Mein erster Aufenthalt in Marokko und Reise südlich vom Atlas durch die Oasen Draa und Tafilet.

Part 22

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So glaubte ich denn auch, dass die Zeit gekommen sei, mein Geschick von dem des Grossscherifs zu trennen, dessen liebenswürdige und uneigennützige Gastfreundschaft ich nun seit einem Jahre genoss; zudem fühlte ich, dass ich der arabischen Sprache täglich mächtiger wurde, denn hat man die ersten Schwierigkeiten überwunden, so ist diese Sprache als Umgangssprache nicht schwer. Und wenn man ausgerechnet hat, dass ein europäischer Landmann, ein englischer Bauer z.B. in seinen gewöhnlichen Lebensverhältnissen nur ca. 400 Wörter braucht, mit deren Hülfe er alle seine Ideen seinen Mitmenschen mittheilen kann, so hat man sicher in Marokko auch nicht mehr nöthig.

Die ganze Lebensart ist so einfach, der Gegenstände, die der Mensch dort nöthig hat, sind so wenige, die Unterhaltung ist so stereotyp und dreht sich so ziemlich immer um dieselben Gegenstände, dass, wenn man einmal erst mit der Construction der marokkanischen Redeweise vertraut ist, und den nöthigen Wörtervorrath im Gedächtniss angesammelt hat, das Reden ganz von selbst geht. Hauptsache ist dabei, immer Gott und Prophet im Munde zu haben, von Paradies und Hölle zu sprechen, den Teufel nicht zu vergessen, und dabei andächtig mit dem Munde murmelnd den Rosenkranz durch die Finger gleiten zu lassen. Fällt einem dann auch nicht gleich eine Redewendung ein, hat man ein Wort plötzlich vergessen, und sagt statt dessen: "Gott ist der Grösste", oder "Mohammed ist der Liebling Gottes", oder "Gott verfluche die Christen", so findet das kein Marokkaner, auch wenn diese Redensarten gar nicht dahin passen, auffallend, und er wird selbst den Satz ergänzen, oder das gesuchte Wort finden.

Ehe ich indess Uesan verliess, bot sich mir Gelegenheit dar, mit einem "Emkadem", Intendant, des Grossscherifs nach der kleinen zwischen Fes und Udjda gelegenen Stadt Tesa zu reisen; derselbe war abgeschickt worden, rückständige Gelder für die Sauya Uesan einzukassiren. Den ersten Tag verfolgten wir den von Uesan nach Fes führenden Weg und lagerten am Ued-Ssebu an einer Oertlichkeit, Manssuria genannt, welche aus einigen Hütten bestand und einem Duar, beides Eigenthum des Grossscherifs. Merkwürdig ist diese Gegend dadurch, dass in der Nähe von Manssuria ein steinigtes Feld ist, aus dem beständig Schwefeldämpfe und nach den Aussagen der Eingeborenen mitunter auch kleine Flammen emporsteigen[124]. Es ist dies die mir einzig in Marokko bekannte Oertlichkeit, wo vulkanische Erscheinungen heute noch in Thätigkeit sind. Am zweiten Tage, im Thale des Ssebu aufwärts gehend, das die zahlreichen Krümmungen abgerechnet von Osten herkommt, blieben wir noch eine Nacht in einem Tschar (Bergdorf) und erreichten am dritten Tage das malerisch am Berge gelegene Städtchen Tesa.

[Fußnote 124: Vielleicht das Pyrron Pedion, dessen Ptolemaeus in Mauritania Tingitana erwähnt.]

Nach Ali Bey liegt Tesa auf dem 34° 9' 32" N. B. und 6° 15" W. L. v. P. auf dem Unken Ufer des Ued-Asfor (gelber Fluss, wie hier der Ssebu heisst), jedoch fast eine halbe Stunde von ihm entfernt. Ausserdem wird die Stadt vom kleinen Ued-Tesa durchströmt, der vom Süden kommt. In der Lage, d.h. am Abhange eines Berges gelegen, hat Tesa eine ausserordentliche Aehnlichkeit mit Uesan. Leo giebt der Stadt 5000 Feuerstellen, was jedenfalls jetzt viel zu hoch ist, denn sie dürfte kaum mehr als 5000 Einw. haben, von denen ca. 800 Seelen jüdischen Bekenntnisses sind. Hemsö wagt die Vermuthung, dass Tesa das Babba der Alten ist.

Die Stadt, mit einer einfachen Mauer umgeben und einer Kasbah, hat eine beständige Garnison von 500 Maghaseni, eine Auszeichnung, die sie nur noch mit Udjda theilt, welches eine ebenso grosse Besatzung hat, während in allen anderen Städten des Reiches nur ca. 20 Soldaten dem Gouverneur zur Verfügung stehen. Die Lage der Stadt, die Nähe der unruhigen Hiaina, und der anderen vollkommen unabhängigen Bergvölker im Osten und Süden der Stadt machen eine so starke Besatzung sehr nothwendig. Tesa ist Hauptmittelpunkt des Handels zwischen Algerien, resp. Tlemçen und Fes. Aber östlich von Tesa ist die Gegend so unsicher, dass jede Karavane von einer Abtheilung Maghaseni begleitet sein muss. Stark besuchte Karavanenwege führen ausserdem von Tesa nach dem Figig und Tafilet. Die Häuser im Innern der Stadt bekunden Wohlhabenheit der Einwohner, die grosse Moschee, mit antiken monolithischen Säulen im Innern, deutet darauf hin, dass einst die Stadt noch bedeutender gewesen ist, als jetzt, und was die Gesundheit der Luft, die Reichhaltigkeit der Fruchtbäume und die wunderbar schöne Gegend anbetrifft, so kann man nur mit Leo übereinstimmen, der sagt: "Billig sollte dieser Ort, wegen der gesunden Luft, die im Winter sowohl als im Sommer hier stattfindet, die königliche Residenz sein."

Wir waren in Tesa in der Sauya der Tkra Mulei Thaib abgestiegen, und wurden selbstverständlich gut bewirthet. Nach zwei Tagen Aufenthalt, als der Emkadem seine Gelder einkassirt hatte, gingen wir auf demselben Wege nach Uesan zurück, da der directere aber durch die Hiaina führende Weg nicht genug Sicherheit bot, selbst für den Emkadem des Grossscherifs.

In Uesan wieder angekommen, waren meine Tage gezählt; es handelte sich nur darum, die Erlaubniss zur Abreise zu bekommen. Ich durfte nicht daran denken, dem Grossscherif zu sagen, dass ich ihn für immer verlassen wollte, da er sich einmal vollkommen mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, ich würde immer bei ihm bleiben. So bekam ich denn endlich die Erlaubniss eine kleine Reise machen zu dürfen, und sagte der Stadt Uesan für immer (wie ich damals glaubte, später kam ich aber doch noch wieder nach Uesan) Lebewohl.

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13. Reise längs des atlantischen Oceans

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Nach Tanger aufbrechend, deponirte ich ein Kästchen mit Papieren bei Sir Drummond und zog längs der Küste, denselben Weg bis L'Araisch weiter. Als Ausrüstung hatte ich weiter nichts als einen Esel mit zwei Schuari (Seitenkörben), welche einige Vorräthe enthielten; ein spanischer Renegat, der gewissermassen mein Gefährte, Diener, Eselwärter und Doctorgehülfe war, hatte sich angeschlossen. Ehe wir weiter zogen, blieben wir noch einige Zeit in der Stadt.

L'Araisch liegt auf der äussersten Seite des linken Ufers des Ued-Kus derart, dass eine Seite nach dem Flusse, die andere nach dem Ocean Front macht. Ungefähr 4 K.-M. stromaufwärts des Ued-Kus am rechten Ufer lag das alte Lya der Punier oder wie es später von den Griechen und Römern genannt wurde Lina, ehedem die bedeutendste Niederlassung an dem atlantischen Ocean. Etwas weiter stromaufwärts fallt dort der Ued-Maghasen in den Kus.

Die Ruinenstätte ist von Sir Drummond Hay und Barth besucht worden, ohne dass jedoch Beide besondere Entdeckungen gemacht hätten, die auch wohl kaum ohne Reinigung des Bodens und Ausgrabungen zu machen sind. Von Drummond Hay werden die Ruinen Schemmies genannt. Barth will aus den Grundmauern bei der Kasbah erkannt haben, dass auch auf dem heutigen Boden der Stadt L'Araisch eine alte libysche Stadt gelegen habe, was durch Scylax's Aussage bestätigt würde.

Von der von den Alten als in der Mündung des Lixos liegend erwähnten Hesperiden-Insel ist heutzutage keine Spur vorhanden. Allerdings taucht bei tiefer Ebbe eine etwa 1 K.-M. haltende Sandbank, in der beutelartigen Mündung des Flusses auf, und möglicherweise, man braucht nur eine allgemeine Senkung der atlantischen Küste anzunehmen, war dies die einst so fruchtbare Hesperiden-Insel. Diese Mündung, im Norden durch hohe Sandberge geschützt, könnte, wollte man sich die Mühe geben die Barre wegzubaggern, zu einem trefflichen Hafen eingerichtet werden. Jetzt können bei Fluth höchstens Schiffe von 150 Tonnen Gehalt einlaufen; als wir in L'Araisch waren, befanden sich sechs europäische Schiffe im Hafen, ausserdem verfaulten am Strande die beiden letzten Kriegsschiffe der Marokkaner, zwei elende Brigantinen. Und doch hatte Marokko vor noch nicht hundert Jahren die Frechheit, mit seiner elenden Seemacht die ganze Welt herauszufordern.

Der Name L'Araisch ist nach Hemsö entstanden aus dem Worte el-araisch-ben-Aras, d.h. der Weinspalier der Beni Aros. Nachdem die Stadt wechselsweise im Besitze der Marokkaner und Portugiesen gewesen war, bemächtigte sich 1689 nach einer fünfmonatlichen Belagerung Mulei Ismaïl derselben. Seit der Zeit ist L'Araisch von den Europäern noch oft angegriffen worden, so im Jahre 1785 von den Franzosen, 1829 von den Oesterreichern, die dabei der marokkanischen Flotte den Gnadenstoss versetzten.

Man bemerkt in L'Araisch an den Gebäuden der Stadt noch deutlich den christlichen Einfluss. So ist der hübsche Marktplatz ein regelmässiges Rechteck mit gewölbten Arcaden versehen, die Säulen sind Monolithen aus Sandstein. Die Hauptmoschee, die ebenfalls nach dem Marktplatze zu Front macht, muss eine christliche Kirche gewesen sein, die Façade ist in dem sogenannten Jesuitenstyl gehalten. Ausserdem befindet sich noch ein anderes stattliches und mehrstöckiges Gebäude, mit hohen schönen Fenstern versehen, am Marktplatze. Vielleicht war es ehemals Gouvernementsgebäude, vielleicht ein Kloster, denn erst im Jahre 1822 musste eine hier bestehende spanische Mission aufgegeben werden. Heute steht das Haus leer und unbenutzt da, und der durch die Fenster streichende Wind, und die fressende Atmosphäre wird bald das ihrige thun, um das Gebäude zu einer Ruine zu machen.

Ausser recht gut erhaltenen aber widerstandslosen Mauern ist die Stadt durch ein mit vier Bastionen versehenes Fort, christlicher Anlage und ursprünglich aus gutem Material erbaut, geschützt. Dieses Fort liegt auf der westlichsten Spitze der Stadt nach dem Meere zu. Im Inneren dieses Forts ist ein Schloss, dessen runde Kuppeln man schon von Weitem sehen kann. Das Schloss soll vom Sultan Mulei Yasid erbaut sein. Unterhalb des Forts nach dem Hafen zu sind zwei gemauerte Strandbatterien. Nach S.-O. zu die Stadt beherrschend, befindet sich die Kasbah, ein Fort von viereckiger Form, an den vier Ecken mit sehr scharfwinkligen Bastionen versehen. Die Mauern der Kasbah, welche auch wohl eine Baute der Portugiesen oder Spanier ist, sind gut erhalten, aber trotz aller Vertheidigungsanstalten wird L'Araisch einem Angriffe der Europäer nicht lange Widerstand entgegensetzen können, einerlei ob er vom Ocean aus oder vom Lande her unternommen wird. Sonst hat L'Araisch keine merkwürdigen Gebäude, wenn nicht eine kleine Grabstätte in den Gärten südlich von der Stadt, der Lella-Minana gewidmet, einer Sherifa, die dort begraben liegt. Bei Lebzeiten soll sie Wunder gethan haben, und auch jetzt noch sollen die in der Grabcapelle der Lella-Minana betenden Frauen von Unfruchtbarkeit geheilt werden: zwei fromme in der Nähe wohnende Einsiedler öffnen den Frauen gegen eine kleine Gabe die Thür zum Grabmal und unterstützen sie im Beten.

Die Stadt hat ca. 5000 Einwohner, von denen wohl 1200 Juden sein mögen, welche letztere, wie alle Juden in den Hafenstädten Marokko's, sich der spanischen Sprache bedienen. Die wenigen Europäer, vielleicht 30 oder 40 Individuen stehen unter dem Schutze ihrer Consuln, deren es hier mit Ausnahme eines deutschen von allen Nationen giebt.

Der Handel der Stadt ist nicht unbedeutend und umfasst dieselben Artikel, die in Tanger zur Aus- und Einfuhr kommen, d.h. ausgeführt werden besonders Wolle, Thierhäute, Wachs, Oel, Butter, Früchte: als Mandeln, Orangen, Citronen und Feigen, getrocknete Oliven, Eier, Federvieh (anderes Vieh auszuführen ist verboten), Getreide und Hülsenfrüchte. In L'Araisch kommt noch hinzu die Rinde der Korkeiche, die in Europa verarbeitet wird. Gummi und Kupfer wird aus Marokko nach Europa nicht mehr ausgeführt, da man Kupfer in Europa und Gummi von Senegal billiger beziehen kann. Blutigel werden ebenfalls von L'Araisch ausgeführt, doch mehr noch von Tanger und Mogador. Einfuhrartikel sind: Baumwollenstoffe, Tuche, rohe und gefertigte Seide, Papier, Waffen, Metalle, wie Eisen, Blei, Quecksilber, Schwefel, Alaun, Salpeter, Colonialwaaren, darunter besonders Thee und Zucker, und verschiedene Gegenstände, schlechte Schmucksachen, Porzellan und Glaswaaren, Spiegel u. dergl. m. Die eben angeführten Gegenstände sind so ziemlich in allen Häfen des Landes im Handel dieselben.

Der Weg zwischen L'Araisch und Media oder Mehdia läuft ununterbrochen auf einer Sandzunge hin, zwischen dem Meere einerseits, den Sümpfen und Landseen andererseits gelegen. Auf der ausgezeichneten Karte von A. Petermann, Mittheilungen Jahrgang 1865, Taf. 4, dann auch auf der Karte von Renou ist dies recht deutlich zur Anschauung gebracht. Nehrungen und Haffe können nur an flachen, sandigen Küsten entstehen, und so ist es ganz natürlich, dass, wo die übrigen Bedingungen zur Haff- und Nehrungbildung vorhanden sind, diese entstehen. Wie der Sand Product des Meeres ist, so sind die Nehrungen, die aus Sand bestehen, immer nur an flachen Küsten mit vielem Sande zu beobachten. Es giebt nun Nehrungen, die an beiden Seiten noch mit dem Festlande zusammenhängen, oder solche, die am Meere durchbrochen sind. Erstere können entstehen dadurch, dass hohe Dünen bei ausserordentlichen Fluthen nicht durchbrochen werden, vom Ocean aber Wasser durchlassen, welches Wasser dann hinter den parallel mit dem Meere laufenden Dünen einen See bildet, oder es sammelt sich landwärts der Dünen das Wasser von kleinen Flüssen an, bildet einen See, das Wasser, ist aber nicht stark genug, die Nehrung zu durchbrechen, oder auch das Wasser aus dem Landsee ergiesst sich unter der Nehrung in den Ocean. Nehrungen werden durchbrochen dadurch, dass sich die Flüsse einen Ausgang bahnen, oder durch den Ocean selbst, in beiden Fällen sind Haffe hergestellt.

An verschiedenen Stellen von Afrika hat man Nehrungen und Haffe, so vor dem Delta des Nil in Aegypten, die bedeutender sind, als unsere deutschen in der Ostsee, oder an der Küste von Guinea; die Nehrung an der Küste von Marokko zieht sich von L'Araisch bis Rbat hin, hat also eine Länge von fast 17 deutschen Meilen.

Landeinwärts von der Nehrung ist im Winter ein 2-3 Meilen breiter See, der im Sommer zum Sumpf wird, daher im Norden bei Mulei Bu Slemm der Name Mordja[125] Ras el Daura, und südlich von Mehdia, Mordja el Mehdia. Gleich unmittelbar östlich vom See oder Sumpf stösst jener ausgedehnte Korkeichenwald, der nördlich bei L'Araisch beginnend im Süden bei Rbat endet.

[Fußnote 125: Mordja heisst Sumpf]

Zahllose Wasservögel, Enten, Pelicane, Ibisse und andere halten sich hier auf, und im Sommer kommen Hyänen, Schakale und Wildschweine aus dem Korkeichenwald, um im feuchten Sumpfe zu jagen. Die ganze Nehrung selbst ist bewohnt von Arabern. Meistens haben sie ihre Zelte auf der Landseite und zwar nie kreisförmig, sondern, als ob sie gewissermassen der langen Form der Nehrung sich anpassen wollten, immer in einer langen Reihe aufgeschlagen. Die Dünen sind zum Theil gut bewachsen, meist mit Lentisken, aber auch Grasfutter für Rind- und Schafheerden ist reichlich vorhanden.

Gewöhnlich legt man den Weg bis Mehdia längs des Wassers in zwei Tagemärschen zurück, der grossen Hitze wegen, und weil wir uns häufig damit aufhielten, im Ocean zu baden, brauchten wir vier Tage. Ueberall fanden wir übrigens ausgezeichnete Gastfreundschaft, und die herrlichen Wassermelonen, welche die Nehrung hervorbringt, haben mir nirgends besser gemundet als hier. Zwei hübsche Grabstätten sind unmittelbar am Meeresstrande erbaut: Mulei Bu Slemm[126], eine Tagereise südlich von L'Araisch, aus mehreren Domen bestehend, dann Mulei Hammed bel Cheir, gleich vis-à-vis von Mehdia auf einer kleinen Anhöhe. Gegen 3 Uhr Nachmittags am vierten Tage erreichten wir Mehdia, am linken Ufer des Sebu gelegen.

[Fußnote 126: Die meisten Geographen halten Mulei Bu Slemm für das alte Mamora, Mamora antica, und doch glaube ich kaum, dass jemals bei Bu Slemm dieser Ort gestanden hat.]

Um überzusetzen mussten wir aber erst eine ziemlich weite Strecke ca. ein K.-M. stromaufwärts gehen, wo sich die Fähre befand, sodann kehrten wir auf das linke Ufer zurück und erklommen den Pfad, der auf den steilen 417 Fuss (nach Barth) hohen felsigen Hügel führt, auf dem Mehdia liegt. In einem sehr schlechten Funduk fanden wir Unterkommen. Mehdia ist ein kleines elendes Dorf, von vielleicht zweihundert Einwohnern, wegen seiner beherrschenden Lage war es einst wichtig und könnte am schiffbaren Sebu, dem Flusse, an dem Fes liegt, leicht wieder zu einer blühenden Stadt gemacht werden. Die Mündung des Sebu ist jedoch nicht breiter als vielleicht 1000 Schritt, aber sehr tief unmittelbar unterhalb der Stadt. Der Sebu ergiesst sich aber nicht in gerader Linie in den Ocean, sondern, schief nach Norden geneigt. Eine starke Barre sperrt den Fluss ab.

Als ich von Aussen den Ort besichtigte, fand ich unterhalb desselben ein Labyrinth von Mauern, 4 Fuss dick und 20 Fuss hoch aus massiven Steinen aufgeführt; ein Netz von viereckig gemauerten Räumen darstellend. Die darüber befragten Bewohner wussten keine Auskunft zu geben, aber in Leo finden wir vollkommenen Aufschluss darüber:

Von Jacob el Mansor, der von 1184 bis 1199 regierte, erbaut, als Vertheidigungsfeste des Eingangs des Sebu, wurde Mehdia später zerstört und im Jahre 1515 schickte Don Manuel von Portugal eine Flotte dahin ab, um dort eine Festung anzulegen. Kaum im Bau begriffen, kam aber der zu der Zeit in Fes regierende Sultan Mohammed ben Oatas mit einem Heere und überfiel Soldaten und Arbeiter. Leo, der als Augenzeuge diesem Ueberfalle beiwohnte, giebt davon eine ergreifende Schilderung. Die Portugiesen wurden alle getödtet, die Schiffe verbrannt. Von 6-7000 Mann Besatzung, durch Verrath zur Streckung der Waffen bewogen, wurden die Meisten niedergemacht. Aus der Mündung des Sebu soll der König von Fes hernach 400 Kanonen herausgefischt haben.

Später, am 6. August 1614, nahmen die Spanier noch einmal Mamora (wie die Europäer und auch Leo Mehdia nannten), errichteten ein Fort, welches aber am 2?. April 1681 [? unlesbar in der gedruckten Ausgabe] von Mulei Ismail überfallen und zerstört wurde. Seit der Zeit ist Mehdia, was es jetzt ist, ein elendes Dorf.

Was nun die eben erwähnten Constructionen anbetrifft, so sagt Leo[127] davon: "Die Portugiesen fingen gleich nach ihrer Ankunft den Bau an; alle Fundamente waren schon gelegt, mit den Mauern und Bastionen war ein Anfang gemacht etc." Einen solchen _unfertigen_, nicht aber _zerstörten_ Eindruck machen denn auch die Bauten bei Mehdia. Was Mamora antica anbetrifft, so dürfte dasselbe am anderen Ufer des Sebu zu suchen sein, oder vielleicht der Hügel der Stadt, der ebenfalls befestigt war, "Alt-Mamora", die am Strande von den Portugiesen errichteten Bauten dagegen "Neu-Marmora" gewesen sein. Aber in dem entfernten Mulei Bu Slemm Alt-Mamora suchen zu wollen ist vollkommen unstatthaft, weil "Mamora" immer einen felsigen Hügel bedeutet in Tamasirht-Sprache, ein solcher aber bei Bu Slemm nicht vorhanden ist.

[Fußnote 127: Uebersetzung von Lorsbach, p. 185.]

Barth fügt noch hinzu, dass keineswegs, wie die meisten Geographen anzunehmen geneigt seien, hier Banasa gestanden habe (Hemsö meint, Banasa habe gelegen, wo jetzt Mulei Bu Slemm ist, eine Oertlichkeit, die gar nichts Einladendes zur Gründung einer Stadt hat), welches eine Binnenstadt am oberen Laufe des Sebu gewesen, sondern dass in Mamora die vom Ptolemaeus erwähnte Stadt Subur zu erblicken sei. Ich füge noch hinzu, dass im Lande bei den Eingebornen der Name Mamora vollkommen unbekannt ist.

Wir blieben in Mehdia nur Nachts, am anderen Morgen früh aufbrechend, waren wir Mittags in Sla, setzten gleich über und blieben in Rbat in einem Funduk. Der Weg bot nichts Neues, Nehrungformation war auch hier, nur müssen die hiesigen Dünen älter sein, denn sie waren nach der Landseite dicht mit Eichen, welche eine ausserordentlich zart- und süssschmeckende Frucht tragen, bestanden, ausserdem waren Korkeichen, Lentisken und wilde Oliven sichtbar.

Die Stadt Sla auf dem rechten Ufer des Bu Rgak oder Bu-Raba[128] gelegen, ist ein Ort, welcher von Aussen gesehen das allerregelmässigste Ansehen hat. Fast viereckig ist die Stadt von hohen aber widerstandslosen Mauern, welche ausserdem viereckige Vertheidigungsthürme haben, umgeben. Mit ca. 10,000 Einwohnern, dürfen bis auf den heutigen Tag in Sla keine Christen und Juden wohnen, der Grund davon ist, dass die Bevölkerung sich hauptsächlich aus aus Spanien vertriebenen Mohammedanern bildete, somit den glühendsten Hass gegen Juden und Christen bewahrt hat. Am Ende des vorigen Jahrhunderts war Sla, das sich den marokkanischen Herrschern gegenüber fast als Republik gerirte, der berüchtigtste Seeräubersitz am atlantischen Ocean. Im Hafen von Sla und Arbat, oder in der Mündung des Sebu, fanden die Piraten vor den verfolgenden Kriegsschiffen der Christen sichere Stätten.

[Fußnote 128: Buragrag bei Leo und Maltzan.]

Sla ist offenbar, wenn auch nicht genau der Lage nach, doch was den Namen anbetrifft, das alte Sala. Ptolemaeus verlegt Sala südöstlich von der Mündung des Flusses, also da wo Arbat heute steht. Ebenso Plinius, der Buch V, 1 sagt: "Die Stadt Sala am Flusse gl. N. gelegen, schon nahe der Wüste, und durch Elephantenheerden, noch mehr aber durch den Stamm der Autolalen unsicher gemacht, durch welche der Weg zum Atlasgebirge führt" etc. Dass nun Arbat heute nicht den Namen Sla, sondern Arbat hat, erklärt sich wohl aus dem Umstände, dass nach der Zerstörung des alten Sala, die neue Stadt auf dem rechten Ufer des Bu Raba angelegt wurde, während gegenüber die Stadt Rbat um 1190 von Jacub el Mansor neu gegründet wurde, und nach Delaporte den Namen Rbat el Ftah, d.h. Wahlstätte des Sieges erhielt. Es ist also nicht nöthig um das alte Sala im heutigen Rbat wiederzufinden, wie Barth es thut, auf die Grabmäler der Beni-Merin bei der Mssala von Arbat hinzuweisen, welchen Ort Barth: "Schaleh", Hemsö: "Scella, Seialla" und Marmol: "Mensala" aussprechen hörten. Ich habe an anderen Orten gezeigt, dass jede grössere marokkanische Stadt ihr Mssala hat, wo bei grossen religiösen Festen die Gebete abgehalten werden[129].

[Fußnote 129: Maltzan sagt B. IV, p. 129: In der Nähe von Rabat liegt auf demselben Ufer des Flusses ein kleiner Ort esch = Schaleh genannt. Dieser Ort hat eine auffallend grosse Aehnlichkeit mit dem des antiken "Sala". Es sind dies aber weiter nichts als Hütten und Häuser, und Grabmäler um die "Mssala" gebaut, wie das auch bei Fes, Uesan etc. vorkommt.]

Die Stadt Sla ist von ihrem einstigen durch Piraterie erworbenen Reichthum sehr heruntergekommen, so dass auch die Häuser der Einwohner, die sich Slaui nennen, sehr klein und unansehnlich sind. Als ich mit dem Grossscherif in der Stadt war, fand sich kein einziges Gebäude gross genug ihn aufzunehmen, wir campirten daher am Strande in unseren Zelten. Innerhalb der Mauern ist die Hälfte der Stadt jetzt unbebaut. Die beiden Moscheen sind gross und geräumig, aber sonst zeichnen sie sich durch nichts weiter aus. Der Markt oder Bazar, Kessarieh, ist überdacht wie in den meisten Städten, wie zur Zeit Leo's findet man hier auch heute noch eine grosse Kammfabrikation aus Lentiskenholz.