Mein Erster Aufenthalt In Marokko Und Reise Sudlich Vom Atlas D

Chapter 5

Chapter 53,531 wordsPublic domain

Vor allem muss daher bemerkt werden, dass nur Einweiberei in Marokko herrscht, sowohl bei den Arabern als auch bei den Berbern; die wenigen Ausnahmefälle, wo ein reicher oder hochgestellter Araber sich einen Harem hält, kommen kaum in Betracht, und ein Berber, mag er eine noch so hohe Stellung einnehmen, noch so reich sein, heirathet _nie_ mehr als Eine Frau. Freilich durch die Religion begünstigt kommen häufig genug Scheidungen vor, was dann oft zu unerquicklichen Verhältnissen führt: ein Mann trennt sich nachdem er schon ein Kind mit der Frau gehabt von dieser, heirathet wieder, die Frau auch; sie zeugt mit dem neuen Mann nochmals ein Kind, wird abermals verstossen, heirathet vielleicht zum dritten Male und hat dann manchmal drei Familien Kinder gegeben. Es ist äusserst selten, dass sich ein unverheiratetes Mädchen einem Manne hingiebt, auch Ehebruch kommt fast nie vor. Desto ungebundener leben die Frauen, welche Wittwen sind, diese glauben ihrer Sittlichkeit, namentlich wenn sie merken, dass die Hoffnung auf Wiederverheirathung vorbei ist, "keine Schranken" auferlegen zu müssen. Ueberhaupt zeichnen sich Mädchen und Frauen in Marokko durch unanständige Gangart aus. Es scheint sich dies von den Araberfrauen den Berberweibern mitgetheilt zu haben (vielleicht ist es aber auch diesen eigenthümlich), denn alle semitischen Frauen scheinen an einer unanständigen Allure Gefallen zu haben. Schon Jesaias Cap. 3, 16. wirft den israelitischen Frauen ihren buhlerischen und herausfordernden Gang vor, ebenso Mohammed im Koran Sure 24. den arabischen Frauen.

Es ist hier nicht der Ort die Ceremonien einer Verheirathung zu schildern, mehr oder weniger gleichen sich alle bei den Mohammedanern, und oft genug sind sie beschrieben worden. Hervorgehoben soll aber werden, dass in der Regel die Heirath eine zwischen Eltern oder Verwandten für die betreffenden Personen abgemachte Sache ist, doch auch häufig genug Liebesheirathen vorkommen. Es hat dies seinen Grund darin, weil alle Frauen und jungen Mädchen (ich spreche immer von der Landbevölkerung) unverschleiert gehen, mithin hat der Freier Gelegenheit seine Zukünftige kennen zu lernen. Solche Liebesheirathen gelten meist für Lebzeiten, während die Ehebündnisse, welche aus Convention geschlossen sind, gemeiniglich keine Dauer haben. Ein eigentlicher Kauf der Frauen, obschon die meisten Reisenden sich so ausdrücken, findet nicht statt; der betreffende Bräutigam erlegt nur dem zukünftigen Schwiegervater die Geldsumme, welcher dieser für die Anschaffung der Kleidungsstücke und Schmucksachen seiner Tochter nöthig hat, der gewöhnliche Preis hierfür ist auf 60 französische Thaler normirt. Giebt die Frau Grund zur Scheidung, oder aber beantragt sie die Scheidung, so muss das Geld zurückbezahlt werden, verstösst aber der Mann seine Frau, so bleibt sie Eigenthümerin ihrer Sachen und ihr Vater behält obendrein das Geld.

Beschneidung ist durchweg eingeführt, doch giebt es einige _Berberstämme_, welche sie nicht üben. In Marokko hält man die Beschneidung als nicht unbedingt erforderlich für den Islam. Die Berberstämme, welche nicht Beschneidung üben, leben sowohl im Rif-Gebirge, als auf den Gehängen der nördlichen Seite des Atlas. Ueberhaupt haben die Berber Eigenthümlichkeiten bewahrt, die bei den Arabern nicht zu finden sind, so essen _sämmtliche_ Rif-Bewohner das wilde Schwein trotz des Koran-Verbotes. Alle Berber rechnen nach Sonnenmonaten und haben dafür die alten von den Christen herrührenden Benennungen; ja südlich vom Atlas haben auch die dort hausenden Araber diese Zeitrechnung angenommen.

Das Leben in der Familie ist ein patriarchalisches und man hält ausserordentliche Stücke auf Verwandtschaft und Sippe; eigenthümliche Familien-Namen nach unserem modernen Sinne haben weder Araber noch Berber, Familien-Namen werden nur von der ganzen Sippschaft oder dem Stamme geführt, z.B. die grosse Familie der Beni Hassan in Marokko, die von einem gewissen Hassan abstammen. Oder bei den Berbern die zu einem grossen Stamme herangewachsene Familie der Beni Mtir[25], welche von einem gewissen Mtir abstammen. In diesen Stämmen setzt dann Jeder den Namen seines Vaters, manchmal auch den seines Grossvaters und Urgrossvaters hinzu (äusserst selten den der Mutter), z.B. Mohammed ben Abdallah ben Yussuf, d.h. Mohammed Sohn Abdallah's, Sohn Yussuf's. Will er aber noch näher sich bezeichnen, so sagt er z.B. "von den uled Hassan". Letzteres ist gewissermassen der Familien- oder Zunamen. Bei den Arabern haben wir fast nur biblische und koranische Namen, sowohl bei den Männern als Frauen. Die beliebtesten in Marokko sind Mohammed (mit den verschiedenen Variationen), Abdallah, Mussa, Isssa [Issa] oder Aïssa, Edris, Said, Bu-Bekr und Ssalem. Die Frauen findet man fast unabänderlich Fathma, Aischa oder Mariam benannt. Die Berber haben sich auch hierin apart gehalten und fahren fort heidnische oder berberische Namen zu führen, z.B. Humo, Buko, Rocho, Atta etc.[26], obschon natürlich arabische Namen vorwalten.

[Fußnote 25: Was "Uled und Beni", d.h. Söhne, Abkömmlinge bei den Arabern bedeutet, drücken sonst in der Regel die Berber durch das Wort "ait" aus.]

[Fußnote 26: Berberische Frauennamen liegen mir gerade nicht vor.]

Eine eigentliche Erziehung wird den Kindern nicht gegeben, die ganz jungen Kinder bleiben circa zwei Jahre auf dem Rücken ihrer Mütter, welche dieselben wenigstens zwei Jahre stillen. Allerdings hat jeder Tschar (Dorf aus Häusern), jeder Duar (Dorf aus Zelten), jeder Ksor (Dorf einer Oase) seinen Thaleb oder gar Faki, der die Schule leitet, aber die Meisten bringen es kaum dazu die zum Beten nothwendigen Korancapitel auswendig zu lernen, geschweige dass sie sich ans Lesen und Schreiben wagten. Aber jeder Marokkaner weiss doch das erste Capitel des Koran auswendig, wenn auch die meisten besonders unter den Berbern den Sinn der Verse nicht kennen.

Beim Heranwachsen stehen die Töchter den Müttern in der häuslichen Beschäftigung bei, während die männliche Jugend zuerst zum Hüten des Viehes verwandt wird, in der Pflanzzeit den Acker mit bestellen helfen muss, und schliesslich nach einer kurzen Arbeitszeit im Jahre, die liebe lange Zeit mit Nichtsthun hinbringt. Obschon überall Taback und Haschisch in Gebrauch und namentlich letzterer ganz allgemein ist, kann man kaum sagen, dass der Marokkaner einen unmässigen Gebrauch davon macht. Der Taback wird auf alle drei Arten genommen, man findet Stämme, wo geraucht wird, andere welche kauen, und das Schnupfen ist ganz allgemein, namentlich machen die Gelehrten Gebrauch davon. Haschisch wird in Marokko entweder geraucht oder pulverisirt mit Wasser hinuntergeschluckt. Der Gebrauch des Opium ist mit Ausnahme der Städte, und der Oase Tuat, nicht eingebürgert. Desto allgemeiner ist in der Weinlesezeit und kurz nachher der Genuss des Weines. Marokko ist ein an Weinreben ungemein reiches Land, namentlich producirt der kleine Atlas, die Provinz Andjera, die Gegenden von Uesan, Fes und Mikenes derart viele und gute Weintrauben, dass die Leute von selbst darauf fallen mussten Wein zu bereiten. In allen diesen Gegenden sind denn auch viele Leute Weintrinker, ohne Unterschied ob sie Araber oder Berber sind. Aber unmässig wie Araber und Berber immer beim Essen und Trinken sind, sobald dies in Hülle und Fülle vorhanden ist, haben sie ihre Weintrinkezeit nur für einige Wochen. Der schlecht zubereitete Wein, man gewinnt ihn mittelst Kochen, würde sich auch wohl nicht lange halten. Die Marokkaner thun ihn in grössere oder kleinere irdene Gefässe, manchmal antik wie eine Amphore geformt, die enge Oeffnung wird mit Thon zugeklebt. Reiche Leute und Schürfa[27], welche ihn längere Zeit bewahren wollen, giessen oben auf den Wein eine Schicht Oel und sodann wird die Krugöffnung mit Thon verkittet. Von Geschmack ist der Wein nicht übel, das Aussehen desselben aber meist trübe. Es ist gefährlich zur Zeit der Lese durch jene Gegenden zu reisen, weil ein grosser Theil der Bevölkerung dann stets betrunken ist, und da, je roher ein Mensch ist, die Intoxicationsäusserungen des Rausches auch um so unmanierlicher sind und oft viehisch ausarten, so vermeidet derjenige, der die Gegenden nicht unumgänglich besuchen _muss_, dieselben.

[Fußnote 27: Die Schürfa, d.h. die Nachkommen Mohammeds sind die hauptsächlichsten Weintrinker.]

Ueberhaupt zeichnet sich das ganze marokkanische Volk durch eine gewisse Rohheit und durch wenig edle Gefühle und wenig sanfte Neigung aus. Bei den Berbern namentlich am Nord-Abhange des Atlas streift die Rohheit sogar an's Thierische. Ich wusste nicht, wofür ich es halten sollte, ob für kindliche Unschuld, mit der junge und erwachsene Mädchen den Spielen vollkommen nackter Jünglinge zusahen, oder ob es ein rohes Interesse war. Der entsetzlich verdummende Einfluss der mohammedanischen Religion, der Fanatismus, die _eitle Anmassung nur den eigenen Glauben für den richtigen_ zu halten, schliessen aber auch jede Besserung aus.

Wie unmanierlich ist die Art und Weise zu essen! So wie man zur Zeit Abrahams ass, so wie die Juden in Palästina, aus Einer Schüssel am Boden hockend, assen, so isst noch heute der Marokkaner. Morgens nach Sonnenaufgang wird nur saure Milch mit hineingebrocktem Brode, oder eine mässige Suppe genommen. Die zweite Mahlzeit ist gegen Mittag: Bröde d.h. eine Art von Mehlkuchen, welche auf eisernen Platten oder erhitzten Steinen gebacken sind, heisse Butter (in diese tippt man die Brodstücken und verfährt recht haushälterisch; nur die Reichen geben harte Butter) bilden dies zweite Mahl, zu dem auch wohl noch Datteln, oder im Sommer andere Früchte, wie die Jahreszeit und die Gegend sie bietet, gegeben werden. Abends nach Sonnenuntergang ist die Hauptmahlzeit, welche aus Kuskussu besteht. Aber Tag für Tag, Jahr aus Jahr ein, kommt dies Gericht auf die Erde (auf den Tisch kann ich nicht sagen, da der Marokkaner ein solches Möbel nicht kennt) und mittelst der Hand, die Marokkaner kennen noch nicht den Gebrauch der Messer und Gabeln, wird das Gericht rasch in den Magen befördert. Auch der Gebrauch der Löffel ist nicht überall eingebürgert. Am atlantischen Ocean vom Cap Spartel südlich bis nach der Mündung des Sus, vielleicht noch weiter südlich, bedienen sich sämmtliche Leute statt eines Löffels einer austerartigen Muschel, wie sie der Ocean dort an den Strand wirft. Die Männer essen getrennt von den Frauen, diese essen mit den Kindern des Hauses. Selbst bei den Berbern hat der Islam dies durchzusetzen gewusst. Oder sollten auch die Berber schon _vor_ der Einführung des Islam ohne ihre Frauen ihre Mahlzeiten eingenommen haben? Fleisch wird von den Bewohnern auf dem Lande nur bei Gelegenheit eines Festes gegessen und auch dann nur in geringer Quantität. Wenn nicht manchmal ein Stück Wild erlegt wird, bekommt manche arme Familie oft jahrelang kein Fleisch zu sehen, und wenn nicht der Genuss von Eiern, von Butter und Milch die animalische Kost ersetzte, könnte man mit Recht sagen, die Marokkaner sind der Mehrzahl nach Vegetarianer. Der in den marokkanischen Städten so sehr beliebte Thee wird auf dem Lande nur noch bei vereinzelten Vornehmen und Reichen gefunden; das allgemeine Getränk ist Wasser. Nirgends kennt man in Marokko die Bereitung von Busa oder Lakby, d.h. ersteres ein gegohrenes Getränk aus Getreide, letzteres der den Palmen abgezapfte Saft. Es würde den Marokkanern ein grosses Verbrechen sein, eine Dattelpalme derart für das Tragen der Früchte unbrauchbar zu machen oder gar zu tödten. Ebenso ist in den marokkanischen Oasen, sowohl in den grossen wie in den kleinen, der Lackby vollkommen unbekannt, und dennoch giebt es in der ganzen Sahara keine Oasen, die sich an Palmenreichthum, und auch was die Güte der Palmen anbetrifft, mit den marokkanischen Oasen messen können. Der Gebrauch die Palmen anzuzapfen beginnt erst in den südlich von Tunesien gelegenen Oasen.

Indessen müssen wir doch auch einer guten Eigenschaft der Marokkaner gedenken, der Gastfreundschaft, welche ohne Prunk, ohne Ceremonie als etwas Selbstverständliches in Marokko überall geübt wird. In den meisten Duar, in fast allen Tschar's giebt es eigene Häuser oder Zelte, Dar und Gitun el Diaf genannt, welche für die Reisenden bestimmt sind. Der Fremde hat dagegen keinerlei Verpflichtung. Kommt er zu einem Duar und hat sich glücklich durch die kläffenden und bissigen Hunde hindurchgearbeitet, so weisen ihm die Leute nach dem Gastzelte. Man bringt Früchte, wenn sie die Jahreszeit und Gegend bietet, sonst Brod oder Datteln, und wenn Abends die Zeit des Hauptmahls ist, werden die Fremden _zuerst_ bedient. In einigen Gegenden besteht die Sitte, dass die einzelnen Familien tageweise der Reihe nach die Fremden zu verpflegen haben, in anderen kommen Abends die Familienväter mit vollen Schüsseln in das Fremdenzelt und das Mahl wird gemeinschaftlich verzehrt. In anderen Gegenden existirt ein Gemeindefond zur Speisung der Fremden, oder eine Sauya, d.h. eine religiöse Genossenschaft besorgt dies Geschäft. Nie wird dafür irgend eine Vergütung vom Fremdling beansprucht. Im Gegentheil, wird man nicht ordentlich verpflegt, so hat man das Recht Beschwerde zu führen. Natürlich wird man bei dieser Gelegenheit von Allen über Alles ausgefragt, denn Zurückhaltung und Schweigsamkeit kennt in dieser Beziehung der Marokkaner nicht. Die grosse Gastfreundschaft erklärt sich nun zum Theil dadurch, dass sie auf Gegenseitigkeit beruht: der, welcher heute Gastgeber ist, beansprucht vielleicht am nächsten Tage von einem Anderen freie Bewirthung. Es verdient hervorgehoben zu werden, dass die arabischen Stämme bedeutend liberaler sind, als die berberischen.

Barth und von Maltzan haben ausgesprochen, dass in Nordafrika je weiter nach dem _Westen_, desto kriegerischer und muthiger die Bewohner seien und dass man in Marokko den grössten Sinn der Unabhängigkeit träfe. Es scheint mir dies nur in sofern richtig zu sein, als man die Eigenschaft der Freiheitsliebe, den kriegerischen Sinn stärker bei den Gebirgsvölkern ausgeprägt findet. Die Bewohner der Cyrenaica sind heute noch ebenso freiheitsdurstig und unabhängig wie die Rif-Bewohner in Marokko, bis jetzt sind sie von den Türken noch nicht vollkommen unterworfen. Die Bewohner des Gorian-Grebirges in Tripolitanien sind bedeutend kriegerischer, als die _westlich_ davon wohnenden Stämme. Das Djurdjura-Gebirge oder die grosse Kabylie wurde zu _allerletzt_ von den Franzosen unterworfen, nachdem schon jahrelang der ganze _Westen_ von Algerien, d.h. die Provinz Oran unterworfen war. Endlich sind die im äussersten Westen von Marokko wohnenden Stämme, die der Schauya, Abda und Dukala die geknechtetsten von allen, und seit Jahren wissen sie nicht mehr was Freiheit und Unabhängigkeit ist.

Die Bevölkerung von Marokko hat keinen eigentlichen Adel in unserem Sinn. Die vornehmste Classe sind die Schürfa, d.h. Abkömmlinge Mohammeds, selbstverständlich sind diese arabischen Stammes. Da sie sich unglaublich vermehrt haben, giebt es ganze Ortschaften, die fast nur aus Schürfa bestehen; man erkennt sie daran, dass sie vor dem Namen das Prädicat "Sidi" oder "Mulei", d.h. "mein Herr" führen. Die gegenwärtige Dynastie von Marokko besteht aus Schürfa. Das Sherifthum ist _nicht_ erblich durch die Frau heirathet z.B. ein gewöhnlicher Marokkaner eine Sherifa, so sind die Kinder keine Schürfa. Aber ein Sherif kann eine Frau aus jedem Stande nehmen und die aus der Ehe entspringenden Kinder werden alle Schürfa. Sogar eines Sherifs Heirath mit einer Christin oder Jüdin, (die in ihrer Religion verbleiben können) oder mit einer Negerin (eine solche muss aber den Islam angenommen haben) hat auf das Sherifthum der Kinder keinen vernichtenden Einfluss, ebenso sind die im Concubinate erzeugten Kinder vollkommen gleichberechtigt mit den in gültiger Ehe erzeugten.

Die Schürfa werden überall in Marokko als eine besonders bevorzugte Menschenclasse angesehen. Sie haben das Recht, andere Leute zu insultiren, ohne dass man mit gleichen Waffen antworten darf. Der Mohammedaner schimpft _dann_ am stärksten, wenn er Beleidigungen auf die Vorfahren oder Eltern des zu Beschimpfenden häuft. Der Sherif darf zu einem Nicht-Sherif sagen "Allah rhinal buk" odes [oder] "Allah rhinal djeddek", "Gott verfluche deinen Vater", "Gott verfluche deinen Grossvater". Der Nicht-Sherif darf dies nicht erwidern, denn den Vorfahr oder Vater eines Nachkommen des Propheten beleidigen, wäre ein Verbrechen gegen die Religion. Er hat aber das Recht, die Person des Sherif selbst zu schimpfen, und gegen ein "Allah rhinalek" "Gott verfluche Dich" kann in einem solchen Falle als Entgegnung, der Sherif nicht klagen. Ich habe selbst oft Gelegenheit gehabt, so zu antworten; wenn in Uesan die jungen Schürfa sich darin gefielen, meinen Grossvater und Vater zu verfluchen und zu verbrennen, verbrannte und verfluchte ich sie selbst in meiner Antwort: "Allah iharkikum"--"Allah rhinalkum"[28], dagegen konnten sie nichts machen. Entschieden aber glaubten sie stets einen Sieg über mich davongetragen zu haben, da ich ihren Eltern und Vorfahren nichts nachsagen durfte.

[Fußnote 28: Gott soll euch verbrennen, Gott verfluche euch!]

Die sogenannten Marabutin, heilige Personen oder Nachkommen solcher Heiligen, stehen in Marokko in bedeutend geringerem Ansehen, sie werden zu sehr von den Schürfa verdunkelt. Selbst Chefs grosser Stämme, in deren Familien seit langer Zeit Kaid oder Schichthum nebst Reichthümern und Macht erblich sind, verschwinden an der Seite der Schürfa.

Ueber die geistige Begabung der Marokkaner lässt sich wenig sagen. Hervorragende Männer hat die Neuzeit nicht hervorgebracht, und bei der Verdummung, welche die Religion herbeigeführt hat und worin das Volk zu erhalten, der Sultan und die Grossen ihr Interesse sahen, wird hierin auch aus ihnen selbst heraus keine Abhülfe kommen. Kunst und Handwerke findet man nur noch in den Städten und auch da kümmerlich genug. Edlerer Regungen ist der Marokkaner kaum fähig; das Gute zu lieben und zu thun blos um des Guten willen, das kennt man fast bei diesen Leuten nicht. Höchstens schwingt sich der Marokkaner auf den Standpunkt, deshalb gut zu handeln, weil es die Religion vorschreibt, weil er sonst der zukünftigen Freuden des Paradieses verlustig ginge, oder sich wohl gar die Strafen der Hölle zuziehen könne.

Indess ist die Unmoralität beim Volke lange nicht so schlimm wie in den Städten. Ausschweifungen, eheliche Ueberschreitungen oder andere Laster hört man im Volke fast nie vorkommen. Diebstahl, Lug und Betrug kommen zwar oft genug vor, namentlich einer Tribe gegen die andere, indess wird dies kaum als sündhaft betrachtet. Lügen ist überhaupt den Arabern und Berbern so eigen, dass es wohl kaum ein Individuum giebt, das die Wahrheit spricht. Und professionsmässige Lüge hat wohl immer Betrug und Diebstahl im Gefolge. Das Faustrecht, der Raub und Mord sind in all den Theilen des Landes, die nicht von der Armee des Sultans erreicht werden können, an der Tagesordnung, und Niemand findet auch etwas Ausserordentliches darin. Dass der Gastfreund den Marokkanern eine geheiligte Person sei, ist eine Farce, in vielen Gegenden respectiren die Bewohner nicht einmal die Schürfa.

Soll ich einen Vergleich wagen zwischen Berbern und Arabern, so möchte ich sagen, die Zukunft gehört den ersteren. Bis jetzt haben die Araber der Neuzeit sich der Civilisation am wenigsten geneigt gezeigt, sie sind die echten Römlinge des Islams und mit Stolz bekennen sie sich als die Träger und Stützen dieser fanatischen Religion. Der Berber ist in dieser Beziehung bescheidener, er hängt weniger an Religion, und die Leute lassen sich weniger von der Religion beherrschen. In Algerien haben denn auch die Franzosen schon die Erfahrung gemacht, dass die Berber weit empfänglicher für Civilisation sind, _als die nur für und durch ihre Religion lebenden Araber_.

Was die Juden in Marokko anbetrifft, so habe ich an anderen Orten Gelegenheit, von ihrer miserabelen Stellung gegenüber den Mohammedanern zu sprechen. Zum Theil sind sie direct aus Palästina hergewandert, zum Theil aus Europa zurück vertrieben. Ich glaube nicht, wie einige Schriftsteller annehmen, dass von den jetzt noch im grossen Atlas und in den Oasen der grossen Wüste existirenden Judengemeinden, diese Abkömmlinge[29] der Ureinwohner Nordafrikas also Berber ihrer Herkunft nach sind. Wenn man auch annimmt, dass Berber vor der arabischen Invasion zum Theil das Christenthum, zum Theil das Judenthum angenommen hatten, so mussten höchst wahrscheinlich Christen und Juden den Islam annehmen. Man behauptet, diese eben erwähnten Juden haben gleiches Aeussere, gleiche Sitten und Gebräuche mit den Berbern. Es ist das ein Irrthum. Ich habe jüdische Gemeinden des grossen Atlas und fast sämmtliche jüdische Ortschaften der Draa- und Tafilet-Oasen besucht, aber immer gefunden, dass sie sich auszeichneten von der sie umgebenden mohammedanisch-berberischen Bevölkerung, sowohl in der Sprache, als auch durch anderen Körperbau, andere Gesichtsbildung und Sitten. Im Allgemeinen sind die Juden schöner und kräftiger als die Araber, aber der entsetzliche Schmutz, den sie zur Schau tragen, die nachlässige und ärmliche Kleidung, der sie sich bedienen müssen, entstellt sie mehr als es unter anderen Umständen der Fall sein würde. Die Jüdinnen namentlich zeichnen sich durch Schönheit der Körperformen und reizende Gesichtszüge aus, müssen dafür aber auch oft genug, sind sie in der Nähe eines Grossen und Vornehmen, in dessen Harem wandern.

[Fußnote 29: Die Angaben von Richardson und Davidson über die frei im Atlas lebenden Juden, die berechtigt seien Waffen zu tragen, beruhen auf trügerischer Information. Aus _eigener_ Anschauung weiss ich, dass die Juden im Atlas und in den grossen Oasen der Sahara ebenso miserabel leben, wie nur in Fes oder irgend einer anderen Stadt des Landes.]

Die direct von Palästina hergekommenen Juden finden sich auf dem Atlas und in der Sahara, auch in den Städten Uesan, Fes, Tesa, Udjda giebt es deren. Sie reden kein Spanisch, sondern nur Arabisch und in rein berberischen Gegenden Schellah oder Tamasirht.

Aber eigenthümlich! Der Jude scheint nirgends die Landessprache erlernen zu können. Wir wissen alle, dass der echte Jude in Deutschland gleich an seiner lispelnden Sprache zu erkennen ist, ebenso die Juden aller übrigen europäischen Länder, die stets die Sprache des Landes anders sprechen als die christlichen Bewohner. So auch in Nordafrika. Selbst wenn nicht durch Tracht und Physiognomie verschieden von dem Araber, würde man unter Hunderten den Juden gleich an der Sprache herauskennen. Nichts lächerlicher als einen Juden arabisch schmunzeln zu hören, und die unter den Berbern ansässigen Israeliten, die berberisch sprechen, schmunzeln das Tamasirht, wie der Jude überhaupt in allen Sprachen schmunzelt.

Man wird wohl kaum übertreiben, wenn man die Zahl der in Marokko lebenden Juden auf circa 200,000 Seelen angiebt. Der grösste Zuschub von Aussen trat 1492 bei der Vertreibung aus Spanien ein, dazu kamen 1496 die aus Portugal vertriebenen Juden. Aber früher schon hatten andere europäische Länder ihr Contingent gestellt, 1342 fand in Italien eine Judenvertreibung, 1350 in den Niederlanden und 1403 in England und Frankreich statt[30]. Alle diese unglücklichen Israeliten fanden in Nordafrika und vorzugsweise in Marokko eine Zuflucht. Und wie unglücklich und gedrückt ihre Stellung auch dort ist, bis auf den heutigen Tag haben sie ausgehalten und sich vermehrt.

[Fußnote 30: Don Serafin Calderon, Cuadro geografico de Marrueccos, Madrid 1844.]