Mein kleiner Chinese: Ein China-Roman

Part 11

Chapter 113,569 wordsPublic domain

Ich hatte zwar gerade in dem Augenblick die allergrößten Zweifel bezüglich der Schönheiten oder Annehmlichkeiten einer Ehe, aber ich war froh, daß er froh war -- eine Fröhlichkeit deckte die andere -- und so lächelte ich ihm beruhigend zu und versicherte, mich wohl genug zu fühlen, um den Kontrakt zu unterschreiben.

»Nachmittags darfst du nicht ohnmächtig werden,« sagte er noch, als er mir aufhalf, »das ist gegen die chinesische Sitte.«

Ich versprach ihm, alles aufzubieten, um nicht gegen die chinesische Sitte zu verstoßen und dadurch beruhigt, geleitete er mich an den Tisch, und die Trauung oder wenigstens die Eheschließung, da jeglicher kirchliche Segen fehlte, wurde vollzogen.

Li Bai half uns freundlich in den Wagen, bat mich, nicht aufgeregt zu sein und kehrte hierauf in sein Heim zurück, um mich daselbst zu erwarten und feierlich zu empfangen. Nach unseren Gesetzen war ich nun Käthe Ming Tse. Mir deuchte fast, als wäre ich selbst eine andere geworden.

Mama und Jenny zogen sich auf meine Bitten zurück, und ich blieb allein mit den Chinesinnen, die mich in eine ihrer Landsmänninnen verwandeln sollten. Sie kämmten mein langes blondes Haar flach zurück, so daß meine Stirn doppelt hoch erschien, und gossen eine Menge wohlriechenden Oels darauf. Nachdem dies geschehen war, wollten sie mein Gesicht in die Arbeit nehmen, die Lippen mit Rot vergrößern und die Augenbrauen in eine schmale hochgeschwungene Linie verwandeln, während sie den Rest des Gesichts weiß zu färben wünschten. Aber gegen diesen Punkt des Programms wehrte ich mich entschieden. Wie ein Zirkusklown zweiter Güte wollte ich denn doch nicht aussehen. Mein Gesicht verblieb wie es war -- und endlich mußten meine gelben Schwestern sich in das Unabänderliche fügen. Sie setzten mir den Brautschmuck auf das geölte Haar, das ich, fetttriefend wie es war, nicht berühren wollte, befestigten die aus Gold- und Silbermünzen und Ketten zusammengestellte kostbare Haube so gut es ging auf meinem vor Furcht und Angst ganz verwirrten Kopf und fanden, daß mir das unförmige Scheusal gut stünde. Hierauf steckten sie mich in seidene Unterwäsche, die wie die Oberkleider aus roter Seide war, warfen das rote Brautkleid über mich, das hoch am Halse geschlossen wird und zu den Schultern jäh abfällt, denn je greller diese Linie ist, desto schöner dünkt sie den Chinesen. Die Schultern dürfen um keinen Preis gerade sein, sondern müssen gegen den Arm zu abfallen. Das Kleid, das jede Biegung der Gestalt verdeckt und wie ein Kaftan bis zu den Knöcheln fällt, wird auf der linken Seite geknöpft, unter dieser Robe aber hatte ich weite Hosen, ähnlich denen der türkischen Damen, die lose über das Knie hinabfielen. Ueber mein Brautkleid gab man mir noch ein rotes Seidenkleidungsstück, einer Jacke ähnelnd, das mir bis etwas tiefer als die Mitte reichte und reich mit Gold gestickt war. Es hatte sehr weite Aermel, ebenfalls reich mit Goldstickereien verziert, aus denen meine Hände weiß hervorleuchteten. Trotz aller Bitten ließ ich mir nicht die Nägel färben und wollte auch nie sie mir wachsen lassen wie viele der reichen Chinesinnen es tun, bis sie nichts mehr in die Hand nehmen konnten, aus Furcht, die Nägel zu zerbrechen. Meine Füße, die von Natur schon klein ausgefallen waren (ich bin ja selbst so klein), wurden noch in zu enge Seidenpantöffelchen mit Goldstickerei gequetscht, was mich, vereint mit den ungewöhnlich hohen Absätzen, vom sichern Stehen abhielt. Ich wankte wie eine echte Chinesin unsicher im schwankenden Gleichgewicht hin und her.

Die Chinesinnen fanden mich sehr »gelungen« und betrachteten ihr Werk mit sichtlicher Genugtuung, als aber Mama und Jenny hereinkamen, fielen sie bei meinem Anblick beinahe um. Ich stand, besser, ich wackelte in der Mitte des Zimmers, fühlte mich nicht nur ängstlich bezüglich des Bevorstehenden, sondern auch rein physisch unbehaglich in den ungewöhnlichen Kleidern, dem geölten Haar, dem schweren Kopfputz und den schrecklichen Pantoffeln. Das konnte man mir auf den ersten Blick ansehen, und ich glaube, ich machte dazu das denkbar dümmste Gesicht.

Mama setzte sich auf einen Stuhl und starrte mich entgeistert an. Ihr europäischer Schönheitssinn empörte sich gegen eine solche Verwandlung meines äußeren Ichs, Jenny aber lachte zum erstenmal an diesem Tage und rief:

»Käthe, du siehst wie ein wunderschön geputzter Kartoffelsack aus!« Sie warf sich auf eines der niedrigen Sofas und krümmte sich vor Lachen.

»Wirst du als rote Vogelscheuche wirklich zu deinem Gatten gehen?« fragte mich Mama. »Wäre es nicht viel besser gewesen, dich ganz in Weiß mit Schleier und Kranz zu kleiden? Aber du willst einmal immer nach deinem Kopfe handeln,« setzte sie geärgert hinzu.

»Du vergißt,« warf ich ein, »daß es nicht mein Wunsch gewesen, so gekleidet zu gehen, sondern Li Bais. Soll ich ihm eine Bitte am Hochzeitstage abschlagen?«

»Gewiß hätten dich alle sehr schön als weiße Braut gefunden und nun siehst du so schrecklich aus,« ereiferte sie sich.

»Ach, Mama,« bat ich, »laß die Einwendungen. Die Chinesen finden ein weißes Kleid (ihre Trauerfarbe) nicht passend für einen Freudenakt wie eine Hochzeit und ich bin nicht länger Europäerin,« fügte ich langsam hinzu, während ich fühlte, wie mich etwas im Halse gewaltig würgte, »sondern Chinesin seit -- seit -- heute früh.«

»Leider!« entfuhr es der Mama. Es war ihr zum erstenmal wirklich leid, daß ich einen Chinesen geheiratet hatte, weil -- weil ich dadurch verlustig ging, ein schönes europäisches Brautkleid zu tragen. Bei der zivilen Eheschließung hatte ich nur ein lichtbraunes Kostüm angehabt.

Jenny verstand trotz ihrer Jugend die Tragik des Augenblicks besser. Vielleicht dachte sie, wie anders ihre Trauung in Europa mit dem Doktor sein würde, wie ganz anders sie fühlen würde und wie froh ihre Altersgenossinnen sie umkreisen würden. Sie begriff, zum erstenmal vielleicht, was ich in dieser Stunde litt, wo weder eine Klage noch eine Träne mir entschlüpfte.

»Laß die Käthe,« rief sie fast gereizt und wollte mir um den Hals fliegen, aber dagegen wehrten sich die Chinesinnen. Das hätte ihre sorgsame Arbeit zerstören können. Ich lächelte meiner Schwester daher nur dankbar zu.

Mama fügte sich in das Unabänderliche. Wenn ihre Tochter schon Vogelscheuche sein mußte, so wollte sie daraus Vorteil ziehen. Sie betrachtete mich sorgfältig von allen Seiten, damit sie daheim in Europa allen Bekannten und den Verwandten davon erzählen konnte, sah sich den sonderbaren Brautschmuck genauer an und fand endlich, daß mein Ensemble noch ärger hätte sein können. Daß ihr Kind heute über Leben und Tod (denn bei einer chinesischen Heirat setzt man noch viel leichter als bei einer europäischen das Leben aufs Spiel) entscheidet, das hatte sie für den Augenblick vergessen.

Plötzlich verkündete ohrenbetäubendes Geschrei und nervenerschütternder Lärm, daß meine Stunde geschlagen hatte, und der Bote kam, um mich in das Haus meines Gatten zu überbringen. Ich fühlte eine innere Leere und ein Gefühl physischen Uebelbefindens, als ich mir vorstellte, daß ich nun mit allem abbrechen sollte, was ich bisher gekannt hatte, um an der Hand meines kleinen Chinesen einen neuen Lebenspfad einzuschlagen. War die kleine Hand hinreichend, mich zu stützen? War seine Liebe stark genug, mir Trost zu geben, wenn physische und moralische Leiden an mich herantreten würden? Eine grenzenlose Mutlosigkeit überkam mich, und ich nannte mich einen elenden Feigling, gezögert zu haben, als ich schon so nahe am Styx gestanden. Oh, wenn doch schon alle Qualen, alle Zweifel ein Ende hätten! Wie ich mich nach der Zärtlichkeit Li Bais sehnte! Würde er auch als Gatte mir so fremd bleiben? Wie schrecklich, wie schrecklich! Warum, warum hatte ich »ja« gesagt? Aber da stieg wieder jene schreckliche Leidenszeit in London vor mir auf und die Frage starb dahin im Herzen, bevor sie sich noch recht geformt hatte.

Der prachtvoll gekleidete Bote überreichte unterdessen im Nebengemache meiner Mama eine chinesische Rolle, auf der mit kunstvollen Zeichen geschrieben war, was ich Mama schon früher erzählte, das darauf stehen würde, nämlich, daß der dumme Vater seines noch dümmeren Sohnes nicht selbst um die Braut kommen, um sie von meiner Mama hohen und ehrenvollen Palast in seine niedrige Hütte zu führen, sondern lieber einen Boten schicken wolle, der melden soll, daß alles zum Empfange der Braut bereit sei. Der Brief, der auf rotem Papier geschrieben war, endete mit dem Wunsche, daß Mama ein Alter von hundert Jahren erreichen und ihr Geschlecht bis ins fünfte Glied gesegnet werden möge. Damit empfahl sich von der großen Mama der dumme jüngere Bruder. Chinesische Höflichkeit!

Jetzt begannen sowohl Mama als Jenny, trotz aller meiner Bitten, sich zu beherrschen, fürchterlich zu weinen und wollten mich immer und immer wieder in die Arme schließen, wogegen sich die fünf Chinesinnen, meine Ehrenjungfrauen, entschieden wehrten, so daß ich beständig hin und her gerissen wurde. Zum Schlusse schob mich eine ehrwürdige chinesische Matrone, die selbst schon viele Söhne ins Leben gesetzt hatte (denn nur eine solche darf es tun), zur Tür hinaus und warf mir, bevor ich die Schwelle überschritt, ein seidenes Tuch -- natürlich auch rot -- vor das Gesicht und über den halben Kopf, auf daß niemand meine Züge sehen sollte. Hierauf hob man mich in den engen Brautsessel, der auch ganz rot verkleidet und reichlich mit Seide austapeziert war, schob die rotseidenen Vorhänge zurück, versiegelte die Oeffnung mit einem kleinen roten beschriebenen Papierstreifen, und erst als nirgends mehr ein neugieriger Blick oder auch nur ein Lufthauch eindringen konnten, setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Ich im engen Stuhle, wo ich nur zusammengekauert sitzen konnte, sah nichts und atmete schwer, ich vernahm nur das wilde Pochen meines eigenen Herzens und fühlte nur eins: Das immer wiederkehrende Flehen, daß Li Bai lieb gegen mich sein würde. Wie ich mich vor all dem neuen fürchtete! Nicht nur vor der fernen Zukunft, sondern auch vor der nahen, der ganz nahen! Ob Männer ahnen, wie unser Herz vor Angst klopft, wenn wir unser Geschick auf ewig in ihre Hand legen? Ob sie wissen, wie schrecklich die Furcht vor jedweder Brutalität uns die Kehle zusammenschnürt? Ob sie rücksichtsvoller wären, wenn sie es wüßten? Es gibt wohl einige, die es sind, doch ach, ihre Zahl ist so verschwindend klein!

Jenny erzählte mir später, daß der Zug mit Musikanten begann, die auf einer Art Trompeten die ohrenzerreißendsten Laute hervorbliesen, während andere allerlei merkwürdige Instrumente bearbeiteten, die ganz gut imstande waren, auch das widerstandsfähigste europäische Trommelfell zu zersprengen; ihnen folgte eine lange Reihe von Fahnenträgern, die auf Stöckchen rote Bänder mit allerlei glückverheißenden Aufschriften trugen, welche sie erregt hin und her schwenkten und nicht wenig Lärm mit ihren Zungen dazu machten. Hinter diesen kamen andere Chinesen, die farbige Lampions trugen, was nach Jennys Angabe sehr hübsch aussah, fast wie unser Fackelzug daheim. Die Lampions waren vorwiegend rot, doch fand man auch andere Farben vor und alle hatten Sprüche darauf geschrieben, was die Wirkung vom chinesischen Standpunkt aus sehr erhöhte. Eine Anzahl Chinesen trugen große rotgemalte Schilder, auf denen in goldenen Buchstaben allerlei Zitate von Konfuzius und anderen großen Denkern standen, oft auch nur von Gelegenheitsdichtern geschrieben, die mit ihren Lobsprüchen den Ehestand verherrlichten. Hie und da sah man auch einen Chinesen mit einer Gans unter dem Arm -- das Symbol ehelicher Treue -- das sehr hochgehalten wird. Es gibt also, wie man sieht, Länder, wo selbst eine Gans zu Ehren kommt. --

Im Hause eines Mandarinen sind Gefängnisse, Gerichtssäle, Gästeräumlichkeiten und schließlich die Privatwohnung beisammen untergebracht und geschickt verteilt. Als wir endlich dieses Haus erreicht hatten -- das sich schon von außen durch die Stufen, die zum Tore hinaufführten, von den Häusern eines gewöhnlichen Sterblichen unterscheidet und das auch drinnen, wenn man einmal die verschiedenen Höfe und Pforten durchschritten hat und innerhalb der Mauer, die um so ein Haus oder besser einen Häuserkomplex führt, sich großer Ausdehnung erfreut -- trug man mich samt meines Marterstuhles, in dem ich mehr tot als lebendig hockte, durch eine Doppelreihe von Musikanten. Sie brachten nicht nur mich zum Leben zurück, sondern sie hätten mit ihrem Lärm selbst die Toten aus den Gräbern hervorzaubern können -- die Posaunen von Jericho mußten die reinsten Aeolsharfen gegen die chinesischen Musikleistungen gewesen sein. In der Vorhalle nahm Li Bai in Gegenwart aller Gäste feierlich die Siegel ab, klopfte an den Brautstuhl und schlug die Seidenvorhänge zurück. Eine chinesische Dienerin hob mich, noch immer mit dem »roten Fetzen«, wie ich das Seidentuch, das mir jede Aussicht benahm, innerlich betitelte, vor dem Gesicht, aus der Sänfte, lud mich geschickt, wie einen Lumpensack, auf den breiten Rücken und humpelte mit mir so durch mehrere Räume, sprang sogar über ein eigens zu diesem Zwecke entflammtes Holzkohlenfeuer, während eine zweite Dienerin einen Napf Reis, einige Speisestäbchen und Betelnüsse über mein sündiges Haupt hielt, was alles zusammen Dauerhaftigkeit und Ueberfluß bedeuten soll.

Im nächsten Raume angekommen, durfte ich mein Tuch bis über die Lippen heben um die »Vereinigungsbecher« roten Weines, die mit roten Bändern verbunden und bis zu unserer Ankunft mit einem roten Tuch geheimnisvoll umwunden waren, zu leeren. Kaum war dies geschehen, als man mich wieder auflud -- Jennys Vergleich mit einem Kartoffelsack paßte auch in dieser Hinsicht vortrefflich -- und mich in der großen Halle oder dem Haustempel vor der Ahnentafel wieder ablud, damit Li Bai und ich einen tadellosen Kotau vor den Vorfahren der berühmten Ming-Tse-Familie machen konnten. Li Bai opferte ihnen Wein. Sobald dies geschehen war, war der eigentliche Trauungsakt vorüber. Ich wurde wieder hochgenommen und durch eine Anzahl Zimmer und über den breiten Garten -- so viel konnte ich trotz des Tuches bemerken -- in unser künftiges Heim getragen. Hier setzte mich die Chinesin auf das Bett, die Hochzeitsgäste und andere Besucher -- denn an solchen Tagen ist ein chinesisches Haus von allen Leuten überlaufen, ja selbst Bettler dringen ein, wenn man sich nicht früher mit einer großen Summe abkauft -- stellten sich um mich, und Li Bai, der sich auf das zweite Bett geschwungen hatte, nahm mir langsam das eklige Tuch vom Gesicht. Schon nach einigen Augenblicken wünschte ich mir das Tuch lebhaft zurück, denn nichts zu sehen war noch immer besser, als in alle diese neugierigen Augen zu blicken, die mich feindselig betrachteten. Meine zukünftige -- nein, jetzt schon meine wahre und unabschüttelbare Schwiegermutter -- besah mich mit kritischen Blicken, denn in der Regel kennt sie die Schwiegertochter schon vor der Ehe, prüft sie mit Rücksicht auf ihre Kenntnisse in feinen Handarbeiten und im Gitarrespiel, wenn es sich um reiche Familien handelt. Bei armen Familien kommt meist ihre Körperkraft in Betracht, da sie als Lasttier dem künftigen Gatten und seiner ganzen Familie dienen soll, daher wählt man oft eine Frau, die um einige Jahre älter als der Mann ist, damit sie in jeder Weise den gestellten Ansprüchen entsprechen kann.

Hier war es nun ganz anders. Der Mandarin hatte alles erledigt und auch erzählt, daß ich keine der chinesischen Tugenden, wohl aber nützliche europäische Eigenschaften besäße, die ihrem Sohne zugute kommen dürften, über die seine Gattin aber weder ein Urteil formen, noch irgendwie Aufsicht halten konnte. Sie war eine kleine magere Frau mit straff zurückgestrichenem Haar, das nur im Genick einen Knoten bildete, und ich konnte nun leicht begreifen, warum Li Bai so klein und so zart war, trotzdem sein Vater sich einer für einen Chinesen ungewöhnlichen Größe erfreute. Li Bai war eben das Ebenbild seiner Mutter.

Alle Hochzeitsgäste besahen mich vom Scheitel bis zur Zehe, bis mir ganz unwohl wurde und nur eins mir zur Beruhigung war -- nämlich, daß meine geringen Kenntnisse des Chinesischen mich nicht in den Stand setzten, alles zu verstehen, was um mich herum gesagt wurde, denn an diesem Tage hat jeder Gast das Recht und selbst die Pflicht, seine Meinung so unumwunden als möglich über die Braut auszusprechen und so viele anstößige Witze über sie zu machen, als es überhaupt denkbar ist. Die Braut aber muß unbeweglich sitzen, darf weder lachen noch weinen, noch sich vom Bette wegrühren oder eine Miene verziehen. Sie sitzt unbeweglich auf dem Lager, während alle sie betrachten wie etwa ein ausgestelltes Pferd, ein zu verkaufender Hund, oder ähnliches. Vom Kopfende des Bettes flattern rote Papierstreifen in Masse nieder. Auf einigen steht, so übersetzte mir Li Bai später, »Von diesem Bette aus möge sich euer Stammbaum gründen«, oder »Möget ihr mit Kindern reich gesegnet sein«, oder »Mögen Söhne in reicher Zahl euch erfreuen« und andere, mit ähnlichen Worten und gleicher Bedeutung, Sprüche, die mir gar keine Freude machten und deren Nichterfüllung ich innig erhoffte und sehr wünschte.

Ein spanisches Sprichwort sagt: »Sei der Tag lang oder sei er kurz -- endlich erklingt dennoch das Aveläuten.« War der Tag mir auch länger als alle erschienen, die ich bis jetzt durchleben mußte, so brach doch auch der Abend an und damit nahm das Festessen seinen Anfang. Mama und Jenny nahmen nicht teil -- das wäre wieder gegen die Sitten des Landes gewesen --, und ich war wirklich froh darüber. Es war mir stets leichter, eine unangenehme Lage, die sich nicht ändern ließ, allein zu überleben, als andere zu Zuschauern zu haben, die es mir wahrscheinlich nur erschweren würden die mühsam erkämpfte Fassung zu bewahren. Die Männer saßen in einem Zimmer an einem Tische, die Frauen alle in einem anderen Raume auch an einem Tische, und alle bedienten sich der gebenedeiten Stäbchen, mit denen ich noch immer nicht ordentlich umgehen konnte. Die niederen Sitze, die merkwürdigen Gefäße und merkwürdigeren Speisen, die meiner Ansicht nach aus zusammengeschnittenen Katzen, Hunden und Ratten bestanden (natürlich nur Einbildung, denn wir hatten Hühner und ähnliches Geflügel klein zerschnitten), die komischen Eßwerkzeuge und das ununterbrochene Geschnatter in einer mir fast ganz fremden Sprache -- alles machte mich glauben, daß ich mich unter wilden Menschen befand. Appetit hatte ich keinen -- und aus guten Gründen -- und daher störte mich der Gebrauch der Stäbchen nicht. Ich mischte und mischte in der Schale herum und schien von allem zu essen, in Wirklichkeit kamen nur ein paar Bissen über meine Lippen und nur dem Tee huldigte ich, da er mich erfrischte. Sprechen konnte ich mit keinem Menschen und das erwartete scheinbar auch niemand von mir. So saß ich an der Tafel, eine traurige, kleine rote Seidenfigur, auf die alle Augen unablässig neugierig gerichtet waren, und hoffte, daß die Mahlzeit doch endlich aufhören würde. Ich dachte an Mama, an Jenny, an mein Vaterland, an meine Vergangenheit und wohl meist an Li Bai, aber Tröstliches leuchtete mir nicht aus allen diesen Gedanken entgegen. Jede Minute machte mich nervöser, je mehr der Abend vorrückte, um so weniger wünschte ich Li Bai zu sehen. Schließlich bedeutete sein Kommen meinen Fall vom Regen unter die Traufe oder von der Pfanne in das Feuer. Ich fühlte nur ein brennendes Verlangen, mich flach auf den Boden zu werfen und zu weinen -- zu weinen -- wie ich es seit London nicht mehr getan hatte.

Als die Suppe eingenommen worden war -- damit hört eine chinesische Mahlzeit ebenso sicher auf, als eine europäische damit beginnt, und nachdem große Bowlen Reis und unzählige Schüsseln voll Herrlichkeiten in die Mägen der Anwesenden hinabgewandert waren --, wurde ich wieder zurück in das Brautgemach geführt, wo Li Bai mich begrüßte. Ich hätte ohnmächtig werden können, wenn ich überhaupt imstande gewesen wäre noch etwas zu tun, aber ich fühlte mich nicht mehr -- ich war wie eine Wachspuppe, die sich bewegt, in der aber kein Leben ist.

Li Bai schickte alle Gäste fort -- eigentlich sollen die jungen Gatten erst in der dritten Nacht allein gelassen werden, aber dagegen hielt sich Li Bai auf --, kam auf mich, die ich wie ein Häufchen Unglück am äußersten Bettrand zusammengekauert und stumm saß, zu und küßte mich zum erstenmal auf die Lippen.

»War es sehr schlimm, Käthe, so zu sitzen?« fragte er freundlich. »Du bist sehr brav und tapfer gewesen!«

»Nein, nicht so sehr,« erwiderte ich und fühlte, daß etwas in mir zu tauen begann, denn seine Zärtlichkeit tat mir in diesem Augenblicke wohler als meine Feder es je beschreiben könnte.

Er nahm mir langsam den schweren Brautschmuck ab, strich liebkosend mit der Hand über meine Wange und küßte mich mehrmals, was mich bald die Leiden der vergangenen Stunden und all die bitteren Zweifel vergessen ließ. Vielleicht würde ich dennoch glücklich werden. Ich faßte den festen Entschluß, meinem Gatten in jeder Weise entgegenzukommen und obschon ich auch in diesem Augenblick keineswegs seine Wünsche teilte, ließ ich es doch ruhig geschehen, daß er mir half, aus den unbequemen chinesischen Kleidern zu schlüpfen, wenngleich sie mir plötzlich gar nicht mehr unbequem schienen. So ändern sich je nach den Umständen unsere Anschauungen.

Von der Decke hingen unzählige Lampions nieder, die über das ganze Gemach ein rötliches Licht ergossen. Eines nach dem anderen wurde von Li Bai vorsichtig ausgelöscht, bis nur ein kleines Lämpchen in der östlichen Zimmerecke brannte.

Li Bai legte seine Arme zärtlich um mich, küßte mich (er hatte wirklich diese Kunst, wenn man die kurze Uebungszeit in Betracht zieht, ganz unglaublich gut erlernt) und sagte lächelnd:

»Ein Licht muß im Schlafgemach zweier Gatten immer brennen, das ist chinesische Sitte. Es stört dich doch nicht?« fragte er.

»O nein,« erwiderte ich, mich an ihn schmiegend, »aber warum verlangt die Sitte es so?«

»Damit die Kinder alle sehend auf die Welt kommen -- wenn kein Licht brennt, werden sie blind geboren.«

Obschon wir in Europa dies nicht glauben, fügte ich mich willig. Von jetzt an war ich wirklich eine -- Chinesin.

Wie heilt sich ein verlassen Herz, Der dunkeln Schwermut Beute? Mit Becher-Rundgeläute? Mit bittrem Spott? Mit frevlem Scherz? Nein, mit ein bißchen Freude.

C. F. Meyer.

XIV.

Am nächsten Morgen mußte ich mich wieder in chinesische Kleider kleiden, diesmal in dunkelblau, wenn ich mich recht erinnere, die wieder reich mit Gold gestickt waren, und deren Farbe, glaube ich, ein Sinnbild ehelicher Tugend sein sollte.

Jenny hatte rotgeweinte Augen und nicht nur ihre Guckerchen und ihr Gesicht, nein, ihre ganze graziöse Gestalt war ein verkörpertes Fragezeichen an mich. Ich lächelte ihr beruhigend zu -- es mag wohl auch nicht sonderlich angenehm sein, einen Europäer zu heiraten und Li Bai war recht nett gegen mich gewesen, eine Klage wäre daher unbegründet erschienen.