Mein kleiner Chinese: Ein China-Roman

Part 12

Chapter 123,736 wordsPublic domain

Die Festlichkeiten nahmen ihren Fortgang. Masken betraten das Haus, um die Braut mit ihrem schrecklichen Aussehen erfolgreich durch das ganze große Haus zu jagen, hier, wo man fünfundsechzig Zimmer hatte, die alle zur Feier des Tages offen standen, wahrlich keine Kleinigkeit, um so mehr, als ich mich wahrlich nicht zum Laufen aufgelegt fühlte. Aber irgendwie entging ich ihnen doch und da ich unter Diwanen verschwand und mich gegen Kasten aller Arten drückte, fanden sie es amüsanter, die europäisch gekleidete Jenny zu verfolgen, die wie ein Wiesel vor ihnen herflog und schrie -- schrie --, daß selbst chinesische Ohren davon befriedigt werden mußten, wie sehr sie sich auch nach Lärm sehnen. Der Mandarin erschien zufällig auf der Schwelle und lachte wirklich herzlich, als er Jenny so wild schreiend durch den Garten galoppieren sah. Endlich kam ihr Chung-Fu, mein Schwager, zu Hilfe, in dessen Arme sie plötzlich lief -- was, wie sie mir nachher anvertraute, noch viel schlimmer war, als vor den schrecklichen Masken laufen zu müssen.

»Glaubst du, Käthe,« fragte sie, indem sie sich an mich schmiegte, »daß -- der Doktor -- dies -- dies -- als unpassend betrachten würde?«

»Meine liebe Jenny,« erwiderte ich und setzte eine unergründliche Miene auf, »kommt es dir nicht selbst treulos vor gegen den armen Doktor, der deine blonde Locke immer in der Brieftasche nahe an seinem nur für dich schlagenden Herzen trägt, daß du dich so mir nichts dir nichts einem Chinesen an den Hals wirfst?«

In Jennys Gesichtchen wetterleuchtete es bedenklich.

»Aber Käthe -- ich -- ich -- bin ihm ja nicht -- gar nicht -- absichtlich in die Arme gelaufen -- und -- und es war so -- so schrecklich!« sagte sie ganz verzagt und stotternd.

»Mach' dir nichts daraus, Jenny,« entgegnete ich munter und sah sie schelmisch von der Seite an. »Der Doktor wird es mit der Treue wohl auch nicht so genau nehmen und trotz der blonden Locke noch andere Mädchen an sein Herz drücken.«

»Oh, Käthe!« rief meine Schwester voll Entsetzen und machte so runde Augen, die sich überdies noch mit Tränen zu füllen begannen, daß ich sie augenblicklich in die Arme schließen und ihr sagen mußte, daß der Doktor ein Muster der Treue und Tugend war, der nur an sie dachte und nur für sie lebte, und daß auch sie ihm, trotz der unfreiwilligen Umarmung Chung-Fus (wie angenehm so eine Umarmung auch an und für sich sein mochte) seiner ganz würdig geblieben -- vollkommen würdig, diesen Halbgott nach ihrer Heimkehr auf ewig glücklich zu machen.

»Oh, süßeste Käthe, glaubst du das wirklich?« fragte sie und sprang jubelnd auf. »Von allen Schwestern auf Gottes Erdboden bist du die weiseste und netteste und beste!«

Und daraus kann der Leser ersehen, wie leicht es ist, Beifall zu gewinnen, wenn man nur das sagt, was der andere hören will.

Bei der Festmahlzeit war die Tischordnung in gewissen Punkten europäisiert worden. Wohl saßen die Herren alle am unteren Ende der großen Tafel und die Frauen, wenn auch nicht in einem anderen Gemache, so doch abgesondert am oberen Tafelende, aber in der Mitte war es doch so eingeteilt worden, daß Mama den Mandarin, Jenny Chung-Fu und ich Li Bai an meiner Seite hatte. Mama und der Mandarin sprachen von europäischen Sitten und Gebräuchen, und Mama sprach lebhaft und unbefangen, als ob sie ihr ganzes Leben nur mit Chinesen zusammen gesessen, Jenny dagegen hatte ihr liebes Kreuz mit ihrem Tischnachbar, der nur sehr wenig Englisch, gar kein Deutsch und daher nur mit Gebärden sprach, die, vereint mit chinesischen Brocken, einigen englischen Wörtern und der Augensprache, zu der Chung-Fu als letztes verzweifeltes Mittel griff, eine Art primitiver Konversation zur Not zuließen. Verstand Jenny auch nur schlecht Englisch und gar kein Chinesisch und war die Gebärdensprache oft nicht ausdrucksvoll genug -- auf die Augensprache verstand Jenny sich wie selten jemand und damit ging es endlich auch geläufig, nur hatte meine Schwester augenscheinlich keine Lust, mit einem Chinesen zu flirten.

Wir hatten Vogelnestersuppe, die Mama ungemein interessierte, deren Name aber nur eine falsche Uebersetzung eines Seegewächses ist, ferner frische Bambusblätter als Gemüse, die wirklich schmackhaft waren, Schinkenscheiben, die ganz an unseren Westfäler Schinken erinnerten, saftiges und schön serviertes Zuckerrohr, chinesische Kuchen, die wie umgestülpte Pfannen aussahen und die mit allerlei Schriftzeichen und Arabesken reich verziert waren, parfümierten Tee und andere Seltenheiten. Li Bai war, wie immer, sehr aufmerksam und warf mir mit seinen Stäbchen allerlei Leckerbissen in den Napf -- Jenny dagegen, die immer auf und nieder sah und nie acht gab, was sie tat, war den unausgesetzten und ihren europäischen Begriffen sehr ungewohnten Angriffen ihres jüngsten Anbeters und Tischnachbars ausgesetzt und mir eine unerschöpfliche Quelle der Belustigung.

Schon als Kind hatte Jenny die Gewohnheit, den Mund offen zu halten, sooft sie über etwas erstaunt war. Hier, an einer chinesischen Tafel, wo alles auf merkwürdigen Schüsseln serviert wurde, wo die Gerichte selber so interessant und neu waren, wo man eigentümliche Laute vernahm, die in Europa -- wenigstens in der guten Gesellschaft -- nicht gang und gäbe waren, wo die Frauen mit ihren gemalten Augenbrauen, die Männer mit ihren glattrasierten Vorderköpfen und ihren Zöpfen (glücklicherweise hatten noch einige die Zöpfe nicht abgeschnitten), so fremdartig wirkten und ununterbrochenes Staunen erregten, kam es selbstredend oft vor, daß Jenny ihren hübschen Mund weit offen hielt und das Essen ganz vergaß.

Nach chinesischer Sitte darf der Gastgeber so etwas nicht zulassen. Daher formte Chung-Fu jedesmal in seiner eigenen Schüssel einen Knödel aus den besten Leckerbissen und war nicht so genau damit, ob er die Finger auch noch dazu zu Hilfe nahm oder nicht, und schob ihn, sobald das Meisterwerk transportfähig war, in Jennys einladend offengehaltenen Mund, die sofort anfing, Erstickungsversuche zu machen oder den Knödel herauszuwerfen. Vergebliche Mühe! Chung-Fu hatte so etwas vorausgesehen und hielt daher vorsorglich seine Hand dicht vor ihre Lippen. Der Knödel mußte hinunter -- heraus konnte er nicht.

Sooft meine Schwester mit dem Stäbchen umsonst Fischversuche in ihrem Trögchen unternahm und ihre Augen vor Verwunderung weit aufriß, wenn die Ladung im letzten Moment zurückrollte, benützte der aufmerksame Chung-Fu, dem eine solche Danaidenarbeit jedenfalls Mitleid abpreßte, auch die Gelegenheit und schob ihr etwas in den Mund -- mit seinen Stäbchen, seinen Fingern oder auf andere Weise, das war ganz Nebensache --, Jenny wurde gefüttert, wie sehr sie sich auch wehrte.

Diese Fütterungsprozesse unterhielten nicht nur mich, sondern die ganze Tischgesellschaft -- besonders die weibliche. --

Am dritten Tage hatte ich ein lichtes, gold- und silbergesticktes Seidenkleid an, das auch irgendeine symbolische Bedeutung hatte, die ich indessen vergessen. Heute erst wurden wir endgültig verbunden, denn man führte uns zu den Stammtafeln der Vorfahren, in anderen Worten an den Hausaltar, wo wir drei tiefe Kotaus machen mußten. Zu beiden Seiten des Altars standen schön geschmückte Tische, auf welchen Eß- und Trinksachen aller Art aufgestellt waren, die den Ahnen geopfert wurden. In der Mitte der Halle befand sich eine Art Podium und dieses bestieg nun der Mandarin, gleichfalls in seiner Festtoilette, und teilte unter zahllosen Kotaus den Vorfahren mit, daß Li Bai und ich nach allen Regeln der chinesischen Sitte und nach Befragung des Zauberers Mann und Frau geworden waren und daß er, der Mandarin, nun um den Segen der Vorfahren für uns bitte. Er verließ nach weiteren Kotaus den erhöhten Sitz und wir traten näher, um den von diesem wichtigen Akte verständigten Ahnen unsere Aufwartung zu machen, die in der dreimaligen Wiederholung eines tadellosen Kotaus bestand. Damit waren die eigentlichen Hochzeitszeremonien zu Ende und wir in den Augen der ganzen Familie erst wirklich Mann und Frau, deren erste Aufgabe es nun sein mußte, so schnell wie möglich einen Sohn und Erben zu bringen.

Würde ich eine echte Chinesin gewesen sein, so hätte ich an diesem Tage meinen Eltern eine Gans oder doch den Teil einer gebratenen Gans nach Hause getragen haben, als Zeichen, daß mein Gatte mit mir zufrieden und an meiner Unschuld nichts auszusetzen war.

Mama und Jenny sollten noch etwa drei Wochen bleiben, Jenny vielleicht sogar drei Monate, und vorläufig wohnten beide in den Gastzimmern, über die jeder Mandarin reich verfügt. Jeden Abend wurden alle Tore sorgfältig geschlossen und von da ab machte der Nachtwächter seine Runde -- niemand konnte heraus, niemand mehr hinein, ohne von ihm gesehen zu werden.

Die chinesische Zeitrechnung weicht von der unsrigen bedeutend ab. Die Jahre rechnet man entweder nach einem Zeitabschnitt von 60 Jahren oder nach der Regierung eines Herrschers, der bei seiner Thronbesteigung immer auch eine Art Regierungstitel annimmt. Letztere Art ist die verwickeltere. Die Monate selbst richten sich genau nach dem Monde und zählen bald 29, bald 30 Tage, aber um den dadurch entstandenen Unterschied auszugleichen, hat man alle drei Jahre einen Extramonat und rechnet in Zeitabschnitten von 19 Jahren, während welcher Zeit sieben Extramonde eingeschoben werden. Für die ersten zehn Tage jedes Monats hat man einen besonderen Namen. Der Tag wird in zwölf Stunden eingeteilt und jede chinesische Stunde entspricht zwei europäischen Stunden.

Die Tage flossen ruhig dahin. Mama und Jenny wanderten in Tientsin herum, besahen alles, was sehenswert war und ließen sich selbst durch angebrochene Kälte nicht abhalten. Ich brauchte mich um den Haushalt nicht zu kümmern -- die chinesischen Diener und Dienerinnen besorgten alles und man hat ihrer viele, da ein Monatslohn sich auf ein bis zwei Mark beläuft. Kost und Wohnung muß man allerdings dazurechnen, aber wie wenig ist das, wenn man unsere Löhne in Europa betrachtet! Die Kost erhielten wir, wie alle Hausgenossen, aus der gemeinsamen Küche des Mandarins. Wenn irgendwo noch ein Staubwölkchen blieb, so war Li Bai schon hier, um es mit wahrem Genuß abzuwischen. Er fand kein größeres Vergnügen, als so recht eifrig überall Ordnung zu machen, alles nett aufzustellen, und alle seine Sachen durchzusehen. Meine Hauptaufgabe bestand daher darin, Li Bai zu überreden, mit mir auf deutsch, englisch oder französisch zu lesen und sich die englische Literatur und Geschichte etwas öfter und näher anzuschauen als bisher. Umsonst! Wohl lasen wir häufig zusammen und ich konnte auch kleine Fortschritte bemerken, die besonders den Mandarin beglückten, wenn er gegen Abend auf eine Stunde zu uns kam, aber dauerndes Interesse oder wirklichen Fleiß konnte ich bei ihm nie zutage fördern. War er nicht in Stimmung, so sagte er, daß er sich »miserable« fühlte und da war mit ihm nichts anzufangen. Schon in London hatte ich bemerkt, daß eigenartige Stimmungen ihn überkamen, jetzt aber gestand er mir offenherzig ein, daß er in solchen Augenblicken und an solchen Tagen (mir fiel es später auf, daß sie sich etwa alle vierzehn Tage wiederholten und immer am ärgsten zu Beginn jedes Monats waren) die Lust in sich fühle, jemand zu töten oder doch recht weh zu tun. Körperlich tat er mir nicht weh, aber moralisch folterte er mich an solchen Tagen bis zur Unerträglichkeit. Er konnte die grausamsten Sachen äußern, die ihm durch den Kopf fuhren, und konnte ein geradezu teuflisches Vergnügen daran finden, mich weinen zu machen. Sah er erst Tränen in meinen Augen, so quälte er mich auf die entsetzlichste Art stundenlang weiter und nur als ich gelernt hatte, gleichgültig auszusehen, ließ er schneller von dieser Quälerei ab. Wenn er diese Anfälle hatte, so leuchteten seine Augen finster und bösartig unter den geschlossenen Lidern hervor, und sein Gesicht verzerrte sich von Zeit zu Zeit zu einem höhnischen Lächeln. Es war umsonst, in solchen Augenblicken ein besseres Empfinden in ihm wachzurufen -- er war gegen alles Gute und Edle taub. War der Anfall vorüber -- er war oft von Kopfschmerzen begleitet und dauerte von sechs Stunden bis über zwei Tage --, so war er wieder der nette kleine Chinese von ehedem. Wenn ich ihm dann leise vorhielt, daß er so wenig nett gegen mich gewesen, versuchte er alles gut zu machen, indem er mich küßte, was er als Universalmittel gegen alle meine Leiden ansah, da ich, in deren Herzen die Hoffnung auf bessere Zeiten immer wieder bei dieser Zärtlichkeit zu erwachen begann, stets lächelte, wenn er mich küßte.

Ausgehen durfte ich nicht -- war er übellaunig, d. h. »miserable«, wie er es nannte, so quälte er mich halb zu Tode dafür, und war er gut gelaunt, so neckte er mich und warf mich scherzweise herum und brummte wohl stundenlang, indem er kühn behauptete, daß ich das Wiederkommen ganz vergessen hätte. Daher schloß ich mich Mama und Jenny beim Ausgehen kaum an. Fragten die beiden Li Bai, ob ich denn nicht mitgehen dürfte, so entgegnete er: »Gewiß, gewiß,« aber nachher war es ebenso gewiß, daß er mich dafür ordentlich quälte.

Blieb ich indessen bei ihm zu Hause und waren seine Anfälle vorbei, so hatten wir eine unerhört schöne Zeit. Da spielte Li Bai mit mir Fangen, Verstecken und andere Spiele, küßte mich oft und zärtlich und verwandelte sich ganz in eine kleine nette Spielkatze. Ich hatte eine ungewöhnlich ernste Kindheit gehabt -- Jenny, die ein Muster des Gehorsams war, blieb gern bei den vielen Mädchen in der Pension. Aber für mich, den Aufwiegler, den Freigeist und Ausbund des Ungehorsams und der Widersetzlichkeit, bedankte man sich sofort und schickte mich zurück, dahin von wo ich gekommen. Ich hatte deshalb nur wenig Spielgenossen gehabt, lieber gelesen, gelernt und gegrübelt, wie frühreife Kinder es tun, und fühlte mich nun wirklich glücklich darüber, daß ich einen so heiteren Spielkameraden in meinem Gatten gefunden hatte. Zum Ideenaustausch und moralischen Halt konnte er mir nicht dienen, als Gatte entsprach er zu wenig unseren europäischen Anschauungen, aber als Spielgenosse war er unübertrefflich und noch heute denke ich mit ungetrübter Freude an unser Spiel zurück -- wie wir aufeinander warteten, wie eines das andere aussperrte, wie ich mit seinem Tagebuch davonlief und er meine Briefe zu erhaschen und zu untersuchen versuchte und wie das einzige Mittel, das ich erfolgreich gegen seine kräftigen Hände (denn er war sehr stark) verwenden konnte, der große Badeschwamm war, den ich ihm vollgetränkt entgegenhielt und vor dem er große Hochachtung hatte, so daß ich den Schwamm als meinen sichersten Schild betrachtete und bei unseren Neckereien immer zuerst auf den Waschtisch zuflog.

Li Bai hatte seit dem Hochzeitstage, wo er ganz wie ich in rotseidene und goldgestickte Roben gehüllt gewesen war, seinen europäischen Anzug abgelegt und trug nun ausschließlich sein kaftanartiges chinesisches Gewand aus weicher Seide, das zur Winterszeit warm wattiert war. Er fragte mich oft, ob ich nicht auch lieber die Trachten der chinesischen Frauen tragen würde, doch dagegen wehrte ich mich, nicht etwa aus lächerlicher Eitelkeit, sondern nur weil ich damit allzusehr jede Spur der Europäerin verwischt hätte, und dies wünschte ich um meiner Schwiegermutter willen nicht. Sie haßte mich, das fühlte ich ganz genau, wenn sie auch nie irgend etwas offen Feindliches gegen mich unternahm. Sie wußte Li Bais Stimmung auszunützen, wenn er »miserable« war, um mich durch ihn quälen zu können, und ich verdankte es auch ihr, daß Li Bai sich so sehr sträubte, mich mit meinen Verwandten ausgehen zu lassen.

Der Mandarin hatte noch außer Li Bais Mutter, seiner rechtmäßigen Frau, drei Konkubinen, die der armen Frau das Leben oft schwer machten und Li Bai, der seine Mutter innig liebte -- sie war gewiß die einzige, der dieses seltsame Herz ganz gehörte --, war oft streng und unfreundlich gegen diese drei Sklavinnen, wie er sie nannte. Ich sprach nur wenig mit meiner Schwiegermutter, da meine Kenntnis des Chinesischen eine allzu geringe war, und wenn ich auch manchmal mit Li Bai in die seltsame alte Küche gehen durfte, um sie dort ihre Befehle erteilen zu sehen, wichen wir uns gefühlsgemäß doch so oft als möglich aus; ich hütete mich aber ebensosehr, die drei Sklavinnen irgendwie zu beleidigen und grüßte sie immer, sooft wir uns trafen, was, wenngleich Li Bai unangenehm, dem Mandarin sehr angenehm war.

So war es mir gelungen, ohne Feindlichkeiten im Hause meines Schwiegervaters zu leben, bis ein Ereignis eintrat, das sehr nachhaltige Folgen nach sich zog. Seit mehreren Wochen -- Mama hatte ihren Aufenthalt ausgedehnt und war nun schon fünf Wochen länger als ursprünglich festgesetzt, in Tientsin -- war ich täglich, mit Li Bais »ungnädiger« Erlaubnis (er fügte sich nur den Befehlen seines Vaters), zur Bank gezogen, wo ich zuerst nur vereinzelte Briefe, später aber eine ganz beträchtliche Zahl, schrieb, besonders als der Mandarin sich überreden ließ, eine Schreibmaschine zu kaufen, mit der ich allein umgehen konnte.

Wir sprachen fast nie mehr als das Allernotwendigste miteinander, und ich unterließ es nie, so höflich als möglich gegen meinen Schwiegervater zu sein, dessen immer gleiches ruhiges und unergründliches Wesen mir Achtung und Interesse einflößten, zu denen sich auch etwas heilsame Furcht mischte. Er legte meist die Arbeiten vor mich auf den kleinen Tisch und sagte in kurzen Worten, was er auszudrücken wünschte. Er rechnete nie seine Zahlen im Kopfe oder selbst auf dem Papier aus, sondern bediente sich wie alle Chinesen und Japaner der Rechentafel, die sieben Kolonnen umfaßte und auf der man sicherer und schneller als nach unserem europäischen System bis in die Millionen rechnen konnte. Hatte er die Summe bestimmt, so schrieb er sie in chinesischen Ziffern nieder, die ich sehr gut lesen konnte, da ich mich schon in Europa daraufhin geübt hatte, und zur Vorsicht übersetzte ich sie stets in unsere Ziffern, auf die er zur Prüfung immer noch einen Blick warf. War alles erledigt, so setzte ich mich an die Maschine und schrieb voller Seligkeit einen Brief nach dem anderen. In London, wo ich oft die fesselndsten Uebersetzungen zu machen hatte, wäre mir diese Bankarbeit entsetzlich einförmig erschienen, aber hier war es mir, als ob ich wieder einmal freigelassen worden wäre, um mich in meinem gewohnten Element zu tummeln. Da fiel das Fremdartige und Gedrückte meines Wesens ab, da wurde ich wieder fest und bestimmt in allen meinen Ansprüchen und fühlte neuerdings, daß ich ein vollberechtigter Mensch war.

Mein Schwiegervater lobte mich nie -- weder wenn ein Funken von erhöhtem Wissen sich bei Li Bai zeigte, der gern ein wenig vor seinem Vater seine Kenntnisse lüftete, noch wenn in der Bank ein Brief nach dem anderen in verschiedenen europäischen Sprachen verfaßt rein und nett kopiert vor ihm lag --, aber ich merkte eins: er wies alle Bitten Li Bais, mich nicht zur Bank kommen zu lassen, energisch ab, und auch bei den Studien wußte er Li Bai unter mein Regiment zu stellen. Und dann kam der erste ernste Auftritt.

Chung-Fu, der zwar schon verheiratet war und auch ein Söhnchen besaß, mit dem Jenny sich lebhaft angefreundet und das von ihr sogar etwas Deutsch zu sprechen erlernt hatte, fand an meiner Schwester größeren Gefallen als es mir ratsam schien. Er folgte ihr überallhin, war immer sehr aufmerksam gegen sie und machte ihr allerlei kleine Geschenke, wenn gerade niemand in der Nähe war -- Streifen mit chinesischer Schrift, Fächer, kleine Vasen usw. Jenny war leichtsinnig und wohl auch arglos, sie nahm alles an und lachte Chung-Fu aus, aber ich wurde immer besorgter und endlich bat ich Mama, wie schwer mir der Abschied auch wurde, um Jennys willen heimzureisen. Ich gab Mama keinen näheren Grund an und sagte nur, daß Jenny heiratsfähig sei und es ungerecht wäre, sie länger als nötig in China zurückzuhalten. Mama, die von den Herrlichkeiten des Himmlischen Reiches genug hatte, entschloß sich leicht zur Abreise, obschon sie mich ein »gefühlloses« Wesen nannte, da ich sie selbst darum bat. Ich quittierte den Vorwurf, so ungerecht er war, schweigend und atmete erleichtert auf -- doch ich frohlockte zu früh.

Am Morgen des folgenden Tages sprach Mama zum Mandarin darüber und sagte, daß ihre Geschäfte es nötig machten, nach Europa zurückzureisen, wenn sie auch nur mit blutendem Herzen von ihrer lieben Tochter Käthe schied; doch sie wisse sie ja in guten Händen usw. usw., was Mütter eben unter solchen Umständen zu sagen pflegen, ob es nun wahr oder nicht.

Der Mandarin äußerte eine Reihe höflicher Klagen und stimmte ihrem Entschluß hierauf vollkommen bei, nur sagte er, daß sie sehr gut ihre Geschäfte allein besorgen könne, und daß Jenny noch einige Monate bei mir bleiben müsse.

»Aber Mandarin,« rief meine Mama, »Jenny ist ein heiratsfähiges Mädchen und nun ist die Zeit, sie daheim auf Bälle zu führen und ihr einen passenden Mann zu suchen.«

»Und wenn,« fragte der Mandarin langsam, »und wenn Jenny nun hier einen Mann finden würde, der reich ist und ihr eine glänzende Versorgung bieten könnte?«

Mein Herzschlag stockte. Sollte der Mandarin ernstlich daran denken, Jenny seinem zweiten Sohne Chung-Fu als Konkubine zu geben, oder wollte dieser unter irgendeinem oberflächlichen Vorwand sich von seiner chinesischen Gattin scheiden lassen, um Jenny an sich zu knüpfen? »Ach, das ist wohl ausgeschlossen,« dachte ich.

»Chinesen heiraten gewiß nicht gern Europäerinnen und --«

»Und wenn sich nun so eine Partie doch fände?« unterbrach der Mandarin meine Mutter.

»So wäre dies auch ganz umsonst, selbst wenn er der reichste und beste Mann wäre!« sagte ich, indem ich mich erhob und auf die beiden Sprechenden zutrat.

Die Augen des Mandarins öffneten sich nicht, nur die Lider zuckten, und ich hatte das Empfinden, als ziehe sich eine tiefe Linie von jedem Augenwinkel gegen die Schläfen zu. Er war ganz, ganz ruhig, und seine Stimme klang sehr gelassen, aber mit eisiger Kälte durchzittert, als er sein Haupt leicht mir zuwandte und fragte:

»Und warum?«

»Ja, warum, Käthe? Wäre es nicht ein Glück für Jenny --?«

Ich bebte innerlich vor Entrüstung. Wäre Mama wirklich imstande, Jenny um schnöden Geldes willen an einen Chinesen zu verkaufen und allein nach Europa zurückzureisen? Ich betrachtete sie. Sie war noch heute eine hübsche und vor allem eine elegante Frau -- sie würde sich wahrscheinlich wieder verheiraten, sobald ihre Töchter erfolgreich verschachert worden waren. Aber nein, Jenny sollte ihr Glück nicht verscherzen, sollte es nicht verlieren um selbstsüchtiger Pläne anderer willen, daher sagte ich ruhig und entschlossen, wie ich es wohl sonst nie gewagt haben würde, dem Mandarin zu antworten:

»Weil meine Schwester schon heimlich verlobt ist!« sagte ich und blickte Mama unverwandt an.

»Seit wann bestimmen Kinder selbst über ihr Geschick und seit wann ist der Wille der Tochter maßgebender als der der Mutter?« fragte der Mandarin und seine Augen ruhten vernichtend kalt und streng auf mir. Wenn er böse gewesen wäre, wenn er mit blitzenden Augen auf mich zugetreten sein würde, da hätte ich mich lange nicht so unheimlich berührt gefühlt, als von der kalten, vollkommen ruhig gestellten Frage und dem ausdruckslosen Gesicht, auf dem sich nicht eine Miene verzogen hatte.

»In Europa bestimmen wir selbst über unsere Zukunft!« erwiderte ich mit äußerster Gelassenheit.

»Mit wem ist Jenny verlobt?« fragte Mama.

Jetzt hieß es =va banque= spielen.

»Mit Doktor Emil Wurmbrandt!« sagte ich.

Jenny war glücklicherweise abwesend -- ihre Verlegenheit, ihr Zögern hätte alles verderben können. Ich blickte Mama fest an und sagte mit Nachdruck:

»Der Doktor wird in wenig Jahren eine schöne gesellschaftliche Stellung haben -- seine Eltern sind wohlhabend und einflußreich -- Jenny paßt nur zu einem Europäer!« sprach's und wandte mich ab.

»Sind die Wünsche Ihrer Töchter für Sie maßgebend?« fragte mit unverkennbarem Spott der gefürchtete Mandarin.