Mein Erster Aufenthalt In Marokko Und Reise Sudlich Vom Atlas D
Chapter 9
Unter Syphilis verstehen die Marokkaner vom Ulcus syphiliticum an alle jene Krankheiten, welche wir als Syphilis universalis, constitutionelle Syphilis und ihre Producte bezeichnen. Der Marokkaner nennt diese Krankheit "die grosse," Mrd-el-kebir, oder die "Frauenkrankheit," Mrd-el-nssauïn. Einzelne Formen, z.B. das Ulcus syphiliticum nennt er Grah, ohne aber diese, wie andere syphilitische Erscheinungen, z.B. Bubonen, Ulcerationen im Schlunde, Ausschläge herpetischer Art, für Syphilis zu halten; ebensowenig rechnet der Marokkaner zum Mrd-el-kebir die Krankheiten der Harnröhre und Scheide. Also unseren secundären und tertiären Erscheinungen entspricht das Mrd-el-kebir, um so mehr tritt dies heraus, als selbst nicht sichtbare, sondern nur fühlbare Erscheinungen, die nächtlichen Knochenschmerzen (satar) von dem Marokkaner zum Mrd-el-kebir gerechnet werden.
Es giebt in der That fast kein Individuum in Marokko, das sein Leben ohne diese Krankheit zubrächte. Leo[45] schon meint, dass nicht der zehnte Theil der Einwohner der Berberei dieser Seuche entgehe. Leo behauptet ferner, diese Krankheit sei ehedem nicht in Afrika bekannt gewesen, selbst nicht dem Namen nach; er sagt: "sie fing dort zu der Zeit, als König Ferdinand (der Katholische) die Juden aus Spanien verjagt hatte, an; viele von denselben waren angesiechet, und das Gift steckte die wollüstigen Mauren, die mit Jüdinnen nach ihrer Ankunft in Afrika zu vertraut umgingen, auch an, und griff nach und nach so um sich, dass wohl keine Familie in der Berberei gefunden wird, die das Uebel nicht gehabt hätte, oder noch hätte. Sie halten es für unleugbar, dass es aus Spanien herkomme, und nennen es folglich auch die spanische Krankheit." Wie dem nun auch sein mag, ob diese Krankheit in Marokko erst nach der Judenvertreibung aus Spanien bekannt wurde, oder schon _vorher_ grassirte, heute ist sie unter dem Namen "spanische Krankheit" in Marokko _nicht_ bekannt. Aber Alle, die in Marokko gewesen sind, constatiren das _allgemeine_ Verkommen. So sagt Jackson in seinem Account p. 190: "they call it the _great disease_ and it had now spread itself into so many varieties, that I am persuaded, there is scarcely a moor in Barbary who has not more or less of the virus in his blood."
[Fußnote 45: Leo Africanus, Uebersetzung von Lorsbach.]
Es giebt wohl keine Form der syphilitischen Krankheit, welche in Marokko unbekannt wäre, und da sie keine gründlichen Heilverfahren dagegen in Anwendung bringen, so wird dies Uebel erblich durch ganze Triben fortgesetzt. Häufig genug hört man ein Individuum sagen, "mein Vater war ganz gesund, und ohne Ursache bin ich vom Mrd-el-kebir befallen," forscht man aber nach, so erfahrt man bald, dass mütterlicherseits oder von grosselterlicher Seite her die Krankheit existirte und bei den Eltern nur latent war oder so schwach auftrat, dass sie nicht beachtet wurde.
Als Mittel gegen den Mrd-el-kebir wenden die Marokkaner mit bestem Erfolg die heissen Schwefelquellen von Ain-Sidi-Yussuf an. Da ich nicht selbst jenes bei Fes gelegene, wahrscheinlich das zu den Römerzeiten schon unter dem Namen Aquae Dacicae bekannte Bad besucht habe, so kann ich weder über die Temperatur noch über die Bestandtheile desselben berichten. Nach den Aussagen der Araber ist aber unzweifelhaft Schwefel Hauptbestandteil und ist das Wasser so heiss, dass darin Badende das Bassin, welches die eigentliche Quelle enthält, nicht betreten können, dort soll das Wasser fast siedend sein. Die Badebassins befinden sich in einiger Entfernung davon, nachdem das Wasser auf Umwegen eine Abkühlung erhalten hat. Die das Wasser Gebrauchenden baden in grossen gemeinschaftlichen Bassins, Frauen von den Männern getrennt.
Eine Kur dauert mit täglichem Baden, wobei mau oft stundenlang im Bassin hockt, so lange bis man geheilt ist, oder die Unwirksamkeit glaubt erprobt zu haben. Jahrelanges Baden ist nichts Seltenes, und weniger als eine dreimonatelange Kur wird wohl nie versucht. Die Marokkaner trinken das nach faulen Eiern riechende Wasser nicht. Man kann sich denken, welche Vollheit immer in Ain-Sidi-Yussuf ist, indess campiren alle Leute, für Badeeinrichtung ist nämlich gar nicht gesorgt und auf einem wöchentlich Einmal abgehaltenen Markte ebendaselbst, werden die Lebensmittel und Vorräthe eingekauft. Eine besondere Diät wird bei der Kur nicht beobachtet, was bei der einfachen marokkanischen Kost auch nicht nothwendig ist.
Vom Gebrauche dieser Bäder habe ich die überraschendsten Erfolge gesehen, manchmal nach kurzem (d.h. nach 5-6monatlichem, täglichem, meist zweimaligem Baden, wobei die Leute behaupteten, jedesmal zwei Stunden im Bade zugebracht zu haben), manchmal nach längerem Gebrauche. Indess ist dies Bad wie alle Schwefelbäder kein specifisches Mittel und nicht nur kamen oft genug Rückfalle, Wiederausbruch der Syphilis vor, sondern sehr oft zeigt sich das Bad vollkommen wirkungslos. Der Marokkaner sagt natürlich nie, dass das Wasser des Bades die Heilung bewirkt: Sidi Yussuf oder dessen Segen bewirken die Genesung.
Mercur wird äusserst selten gebraucht, und fast nur in den Städten. Man kennt dort, wo europäische Apotheken sind, die einfache Mercurialsalbe und macht örtliche Einreibungen. Auch Juden in den Städten des _inneren_ Landes präpariren und verkaufen Ung. mercuriale cinerum. Am häufigsten wird das Quecksilber angewandt, indem man es in seiner wahren Gestalt in eine stark erhitzte Pfanne schüttet und dann die Quecksilberdämpfe einathmet. Aber wenn auch manchmal sowohl von den örtlichen Einreibungen, wie von den Inhalationen Besserung erfolgt, so unterliegen dann aber die Meisten den Folgen der Mercurialvergiftung. Jod und seine Verbindungen sind gänzlich unbekannt. Am gebräuchlichsten ist noch die Sarsaparilla, nicht nur das Decoct der Wurzel, sondern auch diese selbst im pulverisirten Zustande wird genossen. Aber nur Wenige in Marokko sind im Stande, eine durchgreifende Kur mit diesem für dortige Verhältnisse recht kostspieligen Medicament, welches die Portugiesen importiren, machen zu können. Man hält sodann ausserordentlich viel auf Ortsveränderung, Diät und Schwitzen, d.h. Ortsveränderung wird nur insofern gepriesen, als die Leute dabei in heissere Gegenden gehen, meist südlich vom Atlas. Die dann erfolgende grössere Transpiration soll manchmal Heilung bewirken. Entziehung der Nahrung bringt indess nach den Aussagen der Marokkaner nur Stillstand der Krankheit herbei. Jackson erzählt, dass zur Zeit, als er in Agadir war, der dortige Bascha, Namens Hayane, seine schwarzen Soldaten dadurch von der Krankheit heilte, dass er sie schwere Lasten bergauf tragen liess, welches eine mächtige Schweissbildung hervorbrachte. Innerlich giebt man an einigen Orten auch eine Abkochung der Rinde von Coloquinthen (Cucumis colocynthis). Dieses drastische Purgirmittel soll das Gift des Mrd-el-kebir aus dem Körper entfernen, aber nie habe ich gehört, dass es irgend gewirkt hätte.
Ebenfalls giebt man diese Decoction gegen blennorrhoïsche Affectionen, in der Regel aber werden diese durch eine Abkochung von Melonenkernen behandelt, welches unschuldige Mittel innerlich gegeben wird. Injectionen bei dieser Krankheit werden nie angewandt. Es braucht kaum gesagt zu werden, dass nebenher Amulette und Zaubersprüche hier wie bei _allen_ Krankheiten in Anwendung sind. Kleine Zettelchen mit Koran- oder anderen Sprüchen werden in die Kleidungsstücke oder in kleine lederne Säckchen genäht und diese umgehangen, oder ein solches beschriebenes Papierchen wird in einer Tasse mit Wasser abgewaschen und dies dem Patienten zu trinken gegeben, oder endlich das Amulet selbst wird als Medicin hinabgeschluckt; man denke sich, welche Wirkung es haben muss, wenn der Kranke einen Koran-Spruch gegessen hat.
Fälle von constitutioneller Syphilis, die ich selbst behandelte mittelst Jodkali und Mercur, hatten die überraschendsten Erfolge. Aeusserlich wandte ich die Inunctions-Kur, innerlich Jodkali an, mit 0,5 anfangend, bis zu 3 oder 4 Gr. auf einmal täglich, in Wasser gelöst, gegeben. Aus Mangel an Medicamenten musste ich indess auch bald zu den Amuletten greifen.
Intermittirende Fieber[46] kommen in den Niederungen längs der Flüsse, in den sumpfigen Ebenen beständig und zu jeder Jahreszeit vor. Der Marokkaner wird ebenso gut davon befallen wie der Europäer, und das krankhafte Aussehen von Kindern und Frauen der Rharb-Provinzen deuten genug an, dass diese hauptsächlich dieser Krankheit unterliegen. Der Grund liegt darin, dass der Mann durch häufigen Ortswechsel seine Gesundheit leichter wieder herstellen kann. Meist ist das Fieber das gewöhnliche, alle 48 Stunden auftretende, sehr häufig beobachtet man auch Febr. quartanae, und die damit Behafteten werden ihr Fieber fast nie wieder los. Man kennt in Marokko den Segen des Chinin nicht, das erste Mittel, zu dem man greift (ausser den Amuletten und Zaubersprüchen), ist eine starke Purganz, die aber natürlich keine Heilung bewirkt. In den marokkanischen Städten, namentlich in den Hafenstädten, hat man in letzterer Zeit angefangen trotz des hohen Preises Chinin zu kaufen.
[Fußnote 46: Fieber: el Homma.]
Weit verbreitet sind Leberleiden und Gelbsucht[47], gegen welche man das Kraut des Kümmel (Cuminum cyminum L.) anwendet, arabisch Schemssuria genannt; als gerühmtes Mittel wird dagegen auch Schih (Art. odorif.) genommen. Häufige Magenbeschwerden, Folgen grosser Unmässigkeiten, die namentlich nach den Festlichkeiten beobachtet werden, und alle die Krankheiten, wie Rheumatismus, Gicht, Kopfschmerz[48], halbseitiger Kopfschmerz, der oft beobachtet wird, alle Arten von Entzündungen, versucht man durch äusserliches Bestreichen mit heissem Eisen zu heilen. Gegen Durchfall, Ruhr, Dysenterie wendet man Gummi arabicum, in Substanz gegessen, dann eine Pflanze "Kebbar" (Capparis spinosa) an, deren Holz gestampft und abgekocht wird, endlich auch rohes Opium.
[Fußnote 47: Gelbsucht, Bu-Sfor, d.h. wörtlich: Vater des Gelben.]
[Fußnote 48: Alle diese Krankheiten, welche bei uns mit Schmerz endigen (arabisch udja), drückt der Marokkaner ebenso aus, z.B. Kopfschmerz udja el ras u.s.w.]
Es ist unglaublich, wie besondere Freunde die Marokkaner von der Feuerkur, überhaupt von allen recht schmerzhaften Heilverfahren sind. In Fes giebt es daher auch eigene Special-Feuerärzte. Man sieht sie auf der Hauptstrasse, welche Neu-Fes mit Alt-Fes verbindet, auf dem Boden hocken. Vor sich haben sie einen kleinen eisernen Topf mit einem Rost darin, worauf sich ein gut unterhaltenes Kohlenfeuer befindet. Nebenan steht ein Körbchen mit Holzkohlen, daneben liegt auch ein Ziegenschlauch, der zum Anblasen dient. Ein Kranker erscheint, er hat Nachts ohne Zelt zubringen müssen, es hat geregnet, und Folge davon war, dass er sich einen Hexenschuss geholt. Er präsentirt sich beim berühmten Feuerdoctor Si-Edris, um so berühmter, da er lesen kann, Thaleb ist: ein dicker neben ihm liegender Foliant, einziges Buch, das er besitzt, bezeugt es. Trotzdem Doctor Si-Edris nur das eine Buch besitzt, hat er es, obschon er sechzig Jahre alt ist, noch nicht ganz durchgelesen. Ist es so schwer zu verstehen? Keineswegs! Aber das hat seine Gründe, erstens hat Doctor Edris es im Lesen keineswegs zu einer grossen Fertigkeit gebracht, er verfährt dabei so rasch wie bei uns ein sechs- oder siebenjähriges Kind, sodann ist der Inhalt des Buches, wenn auch für den Mohammedaner sehr gewichtig und zu wissen nothwendig, doch äusserst langweilig. Das Buch enthält nämlich von hinten bis vorn nichts Anderes als die Phrase: "Lah illaha il Allah Mohammed resul ul Lah", oder: "es giebt mir einen Gott und Mohammed ist sein Gesandter"[49].
[Fußnote 49: Als die Spanier die Stadt Tetuan einnahmen, fiel ihnen ein Buch in die Hand, welches von Anfang bis Ende nur die Worte "Gottlob", "Hamd-al-Lahi" enthielt.]
Mittlerweile hat unser Specialarzt mehrere Eisenstäbe, zwei Fuss lang und mit sonderbaren Knöpfen, Haken und anderen Formen am heisszumachenden Ende versehen, in das vor ihm stehende Feuer geschoben. Mit dem Schlauche facht er die Gluth besser an, endlich ist das Eisen weiss. Der Kranke hat sich unterdessen auf den Bauch gelegt, seine Kleidungsstücke in die Höhe schiebend, und die Vorbeigehenden, welche sehen, dass einer "das Feuer bekommen" soll, bilden einen dichten Haufen. Der wichtige Augenblick ist da, der Doctor ergreift ein Eisen und mit dem Ausrufe "Bi ism Allah" macht er bedächtig mit demselben auf dem Rücken und der Kreuzgegend einige Striche, es zischt und ein unangenehmer Geruch von verbrannter Haut zieht den Umstehenden in die Nase. Der Patient zeigt bei dieser Operation, welche Si-Edris mit wundervoller Langsamkeit vornimmt, weil er glaubt zu grosse Eile schade seinem Ansehen, die grösste Ausdauer und Standhaftigkeit, er beisst die Zähne zusammen und allein die stark ausbrechenden Schweisstropfen verrathen seinen Schmerz.
Wie vernichtet bleibt er nach beendeter Operation eine Zeit lang auf dem Boden liegen, aber keine Klage berührt das Ohr der Umstehenden, die den Rosenkranz durch die Finger laufen lassen und mit den Lippen Gott und Mohammed preisen. Aber was geschieht? Der Patient, der wohlhabend sein muss, dreht seinen Kopf: "Si-Edris, Si-Edris," ruft er.--"Malk, was willst du?" ist die kurze Antwort des berühmten Arztes.--"Masal-en-nar, noch ein Feuer!--" "Mlech attini haki, gut, gieb mir mein Honorar",[50] erwiedert der Doctor. Unter Seufzen und Aechzen holt der Kranke aus irgend einer Falte eines Kleides eine Mosona (ungefähr einen viertel Groschen), reicht sie dem Doctor und die Feuerkur beginnt aufs Neue. Si-Edris lässt sich wie alle marokkanischen Aerzte immer im Voraus sein Honorar zahlen; sein grosser Ruf hat ihn übrigens übermüthig gemacht, er lässt nicht mit sich dingen. Während alle anderen Aerzte und auch die Feuerdoctoren, immer mit sich handeln lassen, thut dies Si-Edris nicht, von dem festen Preise: für ein einmaliges Feuer eine Mosona zu nehmen, ist er seit Jahren nicht herabgekommen.
[Fußnote 50: Wörtlich: gieb mir mein Recht.]
Der grosse Ruf, dessen sich als Heilmittel in Marokko das Feuer erfreut, liegt eben darin, dass in vielen Fällen recht gute Erfolge erzielt werden.
Aber welche Revolution brachte ich unter Fes' Aerzte, als sich auf ein Mal das Gerücht verbreitete, ich habe "en-nar-bird" _kaltes Feuer_ und der Segen des kalten Feuers sei bedeutend grösser. Ich fürchtete, da, alle Patienten zu mir kamen, um sich mit _kaltem Feuer_[51] brennen zu lassen, dass meine Collegen irgend etwas gegen mich unternehmen würden, und obschon ich noch Vorrath von _Höllenstein_ hatte, gab ich vor, das kalte Feuer sei zu Ende, und schickte von da an alle Kranke, die sich brennen lassen wollten, zu meinen würdigen Collegen.
[Fußnote 51: Lapis infernalis.]
Ebenso erzielte ich später mit spanischem Fliegenpflaster wenn nicht Erfolge, so doch das grösste Renommé. Der Marokkaner liebt es sich selbst zu quälen mit starken Mitteln, und wenn ein Zugpflaster nach vierundzwanzigstündigem Liegen auf dem Rücken, auf dem Bauche oder auf dem Kopfe (der Marokkaner trägt den Kopf ganz glatt rasirt) eine mächtige mit Wasser gefüllte Blase bildete, war er zufrieden, einerlei ob er geheilt war oder nicht. Merkwürdig genug, obschon überall in Marokko die spanische Fliege[52] käuflich zu haben ist, so kennt der Marokkaner die _guten_ medicinischen Eigenschaften derselben nicht. Sie dient nur dazu Begierden anzustacheln, indem Cantharidenpulver mit anderen Gewürzen und Haschisch durch Honig oder Zucker zu einer Paste verbunden wird, Madjun genannt, welche sie angeblich gegen Impotenz einnehmen oder auch um die Potenz zu erhöhen. Es ist wohl kaum nöthig zu sagen, welch' entsetzliche Folgen oft aus dem Genuss dieses Madjun entspringen.
[Fußnote 52: In den sumpfigen Niederungen von L'Areisch kommt die spanische Fliege häufig vor.]
Lungenkrankheiten, namentlich Tuberculose sind in Marokko fast ganz unbekannt, leichtere Affectionen dieser Art werden nur durch Amulette geheilt, d.h. man lässt die Natur walten.
Ein allgemeines Uebel ist noch Wassersucht in ihren verschiedenen Vorkommnissen. Die Ursache dazu liegt wohl zum Theil in der mangelhaften Kleidung, wo bei plötzlich eintretender Kälte oder schnell wechselnder Witterung, die Hautausdünstungen nicht mehr regelrecht vor sich gehen können und Unterdrückung des Schweisses stattfindet. Zum Theil ist, und dies gilt namentlich von den Städtern, durch die vielen heissen Bäder die Haut äusserst empfindlich geworden. Syphilitische Einflüsse mögen zur Häufigkeit der Hydropsie auch noch mit beitragen. Viele Eingeborene schreiben auch einer bestimmten Oertlichkeit und deren Trinkwasser die Ursache zu; so steht das Trinkwasser von Tanger im Rufe, Wassersucht zu erzeugen, ob mit Recht, lasse ich dahin gestellt sein. Vernünftig genug wendet man in diesem Falle Purgantien an, ohne indess allein mit diesen eine Heilung herbeiführen zu können. Diuretica sind nicht gebräuchlich. Ebensowenig ist die Paracentese bekannt.
Eine Abzapfung, die ich in Tafilet bei einer alten Frau mit einer gewöhnlichen Schusterahle und eigends dazu angefertigten Cannule aus Blech machte, hatte den besten Erfolg: mehrere Moschee-Eimer Flüssigkeit würden abgezapft, und ich galt als der erste Arzt der Welt. Als ich ein Jahr später den Ort wieder besuchte, hatte indess eine neue Wasseransammlung die Frau getödtet. Da die Einwohner aber nur Gedächtniss für den augenblicklichen, für sie überraschenden Erfolg bewahrt zu haben schienen, so war ich dort nach wie vor als ein wahrer Wunderdoctor von Kranken aller Art überlaufen, so dass ich wirklich froh war, als ich dem Orte für immer Lebewohl sagen konnte.
Die levantische Pest, die in früherer Zeit oft genug in Marokko auftrat, wahrscheinlich eingeschleppt durch die Mekka-Pilger, und welche der Marokkaner mit dem bezeichnenden Worte "er ist befallen", oder "davon betroffen" "medrub" ausdrückt, scheint jetzt seit Langem nicht mehr beobachtet worden zu sein. Die letzte bedeutende durchs ganze Land verbreitete Pest war im Jahre 1799, im April dieses Jahres starben daran zuerst Leute in Fes und die Krankheit soll derart gewüthet haben, dass allein in dieser Stadt 65000(?) Menschen, wenn man Jackson trauen darf, gestorben sind. Wenn aber eine solche Seuche auftritt, erniedrigt sich der dünkelhafte Mohammedaner soweit, dass er demüthig den "Rabiner" bittet, in den Medressen der Juden öffentliche Gebete zum Aufhören der Krankheit abzuhalten, und gemeinsam durchziehen Mohammedaner und Juden die Strassen, um Gott und die Heiligen um Schonung zu bitten. Der Jude muss hinterher allerdings büssen, der glaubensstolze Mohammedaner erinnert sich, dass er sich so weit erniedrigte, mit Juden gemeinschaftliche Sache gemacht zu haben, und wehe dem Juden, der sich dann unter Mohammedaner wagt. Mittel sind keine in Gebrauch, man kennt nur das resignirte Sichdreingeben.
Merkwürdigerweise kommt Typhus nur selten und an bestimmte Oertlichkeiten gebunden, Hundswuth aber nie vor. Typhus, Ruhr, Dysenterien, die der Marokkaner kaum von einander unterscheidet, werden stets mit Olivenöl, innerlich getrunken, behandelt. Fehlt das Oel, so wird es durch ungesalzene flüssige Butter ersetzt. Man zwingt den Kranken, Oel hinabzutrinken bis zu zwei Flaschen des Tags. Wirklich habe ich nach diesem Mittel manchmal Heilung eintreten sehen; wage aber nicht zu sagen, ob es die Natur oder das Oel waren, welche Heilung bewerkstelligt hatten.
Dass die Hundswuth bei den Hunden in Marokko noch nie beobachtet worden, ist wieder eine Bestätigung, dass rohes Fleisch fressende Hunde nicht spontan von dieser Krankheit befallen werden.
In neuerer Zeit ist mehrfach Cholera in Marokko beobachtet worden, so noch im Jahre 1860, wo sie in verschiedenen Städten des Innern zahlreiche Opfer forderte. Der Marokkaner hat keinen Namen für diese Krankheit und man sagte mir, es sei eine Art vom medrub (Pest). Man begnügt sich damit, sobald man von der Krankheit befallen ist, zu sagen: "Gott ist der Grösste" oder "es stand geschrieben".
Gemüths- und Geisteskrankheiten kommen in Marokko selten vor: im ganzen Lande ist nur ein Gebäude, um Tobsüchtige aufzunehmen. Leichte Fälle von Gemüthskranken lässt man frei umherlaufen, sie werden als Heilige verehrt. Und die Tobsüchtigen, d.h. solche, welche ihre Mitmenschen schädigen, werden, sind sie in oder in der Nähe der Hauptstadt in ein eigenes Gebäude in Fes eingesperrt, von einer medicinischen Behandlung ist aber nicht die Rede; das Haus ist weiter nichts als ein Gefängniss für jene Unglücklichen.
Die durchnarbten Gesichter der Marokkaner allein geben hinlänglich Zeugniss, wie mächtig in diesem Lande zu Zeiten die Blattern (Djidri genannt) herrschen. Für diese hat man nur Amulette in Gebrauch.
Prophylaktisch übrigens kennen die Marokkaner die Kuhpockenimpfung, welche Heilart, wie die Marokkaner behaupten, ihre arabischen Vorfahren schon von ihrer Heimathsinsel mit hergebracht haben. Die Vaccination wird leider in Marokko gar nicht regelmässig vorgenommen, der Mohammedaner ist viel zu sehr Fatalist, als dass er, ohne dazu gezwungen zu sein, aus freiem Antriebe zu einem solchen Schutzmittel greifen sollte. In den arabischen Triben, wo man vaccinirt, wird folgendes Verfahren angewandt: Mit einer geschärften Kante eines Feuersteins werden die Zwischenräume der Finger an deren Wurzeln geritzt, gewöhnlich nimmt man nur die rechte Hand, weil die linke an und für sich als unrein gilt. Die Lymphe wird direct von der Kuh genommen, und man hat Acht, dieselbe wohl einzureiben. Uebertragen der Lymphe von dem Menschen auf den Menschen kennt man nicht.
Wie in früheren Jahren die Pest öfter in Marokko und zwar bedeutend allgemeiner auftrat, so auch der Aussatz. Lepra orientalis, bekannt in Marokko unter dem Namen Djidam, kommt in den nördlichen Theilen von Marokko fast gar nicht vor. Allerdings begegnet man in Fes, Mikenes und anderen nördlichen Städten Leuten mit Elephantiasis; ob aber diese Krankheit immer Folge des Aussatzes ist, wage ich nicht zu behaupten. Die mit Elephantiasis Behafteten leben überdies nicht abgesondert von der übrigen Menschheit, sondern verheirathen sich mit Gesunden. Meistens aber wird dann beobachtet, dass von den Kindern einer solchen Ehe, eines oder das andere angeborene Elephantiasis besitzt.
Die Leprösen dürfen aber nur unter sich heirathen, sie dürfen keine Stadt bewohnen, sondern müssen sich immer im Freien aufhalten.[53] Da Niemand etwas von ihnen kaufen würde, treiben sie kein Handwerk oder Gewerbe, sie leben von den Almosen ihrer Mitmenschen. Man findet sie einzeln oder in Familien am Wege, schon von Weitem rufen sie dem Vorbeikommenden "Medjdum", d.h. ein mit Aussatz Behafteter, zu, stellen ein Tellerchen an den Weg und das Almosen in Geld oder in Lebensmitteln wird hinein geworfen. Einzelne grössere aussätzige Familien besitzen sogar Heerden und ackern.
[Fußnote 53: Bei der Stadt Marokko ist ein eigenes Dorf für Aussätzige und die Insassen dieses Dorfes heirathen freilich nur unter sich, im Verkehr haben sie übrigens die grösste Freiheit mit den übrigen Bewohnern.]
Was das Aeussere dieser ausgestossenen Menschen anbetrifft, so zeigen sie manchmal über den ganzen Körper die widerlichsten weissen Flecke, anderen fehlen einige Partien, die Nase, die Ohren, Augen, noch andere zeigen Jauchen absondernde Wunden, von wulstiger und verdickter Haut umgeben, Krusten und hart anzufühlende Beulen bedecken oft den ganzen Körper. Oft aber ist bei einem Aussätzigen von alle dem nichts zu sehen, man bemerkt keine einzige der angegebenen Erscheinungen, er hat äusserlich vollkommen das Aussehen eines gesunden Menschen.