Mein erster Ausflug: Wanderungen in Griechenland

Part 15

Chapter 153,305 wordsPublic domain

Jetzt lernten wir eine neue, den türkischen Großen höchst eigene Sitte kennen; man vernahm nämlich in dem wohlgefüllten Bauche des Paschas ein dumpfes Rollen und Tönen wie vor einem herannahenden Gewitter. Plötzlich dröhnte das ganze Zimmer von einem Schall, welcher dem holdseligen Munde des kaiserlichen Schwagers entfahren war. Da diese bauchrednerischen Betonungen bei uns keineswegs üblich sind, so mußten wir in den großen Mundstücken der Tschibuks Hülfe suchen, um nicht in ein Gelächter auszubrechen. Von der türkischen Seite aus wurde dieser Beweis eines zu copiösen Diners sehr gleichgültig aufgenommen und die Osmanli schienen gar nicht verlegen. Im Gegentheil, kaum war Smyrnas Pascha zu Ende, so hörten wir auf der andern Seite des Zimmers ebenfalls einen lauten Seufzer über die Thorheit, so viel gegessen zu haben. Es war die Gemüthsäußerung der türkischen Excellenz, welche am zweiten Tische während des Mahles präsidirt hatte. Nun konnte unser convulsivisches Lachen kaum mehr verborgen bleiben; erst später erfuhren wir, daß diese etwas lebhaften Magenäußerungen im Oriente nicht im geringsten unartig seien, sondern so behandelt würden, wie bei uns allenfalls das Niesen. Unsere Gedanken wurden von diesem sehr komischen Thema durch einen ägyptischen Mohrentanz abgelenkt, welchen der Pascha auf demselben Platze, wo der Kamelkampf verunglückt war, aufführen ließ. Die Neger spielten selbst eine monotone Musik mit Trommeln und Cinelli. Der Tanz war eigenthümlich, graziös und kriegerisch. Die Neger schlugen mit Stöcken gegen einander und machten mitunter Sätze wie wilde Tiger. Ein National-Tanz ist immer von großem Interesse, da sich in demselben meist der Charakter des Volkes ausspricht. Die Tarantella ist voll wilder Gluth, der Bolero edel und feurig, die Mazurka voll leichtfertiger Anmuth, und in diesem Tanze sieht man die wilde, kriegerische Horde, welche um die Leiche der Feinde oder um den erlegten Löwen tanzt.

Als wir einige Zeit dies Schauspiel betrachtet hatten, fragte uns der Pascha, ob wir nicht die Kaserne und die Truppen sehen wollten, welches Anerbieten wir sehr gerne annahmen. Zum Abschied traten wir zu dem Schreine, unter dem Namenszug des Sultans, der nun mit Champagner, Feigen, Trauben und köstlichen Sultaninen überfüllt war. Ich ergriff ein Glas mit dem sprudelnden Frankenwein und bat den Pascha, ob wir nach unserer europäischen Sitte auf sein Wohl trinken dürfen; er erwiederte unseren Toast, indem er ebenfalls einen auf das Wohl unseres Monarchen ausbrachte. Den Namen des Kaisers lispelte er nach türkischer Sitte nur mit leisen Worten. Nun trank er noch auf unsere Gesundheit, und wir auf die des Sultans. Ich sah bei dieser Gelegenheit, daß die Türken, trotz des Korans, dem perlenden Champagner keineswegs abhold sind; sie entschuldigen diese stille Leidenschaft durch die Behauptung, dieser Wein sei nach Mohammeds Tode erfunden worden. Wir verabschiedeten uns nun bei unserem herzlichen, freundlichen Wirthe, den wir in der kurzen Zeit ganz lieb gewonnen hatten, und wurden mit denselben Ceremonien entlassen, mit denen man uns empfangen hatte. Wir begaben uns in die Kaserne; ein sehr geräumiges zweistöckiges Gebäude, aus einem Mittel und zwei Seitentrakten bestehend; gegen die vierte Seite zu ist es offen und ein Gitter schließt den großen Hof, unmittelbar am Rande des Meeres, ab, wodurch auch die Luft in den schönen fensterreichen Räumen immer gesund und frisch ist. Der in dem Gebäude kommandirende General, welcher seiner Charge nach über zwei Regimenter gesetzt ist, hatte in diesem Augenblicke nur ein Regiment in der Kaserne, das andere war auf dem Marsche. Jedes Regiment hat zwei Oberste, vier Oberstlieutenants, zwölf Majors und vier und zwanzig Lieutenants. Die Mannschaft ist in vier Bataillone eingetheilt, das Bataillon in zwei Compagnien.

Der General, welcher den Titel Militär-Gouverneur führt, empfing uns unter dem Thore des dunkelroth angestrichenen Gebäudes. Wir besuchten die Räume des ersten Stockes; die Gänge sind außerordentlich hoch, breit, luftig und von lobenswerther Reinlichkeit, die Zimmer geräumig und nett; vierzig bis sechzig Menschen haben in demselben Platz. Der Mann hat einen magern Strohsack, ein kleines Kissen und eine Wolldecke, alles von dunkler Farbe; das ganze Bett hat in seinem Tornister Platz. Die Leute liegen am Boden ziemlich dicht neben einander. Die Kleidung des Soldaten besteht aus einem rothen niedern Feß, einem blauen Tuchspenser und weißen Leinwandhosen; die Füße sind nur außerhalb der Caserne mit schwarzen Schuhen bekleidet; in der Kaserne gehen die Leute bloßfüßig herum, was viel zur Reinlichkeit beitragen mag. Das Riemzeug ist von weißem Leder, die Patrontasche ziemlich umfangreich. Die Gewehre sind groß und braun geschäftet, die Tornister schmal und hoch, mit braunem Leder überzogen. Ich konnte dem General nicht genug meine Bewunderung ausdrücken und versicherte ihn, daß man selbst in Europa sich die Reinlichkeit des Militärgebäudes zum Beispiel nehmen könnte, was dem Kommandanten sehr zu schmeicheln schien. Man führte uns nun in eine Art großen Erkers, welcher in der Mitte des mittleren Traktes im ersten Stock ein Gastzimmer enthält, von wo aus wir gebeten wurden, einigen Bewegungen des Regimentes zuzusehen; wir versicherten die Herren, daß wir, statt auf den schwellenden Kissen des Divans zu ruhen, uns lieber in den Hof begeben wollten, um die Truppen in der Nähe bewundern zu können. Diese Aufmerksamkeit freute die zuvorkommenden Türken außerordentlich, was ich später durch einen Brief aus Constantinopel erfuhr. Von ihrem Sultan sind sie keiner so nahen Betrachtung gewürdigt. Für Seine osmanische Majestät ist nämlich ein prachtvolles Zimmer im zweiten Stock eingerichtet; in jeder Kaserne ist ein solches für ihn bestimmt, von wo er dann die gläubigen Kinder Mohammeds wie aus den Wolken betrachtet, das heißt nur sein Körper zeigt sich bei diesem kriegerischen Schauspiele, denn der abgestumpfte Geist des jugendlichen Fürsten erfreut sich nicht an dergleichen Dingen; er ergeht sich lieber im Genusse des umhüllenden Tabacksrauches und denkt lieber an das Heer seiner 700 Frauen, als an seine bewaffnete Armee; wenn auch der Dragoman mit gewandtem Sinne mir sagte: »=Cette chambre est réservée pour le Grand-Sultan, puisque les soldats sont ses enfants et le père doit toujours loger parmi ses enfants=«, was recht hübsch klingen würde, wenn es nicht eine leere Redensart wäre. Das Regiment war im großen Hofe aufgestellt, alle Offiziere waren zu Fuß; ich glaube, daß nur dem General ein Pferd zusteht. Die vier Bataillone standen in einer Front, und es begann ein kurzes Exerciren im Feuer. Zuerst schoß jedes Bataillon der Reihe nach, wobei das erste Glied nach alter Art niederkniete, wodurch alle drei Glieder feuern konnten. Hierauf kam eine Décharge der ganzen Front, ein Lauffeuer und dann die Formirung eines ganzen Quarrés. Im Feuer exercirten sie vortrefflich, die Déchargen waren wie ein Schlag und das Laden fabelhaft rasch; mit den übrigen Bewegungen ging es minder gut; dieselben werden noch nach dem Beispiele eines Flügelmannes gemacht. Besonders schlecht fiel das Defiliren aus, bei welchem ein langer schwarzer Neger-Lieutenant die Richtung angab; die Musik tönte hierzu gar wild und eigen. Einmal versuchten die guten Leute etwas aus Flotow's »Martha« zu spielen, was aber ganz und gar mißlang. Das Commando der Türken in der Landessprache ist wohltönend und laut, und wird rasch von den Truppen ausgeführt.

Nirgends kann man den Gesichtscharakter einer fremden Nation besser beurtheilen, als in ihren Heeres-Abtheilungen. Wo alles gleich gekleidet ist, nach gleicher Größe gerichtet wird, da fällt einem auch die Gleichheit der Züge auf und es wird möglich, aus diesen neben einander gereihten Gestalten einen allgemeinen Typus zu entnehmen. Der türkische besteht in einer ziemlich kurzen, etwas zurück gelegten Stirne; starken, schön gewölbten Augenbrauen, scharfen, lang geschnittenen Augen, einer langen, schmalen an der untern Spitze gerundeten Nase, einem großen, schlaffen Munde mit starker Unterlippe, und einem langen, ovalen Kinn; die Haut ist olivenartig. Nur der Schnurrbart wird bei den türkischen Truppen getragen; der volle Bart wäre, wie wir oben gesagt haben, zu reactionär, und würde zu viel an den Janitscharen-Absolutismus erinnern. Nach der Defilirung der Truppen drückten wir dem Generale unsere Bewunderung und unseren Dank aus und verließen hierauf die schöne Kaserne.

Es scheint, daß die Türken die Erfahrungen, die sie aus den Revolutionen schöpften, gut zu benützen wußten, indem sich der Palast des Gouverneurs in unmittelbarer Nähe der Behausung der Truppenmacht befindet. Ist auch die türkische Monarchie im Innern morsch und schwach, so ist sie es doch nicht durch die Revolution, und das Hinsterben eines alten Kolosses, der eine große Vergangenheit hat, ist nicht so erbärmlich, als die furchtsame Schwäche der europäisch christlichen Staaten, die die Revolution hassen, sie gerne umbringen wollten, aber die Mittel hierzu mit kindischer Schwäche scheuen und nur manchmal hinterrücks einen Ausfall wagen. Die religiöse Idee ist es, die dies Reich noch zusammenhält. Ist Mohammed einmal begraben, so leuchtet auch sein Halbmond nicht mehr über den schönsten und reichsten Länder der Erde. Soll die Türkei untergehen, so untergrabe man ihre Religion. Will man die europäischen Nationen stürzen, so säge man fleißig am Kreuze.

Da während des Morgens das Meer ziemlich bewegt geworden war, schlug man unserer Gesellschaft vor, den Rückweg zum Consulate auf den Pferden des Pascha durch die Stadt zu machen. Wir nahmen das Anerbieten nicht an, da es uns in Verlegenheit setzte, auf diesen herrlich geschmückten Pferden zum Schauspiel für ganz Smyrna zu werden; wir hätten auch in voller Uniform zu Fuße in der glühendsten Hitze auf dem schlechten Pflaster eine lange Strecke gehen können. Ich aber liebe das bewegte Meer, und tanze gerne auf den mächtigen Wogen, bestimmte mich daher die Fahrt wieder in der Barke Halils zurück zu machen. Ein herrliches Vergnügen versprach ich mir von diesem wonnevollen Schaukeln durch den zauberhaften Hafen von Smyrna. Meinem Beispiele schlossen sich mein Bruder, Graf C., der General-Consul und der Dragoman an. Den Uebrigen schien das Heben und Sinken der schäumenden Wogen nicht zu behagen; sie zogen es vor, recht mühselig zu Fuße zu schleichen. Wir stießen frisch vom Ufer ab, und ich freute mich meines Einfalles; rasch schwebten wir über Berg und Thal im kühlenden Meerwinde dahin, die lustigsten Hafenscenen beobachtend. Das rothe Dach schützte uns vor den sengenden Strahlen und mit der größten Muße konnten wir das herrliche Panorama der Stadt betrachten. Lange schon ruhten wir wieder auf den Sopha's im Consulatsgebäude in angenehmer Erinnerung des heitern und merkwürdigen Morgens, als unsere Freunde keuchend und halbtodt von Hitze und Müdigkeit daher kamen. Wir bedauerten sie, daß sie nach einem so copiösen Male, so lange über das halsbrecherische Pflaster hatten hinken müssen. Ich lachte und dachte in meinem Innern, die hüpfenden Wellen sind doch besser als der holprige Weg.

Ein Ausflug nach Burnabá.

Smyrna den 20. September 1850.

Es war einer der schönen hellen Tage des Südens, der Himmel rein, die Luft warm und doch nicht drückend. Alles dies lud uns ein, das Anerbieten des Consuls und Pascha's, einen Spazierritt nach Burnabá zu machen, anzunehmen. Um drei Uhr Nachmittag, nach einem stärkenden Gabelfrühstück verließen wir das Verdeck des Vulkan. Bald hatte uns die Barke an Asiens Strand gebracht, von wo uns einige Schritte zum Hause unseres Consuls führten. Hier warteten unserer die Pferde des Pascha; es waren herrliche Thiere, in der reichsten Zäumung; die langen und breiten Schabracken strotzten von reichen Goldstickereien, die Zäume waren aus goldig glänzender Bronce, und die Steigbügel aus demselben Metall stellten ganze Waffentrophäen vor. Wir setzten uns hoch zu Rosse und umgeben von einem bedeutenden Schwarm türkischer Offiziere und einer Art irregulären Garde des Pascha, durchzogen wir mit majestätischem Pferdegetrappel die Straßen von Smyrna. Wir kamen durch die Armenier-Stadt, um der Anhöhe entlang in das freie Land zu gelangen. Alles stürzte zu den Fenstern und vor die Thüren, die herrlichsten orientalischen Physiognomien zeigten ihre neugierigen, fein geschnittenen Augen hoffend, daß sie einen asiatischen Fürsten im herrlichsten Anzuge einherziehen sehen würden, während sie nur, o Ironie! ein paar armselige Europäer in quadrilirten Sommertrachten bedeckt mit schwarzen Cylindern, auf den luxuriösen Pferden Halil Pascha's erblickten. Bald waren wir auf einem gar schönen, und -- schenkt man den Historikern Glauben -- interessanten Punkte, auf dem höheren Theile Smyrnas, angelangt. Es ist dies der von Platanen umschattete heilige Ort, an welchem der erste Musensohn, der erste, von dem wir wissen, daß er der Sprache die bezaubernden Rosenfesseln des Rhythmus angelegt hat, an welchem Homer das Licht der Welt erblickt hat. Ist es auch nicht der wahre Punkt, an welchem der von den Göttern begeisterte Sänger geboren ist, so ist doch wenigstens die geschichtliche Fabel trefflich ersonnen; denn gar reizend wölbt sich die Platane mit ihrem edlen schlanken Wuchse, ihren feinen glatten Aesten, und der breiten, leichten, vielfach gezackten Blätterkrone an dem diesseitigen Ufer eines Gewässers, während jenseits der stille, ernste toderfüllte Cypressenhain zum Himmel ragt; zudem erheben sich als Symbole der späteren Geschichte zwischen den spitzen dunklen Bäumen gleich weißen Geistergestalten die merkwürdigen Türken-Gräber, während über den Fluß die für Smyrna so wichtige eigenthümlich gebaute und mit lebhaften Farben bemalte Caravanenbrücke führt, über welche tausend und tausende von Kamelen die reichen Naturgaben auf den Stapelplatz der orientalischen Gewässer bringen. Wir überschritten dieses alte Bauwerk und begaben uns in den Todtenhain der Muselmänner. Ein eigenthümlicher Ernst, eine ergreifende Würde herrscht in diesen Räumen; in guter Ordnung und gehöriger Entfernung stehen die hohen Cypressen, diese lebenden und doch die Todesruhe verkündenden Minarets des Pflanzenreiches. Zwischen denselben sind die zahllosen Gräber, welche aus aufrecht stehenden Steinplatten bestehen, die meist auf und abwärts in einen Winkel auslaufen. Die Gräber der Männer bezeichnen auf dem obern Theil angebrachte Turbane; die der Frauen sind ungeschmückt wie überhaupt der Frau im Oriente keine Rolle eingeräumt ist. Vor mancher der Steinplatten erstreckt sich eine niedere Steineinfassung, wie sie bei uns im Gebirge öfter von Holz gemacht wird. Die neueren Gräber sind mit grellen Farben bemalt und statt dem Turban sieht man schon den türkischen Feß darauf. Auf den Steinplatten stehn der Name des Todten und Sprüche aus dem Koran. Zwei Dinge gefallen mir bei den Türken: daß sie nie die Gräber ihrer Vorfahren mit eigener Hand aufreißen und vertilgen, sondern dies Geschäft der Zeit überlassen, und daß sie keine steinerne, beklemmende Platte den Gebeinen der Verstorbenen aufdrücken, sondern sie dem Schooße der Mutter Erde anheimstellen. Ich ziehe einen solchen Türkenfriedhof den unserigen weit vor; man findet hier viel mehr Gediegenheit, Einfachheit und Naturreiz als in unseren Kirchhöfen, wo man oft eher geneigt ist zu glauben, man sehe ein theatralisch heidnisches Freudenmonument, als eine christliche Grabstätte, oder endlich gar, wie bei den Italienern, wo man auf einem großen mit Arkaden umgebenen Platz die Reichern aufschichtet, während man dem Armen nur auf freiem Felde einen Raum gönnt und sein Grab von dem eines Hundes nur durch eine kleine nummerirte Holzmarke unterscheidet; will man Namen und Auskunft über einen Todten finden, so muß man in einem Bibliothekkasten, einen Katalog nachschlagen lassen. Dies sind die Ergebnisse unserer großen materialistischen Zeit, in welcher sich die Menschheit selbst als eine von einem ungekannten Fluidum durchströmte Fleischmasse betrachtet und hiedurch, wie natürlich, die Achtung vor den todten Gebeinen verliert. Unsere Vorfahren kannten noch den schönen Sinn, der sich in den Türkenfriedhöfen zeigt, und man findet denselben noch in manchen Theilen des hohen Gebirges.

Wir verließen die großen Cypressenhaine, bestiegen wieder unsere schimmernden Rosse, und setzten unseren Weg nach Burnabá fort. Wir durchstreiften die fruchtbarste Gegend mit der üppigsten Vegetation; man konnte sich hier den richtigsten Begriff von dem Reichthume der türkischen Länder machen; die herrlichsten Reben schlingen sich um die kräftigen Feigenbäume; die berühmten Zuckermelonen von Smyrna wachsen zwischen dem kornreichen türkischen Weizen; alles hat den Anstrich der Fülle, doch sieht man, daß Mutter Natur die Hauptkünstlerin in dieser herrlichen Kultur ist. Häufig begegneten wir Kamelzügen und Maulthieren, mit den Früchten des Landes beladen; von allen Seiten ward das Auge gespannt, überall erblickte man Neues und Fesselndes. Als wir in eine breitere, nur mit einzelnen Bäumen bewachsene Ebene geriethen, fingen die mit langen Flinten und Säbeln bewaffneten und bizarr gekleideten Garden des Pascha an, uns zu umschwirren; immer rascher trieben sie ihre Pferde an, und hoben sie ihre Stimmen zu wildem Geschrei; der Staub wirbelte unter den fliegenden Hufen auf, und nach den verschiedenen Richtungen gegenseitig ihre Wege durchkreuzend, gaben sie uns ein Bild kriegerischer Kämpfe; es nimmt sich ganz gut aus, wenn solch ein brauner Sohn des Orients in der malerischen Tracht, auf seinem kleinen feurigen Renner, zwischen den Bäumen stäubend dahin fliegt, den Säbel schwingt, die lange Muskete zum Schusse anlegt, sich in den kühnsten Bewegungen hin und her schwingt und das wilde Schlachtgeschrei ertönen läßt. Wie bedauerte ich, daß wir auf unseren Parade-Rossen dergleichen nicht thun konnten; doch leider dürfen diese Repräsentations-Thiere nach türkischer Sitte nur im Schritte geritten werden, indem sie der Pascha blos bei großen Gelegenheiten, wie beim Einzuge in die Moschee braucht. Aus Artigkeit für den freundlichen Halil waren wir also verdammt, den ersten Theil des Weges im imposanten Einzugsschritte mit zeitweiligen nicht sehr dazu passenden Lançaden zu machen. Doch ward uns nach einiger Geduldprobe Hülfe verschafft; wir kamen in eine Papiermühle und versicherten dort auf die artigste Weise den türkischen Herrschaften, daß wir gesonnen seien, diesen herrlichen Thieren eine besondere Schonung angedeihen zu lassen. Artiger konnten wir die Sache nicht wenden. Die Türken schienen hierüber keineswegs böse zu sein, wir sprangen von unseren Pferden ab und nahmen dafür leichtfüßigere Thiere aus dem Gefolge, und nun ging es zu unserem Vergnügen bald in einem schärferen Tempo, und lachend und scherzend kam unser großer Schwarm im lebhaftesten Gewühle nach Burnabá. Dieser Ort, der Sommeraufenthalt der Franken, die elegante =villeggiatura=, in welcher sich die verschiedenartigsten Stämme Europa's dem Sommervergnügen hingeben, liegt am Gebirge und sieht durch seine vielen und reichbepflanzten Gärten gar lieblich und heiter aus. Die Ortschaft ist groß; nur Schade, daß, wenn man in das Innere eindringt, man von der Pflanzenfülle und dem Häuser-Comfort gar wenig steht, indem alles mit hohen Mauern nach orientalischem Schnitte abgeschlossen ist. Im türkischen Theile befindet sich ein Bazar, welcher jedoch schmutzig und von kleiner Ausdehnung ist, so daß das Innere der Straßen gar wenig Interessantes darbietet. Uns war es jedoch vergönnt einen tiefern Blick in die Pracht und den Comfort der Bewohner dieser südlichen Länder zu thun. Ein charakteristischer Unterschied zwischen dem orientalischen und dem europäischen Volke ist es, daß die Bewohner Europa's mit ihren Schätzen prunken, ihre Gärten den Schaulustigen öffnen, gar häufig mit dem, was sie durch ihr Geld erkauft haben, prahlen und alles Mögliche thun, um Leute zu finden, welche das von ihnen Geschaffene bewundern. Der Orientale dagegen häuft seine Schätze mit stiller Eifersucht zwischen den vier schützenden Mauern auf, schafft sich daselbst ein Paradies, und genießt es im Stillen mit den Eingeweihten des Hauses; höchstens erlaubt er der Fama, daß sie von den geheimnißvollen unsichtbaren Wundern seines Hauses spricht. Dadurch wird im Oriente das Niegesehene immer von Neuem bewundert, wenn in Europa der Blick der Menge längst davon gesättigt ist. Durch die Güte des General-Consuls erhielten wir in den Garten eines sehr reichen Banquiers, Namens B., eines gebornen Triestiners, Einlaß. Der Besitzer empfing uns auf das Zuvorkommendste und führte uns in einen, in seinem Garten gelegenen reizenden Salon, welcher uns das lebhafteste Bild des luxuriösen Geschmacks des Orients gab. Der mit Marmor belegte Boden war in zwei Abtheilungen getrennt, so daß der eine Theil erhöht war. Hier lief längs der Wand ein Divan, zu dessen Füßen reiche Teppiche gebreitet waren. An den mit einer großen Anzahl Fenstern durchbrochenen Wänden hingen Armleuchter mit in Goldrahmen gefaßten Hohlspiegeln; in dem unteren Theile des Salons befand sich ein fein gearbeitetes marmornes Doppelbecken, in welches eilf Springquellstrahlen mit lieblichem Geplätscher niederrieselten. Das abfließende Wasser derselben bildete außerhalb des Gebäudes einen mit Bäumen beschatteten Teich, dessen von Stein ummauerte, über den Boden erhobene, von Goldfischen belebte Wasserfläche sich unmittelbar an der Fensterflur befindet. Durch diese Wasserfülle ist es, daß diesen reizenden Salon eine immerwährende wohlthuende Kühle durchweht. Der Garten ist mit Orangenbäumchen und andern üppigen Gewächsen des Südens bepflanzt. Nachdem wir ihn durchschritten hatten, wurden uns in dem angenehmen Gartenhause die herrlichsten Erfrischungen gereicht. Sie bestanden aus Gefrornem und dem berühmten in Smyrna eingemachten Obste; es ist Sitte, dieses in allen Häusern bei der Ankunft fremder Gäste zu reichen. Hierauf besuchten wir das Haus eines Armeniers, von dessen Dachzimmer aus man die herrlichste Aussicht auf das Thal, die Stadt und den prächtigen Golf hat. Glücklich die Menschen, die dies Zauberbild von den Fenstern ihres Hauses aus sehen können.