Mein erster Aufenthalt in Marokko und Reise südlich vom Atlas durch die Oasen Draa und Tafilet.
Part 24
Ausser diesen vereinzelten Christen und den der Zahl nach genannten Juden besteht die Bevölkerung von Marokko aus Berbern, Arabern und Schwarzen. Letztere, vorzugsweise wie in ganz Marokko aus Haussa- und Bambara-Negern zusammengesetzt, fasst man auch hier unter dem Namen Gnaui zusammen, sie sind alle Bekenner des Islam, haben aber viele von ihren einheimischen Sitten beibehalten. Dadurch, dass man fast mehr Schellah als Arabisch in Marokko reden hört, könnte man versucht sein zu glauben, die Berberbevölkerung sei überwiegend. Das ist aber nur anscheinend und namentlich an den Markttagen, wo die ganze Landbevölkerung in die Stadt hereinkommt, der Fall. Der eigentliche Städter ist arabischer Herkunft, hat zwar oft viel fremdes Blut, pocht aber darauf, für einen Araber gehalten zu werden. Wie in den übrigen Städten Marokko's findet man auch hier viele Bewohner aus den übrigen grossen Ortschaften Nordafrika's, die manchmal einzelne Jahre lang, andere auch für immer sich fixiren, oder auch noch im Alter, nachdem sie ein kleines Vermögen erworben, in die Heimath zurückkehren.
Für die Aussätzigen hat man im Norden der Stadt ein eignes Dorf, Harrah[133] genannt; diese, die nur unter sich heirathen, dort eine eigene Djemma (Gotteshaus) und eigne Medressen (Schulen) haben, deren Vorstände ebenfalls Aussätzige sind, dürfen nie die Stadt betreten. Dagegen sieht man dieselben den ganzen Tag vor dem Thore "Dukala" herumlungern, um Almosen zu erflehen. Es giebt übrigens auch Begüterte unter ihnen, denn sie treiben Industrie, haben ihren eignen Grund, auf dem sie ackern und Gärten bebauen, und die übrigen Marokkaner scheuen sich nicht, mit ihnen zu handeln; wenn aber Lambert sagt, die Furchtlosigkeit vor den Aussätzigen würde so weit getrieben, dass die Stadtbewohner mit den Leprösen aus einer Schüssel assen, oder in einem Zimmer schliefen, so ist das wohl übertrieben. In diesem Harrah giebt es eine Milha für die aussätzigen Juden.
[Fußnote 133: Mit diesem Worte bezeichnet man in den östlichen Städten Nordafrika's das Judenquartier.]
Der Handel von Marokko ist gegen den von Fes gehalten gering, es fehlt den Marokkanern die Geschicklichkeit und der Unternehmungsgeist. Die einst so hoch berühmten Gerbereien von Leder (Corduan, Maroquin, Safian) liegen im Verfall, allerdings existiren noch ganze Strassen, wo man nur gelbe und rothe Leder, oder davon fabricirte Schuhe kaufen kann, aber das schönste Leder wird heute in Fes bereitet. Hauptwichtigkeit hat Marokko im Handel für die südwärts gelegenen Atlastheile und die grosse Oase des Ued-Draa. So beziehen denn auch sämmtliche Arabertriben, die den beschwerlichen Weg über den Atlas scheuen, ihre Dattelvorräthe von Marokko, und die Marokkaner holen ihren Vorrath vom Draa.
Schon am dritten Tage Morgens verliessen wir die Stadt wieder. Was mich anbetrifft, so hatte ich von derselben höchstens ein Bild gewonnen, so wie es der jetzige Reisende mit nach Hause bringt, wenn er die Eisenbahn verlässt, um sich in irgend einer Stadt am Wege einen Tag lang aufzuhalten. Aus eigner Anschauung hatte ich nur die Märkte bei Abend, die Kutubia und die Sauya Sidi-bel-Abbes kennen gelernt.
Der Rückweg wurde auf dieselbe Art gemacht, nur für mich auf angenehmere Weise, da einige reiche marokkanische Kaufleute sich der Karavane angeschlossen hatten, welche Zelte hatten, und die sich ausserdem täglich den Luxus einer Tasse Thee erlaubten, und wenn wir in der Nähe eines Duars lagerten, dafür sorgten, dass die ganze Karavane auf ihre Kosten Fleisch bekam. Es ist sehr häufig, dass in diesem Lande, wo das Alleinreisen mit der grössten Gefahr verbunden ist, sehr reiche Kaufleute sich mit Maulthierkaravanen zusammenthun, und dass sie unter dem "Aman", Schutz einer solchen "Gofla", Karavane weite Reisen zurücklegen.
Wieder angekommen in Asamor, trennten wir uns, der reichere Theil der Karavane zog nach dem Norden, der grösste Theil blieb im Ort selbst, oder in der Umgegend, und wir beide zogen längs des Oceans weiter, nachdem wir noch einige Tage Rast in der Stadt gemacht hatten. Bis zum nächsten Orte el Bridja, d.h. kleine Burg, von den Europäern Masagan genannt, ist gerade eine deutsche Meile Weges.
El Bridja, ein länglichtes ummauertes Viereck, wird fast nur von Europäern und Juden bewohnt, und der Handel, der in Asamor sein sollte, wird hier betrieben. Die Mohammedaner begnügen sich damit ausserhalb der Stadtmauer, die übrigens halb in Ruinen ist, in Hütten und Zelten zu wohnen. In el Bridja, Masagan, oder wie sie drittens von den Gläubigen genannt wird: Dar djedida, d.h. Neustadt[134], ist denn auch ein bedeutender Export-Handel, den Beaumier auf 1/8 der Gesammtausfuhr vom Lande anschlägt. Ich traf dort über 20 europäische Schiffe auf der Rhede, und wie lebhaft der Handel dort florirt, geht am besten daraus hervor, dass in diesem kleinen Orte, wo 1864 sicher nicht mehr als 1000 Einwohner waren, alle europäische Nationen einen Vertreter hatten.
[Fußnote 134: Diese kleine Stadt scheint sich durch den Reichthum an Namen auszuzeichnen, man hört sie auch El-Maduma, d.h. die Zerstörte, nennen.]
Wir verliessen Masagan und wieder längs des Meeres ziehend, kehrten wir Nachts bei Arabern in einem Duar (Zeltdorf) gelagert, ein. Ein neues Unglück sollte mich hier erreichen, der Spanier mein Begleiter war Nachts mit dem Esel aufgebrochen und hatte das Weite gesucht. Er hatte mir nichts zurückgelassen, als was ich auf dem Leibe trug, und ein kleines Ledertäschchen, welches ich als Kissen unter dem Kopfe hatte, und worin glücklicherweise etwas Geld war. Die Hauptsumme aber, alles was ich an Kleidung besass, hatte er aufgepackt und war damit verschwunden.--Es wäre unnütz gewesen hinterdreinlaufen zu wollen, zumal ich annehmen musste, dass die Leute des Zeltdorfes wohl mit ihm im Einverständnisse gehandelt hatten, denn ohne ihr Wollen hätte er sich unmöglich Nachts allein aus dem Duar entfernen können. "Mktub er Lah", es war von Gott geschrieben, sagte ich nach Sitte der Marokkaner, verliess das Zeltdorf, und erreichte ziemlich früh Ualidia.
Dies ist jetzt ein kleines Dorf ohne alle Bedeutung, scheint aber früh eine ziemlich bedeutende Stadt gewesen zu sein. Ein Theil der Stadtmauern und der Thore sind noch vorhanden. An der Küste befindet sich, südlich vom Dorfe, der beste Hafen des ganzen marokkanischen Ufers, wenn derselbe auch nicht gross ist. Es ist dieser Hafen lagunenartig, haffartig eingeschnitten, der Art, dass die davorliegende Nehrung von Felsen gebildet ist. In früheren Zeiten soll dieser Hafen auch benutzt worden sein, jetzt liegt derselbe unbeachtet und fast unbekannt da. Verschiedene Reisende, welche die Küsten Marokko's besucht haben, haben auch auf die Vortrefflichkeit des Hafens von Ualidia aufmerksam gemacht, unter ändern Frejus.--Nach Jackson wird Ualidia so genannt, weil es vom Sultan Ualid erbaut worden ist.
Ich blieb in diesem Orte nur um zu frühstücken, das Essen wurde mir auf zuvorkommende Weise von den Schriftgelehrten der Djemma angeboten, und alle erflehten auf mich den Segen Allah's herab, um mich für meinen Verlust zu trösten, und zugleich verfehlten sie nicht den Vater des Diebes und ihn selbst (in Gedanken und mit Worten) zu verbrennen, zu verfluchen und auf ewig zu verdammen. Leider bekam ich dadurch meinen Esel nicht wieder, und ihr Segen befreite mich auch nicht vom Fieber. So musste ich Nachmittags schon wieder Zuflucht in einem Zeltdorfe suchen, da ich von wahren Schüttelfrosten befallen wurde. Am anderen Tage früh aufbrechend, erreichte ich nach einem für mich recht anstrengenden Tagesmarsch spät Abends Saffi.
Saffi, wie die Europäer die Stadt, Asfi, wie sie die Eingeborenen nennen, liegt in einer weiten nach Westen offenen Bucht, deren äusserster Nordpunkt vom Cap Cantin gebildet wird. Die Stadt liegt unmittelbar am Ocean, ist von Mauern umgeben, besitzt an der Nordseite ausserdem eine Kasbah und hat ca. 3000 Einwohner, darunter einige Hundert Juden und ca. 50 Christen. Asfi wurde 1508 von den Portugiesen erobert, und sie blieben im Besitze der Stadt bis 1541, in welchem Jahre sie dieselbe freiwillig aufgaben. Chénier führt an mehreren Stellen an, die Portugiesen hätten Asfi 1641 verlassen, was aber wohl irrthümlich ist, wenn man anders nicht nachweisen kann, dass sie es zum zweiten Male genommen. Das beim Cap Cantin anfangende oder endigende Gebirge Dj. Megher tritt, Asfi umgehend, zurück, sendet aber kleine Ausläufer bis dicht zur Stadt, dadurch wird die Ufer-Gegend weniger einförmig, und das Gebirge selbst muss seines reichen Baumschmuckes halber je näher man kommt desto romantischer sein.
Ich fand in Asfi alle Funduks besetzt, fand aber bei einem Juden Unterkommen. Mein erster Gang war zum englischen Consul Mr. Carstensen, denn so sehr ich sonst auch mied, mit Europäern in Berührung zu kommen, so zwang mich andererseits mein Zustand, mich auf alle Fälle wieder in den Besitz von Chinin zu setzen. Ich fand selbstverständlich den freundlichsten Empfang, nicht nur fand ich das ersehnte Medicament, auch mit einer kleinen Geldsumme half Hr. Carstensen (die ich ein Jahr später die Freude hatte, ihm persönlich in Tanger zurückerstatten zu können) auf edelmüthige Art aus. Ehemaliger dänischer Officier, hatte Mr. Carstensen später in dem Krimkriege unter den Engländern Dienste genommen, und war durch Verheirathung in die englische Consulatscarrière gekommen. Seine Einladung, auf dem Consulate zu logiren, schlug ich indess wohlweislich aus, ebenso verführten mich auch nicht die Anerbietungen des französischen Consuls, dessen beiden Söhne, obschon Christen, auffallenderweise immer in marokkanischer Tracht gingen. Aber das Essen, welches mir Hr. Carstensen nach meinem Judenquartier während meines Aufenthaltes schickte, Teller, Messer und Gabeln, Servietten und Wein fehlten auch nicht, liess ich mir herrlich schmecken. Seit zwei Jahren das erste Mal, dass ich das Essen nicht direct mit _den Fingern_ in den Mund zu bringen brauchte.
Ich blieb zwei Tage in dieser regen Handelsstadt, auf welche nach Beaumier 1/8 des gesammten Seehandels kommt. Auf der Rhede lagen auch hier mehrere europäische Kauffahrer.
Der Weg von Asfi bis zum Fluss Tensift ist äusserst beschwerlich; wenn Fluth ist, tritt das Wasser nämlich dicht an die Felsen, und über diese muss man dann bergauf bergab klettern, da das Gebirge gegen das Meer hin sich durch zahllose Rinnsale zerklüftet. Man braucht von der Hauptstadt der Landschaft Abda, d.h. von Asfi bis zum Ued-Tensift, der zugleich die Grenze der Landschaft Schiadma ist, 6 Wegstunden.
Obschon die Mündung des Tensift sehr breit ist und hohe abschüssige Ufer hat, kann man sie zur Zeit der Ebbe durchwaten. Aber die Eingebornen müssen zur Hand sein, um die Stelle zu zeigen. Das äusserste rechte Ufer wird gebildet durch den südlichen Vorsprung des Megher-Gebirges, welches eigentlich mit dem Hadid-Gebirge Eins ist, denn am linken Ufer des Tensift zeigen die Gesteinmassen des Dj. Hadid so vollkommene Uebereinstimmung mit dem Megher-Gebirge, dass man zur Annahme berechtigt ist, der Ued-Tensift habe diesen Gebirgszug durchbrochen, um das Meer zu gewinnen. Einen Ort Rabat el Kus, wie er im Maltzan und auf verschiedenen Karten an der Mündung des Tensift angegeben ist, fand ich nicht. Hingegen stiess ich (das Uebersetzen hatte viel Zeit weggenommen) auf dem linken Ufer auf die kleine Sauya Sidi el Hussein, in der ich freundliche Aufnahme fand und nächtigte. Höchst romantisch nahmen sich von hier ca. 1 Stunde entfernt, im Osten die Ruinen einer alten Burg, Namens Kasbah Hammiduh, aus. Mitten im Walde auf schroffem Felsen gelegen, hatte es ehemals wohl die Aufgabe, die Einfahrt in den Tensift zu vertheidigen.
Die Gegend wird jetzt immer abwechselnder, tiefe Buchten, welche das Meer macht, bewaldete Bergabhänge, entschädigen für den langweiligen Marsch auf dem weissen Sande des Strandes. Ich nächtigte noch einmal bei einer Grabkapelle Sidi Abd Allah Bettich und erreichte sodann am dritten Tage nach meiner Abreise von Asfi am Morgen früh die Stadt Ssuera oder Mogador.
Mogador ist eine Schöpfung neuester Zeit. Ob der Ort Tamusiga des Ptolemaeus oder, wie Knötel will, Suriga hier gelegen hat, lasse ich dahin gestellt sein. Letzterer meint, der Name Ssuera sei von Suriga abgeleitet. So ähnlich nun auch beide Namen sind, so dürfte die Etymologie de Laporte's die richtigere sein. Er leitet Ssuera von Ssura Bildniss her, Ssuera würde dann kleines Bild bedeuten, und da in Marokko manchmal mit dem arabischen Diminutiv etwas Hübsches, Niedliches, verbunden gedacht wird, so würde Ssuera "liebliches Bildchen" bedeuten. Diese Herleitung des Wortes Ssuera von Ssura hat um so mehr Wahrscheinlichkeit, als die Berber die Stadt Tassurt nennen und dies bedeutet in der Berbersprache ebenfalls ein hübsches Bildchen.
Der Name Mogador kommt ohne Zweifel vom Grabmal des Heiligen Sidi Mogdal oder Mogdur her, dessen Kapelle sich südlich vom jetzigen Orte in nicht weiter Ferne befindet. Wenn übrigens die Stadt Mogador erst 1760 vom Sultan Mohammed-ben-Abd-Allah gegründet, und wie eine noch am Hafen befindliche Inschrift bekundet 1184 (1773 nach J.C.) vollendet wurde, so wissen wir aus den Berichten der Väter der Provinz Touraine, dass der Name Mogador, den sie auf die vor Mogador liegenden Inseln anwenden, schon bedeutend früher vorkommt; ja, man findet Hafen und Insel Mogador schon auf der catalanischen Karte von 1375 eingetragen[135].
[Fußnote 135: Renou p. 43.]
Die Stadt liegt auf einer kurzen, flachen und nach Südwest ins Meer sich senkenden Landspitze. Vor der Bucht, welche so gebildet wird, zieht sich dann eine grössere Insel hin, und weiter nach Süden und dem Lande näher, noch vier kleine Eilande. Die grosse Insel ist durch ein Fort befestigt, das aber jetzt nur marokkanische Sträflinge enthält, und seit dem Bombardement des Prinzen Joinville am 14. August 1844 nur äusserst nothdürftig wieder hergestellt ist. Eine der kleineren flachen Inseln hat ebenfalls eine Fortification. Die Stadt, selbst, fast viereckig von Form, ist eigentlich nach der Seeseite zu befestigt, denn die Mauern nach der Landseite zu, etwa 20' hoch sind kaum 6' dick und aus dem schlechtesten Material erbaut. Nach der Wasserseite aber ist die Kasbah mit ca. 30' hohen Mauern und Bastionen, und diese Kasbah, worin der Gouverneur, die Consuln, vornehme Christen und Juden wohnen, ist auch von der eigentlichen Stadt durch eine gleich hohe Mauer getrennt. Diese hat breitere und vollkommen gerade Strassen und nur einstöckige Wohnungen, während in der Kasbah die Strassen zwar auch gerade, aber eng sind, was noch um so mehr hervortritt, weil die Häuser der Kasbah meist mehrere Stock haben. Der Marktplatz des Ortes hat Säulengänge, ähnlich wie in L'Araisch.
Die Zahl der Bevölkerung dürfte 10-12000 Seelen incl. der Juden und Christen betragen. Dass Mogador, obschon am entferntesten von Europa gelegen, bislang von allen marokkanischen Häfen den bedeutendsten Handel hatte, verdankt es nicht allein den Anstrengungen der marokkanischen Regierung, sondern zum Theil seinem reichen Hinterlande; dann auch weil Agadir den Europäern verschlossen worden ist, und somit alle Producte der Landschaften südlich vom Atlas, ja von einem Theile des Sudan her, hier zusammenströmen. Indess dürfte Tanger, was Werth und Menge der Aus- und Einfuhr anbetrifft, wohl bald Mogador überflügeln. Importirt werden hier besonders Baumwollenstoffe und Thee aus England, Zucker aus Belgien und Frankreich, Tuche, Wachszündhölzchen und Stearinlichte aus Frankreich (letztere, sowie auch Salonzündhölzchen, ebenfalls aus Wien), Bretter aus Oesterreich, Stahlwaaren und Waffen aus England und Deutschland, endlich eine Menge kleinerer Sachen aus Deutschland, welche aber nur durch Zwischenhandel dahin gelangen. Exportirt wird Getreide, hauptsächlich Weizen, Gerste und Mais, trockne Hülsenfrüchte, besonders Saubohnen, Thierfelle, Schafwolle, und an Früchten Mandeln, Datteln, Oliven; aus dem Sudan werden Federn und Elfenbein gebracht, Gummi kommt heute in Mogador wohl kaum mehr zum Export. Ebenso hat die Sclavenausfuhr von hier, die in den dreissiger Jahren auch von deutschen Schiffen unter dem Namen von "Ebenholzhandel" stark betrieben wurde, ganz aufgehört.
Mogador hat wirkliche Consuln aller Mächte, mit Ausnahme des Deutschen Reiches.
Ich hatte mir in einem Funduk ein leidliches Zimmer zu verschaffen gewusst und blieb einige Tage in der Stadt, um meine Gesundheit wieder etwas herzustellen. Der englische Consul versorgte mich mit Chinin.
Und dann sagte ich mit Mogador dem letzten Hauche der Civilisation Lebewohl; ich wusste, weiter nach dem Süden zu sei kein Christ mehr anzutreffen, ich wusste sogar, dass weiter nach dem Süden zu mir die arabische Sprache mit Ausnahme in den Städten, nichts mehr nützen würde.--Sobald man die Stadt verlässt, befindet man sich in grossen Sandpartien neueren Ursprunges, in Dünen, welche in jüngster Zeit aus dem Meere ausgeworfen sein müssen. Ich wanderte zum südlichen Thore hinaus, ganz ohne Begleitung. Einige, besonders Juden und Christen, hatten mir den Weg bis Agadir sehr gefahrvoll vorgestellt; andere, Mohammedaner, meinten, ich habe nichts zu fürchten. Nachdem man eine halbe Stunde von der Stadt entfernt die Kubba Sidi-Mogdal's passirt hat, des Heiligen, welcher der Stadt den Namen gegeben hat, und der besonders bei der weiblichen Bevölkerung in grosser Verehrung steht, erreicht man zwei halb vom Sande verschlungene Schlösser des Sultans.
Der Weg, der sich Anfangs gen Süden längs des Meeres hinzieht, wendet sich bald darauf nach Osten und die Dünen erreichen ihr Ende. Statt dessen kommt man in einen dichten 10-12' hohen Binsenwald. Die Bewohner flechten Matten und Körbe aus diesen Binsen, die jedoch bei Weitem nicht so dauerhaft sind, wie jene aus den Blättern der Zwergpalme oder aus Halfa. Dieser Binsenwald ist 3 Stunden breit, dann erreichte ich Mittags eine gut ummauerte Quelle mit herrlichem Trinkwasser.
Von hier an nahm nun die Gegend einen ganz anderen Charakter an; wilde Oliven, immergrüne Eichen, Lentisken- und Lotusgebüsche wurden immer seltener, dagegen trat aber ein Baum, der Argan, welcher in den Landschaften von Dukala, Abda, Schiadma nur vereinzelt auftritt, hier derart seine Herrschaft an, dass man wohl annehmen muss, diese Landschaft Haha, welche die westlichsten Ausläufer des Atlas in sich begreift, sei die eigentliche Heimath dieses nützlichen Baumes. Eigenthümlich genug, findet sich dieser Argenbaum nur in diesen Gegenden, sonst _nirgendwo_ auf der Erde. Der Elaeodendron Argan hat in der Regel die Grösse unserer Obstbäume, mit dem Oelbaume hat er aber, obschon andere Reisende ihn damit verglichen haben, keine Aehnlichkeit. Das helle saftgrüne Blatt gleicht vielmehr den Myrtenblättern. Die Frucht selbst, von der Grösse einer Olive, sieht, wenn vollkommen reif, hochgelblich aus und hat einen widerlich süssen Geschmack, für Menschen ist sie vollkommen ungeniessbar. Aber desto mehr wird sie von den auf den Bergabhängen weidenden Ziegen und Schafen aufgesucht. Und da der Baum das ganze Jahr hindurch nach und nach Früchte zeitigt, so hat man hier die fettesten und schönsten Heerden. Der braune faltenreiche Stein der Frucht, länglich von Gestalt und so gross wie ein Aprikosenkern, schliesst einen weissen Kern ein, der äusserst bitter schmeckt, aber ein sehr gutes Oel liefert, das in diesen Gegenden allgemein von den Eingeborenen zur Speisebereitung benutzt wird. Auch in Mogador wird das Oel von den Eingeborenen benutzt, von den Europäern aber nicht. Ich selbst habe es natürlich immer essen müssen, und fand, hat man sich erst etwas an den eigenthümlich angebrannten oder räucherigen Geschmack gewöhnt, das Oel vollkommen geniessbar. Der Arganbaum erreicht bisweilen die Höhe und den Umfang, dass seine Stämme als Nutzholz verwerthet werden können. Für die Zukunft, d.h. wenn Marokko in den Kreis der Civilisation wird gezogen worden sein, dem es sich auf die Dauer ebenso wenig wie ein anderes Land wird entziehen können--wird dieser Baum der Landschaft Haha eine grosse Rolle spielen. Leider denken jetzt die Eingeborenen so wenig daran, materiell ihre Lage zu verbessern, dass sie es verschmähen, die Früchte des Arganbaumes, von dem es ausgedehnte und dichte Waldungen giebt, zu sammeln und zu Markte zu bringen, sondern es vorziehen, sie meist auf dem Boden verfaulen zu lassen.
Ich übernachtete in einer Sauya, wo nur der Thaleb Arabisch verstand, alle übrigen, Berber ihrer Nationalität nach, sprechen und verstanden nur Schellah. Es war hier das letzte Dorf, wenn man einige Hütten und Zelte, die sich um die Sauya herum gruppirt hatten, so nennen will. Denn wenn die Gegend schon dadurch einen eigenthümlichen Reiz bekömmt, dass der im herrlichsten Grün prangende Arganbaum so vorwiegend sein Reich hier inne hat, so wird man andererseits, je weiter man in Haha nach dem Süden zu vordringt, durch die eigenthümliche Bauart, durch das merkwürdige Wohnen der Eingebornen berührt. Im Norden vom Atlas, im eigentlichen Marokko (Rharb el Djoani) wohnen alle Eingeborenen, einerlei ob Berber oder Araber, entweder in Häusern aus Stein zu Städten und Dörfern _vereint_, oder in Zelten zu Zeltdörfern _vereint. Einzelne_ Wohnungen, _einzelne_ Zelte findet man fast nie. Hier ist nun Alles anders. Man glaubt sich plötzlich ins Mittelalter zurückversetzt, die kleinen Berge und fast jeden Hügel sieht man von einer grossen kastellartigen Burg gekrönt. Sei es nun, dass es von jeher diesen Berbern gefallen hat so zu wohnen, sei es, dass die grosse Unsicherheit der Gegend, die steten Feindseligkeiten der einzelnen Stämme und Familien, ein solches _befestigtes_ Wehrsystem nothwendig machte, gewiss ist es einzig in seiner Art. Denn die Städte, Dörfer, Zeltdörfer oder _unbefestigte einzelne_ Wohnungen fehlen ganz und gar. Vier, fünf oder noch mehr Familien bewohnen solche kastellartige Schlösser, welche meist viereckig von Form eine Höhe von 20 bis 30 Fuss haben. Fast alle haben an zwei Ecken hohe flankirende Thürme, und fast alle haben oben auf der Umfassungsmauer Zacken. Sie sind aus soliden Steinen mit Mörtel aufgeführt, haben einen schmalen Graben, besitzen nur Ein Thor, welches in der Regel durch eine Zugbrücke von dem umgebenden Terrain erreicht wird.
Im Innern dient der ganze untere Raum, sowie der grosse Hof fürs Vieh, die Menschen haben in der zweiten Etage, die einen gewölbten Boden hat, ihre Stätte, zu der man mittelst einer Leiter, die man im Nothfalle nach sich ziehen kann, hinaufkömmt; jede Familie hat nur ein Zimmer.
Da die hier vom grossen Atlas entspringenden Flüsschen alle nur im Winter Wasser fortschwemmen, so haben die Eingeborenen für Cisternen gesorgt, die man manchmal am Wege, manchmal an irgend einer Oertlichkeit, die den Erbauern günstig schien, eingerichtet findet. Diese Cisternen sind ganz in der Art und Weise gebaut, wie die der Römer. Es sind 15 bis 20 Fuss lange, 5 bis 10 Fuss breite, 20 Fuss tiefe und aus behauenen Steinen ausgemauerte Gruben, die oben _überwölbt_ sind. Durch ein kreisrundes Loch wird mittelst eines Eimers das Wasser heraufgeholt, welches selbst, aus Regengüssen oder aus einem Rinnsale gesammelt, mittelst eines anderen Loches hineinfliesst. Cisternen mit mehreren Abtheilungen sind mir nicht zu Gesichte gekommen, indess mögen sie auch vielleicht existiren. Einzelne dieser Wasserbehälter, und dieses sind die schlechteren, scheinen aus verhältnissmässig neuer Zeit herzustammen, die Mehrzahl aber trägt ein sehr altes Gepräge an sich.