Mein erster Ausflug: Wanderungen in Griechenland

Part 11

Chapter 111,249 wordsPublic domain

Bald setzten wir uns wieder zu Pferde, und verließen die uns so interessant gewordene Schlucht, an deren Ende eine Höhle sein soll, in welcher, wie uns die Königin sagte, der österreichische Gesandte, Freiherr von Prokesch einen großen Schatz an alten Vasen gefunden hat. Auf einem nicht minder malerischen Wege kamen wir wieder zu dem Dorfe Cassia zurück. Hier wurde von Neuem auf einem herrlichen mit Pinien bewachsenen Plätzchen gelagert. Feldsessel und ein kleiner Tisch wurden aufgestellt, und ein stärkendes Mahl eingenommen. Der Platz war lieblich, und die Ruhe that wohl. Ich machte die Bemerkung, daß Griechenlands uncultivirtes Volk gleich den europäischen Brüdern eine große Neigung hat, dem Essen hoher Personen zuzusehen. Ich dachte mir schon oft, daß die Leute sich einbilden müssen, daß Königinnen auf andere Art essen, wie die übrigen Menschenkinder; doch hier war das Interesse gegenseitig, denn auch für uns Reisende waren die griechischen Zuseher interessant zu betrachten. Nachdem wir von unserem Lager aufgebrochen, sprach die Königin im lieblichsten Griechisch zu den Kindern der Gemeinde. -- Wir setzten nun unseren Weg zu Pferde fort; als wir in die Ebene gelangten, brach die Nacht herein und ein neues Schauspiel bot sich unseren Blicken; mit mildem, ernstem Antlitze erschien der Mond im Chor der Sterne. Wie Alles im Süden heller, feuriger, begeisterter ist, so blinken auch die Gestirne mit einem eigenthümlichen, bezaubernden Glanze herab. Im Norden scheint der Mond im Blau des Himmels seine Stütze zu finden, während er in Attika's Gefilden frei im Aether schwebt und das entzückte Auge noch in eine weitere unbekannte Entfernung zu blicken glaubt. So hell leuchtete das Gestirn durch die Nacht, daß die muthige Königin im raschen Galoppe, trotz der schlechten Straße zur Hauptstadt reiten konnte. Die Wagen, welche uns entgegen gekommen waren, wurden zu meinem großen Vergnügen nicht benutzt, und frisch dahin sausend, kamen wir durch die herrliche südliche Nacht zum königlichen Schlosse. Mit Bewunderung gesteh' ich es, daß die kühne Basilissa es versteht, ihren Gästen das Land und seine schönen Punkte zu zeigen und schätzen zu lehren.

Wir waren erschöpft von dem langen, sieben Stunden währenden Ritte; aber nur der Körper war etwas müde, der Geist thätig, und so brachte uns der herrliche, südlich laue Mondschein zum Entschluß, noch einmal unsere etwas angestrengten Glieder in Bewegung zu setzen. Es lag eine enthusiastische Unersättlichkeit der Kunstliebhaber darin, die sie hinderte, sich die Müdigkeit zuzugestehen. =L'appétit vient en mangeant= -- und daher war auch die kleine Anzahl der Philhellenen und Antiquitäten-Verehrer wirklich selig, noch diesen Genuß zum Schlusse des thatenreichen Tages zu haben. Zur erhabenen Freude an den griechischen Kunstwerken kam auch etwas Bosheit; wir ergötzten uns nämlich weidlich an den verzweifelten Mienen der prosaischen Comforthelden. -- Das vortreffliche Diner ward rasch eingenommen, und wir stürzten uns hierauf, von der Basilissa angeführt, in die königlichen Kutschen. Schon während der Fahrt hatten wir Gelegenheit das klare, mild hingegossene Mondlicht zu bewundern und die Vortheile einer solchen Beleuchtung zu würdigen. Alles wirklich Erhabene tritt hell hervor, während der niedere Erdenwust im Dunkeln liegt. Die einzelnen Farben verschwinden, dem Ganzen einen sanften Ton eingebend, und die Formen der Gegenstände unterscheiden sich nur durch ihre Schatten. Am hochliegenden Thore der Akropolis wären wir fast, in Bewunderung versunken, ein Opfer unserer Kunstliebe geworden. Die Pferde, welche unseren Enthusiasmus nicht zu theilen schienen, wollten den heiligen Weg (=via sacra=) nicht weiter fortschreiten, und unser Wagen rutschte bedachtsam gegen die, dem steilen Wege nahen Abhänge. Die Neugriechen, welche diese Straße aus gänzlichem Mangel an Wagen nie befahren, sorgen nicht einmal für die Beruhigung der Reisenden; kein Geländer gab uns die süße Illusion einer Rettung. Die Königin ergriff daher unter verzweiflungsvollem Angstrufe das einzige uns Übrigbleibende Mittel, und stürzte sich aus dem Wagen. Das Hoffräulein, welches durch die für eine Griechin ungewohnte Emotion in eine Ohnmacht verfiel, wurde dem helfenden Lakai, einem dicken Baiern, in die Arme geworfen. Carl und ich retteten uns ebenfalls durch das von der Königin angegebene Mittel. Der Wagen, von unserer Wucht befreit, konnte durch die Pferde erhalten werden, und zu Fuß traten wir nun in das Thor des erhabenen Göttersitzes ein.

Vom Vorhofe aus hatten wir den ersten zauberhaften Anblick auf das in einen Silberspiegel verwandelte Meer. Mein Auge ruht immer mit gehobenem Gefühle auf der weiten See; wie erst, wenn sie vom Vollmonde aus griechischem Himmel beleuchtet ist?

Von jeher sehnte ich mich nach und träumte ich von dem Süden; nun fand ich meine Träume verwirklicht und weit übertroffen. Mit welch' stolzem Gefühle schritt ich über die hellglänzenden Stufen der Propyläen, deren Säulen gleich Riesen aus der Götterzeit um uns standen! Schwarz und eckig entwuchs der dunklen Erde der zierlose Frankenthurm; klein und doch lieblich erhaben, schwebte zwischen Meer und dunkelblauem Himmel der zarte Victoria-Tempel, gleich einer Phantasie aus südlichen Träumen. Herrlich thürmte sich das stolze Parthenon, als sei es durch ein Götterwort erstanden. Leicht stützten die Caryatiden den Tempel der Nymphe Erecthea. Alles so schön, so groß, so phantasiereich und alles -- doch nur Ruinen!

Unwillkürlich fiel mir in diesem Raum voll Trümmern, vom Monde schwärmerisch beleuchtet, der Gedanke ein: hier sei der Kirchhof der Geschichte. Fünf Völkerperioden wälzten sich über diesen Platz, und nur die erste füllt uns noch mit staunender Bewunderung. Die tiefe Poesie, welche in den Werken der Griechen liegt, konnte ihnen kein anderes Volk einhauchen. Der Römer ist groß, aber erdrückend schwer; der Franke eckig, stark und plump, und von des Türken gräulicher, fanatischer Verwüstung zeugen nur kahle Schädel. Mit talentvollem Enthusiasmus führte uns die Königin auf die glücklichst gewählten Standpunkte, von wo wir die einzelnen Werke in ihrer ganzen Pracht sehen konnten. Sie betrachtet als Königin der Hellenen einen Theil des Ruhmes, der den alten Werken anhängt, als ihr Erbtheil. Stundenlang hätt' ich an diesen verschiedenen Punkten, meinen Gedanken selbst überlassen, weilen mögen -- aber die Gesellschaft war zu groß, zu viel Unbedeutendes mischte sich hinein. Ich hatte das Gefühl, hier könnte ich dichten, Gedichte der Sehnsucht und Begeisterung. -- Wir traten auf eine der Endspitzen des reich beladenen Felsens, von wo wir die neue Stadt sehen konnten. Sie war in ruhiger Stille ausgebreitet, und nur die beleuchteten Fenster zeigten, daß Leben in ihr walte. Wie wenn ein unmündiges Kind am Fuß des Thrones seines berühmten Ahnen sitzt, lag sie da; und die an unserer Seite stehende Basilissa, ist der Genius, der das Band zwischen Einst und Jetzt knüpft. -- Wir schieden mit vollem Herzen; meine Seele hatten Töne anderer Zeiten durchrauscht. Die Königin, um die Ausdauer der Gesellschaft zu prüfen, schritt nun, zu meiner großen Freude, von hier aus zum Areopag, auf den Fels, von welchem der heilige Paulus zu den Atheniensern vom unbekannten Gotte sprach. Auch hier war es himmlisch. Die Königin hüpfte auf den Felsblöcken so munter herum, als hätte sie den ganzen Tag geruht, zum großen Aerger der Comforthelden, welche lieber in weichen Dunen vom rosigen Champagner geträumt hätten. Als wir den Areopag verließen, sahen wir plötzlich, gegen die Meerseite zu, ein herrliches Meteor fallen, so mächtig, als stürzte der Mond herunter. Es verwandelte seine Farben in Grün und Roth, und zeichnete seinen Weg durch einen langen Funkenstreif. Man stieg in die ominöse königliche Kutsche und fuhr zu den Säulen des Jupiter. Sie sind groß, wie alles Römische; nur fehlt ihnen der liebliche poetische Hauch der griechischen Götterwerke; Pracht ohne Grazie.

Durch das Thor Hadrians kehrten wir in den königlichen Palast zurück. Mein Wunsch war, augenblicklich auf den »Kirchhof der Geschichte« zurückkehren zu können, obwohl ich den ganzen Tag in Bewegung gewesen war. So lange ich lebe, werde ich dieses Abends, und der Basilissa gedenken.

Ein Besuch in der Moschee von Smyrna.