Mein Erster Aufenthalt In Marokko Und Reise Sudlich Vom Atlas D
Chapter 8
Bricht einer aus Versehen den Ramadhan, d.h. er wäre z.B. ins Wasser gefallen und hätte dabei einen Schluck Wasser getrunken, so muss er nachfasten. Es brauchen den Ramadhan nicht zu halten schwangere Frauen, solche, die säugen, Kinder unter 13 Jahren, alte Leute, Kranke und Reisende. Ebenfalls ausgenommen sind die Wahnsinnigen. Kranke und Reisende sind verpflichtet, die Fasten nachzuholen, was aber in der Regel unterbleibt. Früher wurde der Anfang und das Ende der täglichen Fasten durch Hornsignale von den Thürmen der Djemma dem Volke mitgetheilt, heute geschieht dies in den meisten marokkanischen Städten wie im Orient durch einen Kanonenschuss.
Im zweiten Capitel des Koran heisst es an verschiedenen Stellen, wo vom Almosen die Rede ist: "O, Ihr Gläubigen, gebet Almosen von den Gütern, die Ihr erwerbet, und von dem, was wir aus der Erde Schooss wachsen lassen; suchet aber nicht das Schlechteste zum Almosen aus, solches, was Ihr wohl selbst nicht annehmet, es sei denn, Ihr werdet getäuscht." Und etwas weiter hin: "Machet Ihr Eure Almosen bekannt, so ist's gut, doch wenn Ihr das, was Ihr den Armen gebet, verheimlicht, so ist es besser; dies wird Euch von allem Bösen befreien. Gott kennt, was Ihr thut! Was Ihr den Armen Gutes thut, wird Euch einst belohnt etc." Diese und sehr viele andere Stellen des Koran (fast in jedem Capitel ist die Rede davon) zeigen, wie grosses Gewicht Mohammed auf die Mildthätigkeit legte, und wenn der unparteiische Mensch auch Vieles in der Lehre Mohammed's findet, was gegen die allgemein von civilisirten Völkern angenommenen Sitten verstösst, so muss man ihm dies hingegen hoch anrechnen. Norm ist in Marokko, den zehnten Theil aller der Güter den Armen abzugeben, welche von Ländereien hervorgebracht, oder aus Waaren erlöst sind, die man über ein Jahr im Besitz hat. Viehheerden gehören ebenfalls hierher. Dieser Zehnte wird vom Sultan von Marokko eingefordert. Die Armen bekommen nichts davon, wenn nicht dahin zu rechnen ist, dass der Sultan den Schürfa (Scherifen) von Tafilet und Mekka jährlich Geschenke macht, aber diese Schürfa sind keineswegs hülfsbedürftig. Man nennt diese Almosen _el-aschor_. Eine andere Art Almosen wird _Sakat_ genannt und besteht darin, dass man am ersten Tage des Monats Schual am Feste des _aid el sserir_ vor Sonnenaufgang den Armen je nach seinen Kräften Gerste, Weizen, Datteln etc. zum Geschenk macht, damit auch sie das Fest würdig begehen können. Die gewöhnliche Art, Almosen zu geben, _Ssadakat_ genannt, besteht, wie bei uns, in täglichen Gaben, die man Hülfsbedürftigen und Bettlern giebt, welche den Vorübergehenden im Namen irgend eines Heiligen anrufen, oder auch selbst von Haus zu Haus gehen.
Das letzte Erforderniss des Islam, _das Pilgern nach Mekka_, ist nicht unumgänglich nothwendig und wird in Marokko im Ganzen selten ausgeführt. Die Pilger bekommen nach vollführter Wallfahrt den Titel _el Hadj_, d.h. Pilger, und sind dann sehr geachtet. Man kann übrigens für Geld einen Andern für sich pilgern lassen; so lassen die Sultane von Marokko stets für sich einen andern Mann nach Mekka wallfahrten. Stirbt ein reicher Mann, ehe er Mekka gesehen, so miethen die Nachkommen bisweilen einen Mann, der nachträglich das Geschäft für Geld besorgen muss. Manchmal bemächtigt sich unter diesem Vorwande der Kaid oder Bascha eines grossen Theils der Hinterlassenschaft eines reichen Mannes, um von _Amtswegen_ das nachträgliche Pilgern besorgen zu lassen.
Die grossen _Karawanen_, welche ehemals von Fes aus nach Mekka fortzogen, haben jetzt ganz aufgehört, nur in Tafilet sammelt sich noch ein Häuflein, um den weiten beschwerlichen Marsch durch die Sahara, wobei fast immer die Hälfte zu Grunde geht (ein solcher Tod auf der Pilgerschaft ist aber sehr verdienstvoll und verschafft directen Eintritt ins Paradies), zurückzulegen. Jetzt fahren die meisten Marokkaner mit Dampfschiffen nach Djedda, und allmälig gewöhnt man sich daran, eine solche Wallfahrt mit Dampf für eben so heilig und verdienstvoll zu halten, als eine zu Fuss zurückgelegte. Es würde hier zu weit führen, die endlosen Ceremonien einer solchen Wallfahrt zu beschreiben, uns genüge diese kurze Auseinandersetzung. Wir wollen noch weiter in Marokko selbst die Entwickelung der mohammedanischen Religion verfolgen.
Was die _religiösen Festtage_, die Feiertage Marokko's, anbetrifft, so gelten im Allgemeinen dieselben Regeln, wie in den übrigen mohammedanischen Ländern. Indess ist nirgends Zwang, irgendwie an einem Feiertage die Arbeit einzustellen, oder Handel und Wandel zu beschränken. So sehen wir namentlich, dass Freitags, welcher Tag bei dem Mohammedaner dem Sabath der Juden, dem Sonntage der Christen entspricht, Niemand daran denkt, irgend wie seine Arbeit einzustellen, seinen Verkaufsladen zu schliessen, oder sonst seine tagtägliche Beschäftigung zu unterlassen. Nur während der Zeit des Chotbagebetes liegt Alles still in den Städten, weil jeder Städter aus _eigenem Antriebe_[41], dann auch weil das Gesetz es erheischt, diesem Gebete in der Djemma beiwohnt.
[Fußnote 41: Aus eigenem Antriebe, d.h. wer ohne Grund Freitags das Chotbagebet zweimal hinter einander versäumt, muss der Djemma, zu der er gehört, Strafe zahlen; dies gilt natürlich nur für Städter.]
Die Feste religiöser Art, welche in Marokko gefeiert werden, sind im Monat Rebi-el-ual das Geburtsfest Mohammed's, _Mulud_ genannt, am 12. des genannten Monats. Dies Fest dauert sieben Tage, aber nur der erste Tag wird durch einen besondern Gottesdienst in der Djemma gefeiert. Gefastet wird nicht, aber viel Musik gemacht, Pulver verschwendet und Phantasia geritten.
Das kleine Fest, _aid el sserir_, beendigt den Fastenmonat Ramadhan; es findet vom 1. bis zum 7. Schual statt. Bei diesem Feste werden, wie schon erwähnt, grosse Almosen gegeben, und man hält sodann ein grosses öffentliches Gebet im Freien. Zu dem Ende hat jede Stadt in Marokko ausserhalb des Weichbildes einen gemauerten, weiss angekalkten Gebetsplatz, _Emssala_ genannt. Eine 5 bis 6 Fuss hohe crenelirte Mauer, 20 Schritt lang, hat in der Mitte einen steinernen _Mimbr_, d. h. eine Treppe, die für den Fakih, der die Predigt hält, bestimmt ist. Darf man Ali Bey Glauben schenken, so wohnte er einem solchen Gottesdienste bei, wo zu gleicher Zeit 250,000 Menschen sich vor Gott zur Erde beugten; es war dies in Fes zur Zeit der Regierung des Sultans Sliman. Ich wohnte in Uesan einem solchen religiösen Feste zweimal bei; der Grossscherif, Sidi-el-Hadj Abd-es-Ssalam, war die Hauptperson dabei; im Ganzen mochten 20,000 Menschen anwesend sein. _Nach der Predigt_ und nach dem Gebete war ein grosses _lab-el-barudh_, d. h. ein _Pferdewettrennen_ mit Flintenschüssen. Dies Fest findet am 1. Schual statt; die übrigen sechs Tage zeichnen sich nur dadurch aus, dass man aussergewöhnlich grosse Quantitäten Nahrung zu sich nimmt und dem süssen Nichtsthun huldigt.
Am 10. Dulhaja ist das grosse Fest oder _aid el kebir_ zur Erinnerung des Opfers Abraham's; zugleich ist es jetzt für die, welche nicht nach Mekka pilgern, eine Mitfeier des dort stattfindenden grossen Festes. Dasselbe dauert drei Tage. Man verrichtet zuerst sein Gebet in der Moschee und geht sodann nach Hause, um ein Schaf zu opfern, d. h. zu schlachten und zu verspeisen. In nicht reichen Familien hält man für genügend, ein Schaf für Alle zu schlachten, in reichen Familien aber opfert jedes männliche Mitglied ein Thier. Der ganz arme Mann holt sich sein Viertel bei dem Reichen, kurz, an dem Tage ist Niemand ohne Fleischkost in Marokko. Höst meint, dass an jenem Tage in Fes 40,000, in Maraksch 20,000 Schafe geschlachtet werden, und nach der Zahl zu urtheilen, die in Uesan geopfert wurden (Sidi-el-Hadj Abd-es-Ssalam z. B. liess von einem seiner Duar 500 Schafe zum Opfern bloss für seinen Haushalt nach Uesan kommen), möchte ich glauben, dass jene Zahlen eher zu niedrig als zu hoch gegriffen seien. An diesem Tage werden dem Sultan ebenfalls grosse Geschenke gemacht, von jeder Stadt und jeder Ortschaft. Die beiden folgenden Tage zeichnen sich ebenfalls durch Schmausereien aus, und Unverdaulichkeit, allgemeines Kranksein und Unfähigkeit, irgend etwas zu thun, sind immer Folge dieser Feier, namentlich für solche, die so wenig an animalische Kost gewöhnt sind, wie die Marokkaner.
Ein halb religiöses, halb weltliches Fest ist das _aid el tholba_, das Fest der Schriftgelehrten. Es findet im Frühjahr zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche statt; sämmtliche Tholba und Fakih ziehen zur Stadt hinaus und lagern während einer Woche unter Zelten. Obschon Koranlesen und Beten der ursprüngliche Zweck dabei sein soll, konnte ich davon in der heiligen Stadt Uesan, aber vielleicht gerade _weil_ Uesan eine heilige Stadt ist, nichts merken; im Gegentheil, bei Tage beschäftigten sich die Doctoren und Schriftgelehrten damit, Almosen zu empfangen in Gestalt von Geld, Thee, Zucker, Lebensmitteln aller Art und leckeren Gerichten, welche die andächtigen Frauen aus der Stadt heraussandten. Inzwischen wurde enorm gegessen, und wenn Abends profane Blicke der Bauern aus der Umgegend nicht zu befürchten waren, gab man sich fleissig dem Wein und Schnaps hin. War am andern Morgen ein Doctor oder Schriftgelehrter durch Trunkenheit oder Katzenjammer unfähig, sich irgend wie vernünftig mit Almosen bringenden Leuten aus dem Gebirge und der fernen Umgegend zu unterhalten, so _wuchs sein Ruf_, man glaubte, er habe sich durch Nachtwachen derart in einen überreizten und heiligen Zustand versetzt, dass er dem gewöhnlichen Erdenleben entrückt sei.
Wir haben oben bemerkt, dass in Marokko nur rechtgläubige Mohammedaner malekitischen Bekenntnisses sind, denn die wenigen _Choms_ (eine nicht den vier orthodoxen Secten huldigende fünfte Partei) im Gebirge sind kaum erwähnenswerth. Aber in dieser malekitischen Sekte haben sich nun wieder zahlreiche _religiöse Genossenschaften_ gebildet, religiöse Innungen, so dass man fast sagen kann, ein jeder Marokkaner gehört einer solchen an.
In gewisser Beziehung haben solche religiöse Verbindungen Aehnlichkeit mit den christlichen, besonders insofern, als ihnen speciell eine gewisse Verpflichtung obliegt, gewisse Privatgesetze gemein sind, Viele noch besondere additionelle Gebete verrichten, gewisse Fasten halten, mancher Speise insbesondere sich enthalten. Sie unterscheiden sich aber am deutlichsten von christlich-religiösen Genossenschaften dadurch, dass jedes Mitglied einer solchen Innung[42] verheirathet ist, weil Mohammed das Heirathen an und für sich als verdienstlich und gut hinstellt. Leute unter den Mohammedanern, die nicht verheirathet sind, werden daher unter allen Umständen verächtlich angesehen.
[Fußnote 42: Mir wurde in ganz Marokko nur von einer religiösen Genossenschaft Kunde gegeben, deren Mitglieder _unverheiratet_ sein mussten, diese nannten sich _Fokra el mulei Abd Allah el Scherif_ in Uesan. Diese Brüderschaft war äusserst schwach, die Mitglieder waren alle gelehrt und (dem Anscheine nach) sittenreine Leute. _Leo_, Bd. I, S. 251, Ausgabe von Loosbach, spricht aber von den sogenannten Romiti (Marabuten), welche ebenfalls nicht heirathen dürfen, aber deren Lebenswandel nach seiner Beschreibung eben nicht sehr erfreulich und tugendhaft gewesen sein soll.]
Die verschiedenen religiösen Genossenschaften zu beschreiben werde ich andernorts Gelegenheit haben, hier genüge, dass die vornehmste religiöse Innung die der _Muley Thaib_ in Uesan ist, die ausgebreitetste im ganzen Nordwesten von Afrika. Es kommt sodann die Corporation der _Sidi Hammed ben Nasser_ mit dem Centralsitze von Tamagrut in der Draa-Oase; die der _Sidi Abd-es-Ssalam-ben-Mschisch_ mit der Hauptstadt Sauya, im Djebel Habib, südöstlich von Tanger; die von _Sidi Mussa_ in Karsas, und viele andere. Ohne religiöses Centrum, Sauya[43], sodann ist der Orden der _Aissauin_, d. h. der Jesuitenorden, zu erwähnen. Da wir gleich auf letztere etwas näher eingehen wollen, erwähne ich nur, dass alle übrigen religiösen Genossenschaften als alleinigen Zweck haben, _sich die Menschen zu unterwerfen und dieselben auszubeuten_. Indem sie vorgeben, dass wer ihrem Orden beitrete, d. h. die und die Ceremonie mitmache, dies oder jenes Gebet ausserdem verrichte, an die Fürbitte dieses oder jenes Heiligen besonders glaube, den oder jenen Festtag extra halte und, worauf es besonders ankommt, freiwillige oder bestimmte Gaben der Sauya oder dem Oberhaupte darbiete, suchen sie sich mehr oder minder der Herrschaft über die Geldbeutel und damit über die Leute selbst zu bemächtigen. Aeusserlich unterscheiden sich die Genossen einer religiösen Innung von denen einer andern nicht, höchstens findet man einen Unterschied im Rosenkranz. Die Mohammedaner haben mit den Katholiken gemein die Hantirung eines Rosenkranzes, der aus hundert Perlen besteht. Die Mohammedaner beten freilich nicht bei jeder der Hand entgleitenden Kugel ein Ave oder Paternoster, sondern rufen bloss Gott an (es ist vorhin gesagt, wie verdienstvoll es ist, den Namen Gottes auszusprechen), bei jeder Perle z. B. "Gott ist gross" oder "Gott ist allbarmherzig" etc. Als Unterschied von übrigen religiösen Orden haben die Brüder des Mulei Thaib einen grossen Messingring am Rosenkranz, die des Sidi Hussa in Karsas eine grosse Perle von Bernstein, und andere ähnliche Abzeichen.
[Fußnote 43: Das Wort _Sauya_ bedeutet Kloster, Pilgerort, Schule, Asyl zusammengenommen. Da aber, wie schon gesagt, die Mitglieder einer religiösen Genossenschaft fast immer verheirathet sind, so hat eine Sauya ein ganz anderes Aussehen als ein Kloster. Wichtigkeit haben Sauya besonders, wenn sie Centralstelle eines religiösen Ordens sind, wenn sie todte oder lebendige Heilige haben, wenn sie durch Tradition ein unverletzliches Asylrecht besitzen. Letzteres wird aber dennoch manchmal durch die _Unfehlbarkeit_ irgend eines Sultans, _dem ja keine Ueberlieferung heilig ist_, gebrochen.]
Die vorhin erwähnten _Aissauin_ oder Brüder vom Orden Jesu (Aissa heisst Jesus) sind eine der merkwürdigsten Verbindungen. Sie haben kein bestimmtes _lebendes_ Oberhaupt, keine bestimmten Ordensregeln, keine Sauya, sie leben nur vom Aberglauben und dadurch, dass sie die Leichtgläubigkeit ihrer Mitmenschen täuschen. Ihren Namen haben sie vom Propheten Jesus angenommen, den sie auch als geistiges, unsichtbares Oberhaupt anerkennen, und sie behaupten auch, ihre Wunderkraft von ihm ererbt zu haben. Sie fussen dabei auf die Worte Mohammed's im Koran, "dass ihm (d. h. Mohammed) die Gabe, Wunder zu thun, nicht verliehen gewesen sei, dass aber Jesus sie gehabt habe." Die Aissauin sind sehr zahlreich, und nicht nur in Marokko zu finden, sondern in der ganzen mohammedanischen Welt.
Manchmal sind die Kunststücke, welche ihre wunderthätige Heiligkeit darthun sollen, sehr einfacher Art, z. B. dass sie einen Scorpion in die Hand nehmen, Schlangen auf dem Körper herumkriechen lassen; manchmal aber erregt es Entsetzen, wenn man sieht, wie diese Leute Schlangen lebendig verzehren, zerhackte Nägel, gestossenes Glas, scharfkantige Steine und glühende Kohlen hinunterschlucken, wie sie unter Anrufung von "Gott und Jesus" ihren Körper wund schlagen, dass er blutrünstig wird (ähnlich wie die Flagellanten der Christen etc.), und ausserdem nicht nur gegen ihren _eigenen_ Körper Verbrechen begehen, sondern oft _öffentlich_ und _ungestraft_ gegen die Sittlichkeit mit anderen Menschen und Thieren sich versündigen, dass dergleichen in anderen Ländern als Wahnsinn bezeichnet, oder wollte man es berichten, als erlogen betrachtet würde. Ich unterlasse es deshalb, Beispiele ihrer religiösen Tugend, die ich selbst gesehen, anzuführen, verweise dafür auf Leo Africanus I, S. 253 oder Lempriere's Reise durch Marokko und auf fast alle anderen Schriftsteller, welche über Marokko berichtet haben.
Wie in der christlichen Kirche, so hat sich auch im Mohammedanismus ein _Heiligenstand_ entwickelt und namentlich in Marokko steht derselbe in Blüthe. Die mohammedanische Religion spricht aber nicht durch ein bestimmtes Organ, wie z. B. bei den Christen durch den Papst, heilig; ein solches hat die gesammte mohammedanische Religion überhaupt nicht, sondern in einzelnen mohammedanischen Ländern, wie Marokko, wo der Sultan Papst, der Papst Sultan ist, besorgt es das ganze Volk, welches nie Heilige genug haben kann. Die mohammedanische Religion hat nun den Vortheil, dass Menschen schon bei Lebzeiten heilig gehalten oder gesprochen werden, und da jeder Mohammedaner heirathet, _so ist die Erblichkeit in das Heiligsein gekommen_, d. h. die Nachkommen eines solchen Heiligen werden auch als heilig betrachtet. Ja, im Laufe der Jahrhunderte hat sich dies so eigenthümlich herausgestaltet, dass die Heiligkeit nicht nur erblich, sondern _wachsend_ geworden ist, derart, dass der Nachkomme eines Heiligen stets für heiliger gehalten wird, als er selbst. So sehen wir, dass z. B. in Uesan der directeste Sprössling Mohammed's jetzt für viel heiliger und unfehlbarer gehalten wird, als Mohammed selbst.
Wenn meistens bei Christen und anderen der Glaube obwaltet, es sei um Mohammedaner zu werden, unumgänglich die Beschneidung nothwendig, so ist dies irrthümlich. Im Koran ist für den Moslim die Beschneidung nicht gesetzlich gemacht, und so giebt es denn, namentlich unter den Berberstämmen Marokko's, verschiedene, welche _nie die Beschneidung bei sich eingeführt haben_. Trotzdem zweifelt Niemand an dem Islam dieser Stämme. Ueberdies wird die Circumcision erst im siebenten oder achten Lebensjahr vorgenommen, und falls die Beschneidung _wesentlich_ zum Islam gehörte, wären sodann Kinder, die jenes Alter nicht hätten, keine Mohammedaner. Es werden nur Knaben in Marokko beschnitten.
Ziehen wir schliesslich einen Vergleich, so finden wir, dass gleiche Lehren und gleicher Glaube auf das Volk dieselbe Wirkung haben. Die _Unfehlbarkeit eines Einzelnen_, die in Marokko schon seit der Regierung des Sultans Yussuf Ben Taschfin's besteht, hat die grenzenloseste Dummheit des Volkes, den kolossalsten Aberglauben, die grösste Scheinheiligkeit und den Ruin der Nation und des Landes zur Folge gehabt. So hat auch in der jüdischen, der ersten semitischen Religion, die Unfehlbarkeit der Bundeslade, des Hohenpriesters, Jerusalems, d. h. das starre, eiserne Festhalten eines überlebten Grundsatzes Scheinheiligkeit, Aberglauben, Heuchelei, Selbstüberschätzung und dann den Ruin des Volkes zur Folge gehabt. Und bei den Christen sehen wir, dass das feste Anklammern an abgelebte Ideen, das Wiederaufrichten vorweltlicher Lehren, der eingebildete Wahn, den allein seligmachenden Glauben zu besitzen, oder die allein unfehlbare Oberkirchenbehörde zu sein, schliesslich zur "Unfehlbarkeit" eines einzelnen Menschen selbst führte.
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5. Krankheiten und deren Behandlung.
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Eine der ersten Ursachen, weshalb die Bevölkerung in Marokko so wenig zunehmend ist, vielmehr stationär bleibt, sind die vielen im Lande herrschenden Krankheiten, und die schlechte und unrationelle Behandlung derselben. Ein Land, dessen Bewohner eben nur "Jenseits-Candidaten" sind, falls es sich um Unglücksfälle handelt, die ihr gewöhnlicher durch die mohammedanische Religion erstickter Geist nicht ergründen kann, das Volk eines solches Land _muss_ zu Grunde gehen. Und in Marokko wird eine jede Krankheit als eine Heimsuchung "Allah's" bezeichnet, und die besten Mittel dagegen sind "Gebetsübungen" und "Amulette."
Von den Lehren der grossen Doctoren, welche einst in Spanien und Marokko gelebt, ist heut zu Tage keine Spur mehr vorhanden. Man müsste ihre Werke herausholen aus den Bibliotheken Fes' oder Uesan's, um nur den Namen derselben zu erfahren.
Kein marokkanischer Arzt, geschweige ein gewöhnlicher Marokkaner weiss, dass Abu-el-Kassem-Calif-ben-Abbes (Albucasis) ihr Landsmann ist, dass er der Erfinder der Lithotomie[44] war.
[Fußnote 44: Portal, Histoire de Panatomie et de la chirurgie.]
Der im Dienste des marokkanischen Sultans (Yussuf [Yussuf] ben Taschfin gewesene Arzt Aven-Zoar (Abu-Meruan-ben-Abd-el-Malek-b-Sohr), der es wagte gegen die Vorurtheile seiner Zeit, Chirurgie und Medicin zu vereinigen, welcher zuerst die Idee der Bronchotomie hatte, ist in Marokko verschollen. Weder der ältere noch jüngere (Aven-Zoar's Sohn), der gleichfalls Arzt war, sind auch nur dem Namen nach bekannt. Verschollen ist der noch berühmtere Arzt und Philosoph Averoës (Abu-Uld-Mohammed-ben-Rosch), ein Schüler des älteren Aven-Zoar, welcher unter des Sultans Almansor Regierung nach Marokko berufen wurde und dort starb. Kein Grabstein, kein Andenken solch berühmter Männer ist im Lande zu finden, und wenn die Marokkaner kein Gedächtniss haben für so berühmte Männer, welche einst unter ihnen lebten, wie ist es da zu verwundern, dass auch von anderen minder berühmten jede Spur ausgelöscht ist.
Die heutigen Aerzte von Marokko verdienen in jeder Beziehung die untergeordnete Stellung, die sie einnehmen. Nur dann stehen sie in Ansehen, wenn sie zu gleicher Zeit Tholba, d. h. Schriftgelehrte oder Faki, d. h. Doctoren der Theologie sind. Und noch höher ist ihr Einfluss und ihr Ruf verbreitet, wenn sie zugleich Schürfa, d. h. Abkömmlinge Mohammed's sind. In dieser Eigenschaft liegt zugleich, der Meinung des Marokkaners nach, ärztliche Natur. Und so sieht man denn auch häufig genug Leute zu einem Scherif kommen, um seine Hülfe gegen irgend eine Krankheit zu erflehen, sei es nun, dass diese in einem Gebete oder Segen, in einem Amulet, oder geschriebenen geheimnissvollen Zauberspruche, oder auch in wirklicher medicinischer Substanz besteht.
Solche Leute, die sich nur mit Ausübung innerer Heilkunde beschäftigen, ohne Thaleb, Faki oder Scherif zu sein, giebt es daher sehr wenige in Marokko, eher schon stösst man auf Chirurgen von Profession, die es durch Uebung in irgend einem Zweige der Wundarzneikunde zu einem mehr oder weniger verdienten Rufe gebracht haben.
Meinen grossen ärztlichen Ruf in Marokko verdankte ich denn auch nicht dem Umstände, dass ich Medicin studirt hatte, oder Militärarzt des Sultans, später sogar dessen Leibarzt war, sondern es hatte das seinen Grund darin, dass ich vorher Christ gewesen war. Nach dem Glauben der Mohammedaner ist Jesus der grösste Arzt gewesen, und sie meinen, er habe den Christen eine Menge wunderthätiger Heilmittel hinterlassen. So wurden denn oft zu mir die verzweifeltesten Fälle gebracht. "Der Sohn des Jesus (uld ben Aissa) wird uns schon helfen können," meinten sie. Ebenso giebt es nirgends eigentliche Apotheken oder Pharmacien. Der Arzt bereitet immer selbst seine Arzneien und giebt sie dann dem Kranken. Ist er unbekannt und die erkrankte Persönlichkeit eine einflussreiche, so muss er unabänderlich von der Arznei vorher kosten, oft sogar die Hälfte geniessen. So hatte ich die Unannehmlichkeit, mich eines Tages mit dem Bascha von Fes, Ben-Thaleb purgiren zu müssen. Derselbe hatte ein Abführungsmittel verlangt, ich brachte ihm eine Schale mit aufgelöstem Bittersalz, aber um sicher zu sein nicht vergiftet zu werden, musste ich die Hälfte vor seinen Augen austrinken; vorher davon unterrichtet, hatte ich die Dose stark genug gemacht, um für uns beide eine Wirkung zu erzielen, im entgegengesetzten Falle würde mein Ruf gelitten haben.
Indem wir hier nur die am häufigsten in Marokko vorkommenden Krankheiten vorführen, beginnen wir mit der, welche am verbreitetsten ist, so verallgemeinert, dass heute fast keine Familie in Marokko nördlich vom Atlas existirt, welche von dieser Krankheit unberührt geblieben wäre: Syphilis.