Mein erster Aufenthalt in Marokko und Reise südlich vom Atlas durch die Oasen Draa und Tafilet.

Part 7

Chapter 73,542 wordsPublic domain

Die Trompete erschallt, die Sonne wird verfinstert, die Sterne fallen zur Erde, es herrscht Chaos. Ein zweiter Trompetenstoss ertönt, und Alles auf Erden, was Leben hat, stirbt. Ein 40 Jahre anhaltender Regen soll zum neuen Keimen und Leben rufen, und dann werden die Engel Gabriel, Michael und Israful zuerst erweckt (an anderen Koranstellen lässt Mohammed sie nicht sterben, wie überhaupt die grössten Widersprüche herrschen). _Letzterer sammelt die Seelen in seiner Trompete_, und beim letzten Schall entfliegen sie derselben, um den Raum zwischen Erde und Himmel auszufüllen. Die Länge des jüngsten Gerichtstages wird im Koran verschieden, im 30. Capitel zu 1000, im 70. Capitel zu 50,000 Jahren angegeben.

Nachdem die Menschen von den Engeln Munkir und Gabriel gefragt sind, wiegt Gabriel in einer Waage, die so gross ist, dass sie Himmel und Erde zugleich enthalten kann, die Thaten der Menschen. Ueberwiegen die guten Thaten auch nur _Ein Haar_ die bösen, so ist der Eingang in das Paradies gesichert. Ein Mohammedaner, der einem andern Unrecht gethan hat, muss übrigens einen Theil seiner guten Thaten demselben abgeben, hat er gar keine, so übernimmt er dafür des Anderen Sünden. Obschon die Verdammung an vielen Stellen als eine _ewige_ geschildert wird, so glaubt man doch nach anderen Andeutungen, wenigstens für die Rechtgläubigen auf eine _zeitweise_ Strafe rechnen zu können, "nachdem die Haut 1000 Jahre lang zu Kohle verbrannt ist".

Bei der _Auferstehung_ sind die Frommen bekleidet mit Leinwand, die Gottlosen erstehen nackt, und jene, welche unrechtmässig Reichthümer erworben haben, werden als Schweine auferstehen; die, welche Zinsen nehmen, werden Kopf und Füsse verkehrt tragen. Um einer solchen Strafe zu entgehen, leiht man in Marokko nie auf Zinsen, aber man umgeht das unentgeltliche Darleihen dadurch, dass man z.B. 100 Metkal ausleiht, aber gleich zur Bedingung macht, nach so und zo [so] langer Zeit das _verdoppelte_ oder _verdreifachte_ Capital zurückzubekommen. Nur so konnte ich mir selbst später am Tsadsee vom Mohammedaner Mohammed Sfaxi 200 Maria-Theresia-Thaler verschaffen; es war Bedingung, 400 zurückzuerstatten; Zeit war hierbei nicht angegeben, aber man verlangte Zahlung auf Sicht in Tripolis, und da die Karavane gleich darauf abging nach dieser Stadt und etwa neun Monate Zeit gebrauchte, so konnte der Darleiher gewiss zufrieden sein.--Die ungerechten Richter, die Mörder, Diebe etc., Alle werden in eigenen Gestalten erscheinen, um ihre Strafe anzutreten. Das Gericht wird lange dauern und Gott wird in Person richten, Mohammed wird Fürbitter sein, Adam, Noah, Abraham und Jesus weisen das Amt der Fürbitte von sich. Auch die Engel, die Geister und die Thiere werden zur Rechenschaft gezogen.

Die Auferstandenen haben, um in den für sie bestimmten Aufenthalt zu kommen, die _Siratbrücke_ zu passiren, die so fein wie ein Haar und so schneidig wie ein Messer ist; die frommen Seelen kommen mit telegraphischer Geschwindigkeit hinüber, die Gottlosen stürzen in die Tiefe.

Ehe man ins Paradies gelangt, kommt man zu einer _Mauer_, welche Hölle und Paradies trennt. Diese Mauer wird zugleich als neutrales Gebiet betrachtet und dient als Aufenthalt für Solche, die gleichviel Gutes und Böses, oder überhaupt weder Böses noch Gutes gethan haben.

Das mohammedanische _Paradies_ mit den rieselnden Bächen von Milch und Honig, den schwarzäugigen Huris, deren Leib aus duftendem Bisam besteht, dem Weine, der nicht berauscht, und den 80,000 Sklaven, die jeder Rechtgläubige zur Verfügung hat, ist hinlänglich bekannt, und der Marokkaner schmückt sich nach seiner Art die Versprechungen, die ihm Mohammed im Koran davon gemacht hat, noch mehr aus. So wird er dort immer seine Haschischpfeife haben, und der Haschisch wird ihn nicht schlaftrunken machen; er wird nicht schwarzäugige Huris als Dienerinnen haben, sondern _blauäugige, blondlockige Engländerinnen_, welche nach der Meinung der Marokkaner diesen Vorzug verdienen. Das Paradies befindet sich über den sieben Himmeln, unmittelbar unter dem Throne Gottes; was aber räumlich _über_ Gott selbst ist, darüber nachzudenken ist dem Marokkaner nicht erlaubt.

Nach der Beschreibung der die Hölle vom Paradiese trennenden Mauer sollte man denken, dass dieses letztere sich auf gleichem Niveau befände mit der Hölle. Aber wie bei den übrigen semitischen Religionen und wie bei fast allen Völkern ist mit der _Hölle_ der Begriff des "Tiefen, Unterirdischen" verbunden. Deshalb sagt man auch, die Bösen _fallen_ von der Siratbrücke. Man stellt sich sodann die _Hölle mit sieben Stockwerken_ vor; im obersten wohnen jene Mohammedaner, die auf Fürbitte des Herrn Mohammed nach einigen tausend Jahren Eintritt ins Paradies bekommen können. Es ist sodann ein Aufenthalt für die Christen, für die Juden, für Sabäer, Magier, Ungläubige überhaupt vorhanden. In das unterste Stockwerk werden die Heuchler kommen, d.h. Solche, die äusserlich eine Religion, vornehmlich die mohammedanische, bekannten, aber innerlich nicht daran glaubten. Die Qualen der Hölle werden eben so erfinderisch beschrieben, wie bei den übrigen Völkern, so dass es eine wahre Lust ist, sich daneben den _allbarmherzigen_ Gott zu denken, wie er im Paradiese in seiner ewig _allgütigen_ und _allmitleidigen_ Natur auf diese _seine_ Geschöpfe hinabschaut, ohne dass es ihm einfällt in seinem unerforschlichen Rathschlusse, die von ihm verhängten und nach seiner Vorherbestimmung (nach der Lehre Mohammed's ist ja Alles vorherbestimmt) erfolgten Qualen zu lindern oder gar zu beendigen.

_Feuer_ spielt natürlich eine Hauptrolle in der Hölle; die Anzüge sind von Feuer, in den Eingeweiden brennt Feuer, Feuer verkohlt die Haut, Feuerschuhe bekleiden die Füsse; ebenso heisses Wasser (22. Cap.). "Es soll auf ihre Köpfe gegossen werden, wodurch sich ihre Eingeweide und ihre Haut auflösen." Genug von den Freuden des mohammedanischen Paradieses und den Leiden der mohammedanischen Hölle.

Unter dem Schutze des Grossscherifs von Uesan, der mir ein unwandelbarer Freund war, wagte ich einst, einem Thaleb, der mit glühenden Farben die Köstlichkeiten des Paradieses der Gläubigen mir ausmalte, zu erwiedern: "wenn aber Ihr Marokkaner Alle Anspruch macht, ins Paradies zu kommen, so will ich lieber nach dem Orte kommen, der den Christen angewiesen wird." Da mein Beschützer zu lachen anfing, lachten Alle pflichtschuldigst über die Abfertigung, die der Thaleb erhalten hatte, mit. Ich konnte mir damals in Uesan eine solche Aeusserung erlauben, weil ich nach den Worten Mohammed's als _übergetretener_ Christ den Vortritt vor den übrigen Moslemin hatte. Wenn Mohammed von Vortritt spricht, meint er darunter den in das Paradies.

Folgendes ist die unwandelbare Lehre, wie sie von Gott durch die Propheten den Menschen vermittelt worden ist; sind Juden und Christen später von diesem Islam abgewichen und haben die Bücher verfälscht, so war es die Hauptaufgabe Mohammed's, die reine Lehre wieder herzustellen. Mohammed lässt verschiedene Offenbarungen zu seit der Erschaffung der Welt, und unter den Propheten giebt es verschiedene Rangstufen. Zu den ersten gehören Adam, Noah, Abraham, Moses und Jesus. Es kommen sodann Patriarchen und Propheten, welche vollkommen heilig und sündlos auf Erden lebten. Nach der Meinung der Marokkaner giebt es 104 heilige Schriften[37], von denen auf Adam 10, auf Seth 50, auf Edris oder Enoch 30, auf Abraham 10, auf Moses 1, auf David 1, auf Jesus 1 und auf Mohammed 1 kommen. Bis auf die vier letzten sind alle anderen verloren gegangen, und bis auf das letzte, den Koran, die drei noch übrig gebliebenen gefälscht. Damit der Koran nicht gefälscht werde, darf er nur _geschrieben_ und in arabischer Sprache verbreitet werden. Ein gedruckter Koran ist daher in Marokko schlecht angesehen; gleichwohl machte ich dem Grossscherif einen solchen sowie ein Altes und Neues Testament in arabischer Sprache zum Geschenk, und er nahm sie gern an. Aus demselbsn [demselben] Grunde, d.h. um den Koran verstehen zu können, müssen aller _nichtarabischen_ Völker Schriftgelehrte Arabisch lernen. Ein Versuch, den die Marokkaner selbst machten, den Koran ins _Berberische_ zu übersetzen, da die überwiegende Mehrzahl der Marokkaner Berber sind, scheiterte vollkommen an dem Fanatismus der arabischen Tholba; die schon übersetzten Exemplare wurden verbrannt.

[Fußnote 37: Siehe Jackson, Account of Marocco, p. 197.]

Unter den Propheten erkennt Mohammed Jesu den ersten Platz zu; er glaubt, dass Jesus der Sohn Mariä sei und dass diese auf wunderbare Weise empfangen habe. Er glaubt weiter, dass die Juden Jesum nicht kreuzigten, sondern eine andere Person unterschoben. Die Auferstehung und die Höllenfahrt werden also vollkommen von den Mohammedanern geleugnet. Indess glauben sie, dass Jesus lebendig gen Himmel empor gestiegen sei; und ebenfalls wird er, wie schon erwähnt, zum jüngsten Gericht zurück erwartet.--

Ein Haupterforderniss ist das _Gebet_; aber kein Gebet ist gültig, wenn nicht vorher eine Abwaschung des Körpers, d.h. eine bestimmte Ceremonie, vorgenommen worden ist. Man unterscheidet in Marokko wie überhaupt bei den Mohammedanern die _grosse Abwaschung_, el odho el kebir[38]; die _kleine_, el odho el sserhir; _die Abwaschung mit Sand_, el timum, und das blosse _Fingiren des Waschens_, el chofin. Diese Abwaschung wird in verschiedener Weise bei den vier rechtgläubigen Riten vorgenommen, aber nach einer der vorgeschriebenen Normen _muss_ die Ablution verrichtet werden. Würde man z.B. zuerst das _linke_ Auge auswaschen, wenn es erforderlich ist, dass vorher das rechte gewaschen werden soll, dann ist die ganze Ablution _batal_, d.h. umsonst, und es kann nicht gebetet werden. Würde man z.B. um den Mund auszuspülen, dies mit der linken statt mit der vorgeschriebenen rechten Hand thun, so _taugt die ganze Ablution_ nichts. Jeder Körpertheil kommt nach _vorgeschriebener_ Ordnung an die Reihe, und je nachdem wird die _rechte_ oder _linke_ Hand zum Abwaschen benutzt. Die grosse Abwaschung unterscheidet sich von der kleinen dadurch, dass man bei jener den _ganzen_ Körper einer Reinigung unterzieht, bei dieser indess nur die Theile des Körpers abwäscht, welche man, ohne sich der Kleidungsstücke zu entledigen, einer Wäsche unterziehen kann. Bei der Waschung mit Sand reibt man sich natürlich nicht buchstäblich mit Sand ab, sondern legt die Hände auf den reinen Erdboden und _fingirt_ die Waschung. Auch hier muss streng die _Reihenfolge_ der abzuwaschenden Theile inne gehalten werden. Bei _unreinem_ Boden und wenn kein Wasser vorhanden ist, berührt man irgend einen Gegenstand, eine Wand, einen Stein, und fingirt dann die Ablution; es ist dies was man _el chofin_ nennt. Malek, der überhaupt duldsamer als die übrigen drei mohammedanischen Gelehrten ist, erlaubt auch das _timum_ und _el chofin_ da, wo _Wasser_ vorhanden ist; deshalb findet man in den meisten marokkanischen Moscheen, namentlich in allen Djemen der Oasen, _Steine_, welche umfasst werden, nach welcher Umfassung sodann die Ablution vor sich geht.

[Fußnote 38: Höst S. 204 sagt: Die grosse Abwaschung heisst Ergasel. Es ist dies ein Irrthum; Ergasel bedeutet jede beliebige Abwaschung, aber keine _religiöse_; wenigstens habe ich in Marokko dies Wort nie in diesem Sinne gebrauchen hören, obschon ich selbst täglich die Ceremonien mitzumachen hatte.]

Das Gebet der Marokkaner ist keineswegs ein solches nach dem Sinne solcher Christen, welche darunter vorzugsweise einen freien Herzenserguss, einen selbständigen Gedankenausfluss, eine aus eigenem Herzen entspringende Bitte an Gott sehen, sondern vielmehr ein bestimmt auswendig Gelerntes, und eine mit _bestimmt_ vorgeschriebenen Ceremonien verknüpfte Handlung. Es kann daher bei den Marokkanern nach christlicher Auffassung von keinem eigentlichen Gebet die Rede sein, sondern nur von Gebets_übungen_, von Gebetsceremonien; und so muss man es wohl für alle Mohammedaner auffassen, indem die dabei vorkommenden Ceremonien und Verbeugungen für Alle _bestimmt vorgeschrieben_ sind. Fehlt eine dieser Ceremonien, würde man z.B. sich statt nach Mekka nach einer andern Richtung wenden, oder würde man es unterlassen; sich nach der und der Stelle zu Boden zu werfen, so ist das Gebet ungültig; es steigt dann nicht zu Gott auf.

Man unterscheidet das _Morgengebet, essebah_, das _Mittagsgebet, eldhohor_, das _Nachmittagsgebet, elassar_, das _Abendgebet, el maghreb_, und das _Nachtgebet, elascha_. Die so häufige Wiederholung der Gebetsübungen ist im Anfange des Islam auf zähen Widerstand gestossen, später gewöhnte man sich daran, so wie sich der Soldat an Disciplin gewöhnt. Und dadurch, dass Mohammed überall das Beten erlaubt, und das Gebet auf der Strasse oder im freien Felde für ebenso verdienstvoll gilt, als das in der Moschee, und vom Gebet im "stillen Kämmerlein" im Koran nirgends die Rede ist, dadurch hat sich nach und nach ein Pharisäismus in die mohammedanische Religion eingeschlichen, der anderen Leuten ganz ungeheuerlich vorkommen muss. Namentlich in Marokko hat sich _unter dem Systeme der Unfehlbarkeit des Sultans_ eine entsetzliche Scheinheiligkeit und Heuchelei aller Classen bemächtigt. Der gewöhnlichste Marokkaner versteht es, sich beim Beten derart den Schein der Andacht, der Heiligkeit zu geben, er weiss seiner Stimme derart einen näselnden Ton, einen feierlichen Klang beizulegen, er wendet derart seine Augen gen Himmel und scheint überhaupt so sehr seinen ganzen Körper dem nichtigen, irdischen Dasein zu entrücken, dass man glauben sollte, er zerflösse vor Heiligkeit. Und doch ist er nichts weniger als fromm; die Worte, die er an Allah richtet, versteht er kaum, falls er nicht sehr gebildet ist. Das koranische Arabisch unterscheidet sich vom Neuarabischen und namentlich vom Magrhebinischen eben so sehr, wie das Lateinische von den neueren romanischen Sprachen. Man hält in Marokko darauf, beim Beten _gesehen_ zu werden, man hält in Marokko auch darauf, recht _laut die vorgeschriebenen_ Worte auszusprechen, damit man ja, falls man übersehen wird, gehört werde. Da es nicht nöthig ist, genau die Zeit des Gebetes inne zu halten, die Gebete aber nachgeholt werden müssen, so trifft man allerorts, auf allen Plätzen, auf allen Strassen, in allen Moscheen Leute, die ihre Gebetsübungen verrichten. Besucht man einen Marokkaner, so kann man sicher sein, dass unter hundert neunundneunzig den Gast einen Augenblick zu warten bitten, "damit ein nachzuholendes Gebet erst verrichtet werde." Man will damit documentiren, dass man fromm sei! Recht eifrige Leute, namentlich Brüder einer religiösen Innung, pflegen ausser den vorgeschriebenen Gebetsceremonien noch andere zu bestimmten Tageszeiten abzuhalten, z. B. vor dem Morgengebet das Morgenrothgebet _Fedjer_; um die Zeit des _Dhaha_, d.h. zwischen dem Morgen- und Mittagsgebete, das Dhahagebet; das _eschefah-_ und _uter-_Gebet nach dem _el ascha_ etc.

In den Städten wird von den Thürmen der Moschee die Gebetsstunde durch Aufziehen einer weissen am Freitage zum Chotbagebet einer _dunkelblauen_ Fahne angekündigt, ausserdem ruft der _Muden_ von den Thürmen zum Gebet auf. Auch dieser Aufruf ist bestimmt vorgeschrieben und beginnt nach Osten, um durch Süden, Westen und Norden wieder gen Osten beendigt zu werden. Die Worte lauten: "Gott ist der Grösste, Gott ist der Grösste, ich bezeuge, es giebt nur Einen Gott, ich bezeuge, es giebt nur Einen Gott, Mohammed ist sein Gesandter, Mohammed ist sein Gesandter[39]; kommt zum Gebet, kommt zum Gebet, kommt in den Tempel, kommt in den Tempel, Gott ist der Grösste, Gott ist der Grösste, es giebt nur Einen Gott!"

[Fußnote 39: Vor dem Morgengebet werden die Worte "das Gebet ist besser als der Schlaf" eingeschaltet.]

_Das Gebet selbst_ zerfällt in Anrufung, verschiedene Rikats und Gruss[40] und wird folgendermassen bei den Malekiten abgehalten:

[Fußnote 40: Siehe Ali Bey el Abassi, Voyage en Afrique etc. I, p. 153.]

_Die Anrufung_: Körper gerade und beide Hände erhoben bis zur Höhe der Ohren, "Gott ist der Grösste!"

Erstes Rikat und erste Position: Aufrecht, die Hände fallen herab, und man sagt das erste Capitel des Koran her. "Lob und Preis dem Weltenherrn, dem Allerbarmer, der da herrschet am Tage des Gerichts. Dir wollen wir dienen, und zu Dir wollen wir flehen, auf dass Du uns führest den rechten Weg, den Weg derer, die Deiner Gnade sich freuen, und nicht den Weg derer, über welche Du zürnest, und nicht den der Irrenden."--Es folgt jetzt ein Koranvers, z.B. "Gott ist der einzige und ewige Gott. Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt, und kein Wesen ist ihm gleich."

Zweite Position: Man verbeugt sich, die Hände auf die Knie stützend, und ruft: "Gott ist der Grösste!" Dritte Position, sich wieder aufrichtend: "Gott hört, wenn man ihn lobt." Vierte Position, niederknieend berührt man mit beiden Händen, mit der Stirn und Nasenspitze die Erde und ruft: "Gott ist der Grösste!" Fünfte Position: Man setzt sich auf die zurückliegenden Waden, legt die Hände auf die Schenkel und ruft: "Gott ist der Grösste!" Sechste Position: Man berührt abermals mit Händen, Stirn und Nasenspitze den Boden und ruft: "Gott ist der Grösste!" Siebente Position: Man richtet sich auf und ruft stehend! "Gott ist der Grösste!"

_Zweites Rikat_: Die ersten sechs Stellungen werden wiederholt, nach der sechsten bleibt man sitzen und spricht: "Die Nachtwachen sind für Gott, wie auch die Gebete und Almosen; Gruss und Friede sei Dir, o Prophet Gottes; Gottes Mitleid und Segen ruhe auf Dir. Heil und Friede komme auf uns und alle Diener Gottes, die gerecht und tugendhaft sind. Ich bezeuge, es giebt nur Einen Gott, ich bezeuge, dass Mohammed sein Diener und Gesandter ist!" Hat das Gebet nur zwei Rikats, so fügt man noch hinzu, indem man in derselben Stellung bleibt und dabei immer den rechten Zeigefinger kreisförmig bewegt: "Und ich bezeuge, Er war es, der Mohammed zu Sich rief, und ich bezeuge die Existenz des Paradieses, die der Hölle, die des Sirat (Brücke), die der Wage und die des ewigen Glückes, welches denen gewährt werden soll, welche nicht zweifeln und die wahrhaftig Gott aus dem Grabe erwecken wird. O, mein Gott, giesse Deinen Segen auf Mohammed und Mohammed's Nachkommen aus, wie Du Deinen Segen auf Abraham ausgegossen hast; segne Mohammed und die von Mohammed Stammenden, wie Du Abraham und die von Abraham Stammenden gesegnet hast. Die Gnade, das Lob und die Erhebung zum Kuhme sind in Dir und bei Dir."

_Der Gruss und Schluss_: Man bleibt sitzen, wendet das Gesicht erst links, dann rechts, erhebt etwas die Finger beider auf den Schenkeln ruhenden Hände und ruft: "Friede sei mit Euch!"

Fedjer und Esebah haben zwei, Dhohor und l'Asser vier, Magrheb drei, l'Ascha vier, l'Eschefa und l'Uter drei Rikats. Recht fromme Leute, namentlich solche, die sich gern beten sehen und hören lassen, die sich den Ruf eines "Heiligen" erwerben wollen, machen ausserdem fünf, sechs und noch mehr Rikats.

Der Freitagsgottesdienst, das Chotbagebet, wird in der Regel eine Stunde nach Mittag verrichtet. Nach vorhergegangener Ablution geht Jeder in die Moschee und betet für sich ein aus zwei Rikats bestehendes Gebet und setzt sich. Es dauert nicht lange, so erscheint ein Fakih, besteigt den Mimbr, ein Gerüst, ähnlich einer Treppe, und beginnt mit näselnder Stimme eine Art Predigt _abzulesen_. In seiner Rechten hat er einen langen Stock, aber auch nur in diesem Augenblicke des Treppenbesteigens, denn sobald er dieselbe verlässt, wird der der Moschee zugehörende übrigens werthlose Stock in eine Ecke gestellt. Die Fakihs und Tholba (Schriftgelehrten) der Marokkaner unterscheiden sich keineswegs in der Kleidung von ihren übrigen Glaubensgenossen. Da überhaupt Jeder, der lesen und schreiben kann, _Thaleb_, Jeder, der den Koran lesen und interpretiren kann, _Fakih_, d.h. _Doctor_ ist, so halten die Tholba und Fakih, die sich speciell mit der Bedienung der Moscheen befassen, es nicht für nothwendig, sich durch besondere, z.B. _schwarze Tracht_ auszuzeichnen; sie würden es auch nicht wagen, da in Marokko sich Jeder wenigstens eben so fromm und von Gott geliebt glaubt, als sein Nächster, _innerlich_ sogar Jeder sich wohl für am frömmsten hält. Es mag anderen unbefangenen Menschen dies unglaublich vorkommen, aber die fanatische Dummheit in Marokko ist so gross, dass man der festen Ueberzeugung lebt, jedwede Sünde begehen zu können, wenn man nur mit dem Munde bereut und mit dem Munde durch Gebete seine Reue kund thut.

Wirkliche Gebete, d. h. improvisirte, selbstgemachte, von Herzen kommende Anreden an Gott, meistens Wünsche und Bitten enthaltend, giebt es auch. Erfleht der Marokkaner etwas, so hält er beide Hände zumal offen gen Himmel, als ob er etwas empfangen wollte; auf dieselbe Art wird auch der Segen erfleht. Selbst ein Scherif, d. h. ein Abkömmling Mohammed's, erflehet den Segen für sich oder für die Menge derart, d. h. die Hand offen haltend. Der Mohammedaner würde es als grosse Sünde ansehen, wenn ein Mensch sich vermässe, die Hand umzudrehen, um den Segen zu ertheilen, wie es bei den Christen Sitte ist.

Aber "das Gebet führt nur halbwegs zu Gott, die Fasten fuhren uns vor die Thore seines Palastes und das Almosen verschafft uns Einlass."

Es giebt verschiedene den Mohammedanern vorgeschriebene _Fasttage_, in Marokko werden sie indess nur von aussergewöhnlich fromm sein wollenden Leuten gehalten, jeder aber ist verpflichtet, den ganzen Monat Ramadhan zu fasten: _Bruch wird mit dem Tode bestraft_. Sobald der Neumond von zwei des Lesens und Schreibens kundigen Leuten in einem Orte gesehen worden, ist für _den_ Ort der Ramadhan angegangen. Da nun manchmal der Himmel an einigen Stellen bewölkt ist, so treten dort die Fasten einen Tag später ein; da die Marokkaner wie überhaupt die Mohammedaner, _was das Religiöse anbetrifft_, nach Mondsmonaten rechnen, so muss, falls _immer_ der Himmel bewölkt bliebe, nach Ablauf von 30 Tagen des vorhergehenden Monats der 31. der erste Tag des Rhamadhan sein.

Von Morgens bis Abends, d.h. sobald man in der Morgen- oder Abenddämmerung einen weissen von einem blauen Faden unterscheiden kann, ist sodann jeder materielle Genuss untersagt. Nicht nur dass man nicht essen, trinken, rauchen oder schnupfen darf, muss auch in dieser Zeit der Umgang mit Frauen, überhaupt jeder Sinnengenuss gemieden werden. Ja in Marokko geht man so weit, das Riechen an eine Blume, das Ergötzen des Auges an einer schönen Landschaft und das Anhören von Musik für Sünde zu erklären. In diesem Monat erhielt Mohammed den Koran vom Himmel, und zwar am 27. des Monats. Diese Nacht wird daher besonders gefeiert. Es giebt Einzelne, die sich derart kasteien, dass sie Tag und Nacht in der Djemma bleiben, sich Nachts nur etwas Brot und Wasser bringen lassen. Solche Heilige nennt man Elatkaf. Man kann sich denken, dass namentlich in der ersten Zeit des Ramadhan, wo der Magen sich noch nicht an eine solche Ordnung gewöhnt hat, diese ganze Lebensweise Einfluss auf das Gemüth des Menschen hat. Streitigkeiten, Processe, Prügeleien und Ehescheidungen sind immer am häufigsten in der ersten Hälfte des Ramadhan.

Der Reiche entbehrt übrigens gar nichts, er führt nur eine umgekehrte Lebensweise; denn Nachts entschädigt er sich durch Essen und Trinken reichlich. Nachts sind überhaupt alle Genüsse erlaubt, indess pflegen manche Schnapstrinker während des Ramadhan sich geistiger Getränke zu enthalten; Opiumesser, Haschisch- und Tabacksraucher können, übrigens ohne dass man Anstoss daran nimmt, ihren Leidenschaften fröhnen. Nachts dürfen auch Hochzeiten im Ramadhan gefeiert werden, obschon auch dies selten vorkommt. Die Moscheen sind um die Zeit hell erleuchtet, die Buden und Gewölbe in den Strassen ebenfalls, die Kaffeehäuser stark besucht; überall hört man ausgelassenen Lärm, und besonders in der Nacht des 27. Ramadhan.