Mein erster Ausflug: Wanderungen in Griechenland
Part 12
Der erste Morgen in Kleinasien, der erste Morgen im osmanischen Reiche, lachte uns freundlich entgegen; da lag der Orient mit seinen Reichthümern, mit seiner Vegetation, mit seinen tausend Sinnenblendungen vor uns. Asiens Blüthe hatte sich vor uns entfaltet, die Welt lang gehegter Träume erschlossen. Am reinen Meeresspiegel, auf leichter Erhöhung, ruhte die Stadt mit ihren tausend und abermals tausend Häusern im buntesten Farbengewirre vor uns. Schlanke Minarete, die Wegweiser des Mohammedanismus, erhoben sich in ihrer eigenthümlich graziösen Bauart neben den Kuppeln der Moscheen. Reiche Cypressen-Wälder beschirmen auf der Anhöhe mit stillem, majestätischem Ernste die Gräber der Türken. Auf dem höchsten Punkte liegt wie auf einer Terrasse die Ruine eines festen Schlosses, welches man aus diesem, an geschichtlichen Erinnerungen so reichen Boden, Alexander dem Großen zuschreibt. Im Hintergrunde erhebt sich das Gebirge mit seinen tausendfältigen Formen, umschließt wie ein Halbmond den klaren Golf und bildet an dem Ufer desselben die grünsten Abhänge und Thäler, aus welchen einzelne Ortschaften hervorblinken. Das schönste dieser Thäler führt von alten Zeiten her, dem tapferen Helden Richard Löwenherz zu Ehren, den Namen Cordeleon; auf dem andern, dem linken Ufer zeigt sich auf einer kleinen Landzunge ein von den Türken erbautes Fort, und über alle diese Pracht erhebt sich der blaue ungetrübte Azur. Jedes Minaret, jede Cypresse, jede schön gewölbte Kuppel, jedes farbenreiche Haus war für uns eine neue Erscheinung, und spannte unsere Neubegier; selig priesen wir uns daher, als die Barke an der Schiffswand herunter gelassen wurde, und wir mit mächtigem Ruderschlage über die Wellen hinhüpfend uns den Zauberbildern näherten. Der Ausdruck des Geistigen, die Verkörperung höherer Ideen ist das Erste, welches der Reisende im fremden Orte suchen muß; in diesem Sinne bildeten daher das ernste Minaret und die Moschee unser erstes Ziel auf Asiens Wunderboden. Geblendet, und vom Uebermaße des Entzückens verwirrt, schritten wir durch die Straßen und Bazare zu einem, an deren Ausgange gelegenen, erhöhten Platze, auf welchem in malerischen Formen die Moschee Kiltgezagi steht. Vor den Aufgangsstufen zu der erhöhten Terrasse, die das Fundament des unseren Augen so nahen Gebäudes bildet, steht ein von Bäumen umgebener Brunnen, welcher dem Totaleindrucke Frische und Leben gewährt. Ein schöner Gedanke ist es, daß man an den Stufen des Gotteshauses die im Oriente so seltene Erfrischung von Wasser und Bäumen bietet. Auf dem mit einem Steingitter umgebenen erhöhten Platze steht die aus einer großen Kuppelwölbung bestehende Moschee. Rechts erhebt sich das schlanke Minaret, in dessen Innerem eine kleine finstere Treppe zu der, unter dem in eine Spitze auslaufenden Ende befindlichen Gallerie führt, von welcher herab der Muezin fünfmal im Tage die Betstunde ausruft. Sowohl Minaret, als Moschee, scheinen von einem graugelblichen Sandstein gebaut zu sein. Vor den drei Eingangsthoren befindet sich eine schöne Stufenreihe, welche auf eine Terrasse mündet, die den Mohammedanern vor dem Eintritt in die Moschee als Raum zu dem Vorbereitungsgebete dient. Ueber dem Mittelthore erhebt sich ein kleines Thürmchen mit einem niedlichen Balkon, von dem herab der Iman seine Gebete ertönen läßt. -- Der Consul ersparte uns das Ausziehen unserer Fußbekleidung beim Eintritte, wodurch wir jedoch nach mohammedanischen Begriffen ein Sacrilegium begingen. Erwartungsvoll betraten wir den der Erbauung gewidmeten Raum und wurden augenblicklich an die im Perrückenstyle erbauten Kirchen erinnert. Säulenreihen scheiden den Raum in drei Theile, über deren mittleren und größten sich die Kuppel erhebt. Mauern und Säulen sind mit Gold und Farbenverzierungen geschmückt, die Grundfarbe aber ist weiß; in mehreren Theilen des Gebäudes sind Koransprüche angebracht. In der Mitte der dem Thore gegenüber stehenden Wand befindet sich der Platz, wo der obenerwähnte Iman, der türkische Seelenhirt, die Hauptgebete spricht. Auf der Wand hinter demselben sind die Goldverzierungen mit größerer Verschwendung angebracht, und sowohl dieser Theil, als auch der Boden, sind mit reichen Teppichen geschmückt. Der übrige marmorne Fußboden ist mit feinen Rohrmatten bedeckt, eine Einrichtung, welche für die christlichen Knie und Füße ebenfalls sehr vortheilhaft wäre. Auf jener Stelle, an welcher in unseren Kirchen sich gewöhnlich der Altar befindet, hängen drei Bilder; das mittlere stellt das Grab des Propheten dar, rechts sieht man Medina und links Mecca mit seinen Minarets und Kuppeln. Diese Bilder sind in einer eigenthümlichen, nicht ganz mißglückten Vogelperspective ausgeführt. Das Material scheint eine Art Wasser- oder Deckfarbe zu sein. Diese Conterfei's der für die Mohammedaner heiligen Orte sind das Einzige, was von türkischer Malerei besteht; denn anderes darf der wahre Gläubige nach dem strengen Ausspruche des Korans nicht darstellen. Dies mag ein Grund sein, daß man in Europa so lange über die Sitten und Gebräuche des inneren türkischen Lebens im Dunkeln blieb, während der mohammedanische Koloß durch den Umstand, daß er keine Abbilder von Menschen, also keine religiösen, und keine Sittenbilder besitzen durfte, dazu beitrug, ihn vor fremden Einflüssen zu bewahren. Diese Befehle und Verbote des weisen Propheten und seiner Ausleger vereinigten sich, wie eine aus tausenden von Steinen zusammengesetzte Scheidewand, um die Ungläubigen scharf von der treuen Heerde des Propheten zu trennen. Nun beginnt die Aufklärung auch in diese Gauen einzudringen; man findet die Idee des religiösen Gehorsams eine lächerliche Unbequemlichkeit, über die man sich hinaussetzen muß; man beginnt die kleineren Steine aus dem trefflich gefügten Verbande zu rücken, und bedenkt nicht, daß die größeren gar bald nachstürzen müssen. Man fängt unter dem Titel Mißbräuche auszurotten, an, alles dasjenige zu entfernen, dessen offenbaren Nutzen man nicht augenblicklich einsieht, bis das durch das erstere Gestützte, zur Erhaltung des Ganzen Nothwendige, entweder mit vollem Bewußtsein gestürzt wird, oder zum Erstaunen der Neuerer ebenfalls verschwindet. -- Rechts von diesem mit Bildern geschmückten Platze erhebt sich eine schmale Stufenreihe und führt in ein von vier Säulen getragenes Thürmchen. Der Eingang in dieses kleine, zierlich errichtete Schilderhaus ist durch einen rothen Vorhang geschlossen. Ein, in eine Spitze auslaufendes Dach ragt hoch an der Hauptwand empor und trägt diesem Häuschen zum Schutze am äußersten Ende den Halbmond, dieses einst so furchtbare Sinnbild der Mohammedaner, das gleich einer Sichel Stämme und Völker ohne Schonung dahin mähte. In diesem reichgeschmückten, hocherhobenen Häuschen ist es des Imans Aufgabe, für das Wohl des Sultans zu beten; ein Gebrauch, der für einen monarchisch absoluten Staat, dessen Oberhaupt zugleich der Vorsteher der Kirche ist, wie geschaffen erscheint; denn unwillkürlich muß es dem Volke einen großen Eindruck machen, daß sein Herrscher einen eigenen, von allen andern Menschenkindern abgeschlossenen Raum hat, zu welchen man nur wie auf einer Jacobsleiter emporsteigen kann, und zwar auch nur der Priester, damit dieser in höheren Regionen, wie aus den Wolken herab, das Gebet für den Nachfolger Mohammeds ertönen lasse. Diesem Häuschen gegenüber, auf der linken Seite der Wand, befindet sich eine reiche, weiß und goldverzierte Kanzel, auf welcher den Mohammedanern ihr Buch der Bücher, oder vielmehr das einzige ihnen bekannte Buch vorgelesen wird. Alle diese Einzelheiten der Moscheen haben große Aehnlichkeit mit denen unserer katholischen Kirchen. Dieses reich verzierte kleine Gebäude erinnerte an unser Sacraments-Häuschen; die Kanzel ist ganz, selbst der Form und den Zierrathen nach, denjenigen, welche wir in unseren Gotteshäusern haben, ähnlich; ja selbst unseren Chor finden wir über dem Eingangsthore wieder; nur erhebt sich statt der Orgel in der Mitte eine große vergitterte Abtheilung, in welcher der Sultan dem Gottesdienste beiwohnt. Als wir den Chor bestiegen, fanden wir wie natürlich den für den Großherrn bestimmten Raum geschlossen; auch in dieser Einrichtung zeigt sich ein Beweis richtiger Berechnung; das andächtige Volk ahnt die Nähe des Herrschers, und doch ist die Person desselben den fragenden Blicken entzogen, wodurch die Neugier und eine Art mysteriöser Verehrung in der Menge genährt wird. Bemerkenswerth ist die große Anzahl von Lampen, Straußeneiern und Hirschgeweihen, welche in der Moschee hängen, und ihr hiedurch den echt orientalischen bunten Reiz gewähren; man fragt natürlich, was Straußeneier und Hirschgeweihe in einem Gotteshause zu thun haben? Auch wir thaten diese Frage, und lernten hiebei ein Stück mohammedanischen Aberglaubens kennen; die Rechtgläubigen hängen diese Gegenstände in ihre Moscheen auf um das schadenbringende Lob der Ungläubigen unschädlich zu machen; tritt nämlich ein Christ in die Moschee und lobt die Schönheit des Baues oder die Pracht der Ausstattung, so muß sein herumschweifender bewundernder Blick unwillkürlich auf die Jettatura fallen, und das Unglück, welches seinem Lobe folgen müßte, ist verhütet. Dieser Glaube, so bizarr er ist, schadet nicht dem Effekte, den die Gegenstände auf den Beschauer machen. Der Total-Eindruck, den eine Moschee mit ihrer hohen Kuppel, mit ihren Säulenreihen und Seitengallerien macht, ist erhebend, still und großartig; nichts Abstoßendes trifft das Auge des Christen, kein überladener Prunk, keine allzugroße Entblößung versetzen den Beschauer in eine unangenehme Stimmung. Nur ein Kleinod vermißt das Auge des Christen: es ist der Altar. Dieser trostbringende Platz für eine bedrängte Seele, fehlt dem mohammedanischen Gotteshause, und dieser Mangel ist es, der für uns den Gottesdienst kalt und gefühllos macht; es fehlt die Einigung, das alles umfassende, jedes Gebet einschließende Opfer. Hiedurch entsteht eine Leere im Gotteshaus; es drängt sich einem der Gedanke auf, daß man sein Gebet eben so gut zu Hause feiern könnte; daß man hiezu keiner Synagoge, keiner Moschee und keines Bethauses bedarf. Der Jude ist's, der dies am wärmsten fühlt; sein Tempel ist zerstört, sein Opferplatz vernichtet, die Perle seiner Religion geraubt, und nachdem er nur glaubte in Sion opfern zu können, so fühlt er jetzt in seiner Synagoge nur eine haltlose Sehnsucht, ein klagendes Verlangen nach dem einstigen Glücke der Väter. Uns Jüngern des Messias war es vorbehalten, im prachtvollsten Tempel, wie in der kleinsten Kapelle etwas Höheres zu finden, als es je im Weltwunder Salomons vollbracht wurde. Mit Wehmuth suchen wir daher im Gotteshause der Andersgläubigen den verehrten Platz, zu welchem sich die Blicke der betenden Schaar während der heiligen Handlung wenden. Obwohl es Freitag, also der türkische Festtag war, erlebten wir in den Mauern der Moschee dennoch keinen Gottesdienst. Die Stunde war zu früh und noch kein Betender im Inneren angelangt. Eine Art Iman führte uns in den Räumen herum; er trug einen Turban, einen gestreiften Seidenkaftan mit einer Binde und einen Oberrock. Zu dieser Kleidung ein indolentes Gesicht mit gelber Hautfarbe und schüttern Bart, gaben ein ganz charakteristisches Bild. Als wir die Moschee verließen, um das Minaret zu besteigen, hatten wir auf der zum Vorbereitungsgebete bestimmten Terrasse den erhebenden Anblick eines im Gebete versunkenen Türken. Derselbe kniete auf einem nach türkischer Gewohnheit selbst mitgebrachten Teppiche; sein Anzug bestand in einem violettrothen faltenreichen Kaftan und einem schneeweißen Turban; die Schuhe hatte er ausgezogen und neben sich gestellt; in den Händen bewegte er den im Oriente so beliebten Kugelkranz, vom braunen Gesichte wallte über die Brust ein schneeweißer Bart, seine Augen waren in tiefster Andacht niedergeschlagen, seine Züge ernst und gesammelt; es war ein ergreifendes Bild. Nur zuweilen blickte er schmerzlich, ängstlich herum, und durch unser vielleicht zu lautes Gespräch gestört, fielen seine dunklen schwärmerischen Augen einen Augenblick auf uns. Als er die Neugier und geringe Achtung der Ungläubigen bemerkte, verfiel er in ein herzzerreißendes Weinen und sang leise und schmerzlich wimmernd seine Gebete vor sich hin. Es war nicht der Ausdruck des kalten gehässigen Vorwurfs gegen die neugierigen Christen, es war ein wehmüthiges Bedauern, ein stilles Jammern über den unbewußten Frevel, den wir wahrscheinlich in seinen Augen begangen. Mit Rührung, Mitleid und Achtung vor diesem frommen Beter verließen wir den Platz und betraten die kleine finstere Steintreppe, welche uns in das schmale kleine Minaret führte. Wir stiegen nicht bis auf die ganze Höhe, sondern verließen auf einem Ausgangspunkte das Minaret und seine mysteriöse Stiege, um uns auf die Seitendächer der Moschee zu begeben. Herrlich zeigte sich uns von hier aus Smyrna, die stolze Fürstin des Orients; reich entwickelte sich der von Menschenhänden geschaffene Schmuck, reicher der, den Mutter Natur ihr gönnte. Weithin streckten sich des silberblauen Kleides schöne Flächen, und majestätisch ruhte das gekrönte Haupt mit den Zacken und farbigen Gestirnen seines Schmuckes auf grünem Pfühle. Mitten im Häusermeere zeichnete sich der zu unseren Füßen gelegene kleine Platz, welcher den Bazar-Gassen als Ausgangspunkt zum Gotteshause dient, als besonders belebt und charakteristisch. Gedrängt füllten ihn Menschen in den verschiedensten Trachten, in den mannigfaltigsten Haut- und Kleiderfarben, um die ungläubigen Gäste zu erblicken, denen zu Ehren der Pascha eine Truppenzahl vor die Moschee gestellt hatte. Als wir das Gewirre zu unseren Füßen mit Interesse betrachteten, hörten wir plötzlich ein eigenthümliches Glockengeläute; neugierig warteten wir deß was da kommen würde. Plötzlich theilte sich die Menge und wir sahen braune Massen im pathetischen gleichförmigen Schritt und Tritt sich einherbewegen. Es war ein Zug eigenthümlicher Art, ein Zug aus tausend und einer Nacht, ein Bild, oder vielmehr eine Reihe von Bildern, wie sie Horace Vernet malt; eine Erscheinung, die man sich mit der glühendsten Phantasie nicht vorstellen, die man mit der beredtesten Feder nicht beschreiben kann; denn nur im tiefsten Orient, in den Gefilden Asiens, in den reichen lebensvollen Bazaren von Smyrna, Damaskus und Bagdad, nur da, wo Mohammeds Schwert regiert, wo die Palme grünt und der Halbmond durch die Wüste schimmert, sieht man, was wir sahen: einen mit Waaren und Früchten reich beladenen Zug von -- Kamelen. -- Sie erschienen vor uns, die Herolde, die Repräsentanten des ältesten Welttheils. Dies Thier, welches des Arabers dürftige Familie gleich einem Schiffe durch die Sandwellen trägt, welches ihm Milch zum einfachen Mahle giebt, welches ihm als schützende Mauer gegen den Samum dient und in der äußersten Bedrängniß als Opfer fällt, um den Gebieter den verborgenen Keller zu erschließen. Sollte da der Ankömmling nicht verwundert fragen, warum dieses Thier, eines der nützlichsten welches Gott schuf, so häßlich, ja fast geisterhaft schauerlich ist? Die Antwort, daß das wahrhaft Nützliche, das streng Genügsame, gar oft auf dieser Erde in einem widrigen, rauhen Kleide erscheint, muß genügen. Alles ist an diesem Thiere eigenthümlich; schwankend und doch nicht ohne Würde tritt der weiche Polsterfuß auf den heißen Boden; lang dehnt sich am magern Halse der schlangenartige Kopf, hoch wölbt sich gleich einem kahlen formlosen Berge der schwerbeladene Rücken. Bald passiv, bald wuthentbrannt ist das kluge Auge, ledern ist die dicke Haut, braun und doch eigentlich farblos der ganze mißgeformte Körper. Bald verschwanden die Söhne der Wüste in den Straßen des Bazars. -- Wir kehrten auf das Minaret zurück, nachdem wir, während wir die Dächer beschritten, auch das Innere der Kuppel auf einer Gallerie besehen hatten, die rings um das Innere läuft und einen so niederen Rand hat, daß Jeder, der an Schwindel leidet, es aufgeben sollte, den Moscheenraum in der Vogelperspektive zu betrachten. Als wir das Minaret verlassen hatten, war unser Türke aus dem Vorhofe verschwunden und schien bereits in die Moschee eingetreten zu sein. Wir verließen die terrassenartige Erhöhung und verloren uns im bunten Leben des Bazars.
Ein Besuch auf dem Sclavenmarkte von Smyrna.
Wir hatten den heiteren, lebensvollen Bazar einige Zeit durchwogt, als ich mich an meinen Dragoman mit der Frage wandte, wo sich der Sclavenmarkt befinde. Er ward verlegen und versicherte mich, es existire keiner mehr in Smyrna. Da ich das Gegentheil gehört hatte, begnügte ich mich natürlich mit dieser Antwort nicht und wendete mich an die Beamten unseres Consulates, welche mir zu verstehen gaben, daß die Türken vor den Christen so thäten, als gäbe es keinen mehr, indem doch die Gebildeteren eine Art von Schamgefühl über diesen barbarischen Menschenverkauf hätten. Ich dachte mir aber, daß man, aus Rücksicht für die Muselmänner, einen so interessanten Punkt zu sehen nicht unterlassen dürfe, und bestand beharrlich auf meinem Wunsche. Bald gab uns auch einer der Consulat-Beamten das Zeichen in ein Thor einzutreten. Wir verstanden ihn, und folgten seinen Schritten. Im Schutze eines Thorbogens, der unter einem Hause durchging, befanden sich in reicher türkischer Kleidung die Menschenhändler. Sie rauchten, an die Wand gelehnt, mit einem kalten, fast stupiden Ausdruck ihre Pfeifen und Nargilés. An ihrer Seite standen einige männliche Sclaven in weiße Linnentücher und braune Lodenstoffe gehüllt. -- Diese schwarzen Männer unterzogen sich unseren neugierigen Blicken mit stumpfer Ruhe. Ihre Gesichtszüge sind abstoßend, ihre Gestalt ist mager und schmächtig, ihre Haltung, wie die aller Südländer, frei und fast edel. Aus dem Thorgange traten wir nun in den inneren großen Hof. Hier bot sich uns ein Bild des entsetzlichsten Jammers und Elendes dar. Auf dem grauen, theilweise kothigen, theilweise staubigen Boden, lagen Gruppen von halb nackten, graufarbigen Negerweibern. Zu fünf bis sechs waren sie an mehreren Stellen, in den verschiedenartigsten Haltungen, auf Rohrmatten hingestreckt. Ihre spärliche Bekleidung bestand aus blaugrauen Kotzen, in welche sie nach Möglichkeit den mageren Leib hüllten. Manche hatten um die wolligen Haare Tücher gebunden, alles war auf diesem entsetzlichen Platze grau und wieder grau; die Hautfarbe der Menschen, die Kleidung derselben, der Boden, die spärlichen Pflanzen, die den Platz begränzenden verfallenen Hütten, alles ein Ton des Entsetzens.
Einige dieser Weiber lachten mit grinsendem, dummem Ausdruck und machten mit ihren langen, dürren Händen possierliche Bewegungen. Es scheint, daß unser Aeußeres auf sie einen komischen Eindruck ausübte. Einige jedoch starrten mit nichtssagenden Blicken unbeweglich in die Welt hinaus. Sie schienen Körper ohne Seele.
Andere standen an den verfallenen Thüren ihrer Wohnungen, die in Europa für einen Stall zu schlecht wären. Eines der Weiber hatte an seinem Fuße, durch das lange Gehen in der furchtbaren Hitze, die Elephantiasis; hülflos schmachtete dieses arme Wesen dahin; der Anblick machte mich fast krank vor Mitleid und Ekel. In der Mitte des Platzes stand ein dürrer Baum, an dessen Aesten ein grauer Käfig mit drei grauen Papageien hing, welche ein Türkenknabe feilbot, zu 23 frs. das Stück. So wird Mensch und Thier auf einem Raume dem Nebenmenschen verkauft; -- ein erniedrigender Gedanke. --
Und mancher philantropisch winselnde Christ, der alle Tage den Grundsatz der Liebe zum Nebenmenschen loben hört und mitlobt, kauft um ein maßloses Geld eine solche gefiederte Bestie, während sein Nebenmensch um wenig Geld verschachert wird. Falsch wäre es jedoch, wenn man glaubte, daß diese Menschen durch das Freikaufen glücklich gemacht würden; dazu müßte mehr geschehen, als es gewöhnlich der Fall ist. In ihrem Vaterlande leben diese Menschen in einem thierisch wüsten Zustande, und nur durch die tiefe Stufe, auf welcher sie stehen, ist die Möglichkeit gegeben, sie einzufangen, um sie dann zu verkaufen.
Man müßte also durch Missionen und Civilisirung des Inneren von Afrika Hülfe zu bringen suchen; aber der Mensch will so selten auf den Grund gehen und begnügt sich gewöhnlich nur mit momentaner scheinbarer Abhülfe! -- Wirklich elend sind diese Menschen schon von dem Augenblicke, in dem sie von den Muselmännern gekauft werden. Nackt werden sie aus ihrem Vaterlande bis zu den Thoren Smyrna's gleich einer Heerde getrieben; erst auf dem Markte bekommen sie dieses blau-graue Tuch. Die Nahrung, welche ihnen die Sclavenhändler geben, ist ein grauer Brei. -- Diese »=bêtes feroces=«, wie sie der christliche Dragoman nannte, kosten als Kinder, wenn sie lenksam sind, 100-150 frs., sind sie aber stutziger Natur, nur 40-50 frs. -- Einer der Mohrenknaben, welcher schon besser gehalten schien und im türkischen Kostüme war, spuckte auf uns, als wir ihn näher betrachten wollten, mit dem Ausdruck des bittersten Unmuthes. Weiße Sclaven kommen sehr selten auf den Markt. Wir sahen unter allen diesen gräulichen Erscheinungen nur ein hellfarbiges, sehr schönes Weib, welches in reichem, eigenthümlichem Kostüme Speisen herumtrug. Einige behaupteten, es sei eine jüdische Aufseherin, andere sagten es sei eine zum Kauf dargebotene Circassierin. Ihre Züge waren edel: schön gewölbte feine Brauen, lange scharf geschnittene Augen, mit einem melancholisch tiefen Ausdruck, eine echt orientalische Nase und ein zarter länglicher Mund; ihr Teint war blaß und etwas broncirt; die Gestalt schön und wohlgebaut; ihr braunes Haar umfing ein goldener Reif, der einen feinen Schleier hielt, welcher sie feenartig umhüllte. Mieder und Kleid waren von bunten orientalischen Stoffen, und so war sie die einzige lichte Erscheinung in diesem Meere von grauen Farben. Ich ließ mir erzählen, daß die Sclaven nach dem Ankaufe eine ziemlich gute Existenz hätten. Sie werden wie Diener behandelt und das orientalisch patriarchalische Verhältniß erstreckt sich auch auf sie. Dies gab mir einigen Trost und einige Beruhigung bei dem Scheiden von diesem Platze des Entsetzens. Auch gewahrte ich wirklich später auf dem Bazar einige Mohrenweiber, in Begleitung ihrer verschleierten Herrinnen, mit recht wohlgerundeten fröhlichen Gesichtern.
Das furchtbare Elend ist schon im Urzustande dieser Menschen vorhanden und dem könnte man nur durch Civilisation abhelfen.
Der Bazar von Smyrna.