Mein erster Ausflug: Wanderungen in Griechenland
Part 19
Als es acht Uhr schlug und die Räder unseres Schiffes zu rauschen anfingen, brachten uns die freundlichen Generale noch vom Ufer aus ein dreimaliges Hoch, und unter dem Donner der Kanonen und den Tönen der Volkshymne, welche dem Lande den Namenstag des Kaisers verkündeten, verließen wir mit aufgehißten Wimpeln die Stadt Zara. Es war ein imposanter Augenblick, und stolz hob sich unser österreichisches Selbstbewußtsein. Groß ist der Gedanke, daß so ein Tag von den kalten Endspitzen Galiziens, bis in den tiefsten Süden Dalmatiens gefeiert wird! Der Morgen war leider etwas trüb, das Meer jedoch zur großen Freude der Aengstlichen außerordentlich ruhig. Den Vormittag brachten wir theils auf dem Verdecke, theils in den Cajüten zu, wozu uns ein unangenehmer Regen zwang, der das Verdeck überschwemmte. Man schrieb Journale, rief politische Dispute hervor, welche gewöhnlich vom Graf C. ausgingen, und brachte so recht angenehm und heiter einige Stunden zu. Als wir noch auf dem Verdecke dem schlechten Wetter trotzen wollten, ward uns ein Schauspiel zu Theil, welches allgemeines Bedauern erregte. Wir segelten gar weit vom Lande, als plötzlich ein armes Rothkehlchen ängstlich um unsere Köpfe schwirrte; es suchte überall einen Ruhepunkt für seine matten Glieder, doch kaum hatte es sich auf ein Tau gesetzt, um sich etwas Ruhe zu gönnen, so wich es wieder scheu vor den ihm neuen Gegenständen zurück. Zu einer Rückkehr auf das Land war keine Möglichkeit mehr. Es hatte sich zu weit über die trügerischen Fluthen gewagt. Mehrmals verloren wir es aus dem Auge, doch bald erschien es wieder von Mattigkeit überwältiget; endlich entschwand es unseren Blicken und fand vermuthlich in den Wellen den Tod. Es erinnerte so lebhaft an den Eingang zu Lenau's Faust. Der große Dichter schildert dieses Bild mit so viel inniger Wärme und tiefer Melancholie. Gern hätten wir das arme Thierchen gerettet, doch ihm beizukommen war keine Möglichkeit. Gegen die Essenszeit heiterte sich das Wetter zu unserer großen Freude auf und wir konnten den schönen Tag nach Möglichkeit feiern. Wir ließen die Tafel auf dem frisch geputzten Verdecke bereiten, und setzten uns in voller Parade zum Male. Der Kapitän befahl, die großen Kanonen zu laden um im Augenblicke des Toastes die Laute des Geschützes über die Fluthen des österreichischen Meeres donnern zu lassen. Aus der Kellerprovision wurde der letzte gute Wein gereicht, mit dem man während der Reise nicht sehr gespart hatte. An diesem Tage mußte alles glänzend sein; auch war er ja einer der letzten unserer schönen Reise, die wir nur der Huld des Monarchen zu danken hatten. Alle Officiere des Schiffes hatten wir zur Tafel gezogen. Um fünf Uhr versammelte man sich. Die schweren Wolken, welche den Morgen getrübt hatten, zerstreuten sich an Oesterreichs schönem Horizonte; alles war in der heitersten fröhlichsten Laune. Selbst mein Bruder, welcher vom hitzigen Fieberanfalle, Gott sei Dank, wieder hergestellt war und der arme Kapitän, der sich seit einigen Tagen leidend fühlte, erschienen. Heute wollte ja Niemand fehlen. In der Mitte des Males erhoben wir uns, die Matrosen stiegen auf die Raen. Ich brachte den Toast auf das Wohl des Kaisers mit innigem, vollem Herzen aus und von allen Seiten des Schiffes, von oben und unten, tönte der freudige Jubelschall, unterstützt vom Donner der Kanonen, und in demselben Augenblick schwanden die Nebel und das Tagsgestirn stand glühend und prächtig auf dem reinen Spiegel der sanften Fluthen. Himmel und Meer erglänzten in goldener Pracht, und so vereinigte sich Wasser und Luft und die scheidende Sonne, deren letzte Strahlen auf unseren hoch erhobenen Champagner-Gläsern wieder glitzerten, zur Feier des Tages. Nun folgte Toast auf Toast und eine stille Wehmuth ergriff uns bei dem Gedanken, daß wir zum letztenmal an froher Tafelrunde auf dem theueren Vulkan säßen. Auf jeden neuen Jubelruf scholl die Antwort der Matrosen, welche auf dem Takelwerk geblieben waren, gleich einem Echo, bis auch sie an die Reihe kamen und mit Wein beschenkt wurden. Der Genuß des feurigen Rebensaftes verfehlte seine erheiternde Wirkung nicht, vom Ersten bis zum Letzten waren alle guter Dinge, wie es sich an einem solchen Tag geziemt. Obwohl wir aus südlichen Ländern kommend, die Kühle empfindlicher spürten, blieben wir doch noch bis zum späten Abend auf dem Verdecke. Als es schon völlig dunkel war, erscholl noch das »Gott erhalte« von den muntern und dankbaren Matrosen in italienischer Sprache gesungen. Nachdem sie noch einige Liedchen ausführten, begaben wir uns alle zur Ruhe der letzten Nacht, welche unsere Reisegesellschaft hier zubrachte. Wie froh war ich, daß wir wenigstens den Abend noch so heiter und zufrieden verlebt hatten.
Druck von Bär & Hermann in Leipzig.
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Seite 70/71: "Retterbottes" geändert in "Retterbootes" (erwartete man den taktmäßigen Ruderschlag eines Retterbootes)
Seite 77: "keinesweg" geändert in "keineswegs" (der Anblick war keineswegs so freundlich feenhaft)
Seite 98: "frückstücken" geändert in "frühstücken" (das königliche Ehepaar zu frühstücken pflegt)
Seite 111: "enem" geändert in "einem" (bald befand er sich in einem Säulenwalde)
Seite 115: "von" geändert in "vom" (während in unmittelbarer Nähe der vom Rumpfe abgebrochene Kopf)
Seite 121: "Ueberbleisel" geändert in "Ueberbleibsel" (lasen von der zerbrochenen Flasche Ueberbleibsel als Andenken auf)
Seite 134: "." eingefügt (ein romantisches Ziel für Spaziergänger. Die Aussicht auf Athen)
Seite 136: "eben falls" geändert in "ebenfalls" (worauf wir ebenfalls diesen furchtbaren Punkt)
Seite 145: "bber" geändert in "aber" (Der Römer ist groß, aber erdrückend schwer)
Seite 152: "Beiweis" geändert in "Beweis" (in dieser Einrichtung zeigt sich ein Beweis richtiger Berechnung)
Seite 155: "Mosche" geändert in "Moschee" (Als wir die Moschee verließen, um das Minaret zu besteigen)
Seite 185/186: "inexbressibles" geändert in "inexpressibles" (Die =inexpressibles= von weißem Tuche mit Goldstreifen)
Seite 194: "uaturgemäße" geändert in "naturgemäße" (Dandys werden über dieses naturgemäße Verfahren erschrecken)
Seite 256: "," hinter "das" entfernt (erscholl noch das »Gott erhalte«)]