Mein erster Aufenthalt in Marokko und Reise südlich vom Atlas durch die Oasen Draa und Tafilet.
Part 26
Einen eigentlichen besonderen Handelszweig hat die Stadt nicht, man lobt die Lederarbeiten und Färbereien. Hauptgewerk ist Kupferschlägerei, indess beschränkt sich das bloss auf Kessel, auf kleine Geschirre und Sachen, wie sie von den Eingebornen hergestellt werden können. Aber wie ausgedehnt diese Manufactur ist, geht am besten daraus hervor, wenn ich anführe, dass diese kupfernen Geschirre bis Kuka, Kano und Timbuktu ausgeführt werden. Und wie ergiebig müssen erst die Kupferminen in der Nähe von Tarudant sein, wenn man bedenkt, auf wie primitive Art die Eingebornen dort eine solche Mine ausbeuten. Nach der Aussage der Eingebornen soll nicht nur dies Metall, sondern auch Gold, Silber, Eisen und Magneteisenstein in grosser Menge vorkommen. Alle übrigen Landesproducte sind wie in Agadir und im ganzen Sus-Lande sehr billig. Das Pfund Fleisch wird mit 2 Mosonen bezahlt, für eine Mosona erhält man 6-10 Eier und im Frühjahr noch mehrere.
Bei der Beschreibung von Tarudant kann ich nicht unerwähnt lassen, dass die einst so berühmten Zuckerplantagen heute nicht mehr existiren. Indess findet man in Marmol und Diego de Torres so glaubwürdige Angaben, dass an der einstigen Existenz der Zuckercultur nicht gezweifelt werden kann.
Als im 16. Jahrhundert die Dynastie der Schürfa Marokko neu umgestaltete, suchten sie vor allen Dingen sich in Tarudant festzusetzen. Es wurde Zucker um Tarudant gepflanzt und um einen Ausgangshafen für das Product zu gewinnen, unternahm der Scherif Mohammed die Belagerung von Santa Croce, damals den Portugiesen gehörend. 1536 war dieser Hafen in den Händen der Gläubigen. Ein Slami oder übergetretener Jude hatte unter der Zeit Mühlen in Tarudant errichtet und von dem Augenblick an war der Handel mit Zucker, wie Marmol als Augenzeuge berichtet, der ergiebigste von allen marokkanischen Handelszweigen.
Auch christliche Sklaven wurden nun zur Fabrikation von Zucker verwandt, und nicht nur aus Marokko oder aus den Sudanländern kamen Leute nach Tarudant, um Zucker zu kaufen, auch Europäer stellten sich ein, sobald sie erfuhren, dass man sie gut behandle. Der Ertrag ergab für den Sultan jährlich 7500 Metkal, eine für damalige Zeit grosse Summe.
In welcher Zeit der Verfall des Zuckerbaues vor sich ging, habe ich nicht ergründen können, vielleicht wurden bei einer der so häufig in Marokko stattfindenden Revolten die Zuckergärten zerstört und nachdem nicht wieder angebaut. Aber die Erinnerung vom einstigen Zuckerreichthum in der Provinz existirt in Marokko heute noch.
Ich musste mehrere Wochen in Tarudant bleiben und überstand während dieser Zeit eine förmliche Krankheit, da ich fortwährend von Wechselfiebern geschüttelt war.--Den zweiten Tag nach meiner Ankunft liess mich der Kadi der Stadt rufen. Er unterwarf mich einem langen Examen, woher ich komme, warum ich in Tarudant sei, wohin ich gehen wolle, warum ich Mohammedaner geworden sei, u.s.w. Ich glaubte schon, da er immer sehr ernsthaft blieb, dass er mich trotz meiner genügenden Antworten, als Sohn eines Christen ins Gefängniss senden würde, als er plötzlich die Unterhaltung auf die Medizin brachte und ein Mittel gegen Gichtschmerzen von mir verlangte. Zugleich wurde Thee servirt und ein gut zubereitetes Frühstück hereingetragen. Das Gespräch ging dann hauptsächlich auf die christliche Civilisation über, und ich sah mit Erstaunen im Kadi einen dem Fortschritte huldigenden Mann vor mir. Nach beendigtem Frühstücke verabschiedete er mich, und sagte, er würde mich rufen lassen, damit ich in seiner Gegenwart die Medizin bereite.
Am folgenden Tage gegen Abend musste ich zu ihm gehen, und da ich nichts Anderes zu thun wusste, so bereitete ich eine Kamphersalbe und liess ihn Einreibungen damit machen. Ich musste wieder Thee mit ihm trinken und zu Abend essen; beim Abschiede gab er mir ausserdem einen grossen Korb mit Datteln und einen kleineren mit Mandeln, dann eine Schüssel mit süssem Backwerke, das sehr gut zubereitet war und sich fast jahrelang hält. Obgleich die Datteln und Mandeln von der letzten Ernte und von ausgezeichneter Güte waren, so verkaufte ich doch den grössten Theil derselben. Ich bekam für das Pfund Mandeln den für dortige Gegend hohen Preis von 6 Mosonat; es war Missernte für die Mandeln gewesen, denn in guten Jahren erhält man für Eine Mosona mehrere Pfunde.
Am vierten Tage stellte sich mein Fieber heftiger als je ein, ich glaubte schon vom Typhus befallen zu sein; acht Tage musste ich meine Höhle hüten. Ich nahm die letzte mir übrig gebliebene Dosis Chinin, genoss die ganze Zeit hindurch bloss Wasser und Brod und alle Tage einige Granatäpfel, die mir der Fundukbesitzer aus seinem Garten brachte.
Mit einer ziemlich grossen Karavane brach ich sodann auf. Sie setzte sich aus etwa 20 Mann und 30 Stück beladenen Maulthieren und Eseln zusammen. Die Leute selbst waren aus der Oase Draa. Vom Thaleb des Kadi war ich ihnen empfohlen und deshalb gut bei ihnen aufgenommen worden. Diese Art Karavanen rechnen von Tarudant acht Tagemärsche, welche aber sehr stark sind; das Vieh wird dabei von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit der grösstmöglichsten Eile vorwärts getrieben. Es war also eine harte Tour für mich, da ich von den Fiebern mitgenommen, sehr erschöpft war, und manchmal dafür, dass ich mitgenommen wurde, und was Nahrung anbetrifft von den Eigenthümern des Viehs freigehalten wurde, das Vieh mit treiben helfen musste.
Den ganzen ersten Tag folgten wir dem Ued-Sus, der an beiden Seiten lachende Gärten bildet. Rechts und links hatten wir hohe Berge, doch ist die Kette im Norden wenigstens noch einmal so hoch, als die nach Südwesten streichende, welche überdies nur ein Zweig vom grossen Atlas ist. Gegen Mittag, wir marschirten immer in östlicher Richtung, machten wir bei einem Dorfe der Beni-Lahia Halt; es wurde dort Markt abgehalten, und die Leute unserer Karavane wollten nun noch Getreide einkaufen, um es mit in ihre Heimath zu nehmen. Nach beendetem Einkauf ging es weiter. Ich weiss nicht, durch welchen Zufall es kam, dass der Theil der Karavane, bei dem ich mich befand, von dem anderen sich trennte, kurz, wir verloren den Weg und es war, glaube ich, Mitternacht, als wir das Dorf erreichten, wo die Anderen seit Abends campirten. Dazu hatten wir elende Wege gehabt, da das ganze Land von breiteren und schmäleren Rinnsalen, welche zur Bewässerung des Bodens dienen, durchschnitten ist, in der Dunkelheit geriethen wir nun alle Augenblick in ein solches Wasser, oder auch ein Esel versank in den Schlamm und sein Herausziehen konnte nur mit Mühe und Zeitverlust bewerkstelligt werden.
Desto kürzer war der folgende Tagesmarsch, wir mussten sehr bald in einem Dorfe Halt machen, weil vor uns zwei Volksstämme sich bekriegten und dadurch die Gegend unsicher gemacht war. Sieben Tage mussten wir in diesem Orte liegen bleiben, fanden jedoch die gastlichste Aufnahme daselbst. Ich war mit vier Anderen in einem grossen Bauernhofe einquartiert und so war die ganze Karavane vertheilt. Endlich schienen die feindlichen Parteien Frieden gemacht zu haben und wir konnten aufbrechen, der Weg war offen. Wir folgten dem Ued-Sus, bis fast an seine Quelle, welcher Landestheil, wie überall, den Namen Ras-el-Ued hat, und schlugen von da an eine südöstliche Richtung ein.
So scharf markirt der südwestlich vom Atlas sich abzweigende Gebirgszug, vom Sus-Thale gesehen, sich ausnimmt, so wenig ist er es in der That, man kömmt südöstlich fortgehend in keinen Gebirgszweig, sondern in ein zerrissenes Gebirge. Obschon man nun auch aus dem eigentlichen überall culturfähigen Lande heraus ist, hat man doch noch die eigentliche Sahara nicht erreicht. Allerdings sind die Berge nackt und kahl, aber die Gegend ist äusserst abwechselnd, Wasser nicht selten und kleine Oasen auf Schritt und Tritt. Gegen Sonnenuntergang erreichten wir eine Oase, die erste echte Palmpflanzung, die ich zu sehen bekam (den Palmen in Marokko und Tarudant merkt man gleich an, dass sie eigentlich für den dortigen Boden und das Klima noch fremd sind), einige Dörfer lagen darin versteckt. Wir lagerten von jetzt an nie mehr im Dorfe, sondern immer im Freien, und suchten dann zu dem Ende ein zwischen Felsen liegendes sicheres Versteck auf. Auf diese Art marschirten wir 4 Tage immer in südöstlicher Richtung fort. Die Gegend bewahrte ihren eigenthümlichen Charakter, nackte, kahle Felsen, von Bergen eingeschlossene Ebenen, ohne Vegetation, nur von Steinen bedeckt, hie und da eine Oase, welche sich schon von Weitem durch die hohen Palmen ankündigte, manchmal auch noch grosse Strecken mit Schih (Artemisia) bedeckt, Zeichen, dass wir die eigentliche Sahara noch nicht erreicht hatten, solche Bilder waren stets vor unseren Augen.
Am fünften Marschtage kamen wir, nachdem wir verschiedene Ebenen durchschritten hatten, an einen Bergpass, wie ich noch nie einen gesehen habe, und auch wohl kein ähnlicher auf der Erde existirt. Mit diesem Bergpass, oder vielmehr mit dieser Schlucht, die ebenfalls durchschnittlich in unserer Marschrichtung war, hatten wir zugleich das eigentliche Gebirge hinter uns. Diese Schlucht war etwa 5 Schritt breit, an beiden Seiten von senkrechten Marmorwänden gebildet, und in derselben rieselte ein kleiner Bach mit reizenden grünen Ufern. Am Austritte der Schlucht gab der Bach Veranlassung zu einer Oase. Der Marmor, der sich in der Sonne spiegelte und stellenweise so glatt war, als ob er künstlich polirt wäre, glänzte in allen möglichen Farben.
Was das Interesse dieser einzigen Schlucht noch erhöhte, war, dass sich am Austritte oder am südöstlichen Ende derselben eine kohlensaure Quelle befand. Ich glaube, es giebt wohl kaum ein zweites an Kohlensäure so reiches Wasser, wie dieses; dicke Blasen steigen fortwährend auf, und beim Trinken prickelte es Einem im Munde, als ob man Champagner tränke. Das Land, worin sich diese Schlucht und Quelle befindet, heisst Tassanacht, und die vom Flüsschen gebildete Oase, Tesna[140]. Die Gegend war hier, wie auch sonst fast überall, äusserst metallreich, ich fand auf dem Wege bei Tesna offen zu Tage liegend, Antimon-Stücke von 1-1/2 Zoll Dicke, reines, unvermischtes Metall.
[Fußnote 140: Siehe Petermann's Mitteilungen 1865, Tafel 6.]
Die nächsten Tage gingen vorüber, ohne dass sich etwas Besonderes ereignete, ich hatte jedoch grosse Mühe, diese anstrengenden Märsche mitzumachen, zumal mich eine erschöpfende Diarrhöe, durch die ungewohnte Nahrung hervorgerufen, befallen hatte. Die Leute mischten nämlich Mehl mit gestampften Datteln zu einem Teige, gossen etwas Oel hinzu, und roh wurde dies genossen, oder man ass auch, bloss mit Wasser vermischt, gestampfte Datteln. Dazu kam, dass wir manchmal sehr an Durst zu leiden hatten, denn die Thiere waren alle übermässig beladen, so dass man für Wasser keinen Platz hatte. Die schlimmste Strecke war die letzte. Wir waren noch einen guten Tag vom Draa entfernt und lagerten Abends in einem öden Thale. Um den Ued-Draa am folgenden Tage früh zu erreichen, brachen wir um Mitternacht auf. Unglücklicher Weise waren meine Schuhe gänzlich unbrauchbar geworden, die Sohlen waren abgefallen. Ich behalf mich damit, dass mir die Leute aus den Lederresten Sandalen zusammenflickten, welche mit Riemen an den Füssen befestigt wurden. Ueberhaupt tragen südlich vom Atlas fast alle Leute Sandalen. Für Einen, der nicht daran gewöhnt ist, ist es aber ein qualvolles Schuhzeug, da die Riemen gleich tief einschneiden. In der dunklen Nacht stiess ich nun jeden Augenblick gegen einen Stein, und es schien mir eine Ewigkeit bis die Morgenröthe anbrach. Als endlich der Tag anfing und wir frühstückten, hatten wir kaum das nöthige Wasser, aber die Aussicht, noch wenigstens einen halben Tagemarsch gehen zu müssen, ohne Hoffnung einen Brunnen oder Quelle anzutreffen. Gegen Mittag war mein Gaumen ganz trocken, und als wir endlich von Weitem die Palmen sahen, mit dem lachenden Grün der Orangen, Feigen, Granaten, Pfirsichen und Aprikosen darunter, glaubte ich, sie nicht erreichen zu können; erst um 4 Uhr Nachmittags waren wir im Dorfe Tanzetta, wo mehrere Leute unserer Karavane zu Hause waren. Mein Erstes war, meinen brennenden Durst zu löschen, ich trank wenigstens 3 Liter Wasser auf ein Mal.
* * * * *
15. Die Draa-Oase. Mordversuch auf den Reisenden. Ankunft in Algerien.
* * * * *
Vom ewigen Schnee des Atlas gespeist, hat der Ued-Draa, der längste der marokkanischen Ströme, Veranlassung zu einer der schönsten Oasenbildungen gegeben, wie man sie überhaupt nur in der Sahara findet. Denn nur da, wo überirdisch immer rieselndes Wasser ist, bildet sich so üppige Vegetation und gedeihen die Fruchtbäume, die das glückliche Klima des Mittelmeerbeckens hervorbringt. Und wenn man nach tagelangen Märschen durch die steinigte und vegetationslose brennende Wüste, jenes lachende Grün erblickt, wie es sich frisch unter dem schirmenden Dache hochstämmiger Palmen entwickelt, dann vergisst man fast die Mühen und Beschwerlichkeiten einer Fussreise durch die Wüste, denn man glaubt eine der Inseln der Glückseligen erreicht zu haben.
Der bewohnteste und fruchtbare Theil des Ued-Draa ist das vom Gebirge nach dem Süden zu laufende Flussthal, sobald der Draa nach dem Westen umbiegt, d.h. etwa unter dem 29° N. B. fängt er an unbewohnt und unfruchtbar zu werden. Es hat das seinen Grund darin, weil die vom Atlas kommenden Gewässer _ständig_ nur bis zu dem Punkte fliessen, den atlantischen Ocean aber nur ein Mal im Jahr, nach der _grossen_ Schneeschmelze des Gebirges, erreichen. Ist der Draa-Fluss aus dem sonderbar geformten Gebirgslande, welches südwärts vom Atlasgebirge, unabhängig von diesem, liegt, heraus, dann durchströmt er sein mehr oder weniger breites Thal, welches er sich selbst geschaffen hat. Aber auch hier sind die Ufer und Bänke des ursprünglichen Flussthales manchmal so hoch, so sonderbar geformt, dass man, vom Flussbette aus gesehen, sie für zwei nach Süden streichende paralell laufende Gebirge halten könnte. Einmal und zwar ziemlich in der Mitte des von Norden nach Süden laufenden Flusses erhebt sich aber ein wirklicher Berg, der Sagora, auf dem _linken_ Ufer des Ued-Draa. Dass der grosse Debaya weiter nichts ist als ein Sebcha und nur zeitweise ein See genannt werden darf, wage ich Renou und Delaporte gegenüber aufrecht zu erhalten. Renou sagt p. 180: "ce grand lac d'eau clouce est remplie de poissons et les indigènes naviguent dessus et y font la pêche d'après Mr. Delaporte."--Ich will nicht in Abrede stellen, dass der Debaya sich ein Mal im Jahre mit Wasser füllt, ich will ebenfalls nicht bezweifeln, dass er zu der Zeit ohne Fische sei, dass er mit Schiffchen befahren werde, aber das dauert nur eine kurze Zeit, vielleicht nur einige Wochen; so rasch, so gewaltig die Gewässer vom Atlas herabbrausen, so rasch und schnell eilen sie dem Ocean zu. Und wenn diese ausserordentlichen Schwemmungen den Debaya nicht mehr erreichen, so trocknet er rasch aus, wird Sebcha und zuletzt vielleicht weiter nichts als eine grosse Einsenkung.
Es liegen ausserordentlich wenig sichere Nachrichten über die Draa-Gegend vor. Freilich als solche wird dieselbe schon im Mittelalter genannt. Aber darauf, dass man die Draa Landschaft _nennt_, höchstens noch eine Ortschaft derselben notirt, beschränkt sich auch Alles. Leo hebt nur den Ort Beni-Sabih hervor, offenbar die grosse von mir besuchte Ortschaft Beni-Sbih in der südlichen Provinz Ktaua. Marmol führt die Stadt Quiteoa (offenbar Ktaua) an, er nennt auch Tinzeda, welches wohl mein Tanzetta ist. Ferner nennt er die Oerter Taragale, Tinzulin (die Provinz Tunsulin von mir), Tamegrut, Tabernost, Afra und Timesquit (wohl Mesgeta). Delaporte kennt ebenfalls Quiteoa. Mouette nennt einen Berg, den Lafera oder den höhlenreichen Berg, Marmol nennt diesen Berg Taragale oder Taragalt, und es ist dies jedenfalls der Berg, der mir von den Eingebornen als der Dj. Sagora bezeichnet wurde[141]. Es ist das das Hauptsächlichste, was vom Draalande bekannt war, denn Caillié streifte auch nur die südöstlichste Umbugsecke des Thales, beim Orte Mimmssina.
[Fußnote 141: Siehe Renou, Empire de Maroc, p. 175 u.f.]
Das Draa-Land zerfällt vom Norden nach dem Süden (ich spreche immer nur von dem bewohnten Theile, der sich nach Süden bis zu dem Punkte erstreckt, wo der Draa nach dem Westen umbiegend seinen Lauf ändert) in fünf Provinzen: die nördlichste Mesgeta, dann Tinsulin oder Tunsulin (Tinjulen), drittens Ternetta, viertens Fesuoata und endlich die südlichste und grösste Provinz Ktaua. Obschon in der Provinz Ternetta ein Kaid des Sultans residirt, also eine Regierung von Marokko aus eingesetzt ist, so existirt dieselbe bloss als nominal. Das Ansehen des Kaid und seiner Maghaseni geht wohl nicht über seinen Wohnort hinaus. Die ganze Gegend im Draa-Gebiete ist derart, dass jede einzelne Ortschaft unabhängig von der anderen ist, und jede Gemeinde durch ihren Schich dem die Djemma, (Versammlung der ältesten und angesehensten Männer) zur Seite steht, regiert wird. Selbst nicht einmal die einzelnen Provinzen haben eine eigene gemeinsame Regierung. Als Hauptort oder Hauptstadt des Draa-Landes kann man Tamagrut bezeichnen, aber auch nur insofern, als hier eine berühmte religiöse Genossenschaft, eine Sauya sich befindet. Aber keineswegs ist Tamagrut eine officielle Hauptstadt, auch nicht einmal was Einwohnerzahl anbetrifft die erste. Die grösste Ortschaft im Draa-Thale ist die in Ktaua gelegene Stadt Beni-Sbih.
Sämmtliche Ortschaften sind mit einer hohen Thonmauer umgeben, einzelne haben auch noch mehr oder weniger breite und tiefe Gräben. Alle haben wenigstens eine Moschee, die grösseren auch mehrere. Die Häuser, von gestampftem Thon erbaut, haben im Innern einen meist geräumigen Hofraum, haben alle ein flaches Dach und meistens ein Erdgeschoss und ein Stockwerk. Im Erdgeschoss verwahrt man das Vieh, und oben halten sich die Menschen auf. Die Strassen in den Ortschaften sind schmal, staubig und voller Unrath, obwohl auch hier wie in Tafilet und Tuat überall öffentliche Latrinen zahlreich vorhanden sind. Die Palmgärten, welche alle wohl eingefriedigt sind durch hohe Thonmauern, erhalten ihre Berieselung durch den ewig strömenden Ued-Draa, und da das Wasser sehr reichlich vorhanden ist, so hat man keine Zeitbestimmung über die Vertheilung des Wassers zu treffen nöthig gehabt. Die Datteln, welche in der Draa-Oase producirt werden, gehören zu den vorzüglichsten der ganzen Sahara, und da sie kein anderes Absatzgebiet dafür haben als nach Marokko, das überdies noch von Tafilet und Tuat und anderen kleinen Oasen seinen Dattelbedarf bezieht, so sind sie äusserst billig, in guten Jahren verkäuft [verkauft] man eine Kameelladung (ca. 3 Centner) für einen halben Thaler. Der Getreidebedarf muss indess von aussen bezogen werden, das was die Eingebornen bauen, reicht nicht hin sie zu ernähren, obschon das ganze Jahr hindurch gepflanzt und geerntet wird. Es kommt das deshalb, weil ein groser [grosser] Theil der Gärten nur zum Gemüsebau, Kohl, Rüben, Carotten, Zwiebeln, Pfeffer, Knoblauch, Tomaten, Melonen etc. verwandt wird, und weil die grösste und schönste Provinz, Ktaua, derart von Süssholz (Glycirrhiza) überwuchert ist dass dies fast den ganzen fruchtbaren Boden unter den Palmen einnimmt.
Das Thierreich bietet nichts Besonderes da, das Schaf ist in den südlichen Provinzen von Ternetta an ohne Wolle, Pferde, Esel, Maulthiere und Ziegen sind gut und von derselben Art wie in Marokko, Rinder sind sehr selten. Von Vögeln hat man wild die Taube, Sperlinge, Schwalben, dann einen reizenden kleinen Vogel, ebenfalls zu den Sperlingen gehörend, aber mit buntem Gefieder und hübscher Stimme. Die Eingebornen nennen ihn Marabut (der Heilige) und man findet ihn frei, aber zahm in jedem Hause, jeder Oase südlich vom grossen Atlas.
Was die Bevölkerung anbetrifft, deren Zahl auf 250,000[142] Seelen sich belaufen kann, so nennt man sie Draui. Der Mehrzahl nach sind sie Berber: die Araber, vornehmlich Schürfa, leben nur vereinzelt in Ksors. Zu erwähnen sind noch die in Palmhütten lebenden Beni-Mhammed, reine Araber ihrer Abkunft nach, sie sind durchs ganze Draa-Thal zerstreut in kleinen Gemeinschaften von wenigen Familien anzutreffen. Auch einige Berberstämme haben diese Art des Wohnens in Palmhütten. Während die Araber, welche diese Oase bewohnen, vorzugsweise Schürfa, Marabutin und vom Stamme der Beni-Mhammed sind, gehören die Berber fast alle der grossen Fraction der Ait-Atta an.
[Fußnote 142: In Petermann's Mittheilungen ist die Zahl der Bevölkerung in meinem Berichte zu 25,000 angegeben: ein Schreibfehler meines Manuscriptes.]
Der Neger, der natürlich auch zahlreich vertreten ist, hat auf die _grosse_ Menge der Bevölkerung wenig Einfluss gehabt, aber der Draaberber, wenn er es auch nicht liebt, sich mit dem Schwarzen zu vermischen, hat doch unmerklich Negerblut aufgenommen, dann haben Sonne und Staub das Ihrige dazu beigetragen der Hautfarbe eine dunkle Färbung zu gehen. Die Schwarzen, welche man im Draa antrifft, sind meistens von Haussa und Bambara, auch Sonrhai-Neger sind nicht selten.
Die in einigen Ksors ansässigen Juden leben hier nicht in derselben unterdrückten und ausgestossenen Weise wie im übrigen Marokko, obschon sie auch hier sich manche Vexationen gefallen lassen müssen. Sie sind hier weniger dem Handel zugethan, vertreten hingegen mehr den eigentlichen Handwerkerstand. Büchsenschmiederei, Blechschlägerei, Tischlerarbeit, Schneiderei und Schusterei sind ihre hauptsächlichsten Beschäftigungen. Und eben weil sie durch diese Handwerke den Draa-Bewohnern unentbehrlich geworden sind, werden sie weniger gequält. Nach dem heiligen Ort Tamagrut dürfen sie indess nicht hinkommen, nicht einmal den dort _ausserhalb_ der Stadt abgehaltenen Wochenmarkt besuchen. Aber damit sie die Strenge dieser Maassregel weniger fühlen, hat man doch die Rücksicht gehabt, den Markttag für Tamagrut auf einen Samstag zu verlegen, Tag, wo es den Juden ohne das untersagt ist zu handeln und zu verkaufen.
Ausser der Sprache bemerkt man, was das Aeussere (abgesehen natürlich von den Schwarzen) anbetrifft, zwischen den Draui keinen Unterschied, wäre dieser nicht, würde man glauben, das Land sei von einem Volke bewohnt. Die Lebensweise der Bewohner ist äusserst einfach. Morgens wird eine dünne heisse und stark gepfefferte Mehlsuppe mit Datteln gegessen, Mittags und Nachmittags Datteln, wozu die Reichen ungesalzene Butter nehmen, auch Buttermilch dazu trinken, während der Arme bloss Wasser zum Trunk hat, und Abends ist Kuskussu die allgemein übliche Kost. So lebt der Draui täglich und Jahr aus Jahr ein.
Tanzetta, Ort wo ich zuerst ankam, ist wie alle Ortschaften durch eine hohe Mauer umgeben und befestigt. Nördlich dicht dabei liegt der nur von Schürfa (Abkömmlinge Mohammed's) bewohnte Ort Alt-Tanzetta, und ausserhalb von Alt-Tanzetta ist eine Milha (Judenviertel). Eine halbe Stunde südlich von Tanzetta liegt der grosse Ort Sauya-Sidi-Barca, und dicht dabei erhebt sich der sonderbar geformte und unter den Draa-Bewohnern sehr berühmte Berg Sagora, berühmt, weil er eine Höhle enthält, in welcher in der Vorzeit die Christen einen grossen Schatz verborgen hätten, den bis jetzt noch Niemand gehoben. Der Sagora bildet gerade die Mitte des Draa-Landes oder Draa-Thales (d.h. des von Nord nach Süd laufenden Stromtheiles), und er ist ein wirklicher Berg, nicht nur eine Erhöhung des Ufers.