Mein erster Aufenthalt in Marokko und Reise südlich vom Atlas durch die Oasen Draa und Tafilet.

Part 23

Chapter 233,622 wordsPublic domain

Rbat, sowie es jetzt steht, eine Stadt von ca. 30,000 Einwohnern, hat ein fast modernes südeuropäisches Aussehen, namentlich von der Westseite her. Hier haben sich hauptsächlich Christen und Juden Häuser gebaut, und besonders letztere sind in Rbat zahlreich vertreten, da sie wie auch die Christen in Sla nicht wohnen dürfen. In der Mündung des Flusses könnten Rbat und Sla einen guten Hafen haben, wenn nicht eine gefährliche Barre auf der Rhede wäre, und wenn für eine gehörige Ausbaggerung gesorgt würde. Jetzt kann der Hafen nur Schooner und kleine Briggs aufnehmen. Der Handel ist indess ziemlich lebhaft, denn eigentlich ist Rbat jetzt der natürliche Hafen für Mikenes sowohl, als auch für Fes. Man exportirt hier vorzugsweise Oel, Häute und Kork. Als eigne Fabrikation betreibt man in Rbat hauptsächlich die Verfertigung wollener Teppiche, an Güte und Dauerhaftigkeit kommen sie den syrischen gleich, im Muster und in den Farben stehen sie allerdings zurück. Ferner sind Schuhe, Burnusse und Matten gerühmt.

Rbat auf dem bedeutend höher gelegenen linken Ufer des Flusses gelegen, hat ein Castel auf seiner äussersten nach dem Meere gerichteten Seite, mit sogen. bombenfesten Gewölben, und dicht dabei eine ziemlich grosse Djemma (Moschee) mit einem sehr hübschen Smah (Minaret). v. Maltzan taxirt den Thurm auf 180' und zieht ihn der Giralda von Spanien vor. Dieser Sma-Hassan ist wie die Moschee selbst von Sultan Mansor erbaut. Leo sagt von ihm: "Vor dem Süderthor liess er auch einen Thurm, dem zu Marokko ähnlich, errichten, er hat aber viel breitere Treppen, worauf 3 Pferde nebeneinander hinaufkommen können. Ich (Leo) rechne diesen Thurm in Rücksicht auf seine Höhe zu den bewundernswürdigen Gebäuden."--Für Marokko, welches in keiner einzigen Stadt einen nur irgend bedeutend hohen Minaret hat, ist dieser Thurm des Hassan allerdings eine ausnahmsweise hohe Baute, aber im Orient trifft man bei den Mohammedanern bei Weitem höhere Minarets.

Der Palast des Sultans ausserhalb der Stadt Rbat im Süden und fast hart am Meere gelegen, ein vollkommen neues Gebäude, und irre ich nicht, erst vom jetzigen Sultan erbaut, zeichnet sich nur durch Kasernenhaftigkeit aus. Es ist ein ziemlich unbedeutendes Gebäude, mit einer Beletage, hat viele Fenster, die aber nicht Glasscheiben besitzen, sondern durch hölzerne Jalousien verschlagen sind. Vor dem Schlosse nach dem Strande zu befinden sich Erdschanzen auf europäische Weise errichtet; einige Kanonen sind ebenfalls darin.

Der von Maltzan erwähnte "römische Aquaduct" ausserhalb der Stadt, dessen Ruinen noch heute vorhanden sind, ist indess nicht römischen Ursprungs, wenn man anders den Aufzeichnungen von Leo Glauben schenken kann. Derselbe sagt p. 177: "Weil in der Nähe der Stadt kein sonderlich gutes Wasser war, so liess Sultan Mansor eine Wasserleitung von einer Quelle, die ungefähr 12 Meilen von der Stadt entfernt ist, hier anlegen; sie besteht aus schönen Mauern, welche auf Bogen ruhen, gleich denen, die man hier und da in Italien, vornehmlich um Rom sieht. Diese Wasserleitung theilet sich in viele Theile: einige führen Wasser in die Moscheen, andere in die Schulen, andere in die Paläste des Königs, andere in die öffentlichen Brunnen, dergleichen für alle Districte der Stadt gemacht wurden. Nach Mansor's Tode nahm die Stadt allmälig so ab, dass nicht ein Zehntel mehr übrig ist. Die schöne Wasserleitung ist in den Kriegen der Meriniden gegen Mansor's Nachfolger zerbrochen worden." So Leo. Ich muss indess bekennen, dass nach Besichtigung der Ruinen dieser Wasserleitung ich ebenfalls geneigt bin mit Maltzan sie für römischen Ursprungs zu halten, da nirgends anderswo, soviel ich das Land habe kennen lernen, die Marokkaner selbst irgend ähnliche Bauten aus massiven Quadersteinen errichtet haben.

Heutzutage entbehrt Rbat sehr dieser Wasserleitung, die Einwohner behelfen sich zum Theil mit dem Wasser ihrer Cisternen, zum Theil holen sie weither ihr Trinkwasser in Schläuchen. Nirgends ist daher auch das Trinkwasser theurer als in Rbat. In allen grösseren marokkanischen Städten durchziehen Wasserverkäufer mit einem grossen Schlauch auf dem Rücken, in der einen Hand eine Glocke, in der anderen einen Becher haltend, die Strassen und verkaufen dem Durstigen für einen Fls. den Labetrunk, der dann so bemessen ist, dass der Käufer so viel trinken kann, wie er Durst hat. In Rbat aber muss ganz genau das Maass inne gehalten werden.

Im Uebrigen hat die Stadt nichts Merkwürdiges, nur will ich nicht unterlassen auf die unvergleichlich schönen Gärten aufmerksam zu machen, die sich längs des linken hohen Flussufers hinziehen. Was nur das glückliche Klima des Mittelmeeres hervorbringt, findet man hier blühen und grünen.

Ich blieb nur kurze Zait [Zeit] in Rbat, und durch die lang ausgedehnte jetzt leere Stätte der Mhalla (die Armee des Sultans), welche südwärts der Stadt sich befand, dahin eilend, zog ich dem Süden weiter entgegen. Ich hatte nun vollkommen unbekanntes Land vor mir, bis Rbat, wo ich auch früher schon gewesen war, hatte ich fast alles Land kennen gelernt, was im Bereiche des "civilisirten Marokko" lag. Einsam ohne Karavanen zogen meine Begleiter und ich längs des Strandes dahin, den grauen Esel vor uns hertreibend. Der Weg längs des Strandes bleibt auch hier einförmig und langweilig. Indess so wenig die Natur bietet, so belebt ist andererseits dieser Weg durch Menschen, denn bis Asamor ist hier die Hauptroute von Rbat nach Marokko, von Asamor verlässt die Strasse das Meer, um ins Innere sich hineinzuziehen.

Längs der Küste ziehen sich eine Menge Kasbahs hin, zum Theil in leidlichem Zustande, zum Theil verfallen; sie erinnern lebhaft an die Befestigungen in Spanien und Italien, deren Küsten ebenfalls überall mit Thürmen und Festungen garnirt sind. In diesen Kasbahs kann der Wanderer Schutz vor schlechter Witterung finden, oder übernachten, sonst bieten sie aber in der Regel nichts, und die meisten sind ohne Insassen. Wir gingen bis Mitternacht und nächtigten sodann in der Kasbah Scharret, am Flüsschen gl. N. gelegen. Diese Kasbah bildet zugleich eine Cavalleriekaserne, es befanden sich etwa 200 Reiter mit ihren Pferden in derselben. Wir konnten von diesen Reitern unser Abendbrod kaufen, eigentliche Kaufleute waren aber nicht vorhanden.

Zwischen Rbat und Asamor finden sich eine Menge von kleinen Flüssen, die von Osten kommend alle das Meer _mit Wasser_ erreichen, und auch das ganze Jahr Wasser halten. So passirten wir am folgenden Tage den Ued-Bu-Steka und drei andere kleine Flüsse, und befanden uns Mittags am Ued-Mansuria, der an seiner Mündung, zur Fluthzeit, nicht zu passiren ist. Nach langem Suchen fanden wir endlich stromaufwärts gehend eine Furth, die uns durchliess. Der auf den Karten angegebene Ort Mansuria _existirt nicht_. Auf dem linken Ufer des Flüsschens befinden sich die Trümmer der Kasbah Mansuria. Der Ort Mansuria soll nach Leo auch nicht am Ocean, sondern zwei Meilen stromaufwärts am Flüsschen, das er Guir nennt, gelegen sein. Aber schon zu Leo's Zeiten war das genannte Städtchen nur noch ein Trümmerhaufe.

Wir gingen selben Tags noch bis zur Mündung des Flusses Ued-el-Milha, an dessen linkem Ufer die Kasbah Fidala liegt. Ob Fidala nach der Meinung Gosselin's das alte Kerne[130] gewesen sei, wage ich nicht zu entscheiden; eine Insel ist in der Mündung des Flusses nicht, wohl aber ist auch hier eine Nehrung. Im Innern der sehr geräumigen Kasbah lagerte ein ganzer Stamm unter Zelten, aber auch feste Wohnungen waren da. Namentlich zeichnete sich die in der Mitte der Burg liegende Djemma durch Sauberkeit der Arbeit und gute Conservirung aus. Die Tholba (Schriftgelehrten) luden uns freundlichst ein, in derselben die Nacht zuzubringen. Die meisten Häuser, die in Fidala sind, liegen in Ruinen, der edle Styl derselben, die Abwesenheit des maurischen Schwibbogens an Fenstern und Thüren sagen uns mit Sicherheit, dass diese Gebäude von Europäern erbaut wurden. Renou behauptet indess, dass Fidala 1773 von Sultan Mohammed gegründet sei. An vielen der Fenster waren sogar noch Balcons.

[Fußnote 130: Kerne möchte eher beim heutigen Agadir zu suchen sein, obgleich auch dort in der Bucht keine kleine Insel sich befindet, aber keineswegs, wie Knötel meint, die Insel im Rio do Ouro sein.]

Am folgenden Morgen passirten wir eine lange über den schmalen Fluss Ued-Dir führende Brücke, derselbe soll jedoch manchmal weit austreten. Die Gegend bleibt immer dieselbe, rechts das Meer, und links die nicht enden wollende Gegend der Provinz oder Landschaft Temsena, nur einmal unterbrochen durch den grossen längs der Küste sich hinziehenden Sumpf Um-Magnudj. Die gut bevölkerte Gegend bringt hauptsächlich Mais hervor, der den Leuten als Hauptnahrung dient, indem sie ganz wie die Italiener eine Polenta davon bereiten. Man kann sagen, dass an der ganzen Küste von L'Araisch bis Asamor nicht die zu Kuskussu verarbeitete Gerste, sondern der Mais oder türkische Weizen die Nationalkost ist. Auch wird davon viel nach Spanien und Portugal exportirt.

Am selben Abend noch waren wir in Dar-beida (Weissenstadt und von den Spaniern Casa bianca übersetzt), wo wir bald bei einem Kaffeehausbesitzer, den ich von Fes her kannte, ein gastliches Unterkommen fanden. Dar-beida bildet eine Art befestigten Vierecks, dessen Mauern jedoch ausser Stande sind, den geringsten Widerstand gegen Europäer zu leisten. Sowie von Masagan und Safi wird auch von hier aus bedeutend exportirt, und hauptsächlich sind es Wolle, Oel, Mais, Weizen, Mandeln und Felle, welche die Eingeborenen den Europäern zu Markte bringen. Die Einwohnerschaft von Dar-el-beida beläuft sich auf ca. 300 [3000] Seelen, unter denen sich eine zu den übrigen Hafenstädten Marokko's verhältnissmässig grosse Zahl von Europäern befindet. Ich fand es höchst auffallend, dass alle Lebensmittel hier so theuer waren, vielleicht ist die Concurrenz der Europäer daran Schuld. In der Meeresbucht befanden sich sieben grössere europäische Fahrzeuge, im Begriffe, ihre Ladungen einzunehmen. Sie kommen meist ohne Waaren an, wenn man anders nicht die Silberthaler (spanische und französische) als Importationsartikel rechnen will. Aber der Vortheil, den die Europäer auf die eben angeführten Exportationsartikel machen, ist ein sehr grosser. Deutschland betheiligt sich gar nicht daran. An Merkwürdigkeiten hat die Stadt nichts aufzuweisen.

Maltzan nimmt an, dass Dar-beida oder Dar-el-beida die Stadt Anfa Leo's sei. Es ist auch wohl nicht daran zu zweifeln, aber Leo's Angaben über die Entfernung Anfa's sind höchst ungenau, er sagt: "Anfa ist eine grosse von den Römern erbaute Stadt am Ufer des Oceans, ungefähr 60 Meilen vom Atlas gegen Norden, ungefähr 60 Meilen von Azemur gegen Osten und ungefähr 40 Meilen von Rabat gegen Westen gelegen." Leo scheint die Stadt gleich nach der Zerstörung derselben durch die Portugiesen besucht zu haben, er fand sie ganz verödet und von Einwohnern verlassen. Nach Maltzan wurde sie erst 1750 von Mulei Ismaïl unter dem Namen Dar-el-beida wieder aufgebaut. Nach Renou wiedererbaute sie Sultan Mohammed, was wahrscheinlicher ist, da Ismaïl von 1672-1727 regierte. Von Dar-beida nach Asamor brauchte ich zwei Tage. Der auf fast allen Karten Marokko's angegebene Ort Mediona, der an der Küste liegen soll, existirt dort nicht, wohl aber ca. 3 Meilen landeinwärts; Mediona ist weiter nichts als eine von einigen Duar umgebene Kasbah.

Endlich war die weite Mündung des Um-Rbea, oder wie man gewöhnlich sagt Mrbea erreicht. Der Fluss ist so tief, dass er selbst zur Ebbezeit nie durchwatet werden kann, aber eine gute Fähre ist vorhanden, mit der man übergesetzt wird. Der Fluss Um-Rbea, vom Atlas entspringend, hat auf seinem linken Ufer die bedeutende Stadt Asamor; aber so bedeutend dieselbe ist, ich schätze die Einwohnerzahl auf 30,000 [3000] Seelen, so wird ihrer selten in den geographischen Handbüchern gedacht. Der Name Asamor bedeutet aus der Tamasirht-Sprache übersetzt, die Oelbäume, und eigentlich hat die ganze Stadt den Namen Asamor-es-Sidi-Bu-Schaib, d.h. die Oelbäume des gnädigen Herrn Bu-Schaib. Ursprünglich war hier nämlich weiter nichts als ein Sanctuarium dieses Schaib's, dessen kleine "Kubba", in der er begraben liegt, sich noch heute in Asamor befindet und die in naher Umgegend als ein grosses Heiligthum gilt. Die Zahlenangaben über den Angriff von Asamor durch die Portugiesen sind bei Maltzan nicht genau. Erst 1508 begannen die Portugiesen zu belagern, jedoch ohne Erfolg, aber im Jahre 1513 wurde die Stadt erobert, zerstört und nach einem zweiunddreissigjährigen Besitze von den Christen freiwillig aufgegeben[131].

[Fußnote 131: Siehe darüber Leo, Dapper und Renou.]

Asamor, auf einer ca. 150' hohen Anschwellung des Erdbodens gelegen, wird merkwürdigerweise von Arlett mit nur 700 Einwohnern angegeben. Andere aber, die doch auch gute Notizen über die Stadt hatten oder auch Asamor selbst gesehen haben, sind darüber auch anderer Meinung, so nennt Dapper sie "überaus volkreich", Lempriere "ein grosser Ort." Die Sache ist nämlich die, dass von allen Häfen, Asamor und Agadir die einzigen sind, wohin Europäer selten kommen. In _allen_ marokkanischen Hafenstädten, so klein sie auch sein mögen, giebt es Consuln und Consularagenten. So in Arseila, in L'Araisch, in Masagan etc., aber in der Stadt Asamor und Agadir sind weder christliche Consuln noch Europäer. Allerdings sind in Sala auch keine Consuln, aber der Grund liegt mehr in der Nähe von Neu-Sala oder Arbat, als in einer anderen Ursache.

So ist denn auch Asamor eine vollkommen marokkanische Stadt, der ganze Handel, die Industrie hat etwas urwüchsig Marokkanisches an sich. In dieser schönen Flussmündung, welche meilenweit nach oben hin noch salziges Meerwasser hinauftreibt, sieht man nie europäische Schiffe. Der ganze Handel von Asamor mit dem Binnenlande beruht auf eigner Production und Manufactur. Man verfertigt namentlich Haike, Burnusse, Matten, Schuhe und Töpfergeschirr. In der Nähe der Stadt ist bedeutender Gemüsebau, aber die Früchte werden mehr nach aussen hin, nach Dar-beida und Masagan exportirt, als in der Stadt selbst aufgebraucht.

Ich durfte nicht unterlassen "den berühmten Heiligen Mulei Bu-Schaib zu besuchen", so sagt man in der That in Marokko, einerlei ob der Heilige noch lebt oder todt ist. Man redet dann auch einen solchen Heiligen wenn er gestorben ist so an, als ob er noch lebte: "es ssalamu alikum ia Mulei Bu-Schaib" etc. Als ich eintrat in den kleinen Grabdom, war denn auch das ganze Mausoleum voller Bittsteller, alle umhockten oder Umlagen den Sarkophag, d.h. ein hölzernes mit rothem Tuch und reich mit Seide gesticktes umhangenes Holzgestell. Den grössten und eigentlichen Segen hatten indess nur die Schriftgelehrten des Mulei Bu-Schaib, die von jedem Betenden eine Gabe zu erpressen wussten. Als höchst merkwürdig fiel mir auf, dass diese Tholba (Schriftgelehrte) durch besondere Tracht sich auszuzeichnen suchten von ihren Mitgläubigen, wie die Pharisäer der Bibel. Bei den übrigen Marokkanern unterscheidet sich aber, wie schon angeführt, der Schriftgelehrte von seinen Mitgläubigen nie durch Tracht, und wenn er auch der erste Faki der Djemma Mulei Abd Allah Scherif von Uesan wäre. Sowie durch eigne Tracht, so zeichneten sich denn auch diese Tholba durch grosse Selbstgefälligkeit und religiöse Eitelkeit aus.

Ehe ich von Asamor aus weiter zog, muss ich eines kurzen Abstechers erwähnen, den ich von hier aus mit einer Karavane nach der Stadt Marokko, von den Eingebornen Marakesch genannt, machte. Es war nur eine kleine Karavane aus lauter Eseltreibern bestehend, welche Töpferwaaren ins Innere des Landes führten, dabei bis Marokko wollten, um von dort andere Waaren zurückzubringen. In Gesellschaft dieser Leute war es vollkommen unmöglich irgendwie nur Aufzeichnungen zu machen. Die Gegend sah zu der Zeit sehr traurig aus, da es Herbst war und die ersehnten Regen wollten sich nicht einstellen, so dass man hatte glauben können in der Vorwüste zu sein. Und doch muss diese Landschaft im Winter und Frühling ein ganz verändertes Aussehen haben. Die kahlen Lotusbüsche bekleiden sich dann mit frischen hellgrünen Blättern, die einförmige Zwergpalme sendet neue Fächer aus der Erde und reift ihre kleinen äusserlich der Weintraube nicht unähnlichen Beeren, Zwiebeln und Gräser spriessen aus der Erde und die Heerden kehren von den immergrünen Weideplätzen der Atlasstufen zurück.

Wir marschirten den ersten Tag sehr anstrengend, um zur rechten Zeit auf dem Markte el Had (Sonntag) zu sein, und noch denselben Tag wieder aufbrechend, überzogen wir sodann einen niederen Gebirgszug von Nordwest nach Südost streichend, der an der Gegend, wo wir ihn überschritten, den Namen Dj. Ssara führte. Sobald man den Kamm dieser Hügel, welche zugleich die Wasserscheide zwischen dem Mrbea und Tensift bilden, überschritten hat, erblickt man die schneeigen Gipfel des grossen Atlas. Aber so nahe die Berge zu sein scheinen, so fern sind sie noch; ehe man nur die Stadt Marokko erreicht, hat man noch drei Tagemärsche.

Der Sultan war zu der Zeit mit der ganzen Armee dort; er hatte sich den Eintritt in die zweite Hauptstadt seines Landes erkämpfen müssen. Die Stämme der Rhammena, südwestlich von Marokko auf den Abhängen des Atlas heimisch, hatten sich kurz vor seiner Ankunft empört und hielten die Stadt umschlossen. Aber die Rhammena hatten nicht auf die Kanonen des Sultans gerechnet, trotzdem sie sich ziemlich hartnäckig bei der Sauya-ben-Sassy südlich von der Stadt vertheidigten. Sobald die Kanonen erdröhnten, wurden sie leicht bewältigt, und nachdem so und so viel Köpfe waren abgeschnitten worden, welche als Warnung an sämmtliche Städte des Reiches vertheilt wurden, nachdem sie aller Habe waren beraubt worden, war wieder Ruhe im Lande.

Ich blieb nur zwei Tage in Marokko und verliess das Funduk (Gasthaus) nur Abends, um nicht Bekannten zu begegnen. Denn trotzdem der Sultan durch Vermittelung des englischen Gesandten mir beim Weggange von Mikenes freigestellt hatte, im Lande zu bleiben und überall frei hingehen zu können, fürchtete ich, falls er erführe, ich sei in Marokko, festgehalten zu werden.

Die Stadt Marokko ist nach Beaumier's Beobachtungen mit einem holosterischen Barometer 408 Meter über dem Meere gelegen. Die Einwohnezahl [Einwohnerzahl] der Stadt ist, sehr wechselnd, je nachdem der Sultan anwesend ist oder nicht. Sir Drummond Hay, der zuverlässigste Gewährsmann, und der von allen Europäern am besten die Städte des Innern kennen lernte, nimmt 70,000 Einwohner an. Zur Zeit, als er dort den Sultan besuchte, ist das auch wohl richtig gewesen, in gewöhnlichen Zeiten sind aber wohl nicht mehr Bewohner in der Stadt, als wie Maltzan, Beaumier und Lambert annehmen: 50,000.

Nach Leo und den meisten Geographen soll Marokko von Yussuf-ben-Taschfin erbaut sein, Renou, sich auf Cooley stützend, giebt das Jahr 1073 als Erbauungsjahr an. Es ist indess wohl genauer, wenn wir mit Sedillot festhalten, dass der Feldherr Abu-Bekr, ein Partisan von Abd-Allah-ben-Taschfin, einige Jahre früher die Stadt anlegte. Von der Bedeutung aber, wie Marokko unter Yussuf, unter seinem Sohne Ali gewesen ist, von welcher Epoche Leo sagt, die Stadt habe hunderttausend Häuser gehabt, davon hat dieselbe nur den grossen Umfang behalten. Nach Lambert sollen die jetzigen Mauern der Stadt, die aus Tabi (d.h. einer Mischung aus Thon, Kalk und kleinen Steinchen, welche Masse zwischen Brettern gestampft und gepresst wird) bestehen, und die wie die Umfassungsmauern aller marokkanischen Städte von Entfernung zu Entfernung flankirende Thürme haben, vom Sultan Mohammed ben Abd-Allah (1757-1790), dem fähigsten und bedeutendsten marokkanischen Kaiser der Neuzeit, gegründet sein.

Ganz entgegengesetzt zu Fes hat die Stadt Marokko mit wenigen Ausnahmen nur einstöckige Wohnungen, und an den Seiten der _breiten_ Gassen findet man oft grosse Gärten. Nur im Handelscentrum der Stadt verengen die engstehenden Häuser die Strassen. Im Uebrigen hat die Stadt ihre Kessaria (eine ganz neu erbaute für fremde Artikel ist nach Lambert kürzlich hinzugekommen), ihre Ataria, ihre grossen und kleinen Funduks, ihre Marktplätze, auf denen der bedeutendste Markt vor der Djemma el Fanah und der andere ausserhalb der Stadt vor dem Thore "Chamis" abgehalten werden. Auch ein Narrenhaus, Morstan, befindet sich in Marokko mit ähnlicher Einrichtung wie in Fes.

An öffentlichen Gebäuden ist die Stadt arm, der Palast des Sultans, obschon äusserst umfangreich, zeichnet sich durch nichts aus. Die berühmteste Moschee ist die Kutubia, so genannt von den Adulen (Schreibern) und Ketabat (Büchern), welche dort, erstere ihr Handwerk treiben, letztere ebenda zu kaufen sind. Der hohe Thurm der Kutubia soll nach Lambert ca. 250 Fuss, nach Maltzan ca. 210 Fuss hoch sein, und v. Maltzan schätzt die Architektur auch dieses Thurmes höher als die der Giralda von Sevilla, welche doch von Lübke in seiner Geschichte der Architektur als eines der schönsten Baudenkmäler spanisch-maurischer Architektur hervorgehoben wird. Was die innere Anordnung der Djemma anbetrifft, so gleicht sie fast der grossen den "Erzengeln" gewidmeten Moschee in Fes. Auch hier die grosse Zahl von Säulen, die von Spanien hergeholt sein sollen, auch hier die reizenden Springbrunnen, die aber oft genug kein Wasser spenden. Denn die einst so schönen Wasserleitungen der Stadt, weiche von den Bergen Misfua und Mulei Brahim das Wasser der Stadt zuführen, liegen in verwahrlosetstem Zustande. Von den übrigen Moscheen ist wenig zu berichten. Das grösste Heiligthum der Stadt ist die Sauya des Sidi-bel-Abbes, im Norden der Stadt gelegen. Sidi-bel-Abbes ist zugleich der Schutzpatron der Stadt, er liegt dort in einer kleinen Kubba begraben. Alle Fremde, namentlich Pilger, werden hier unentgeltlich drei Tage lang verpflegt; es versteht sich, dass diese Sauya auch Zufluchtsort für Verbrecher und unrechtmässig Verfolgte ist.

Das Ghetto der Juden, wie in allen marokkanischen Städten "Milha" genannt, d.h. der gesalzene Ort, wird nach Lambert häufig Spasses halber von den Mohammedanern "Messus", d.h. der "salzlose Ort" genannt; man schätzt die Zahl der Juden auf 6000 Seelen. Moses Montefiori, der im Jahre 1864 in Marokko war, um beim Sultan eine verbesserte Lage für seine unglücklichen Glaubensgenossen herbeizuführen, hat dies trotz seiner reichen Geschenke keineswegs zu Wege bringen können, sie leben dort heute noch in derselben unglücklichen und unterdrückten Art, wie bisher. Für die Christen scheint aber dort ein Umschwung eingetreten zu sein. Beaumier konnte mit seiner Frau, freilich in seiner Eigenschaft als Consul, im Jahre 1868 unbehindert die Stadt nach allen Richtungen hin durchziehen, und der schon mehrere Male genannte Hr. Lambert bewohnt Marokko seit Jahren. Um dies zu können, muss man aber vor allem der Sprache vollkommen mächtig sein, und man muss es verstehen, Demüthigungen und Vexationen, ähnlich wie sie von den Mohammedanern den Juden täglich auferlegt werden, zu ertragen. Aber keineswegs möchte ich doch empfehlen, wie Hr. Lambert das am Ende seines der Pariser geographischen Gesellschaft überreichten Berichtes thut: "die Touristen einzuladen, statt nach oft besuchten Gegenden zu gehen, nach Marokko zu kommen, um Ausflüge in die Umgegend zu machen". Solche sichere Zustände herrschen heute im Innern dieses Landes noch nicht[132].

[Fußnote 132: Die Folge eines solchen französischen Berichtes verursachte auch den Tod von Alexandrine Tinne. Sie berief sich stets auf die zwischen Colonel Mircher und den Tuareg vereinbarten Verträge, als man ihr rieth nicht ins Land der Tuareg zu gehen; Obschon sie wissen musste, dass diese Verträge nur auf dem französischen Papiere existirten, da von Seiten der mächtigen und besitzenden Tuaregfürsten Niemand erschienen war mit Oberst Mircher zu unterhandeln.]