Mein erster Aufenthalt in Marokko und Reise südlich vom Atlas durch die Oasen Draa und Tafilet.
Part 18
Was mich anbetrifft, so gab mir Sir Drummond ein Schreiben (arabisch ausgefertigt) und sagte mir, dasselbe durch den ersten Minister dem Sultan vorzeigen zu lassen. In diesem Schreiben war betont, die marokkanische Regierung solle mich nicht mit den übrigen Renegaten verwechseln und mir meine Freiheit wiedergeben. Das Blättchen Papier wirkte Wunder. Als Si-Thaib mir dasselbe nach einigen Tagen wieder einhändigte, fügte er hinzu, der Sultan habe das Blatt gelesen, und gesagt, ich könne thun was ich wollte, sei vollkommen frei, Mikenes zu verlassen, ja ich dürfe überall im "Rharb" reisen und mich aufhalten, wo ich es für gut fände. Wer war froher als ich. Jetzt aber war auch der Wunsch das eigentliche Land Marokko zu durchreisen, erst recht wachgerufen, und namentlich fühlte ich einen starken Trieb von nun an weiter in das Innere Afrika's einzudringen. Aber ich war mir nun auch erst recht bewusst geworden, wie viel noch abging, solche gefährliche Reisen ohne Mittel ausführen zu können. Wenn auch einestheils gerade diese Mittellosigkeit ein grosser Schutzbrief für mich war, so hatte ich andererseits im Arabischen wenige Fortschritte bis dahin gemacht. Der Umstand, dass ich fortwährend einen Dolmetsch zur Seite gehabt, machte, dass ich kaum mehr von dieser Sprache verstand als beim Beginn meiner Reise. Auch war ich mit den Sitten und Gebräuchen des eigentlichen Volkes noch zu wenig vertraut. Ebenso wenig wie man diese z.B. in London was das englische Volk, in Berlin was das deutsche Volk anbetrifft, in Erfahrung bringen kann, zu dem Ende vielmehr das eigentliche Land selbst besuchen muss, ebenso wenig ist dies in Marokko in der Hauptstadt der Fall, und bislang war ich eigentlich nur in Fes und Mikenes gewesen.
Ich beschloss nun nach der heiligen Stadt Uesan zurückzukehren. Wo konnte ich besser Sitten, Gewohnheiten und auch die Sprache des Volkes kennen lernen, als in dieser grossen Pilgerstadt, wo täglich Hunderte, oft Tausende von Pilgern aus ganz Nordafrika, ja oft noch von weiter her zusammenströmen. Und es traf sich nun sehr glücklich für mich, dass gerade zwei von den nächsten Anverwandten des Grossscherifs in Mikenes waren. Diese hatten in der Besoffenheit einen Maghaseni des Sultans ums Leben gebracht, und waren selbst nach Mikenes gekommen, um sich deshalb beim Kaiser zu entschuldigen. Sie wurden nicht nur nicht gerügt oder gar bestraft für ihre im Trunk begangene Handlung, sondern der Sultan betrachtete es als einen besonderen Act der Höflichkeit, dass solche heilige Leute und noch dazu wirkliche Vettern des Grossscherifs, keinen Anstand nahmen, sich wegen einer solchen Kleinigkeit bei ihm selbst zu entschuldigen, und im Grunde genommen sah er es wohl nur für einen Vorwand an, Geschenke von ihm zu bekommen. Die erhielten sie denn auch beide. Sidi Mohammed ben Abd-Allah und sein Bruder, Sidi Thami, verliessen reich beschenkt die kaiserliche Residenz.
Si Thaib Bu Aschrin hatte die Güte mir einen Brief für die beiden Schürfa zu geben, welche direct nach Uesan zurückreisen wollten. Und so sagte ich denn dem Hofe des Sultans Lebewohl, nur Trauer empfindend, dass Ismael (Joachim Gatell), der die ganze Zeit bei mir gewohnt hatte, jetzt wieder ins Lager zurück musste, und da er nicht, wie ich, die Protection der englischen Gesandtschaft genoss, nicht daran denken durfte, so bald seine Befreiung zu bekommen.
Den folgenden Morgen begab ich mich mit meinem Gepäck zur Wohnung der Schürfa, und bald war Alles gepackt und wir sattelfest. Sidi Mohammed, ein fetter junger Mann von dreissig Jahren, und sein einige Jahre jüngerer Bruder, Sidi Thami, waren noch von zwei alten Schürfa begleitet und hatten mindestens 30 Diener als Gefolge. Wir verliessen gegen 8 Uhr Morgens Mikenes durch das Nordthor, zogen den Bergen entgegen, indem wir die Stadt Serone etwas östlich liegen liessen. Die Reisen zu Pferde oder Maulthier sind in Marokko keineswegs unangenehm, die mit hohen Lehnen versehenen Sättel, vorn mit einem Knauf, worauf man die Hände legen, die grossen Steigbügel, in welche man den ganzen Fuss schieben kann, lassen die Ermüdung weit später erfolgen, als bei europäischem Reitzeuge. Freilich muss ein Europäer sich die Mühe nehmen, den Sattel durch wollene Decken etwas zu polstern, denn wenn sich die Härte desselben schon ertragen liesse, ist er doch sehr uneben, was auf die Dauer unbequem ist.
Wir waren ohne Rast den ganzen Tag unterwegs, da Sidi Mohammed Ben Abd-Allah wohl besonderen Grund haben musste so schnell zu reisen, denn sonst pflegen die Grossen in Marokko nur, kleine Tagemärsche zu machen. Als ich mich in der Höhe der Berge von Mulei Edris etwas entfernte von unserer Karawane, wurde ich der Gegenstand einer Ovation, die in der Nähe wohnenden Leute, die von der Durchkunft von Schürfa von Uesan gehört hatten, wohl im Glauben ich sei auch ein Scherif, kamen haufenweise herbei, mir die Hand und den Saum der Djilaba küssend. Sie verlangten auch das Foetha (Segen), das ich glücklicherweise auswendig wusste. Hoffentlich haben sie eben soviel Nutzen von meinem Segen gehabt, als von dem eines wirklichen Scherifs! Aber wenn sie es gewusst hätten, ich sei ein zum Islam Uebergetretener, wie würden sie mich verflucht haben. Gut, dass wir in den Zeiten leben, wo Fluch und Segen von Menschen gesprochen, den Zauber ihrer Allmacht verloren haben.
Bei Sonnenuntergang hielten wir bei einem dem Grossscherif von Uesan gehörenden Duar (Zeltdorf). Da ich kein Zelt hatte, luden die beiden Schürfa mich ein, das ihrige mit zu theilen. Das Zelt eines Grossen von Marokko zeichnet sich durch Geräumigkeit aus. Aus starkem weiss und blaugestreiften Leinenzeug bestehend, ist es inwendig weiss und mit verschiedenartig zusammengenähtem bunter Tuch gefüttert. Meist von nur einer Stange getragen, kann die rund ums Zelt gehende gerade aufstrebende Seitenumfassung abgenommen werden, was namentlich bei Sonnenschein und grosser Hitze eine grosse Annehmlichkeit gewährt, da das Dach des Zeltes, gewissermassen ein grosser Schirm, frei stehen bleibt und dem kühlenden Winde der Durchlass offen steht.--Ich war froh, als der Koch der Schürfa sogleich ein Mahl auftrug, da ich den ganzen Tag nichts genossen hatte, als ein Stückchen Brod und Trauben. Gegen Mitternacht kam denn auch der Mul' el Duar oder Dorfvorsteher, mehrere Schüsseln voll Kuskussu verschiedener Art, und andere mit gebratenem Fleisch wurden niedergesetzt. Meine Müdigkeit war indess so gross, dass ich vorzog weiter zu schlafen, trotz der wiederholten Aufforderungen am Mahle theilzunehmen.
Frisch gestärkt erweckte man mich am anderen Morgen mit einer Tasse Kaffee (die Schürfa von Uesan trinken auch Kaffee) und sodann kam wieder ein reichliches Mahl der Leute des Zeltdorfes, welche dafür mit Thee bewirthet wurden. Wie am vorhergegangenen Tage war die Gegend hügelig, wohlangebaut und zahlreiche Duar deuteten auf eine verhältnissmässig dichte Bevölkerung. Bald nach dem Aufbruche am zweiten Tage passirten wir die Flüsse Sebu und Uarga, letzteren etwas oberhalb der Stelle, wo er in den Sebu einfällt. Ueberall wie am ersten Tage waren die Schürfa der Gegenstand der grössten Verehrung, im ganzen Lande gelten die Schürfa Uesan's als die grössten Heiligen. Die Sitte will es, dass ein Vornehmer nie seinen Einzug Abends hält, so wurde denn auch an dem Tage schon um 5 Uhr Nachmittags Halt gemacht in einem Duar, der Sidi Abd-Allah selbst gehörte. Nur noch einige Stunden am anderen Morgen, und wir hatten den Berg Bu-Hallöl vor uns, an dessen anderer Seite Uesan gelegen ist.
Sobald wir den Berg umgangen, kamen uns die Verwandten und Bekannten der Schürfa entgegen, die durch den jüngeren Bruder, der am Abend vorher noch die Stadt erreicht hatte, waren benachrichtigt worden. Sidi Thami hatte auch dem Grossscherif schon meine Zurückkunft mitgetheilt.
Ich konnte indess nicht direct nach der Wohnung des Grossscherifs gehen, da ich vorher bei Sidi Abd-Allah frühstücken musste. Ein naher Verwandter von Sidi el Hadj Abd es Ssalam, ist er, was Reichthum und Macht anbetrifft, von den Uesaner Schürfa der dritte, denn Sidi Mohammed ben Akdjebar, obschon entfernterer Linie, hat nach dem Grossscherif den grössten Einfluss und den grössten Reichthum. Die übrigen Schürfa, fast die ganze Stadt besteht aus Abkömmlingen Mohammed's, haben in Uesan selbst gerade keinen Einfluss, da ihrer zu viele sind.
Gleich darauf ging ich dann, nachdem ich meinen meergrünen Anzug angelegt hatte, zum Grossscherif, den ich von einer zahlreichen Menge umgeben in seinem Landhause antraf. Aufs freundlichste aufgenommen, liess er sogleich eine Wohnung für mich einrichten, und mich ein über das andere Mal willkommen heissend, sagte er, ich solle mich von nun an ganz wie zu seinem Hause gehörig betrachten.
Ehe ich nun meine Erlebnisse in Uesan schildere, möchte ich Einiges über die derzeitigen politischen Zustände in Marokko sagen, und knüpfe daran zugleich einige Worte über die sonstige und jetzige Stellung der christlichen Consuln.
* * * * *
10. Politische Zustände
* * * * *
Marokko hat eine Regierung so despotisch und tyrannisch eingerichtet, wie man sie eben nur da findet, wo zu gleicher Zeit geistige und weltliche Herrschaft in _einer_ Person vereint ist, und der Grund zu diesem absolutesten Despotismus liegt doch keineswegs im Charakter des arabischen oder berberischen Volkes, einzig und allein die _mohammedanische Religion_ ist Schuld daran.
In allen Ländern, auf welche sich der Islam ausgedehnt hat, ist es ähnlich. In der Türkei, in Persien, in Aegypten, in Tunis, überall die absoluteste monarchische Herrschaft, ja sogar in Centralafrika hat die mohammedanische Religion in den Staaten, von denen sie Besitz ergriffen hat, dem jeweiligen Fürsten unbeschränkte Macht verliehen, so in Uadai, Bornu, Sokoto und Gando.
_Vor_ dem Islam lebten die Araber in kleinen Triben unter patriarchalischen Herrschern, und wenn die Berber Nordafrika's es zuweilen vermochten, sich zu Königreichen zu vereinigen, so war dennoch die Gemeindeabtheilung, kleine von einander unabhängige Republiken, ihre Urregierungsform. So finden wir in Nordafrika die Araber und Berber noch da, wo sie sich unabhängig von den grossen Staaten zu erhalten gewusst haben.
Nach der Entstehung des Islam folgte es von selbst, die politische Autorität mit der des obersten Priesters in einer Person zu vereinigen. Nach unten giebt es im Mohammedanismus keine Hierarchie, keine Priesterkaste, keine privilegirten Menschen, mit Ausnahme derer, welche Mohammed selbst als bevorzugt bezeichnete: das sind seine eigenen Nachkommen.
Freilich die vollkommene Unbeschränktheit, wie sie jetzt die Sultane von Marokko gemessen, "absolute Unfehlbarkeit," kam erst dann zu Stande, als im Anfange des 16. Jahrhunderts Sultane aus der Familie der Schürfa auf den marokkanischen Thron kamen. Seit der Zeit hat im eigenen Lande der Marokkaner die Macht und _Unfehlbarkeit_ der Herrscher immer mehr zugenommen, das Wohl, die Bildung und der Fleiss des Volkes aber von dem Augenblick an auf merkwürdige Weise abgenommen.
Der Sultan von Marokko nennt sich "Beherrscher" oder auch "Fürst der Gläubigen," Hakem el mumenin, oder will er politisch als Herr des Landes sich bezeichnen, schreibt er Mul' el Rharb el Djoani[97].
[Fußnote 97: Alle anderen Titel, wie z.B. bei Lempiere: "Emperor of Africa" (die Marokkaner wissen gar nicht was Afrika ist), "emperor of Marokko, King of Fes, Suz and Gago, Lord of Dara and Guinea and great Sherif of Mohamet" (?), sind Erfindungen der Europäer selbst.]
Von seinen Unterthanen wird er "Sidna," unser Herr, oder auch "Sultan," "Sultana," Sultan, unser Sultan genannt. Andere Ansprachen sind nicht üblich. Seine erste Frau, die nicht nothwendig ein weiblicher Scherif zu sein braucht, hat den Titel Lella-Kebira, und gebiert sie einen Thronfolger, so hat sie für immer das Recht den Harem zu regieren und bei der Wahl der übrigen Weiber eine gewichtige Stimme. Der älteste Sohn bekommt den Titel Sidi el Kebir oder Mulei el Kebir, denn Sidi und Mulei im Singular wird immer gleichbedeutend gebraucht, während Muleina, der Plural, nur auf den Propheten angewendet wird. Wie alle Mohammedaner, hat der Sultan gleichzeitig nur vier rechtmässige Frauen, die nach Belieben fortgeschickt oder erneuert werden; wie viele unrechtmässige, d.h. nicht angetraute junge Mädchen und Frauen in den vier Harems sind, weiss der Sultan, _trotz seiner Unfehlbarkeit_ wohl selbst nicht.
Ein Gesetz über Erbfolge giebt es bei den Mohammedanern nicht, also existirt darin auch keine Regel für Marokko. Der augenblicklich auf dem Thron sitzende Fürst ist der zweite Sohn des verstorbenen Sultans, und dieser selbst war Neffe seines Vorgängers. Er heisst Sidi Mohammed ben Abd-er-Rhaman und ist im Jahre 1805 geboren. Wenn schon unter seinen Vorgängern, Sultan Sliman und Abd-er-Rhaman, Vieles anders am marokkanischen Hof geworden ist, so wechselte noch mehr unter der Regierung des jetzigen Herrschers, und trotzdem dieser nicht wie sein Vater Gelegenheit gehabt hat, mit Europäern auf gleichem Fuss zu verkehren und sie so besser kennen zu lernen, schätzt doch gerade Sidi Mohammed mehr als einer seiner Vorgänger die Christen. Der Vater Mohammed's war nämlich vor seiner Thronbesteigung Bascha in Mogador gewesen, hatte dort viel mit den Consuln verkehrt und somit europäische Gewohnheiten und Gebräuche kennen gelernt. Sidi Mohammed war aber fortwährend Bascha von der Stadt Marokko gewesen, ehe er Sultan ward.
Die Regenten von Marokko haben keinen eigentlichen Divan oder Midjelis, und die Etikette am Hofe ist äusserst streng. Es giebt aber gewisse Leute, die den Vorzug haben, sich setzen zu dürfen, z.B. die Prinzen, Gouverneure der Provinzen, vornehme Schürfa, während die gewöhnlichen Sterblichen vor dem Kaiser nur hocken oder knieen dürfen. Vorgelassene Bittsteller dürfen nur von weitem ihr Anliegen vorbringen in knieender Stellung, und nachdem sie vorher den Erdboden geküsst haben. In Gegenwart des Sultans darf das Wort "gestorben" nicht ausgesprochen werden, damit er nie an den Tod erinnert werde. Man umschreibt dies, z.B. mit: er hat seine Bestimmung erfüllt, ebenso darf nie die Zahl "fünf" vor dem Sultan ausgesprochen werden, man sagt dafür "4 und 1" oder "3 und 2". Dieser sonderbare Brauch[98] erklärt sich wohl daraus, weil fünf die Zahl der Finger das Symbol der Hand, der despotischen Macht ist. In allen mohammedanischen Landen wird man auch häufig an den Häusern eine rothangemalte Hand oder einfach den Abdruck einer Hand oder mehrerer finden, man glaubt dadurch Gewalt und Einbruch abhalten zu können, das Haus wird hiemit unter die unsichtbare Macht einer starken Hand gestellt.
[Fußnote 98: S. Jackson, Account]
Spricht man in Gegenwart des Sultans von einem Juden, so wird vorher "Verzeihung" gebeten, "Haschak," weil die Juden für unrein gehalten werden. Früher galt das auch von den Christen, aber schon unter Abd-er-Rhaman kam diese Unsitte ab. Es versteht sich von selbst, dass Niemand mit Pantoffeln vor dem Sultan erscheint, doch haben die hohen Beamten die Erlaubniss, ihre gelben ledernen Stiefelchen anbehalten zu dürfen. Decorationen giebt es in Marokko nicht, indess dachte man im Jahre 1864 daran, einen Orden zu stiften, den vom Sultan Salomon (dem jüdischen König). Modelle waren angefertigt, ähnlich wie die, welche König Theodor von Abessinien hatte machen lassen. Die grösste Auszeichnung, die der Sultan von Marokko gewährt, ist die, wenn er selbst seines Burnus sich entledigt, und ihn einem der Anwesenden schenkt. Vornehme Personen werden zum Handkusse zugelassen, seine Kinder, seine Brüder und die allernächsten Günstlinge dürfen auch die _innere_ Fläche der Hand küssen[99].
[Fußnote 99: S. Aly Bei el Abassi.]
Der vom Sultan gemachte Aufwand ist verhältnissmässig gering und besteht hauptsächlich in schönen Waffen, herrlichen Pferden und einem grossen Harem, bewacht von einer glänzend gekleideten Schaar von Eunuchen. Die einflussreiche Stellung, welche diese unglücklichen Geschöpfe unter den früheren marokkanischen Fürsten hatten, hat indess jetzt ganz aufgehört und beschränkt sich lediglich darauf, unbeschränkt in dem Theile des Palastes zu herrschen, in den auser [außer] dem Sultan keine Mannsperson eintreten darf. Aehnlich gekleidet wie die marokkanischen Maghaseni oder Reiter, haben sämmtliche Eunuchen silbergestickte Leibgürtel. Alle haben einen stark riechenden duftenden Namen; so hiess in Mikenes der Eunuchenoberst "Kaid Kampher", andere hiessen Moschus, Amber, Thymian etc. Ein Theil des Harems ist stets mit dem Sultan unterwegs, dieser besteht aus den Lieblingsfrauen, Quintessenz der vier Harem von Fes, Mikenes, Rbat und Marokko. Marschirt der Sultan, so hat er zwei grosse Zelte, ein jedes umgeben von einer äusseren vom Hauptzelte unabhängigen Zeltwand. Beide Zelte sind durch einen Zeltgang verbunden: das eine bewohnt der Sultan, das andere ist für die Frauen. Im äusseren Umgang des für die Frauen bestimmten Zeltes halten sich die Eunuchen auf.
Die Regierung des jetzigen Sultans besteht aus dem ersten Minister, der vom Volke Uisir el Kebir genannt wird, sonst aber den Titel "Ketab el uamer", Schreiber des Fürsten, hat. Dieser ist der allmächtigste Mann im Reiche, ehemaliger Lehrer des Sultans, und sein Einfluss, namentlich in allen äusseren Angelegenheiten, ist entscheidend; sein Name ist Si-Thaïb-Bu-Aschrin-el-Djemeni. Der unmittelbare Verkehr mit den europäischen Consuln findet in Tanger statt, durch den dortigen Gouverneur, der den Titel Uisir-el-uasitha hat, und der seine Instructionen in dieser Beziehung vom Uisir-el-Kebir oder auch direct vom Sultan bekommt.
In allen despotischen Staaten, und vorzugsweise in mohammedanisch-despotischen Staaten, wird manchmal der niedrigste und dümmste Mann durch eine Laune des _unfehlbaren_ Herrschers zum obersten Posten hinaufgehoben. Wer sollte sich dem auch widersetzen? In Marokko Niemand; allerdings giebt es fast allmächtige Kaids, unabhängig in ihren Provinzen regierend; allerdings giebt es die Classe der Schürfa, der Abkömmlinge Mohammeds, die sich wohl erdreisten, fern vom Sultan in Gegenwart des ganzen Volkes zu sagen: "Ich bin auch Scherif, und der Sultan hat kein besseres Blut in seinen Adern als ich;" allerdings ist da der Grossscherif von Uesan, der sagt, er stamme directer von Mohammed, als der Sultan selbst, und dieser allein wagt auch manchmal zu trotzen--aber sonst ist Niemand im Lande, der in Gegenwart des unfehlbaren Herrschers nicht von seiner eigenen Nichtigkeit und Unbedeutendheit überzeugt wäre.
So ist denn auch der zweitmächtigste Mann im Reiche, Si-Mussa, den ich gewissermaßen "Minister des kaiserlichen Hauses" tituliren möchte, weiter nichts, als ein ehemaliger Sklave, ein Neger von Haussa. Er hat nur das Verdienst, mit dem jetzigen Sultan aufgewachsen zu sein, und leitet augenblicklich alle inneren Palast-Affairen. Sein Bruder, Si-Abd-Allah, ebenfalls ein Haussa-Neger und ehemaliger Sklave, ist dermalen Kriegsminister.
Wichtiger Posten am Hofe von Marokko ist der des Mschuar. Der Kaid el Mschuar hat das Amt, Bittende, Fremde, Besuchende dem Sultan vorzuführen. Da man nur ausnahmsweise, um vom Sultan empfangen zu werden, sein Gesuch durch einen andern Minister anbringen lassen kann, ist dieser Posten sehr einträglich, folglich auch einflussreich. Denn jedes derartige Gesuch muss erst durch ein Geschenk, angemessen nach dem Reichthum des Petenten, unterstützt sein. Ebenso werden Consuln, wenn sie in Gesandtschaft zum Sultan kommen, oder auch in Rbat in gewöhnlicher Audienz empfangen werden, durch den Kaid el Mschuar eingeführt. Wie viele Plackereien damit für Europäer verbunden sind, wie vom Kaid el Mschuar abwärts Jeder, der ein Aemtchen hat, seinen Fremden auszubeuten bestrebt ist, davon hat Maltzan eine anziehende Schilderung gegeben.
Der, welchen man in Marokko den Minister des Innern nennen könnte, der aber zugleich auch Gross-Siegelbewahrer ist, der Mul-el-taba oder Kaid-el-taba, ist derzeit auch eine vollkommen aus dem Staub, oder, wie der Marokkaner sich viel kräftiger ausdrückt, aus dem Dr. ... "Sebel" heraufgekommene Persönlichkeit. Der Mul-el-Taba beräth mit dem Sultan die Besetzung der Kaid- oder Gouverneurstellen in den Provinzen und Städten.
Es giebt keinen eigentlichen Schatzmeister in Marokko, oder gar einen Finanzminister, denn den Schlüssel zur Hauptcasse, welche in Mikenes sein soll, hat der Sultan selbst. Dass eine Hauptabtheilung des dortigen Palastes, von aussen einen vollkommen viereckigen steinernen Würfel darstellend, "el dar-el chasna," oder "bit el mel", Schatzhaus heisst, kann ich aus eigener Anschauung bestätigen; anscheinend hat dieses massive Gebäude von aussen gar keinen Zugang, indess liegt eine Seite nach dem Harem zu, von wo aus der Eingang wohl sein wird. Die Marokkaner behaupten, der Zugang zum Schatz sei unterirdisch vermittelst eines Tunnels. Das Innere wird beschrieben als eine ausgemauerte Höhlung, in deren Innerem wieder ein gemauertes Gemach enthalten sei[100]. Alles dies ist wohl Fabel, denn Niemand, auch nicht der Kaid-etsard oder Schatzmeister, hat wohl je einen Blick ins Innere gethan. Ebenso sind die Summen, welche im Schatzhaus angehäuft liegen sollen, wohl lange nicht so bedeutend, als Manche herausgerechnet haben. Französische Schriftsteller haben die Ersparnisse der marokkanischen Regenten auf 300 Millionen Franken, ja auf eine Milliarde veranschlagt, ohne zu bedenken, dass das, was der eine Sultan zurückgelegt hatte, oft vom folgenden, der durch Usurpation und Gewaltmittel auf den Thron kam, in einem Tage der Plünderung preisgegeben wurde. Als z.B. an Spanien jene 22 Millionen spanische Thaler Kriegsentschädigung gezahlt werden mussten, fand es sich, dass der Staatsschatz leer war. Oder durfte und wollte der Sultan ihn nicht angreifen? Das Nichtvorhandensein des Geldes ist das Wahrscheinlichere.
[Fußnote 100: S. Höst p. 221, der die Höbe des damaligen Schatzes auf 50 Millionen Thaler angiebt.]
Eine kirchliche Behörde giebt es in Marokko nicht, der Sultan als unfehlbar vereinigt Papst, Cultusministerium oder oberste Synode, wie man bei den Christen dergleichen Einrichtungen nennt, in seiner Person.