Mein Erster Aufenthalt In Marokko Und Reise Sudlich Vom Atlas D

Chapter 14

Chapter 143,532 wordsPublic domain

Er glaubte nun ein regelmässiges stehendes Heer zu haben, wenn er Leute auf europäische Art uniformiren liess, und so sah man hier Uniformstücke sämmtlicher Nationen, gemeinsam ist allen nur der rothe Fes und die gelben Pantoffeln; auch hatte man angefangen, kurze bis an die Knie gehende Hosen einzuführen, da es den Berbern und Arabern unmöglich schien, lange Hosen zu tragen. Diese Infanterie ist in vier Theile oder Bataillone getheilt, je von einem "Agha" commandirt, untergetheilt sind sie wieder in vier Abtheilungen, denen ein Kaid (Hauptmann) vorsteht, und noch kleinere Abtheilungen werden von Califat-el-kaid (Lieutenants) und Mkadem (Unterofficier) commandirt. Die Mannschaft selbst besteht aus Berbern, Arabern, Negern und spanischen Renegaten, welche letztere Sträflinge von Ceuta, Penon oder Mellila her desertiren. Diese Renegaten sind vorzugsweise Hornisten, Tamboure oder bei der Capelle angestellt. Denn da die englische Regierung die Instrumente geschenkt hat, so hat der Sultan eine Capelle einrichten lassen, welche aber auf noch viel haarsträubendere Art deutsche Walzer oder italienische Stücke zum Besten giebt, als die türkischen Regimenter. Die Capelle hat 24 Mitglieder, während der Hornisten und Tamboure für jede Compagnie je zwei vorhanden sind. Die Trommeln sind ähnlich wie die des deutschen Heeres, die Hörner sind gleich denen der Engländer.

Die Bewaffnung besteht aus alten französischen Steinschlossgewehren, fast alle mit der Jahreszahl 1813. Der Sultan, hat diese im Preise von 40 Fr. das Stück kaufen lassen (er hätte dafür auch Zündnadeln bekommen können), aber die Zwischenhändler haben ihr Profitchen dabei gemacht. Das Commando geschieht in türkischer Sprache, was den Uebelstand für den Soldaten hat, dass derselbe das Commando nur mechanisch verstehen lernt. Jede Compagnie hat eine Fahne, jedes Bataillon (ich nenne so die vom "Agha" commandirte Atheilung [Abtheilung]) eine etwas grössere, die Farben der Fahnen sind roth, gelb, blau, je nachdem der Chef Vorliebe für diese oder jene Farbe hat.

Der gemeine Soldat bekommt sechs Mosonat Löhnung, und muss sich hierfür Alles halten, was bei den billigen Verhältnissen in Marokko auch recht gut angeht, zumal die Kleidung vom Sultan geliefert wird. Die höheren Stellen sind allerdings nicht besonders bezahlt, so bekommt ein Agha, Bataillonschef, nur ein Metcal täglich (= 40 Mosonat oder etwa = 2 Francs). Da diese aber ausser den Pferderationen Korn, Aecker und Vieh vom Sultan bekommen, überdies die Gelder der beurlaubten Soldaten zum grössten Theil in ihre Tasche fliessen, so stehen sie sich nicht schlecht. Denn von 1000 Mann, die ein Agha commandirt, sind höchstens 800 zur Stelle, die 200 fehlenden werden aber geführt, und der Sold davon täglich vom "Amin el Lascari," d.h. dem Zahlmeister, bezogen.

Man kann sich einen Begriff von dieser regelmässigen Armee, welche aus den grössten Taugenichtsen des ganzen Reiches zusammengesetzt ist, machen, wenn ich einige kurze Personalnotizen der Befehlshaber, mit denen ich bekannt wurde, hier gebe.

Der Agha des einen Bataillons war ehedem ein Verkäufer von roher Seide und Seidengarn in Fes, Namens Hadj-Asus, er verdankte seine Stellung bloss dem Umstande, dass er Hadj, d.h. Pilger nach Mekka war. Marokko, welches so weit von Mekka entfernt liegt, hat verhältnissmässig nur wenig Pilger aufzuweisen, und obgleich die Dampfer jetzt die frommen Gläubigen auf erstaunlich billige Weise von Tanger nach Alexandria und von da nach Djedda schaffen, so hat dadurch keineswegs die Zahl der Pilger zugenommen, weil eine Dampfschifffahrt nicht als so verdienstlich angesehen wird[85] wie eine Pilgerfahrt zu Fusse. Und die grosse Landpilgerkarawane, welche früher jährlich von Fes, Maraksch und Tafilet abging, hat für die ersten beiden Orte zu existiren aufgehört.

[Fußnote 85: Eine Dampfwallfahrt bei den Christen wird ebenfalls bedeutend geringer angerechnet, als wenn man den Wallfahrtsort auf Erbsen rutschend erreicht, wir dürfen uns also keineswegs hierin über die Mohammedaner wundern oder gar lustig machen.]

Der zweite Agha, ein gewisser Si-Hammuda, geborener Algeriner, hat sich dadurch seine Stellung erworben, weil er ein französischer Proscribirter ist; seinem Stande nach schwang er, ehe der Sultan das Schwert ihm in die Hand gab, die Elle. Der dritte Agha, ein gewisser Si-Mohammed-Chodja, ein geborener Tunesier, weiss wohl selbst nicht, wie er zum Militärstande gekommen ist, er ist von Haus aus Thaleb, d.h. Schriftgelehrter. Der vierte und letzte Agha ist ein gewisser Ben-Kadur; von Haus aus Kaid einer Bergtribe, sind diesem letzteren wenigstens nicht kriegerische Eigenschaften abzusprechen, aber vom eigentlichen europäischen Militärwesen hat er ebensowenig einen Begriff wie die übrigen. Ich könnte, da ich Gelegenheit hatte, alle Kaids kennen zu lernen, so fortfahren, aber dies wird genügen.

Indess sei noch erwähnt, dass zwei wirkliche französische Officiere, Eingeborne der Tirailleurs indigènes, es nie weiter bringen konnten als zum Lieutenant, weil sie im Verdachte standen Christen zu sein, während ein anderer, ein "Sussi", Herumstreicher (Eingeborne aus der Provinz Sus), gleich zum Hauptmann oder Kaid ernannt wurde. Da diese Ernennung während meiner Anwesenheit in Fes erfolgte, so kann ich hier anführen, dass sie aus dem Grunde geschah, weil dieser "Sussi" vor den Augen des Sultans in Seiltänzerkunststücken sich ausgezeichnet hatte. Er hatte ehedem einer Gesellschaft angehört, wie sie häufig aus dem Sus kommen, und mit dieser nicht nur die ganze mohammedanische Welt, sondern auch ganz Europa durchzogen; so behauptete er auch in Deutschland gewesen zu sein, und da er mir mehrere Städte Deutschlands mit Namen nennen konnte, musste ich es wohl glauben, denn welcher andere Marokkaner hätte eine deutsche Stadt namentlich gekannt; das geographische Wissen der grössten marokkanischen Gelehrten, soweit es Europa betrifft, beschränkt sich auf Baris (Paris), Lundres (London), Manta (Malta), Blad Andalus (Spanien), Bortugan (Portugal), Musgu (Russland), Nemsa (Deutschland) und Stambul (Konstantinopel). Kann ein Thaleb oder Faki der Reihe nach diese Namen auskramen, so glaubt er wenigstens ein Humboldt oder Ritter zu sein.

Manövrirt wird denn auch nie mit dieser oben geschilderten "regelmässigen" Truppe, und die Exercitien beschränken sich auf Parademärsche, auf ssalam dur (präsentirt das Gewehr) und einige andere Griffe. Ein grosser Uebelstand ist, dass die meisten Soldaten verheirathet sind und Kinder haben, viele auch Sklaven besitzen, kurz man kann sagen, dass der Sultan mit seiner bunt nach aller Herren Länder Art uniformirten Truppe sich keineswegs eine regelmässige Armee oder nur den Kern dazu geschaffen hat. Aber die seit Jahrhunderten bestehende Unfehlbarkeit des Sultans hat dazu geführt, dass diese Persönlichkeiten anfangen sich selbst für unfehlbar zu halten, und der Sultan glaubt in der That mit der Ernennung irgend eines Menschen zum Bataillonschef wirklich dadurch einen tüchtigen Chef gemacht zu haben.

Besser ist die Cavallerie organisirt (nach Sir Drummond Hay 16000 Mann stark), weil sie auf einheimische Verhältnisse basirt ist. Die Cavalleristen bekommen zwei Mosonat täglich mehr, als die Infanteristen, haben aber dafür ihre Pferde zu unterhalten. Sie sind eingetheilt in kleine Truppen von 50-60 Pferden, welche einem Kaid untergeben sind. Das Commando ist hier arabisch. Der Cavallerist hat eine lange Steinschlossflinte und einen ziemlich geraden Säbel als Bewaffnung; wer sich selbst 1 oder 2 Pistolen anschafft, glaubt dann aufs vollkommenste ausgerüstet zu sein. Der Säbel wird an einer seidenen oder baumwollenen Schnur von der rechten Schulter zur linken Seite herabhängend getragen. Die Sättel sind jene mit hohen Lehnen nach hinten, mit hohem Knaufe nach vorne versehenen und allgemein unter Arabern und Berbern gebräuchlichen. Von Exercitien und Manövern ist bei der Cavallerie noch weniger die Rede, die ganze Kunst des Cavalleristen beschränkt sich darauf, im schnellsten Laufe das Pferd fortzureiten und während des Rittes die Flinte abzufeuern. Da die grossen Steigbügel sehr kurz hängen und so eingerichtet sind, dass der ganze Fuss darin Platz hat, so _stehen_ beim schnellen Reiten meistens die Cavalleristen. Auf diese Art wird auch der Angriff gemacht, man saust mit Windeseile heran, schiesst ohne zu zielen das Gewehr ab, und das dann von selbst wendende Pferd trägt den Angreifer zurück. Die Cavallerie hat nur Hengste.

Seit dem Kriege mit Spanien hat der Sultan von Marokko auch Feldartillerie angeschafft, aber eben so unglücklich berathen wie in Beschaffung seiner Uniformstücke, hat er wohl kein einziges Geschütz, welches dem andern gleich wäre. Die Artilleristen, welche diese Kanonen zu bedienen haben, sind fast alle spanische Renegaten; auch einen Franzosen fand ich dort, der Hauptmann war, und einen Deutschen, der in der Heimath Maurergeselle gewesen, die Kelle mit der Kanone vertauscht und von Sidi Mohammed, dem Hakem el mumenin (Beherrscher der Gläubigen), dem er verschiedene Arbeiten in seinem Palais aufgemauert hatte, zum Kaid el Tobdjieh, d.h. zum Artillerie-Hauptmann war ernannt worden. Ich brauche wohl kaum hinzuzufügen, dass alle diese Renegaten dort verheirathet sind, mithin factisch und für immer sich zu marokkanischen Bürgern erklärt haben. Einem einzigen Europäer gelang es jedoch, sich eine achtenswerthe Stellung in Marokko zu erringen. Freilich war auch dieser nur zum Schein Mohammedaner geworden, und, zugleich mit mir die Hauptstadt Fes betretend, hat er jetzt seit langem Marokko den Rücken gekehrt. Es ist dies der Spanier Joachim Gatell, der in Marokko den Namen Ismael angenommen hatte. Da in seiner Beschreibung "L'ouad Noun et el Tekna" eine interessante Schilderung des marokkanischen Kriegslebens enthalten ist, so lasse ich sie hier übersetzt aus den Bulletins de la Société de Geographie de Paris folgen.

Auf der 279. Seite erzählt Gatell: "Im Jahr 1861 war so eben der Krieg zwischen Spanien und Marokko beendet. Die Erzählungen, welche man zu der Zeit vom marokkanischen Volke machte, von den Sitten, vom Muthe, den barbarischen Gebräuchen, dem Fanatismus der Bewohner, erregten in mir die Idee in das Innere des Landes einzudringen, trotz der Fährlichkeiten, denen ich dabei ausgesetzt sein konnte. Ich reiste also nach Fes ab, wo sich der Hof befand, und, um besser meine Absicht zu erreichen, trat ich in die regelmässige Armee des Sultans. Obschon ich nur äusserst wenig vom Waffenhandwerk verstand, wurde ich gleich zum Officier befördert." Nach einer Schilderung der Campagne gegen die Beni Hassen, wobei Gatell zum Chef der "Garde-Artillerie" des Sultans ernannt wurde, fährt er fort die Expedition gegen die Rhamena zu schildern: "Wir hatten 29 Stück, einen Mörser eingeschlossen; aus den Magazinen von Arbat nahmen wir 55 Centner Pulver in Fässern, und ausserdem eine Menge fertiger Munition in Kisten mit, und fingen so an die Aufständischen zu verfolgen.["] Ein Theil der Seragua-Kabylen vereinigte sich so eben mit den Rhamena, nichts desto weniger ging auch jetzt die kaiserliche Armee mit marokkanischer Würde und Langsamkeit vorwärts: es schien, als wenn wir einen Spaziergang im Sonnenschein zu machen, keineswegs aber den Feind anzugreifen hätten. Die Hauptstadt war bedroht, aber um eine solche Kleinigkeit kümmern sich dort die Leute nicht. "--Wir werden zeitig genug ankommen, und wenn nicht, so ist es Gottes Wille. Die marokkanische Majestät darf nie Eile zeigen, oder auch nur den Anschein haben sich zu sehr um den Gang der Ereignisse zu kümmern." Gatell erzählt sodann, wie man nicht den Bewohnern den Krieg machte, sondern den Getreidefeldern, welche angezündet wurden, und als sie endlich vier Stunden von Marokko im Angesichte der Rhamena waren, die Aufständischen auseinandergesprengt wurden; hiebei feuerte die Artillerie 15 Schüsse ab und warf 8 Bomben.

Was die sogenannte schwarze Garde des Sultans von Marokko anbetrifft, die "Buchari," die unter den früheren Kaisern, namentlich unter Mulei Ismael eine so grosse Rolle spielte, so ist dieselbe heute sehr zusammengeschmolzen; kaum einige hundert Mann stark, dient sie jetzt nur zu Prunkaufzügen, und scheint gegen den Feind nicht mehr verwendet zu werden, wenigstens nahmen die Buchari am Kriege gegen Spanien keinen Antheil. Dem ganzen Heere steht ein Schwarzer, Namens Abd-Allah, als Kriegsminister vor, er hat das Verdienst ehemals als Sklave mit dem jetzigen Sultan auferzogen worden zu sein. Unter ihm stehen verschiedene "Amin," welche für die geldlichen und sonstigen Angelegenheiten der Armee zu sorgen haben. Nach diesem Besuche bei der Armee wenden wir uns wieder zur Stadt Fes zurück.

Von den übrigen erwähnenswerthen Gebäuden haben wir nur zwei Moscheen zu nennen. Es ist dies zunächst die Djemma Karubin (die den Cherubim gewidmete Moschee). Diese Moschee ist wohl die grösste in ganz Nordafrika. Die Bewohner Fes' behaupten, sie ruhe auf mehr als 360 Säulen, ja Einige sprachen von 800; ich konnte mich natürlich nicht daran machen sie zu zählen, aber wenn man von dem Hofe der Moschee ins Innere sieht, glaubt man einen Wald von Säulen vor sich zu haben. Wenn man der Beschreibung von Leo trauen darf, so hat die Djemma 31 grosse Thore, das Dach ruht auf 38 Bogen der Länge und 20 Bogen der Breite nach; es würde dies schon über 900 Säulen ergeben. Ali Bey giebt 300 Säulen an.

Die Moschee Karubin liegt ziemlich im Mittelpunkt von Alt-Fes, und ist wie fast alle Moscheen derart gebaut, dass sie aus einem grossen, von hohen Mauern und Arkaden umgebenen Hofraum und aus einem bedeckten Theile besteht, der eigentlichen Moschee. Ganz aus überkalkten Ziegeln erbaut, ist das Dach, oder vielmehr sind die Dachreihen ebenfalls mit Ziegeln à cheval gedeckt, und nicht glatt. Das ziemlich hohe Minerat ist, wie überall in Marokko, äusserst plump und vierseitig aufgeführt. Im Hofe des Gebäudes springen aus zwei reizenden und grossartigen Marmorfontainen Wasserstrahlen, überhaupt sind die Wasseranlagen, die kleinen Häuschen, worin die vor dem Gebete nothwendigen Ablutionen verrichtet werden, ausgezeichnet und zahlreich.

Der verdeckte Theil der Moschee hat wie alle diese Gebäude vollkommen nackte gegypste Wände, der ganze Fussboden ist aber zum Theil mit kostbaren Teppichen, und überall wenigstens mit feinen Matten belegt. Auch an den Wänden und um die Säulen ziehen sich halbmannshoch hübsche Strohmatten hinauf. Wie in allen Moscheen des Rharb ist an und in der östlichen Wand die Nische, welche die Gebetsrichtung "Kibla" angiebt. Gleich links davon ist eine Treppe, von welcher herab Freitags das Chotba-Gebet abgelesen wird. Der erste Priester der Moschee tritt nach einem kurzen Gebet, mit einem langen Stock in der rechten Hand versehen, auf die dritte Stufe (die Treppe enthält fünf oder sechs Stufen), und liest dann mit einförmiger Stimme das Freitagsgebet ab, der Schluss ist immer von einem Gebete für den jemaligen Regenten begleitet; im ganzen Rharb, d.h. Marokko, und auch in den südalgerischen Ortschaften bezieht sich das Gebet auf Mohammed-ben-Abd-er-Rhaman, im Osten aber, incl. Tunis und Aegypten, auf Abd-ul-Asis-Chan. Ob die Mohammedaner in Algerien, wie früher für den Türkensultan, heute noch für denselben Fürsten den Segen herabflehen, oder für den jemaligen französischen Regenten, kann ich nicht sagen.

Die Moschee Karubin hat das Eigenthümliche, dass _mehrere_ Mimber oder Gebetstreppen vorhanden sind. Freitags zum Chotba-Gebet wird allerdings nur die eine links von der Gebetsnische befindliche benutzt, aber die übrigen dienen als Lehrstühle, von denen aus zu sonstiger Zeit den Gläubigen gepredigt und gelehrt wird. Wenn aber Ali Bey meint, nur die Karubin, habe den Vorzug eine besondere Abtheilung für Frauen zu haben, und es sei dies zu verwundern, weil Mohammed den Frauen im Paradiese keinen Platz zuerkannt habe, so kann ich entgegnen, dass die Frauen in allen Moscheen Zutritt haben. Für gewöhnlich gehen die mohammedanischen Frauen allerdings Behuf des Gebetes nicht in die Moschee, keineswegs aber ist den Frauen die Moschee verboten, ebensowenig wie den Frauen das Mekka-Pilgern verboten ist. Es ist ein Irrthum zu glauben Mohammed habe den Frauen das Paradies verschlossen, in der 17. Sure heisst es wörtlich[86]: "die in Geduld ausharren, werden wir mit herrlichem Lohn ihr Thun belohnen. Wer rechtschaffen handelt, _sei es Mann oder Frau_, und sonst gläubig ist, wollen wir ein _glückliches Leben_ geben, und ausserdem noch mit _herrlichem Lohn_ sein Thun vergelten." Und an vielen anderen Stellen im Koran, namentlich noch in der 13. Sure erwähnt Mohammed der Frauen als Theilnehmer der zukünftigen Paradiesesfreuden.

[Fußnote 86: Uebersetzung des Koran von Dr. Ullmann, Bielefeld, 1867.]

Was die Architektur der grossen Karubin anbetrifft, so ist dieselbe keineswegs eine schöne zu nennen. Zumal von aussen, wo dies grosse Gebäude eingepfercht zwischen Buden und Häusern sich befindet, nimmt es sich höchst unvortheilhaft aus, überdies lassen sich immer nur einzelne Partien, da wo Thore sind, überblicken. Aber selbst wenn die Karubin frei stände, würde sie sehr unharmonisch aussehen, da die einzelnen Theile in gar keinem Verhältniss zum Ganzen stehen. Die Höhe der Moschee, die Höhe der Säulen, etwa 20 Fuss hoch, ist viel zu gering zur kolossalen Baute, um einen guten Anblick zu gewähren. Der Hof würde einen vorteilhaften Eindruck machen, erhöht durch die beiden herrlich skulptirten Marmorfontainen (diese sind nach den Aussagen der Bewohner von Fes von europäischen Renegaten gemeisselt), wenn nicht hier dieselben Missverhältnisse zu Tage träten. Dazu kommt noch, dass der Mohammedaner, und namentlich der Araber, der geschworenste Feind von Symmetrie ist. Hier stehen zwei Säulen 8 Fuss, dort 7 Fuss auseinander, hier ist eine Säule 21 Fuss hoch, dort 20 oder 22 Fuss. Hier ist eine einfache, dort eine Doppelsäule, hier hat eine Säule, dort keine ein Capitäl. Dazu sieht das Ganze so gedrückt aus, als wenn Alles halb in den Boden hinein versunken wäre.

Es ist in keiner Zeichnung bis heute den Arabern gelungen etwas Symmetrisches zu schaffen, und im Grossen wie im Kleinen, in der Baukunst, in der Weberei, in ihren Arabesken, in ihren Holzschnitzereien, in ihrer Plafondirung, in ihrer Parquetirung, überall tritt uns die Unregelmässigkeit störend entgegen. Es giebt keinen einzigen von Arabern gewebten Teppich, dessen Muster so wie es angefangen zu Ende geführt ist, es giebt kein Zelt, welches aus gleichmässig gewebten Stücken vollendet ist, ein arabischer Haik (d.h. Tuch) hat sicher, falls an der einen Seite 3 Streifen als Einfassung sind, an der anderen 2 oder 4, es giebt keine Thür, die eine vollkommen durchgeführte Holzschnitzerei aufzuweisen hätte, und es giebt keinen einzigen Bau, der einen vollkommen durchgeführten Plan erkennen liesse. Ich kann, nicht umhin hier anzuführen, dass wir da, wo die Araber allein gebaut haben, nirgends ein vollkommen schönes Product der sogenannten maurischen Architektur vorfinden. An der ganzen Nordküste von Afrika finden wir nirgends eine Baute, die sich durch vollkommene Schönheit auszeichnete, in ihrem eigenen Vaterlande noch weniger. Aus den Abbildungen von Niebuhr ersehen wir, dass die Moscheen von Mekka und Medina plumpe, rohe Gebäude sind. Vollkommen schöne maurische Gebäude finden wir nur da, wo die Araber mit Christen untermischt sesshaft waren: in Spanien und Syrien. Möglicherweise mögen christliche Architekten, christliche Handwerker und Sklaven mehr ihre Hand dabei im Spiele gehabt haben, als wir heute wissen. Es könnte nach vier- oder fünfhundert Jahren mit den Prachtbauten, die von Mohammed Ali Pascha bis auf Ismael Pascha in Aegypten errichtet werden, ebenso ergehen, d.h. kämen unsere Nachkommen nach einer solchen Spanne Zeit nach Aegypten, so würden sie sagen, dass die Aegypter unserer Tage es wohl verstanden hätten, in der maurischen Architektur Prachtbauten zu errichten. Heute aber haben wir glücklicherweise feste und tägliche geschichtliche Aufzeichnungen, wir wissen, dass die Moscheen und Paläste in Aegypten, die in diesem Jahrhundert dort erbaut wurden, nicht von Arabern oder Aegyptern herrühren, sondern von europäischen Architekten und Handwerkern errichtet worden sind; ich nenne unter ersteren bloss Hrn. Franz von Darmstadt und den verewigten v. Diebitsch von Berlin.

Mit der Karubin ist ein Gebäude verbunden, welches die ziemlich bedeutende Bibliothek, natürlich nur aus Manuscripten zusammengesetzt, enthält; nach einer oberflächlichen Schätzung, die ich machte, sind wenigstens fünftausend Bände vorhanden. Der ganze Bücherschatz befindet sich übrigens in einem sehr verwahrlosten Zustande, und es ist ein Wunder, dass Staub und Motten nicht schon grössere Verwüstungen angerichtet haben. Es ist ziemlich leicht Bücher von der Bibliothek zum Lesen zu bekommen, auch ist es gestattet Abschriften zu nehmen (natürlich nur den Gläubigen), es ist aber streng untersagt, irgendwie ein Buch zu entlehnen, um es mit nach Hause zu nehmen, und da die dortigen Bibliotheken mit unseren Einrichtungen, Katalogen, Scheinen und dergleichen nicht bekannt sind, ist diese Massregel sehr nothwendig.

Es wird heutzutage noch immer in der Karubin gelehrt, obgleich von der einst so berühmten Schule nur noch ein schwacher Schatten übrig ist. Man legt den Koran aus, d.h. disputirt über äussere Kleinigkeiten, denn am eigentlichen Dogma darf nicht gerüttelt werden; wer nur im Geringsten zweifelte an irgend einem Glaubenssatze, würde gleich als Ketzer beschuldigt werden, würde des Abfalls vom Islam geziehen werden, und da in Marokko noch wie ehedem bei uns für dergleichen Zweifler die Todesstrafe blüht, so hütet sich wohl Jeder irgendwie an einem Worte des Buches, welches vom Himmel herabgekommen ist, zu rütteln. Dagegen hört man die gelehrtesten Erklärungen über Formen und Aeusserlichkeiten, z.B. ob Mohammed am Feste nach dem ersten Ramadhan ein _schwarzes_ oder _weisses_ Lamm geopfert habe, wie gross die Hölle sei, ob im Paradiese auch die und die Speise würde verabreicht werden, und dergleichen Albernheiten mehr. Es werden sodann die vier Species gelehrt, aber nur auf nothdürftige Art und Weise; ich bemerke hiebei, dass der Marokkaner, mit Ausnahme der Addition, bei dem Abziehen, Vervielfältigen und Theilen ganz andere Verfahren in Anwendung bringt, als wie wir sie in unseren Schulen zu erlernen pflegen. Auch geographischer Unterricht wird ertheilt, oder soll vielmehr gelehrt werden, denn in einem Lande, wo man von Erdbeschreibung so wenig Kenntniss hat, dass man die Vorstellung hegt, Portugal sei grösser als Frankreich, sieht es gewiss traurig mit der Kenntniss der Erde aus. So glauben denn auch die Marokkaner, dass ihr Land das grösste und ihr Volk das erste und mächtigste der Welt sei.

Auch Astronomie wird getrieben, aber nur in Verbindung mit Astrologie. Einige der gelehrten Marokkaner stehen auf dem Ptolemäischen Standpunkte, sie haben eine Idee von den grossen Planeten; dass die Erde sich um die Sonne dreht, darf übrigens nicht gelehrt werden, wenn man sich überhaupt zu einer solchen Vorstellung emporschwingen könnnte [könnte], es steht das im Widerspruch mit dem Koran. Es giebt sodann Geschichtslehre und im ganzen kann man dieser Lehrabtheilung noch den grössten Beifall zollen. Ich hörte interessante Vorlesungen derart mit an, welche die Geschichte der Araber im Bled Andalus (Spanien) zum Gegenstand hatten. Endlich ist eine Abtheilung für Djerumia, d.h. arabische Grammatik vorhanden, die aber auch aus dem Gewöhnlichen nicht herauskommt.