Mein Erster Aufenthalt In Marokko Und Reise Sudlich Vom Atlas D
Chapter 16
Vier Mosonat bilden sodann eine Okia, d.h. Unze, ebenfalls nur ein Ausdruck, aber acht Mosonat oder zwei Unzen ist die kleinste, und 10 Mosonat oder 2-1/2 Unzen die grösste _geprägte_ Silbermünze. 10 Unzen bilden die imaginäre Münze Metkal. Und die einzige _geprägte_ Goldmünze, Bendki genannt, besteht aus 2-1/2 Metkal. Im übrigen gelten die französischen und die spanischen Silbermünzen im ganzen Lande, und französisches, spanisches und englisches Geld überall nördlich vom Atlas. Der einst so beliebte spanische Bu-Medfa-Thaler, so genannt von den beiden Herkulessäulen, welche die Marokkaner für Kanonen halten, ist fast ganz aus dem Handel verschwunden, dagegen hat der französische fünf Francs-Thaler Platz gegriffen. Frankreich lässt für Marokko auch silberne 20 Centimes-Stücke schlagen[90], welche in Marokko im Werthe einer Unze cursiren. Der österreichische Maria-Theresien-Thaler, der sonst in ganz Afrika ohne Nebenbuhler herrscht, wird in Marokko äusserst selten gefunden.
[Fußnote 90: Wenigstens muss man so annehmen, da man in Frankreich selbst die 20 Cent.-Stücke fast gar nicht sieht, hingegen in Marokko sie äusserst zahlreich und von allen Jahrgängen vertreten findet.]
Die Maasse und Gewichte sind in Marokko fast für jede Stadt _verschieden_, für die Länge hat man die Elle, Draa mit Brüchen als Unterabtheilung, dann Zoll, für das Gewicht das Pfund, Unze, Metkal (letzteres für Goldstaub) für flüssige und trockene Sachen, endlich verschiedene Maasse.
Administrirt wird die Stadt von zwei Gouverneuren, von denen der eine den Titel "Bascha" hat und Alt-Fes vorsteht, während der andere "Kaid" genannt wird und über Neu-Fes herrscht. Es scheint hieraus hervorzugehen, einestheils dass die Regierung des Sultans beide Städte als vollkommen getrennt betrachtet, und andererseits Neu-Fes mehr als eine Festung angesehen, während Alt-Fes als wichtiger gehalten wird, dadurch dass man es von einem Bascha administriren lässt. In den Wohnungen des Bascha und Kaid wird zu gleicher Zeit täglich Recht gesprochen. Der Kadi jeder Stadt findet sich dort täglich ein, und alle Rechtsfälle werden auf der Stelle zur Entscheidung gebracht. Es kann sodann an den Bascha oder Kaid appellirt werden, und von diesen an den Grosswessier oder Sultan selbst.
Es kommt gar nicht selten vor, dass Kläger sich von dem Kadi an den Bascha und von diesem an den Sultan wenden. Gegen Stockstrafe oder Knutenhiebe wird fast nie remonstrirt, wohl aber gegen Geldbusse. Der Kadi and Bascha haben Strafvermögen in unbegrenztem Masse, indess werden selten Knutenhiebe über 300 an der Zahl ausgetheilt, die Geldbussen aber so hoch wie möglich hinaufgetrieben. Grösserer Diebstahl hat immer das Abhacken zuerst der linken, dann beim Rückfall das der rechten Hand zur Folge. Hat man keine Hände mehr zum Abschlagen, so kommen die Füsse an die Reihe, oft bei grossen Diebstählen oder gravirenden Umständen werden auch gleich die Füsse abgehauen. So wurden einem Landbewohner, der im Sommer, als ich mich in Fes befand, ein Pferd des Sultans gestohlen hatte, der rechte Fuss und die linke Hand abgehackt. Das aus der Altstadt nach Neu-Fes zu führende Thor hat immer eine Menge solcher Trophäen auszuweisen, auch Köpfe von hingerichteten Verbrechern haben hier ihren Ausstellungsort, während meiner Anwesenheit in Fes sah ich indess keinen Kopf ausgestellt.
Das Recht wird übrigens vollkommen willkürlich gesprochen, und Bestechungen sind an der Tagesordnung.
In Neu-Fes war in den ersten sechziger Jahren ein Schwarzer, ein ehemaliger Sklave Namens Faradji Kaid. Dieser hatte schon seit mehr als 50 Jahren diesen Posten inne, und galt als ein Phänomen. Er hatte unter Sultan Sliman die Stelle bekommen, sie unter Abd-er-Rhaman behauptet, und war auch von Sidi Mohammed, dem jetzigen Sultan, bestätigt worden. Im ersten Jahre der Regierung des jetzigen Kaisers wurde Faradji verläumdet, man machte den Sultan auf seine ungeheuren Reichthümer aufmerksam, man deutete darauf hin, dass Faradji, der doch ehemals nur Sklave gewesen, diese grossen Reichthümer wohl nur durch Erpressung, Bestechung oder gar dadurch, dass er sich am Eigenthum des Sultans selbst vergriffen, habe erwerben können. Der Sultan liess Faradji kommen, und befahl ihm, da er gehört habe Faradji habe _fremdes_ Eigenthum, er überdies ja als ehemaliger Sklave nichts besessen habe, das fremde Eigenthum, und namentlich das was ihm, dem Sultan, zukomme, von seinem zu sondern. Der schlaue Faradji erwiederte nichts, ging in den Pferdestall des Sultans, entledigte sich seiner Kleidungsstücke, zog einen alten wollenen Kittel über, und fing an den Stall zu kehren. Der Sultan fragte einige Zeit später nach Faradji, und war erstaunt als derselbe im ärmlichsten Anzüge vor ihm erschein. Befragt, warum dies, erwiederte er: "Ja Herr, Du befahlst meine Habe von der Deinigen zu trennen! Als ich von Deinem Grossoheim Mulei Sliman gekauft wurde, hatte ich nichts als diesen wollenen Sklavenkittel, den ich zum Andenken meiner Herkunft aufbewahrt habe, und auch dieser gehört ja, streng genommen, nicht einmal mir, wie konnte ich also mein Eigenthum von Deinem trennen, bin ich nicht noch immer Dein Sklave? Lass von Deinem Diener alles nehmen, alles was ich verwaltete, ist Dein rechtmässiges Eigenthum."
Man kann sich denken, dass der auf diese Art die Grossmuth des Sultans anrufende Faradji leichtes Spiel hatte, in der That umarmte ihn Sidi Mohammed, und Faradji wurde aufs neue in seine Kaidwürde eingesetzt, und ihm alle seine Güter gelassen. Als der Sultan von Neu-Fes nach Mikenes übersiedelte, besuchte ich mehreremal Faradji, er war immer sehr freundlich und zuvorkommend, pflegte den ganzen Morgen, auf einem Teppich sitzend, vor dem Magazin (es ist dies der officielle Ausdruck für das Palais des Sultans, und bedeutet zugleich die ganze Regierung) zuzubringen. Faradji war ein stattlicher schwarzer Greis mit intelligenten Gesichtszügen und schönem, wenn auch nur spärlichem weissem Barte. Seiner eigenen Meinung nach war er 1863 neunzig Jahre alt, was wohl eher zu wenig als zu viel sein dürfte, da er schon unter Sultan Sliman[91], also zur Zeit als Ali Bey Marokko besuchte, Kaid war.
[Fußnote 91: Die jetzige Dynastie in Marokko wird die der Filali genannt, weil der Gründer Mulei Ali ans Tafilet (der Bewohner Tafilets heisst ein Filali) stammt. Dessen Sohn Mulei Mohammed wurde von seinem Bruder Mulei Arschid vom Throne gestürzt, und dieser, der von 1664-1672 regierte, war nach Jussuf ben Taschfin der mächtigste Monarch. Die Grausamkeit dieses Sultans wurde von den raffinirten Grausamkeiten Mulei Ismaëls, der sein Bruder war und ihm 1672 folgte, noch übertroffen. Ismaël, jetzt einer der grössten Heiligen von Marokko, regierte bis 1727. Nach ihm folgte Mulei Ahmed Dehabi, vierter Sohn Ismaëls, regierte jedoch nur bis 1729; sein Bruder Mulei-Abd-Allah folgte bis 1757, und nach ihm kam sein Sohn Sidi Mohammed, der bis 1790 regierte und im Jahre 1760 Mogador gründete. Die beiden folgenden Söhne, Mulei Mohammed Mahdi el Tisid und Mulei Haschem regierten nach einander zusammen nur zwei Jahre. Mulei Sliman behauptete sodann den Thron von 1792-1822, und nach ihm regierte Mulei Abd-er-Rhaman ben Hischam bis 1859, und dessen zweiter Sohn, Sidi Mohammed, behauptet heute noch den Thron.]
Si Mohammed ben Thaleb, der Bascha von Alt-Fes, dessen Gast ich während der ganzen Zeit meines Aufenthalts in Fes war, hatte freilich ein ganz anderes Schicksal. Er war ein Mann von rechtlichem Charakter und vollkommen vorurteilsfrei, was in Marokko viel sagen will; ich finde in meinem Tagebuch sogar die Notiz: "Ben Thaleb war der einzige wirklich ehrliche und durchaus rechtliche Mensch, den ich in Marokko kennen lernte." Gebürtig aus Ain Tifa, einem Orte etwa einen Tagemarsch südöstlich von der Stadt Marakisch gelegen, war er fast unabhängiger Herrscher über eine dortige Berbertribe, welche seiner eigenen Aussage nach sieben Hauptstämme umfasste. Mächtig und reich (er verkaufte jährlich für etwa 200,000 Fr. Mandeln nach Ssuera), wäre er gewiss lieber in seiner Stellung als Berberchef geblieben, wie er überhaupt nie fröhlicher und vergnügter war, als wenn seine Stammgenossen, Berber von der Heimath, ihn in Fes besuchten und er mit ihnen Schellah oder Tamashirt reden konnte. Aufstände, wie sie so häufig in Marokko vorkommen, verwickelten seine Berberstämme im Jahre 1846 gegen die kaiserliche Regierung; Ben Thaleb selbst betheiligte sich jedoch nicht daran, sondern hielt mit seiner ganzen Familie zum Sultan. Der Aufstand endete, wie in der Regel, mit der Niederlage der Rebellen, der Sultan Abd-er-Rhaman aber, um einen so mächtigen Stamm für immer an sein Haus zu ketten, ernannte ihren Schich Ben Thaleb zum Bascha-Gouverneur von Fes, welche Stelle als die erste nach dem Uïsirat (Ministerium) im ganzen Reich betrachtet wird. Der Berberstamm wurde durch eine so schmeichelhafte Auszeichnung, die seinem Chef widerfuhr, vollkommen zum Sultan hinübergezogen, und auch Ben Thaleb schien diesen Platz, der mehr als jeder andere abwirft, zuerst nicht ungern angenommen zu haben.
Indess schon zu Lebzeiten Mulei-Abd-er-Rhaman's war Ben Thaleb wiederholt um seinen Abschied eingekommen, er hatte in Erfahrung gebracht, dass ein Gouverneur von Alt-Fes, der reichsten Stadt des Landes, nie eines natürlichen Todes stürbe. In Marokko haben nämlich die Beamten eine ganz andere Stellung als bei uns. Nicht dass sie vom Staate, wie denn dort Staat und Sultan noch eins sind, oder vom Herrscher Gehalt bekommen, müssen sie im Gegentheil der Regierung, oder der Casse des Sultans, Gelder abliefern. Sie können allerdings dafür von ihren Schutzbefohlenen so viel erpressen, wie sie wollen. Da nun jeder Beamte darauf ausgeht, seinen Säckel zu füllen, ausserdem aber grosse Summen dem Sultan abzuführen hat, so kann man sich denken, wie schlecht das Volk dabei fährt, und meistens sind Uebersteuerungen und willkürliche Erpressungen die Ursachen der so häufigen Revolten. Es ist dieses System auch andererseits Ursache der schlechten Cultur des Bodens; abgesehen davon, dass weder Berber noch Semiten je etwas im Ackerbau geleistet haben, giebt sich kein Mensch Mühe, den Boden so ergiebig wie möglich zu machen, weil er weiss, dass die Erzeugnisse der Regierung verfallen sind. Ebenso ist der Handel dadurch gelähmt, der reiche Kaufmann von Fes sieht mit Bangen dem Tage entgegen, wo die Regierung sich seiner Ersparnisse bemächtigt, und es giebt deshalb auch in keiner Stadt, in keinem Ort Jemand, der nicht seinen geheimen Schatz hätte, der in der Regel vergraben ist.
Der Bascha ben Thaleb regierte im Jahre, als ich Fes betrat, die Stadt seit 13 Jahren. Da er seinen Abschied auch von Sidi Mohammed nicht bekommen konnte, tröstete er sich mit den Gedanken, diesem bei seinem Regierungsantritt den wichtigsten Dienst geleistet zu haben, und rechnete auf seine Erkenntlichkeit.
Wie bei jedem Kaiserwechsel, so waren auch bei dem Tode Mulei-Abd-er-Rhaman's grosse Unruhen und Fehden um die Nachfolge ausgebrochen. Es war vor allen der älteste Sohn des Sultan Sliman, Namens Mulei Abd-er-Rhaman-ben-Sliman, der mit Hülfe der Franzosen hoffte, den Thron seines Vaters wieder zu gewinnen, aber trotzdem er seinen Sohn Hülfe bittend an den gerade mit der Niederwerfung der Beni Snassen beschäftigten französischen General Martimprey schickte, konnte er nicht aufkommen. Da war ferner der erste Sohn des verstorbenen Sultans und älterer Bruder des jetzt regierenden, auch er wurde aus dem Felde geschlagen, und wurde wie der ersterwähnte nach Tafilet verbannt[92]. Der jetzt regierende Sultan Sidi Mohammed verdankte seine schnelle Installirung hauptsächlich dem Umstande, dass sich Sidi el Hadj-Abd-es-Ssalam von Uesan für ihn erklärte, dass er schon bei Lebzeiten des Vaters Califa, d.h. Stellvertreter des Sultans gewesen und grosse Schätze angesammelt hatte, und dass sich Ben Thaleb, der Gouverneur von Fes, sofort zu seiner Partei bekannte.
[Fußnote 92: Beide Prinzen, die ich dort kennen lernte im Jahre 1863, lebten in freiwilliger Verbannung, obschon man in Marokko behauptet, die Regierung habe sie dorthin verbannt. Die Lage ist aber derart, dass, wenn der Sultan seines Bruders und Vetters habhaft werden könnte, er sie sicher würde hinrichten lassen.]
Der Bascha von Alt-Fes hatte indess gar nicht so leichtes Spiel, denn wenn auch Faradji, der Gouverneur von Neu-Fes, des jetzigen Sultans Panier ergriff, so hatte dieser mit seinen wenigen Soldaten genug zu thun, um das Palais des Sultans und Neu-Fes vor Plünderung und Angriff zu schützen. Ben Thaleb hatte aber ausser einem Dutzend Maghaseni (Reiter) nur von seinen eigenen, mit Flinten bewaffneten Berbern vielleicht 50 Mann zur Verfügung. Der jetzige Sultan war mit der Armee noch fern von der Hauptstadt.
Eines der wichtigsten Quartiere der Stadt, das der Djemma Mulei Edris, vorzugsweise von Schürfa (Abkömmlingen Mohammed's) bewohnt, empörte sich nun sofort nach dem Tode Abd-er-Khaman's und rief den ältesten Sohn des Sultan Sliman zum Nachfolger aus. Aber sie hatten nicht auf Ben Thaleb's eiserne Energie gerechnet: er liess fast vom ganzen Quartiere die erwachsenen Männer decimiren, die Häuser der vornehmsten Schürfa wurden dem Boden gleich gemacht, und alles was am Leben blieb, wurde seines Eigenthums beraubt. Diejenigen nun, welche wissen was es heisst, einen Scherif in Marokko beleidigen, strafen oder gar tödten, können sich denken, welche Aufregung dieses Verfahren Ben Thalebs hervorrief, der nicht einmal Araber, geschweige Scherif, sondern nur ein Brebber[93] war. Aber der Berber-Schich war nicht der Mann, sich einschüchtern zu lassen, andererseits vertheilte er den anderen Quartieren der Stadt je 2000 Metkal, ein ganz artiges Sümmchen für 17 Quartiere. So brachte er durch Strenge und Güte es dahin, dass Fes den jetzigen Sultan gleich anerkannte, und als der Vetter des Sultans mit seinem Heere vor die Hauptstadt rückte, wurde er von den Bewohnern von Fes, an deren Spitze Faradji und Ben Thaleb standen, feindselig empfangen; er musste fliehen, als Sidi Mohammed herbeirückte, diesem wurden die Thore geöffnet, und damit hatte Marokko einen Sultan,
[Fußnote 93: Bezeichnung für Berber in Marokko. Man sieht hieraus, dass der Araber den Wahn, den Mohammed lehrte, das arabische Volk sei besser als jedes andere, noch immer aufrecht erhalten. Es trug dies wesentlich zum Untergange des arabischen Volkes bei, wie denn auch die Juden den Dünkel das auserwählte Volk Gottes zu sein schwer genug haben büssen müssen.]
Als Gast des Bascha's bezog ich mit meinem Dolmetsch, welcher Hauptmann der regelmässigen Armee des Sultans war, ein Zimmer, welches zur Privatmoschee des Bascha's gehörte, welche gleich neben seiner Amtswohnung gelegen ist. Mit zunehmender Wärme wurde der Aufenthalt in diesem Zimmer bald unerträglich, und als eines Tages der Bascha fragte, wie ich mit meiner Behandlung zufrieden sei, machte ich ihn auf die unerträgliche Hitze aufmerksam. Er rief einen seiner Diener und fragte ihn, welche Wohnung in der Nähe der seinigen auf der Stelle zu haben sei; dieser bezeichnete einen reizenden Sommersitz, welcher, obschon in der Stadt gelegen, einen hübschen Garten habe, vom Fes-Flusse durchzogen würde, an die Wohnung des Bascha anstiesse, "aber, fügte er hinzu, der Scherif, dem es gehört, hat seinen Sommeraufenthalt schon darin genommen." "Geh' auf der Stelle und sage ihm, ich brauche seine Wohnung," war des Bascha's kurze Antwort "Und du Mustafa,"[94] fuhr er fort, "kannst heute noch umziehen, und wirst nun gewiss zufrieden sein." Der Scherif schien indess nicht grosse Eile zu haben; vielleicht glaubte er auch, weil er Scherif (Abkömmling Mohammed's) sei, dem Befehle trotzen zu können. Kurz, als ich am folgenden Tage Ben Thaleb besuchte und er sich nach meiner Wohnung erkundigte, musste ich gestehen ich sei, weil der Eigenthümer sich noch immer in seinem Hause befände, noch in meinem Moschee-Zimmer. Aber kaum liess der Bascha mich vollenden; ein Diener wurde gerufen, er bekam Befehl, auf der Stelle den Scherif mit seinem beweglichen Eigenthum auf die Strasse zu setzen; so geschah es, und an demselben Tage konnte ich einziehen. Es würde nichts genützt haben, hätte ich zartfühlend gegen diesen Befehl, den Eigenthümer aus seinem Besitze zu vertreiben, protestiren wollen, Niemand würde ein solches Benehmen verstanden haben, da das _unfehlbare Benehmen_, d.h. willkürliches Betragen, sich vom Sultan auch auf seine Beamten übertragen hat.
[Fußnote 94: Es war dies mein in Marokko angenommener Name.]
Folgendes nun wirft auch Licht auf das summarische Gerichtsverfahren in Marokko und Fes überhaupt, und ich schreibe die hier folgenden Zeilen wörtlich aus meinem damals geführten Notizbuch ab.
Das neue Haus, welches ich bezog, hat ein Stockwerk und ist nicht nach Art der Wohnhäuser in Fes eingerichtet, sondern nach anderen Regeln erbaut. Mitten im Garten liegend, fliesst unter dem Hause der kleine Ued Fes, der hier in den Garten tritt und in einer 4' tiefen und 6' breiten gemauerten Rinne läuft, bis er an eine dem Hause gegenüberliegende Veranda kommt, und unter dieser in einen andern Garten tritt. Das Haus selbst hat unten eine geräumige Veranda, einen Salon und ein Zimmer, das alkovenartig (eine Art von Kubba) hinten angebaut ist; oben sind drei Zimmer, die wir unbewohnt liessen; ebenso wurde das platte Dach selten benutzt. Der mir als Dolmetsch beigegebene Offizier schlief mit mir im hintern alkovenartigen Zimmer; in der einzigen Thür, welche zum Salon führte, schliefen drei Diener zwei andere in der Veranda, und zwei waren in der gegenüberliegenden Veranda, wo wir der Bequemlichkeit halber auch unsere Pferde stehen hatten. So bewacht, dachten wir nicht im entferntesten an Diebstahl, zudem in Fes Nachts, weil die einzelnen Quartiere, wie früher schon erwähnt ist, abgeschlossen sind, die grosse Communication ganz aufgehoben ist.
Eines Abends hatten wir, der Kaid oder Hauptmann und ich, auf unserem Teppich liegend, spät Abends Thee getrunken, beim silbernen Mondschein, am Rande des vorbeiplätschernden Flüsschens, unter duftenden Orangenbäumen hatten wir die Zeit vergessen, und der Muden ilul (das erste Avertissement zum Gebet wird im Sommer schon um 1 Uhr Morgens von den Minarets gegeben) ertönte, als wir schlafen gingen. Wir mochten kaum eine halbe Stunde geschlafen haben, als einer der Diener "Sserakin, Sserakin" (Diebe, Diebe) rief. Alle liefen wir hinaus mit Gewehren bewaffnet, aber nichts war zu finden. Wie hätte aber auch ein Dieb herein und so schnell hinauskommen können: an drei Seiten hatte der Garten fast 20 Fuss hohe Mauern, und die vierte Seite führte mittelst einer senkrechten, etwa 30 Fuss hohen Mauerwand in einen anderen Garten, unmöglich konnte er hier hinuntergesprungen sein. Indess fanden wir, nach unserer Behausung zurückgekehrt, dass wirklich ein Dieb dagewesen sein musste, es fehlten von meinen Kleidungsstücken, die ich abgelegt hatte, Hosen, Pantoffeln, dann der Turban des Hauptmanns, ferner ein erst Tags zuvor angebrochener Hut Zucker, endlich unser ganzes Theeservice, Eigenthum des Bascha's. Eine genauere Untersuchung ergab, dass der Dieb unter der Gartenthür sich durchgewühlt, und wahrscheinlich schon mehrere Gänge gemacht hatte.
Auf unsere am anderen Morgen erfolgte Anzeige wurden von Ben Thaleb sämmtliche umwohnenden Bürger verhaftet, sie mussten die Sachen in Gemeinschaft ersetzen, ausserdem ein jeder 20 "Real" (so nennt man die französischen fünf Francs-Stücke) Caution erlegen, bis der Dieb von ihnen selbst ermittelt wäre. Mit Erlegung der 20 Reals erlangten sie zwar ihre Freiheit wieder, aber ich glaube kaum, dass sie je wieder zu ihrem Gelde gekommen sind, sollte es ihnen auch gelungen sein den Dieb zu ermitteln. Ich bemerke hiebei, dass ich einige Jahre später in Leptis magna von der türkischen Behörde eine ganz ähnliche Justiz üben sah, als einem meiner Diener aus dem Zelt ein Revolver Nachts gestohlen wurde.
Ausser den beiden Gouverneuren der Stadt giebt es sodann Vorsteher der einzelnen Quartiere, Vorsteher der Moscheen, Einsammler der Gelder, Marktvögte, einen Marktkaid der Kessaria, und einen Marktkaid des grossen, einmal in der Woche ausserhalb der Stadt abgehaltenen Marktes. Die Marktvögte und der Marktkaid haben hauptsächlich die Obliegenheit Streitigkeiten zu schlichten und Ordnung zu halten. An jedem Thore findet man einen Kaid el Bab, der die Thore zu öffnen und zu schliessen, sowie den Zoll zu erheben hat, es ist sodann eine Hauptzollamt in der Stadt, endlich sind als Behörden noch die Zunftmeister zu nennen, da jedes Handwerk zu einer Zunft verbunden ist, welcher ein Meister, der den Titel Kebir hat, vorsteht.
Die nächste Umgebung der Stadt zeigt im Norden, Osten und Westen die blühendsten Gärten, die man sich nur denken kann, im Südwesten sind Vorstädte; fast vor allen Thoren ziehen sich Gräberreihen und Gottesäcker hin, von denen einige äusserlich recht stattlich aussehende grössere Grabmonumente aufzuweisen haben. Indess liegt in diesen kaiserlichen Grabmonumenten eine gewisse Einförmigkeit, alle haben viereckige Form, darüber eine achteckige oder viereckige oder auch ganz runde Bedachung. Im Innern findet man in der Regel einen Sarkophag, oft mit Tuch überzogen, oft aber auch nur aus einem hölzernen Gestell bestehend. Neben einem solchen Hauptgrabe findet man manchmal zwei bis sechs und noch mehre kleinere einfache Gräber; entweder waren es Kinder der hier begrabenen Fürsten oder manchmal auch Vornehme und Grosse des Landes, die gegen hohe Geldsummen das Recht erwarben, sich an der Seite ihres Sultans begraben lassen zu können. Von der jetzt _regierenden_ Dynastie ist niemand in oder ausserhalb Fes' beerdigt, sie hat ihre Grabstätten in Mikenes.
Ein grosser und für uns Europäer fast unerträglicher Uebelstand ist, dass dicht vor den Thoren sich verwesende Berge, oft 50 Fuss hoch, von crepirten Thieren befinden; seit Jahrhunderten ist es Brauch, jedes todte Vieh, allen Unrath vor die Thore der Stadt zu bringen, aber so dicht an den Wegen sind diese verpestenden Hügel errichtet, dass es eine Qual ist, aus der Stadt heraus und in dieselbe hinein zu kommen.
Der die Stadt beherrschende Berg, der im Norden und Nordwesten sich um dieselbe herumzieht, heisst Djebel-Ssala, er hat vielleicht 1000 Meter absolute Höhe. Unter dem Vorwande, Kräuter für Bascha Ben Thaleb suchen zu wollen, bekam ich eines Tages Erlaubniss hinauf zu reiten; durch einen breiten Gürtel lachender Feigen- und Orangengärten, wo ausserdem Pfirsiche, Aprikosen, Granaten, Wein und Kirschen gezogen werden, gelangt man in Oelwaldungen, das zweite Drittel ist von immergrünen Eichen, von Lentisken und anderen das Laub nicht verlierenden Bäumen bestanden, das letzte Drittel hat nur Buschwerk und Zwergpalmen. Oben auf dem Berge, von dem aus man eine prächtige Uebersicht über die Stadt, über die Ebene bis zum grossen Atlas und über das nach Westen sich ziehende Serone-Gebirge hat, traf ich einen Einsiedler, Sidi Mussa, schon seit 50 Jahren in einer Höhle auf dem Ssala-Berge lebend. Im Rufe grosser Heiligkeit, lebt er von den Gaben der Pilger, hat aber ausserdem eine grosse Bienenzucht. Auf dem Plateau des Ssala-Berges sind mehrere Quellen und sogar Gärten und Ackerbau.
Was die Bevölkerung von Fes anbetrifft, welche wir auf 100,000 Seelen schätzen können und die vor der Cholera im Jahre 1859 wohl noch 20,000 mehr betrug, so besteht dieselbe vorzugsweise aus Arabern und Berbern.