Mein erster Aufenthalt in Marokko und Reise südlich vom Atlas durch die Oasen Draa und Tafilet.

Part 27

Chapter 273,667 wordsPublic domain

Nach einem Aufenthalte von acht Tagen brach ich von Tanzetta nach dem Süden auf, um nach dem berühmten Hauptorte, dem heiligen Tamagrut, Oertlichkeit, die nur eine kleine Tagereise südlich von Tanzetta liegt, zu kommen. Ich hatte Begleitung, was mir schon deshalb lieb war, da ich mich mit der berberischen Bevölkerung gar nicht verständlich machen konnte. Da eine ausserordentliche Hitze herrschte, machten wir den Weg in zwei Tagen, und blieben am ersten Tage in einem grossen Ksor, von Berbern bewohnt, Namens Alaudra. Der Weg folgte nicht den Krümmungen des Flusses, sondern lief gerade südwärts, und so befanden wir uns bald in steiniger Wüste, bald in einem lachenden Thale. Mittags erreichten wir am anderen Tage Tamagrut, das sich nur durch seine Grösse, und dadurch, dass ein beständiger Markt darin gehalten wird, von den übrigen Ortschaften unterscheidet. Die Sauya, nach Sidi-Hammed-ben-Nasser genannt, ist eine der grössten, die ich gesehen habe.

Sidi-Hammed-ben-Nasser war ein berühmter Heiliger, aber kein Nachkomme Mohammed's. Dafür hatte Allah ihm die Gabe verliehen, in der eignen Sprache der Thiere mit den Thieren sich unterhalten zu können (nach dem Glauben der Marokkaner konnte das vor ihm nur Sultan Salomon, dann Harun al Raschid und Djaffer sein Minister); aber leider hat diese grosse Gabe auf seine Nachkommen sich nicht vererbt. Wenigstens kann ich constatiren, dass die Urenkel weder mit dem Kameele, noch mit dem Pferde oder anderen Thieren sich unterhalten konnten.

Ich habe an anderer Stelle entwickelt, dass die Mohammedaner einen grossen Vorzug vor uns Christen haben: dass ihre Heiligen schon häufig _bei Lebzeiten_ heilig gesprochen werden, dass ihre Heiligen heirathen dürfen, dass die Kinder und Nachkommen solcher Heiligen _auch_ für heilig erachtet werden, ja, dass das Heiligsein bei den Mohammedanern _wachsend_ ist, d.h. dass die Nachkommen solcher Heiligen für heiliger erachtet werden, als die Vorfahren selbst.

Aber hat man im Christenthum nicht ganz dasselbe. Sind auch die Päpste nicht fleischliche Nachkommen Christi, so folgt doch einer dem anderen als geistiger Erbe, und verfolgt man vom ersten Bischof in Rom, die zunehmende Macht und Heiligkeit bis zum letzten jetzt regierenden, der sich Gott gleich gestellt hat durch seine Unfehlbarkeit, so findet man, dass wir doch nicht so sehr hinter der anderen semitischen Schwesterreligion zurückstehen. Und ist es in den anderen christlichen Bekenntnissen nicht ebenso?

Der derzeitige Besitzer der Sauya, Si-Bu-Bekr, ein Ur-Ur-Enkel des erwähnten Heiligen, wurde denn auch für viel heiliger gehalten, als der Vorfahr selbst. Seine Familie war übrigens eine, die sich von jeher durch Frömmigkeit, durch Gelehrsamkeit in den Schriften, aber auch durch Glaubenseifer ausgezeichnet hatte.

Ich begab mich sogleich in die Sauya, wo man mich zu Sidi Bu-Bekr führte. Es war gerade die Zeit des öffentlichen Empfanges, der ehrwürdige Greis nahm daher bei der Menge der Leute, die von allen Seiten herbeigeströmt waren, wenig Notiz von mir, sondern gab bloss Befehl mir ein Zimmer anzuweisen. Desto zuvorkommender empfingen mich seine beiden Söhne, ich musste mehrere Wochen bei ihnen bleiben und täglich überhäuften sie mich mit Aufmerksamkeiten aller Art. Als ich Sidi[143] Bu-Bekr einige Tage später meine Aufwartung machte, entschuldigte er sich, dass er mich nicht zuvorkommender empfangen, indem er nicht verstanden habe, dass ich von Europa (Blad-el-Rumi) käme; er fragte, ob ich mit Allem zufrieden sei, und gab seinen Söhnen den Auftrag für mich zu sorgen.

[Fußnote 143: Im eigentlichen Marokko würde man nur Si, nicht Sidi zu ihm sagen.]

Diese Sauya kam mir gerade wie ein Kloster vor; die grossen von Bogengängen umgebenen Höfe, in welche die Zimmerchen oder vielmehr die Zellen münden, die von länger verweilenden Reisenden, oder von Studenten und Schriftgelehrten, die hier ihren Studien obliegen, bewohnt werden; das ewige Beten und Ablesen des Koran, die wallfahrenden Leute, die täglich kommen, um das Grab Sidi Hammed-ben-Nasser's zu besuchen, und ihre Gaben, die in Geld oder Sachen aller Art bestehen, zu den Füssen des Marabuts legen, alles dies erinnert an unsere Klöster, nur ist hier die Prälatur in einer Familie erblich, und zwar geht bei den Marabutin die Würde nur auf den ältesten Sohn über, während die übrigen Söhne, einmal aus dem elterlichen Hause ausgeschieden, in den gewöhnlichen Bürgerstand zurücktreten. Bei den Schürfa geht die Würde auf Söhne und Töchter über, ist dann nur erblich durch die Söhne.

Ehe ich weiter reiste, begab ich mich nach Ktaua, um einige Notizen über den Handel mit dem Sudan zu erhalten. Ktaua, diese grosse selbstständige Oase, hat allein für sich gegen 100 Ksors, die von Berbern, oder auch von Araber-Schürfa oder vom Stamme der Beni-Mhammed bewohnt sind. Ich ging zuerst nach dem grossen Orte Aduafil, ausschliesslich von Schürfa bewohnt. Von hier aus wird der hauptsächlichste Handel mit dem Sudan betrieben. Gold (in geringer Qualität), Elfenbein, Leder und Sklaven sind die hauptsächlichsten Gegenstände, welche man von dorther holt. An eignen Producten liefern indess die Draui den Schwarzen Nichts, sie können ihnen nur europäische Producte zuführen, denn das Kupfer, welches sich von Tarudant aus nach dem Sudan verbreitet, geht wohl zumeist über Tekna und Nun. Die Sklaven kauft man im Sudan zu den billigen Preisen von 15-20 Thaler, junge hübsche und hellfarbige Mädchen sind jedoch theurer. In Fes und Marokko werden sie dann mit bedeutendem Gewinne abgesetzt, zu 100 bis 150 Thaler. Von Aduafil bis Timbuktu brauchen die Karavanen ca. 8 Wochen, die längste wasserlose Strecke soll 10 Tage (nach Aussage der Eingebornen, jedoch halte ich das für übertrieben) betragen.

Ich blieb in Aduafil 14 Tage, und besuchte von hier aus auch die wichtigen Handelsplätze und Märkte Beni-Haiun und Beni-Sbih südlich gelegen. Dann begab ich mich nach Beni-Smigin, Ort, der am nördlichsten in Ktaua liegt, und nahm die Gelegenheit wahr, mit einer Karavane von hier nach Tafilet zu gehen.

Während man auf dem Wege von der Provinz Ternetta nach Tafilet die grosse Oase Tessarin antrifft, hat man von Ktaua aus nur wüstes Land. Man braucht fünf Tage und hält immer Nordost-Richtung. Die Wüste ist indess auch hier nicht aller Vegetation bar, man trifft hin und wieder auf Akazien. Ich war froh, als ich am fünften Tage Nachmittags von einer Felsanhöhe die Palmen Tafilets erblickte. Vom Orte Beni-Bu-Ali, dem östlichsten Ksor, auf den wir trafen, begab ich mich direct nach dem Hauptorte der Oase Abuam, und da ich ohne Bekannte war, ging ich direct in die grosse Moschee. Ich hatte mich, müde wie ich vom Wege war, schlafen gelegt, fand mich aber unangenehm erweckt durch einen Fusstritt. Vor mir stand ein Scherif, er fragte, wer ich sei, wie ich hiesse, was ich wolle. Wie gewöhnlich antwortete ich, ich sei ein zum Islam übergetretener Deutscher, Namens Mustafa (ich machte nie Hehl daraus, dass ich übergetreten sei, und konnte das auch nicht, da ich zu der Zeit das Arabische noch sehr mangelhaft sprach). Für uns Deutsche haben die Marokkaner das durch die Türken den Arabern zugebrachte und aus dem Slavischen entlehnte Wort Nemsi. Aber mit dieser Erklärung war der Scherif nicht zufrieden. Wie überhaupt durch die drohende Nähe der Franzosen in Algerien, die Filali (Bewohner Tafilets) bedeutend misstrauischer gegen Fremde sind, so schien Misstrauen, Glaubenseifer, Religionsdünkel und jesuitischer Fanatismus in diesem Scherif personificirt zu sein. Die übrigen Tholba wurden herbeigeholt, man wollte einen sichtbaren Beweis meines Islams haben, und als sie nach einigem Kopfschütteln erklärten, dass man in dieser Beziehung mir nichts vorwerfen könne, fingen sie trotzdem an, meine Kleider zu durchsuchen. Und um mein Unglück voll zu machen, fanden sie einen alten Pass, den ich aufbewahrt hatte.

Mit fanatischem Geheul wurde ich nun von diesen Zeloten nach Rissani, der officiellen Hauptstadt, wo der Kaid des Sultans residirt, geschleppt, und ich glaubte schon mein letztes Stündchen sei gekommen, denn was ist gegen fanatische Glaubenseiferer zu machen. Fortwährend brüllten sie: "er ist ein Spion, er ist ein Sendling des christlichen Sultans", womit sie den Kaiser Napoleon der Franzosen meinten, "er ist gekommen, um unser Land auszukundschaften, zu verrathen und zu verkaufen."--So dumm sind nämlich diese fanatischen Leute, wie ja überhaupt Dummheit und Fanatismus immer Hand in Hand mit einander gehen, dass sie überzeugt sind, ein einzelner Christ könne nur so ohne Weiteres ihr Land verkaufen.

Glücklicherweise aber traf ich im Kaid des Sultans einen Mann, der schon irgendwo einen Pass gesehen haben musste, oder doch wusste, welche Bewandniss es damit hatte, aber auch er würde wohl kaum den wutschnaubenden Volkshaufen haben besänftigen können, wenn nicht zur rechten Zeit ein marokkanischer Prinz, nach der Meinung Vieler der rechtmässige Sultan von Marokko, herbeigekommen wäre: Mulei Abd-er-Rhaman-ben-Sliman.

Als nämlich Sultan Sliman gestorben war, folgte nicht sein Sohn, sondern sein Neffe Mulei Abd-er-Rhaman-ben-Hischam, und als dieser im Jahre 1859 starb, hätte nach dem Herkommen der Aelteste der Familie und zwar Mulei Abd-er-Rhaman-ben-Sliman folgen müssen. Sultan Abd-er-Rhaman hatte aber bei Zeiten dafür gesorgt, dass sein Sohn Sidi Mohammed nachfolgen würde, und in der That fand im Herbste 1859 Abd-er-Rhaman-ben-Sliman den Thron besetzt. Da er sich bis dahin 16 Jahre in der Sauya Sidi Hamsa's, nördlich von Luxabi gelegen, verborgen aufgehalten hatte, um dem Dolche und Gifte seines Vetters zu entgehen, brach er Ende 1859, von einigen wenigen Getreuen begleitet, auf nach Fes, um sich des Thrones zu bemächtigen. Aber schon hatte sich Bascha ben Thaleb und Kaid Faradji von Fes für den jetzigen Sultan erklärt, der lange Zeit vorher dort Chalifa gewesen war und sie durch reiche Geschenke an sich gezogen hatte. Wenig fehlte, so wäre der Sohn Sliman's mit seinen einigen hundert Reitern gefangen genommen.

Dieser Mulei Abd-er-Khaman-ben-Sliman lebte jetzt in Tafilet, und ihm, in seiner Eigenschaft als Prinz und seinem unfehlbaren Charakter als Scherif--ihm war es ein Leichtes das tobende Volk zu besänftigen. Es könnte befremdend erscheinen, dass dieser geächtete und vom Throne ausgestossene Prinz so friedlich an der Seite des Kaids des Sultans stand, aber man muss bedenken, dass die Regierung von Marokko südlich vom Atlas nur eine Scheinregierung ist, und namentlich dieselbe in Tafilet gar keine Autorität besitzt.

Der Prinz fasste für mich Freundschaft, und diese wuchs noch, als sich herausstellte, dass ich in der Campagne der Franzosen gegen die Beni-Snassen 1859 schon seinen ältesten Sohn, der ebenfalls Abd-er-Rhaman hiess, kennen gelernt hatte. Derselbe war dahin gekommen, um die Hülfe des französischen Generals Martimprey gegen seinen Verwandten, der den Thron von Fes usurpirt hatte, anzurufen; Martimprey lehnte selbstverständlich jede Einmischung in die inneren Angelegenheiten Marokko's ab. Ich blieb längere Zeit bei dieser gastfreundlichen Familie, die für gewöhnlich in Marka, Provinz Ertib der Oase Tafilet[144], wohnt, und sodann bereitete ich mich vor, meine Reise zu vollenden.

[Fußnote 144: Die Beschreibung von Tafilet ist in "Uebersteigung des Atlas etc.", Bremen Kühtmann, 2te Auflage, und in Petermann's Mittheilungen, Jahrgang 1865.]

Ich hatte im Laufe der Zeit durch Prakticiren wieder einiges Geld zusammengebracht, allerdings durch mühsames Sparen, denn die ärztliche Praxis muss in Marokko und namentlich in den regierungslosen Theilen ganz anders ausgeübt werden, als bei uns. Namentlich muss sich der Arzt, der keine starke Sippe oder Verwandtschaft hinter sich hat, wohl hüten, einem Patienten eine Medicin zum inneren Gebrauche zu verabfolgen, denn hat er das Unglück sodann einen Kranken durch den Tod zu verlieren, so ist entweder die Medicin, oder der Arzt die Ursache davon gewesen; andererseits hat der Arzt aber von wirklich guter Medicin gar nicht einmal den erhofften Erfolg, denn gesundet ein Kranker, dann haben weder die Medicin noch der Arzt geholfen, sondern irgend ein Heiliger, auch wohl Mohammed, in seltneren Fällen Gott[145], dies Wunder bewirkt. Es ist daher am besten die Praxis so auszuüben, wie es landesüblich ist: durch Feuer und Amulette.

[Fußnote 145: In dieser Beziehung haben die Mohammedaner viel Aehnlichkeit mit den Katholiken: bei einem Wunder denken sie zumeist an einen Heiligen, seltener an ihren Propheten, in den seltensten Fällen an Gott.]

Mit einer Karavane machte ich mich sodann auf den Weg und zwei Tage nach unserem Aufbruche von Ertib erreichten wir die nordöstlich davon gelegene Oase Budeneb. Wir blieben hier nur einen Tag, und am folgenden Tage Abends erreichten wir die Oase Boanan, den ganzen Weg hatten wir ebenfalls in nordöstlicher Richtung zurückgelegt. Mit einem Empfehlungsbriefe vom obengenannten marokkanischen Prinzen für den Schich der Oase versehen, kehrte ich bei ihm ein, und wurde auch gastfreundlich empfangen. Der Schich hiess Thaleb Mohammed-ben-Abd-Allah.

Zehn Tage lang war ich sein Gast, und täglich assen wir aus Einer Schüssel. Ich hatte dort einen so langen Aufenthalt, weil Thaleb Mohammed der Meinung war, ich solle nur mit einer grösseren Karavane weiter reisen, da je näher der algerinischen Grenze, desto unsicherer der Weg sei. Zu der Zeit nun lebte ich noch in den Illusionen, wie man dieselben so häufig durch Bücher solcher Reisenden genährt bekommt, die nur einen oberflächlichen Blick in das Leben der Mohammedaner geworfen haben und uns erzählen, wer mit einem Muselman aus Einer Schüssel gegessen habe, für heilig und unverletzlich gehalten werde. Zu der Zeit glaubte ich noch an die Heiligkeit des Gastrechtes. Und hierdurch unvorsichtig gemacht; liess ich eines Tages mein Geld sehen. Im Ganzen mochte ich ca. 60 französische Thaler haben. Aber auch für einige Thaler marokkanisches Kleingeld war darunter, welches ich den Schich bat, gegen französisches umzutauschen, da ich wusste, dass ersteres in Algerien keinen Cours hatte.

Thaleb Mohammed wechselte, aber von dem Augenblick an musste er auch schon den Entschluss gefasst haben, mich zu ermorden. Jetzt war nicht mehr die Rede davon eine Karavane abzuwarten, er meinte nun, mit Hülfe seines Dieners, der ganz gut als Führer würde dienen können, könne ich auch ohne Karavane die nur zwei Tagemärsche entfernte Oase Knetsa erreichen. Er fügte noch hinzu, ich könne mich vollkommen auf seinen Diener verlassen, und der Preis für das Führen, 8 Frcs., wurde von mir im Voraus bezahlt.

Mit Freuden war ich auf den Voschlag [Vorschlag] eingegangen, denn nach mehr als zweijähriger Anwesenheit unter diesen durch ihre Religion verthierten Menschen hatte ich die grösste Sehnsucht wieder unter Civilisation zu kommen. Ich fand es auch gar nicht auffällig, als Thaleb Mohammed vorschlug, Abends abzureisen, da man in der Sahara ja so häufig die Nacht zu Hülfe nimmt, um der Sonne zu entgehen, und um vom Durste minder gequält zu werden.

So machten wir uns Abends auf den Weg, der Führer, ein Diener und ich. Es hatte sich nämlich vom Draa her ein Pilger an mich angeschlossen, der gegen Kost, aber sonst ohne Lohn, in ein Dienstverhältniss zu mir getreten war. Nach einem Marsche von etwa 4 Stunden lagerten wir in der Nähe eines kleinen Flusses und machten von trocknen Tamarisken-Aesten ein hoch und hell loderndes Feuer an, welches der Führer besonders gut im Brennen unterhielt, um damit seinem Herrn den Ort zu zeigen, wo wir gelagert wären. Mein Diener und ich beim Feuer ausgestreckt, waren bald eingeschlafen, ebenso schien der Führer sich der Ruhe hinzugeben. Ausser dass ich eine Pistole trug, hatte der Diener und ich keine Waffen, der Führer hatte einen Karabiner. Wie lange ich geschlafen, erinnere ich nicht. Als ich erwachte, stand der Schich der Oase dicht über mich gebeugt vor mir, die rauchende Mündung seiner langen Flinte war noch auf meine Brust gerichtet. Er hatte aber nicht, wie er wohl beabsichtigt hatte, mein Herz getroffen, sondern nur meinen linken Oberarm zerschmettert; im Begriff mit der Rechten meine Pistole zu ergreifen, hieb nun der Schich mit seinem Säbel meine rechte Hand auseinander. Von dem Augenblick sank ich auch schon durch das aus dem linken Arm in Strömen entquellende Blut, wie todt zusammen. Mein Diener rettete sich durch Flucht.

Als ich am folgenden Morgen zu mir kam, fand ich mich allein, mit 9 Wunden, denn auch noch, als ich schon bewusstlos dalag, mussten diese Unmenschen, um mich ihrer Meinung nach vollkommen zu tödten, auf mich geschossen und eingehauen haben. Meine sämmtlichen Sachen, mit Ausnahme der blutdurchtränkten Kleider, hatten sie weggenommen. Obgleich das Wasser nicht weit von mir entfernt war, konnte ich es nicht erreichen, ich war zu entkräftet, um mich zu erheben, ich versuchte mich hinzurollen, Alles vergebens, ich litt entsetzlich vom brennenden Durste.

In dieser hülflosen Lage blieb ich zwei Tage und zwei Nächte. Halb war mein Zustand wachend, halb ohnmächtig. Ich hatte dann die schrecklichsten Visionen. Manchmal glaubte ich Leute zu sehen, und strengte nun alle Kräfte an, um sie herbeizurufen, aber immer war es Täuschung. Mit dem Leben hatte ich vollkommen abgeschlossen. Hauptsächlich quälte mich die fürchterlichste Angst von Hyänen oder Schakalen angefallen und lebendig verzehrt zu werden. Denn diese Uebergangsgegend der Sahara ist besonders das Gebiet dieser feigen Raubthiere. Ich wäre ihnen eine vollkommen hülflose Beute geworden.

Endlich am dritten Tage kamen zwei Menschen. War es diesmal Wirklichkeit, oder wieder Täuschung? Nein, es waren Menschen, sie antworteten auf mein schwaches Rufen durch Winken, mit der Stimme. Es waren Marabutin der unfernen kleinen Sauya Hadjui. Ihre Freude mich lebend anzutreffen, war fast grösser als die meine. Ich stammelte nur "el ma, el ma!" (Wasser). Aber, dachte ich dann, ist ihre Freude auch aufrichtig? Sie hatten eiserne Hacken auf der Schulter, offenbar in der Absicht mich zu beerdigen, aber hauptsächlich waren sie wohl durch den Umstand hergezogen, der jedenfalls ruchbar geworden war: nämlich dass man mir meine Kleidungsstücke gelassen hatte, für die dortige so sehr arme Gegend immer noch ein sehr kostbarer Gegenstand.

Und nun erklärten sie zwar freundlichst mich retten zu wollen, aber sie müssten nach dem zwei Stunden entfernten Hadjui zurückkehren, um behuf meines Transportes ein Maulthier zu holen. So entfernten sie sich wieder, und jetzt durchlebte ich erst die entsetzlichste Zeit.

Diese vier Stunden, die ich jetzt allein zubrachte, kamen mir vor, wie eine nie enden wollende Ewigkeit. "Sie haben dich nur verlassen, um dich sterben zu lassen, und um, wenn du gestorben bist, sich deiner Kleidungsstücke zu bemächtigen", das war der Gedanke, der fortwährend durchgedacht wurde, nachdem ich soeben durch einen Trunk Wasser zu etwas erneuertem Leben gekommen war. Wie konnte ich überhaupt nach einem solchen Mordversuche noch Glauben zu den dortigen Menschen haben.

Da endlich hörte ich Geräusch, ich versuchte den Kopf zu erheben, ich sah ein starkes Maulthier, getrieben von mehreren Menschen, sich nähern, meine Retter waren wieder da. Mit Vorsicht luden sie mich auf das Thier, was keine Kleinigkeit war, da mein linker Arm nur noch an Haut und Muskeln hing, meine rechte Hand auseinanderklaffte, mein rechter Oberschenkel ebenfalls durchschossen war. Das Bluten hatte schon längst von selbst aufgehört, es mussten sich Pfröpfe gebildet oder die Ohnmachten das bewirkt haben.

Wie lachte mein Herz, als ich die Palmen von Hadjui auftauchen sah, und doch wusste ich nicht, wie ich vor Schmerzen auf dem Maulthiere es würde aushalten können. Und die wenigen Palmen, die wenigen armseligen Häuser[146] schienen mir ein Paradies zu sein.

[Fußnote 146: Die Oase Hadjui ist nur eine ganz kleine von circa 100 Palmen bestandene Insel, mit etwa 50 Wohnungen.]

Ich wurde nach der Wohnung des Schichs der Oase gebracht. Das Haus Sidi-Laschmy's war aber keineswegs gross, es bestand aus einem Vorzimmer, Aufenthaltsort für das Maulthier, für einen Esel und zwei Ziegen, dann kam ein grösseres Gemach, das als Wohnzimmer für die ganze Familie und zugleich als Küche diente. Daran stiess ein kleines Zimmer, Vorrathskammer, endlich waren oben zwei Mensa, d.h. Räumlichkeiten, die auf dem flachen Dache gebaut waren, und worin die beiden Brüder, denn Sidi-Laschmy bewohnte das Haus mit seinem jüngeren Bruder Abd-er-Rhaman, mit ihrer resp. Frau schliefen. Man machte mir dicht neben der Feuerstelle mein Lager. Mein erster Wunsch war, nachdem ich etwas Mehlsuppe genossen hatte, nach einem Messer, und als man ein solches brachte, bat ich Sidi-Laschmy, mit einem herzhaften Schnitt meinen herabhängenden Arm abzuschneiden.

Aber da kam ich schlecht an. "Das kann bei euch Christen Sitte sein," sagte der Marabut, "aber wir schneiden nie ein Glied ab, und da du, der Höchste sei gelobt, jetzt rechtgläubig bist, wirst du deinen Arm behalten." Mittlerweile hatten sie auch schon aus Ziegenfell eine Binde genäht, in welche Stäbe aus Rohr, um dem Ganzen Halt zu geben, eingezogen waren. Diese Binde wurde umgelegt, mit Thon umschmiert, und so eine Art festen Verbandes hergestellt. Der Arm wurde auf weissen Wüstensand gebettet. Hätte man nicht vergessen gehabt, den Verband zu fenstern, so wäre er vollkommen gewesen. Die übrigen Wunden wurden einfach mit Baumwolle verbunden, welche von Butter, in welche man vorher Artemisia getaucht hatte, um sie aromatisch zu machen, durchtränkt war.

Welch' wonniges Gefühl hatte ich Abends, als ich mich unter Dach und Fach wusste, zwar hart gebettet, denn ich lag auf Stroh und war nur mit Teppichen bedeckt, aber doch in Sicherheit mit der Aussicht wieder hergestellt zu werden und noch leben zu können. Man hatte mir meine Kleidung vom Leibe geschnitten, um das Blut heraus zu waschen, aber während der Zeit befand ich mich in Adam's Kleidern, denn die Leute waren so arm, dass sie mir keine anderen verschaffen konnten. Ueberhaupt schien Hadjui einer der dürftigsten Oerter zu sein, die Leute der Oase waren aber auch die gastfreundlichsten der Welt. Sie waren so arm, dass sie in der ganzen Ortschaft nicht einmal Weizen hatten, aber im Glauben, ich dürfe ihre schwere Kost aus Gerstenmehl nicht geniessen, wurde für mich auf Gemeindekosten Weizen von einer anderen Oase gekauft. Auch Butter wurde für mich auf Gemeindekosten geholt, und die jungen Leute mussten dann und wann hinaus, um Strausseneier zu suchen, oder wo möglich einen Strauss zu erlegen, damit ich animalische Kost bekäme. Es war rührend, wie die jungen Mädchen täglich an mein Lager kamen, um mir frisch aufgesprossene Gerste zu bringen. In dieser an Grün so armen Gegend, wo Gemüse, wie Rüben, Zwiebeln und Kohl zu den feinsten und kostbarsten Gartentrüchten [Gartenfrüchten] gerechnet werden, verschmäht man es nicht, das zarte Gras der Gerste zu geniessen.--Ja, fast erstickten mich im Anfange die Frauen durch ihre Güte: von dem Grundsatze ausgehend, dass der grosse Blutverlust nur durch grosse Quantitäten von Nahrung zu ersetzen sei, waren in den ersten Tagen beständig zwei Frauen an meiner Seite damit beschäftigt, mir grosse Klumpen Kuskussu in den Mund zu schieben, und ich, des Gebrauches meiner beiden Hände zu der Zeit beraubt, musste es ruhig geschehen lassen.

Endlich nach langem Schmerzenslager, um so unangenehmer deshalb, weil ich keine Kleidungsstücke zum Wechseln hatte, konnte ich das Ende meiner Reise antreten. Die Wunden am Körper, an den rechten Hand, der Schuss durchs rechte Bein waren geheilt, der zerschossen gewesene linke Arm hatte zwar durch Callusbildung um den zerschmetterten Oberarmknochen Festigkeit gewonnen, aber die Wunden waren offen und von Zeit zu Zeit eiterten Splitter[147] heraus.