Mein erster Aufenthalt in Marokko und Reise südlich vom Atlas durch die Oasen Draa und Tafilet.

Part 6

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Auch die schwarze Race ist in Marokko vertreten und zwar sind es vorzugsweise Haussa-, Sonrhai- und Bambara-Neger, die man antrifft. Sie haben dazu beigetragen, das arabische Element kräftig zu durchsetzen, obschon auf dem Lande die Mischung mit den Schwarzen seltener ist als in den Städten. Es ist weniger im arabischen _Volke_ Sitte eine Negerin zu nehmen, als bei den _Grossen_. Die ganze Familie des Sultans, alle ersten Familien der Schürfa haben heute eben so viel Negerblut in ihren Adern als rein arabisches. Die Berber mischen sich nie mit den Schwarzen, sie würden glauben sich dadurch zu degradiren. Als Sklaven werden die Schwarzen in Marokko gut behandelt und fast immer nach kürzerer oder längerer Zeit in Freiheit gesetzt. Die Zahl der Schwarzen in Marokko, welche stets durch neue Zufuhren aus Centralafrika erneuert wird, dürfte sich auf circa 50,000 beziffern.

Die in Marokko sich aufhaltenden Renegaten verdienen kaum einer Erwähnung. Es ist meist der Abschaum der menschlichen Gesellschaft, Galeerensträflinge, die aus den spanischen Praesidos von Ceuta, Melilla, Alhucanas und Peñon de la Gomera entflohen sind. Und die Aussicht auf Begnadigung ist ihnen dadurch, dass sie die mohammedanische Religion angenommen haben, vollkommen abgeschnitten, sie würde auch nutzlos für sie sein, da sie im Falle einer Begnadigung, _dem Rächerarm der allliebenden katholischen Kirche anheimfallen würden_. Die katholische alleinseligmachende Religion in Spanien und die mohammedanische alleinseligmachende Religion in Marokko stehen sich noch ebenso feindlich gegen einander, wie zur Zeit Ferdinand des Katholischen.

Es mögen einige Hundert Renegaten in Marokko sein, fast alle Spanier, mit Ausnahme von drei oder vier Franzosen; alle sind verheirathet, die meisten sind Soldaten und alle leben in einer sehr verachteten Stellung. Selbst die Kinder und Nachkommen solcher Oeludj[31] haben noch zu leiden von der tiefverachteten Stellung, die ihre Eltern einnahmen.

[Fußnote 31: Oeludj pl. von Oeldj heisst man in Marokko den ehemaligen christlichen Sklaven und ebenso auch die Renegaten.]

Europäer, oder wie die Marokkaner sie nennen: Christen, trifft man nur in den Häfen. Im Ganzen beträgt ihre Zahl jetzt wohl 2000; sie zeigt also eine grosse Zunahme gegen früher. Tanger und Mogador haben das grösste Contingent aufzuweisen. In den übrigen Küstenstädten, wie Tetuan, L'Araisch, Rbat, Darbeida, Dar-Djedida und Saffi findet man nur einzelne Familien. Die Häfen von Sla, Asamor und Agadir haben _keine europäische Bevölkerung_.

Ueber Zu- oder Abnahme der Bevölkerung in Marokko liegen natürlich keine Angaben vor. Was die Städte anbetrifft, so hat in der neuesten Zeit Fes durch Cholera bedeutend an der Einwohnerzahl verloren. Dass die Stadt Marokko ehedem viel bedeutender bevölkert war als jetzt, dass ein Gleiches in Mikenes, Luxor (Alcassar) und Tarudant der Fall gewesen ist, habe ich selbst beobachten können. Die grossen Gärten innerhalb der Stadtmauern, die vielen leerstehenden Häuser, meistens schon Ruinen, endlich die grosse Anzahl unbenutzter Moscheen, zu gross für die jetzige Population, deuten darauf hin, dass die Bevölkerung dieser Städte bedeutend abgenommen hat. Zunahme sehen wir nur in den Hafenstädten, namentlich in denen, welche hauptsächlich den Handel mit dem Auslande vermitteln; aber auch hier ist die Zunahme mehr unter der fremden, europäischen Bevölkerung zu bemerken, als unter den Eingeborenen. Viele Hafenstädte, welche ehemals bewohnt waren, sind in der Neuzeit sogar gänzlich entvölkert und verlassen worden.

Ebenso kann auf dem Lande von einer merklichen Zunahme der Einwohner nicht die Rede sein; es kann sein, dass einzelne Triben sich vermehren, durch locale Einflüsse begünstigt, während aber andere dafür sich vermindern oder ganz aussterben. Constante Zunahme der Bevölkerung und fast möchte ich sagen Uebervölkerung findet man nur in den Sahara-Oasen, namentlich im Draa und Tafilet. Es scheint, dass diese gesegneten Inseln, wie sie Treibhäuser für Pflanzen sind, auch ebenso günstig auf die Menschen einwirken. Dazu kommt, dass in den grossen Oasen eine verhältnissmässig grosse Sicherheit des Lebens und Eigenthums ist, dass Kriege und Raubzüge dort seltener sind, und Beraubungen und Vexationen durch die marokkanische Regierung dort nicht vorkommen.

Hauptgründe aber der Abnahme der Bevölkerung Marokko's (höchstens kann man sagen, dass diese bleibt wie sie ist) sind vor allem mangelhafte Nahrung. Die Faulheit und Sorglosigkeit der Bewohner ist derart; dass trotz des reichen und jungfräulichen Bodens oft Missernten erzielt werden. Nicht zur rechten Zeit eingetretener Regen, Hagelwetter oder Heuschrecken führen häufig Hungersnoth herbei. Vorräthe anlegen kennt der Marokkaner nicht. Aber selbst bei reichlichen Ernten, in Jahren, wo Marokko Getreide ausführen kann, ist die Nahrung wegen der Einförmigkeit keine die Gesundheit fördernde. Wie schon angeführt worden ist, kommt beim Landbewohner das ganze Jahr keine Fleischkost vor. Unmässigkeit, wenn Nahrung reichlich vorhanden ist, hat dann Krankheit im Gefolge. Das weibliche Geschlecht entkräftet sich durch zu langes Säugen der Kinder. Fortwährende Kriege und Raubzüge fordern Opfer unter den kräftigsten Männern. Die willkürliche Regierung, die dem Volke den letzten Blutstropfen aussaugende mohammedanische _Geistlichkeit_, endlich die grassirenden Krankheiten, alles dieses sind Ursachen, welche auf die Entwickelung des marokkanischen Volkes hemmend und hindernd einwirken.

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4. Die Religion

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Will man die Religion eines Volkes richtig beurtheilen und richtig erfassen, so muss man sich ausserhalb einer jeden Religion stellen; ein Christ wird über jede andere Religion immer, fasst er dieselbe von seinem _christlichen_ Standpunkte auf, ein falsches Urtheil voller Vorurtheile abgeben; eben so wenig genügt es, die Religion, über welche ein Urtheil abgegeben werden soll, zur eigenen zu machen (obschon, um in das Wesen derselben einzudringen, dies vollkommen nothwendig ist), sondern muss nachdem das geschehen, wieder heraustreten, um für die Kritik ohne Fessel dazustehen.

In allen Ländern ist die Religion der Grund des moralischen Volkszustandes, und derjenige, welcher Länder durchforscht und in das Leben des Volkes der Länder eindringen will, muss daher vor allem sich angelegen sein lassen, die Religion des Landes einer eingehenden Betrachtung zu unterwerfen.

Von den drei für semitische Völker gemachten Religionen hat keine so gewirkt, das freie Denken, die _bewusste_ Vernunft einzuschränken, wie der Islam. Und rechnen wir die Inquisitionszeiten, die Verbrennungen der Hexenprocesse ab, hat keine der semitischen Religionen so viele Menschenopfer gekostet, als die mohammedanische. Auch ihr ist ureigen, unter der Firma der Nächstenliebe, unter der Maske religiöser Heuchelei jede Freiheit des Gedankens als Sünde hinzustellen; ihr ist ureigen, nur die _eigene Anschauung_ des Propheten oder Macher der Religion als allein wahr hinzustellen und den _Glauben_ zum unumstösslichen _Gesetz_ erhoben zu haben.

Der Grund der mohammedanischen Religion liegt in dem Satze: "Es giebt nur Einen Gott und Mohammed ist sein Gesandter." Wir sehen hier ausdrücklich, dass, wie in den anderen beiden semitischen Religionen, die Einheit Gottes vor allen Dingen betont wird, aber ohne den Glauben, dass Mohammed "Gesandter"[32] Gottes ist, gilt die ganze Lehre nichts.

[Fußnote 32: Gesandter ist wohl zu unterscheiden von Prophet, deren die Mohammedaner viele anerkennen, ein Prophet aber wie Moses oder Jesus bekommt nie den Beinamen "Gesandter".]

Mohammed, von einem als Beduinen gekleideten Engel gefragt: "worin besteht das Wesen des Islam?"--antwortete: "zu bezeugen, es giebt nur einen Gott und ich bin sein Gesandter; die Stunden des Gebets innehalten, Almosen geben, den Monat Ramadhan beobachten, und wenn man es kann, nach Mekka pilgern."--"Das ist es," erwiederte der Engel Gabriel, indem er sich zu erkennen gab.

Mit der christlichen Religion hat die mohammedanische das gemein, dass sie die _unbedingteste_ Herrschaft über alle Menschen anstrebt, wenn aber jene Herrschaft der christlichen Kirche erst im Mittelalter verloren ging durch die Reformation oder Revolution eines Luther[33], so sehen wir in der mohammedanischen Kirche schon 755 ein Schisma. Es bildet sich nach der Verlegung des Kalifats von Damaskus nach Bagdad ein eigenes vollkommen unabhängiges _westliches_ Kalifat, welches im Anfange in Cordova seinen Sitz hatte. Ausser den vielen anderen Religionssecten und Parteien, welche dann den Islam spalteten, wir erwähnen nur der Kharegisten, der Kadarienser, der Asarakiten, der Safriensen, sind in der _rechtgläubigen_ mohammedanischen Welt heute diese beiden Kalifate noch zu erkennen.

[Fußnote 33: Die krankhafte Anstrengung des Papstthums, diese Herrschaft bei den Katholiken jetzt wieder herzustellen, darf, wenigstens was die germanischen Völker anbetrifft, als verfehlt und zu spät angesehen werden.]

Der Sultan der Türkei erkennt sich als den rechtmässigen Nachfolger des Kalifats von Bagdad und Damaskus, und da dies Kalifat überhaupt nie als gleichberechtigt bestehend das westliche Kalifat von Spanien und den Maghreb anerkannt hat, so glaubt er der Alleinherrscher aller Mohammedaner zu sein. Es versteht sich von selbst, dass eben so wenig wie Protestanten, Griechen und andere christliche Bekenner von Rom für _rechtmässige_ Christen gehalten werden, auch die übrigen Bekenner des Islam, die Schiiten, Aliden, Choms, für rechtgläubige Mohammedaner angesehen werden.

Der Sultan von Marokko als Nachfolger des Kalifats von Cordova erkennt aber keineswegs die Oberherrschaft des Sultans der Türkei an, und eben so wie die Kalifen von Spanien ihre Unabhängigkeit von den Abassiden aufrecht zu erhalten wussten, hat _nie_ irgend ein marokkanischer Herrscher des Sultans der Türkei Oberherrlichkeit anerkannt. Im Gegentheil, die jetzige Dynastie der Kaiser von Marokko, die sogenannte _zweite_ Dynastie der Schürfa, proclamirt laut und feierlich, dass sie die allein rechtmässigen Herrscher _aller_ Gläubigen seien, eben weil sie Abkömmlinge Mohammeds sind. Der Sultan von Marokko betrachtet den Sultan von Constantinopel als einen Usurpator, der nicht einmal arabisches Blut, geschweige das "unseres gnädigen Herrn Mohammed" in seinen Adern habe.

Der echte Marokkaner, wenn er auch das arabische Volk als das bevorzugte, das von Gott auserwählte und besonders beschützte betrachtet, erkennt keineswegs _Nationen_ an. Für ihn giebt es nur Mohammedaner, oder wie er selbst in römischer Ueberhebung sagt, "Rechtgläubige Moslemin", Juden, Christen und Ungläubige. Zu den letzteren rechnet er alle solche, die kein "Buch", d. h. die keine göttliche Offenbarung bekommen haben.

Da nun aber von solchen, die ein "Buch" haben, im Koran nur die Juden und Christen erwähnt sind, so werden die Wedas der Inder, die Kings (Bücher des Confucius) der Chinesen und andere als nicht vorhanden betrachtet, und in Marokko gar hat man die Vorstellung, dass die durch "Tausend und eine Nacht" bekannten Länder Hind (Indien) und Sind (China) ausschliesslich den Islam bekennen.

Von den vier rechtmässigen und gleichberechtigten Bekennern des Islam, den Hanbaliten, Schaffëiten, Hanefiten und Malekiten, huldigen die Marokkaner wie in Afrika _alle_ Mohammedaner mit Ausnahme der Aegypter, dem malekitischen Systeme. Für diejenigen, welche weniger mit dem Mohammedanismus bekannt sind, führe ich hier an, dass man schon gleich nach dem Tode des Propheten einzusehen angefangen hatte, dass der Koran unmöglich allein allen religiösen Anforderungen, allen Rechtsfragen entsprechen konnte. Im Anfange der mohammedanischen Religion begnügte man sich damit, zweifelhafte Fälle durch Mohammed selbst oder seine Jünger entscheiden zu lassen. Nach des Propheten Tode, nach dem seiner Jünger, sammelte man dann die mündlichen Ueberlieferungen; es ist das die Sunnah, welche im ersten Jahrhundert nach der Hedjra entstand.

Da nun aber noch keineswegs Koran und Sunnah ein regelmässiges System boten, so fühlte man die Notwendigkeit, für Theologie und Jurisprudenz einen solchen festen Anhalt zu bilden, und vier Schriftgelehrte unternahmen diese Arbeit. Jeder lieferte eine Abhandlung über die religiösen Ceremonien, über die Grundsätze, wonach der Moslim sein häusliches Leben einzurichten hat, und sie sonderten die Scheria, d. h. das von Gott selbst gegebene unabänderliche Gesetz, von dem, welches nach dem Willen und Gutdünken der Menschen abgeändert werden kann. Die Abhandlungen dieser vier Schriftgelehrten, obschon sie in vielen äusserlichen Sachen von einander abwichen, wurden alle als orthodox anerkannt und sie bekamen den Namen nach ihren Urhebern.

Der _Malekitische Ritus_ nun (Malek ben Anas wurde 712 in Medina geboren, woselbst er 795 starb) verdrängte im Westen von Afrika gegen das Ende des achten Jahrhunderts den Hanefitischen Ritus, und dieser hat sich dort bis auf unsere Zeit erhalten. Neben Malek und hauptsächlich als bester Erklärer der Malekitischen Schriften gilt das Werk von Chalil ben Ischak ben Jacob, der 1422 starb, und aus einer Menge anderer Schriften über Malekitischen Ritus seine Werke zusammengesetzt hat. Sehr hoch gehalten werden in Marokko auch die Schriften des Buchari, der 200 Jahre nach Mohammeds Tode schon die Ueberlieferungen sichtete und von 7275 für wahr gehaltenen und 2000 zweifelhaften mehr als über 2000 falsche ausstiess.

Der Unterschied der Malekiten von den übrigen drei rechtgläubigen Parteien beruht nur auf Aeusserlichkeiten, so namentlich in der Verrichtung bei den Ablutionen, in den Bewegungen beim Gebet, endlich hat Malek vor seinen gelehrten Collegen den Vorzug, dass er denen, die seine Religionsregeln befolgen, entschiedene Erleichterungen gewährt.

Das Sultanat von Marokko als solches wurde gegründet nach dem Untergange des Königreichs von Granada am 2. Januar 1492, als Ferdinand auf der Alhambra die Fahne von Castilien und des heiligen Jacob aufziehen konnte. Das westliche Kalifat war nun begraben, aber als Erben desselben betrachteten sich von dem Augenblicke an die Sultane von Marokko. Wenn dann noch später bis zur eigentlichen Vertreibung der Mohammedaner aus Spanien ein inniger Zusammenhang mit den afrikanischen Glaubensgenossen blieb, so hatte doch jeder politische Zusammenhang, wie früher schon oft, seit 1492 gänzlich zu existiren aufgehört. Marokko selbst hatte auch freilich nicht die Grenzen, welche es jezt [jetzt] inne hat, seine Ausdehnung wechselte je nach der Macht der regierenden Sultane. Einzelne dehnten ihre Oberhoheit durch die Sahara bis Timbuctu und Senegambien hin aus, und Mascara und Tlemçen haben häufig genug die Oberherrlichkeit derselben anerkannt. Oftmals aber regierten drei Könige oder Sultane neben einander, daher die Namen Königreich Fes, Tafilet, Marokko. Nie aber, wir betonen es, namentlich weil _jetzt_ die Pforte auch die Souveränetät über Marokko beanspruchen zu wollen scheint, ist im eigentlichen Marokko, d. h. westlich von der Muluya, irgend wie oder irgend wo ein türkischer Pascha als Regent seines Herrn, des Sultans der Türken, gesehen worden.

Im Allgemeinen sind die Begriffe des Volkes von der mohammedanischen Religion äusserst oberflächlich und verworren. Der gemeine Mann giebt sich auch gar keine Mühe, in das Wesen des Islam einzudringen, und was die Faki und die Tholba, d. h. die Doctoren und Schrifgelehrten [Schriftgelehrten], anbetrifft, so sind diese in Marokko auf einer bedeutend tiefer stehenden Stufe der Gelehrsamkeit, als in den meisten anderen Ländern, wo der Islam herrscht.

Die Lehre von der _Prädestination_ zieht sich auch in Marokko durch die ganze religiöse Anschauung hin: "Es stand geschrieben," dass an dem Tage der und der sterben muss, "es stand geschrieben," dass der und der das Verbrechen beging etc. Es würde indess lebensgefährlich sein, einem Thaleb zu sagen: Da Gott _allmächtig_ ist und _Alles_ erschaffen hat, so hat er doch auch den Teufel geschaffen; oder, der Teufel als gefallener Engel hat doch nur mit _Wissen_ und _Willen_ Gottes fallen können. Man würde in Gefahr sein, verbrannt zu werden, wenn man einem Faki sagte: Da Gott _Alles_ geschaffen hat, so muss er doch auch das _Böse_, die _Sünde_, geschaffen haben; wie erklärst Du das mit der _Allgute_ Gottes, Gottes, welcher doch nur der Inbegriff _alles Guten_ sein soll? Ein marokkanischer Geistlicher würde nicht antworten "mit unerforschlichen Geheimnissen", die wir nicht zu ergründen vermögen, sondern gleich mit "Feuer und Schwert".

Gott mit "hundert guten Eigenschaften", als "grösster", "allbarmherziger", "allmitleidiger", denkt sich der marokkanische Mohammedaner als ein persönliches Wesen. Obschon der Name Gottes "Allah" immer mit besonderer Betonung und recht sonor ausgesprochen wird, so hat doch das _häufige_ Anrufen desselben eine völlige Missachtung nicht nur des Namens, sondern Gottes selbst herbeigeführt. Die eigene Lehre Mohammed's trägt Schuld daran. Während die jüdischen Lehrer vor allen Dingen darauf hielten, den Namen Gottes so wenig wie möglich im Munde zu führen, "Du sollst den Namen des Herrn, Deines Gottes, nicht unnützlich führen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht", und die Israeliten hierin so weit gingen, dass der Name Jehovah nur von den Priestern im Tempel ausgesprochen werden durfte, und man für Gott Eloah oder Adonai, d. h. "Herr" im gewöhnlichen Leben, sagte, lehrte die mohammedanische Religion, es ist _verdienstvoll_, den Namen Gottes _so viel als möglich_ auszusprechen.

Bei aussergewöhnlichen Versammlungen von Religionsgenossenschaften kann man daher sehen, wie manchmal die Versammelten mit nichts Anderm sich beschäftigen, als wiegend mit dem Körper den Takt zu geben, und jedesmal das Wort "Allah" auszusprechen. Eine Versammlung der religiösen Genossenschaft der Mulei Thaib in Rhadames, der ich dort beiwohnte, behauptete, am selben Abend das Wort "Allah" 70,000 Mal ausgerufen zu haben. Wenn dies nun auch nicht genau dem Worte nach genommen werden muss, denn die Zahlen in grösseren Zusammensetzungen sind überhaupt den Marokkanern ziemlich unbekannte Grössen, so kann ich doch versichern, dass ich sicherlich eine nachhaltige Heiserkeit würde davon getragen haben, wenn ich mit gleicher Regelmässigkeit und Vehemenz eben so oft Allah mitgeschrien hätte.

Allah wird deshalb eigentlich weder geliebt, noch gefürchtet und kaum verehrt, denn wenn auch das Chotba-Gebet Freitags wie die täglichen Gebete an Gott gerichtet sind, so wendet sich doch der Marokkaner, um irgend eine Gunst zu erlangen, um irgend etwas durchzusetzen, an irgend Jemand sonst, nur nicht an Gott.

Wie hat es aber auch anders sein können? Es liegt dem Menschen so nahe, dass er das, was er immer zur Hand hat, was er täglich braucht, anfängt nicht zu beachten, und die Nichtbeachtung ist immer der erste Schritt zur Verachtung. Und in Marokko wird das Geringste, das unbedeutendste Geschäft, ja Dinge, die nach den Gesetzen aller Menschen sündhaft sind, um nicht noch mehr zu sagen, mit der Anrufung Gottes "Bi ism' Allah, im Namen Gottes" begonnen. Mit dieser Redensart steht der Marokkaner auf, ergreift seine Kleidungsstücke, falls er sich derselben ausnahmsweise Nachte entledigt hätte, unternimmt Waschungen, betritt die Strasse, geht damit zur Arbeit, prügelt damit seine Lehrlinge durch, ohrfeigt seine Gattin, empfängt damit ein Almosen, ersticht damit seinen Feind, schwört damit einen falschen Eid, betritt damit die Moschee, legt sich damit schlafen, um in der Regel damit auch seinen letzten Hauch von sich zu geben.

Die Vorstellung, welche man sich von Engeln macht, ist im Wesentlichen der der anderen semitischen Lehre nachgebildet. Die Engel haben einen feinen und reinen Körper; sie essen und trinken nicht, sind geschlechtslos und werden als specielle Diener Gottes betrachtet. Die Befehle Gottes, der unumschränkter Gebieter des Weltalls ist, werden durch die Engel vermittelt. So beginnt die 35. Sure[34]: "Lob und Preis sei Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, der die Engel zu seinen Boten macht, so da ausgestattet sind mit je zwei, drei und vier Paar Flügeln." Als vornehmster wird _Gabriel_ betrachtet, der manchmal auch als "Geist Gottes" erwähnt ist; _Michael_, der Engel der Offenbarung, _Azariel_ der Todesengel, _Israful_ der Engel der Auferstehung. Man glaubt sodann an Geister, _Djenun_ (Plural von Djin), welche als aus gröberer Materie gemacht gedacht werden und am jüngsten Tage einem Gerichte unterliegen.

[Fußnote 34: Der Koran von Dr. Ullmann. Bielefeld.]

Man kann nicht sagen, dass in Marokko ein _Teufelcultus_ bestände, und als ob man sich überhaupt etwas aus dem Teufel mache. Er wird nicht so oft in den Mund genommen, wie Allah, und ist dem zufolge den dortigen Mohammedanern ziemlich zur Nebensache geworden. Wie bei den meisten Völkern, wird auch hier dem Teufel Alles in die Schuhe geschoben und _"Allah rhinal Schitan, Gott verfluche den Teufel!"_ kann man täglich hören. Stösst einer aus Versehen an, schneidet sich einer in den Finger, fällt einer zur Erde, zerbricht aus Versehen ein Gefäss, beschmutzt durch eigene Unvorsichtigkeit sein Gewand, so wird unabänderlicherweise der Teufel verflucht. Als eigenthümlich beobachtete ich, dass, sobald _ein Esel_ seine musikalischen Töne ausstösst, es zum guten Ton gehört, sich mit Abscheu wegzuwenden und "Gott verfluche den Teufel" auszurufen. Der Teufel wird _Iblis_ oder _Schitan_ genannt, und nach der Meinung der Mohammedaner wird er deshalb als gefallener Engel angesehen, weil er sich weigerte, Adam anzubeten[35].

[Fußnote 35: An anderen Orten und Surat 2 im Koran: "Darauf sagten wir zu den Engeln: Fallet vor dem Adam nieder, und sie thaten so, nur der hochmüthige Teufel weigerte sich, er war ungläubig."]

Als Lohn wird den Menschen nach dem irdischen Tode ein Aufenthalt entweder im _Paradiese_ oder in der _Hölle_ zu Theil. Indess kommen die Abgeschiedenen keineswegs sofort dorthin; sondern erst _nach_ dem jüngsten Gericht. Höst[36] sagt S. 197, und dieser Glaube ist auch heute noch in Marokko: "Wenn ein Maure gestorben ist, so glauben die Anderen, dass er gleich im Grabe von zwei Engeln befragt wird, die sie Munkir und Nakir nennen; und wenn er dann als ein echter Moslim zu ihrer Zufriedenheit antwortet, so ruhet der Leib ungestört bis zum Gerichtstage; wo nicht, so schlagen sie ihn mit eisernen Keulen an die Schläfe, und er wird von giftigen Thieren gebissen und übel behandelt. _Die Seelen der Märtyrer verbleiben im Halse der grünen Vögel des Paradieses_ bis an den Tag des Gerichts; aber die anderen rechtgläubigen Seelen, die durch den Engel Azariel mit Gelindigkeit vom Körper getrennt werden, halten sich um die Gräber herum auf, ob sie gleich gehen könnten, wohin sie wollen. Für diejenigen Seelen hingegen, die verdammt werden, wissen sie keinen Platz, denn weder Himmel noch Erde will sie annehmen."

[Fußnote 36: Nachrichten von Marokko und Fes, Ton G. Höst. Kopenhagen 1781.]

Endlich naht der _jüngste_ Tag, dessen Ankunft durch "Zeichen" angekündigt wird. So soll am Abend vorher die Sonne aufgehen, der zwölfte Imam, der Mehedi verkündet aufs Neue und zuletzt den Islam, und Jesus Christus, die Lehre Mohammed's bekennend, erscheint aufs Neue. Nach dem Glauben der Mohammedaner haben sowohl Moses als auch Christus den wahren Islam gepredigt, nur wir Christen und die Juden haben unsere, respective ihre Bücher gefälscht. Die Mohammedaner verweisen auf verschiedene Stellen des Alten und Neuen Testaments, von denen sie glauben, dieselben enthielten eine Weissagung, einen Bezug auf Mohammed.