich an einen Stall weit eher als an einen Küchenboden erinnert,« sagte unser Erzähler, »und die Bänke und Tische vor Schmutz geradezu kleben, sind auch die Töpfe, Schüsseln, Teller und Pfannen oft mit einer dicken Rinde von angebranntem Fett, Gemüseüberresten oder dergleichen bedeckt, ohne daß es den Koch im geringsten stören würde. Wenn man ihm aber die Schüssel hinhält und sagt, daß dieselbe nicht rein sei, so dreht er sie erst ein paarmal gründlich in den eigenen schmutzigen Fingern hin und her und stellt sie dann ruhig mit dem Bemerken nieder, daß sie noch lange nicht schmutzig genug sei, um gewaschen werden zu müssen.«

Wie ich dabei an meine Mama dachte, sie, die über unsere alte und oft nicht allzu saubere Köchin die Hände über dem Kopf zusammenschlug -- was würde sie wohl sagen, wenn sie einen chinesischen Koch im Hause hätte?

»Sie können sich denken, meine Damen,« fuhr Herr Leghorn fort, »daß so ein Koch auch mit der gleichen Reinlichkeit gekleidet ist, und daß er seine Hände nur dann wäscht, wenn er sie vor Schmutz nicht mehr frei bewegen kann. Gegen Messer, Gabeln und Löffel hat der Koch eine unüberwindliche Abneigung, denn wozu hat ihn eine weise Vorsehung mit zehn Fingern ausgestattet, wenn er sie nicht gebrauchen soll? Seine Pfote ist das einzig geltende Thermometer, seine Zunge der Löffel, mit dem er die Suppe herausschöpft und kostet. Er verdient sein Marktgeld ebensogut wie die drallen Köchinnen in Europas Großstädten, indem er das billigste einkauft und die höchsten Preise anrechnet, oder indem er vom Gewicht zurückbehält oder es sammelt, bis wieder ein Päckchen zusammengekommen ist, das er dem Herrn dann als neueingekauft überreichen und anrechnen kann.«

Die Damen und ich beklagten den armen Herrn Leghorn sehr, aber er lachte nur und meinte, daß er ja bald aus dem ver....... Loch fortkommen werde und ihm dieser Gedanke ein Trost sei.

»Und mein Wäschermann oder Waschmann, wie ich den Menschen wohl nennen muß,« ergänzte Herr Leghorn seinen Bericht, »das ist der fürchterlichste von ihnen allen. Er leiht meine Hemden und meine übrige Unterwäsche minderbemittelten Menschenkindern und bringt sie mir dann sehr schön zusammengefaltet wieder, so daß man die Löcher auf den ersten Blick gar nicht wahrnimmt. Wirft man ihm aber so einen gemachten Schaden auch vor, so sagt er nur: »Nichti ichi, seini Waschi dem haben so gemachi.«

Wir lachten alle -- der gute Chinese redete sich auf das Präparat aus, das er verwendete, um die Wäsche rein zu bekommen.

Noch eine geraume Weile dauerte das Gespräch fort, und erst beim Abschied fragten mich die drei, wie ich selbst nach China gekommen wäre. Einige Sekunden lang zögerte ich -- ich wußte, was mein Geständnis bedeuten würde --, aber dann sagte ich mit Entschlossenheit:

»Ich bin die Frau Ming Tses, des Sohnes des hiesigen Bankdirektors!«

Jedes Lächeln, jedes Wohlwollen verschwand aus den Gesichtern der drei Besucher, die über eine Stunde lang so vertraulich mit mir geplaudert hatten. Man muß im Orient gelebt haben, um zu verstehen, was es bedeutet, sich mit einem Eingeborenen vermählt zu haben. Man ist Paria, »=one has lost caste=«, wie die Engländer sagen, und kann nicht mehr in seine eigene Gesellschaft zurückkehren. Der Mann wird von seinen Angehörigen angefeindet, die Europäerin aber, die es gewagt hat, einen Bund fürs Leben mit einem Asiaten zu schließen, ist für immer aus dem Kreise ihresgleichen ausgestoßen. Sie hat das Heiligste -- ihre eigene Rasse -- verraten, und unversöhnlich stellt sich ihr Geschlecht ihr gegenüber. Mit einem leichten Kopfnicken verschwanden die drei Gäste und ich blieb zurück, vermieden und geächtet wie ein Aussatzkranker.

* * * * *

Neujahr, welches in China einen Monat später als in Europa anbricht, war nun vor der Tür. Die Amtssiegel und alles Amtspapier war versiegelt worden und durfte erst nach den Neujahrsfeierlichkeiten wieder gebraucht werden, alle Wohnungen wurden gründlich gereinigt, und selbst in der elendesten Kulihütte, wo nur ein schmutziges Loch mit einigen Decken und Kisten das ganze Hausgerät bildete, wurde mit Wasser gewüstet wie nie sonst. Haus und Menschen mußten rein sein, wenn die Jahreswende mit ihrem Segen sich näherte. Von allen Haustüren hingen rote Papierstreifen mit »Fu« in großen Zeichen, was »Glück« bedeutet. Um diese Zeit müssen alle Schulden bezahlt werden, und wehe dem Unglücklichen, der nicht imstande ist, es zu tun. Da kommen die Gläubiger und legen Beschlag auf sein Haus und lassen, was dem Chinesen schrecklicher dünkt, in der Neujahrsnacht die Haustür offen stehen, durch die alle bösen Geister und Dämone in das Haus eindringen und sich dort niederlassen, den Bewohnern allerlei Unglück mitbringend. Am Neujahrsmorgen erhält jedes Kind zwei neue Winter- und zwei neue Sommerkleider, und jeder ältere Bruder muß dem jüngeren ebenfalls ein Geschenk machen, während dieser wieder an die noch jüngeren Familienmitglieder, wie z. B. an seine Neffen, ein Geschenk weitergehen lassen muß. Alle Bekannten gehen in ihren besten Kleidern zu allen Verwandten und allen Bekannten, so daß alle Menschen vom ärmsten bis zum reichsten auf der Gasse anzutreffen sind.

Dies ist auch die beste Zeit zum Drachenfliegen, und Li Bai war ganz selig, weil wir zwei wunderschöne Seidendrachen hatten -- der eine davon stellte ein Haus, der andere eine riesige Schlange vor --, die am Abend und an den folgenden Tagen steigen sollten.

Es ist mir oft aufgefallen, wie sehr die Chinesen und auch die Japaner an den allereinfachsten, ja an geradezu kindlichen Vergnügungen und Spielen ihre allergrößte Freude finden. Selbst der ehrwürdige Mandarin, der täglich viele hunderttausend Mark durch seine Hände gleiten ließ und dessen Lippen oft ein strenges Urteil über einen Verbrecher aussprachen, selbst er freute sich über den Anblick des Drachen, als dieser stolz in die Lüfte flog, und Li Bai war so eifrig, daß er sich kaum Zeit zum Essen gab. Wirklich alte Chinesen, die ihre Urgroßenkel bei sich hatten, sahen zu den Drachen auf und freuten sich über den Fall des einen und den Flug des anderen wie muntere Schuljungen und erinnerten mich auch an die erregten Zuschauer bei einem europäischen Pferderennen oder einer Regatta.

Selbst die chinesische Bühne, die wirklich für unsere Begriffe sehr langweilig und unschön ist, und bei der die Phantasie des Zuschauers fast alles Fehlende ersetzen muß, erfreut mit ihren fast kindlichen Darstellungen die Chinesen. Frauen als Schauspielerinnen gibt es nicht, und die jungen bartlosen Chinesen ersetzen ganz gut das fehlende Geschlecht, aber die lärmenden Musikanten und die übereinfache Bühnenausstattung macht jeden Theatergang uns Europäern eher zu einer Folter als zu einem Vergnügen.

Unserer Musik und unserer Bühne sind dagegen die Orientalen ebenso feindlich gestimmt. Ihnen erscheint unsere Musik ebenso tonlos und unschön wie uns die ihrige, und unser Theater interessiert sie nicht. In Berlin hat mich ein junger Japaner in die Oper begleitet, mich aber schon vor Beginn der Vorstellung gebeten, freundlichst zu entschuldigen, wenn er gleich einschlafen würde, und das tat er auch, bevor die göttlichsten Arien zwei Minuten lang das Haus erfüllt hatten. Er schlief still und diskret -- nicht etwa mit tiefem Schnarchen, wie es eine charakteristische Eigenschaft der meisten Europäer ist --, aber er schlief fest und ruhig, bis der Vorhang fiel und das erste Stück ausgespielt war. Im zweiten Stücke wechselte die Szene ununterbrochen, da ein frecher Räuber verfolgt wurde, und das gefiel meinem orientalischen Freunde so gut, daß er gar nicht mehr an das Einschlafen dachte, sondern lebhaft mitlachte, sobald die Polizei dem Flüchtling nahekam oder er ihnen entwich. Das Mittelmäßigere vom künstlerischen Standpunkt, aber das dem kindlichen Gemüte Näherliegende erfreut sich des vollen Beifalls des fernen Asiaten. Indier dagegen lieben das Mystische, das Erhabene.

Trotz der starken Kälte standen wir den größten Teil des Tages auf der Straße, um die unzähligen Drachen steigen zu sehen, von denen einige wie ein Haus, andere wie Tiere, andere wie große Blumen aussahen, und die ebenso, wie in Nizza die blumenbekränzten Wagen beim Blumenkorso, Anlaß zu Prahlerei gaben; denn so ein Seidendrachen kann oft sehr kostspielig sein.

Am lebhaftesten ging es gegen Abend zu. Da erschütterten Knallerbsen das Trommelfell, Stimmen schwirrten durcheinander, Raketen flogen in die Luft, rote Bänder und Papierstreifen wurden geschwenkt, Musikanten schlugen mit bewundernswerter Ausdauer und Unerschrockenheit auf die Trommeln, andere Berufsgenossen stießen in die schrillen Trompeten, Kinder rannten einem zwischen die Beine und schrien aus vollen Lungen, Feuerwerke wurden abgebrannt und überall wohlriechende Holzarten in Brand gesetzt. Das einzig Hübsche an dem Ganzen schienen mir die unzähligen Lampions, die um alle Häuser befestigt waren und dem Beschauer auch aus jedem Hause entgegenleuchteten. Sie hatten verschiedene Farben, doch wurde hellrot bevorzugt, und die meisten hatten »Glück« darauf geschrieben.

Auch für den Magen war gut gesorgt worden. Berge von Kuchen aller Art standen bereit, und meine kleinen gelben Nichtchen und Neffen leisteten in der Unterbringung dieser Ware Unglaubliches, indessen bemerkte ich mit Bedauern, daß sich die Nichten erst dem »Kuchentroge« nähern durften, nachdem die gnädigen großen Brüder abgespeist hatten. --

Es mochte etwa Mitte Februar sein. Li Bai war vierzehn Tage abwesend gewesen, und wenn ich auch in der furchtbaren Kälte nicht zur Bank gehen durfte, fühlte ich mich doch nicht so verlassen, als ich gefürchtet hatte, denn der Mandarin schickte mir die Maschine in meine Wohnung, und so konnte ich den ganzen Tag lang auf ihr herumklappern -- zuerst um Geschäftsbriefe zu verfassen und sodann um Briefe an Jenny zu schreiben und dem Doktor für seinen Brief zu danken.

Er hatte von einer Auflösung der Verlobung nichts hören wollen und dankte mir in warmen Worten, mich seiner und Jennys so freundlich angenommen zu haben, bat mich, sein Heim immer als das meine anzusehen und teilte mir mit, daß Jenny schon Ende Januar seine Gattin werden würde.

Den Brief erhielt ich verspätet, da man mir in der Abwesenheit meines Gatten nie Briefe aushändigte und mir auch nicht gestattete, irgendwelche abzusenden, so lange Li Bai nicht in Tientsin war. Trotzdem gelang es mir hie und da ihre Wachsamkeit zu täuschen und es schien mir fast, als ob der Mandarin mir selbst dazu verhelfen wollte, wenigstens war er es, der mich immer gegen die Ränke seiner rechtmäßigen Frau zu schützen verstand.

Sie ließ mich wenigstens einmal die Woche durch ihre Schwiegertochter fragen -- oder fragte wohl manchmal auch selbst --, ob ich von den Göttern verlassen wäre oder ob ich auf etwas Herrliches Aussicht zu hoffen hätte.

Nun hatte ich gegen meine Ueberzeugung schon mehrmals gesagt, daß mich die Götter nicht mochten und ich nichts zu hoffen hatte, nun aber war ein solches Schweigen nicht länger möglich. Wie weit ich meine Kleider auch sein ließ, sie verschwiegen meinen Zustand nicht länger, und als daher Li Bai heimkehrte, teilte ich ihm mit, daß er in wenigen Monaten Vater sein würde.

Wie groß die Liebe der Chinesen für Kinder ist! Wir waren uns schon ganz fremd geworden, Li Bai und ich, und ich wußte, daß er es mit der ehelichen Treue gar nicht so genau nahm, wie streng die Strafen für so ein Vergehen auch seien. Der Ehebruch wird eigentlich immer nur bei der Frau gestraft, der ihr Gatte, falls er sie bei der Tat ertappt, den Kopf abschneiden darf, um ihn zusammen mit dem Kopfe des Liebhabers zum Magistrat zu bringen, wo er für diese tugendhafte Tat nicht nur freigesprochen, sondern noch belobt wird. Jetzt flammte in ihm plötzlich etwas von alter Zuneigung auf, und er wurde wieder genau so aufmerksam wie vorher -- in mancher Hinsicht zärtlicher, als er es je gewesen.