Mein erster Ausflug: Wanderungen in Griechenland

Part 7

Chapter 72,976 wordsPublic domain

Nachdem unser Gepäck aus dem Pyräus angelangt war, setzten wir uns in Uniform und wurden nun zur Königin-Regentin geführt. Im kunstreich verzierten Thronsaale stand der weibliche Hofstaat; hier blieben unsere Reisegefährten; mein Bruder und ich wurden in den anstoßenden Salon geführt, wo uns die Königin in einer eleganten geschmackvollen Morgentoilette empfing. Sie ist von mittlerer Frauengröße, und weiß Würde und Anmuth in seltenem Maße in ihrem Wesen zu vereinigen. Ihre Züge drücken Geist und Charakterstärke aus; ihr Gespräch ist liebenswürdig und geistreich und steigert sich zum Enthusiasmus, wenn die Rede von ihrem theuren Hellas ist. Sie ist die wahre Mutter ihres Volkes; denn nur eine Mutter kann mit so vielem Interesse von jeder Einzelnheit sprechen, die sich auf ihre Kinder bezieht. Auch genießt die Königin die verdiente Gegenliebe ihres Volkes, und wird überall, wo sie erscheint, mit Begeisterung empfangen; von ihrer kräftigen und einsichtsvollen Regentschaft hört man aller Orten mit Bewunderung sprechen. Ich hätte nicht geglaubt, daß eine deutsche Prinzessin, gewöhnt an die angenehmen Bequemlichkeiten ihres Vaterlandes, sich so ganz in die griechischen Sitten schicken, und es sogar in der Sprache zu solcher Vollendung würde bringen können. Nach einem Gespräch von einer viertel Stunde, führte uns die Königin in den Thronsaal und stellte uns ihre Damen vor, worauf ich ihr unsere Reisegefährten nannte. Die Oberhofmeisterin der Königin, Frau von P., ist unter den Höhergestellten am Hofe die einzige Deutsche; sie macht durch ihr freundliches Benehmen und ihren heiteren Geist ihrer Nation Ehre. Außer ihr hat die »Basilissa« (so wird die Königin im Lande genannt) noch zwei Griechinnen zu Hofdamen. Fräulein Photanie M. und Fräulein Penelope L. Dieselben kleiden sich griechisch und bestätigen die so berühmte Schönheit der Frauen ihres Landes. Sie sprechen ziemlich gut französisch, und scheinen überhaupt nicht ungebildet zu sein. Nachdem man uns zu einem Spazierritt, auf fünf Uhr, eingeladen hatte, wurden wir von der Königin entlassen. Der übrige Hofstaat ist ziemlich unbedeutend, und ich will hier nur noch des Hofmarschalls Generals G. erwähnen, welcher, wie es deren an allen Höfen giebt, eine Art Factotum ist; er ist einer der Wenigen, welchem der König sein ganzes Vertrauen schenkt; auch soll er bei der verhängnißvollen Revolution sehr viel Charakterstärke bewiesen haben. Seine Vergangenheit ist jedoch etwas dunkel, und es giebt böse Zungen, welche derselben räuberische Gelüste zuschreiben. Sein Aeußeres entspräche dieser letzten Behauptung; er hat eine finstere, etwas gemeine Physiognomie, Hautfarbe und Haare sind außerordentlich dunkel; dagegen gewinnt seine Erscheinung durch die herrliche griechische Tracht. -- Um fünf Uhr versammelten wir uns in einem, gegen die Meerseite gelegenen, niedlichen Cabinete; die Königin schritt die breiten Marmorstufen hinab und schwang sich mit großer Leichtigkeit auf ein türkisches Pferd, welches ihrer harrte. Wir folgten ihrem Beispiel, und nun ging es in lançadirendem Galoppe bei der Hauptwache des Palastes vorbei, über den Schloßplatz, durch einen Triumphbogen von Myrten, der zur morgigen Feier der Revolution errichtet worden war, die lange Straße hinunter zum Theseustempel. Die Königin wollte uns einen Ueberblick der Merkwürdigkeiten Athens geben. In der Straße wurde sie mit Jubelruf empfangen, und Alles grüßte mit dem Ausdrucke der größten Verehrung. Die Königin zu Pferde ist eine wahrhaft anmuthige und schöne Erscheinung. Sie reitet ganz vortrefflich, hat einen festen Sitz und führt das Pferd im schnellsten Galopp über Stellen, welche mancher berühmte Reiter bei uns kaum im Schritt passiren würde. Die Pferde des griechischen Hofes sind meist aus den asiatischen Gebirgen, haben einen schuhartigen Beschlag und klettern wie Gemsen über schwindelnde Höhen. Wenn sie keinen Fuß fassen können, rutschen sie auf den Hinterfüßen über Felsplatten, ohne zu stürzen. Auch macht die Königin ihre weitesten Reisen zu Pferde, da von einem Fortkommen zu Wagen bis jetzt noch keine Rede ist. -- Der Theseustempel ist eines der besterhaltenen Monumente in Griechenland, und vielleicht eines der schönsten des Alterthums. Er ist ziemlich groß, alle seine Säulen und der größte Theil der inneren Mauern und des Daches sind erhalten. Der Marmor, aus dem er gebaut ist, war ehemals weiß, hat jedoch durch Zeit und Wetter einen schönen gelben Glanz erhalten, der diesen großen Massen vortrefflich läßt. Der Styl ist einfach und durchaus rein. Außerordentlich wird dieses Kunstwerk durch den freien Raum gehoben, auf dem es sich befindet; leider sieht man in den Säulen und den Wänden Spuren von den nichts verschonenden türkischen Kugeln. In den Metopen sind nur wenige Basreliefs, und diese nicht gut erhalten; man glaubt, daß sie die Thaten des Theseus vorstellen. Der innere Tempelraum ist ganz mit Mauern umgeben, während im Alterthum nur drei Seiten eingefaßt waren; die vierte Mauer ward errichtet, als dieser herrliche Tempel dem christlichen Gottesdienst gewidmet wurde. Zur Zeit sind alle kirchlichen Geräthe wieder heraus geräumt worden und man hat das Innere mit ausgegrabenen Kunstschätzen ausgefüllt, die aber, des nicht sehr großen Raumes wegen, ohne viel Sorgfalt aufeinander gehäuft sind; doch sieht man immer hier lieber die Götter der alten Mythe, als das Bild unseres Erlösers, welches keineswegs in diese Mauern paßt. Der Haupteingang von der Stadtseite ist jetzt geschlossen. An der Seitenwand, die der Akropolis zugewendet liegt, öffnet sich ebenfalls eine Thüre, an welcher ein griechischer Archäolog die Königin und uns empfing.

Wir konnten nur im Fluge die inneren Kunstschätze an uns vorüber ziehen lassen, die ich erst später, nach sorgfältigerer Betrachtung, erwähnen werde. Von hier aus folgten wir der Königin durch die engen Seitenstraßen von Athen, zwischen die verschiedenartigsten Hindernisse durch, im gestreckten Galopp zu dem Tempel der Winde, einem Octogon aus Quadern, in welchem unter dem Dache die Winde in einem Basrelief dargestellt sind; eine einzige Thüre führt in das Innere desselben, Fenster sind nicht vorhanden. Der Boden, auf welchem dieses Gebäude steht, ist um eine Klafter vertieft, was uns beweist, wie viel vom alten Athen verschüttet ist. Die Ruinen eines Aquaducts führen zu diesem interessanten Tempel, von welchem ich ebenfalls später Gelegenheit haben werde, näher zu sprechen. Von da kamen wir zur sogenannten Laterne des Diogenes, eigentlich dem Monumente des Lysokrates. Es ist ein nicht sehr breites, ungefähr zwei Klaftern hohes Thürmchen, dessen mit schönen aber sehr kleinen Basreliefs versehenes Dach auf vier bis fünf niedlichen Säulen ruht, ehmals aber frei gestanden haben mag. Die Spitze des Daches formt ein bouquetartiger Knopf, aus Delphinen gebildet. In dem neu vermauerten, inneren Säulenraum scheint früher eine Büste oder Statuette gestanden zu haben. Das Ganze ist eine sehr zierliche und feine Arbeit. Von dort ging es zum Areopag und Pnyx; es sind dies massive Felsenparthien, in welchen man noch Stufen bezeichnende Linien eingehauen findet. In diesem Felsen zeigt man den in den Stein gearbeiteten gefängnißartigen Raum, in welchem das Grab des Sokrates gewesen sein soll, welche Angabe jedoch nicht die geringste Wahrscheinlichkeit für sich hat. -- Hierauf besahen wir das sogenannte Marktthor, einen Porticus von vier Säulen. Fälschlich hat es seinen Namen von einem großen Stein bekommen, welcher bei demselben aufgestellt ist, und auf den die unter Hadrian gesetzlichen Marktpreise eingehauen sind; dies war aber eine Gewohnheit alter Zeiten, der man bei sehr vielen antiken Thoren begegnet. -- Noch berührten wir die Kolonnade und das Thor des Hadrian, die Ueberreste des Tempels des Jupiter, das Grabmal des Philopopus und die Stelle, auf welcher die Gärten des Plato standen. Die Kolonnade des Hadrian besteht aus sechs, vor einer aus Quadersteinen erbauten Mauer stehenden, römischen Säulen, auf welchen Vorsprünge ruhen, die mit der Mauer in Verbindung stehen. Eine siebente Säule steht frei; es scheint, daß die sechs anderen ehemals mit Statuen geziert waren. An der Quadermauer sieht man noch Ueberreste einer christlich-typischen Freskomalerei, da auch hier eine Kirche angeklext war. Vor den Säulen ist eine Mauer gezogen, und in diesem von der Straße abgeschlossenen Raume befinden sich ebenfalls ausgegrabene Alterthümer. Das Thor des Hadrian, in der Nähe des Jupitertempels, ist ein großer breiter Bogen, dem man den römischen Ursprung ansieht, und der einem zweiten von vier Säulen getragenen Thore als Fundament dient. Dieses an sich schöne Kunstwerk wird durch die Pracht und Größe der Säulen des Jupitertempels verdunkelt; ihre Höhe mag 20 Klafter betragen, ihr Umfang entspricht der Höhe und trotz dieser Dimensionen haben sie ein schönes und vollkommenes Ebenmaß; es mögen bei 15 sein; 12 derselben sind in einer nähern Gruppe beisammen, während drei in ziemlicher Entfernung abseits stehen. Die größere Gruppe ist noch durch einzelne große Steine verbunden, sonst ist vom Dache nichts mehr übrig. Auf einem der Säulencapitäle sieht man noch die Reste einer Steinhütte, welche einem fanatisch asketischen Derwische 20 Jahre als Wohnung gedient hat, während welcher Zeit er niemals auf die Erde herabkam, sondern es vorzog, in diesen höhern Regionen einem Storche gleich zu nisten, und sein frugales Mal an einem Seile aufzuziehen. Zu seinen Füßen wurde unterdessen Geschichte gemacht, und nicht wenig mußte sich der alte Herr wundern, als einstens statt seiner Glaubensgenossen siegreiche Rajas erschienen, und er der einzige Diener des Halbmondes in Athen verblieb, die einzige Stimme des Propheten in der Wüste. -- Die Ausdehnung des Jupitertempels muß außerordentlich gewesen sein; auch kann man noch die festen Fundamente desselben in weiter Entfernung von den Säulen sehen.

In der Nähe derselben, im Felsen, befindet sich eine Quelle, in welcher sich Calliope, die schöne Muse, gebadet hat; daher führt dieses wildromantische Wasser ihren Namen. Die antike Lieblichkeit des Ortes ist entschwunden und es sind nur mehr die nackten, pittoresk geformten Felsen, zwischen welchen das Wasser rieselt, vorhanden. Das Monument des Philopopus liegt auf einem hohen Hügel, ziemlich entfernt von der Stadt, gegen das Meer zu; es ist eine schirmartige, etwas gegen außen zu gekrümmte Mauer aus Quadersteinen, an deren unterer Seite sich ein sehr beschädigtes Basrelief befindet, den Triumphzug eines römischen Imperators darstellend; über demselben sind Säulen angebracht, zwischen welchen sich arg verstümmelte sitzende Figuren befinden. Die Erhöhung, auf welcher dieser Bau steht, heißt der Musäusberg und ist nach dem griechischen Dichter dieses Namens benannt. Von dem Garten des Plato, auf der entgegengesetzten Seite, sieht man nur mehr den etwas erhobenen Platz, der von einer kleinen Kapelle gekrönt ist. Zwischen Weingärten und der Promenade Athens, einer breiten Allee, mit sehr schmächtigen Bäumen, kamen wir nach Sonnenuntergang zum Palaste zurück, worauf man sich gleich nach einer für die Damen fabelhaft schnellen Toilette versammelte, um das Essen einzunehmen. Das Gesammtministerium und die Hofchargen waren zur Tafel gezogen. Die Königin war so gnädig, mir die hellenischen Staatenlenker selbst vorzustellen. Einige unter diesen Herren hatten einen europäischen Anstrich, und waren sogar im Stande, französisch oder italienisch zu sprechen, was für mich von großer Erleichterung war, da ich es hasse, mich mittels eines Dragomans verständlich zu machen; man ist bei dieser Art der Unterhaltung immer verkauft, und kann nicht wissen, wie sie den Sinn in den Worten der andern Sprache wiedergeben. Doch beim Minister des Innern, dem Vater der schönen Eulalia von Korinth, mußte ich die Hülfe fremder Zungen in Anspruch nehmen. Dieser Herr trägt das gewöhnliche Landeskostüme und ist dem Greisenalter nahe; seine Faust schien mir eher für das Schwert und den Pflug, als für die administrirende Feder geschaffen; doch bei dem ziemlich primitiven Zustande des Landes mag diese Urnatur wohl geeignet sein, für sein Inneres zu sorgen; nur wäre es gut, wenn noch zuweilen das verrostete Palikarenschwert gezogen würde, um das Land von den Räuberbanden zu säubern. Doch wo bliebe dann der letzte Zuflucht der Romantik? Ein Griechenland ohne Räuber wäre eine Schweiz ohne Berge. Auch ist es ganz angenehm, wenn man in die Heimath zurückgekehrt, beim traulichen Theetische erzählen kann, man habe die schauerlichsten Gegenden durchwandernd, an den Felsen das Blut der unglücklichen Schlachtopfer herunter rieseln sehen. So lange es nicht persönliche Bekanntschaft mit diesen Helden der Romantik gemacht hat, ist das Volk der Reisenden egoistisch genug, sich beim Durchwandern der übelberüchtigten Gegenden eines heimlichen und selbstgefälligen Schauers zu erfreuen. Darum lassen wir die Spinnen ihr Netz über das rostige Schwert weben, und danken wir dem Gesammtministerium für die Rettung und zukünftige Erhaltung der Räuberbanden! -- Vielleicht gab ja selbst einer der würdigen Männer, die hier bei Tische saßen, den Stoff zu einer Episode der Klephtenpoesie. -- Das Diner wurde schnell und elegant servirt, die Zubereitung der Speisen war vortrefflich, und nach dem langen Ritt unser Appetit ebenso. Auf den Wänden des Eßzimmers sind Früchte, Wildpret und Fische in sinnreiche Arabesken verflochten. -- Nach dem Essen entließ uns die liebenswürdige Hausfrau, und wir konnten einer erquickenden Ruhe genießen.

Der andere Tag war ein Sonntag, und wir hatten Gelegenheit um acht Uhr in der Kapelle des Königs die Messe zu hören. Gleich nach dem katholischen Gottesdienst ward alles, was sich auf die Gebräuche unserer Kirche bezieht, weggeräumt, und der Pastor der Königin mit seinem einfachen Ritus, zog ein. Zuweilen, wenn öffentliche Feste es erheischen, wohnt das Königspaar auch den griechischen Funktionen bei.

Um die Sitte eines Landes und insbesondere einer Stadt kennen zu lernen, kann es wohl nichts Erwünschteres geben, als die Abhaltung eines öffentlichen Festes; dies wurde uns heute zu Theil. Am 16. September, nach griechischem Kalender am 3., feiert Jung-Hellas die an diesem Tage begonnene Revolution.

Als wir uns vom Palast in die Hauptstraße begaben, hatte die Königin schon den Triumphbogen von Myrtenreisern durchfahren und befand sich im Dome, wo ein feierliches Gebet den Mittelpunkt des Festes ausmachte. Die Gasse entlang bildeten griechische Linientruppen Spalier; ihr Aussehen war unmilitärisch; man sah ihnen an, wie die Tracht europäischer Soldaten das freie Wesen dieser Leute beengte. Die feste Halsbinde, der plump geschmückte Csako, gaben dem ernsten Sohne der südlichen Berge einen düster-kränklichen Anstrich. Ein Körper, der an die flatternde Jacke und die faltenreiche Fustanella gewöhnt ist, mag sich unter griechischer Sonne gar peinlich in dem bis oben zugeknöpften Tuchrocke und den langen =inexpressibles= fühlen; und so schlüpfen Hellas Jünglinge aus dem malerischen Costüme des Vaterlandes, um sich in eine Gliederpuppe zu verwandeln, und hierdurch große Aehnlichkeit mit unseren Nationalgarden zu bekommen; doch die europäische Civilisation erfordert es so, und da muß der Schönheits-Enthusiast des 19. Jahrhunderts schweigen. Das Bataillon in Landestracht sieht dagegen sehr schön und kriegerisch aus, und trägt sich in gleicher Farbenpracht wie die Truppen, die wir schon Gelegenheit hatten in Patras zu bewundern. -- Zwischen den bewaffneten Reihen wogte das Volk im bunten Gewimmel; bald sah man europäische Trachten, bald zeigten sich die buntesten Gewänder des Landes; die Balcone und Fenster waren mit dem schönsten Schmucke Neu-Athens geziert; es zeigten sich hier die Frauen und Mädchen in reichster Farbenpracht. An den funkelnden Augen und schönen regelmäßigen Zügen konnte man gar leicht die Vermischung des südslavischen und altgriechischen Blutes erkennen. Unter den reizenden Trachten des weiblichen Geschlechtes waren für uns die der Hydriotinnen neu. Statt des rothen Feß tragen die reizenden Inselbewohnerinnen einen leichten gazeartigen Schleier in zarten künstlichen Falten um Haupt, Nacken und Brust. Die Kleider sind, wie die ihrer Schwestern vom festen Lande, aus grellgefärbtem Seidenstoffe. -- Trotz der Bedeutung des Tages war das Volk ruhig; kein enthusiastischer Jubel, ja selbst keine neugierige Schaulust, waren bemerkbar; es sah eher aus, als befänden sich die Leute aus bloßer Gewohnheit da.

Nachdem wir den bunten Schimmer der Häuser, welchen die glühende Sonne erhöhte, betrachtet hatten, begaben wir uns in den für eine Liliput-Hauptstadt allenfalls passenden Dom. Schon an der Pforte empfing uns ein Qualm drückender Hitze und unsere Ohren vernahmen den monotonen Gesang der griechischen Geistlichkeit. In der Mitte der Letzteren thronte der Archimandrit, eine würdige Gestalt vergangener Zeiten mit wallendem schneeweißen Barte. An der rechten Seite der Kirche, vor einem Thronsessel, stand gleich einem Marmorbilde, die Königin-Regentin in reichem, pelzverbrämten Gewande; war auch etwas malerische Phantasie in dieses Kostüme hineingerathen, so hatte es doch in seinen Grundzügen den orientalischen Schnitt. Da wir gerade gegenüber, hinter den Säulenbogen einen etwas erhöhten Platz eingenommen hatten, so konnten wir die erhabene Frau mit Muße betrachten. Ihre Gestalt schwamm in einem Goldmeere reicher Stickerei. Auf dem Haupte glänzten im braunen Haare funkelnde Diamanten; so war auch Brust und Nacken mit diesem Gesteine bedeckt; doch der Ausdruck des Gesichtes und die ganze Haltung war kalt, und unbeweglich; es drückte sich fast Widerwillen in den sonst so anmuthsvollen, freundlichen Zügen aus. Die arme Dame mag gar wohl gedacht haben, wie ihr aufblühender Thron vor Jahren an diesem schreckensvollen dritten September gebrandmarkt worden ist. Gewiß schwebte ihr das Bild der schreienden Horden und wankenden Rathgeber vor den Augen; und nun sollte sie für die Erhaltung derjenigen Institutionen beten, welche ihr geliebtes Hellas dereinst in das Verderben stürzen mußten! Auch preßten sich ihre Lippen krampfhaft zusammen, statt sich zum Gebete zu öffnen.

Wir verließen bald den dumpfen Raum, um die Königin nach Beendigung der Hymnen an uns vorüberfahren zu sehen. Ich hatte mir bei dieser Gelegenheit, wenn auch keinen prachtvollen, doch einen originellen Zug gedacht; statt dessen fuhren zwei vierspännige baierisch zugestutzte Kutschen vor, in welchen die Königin mit einem Theil ihres Hofstaates fast gänzlich den Blicken entschwand; einige vereinzelte sehr reich gekleidete Adjutanten und ein Trupp Lanciers umschwirrten den Wagen, und plötzlich war der ganze Zug unseren neugierigen Blicken entschwunden. Die Königin entledigte sich ihrer drückenden Kleiderpracht, worauf wir uns bei ihr zum Frühstück in einem Garten-Pavillon versammelten. Derselbe besteht aus einem Holzgitter mit leichtem Dache, und ist über einem herrlichen Mosaïk erbaut, welches man auf demselben Platze ausgegraben hat, und das sich rühmt, das größte der Bekannten zu sein; es ist außerordentlich gut erhalten und scheint nach den Arabesken und der Form zu schließen, sich in einem antiken Badezimmer befunden zu haben. Als wir uns zum vortrefflichen Gabelfrühstück setzten, bemerkte die Königin, daß unsere Zahl dreizehn sei; augenblicklich ward ein Katzentisch bereitet, und der arme uns zugetheilte Adjutant mußte mit einer Ecke des Laubpavillons vorlieb nehmen. Zwei Gründe mögen dieses komische Verfahren bei der so geistreichen Königin entschuldigen: erstens ist das griechische Volk außerordentlich abergläubisch, und es scheint nicht gerathen, offen diesen Sonderbarkeiten entgegen zu treten; zweitens trug sich vor einigen Jahren ein eigener Zufall am griechischen Hofe zu: man speiste zu dreizehn, in der kürzesten Zeit darauf starb einer der Tafelrunde; einige Tage darnach war die Gesellschaft wieder vereinigt und abermals in der ominösen Zahl. Ein junger Engländer, der beide Male zugegen war, äußerte im Scherze, wer wohl diesmal das Opfer sein würde; abermals verging eine nicht lange Zeit, und der junge Britte war eine Leiche.