Mein erster Aufenthalt in Marokko und Reise südlich vom Atlas durch die Oasen Draa und Tafilet.

Part 15

Chapter 153,478 wordsPublic domain

Alle diese Fächer werden in der Karubin selbst gelehrt, so dass man hier zu jeder Tageszeit auf Lehrer und Schüler stösst. Die Lehrer sind aus dem Fonds der Moschee besoldet und zum Theil die Schüler auch, alle haben wenigstens freies Logis und freie Kost. Die Karubin wird für eine der reichsten Moscheen gehalten, ein Drittel der Läden oder Gewölbe in Fes gehören ihr zu, die Aecker und Gärten sind zahlreich, und wenn manchmal auch die früheren Machthaber von Fes sich aller Einkünfte der Moschee und ihrer Güter bemächtigten, so machten dafür andere dies doppelt wieder gut. Die mohammedanische Geistlichkeit hat ebenso gut einsehen gelernt wie andere, dass die Macht der Geistlichkeit auf _Geld und Grundbesitz_ beruhe, und, eigenthümlich genug, obschon auch Mohammed lehrt wie Jesus Christus, "ihr sollt kein Gold und Silber in euren Taschen tragen," "ihr sollt dem Mammon nicht dienen," sehen wir, dass die mohammedanische Geistlichkeit nicht weniger darauf bedacht ist Schätze anzusammeln, um zu Macht zu kommen, als die aller anderen Religionen.

Wie reich die Karubin schon zur Zeit Leo's war, geht aus seiner Beschreibung hervor: "die tägliche Einnahme macht 200 Ducaten [87] aus, in der Nacht zündet man 900 Lampen an, ausserdem giebt es grosse Leuchter, von denen jeder Platz für 1500 Lampen hat etc." Jene grossen Leuchter müssen wohl im Laufe der Zeit verschwunden sein; aus christlichen Glocken, wie Leo erzählt, geschmolzen, dienten sie einem Sultan vielleicht später dazu, in Kanonen umgegossen zu werden. Die zahlreichen übrigen Oellämpchen und grossen Krsytallkronleuchter [Krystallkronleuchter] sind aber noch vorhanden. In einem anstossenden Zimmer befinden sich noch verschiedene grosse Uhren, Compasse, Magnete u. dergl., ohne dass ich eigentlich wüsste, dass man sich dieser Sachen bediene.

[Fußnote 87: "Ducaten" in der deutschen Uebersetzung Leo's von Lorsbach, ist wohl dahin zu verstehen, dass Ducaten = einem Metkal, also ungefähr = 1 Fr. 25 C. ist, aber immerhin würde die tägliche Summe 250 Fr. für damalige Zeit eine grosse Summe sein.]

Die andere Moschee, welche wegen ihrer eigenthümlichen Bauart einerseits, dann wegen ihrer Berühmtheit als Asyl zu nennen ist, ist die, welche den Namen und die irdischen Reste des Gründers der Stadt trägt, die Djemma el Mulei Edris. Sie ist dicht bei der vorigen gelegen, nur durch eine schmale Gasse davon getrennt. Sie zeigt sich eigentlich auch nur von dieser Gasse, Bab es ssinsla[88], Kettenthor genannt, mit einem grossartigen und hübschen Portale in Hufeisenform, alle anderen Seiten sind ummauert. Die Mulei Edris Moschee unterscheidet sich dadurch von allen übrigen kirchlichen Gebäuden Marokko's, dass sie keinen Hof hat, denn eine kleine Arkadenreihe ist offenbar erst später angelegt. Es deutet dies auf das hohe Alterthum des Gebäudes hin, wobei man die Nachahmung des christlichen Tempels noch wahrnehmen kann.

[Fußnote 88: Bab es ssinssla oder ssilsla = Kette, weil sie mit einer eisernen Kette querüber abgeschlossen ist, jedoch so dass man zu Fusse an beiden Seiten vorbeigehen kann. Aber hier in dieser heiligen Strasse, bei dem Portale Mulei Edris' vorbei, darf kein Jude (Christen kommen ja ohnedies nicht nach Fes) sich zu zeigen wagen, Tod oder sein Uebertritt zum Islam würde unmittelbare Folge einer Ueberschreitung des Verbotes sein. Aber auch Gläubige dürfen in dieser Strasse nicht rauchen oder sich dem Opium- und Haschisch-Genusse hingeben.]

Das Hauptgebäude, welches auf einen kleinen von Arkaden eingeschlossenen Vorhof folgt, besteht in einem einzigen nach Osten gerichteten Schiffe; fast viereckig von Form, ohne Säulen wird das Ganze von einem sehr hohen achteckigen Dache bedeckt, welches inwendig aus Holzskulpturen besteht, dessen äussere Seite jedoch Ziegel zeigt. Diese Dachziegeln sind bei allen monumentalen Gebäuden immer selber Art und auf selbe Art gelegt, wie in Italien und Spanien. Dicht bei der Kibla-Nische befindet sich das prächtige Grabmal Mulei Edris', dessen kostbare Tuchdecken alle Jahre erneuert werden. Das Innere der Moschee enthält ausserdem viel Gold und Silber, Geräthe, Offranden, was eigentlich gegen die Satzungen des Koran streitet. Auch an der Aussenwand der Djemma el Mulei Edris befindet sich eine silberne Tafel mit massiv goldenen und erhabenen Buchstaben, welche eine Legende der Erbauung der Moschee enthält. Diese Tafel ist, um der Witterung vollkommen widerstehen zu können, unter Glas.

Die Moschee, welche Asyl ist, d.h. wo geflüchtete Verbrecher vor der Verfolgung weltlicher Gerechtigkeit sicher sind, ist ausserdem Sauya. Freilich ist mit dieser Sauya kein religiöser Orden verbunden, der eigentliche religiöse Orden Mulei Edris befindet sich in Uesan, aber sonst hat sie nicht nur Einrichtungen, um Pilger zu beherbergen und zu bewirthen, sondern auch eine grossartige Schule ist damit verbunden.

Alle übrigen Moscheen von Fes, obschon noch sehr grosse vorhanden, so namentlich eine von Mulei Sliman in Neu-Fes errichtete, sind gegen diese beiden gehalten kaum der Beschreibung werth. Es befinden sich im ganzen jetzt in Fes eilf Moscheen, in welchen Freitags das Chotba-Gebet gehalten wird, welchen man also gewissermassen den Rang unserer christlichen Pfarrkirchen zuerkennen könnte. Im übrigen giebt es aber noch eine sehr grosse Anzahl Moscheen, manche grösser an Umfang als jene, worin Chotba gelesen werden, obschon die Zahl von 700, welche Leo anführt, heute nicht mehr existirt und auch wohl zu seiner Zeit übertrieben war.

Ebenso existiren heute nicht jene zwei Collegien für Studenten, von denen Leo so grossartige Berichte giebt; ausser den Lehrstühlen an der Karubin hat Fes nur niedrige Schulen, Medressa, worin den Schülern nothdürftig und mechanisch lesen und schreiben gelehrt wird. Solcher Schulen giebt es eine grosse Anzahl, vielleicht über hundert.

Hospitäler hat Leo auch aufgeführt, es sind dies aber keine Hospitäler nach unserem Sinne, d.h. Krankenhäuser, sondern vielmehr Hospitäler (Gasthäuser) im wahren Sinne des Wortes. Schon die Beschreibung, die Leo davon giebt, deutet darauf hin, dass man es zu seiner Zeit ebenso wenig mit Hospitälern oder Lazarethen nach unserem Sinne zu thun hatte. Es sind dies Stifte, wo Pilger, Reisende, müde Wanderer ausruhen können, und während einer gewissen Zeit unentgeltlich Kost und Logis erhalten. Es war dieser Brauch, in den Städten solche Stifte zu haben, nicht nur in mohammedanischen Ländern heimisch, sondern zur Zeit, als das Gasthofleben noch nicht so ausgebildet war wie jetzt, auch in allen christlichen Ländern zu finden. In vielen europäischen Städten existiren noch jetzt solche Einrichtungen, z.B. in Savoyen, in Frankreich und Italien. Eigentliche Hospitäler, d.h. Krankenhäuser, giebt es in Fes nicht.

Indess besitzt Fes eine Anstalt, wie sie keine andere Stadt Marokko's aufzuweisen hat; eine Irrenanstalt oder vielmehr ein Narrenhaus. Man denke sich aber keineswegs eine Anstalt, welche Heilung oder Wohlbehagen dieser unglücklichen Geschöpfe im Auge hätte, mit dergleichen Versuchen plagt sich der Mohammedaner nicht. Man findet in diesem Gebäude, in dem zur Zeit als ich es besuchte etwa 30 Individuen sein mochten, nur Tobsüchtige oder Irre, die durch ihr Wesen dem Nebenmenschen sich gefährlich gemacht haben; gutmüthige Narren, Idioten u.s.w. lässt man ruhig laufen, ebenso die religiös Wahnsinnigen, die noch obendrein als Heilige verehrt werden.

Der Zustand in diesem Narrenhause ist ein entsetzlicher, und es gleicht dasselbe mehr einer Gefängnisshöhle als sonst einem Gebäude. In langen Zimmern, worin auf dem blossen Steinboden im grössten Schmutze halbverhungerte Gestalten mit dicken eisernen Ketten an die Wände festgemauert sind, fast alle nackt, ohne jegliche Pflege und Sorgfalt, verbleiben diese Unglücklichen hier, um die Welt nie wieder zu betreten. Die Anstalt selbst wird durch Vermächtnisse unterhalten.

Erwähnt zu werden verdienen sodann die vielen Bäder, welche zum Theil Privaten gehören, zum Theil Eigenthum der Regierung oder der Moscheen sind. Eingerichtet sind sie wie alle warmen Bäder im Orient, in Aegypten oder den übrigen Berberstädten, so dass ich eine specielle Beschreibung nicht für nothwendig halte. Der Luxus der algerinischen oder ägyptischen Bäder ist hier aber nicht bekannt, Handtücher zum Abtrocknen werden nicht gereicht, dafür sind sie aber auch so billig, dass selbst der Aermste sich häufig den Genuss einer gründlichen Reinigung gewähren kann. Die Bäder geringster Sorte kosten nur 3 Flus, die theuersten nicht ganz 2 Mosonat.

Gasthäuser oder Fenaduk (pl. von Funduk) giebt es zweierlei Art in Fes. Es möchte auffallen, dass bei der Anwesenheit von Sauyat bei der Einrichtung der eben erwähnten Hospizen, ausserdem noch Gasthöfe nothwendig sind, namentlich wenn man in Erwägung zieht, dass der Marokkaner der gastfreieste Mensch der Welt ist. Und dennoch ist dem so. Die Gastfreiheit ist auf dem Land eine fast möcht' ich sagen unbegrenzte; aber in den Städten, wo täglich ein so grosser Zusammenfluss von Fremden ist, wird sie natürlich nicht geübt. In den Sauyat und Hospizen ist es Regel, einen Fremden nicht länger als drei Tage zu behalten. Man hat also, um die Fremden, welche einen längeren Aufenthalt nehmen wollen, zu beherbergen, Gasthöfe einrichten müssen. Die grosse Zahl solcher Gebäude spricht für den grossen Fremdenverkehr in Fes, obschon die Zahl von 200, die Leo angiebt, wohl übertrieben ist.

Es giebt Fenaduk, welche gebaut sind, Menschen und Vieh zu beherbergen, und solche die nur Platz für Menschen und allenfalls für ihre Waaren haben. Erstere haben in der Regel eine entsetzliche Einrichtung. Ein grosser, meist viereckiger und ungepflasterter Hofraum, wo sich Pferde mit Kameelen, Maulthiere mit Eseln um den Platz streiten, wird von allen Seiten von kleinen Zimmern umgeben, die nur Zugang und Licht durch eine kleine niedrige Thür bekommen. Meist sind diese Zimmer selbst nicht grösser, als dass man ausgestreckt darin liegen kann. Von Aufwartung ist natürlich keine Rede, der Neuangekommene muss, hat er überhaupt Sinn für Reinlichkeit, den Schmutz, den sein Vorgänger als Andenken im Zimmer zurückgelassen hat, eigenhändig hinauskehren. Ein Portier, der meist kauadji (Kaffee-Ausschenker) ist, steht dem Ganzen vor, oft ist er Besitzer, oft Verwalter, oft bloss Miether. Die Gebühren stehen natürlich mit der schlechten Einrichtung im Einklange, für ein Zimmer zahlt man durchschnittlich täglich nur eine Mosona, für ein Thier ebenso viel.

Viel besser sind die Fenaduk eingerichtet, wo man nur Reisende aufnimmt, die ohne Thiere sind. Diese sind meistens mitten in der Stadt gelegen, einige sogar in der eigentlichen Kesseria, dem Handelscentrum, der "Börse" könnte man fast sagen, von Fes. Grosse mehrstöckige Gebäude, sind die Zimmer dieser Gasthöfe geräumig, haben oft, ausser der Thür nach dem Hofe oder nach den Gallerien zu, noch vergitterte Fensteröffnungen. Die Zimmer sind gut ausgeweisst, der Fussboden mit "Slaedj" belegt, sonst aber ist von Möbeln natürlich nichts zu finden; aber der bemittelte oder reiche Kaufmann hat auch sein ganzes Meublement bei sich: eine gute Matratze, ein Teppich, einige Matten und Kisten vervollständigen dasselbe. Es fehlt auch der grosse Messingteller, ssenia, nicht mit dem Theetopf aus Britannia-Metall und sechs kleinen Theetassen. Ein Bochradj, d.h. ein Kessel zum Sieden des Wassers, ist auch unentbehrlich. Die Miethe von solchen Zimmern variirt von vier Mosonat bis zu sechs und mehr per Tag. Die Kaffeebuden, welche sich am Eingang oder im Innern eines solchen Funduk befinden, gehören zu den besten.

Solche Wirthshäuser, wie Leo sie beschreibt, als von unanständigen Wirthen, sog. el kahuate bewohnt, wo auch lüderliche Weibspersonen sich herumtreiben, giebt es jetzt in Fes nicht mehr, vor den Thoren ist allerdings ein Viertel, welches in dieser Hinsicht in schlechtem Rufe steht; eigentliche Prostitution aber findet man überhaupt in Marokko nur in Mikenes.

Dagegen giebt es zahlreiche Kaffeehäuser, wo Kif, d.h. das getrocknete Kraut vom indischen Hanfe (Can. indica) geraucht und gegessen wird, auch Opium wird in diesen Kaffeehäusern gegessen; die Sitte des _Opiumrauchens_ kennt man im Rharb nicht. Die Polizei oder Regierung thut gegen diese schädlichen Genüsse nichts, wie denn auch Haschisch und Opium mit Taback zusammen nur von solchen Kaufleuten in der Stadt verkauft wird, die sich dazu einen Schein von der Regierung gekauft haben. Es herrscht also--denn nicht nur in Fes ist dies der Fall, sondern in allen binnenländischen marokkanischen Städten--für die Städte eine Art Taback-, Opium- und Haschisch-Regie.

Anständige Leute hüten sich indess wohl, in solche Kaffeehäuser zu gehen, obschon fast Jeder in Fes dem Genüsse des Haschisch fröhnt, aber nur heimlich und im Innern der Wohnung. Desto strenger ist dagegen der Verkauf von Schnaps und Wein verboten, obschon beides in Fes für Geld und gute Worte zu haben ist; ersterer wird von den Juden destillirt aus Feigen, Rosinen oder Datteln, wird wohl auch von Gibraltar her eingeschmuggelt; letzterer wird in der Lesezeit von Juden sowohl wie von Mohammedanern bereitet.

Es würde zu weit führen, wollten wir alle Handwerke, Industrien, Manufacturen und Handelszweige einzeln aufführen. Es genügt, wenn wir hier vorzugsweise das nennen, wodurch Fes heut excellirt, und wenn wir hervorheben, dass selbst heute Fes noch immer den ersten Rang unter allen Handelsstädten vom ganzen Rharb einnimmt.

Um letzteres zu erhärten, führe ich nur an, dass mir während meines Aufenthaltes in Fes manchmal Facturen gezeigt wurden, von französischen, englischen oder spanischen Handlungshäusern herstammend, die sich auf 50,000 Frcs. beliefen. Man kann in der That also wohl behaupten, dass Fes auch Engros-Handel besitzt, wie es denn wirklich vornehme Kaufleute genug dort giebt, welche mit Marseille, Gibraltar, Cadix oder Lissabon Auseinandersetzungen haben, welche die eben angeführte Summe jährlich noch übersteigen. Es versteht sich von selbst, dass dieser Handel meist durch Vermittlung abgeschlossen wird; aber auch oft genug kommt es vor, dass ein Fessi auf der Pilgerfahrt nach Mekka Station in Marseille macht, dass er in Gibraltar längeren Aufenthalt hat, ja ich lernte Kaufleute in Fes kennen, die direct, bloss um Waaren zu kaufen oder um Handelsbeziehungen anzuknüpfen, eine Reise nach Cadix oder Lissabon unternommen hatten.

Alle diejenigen, welche in den berberischen Staaten gewesen sind, welche sich in den leichter zugänglichen Städten Bengasi, Tripolis, Sfax, Tunis und anderen Orten aufgehalten haben, wissen, wie gross das Vertrauen europäischer Kaufleute ist; den Eingebornen werden oft Waaren von sehr bedeutendem Werth auf Credit verabfolgt. Man borgt selbst Kaufleuten aus dem fernen Innern, wo jede Reclamation, falls man betrogen würde, unmöglich wäre. Und doch kommt es sehr selten vor, dass irgend Jemand sich eines Betrugs schuldig macht. Von Timbuctu, Kano, Bornu, Mursuk und Rhadames sehen wir Kaufleute auf Credit in Tunis, Tripolis oder Kairo Waaren entnehmen; sie ziehen damit in ihre Heimath, jahrelang bleiben sie manchmal verschollen, aber nachdem sie ihre Waaren verkauft haben, laufen immer Gegenwaaren oder Gelder ein, und der europäische Kaufmann wird befriedigt.

So machen es die Fessi auch; die Waaren, welche sie sich en gros von Europa holen, bestehen vorzugsweise in roher und verarbeiteter Seide, in Baumwollenstoffen, Tuchen, Papier, Waffen, d.h. langen Flinten und Säbeln, Pulver, Thee, Zucker, Droguen und Gewürzen. Es giebt überhaupt jetzt fast keinen Artikel, den man in Fes nicht fände.

Die Engros-Händler haben ihre Waaren bei sich im Hause, die meisten aber haben zugleich ein Hanut, d.h. ein Verkaufsgewölbe, wo sie entweder selbst verkaufen oder verkaufen lassen. Der Punkt, wo der Haupthandelssitz ist, heisst die Kessaria; derselbe liegt im Centrum von Alt-Fes, dicht bei der Karubin- und Mulei-Edris-Moschee, die zum Theil von der Kessaria umgeben sind.

Leo will das Wort Kessaria vom lateinischen Caesar ableiten; zur Zeit der römischen Herrschaft hätten in den mauritanischen Städten einige ummauerte Centren bestanden, damit die kaiserlichen Beamten hier ihre Zolle erhöben, und wo zu gleicher Zeit dann die innewohnenden Kaufleute die Verpflichtung gehabt hätten, mit ihren eigenen Gütern das Eigenthum der kaiserlichen Regierung zu beschützen. Man findet übrigens den Ausdruck Kessaria als Marktplatz in allen Städten Nordafrika's.

In dieser Kessaria finden wir alle feineren und vorzugsweise die von Europa kommenden Waaren. Die Kessaria besteht aus einem grossen Complex von nicht für Thiere zugänglichen Strassen, zum Theil durch Häuser, zum Theil aber auch nur durch Gewölbe gebildet. Alle Strassen sind überdacht. Wir haben hier Gänge mit Buden wo Specereien, andere wo Essenzen, andere wo Thee und Zucker[89], andere wo Porzellan, d.h. vorzugsweise Vasen, Gläser, Tassen und Teller, andere wo Tuche, andere wo Seidenstoffe, andere wo Lederwaaren verkauft werden. Auch Uhrläden, zwei oder drei, ja sogar eine Pharmacie ist vorhanden, wenn man so eine Ansammlung fast aller Medicamente, worunter auch Chinin, Tartarus stib. und Ipecacuanha, nennen kann. Ein gewisser Djaffar hat sich diese Medicamente von Lissabon geholt, und ein Verzeichniss in portugiesischer Sprache zeigt zugleich die zu gebende Dose an und die Krankheit, wogegen die Medicin gegeben wird.

[Fußnote 89: Thee und Zucker wird in ganz Marokko als eine zusammenhängende Waare verkauft, wenigstens hält es sehr schwer Thee allein zu bekommen. Auf ein halbes Pfund Thee werden fünf Pfund Zucker gerechnet. Der Thee selbst, von Engländern importirt, ist von der grünen Sorte und schlechter Qualität.]

Tritt man aus der Kessaria heraus, so kommt man ins eigentliche industrielle Leben hinein. Hier eine lange Reihe von Buden, wo gelbe, rothe und buntfarbige Pantoffel verarbeitet werden, dort dicht dabei Gerber, welche das buntgefärbte weiche Corduan, Marocain- und Saffian-Leder verkaufen. Zeigt schon der Name an, dass zuerst die Kunst, das Schaf- und Ziegenleder zu jener schönen Weiche, mit der grössten Zähigkeit verbunden, zuzubereiten, von den Mohammedanern in Cordova erfunden wurde, später aber die berühmtesten Gerbereien in Marokko selbst und noch später in Saffi (Asfi) sich befanden, so scheinen heute die schönsten Leder in Fes bereitet zu werden, wenigstens sind in ganz Nordafrika die Leder von Fes als die feinsten und dauerhaftesten gerühmt.

Aber man kommt nicht gleich aus der Kessaria in die labyrinthischen Handwerkerstrassen, man hat, wenigstens auf dem Wege nach Neu-Fes hin, zuerst die Blumenbuden zu durchwandern, und es bilden die Blumen einen hübschen Uebergang von der Industrie zum Handel. Es ist eigenthümlich, welche Vorliebe von jeher die Bewohner von Fes vor den übrigen Marokkanern für Blumen gehabt zu haben scheinen, wie denn auch die Cultur derselben in Gärten überall hervortritt.

Das Haus, welches der Bascha-Gouverneur von Fes mir als Aufenthalt angewiesen hatte, lag am Abhange der östlichen Hügel. Von einem Arme des Ued Fes durchflossen, waren ausser Orangen, Feigen, Oliven, Aprikosen, Pfirsichen und Granaten, überall blühende Rosenstöcke, grosse Büsche Jasmin, Nelken, Veilchen und stark duftende Kräuter.

Diese findet man denn auch vorzugsweise in der Blumenabtheilung, hier sind Jasmin, Basilik, Nelken, Hyazinthen, Rosen, Narcissen, Pfefferminze, Absinth, Thymian, Majoran, dort sind ganze Blumenbouquets, Meschmum en nuar genannt, zu haben. Gemüse und Obstbuden schliessen sich daran.

Von solchen Gewerken, worin Fes noch heute vorzugsweise glänzt, nenne ich ferner die Töpferwaaren. Grosse Schüsseln, kleine Leuchter und Lampen und dergleichen Gegenstände werden aus einem porcellanartigen Thone sehr schön hergestellt. Nach Art unserer alten deutschen Thonwaaren sind sie mit groben blauen Figuren bemalt und glasirt.

Hieran schliessend, erwähne ich der "Slaedj," kleine Fliesen von bunten Farben, die ebenfalls in Fes fabricirt werden. Wenn einst die Waffenschmiede in diesen Ländern berühmt waren, so sieht man jetzt in den Gewölben nur europäische Fabrikate ausgestellt. Ebenso haben die früher so bekannten rothen Mützen (daher der Name "Fes," den wir jetzt noch den rothen Mützen geben) sich nicht auf ihrer einstigen Höhe halten können, nicht nur die von Tunis sind jetzt bedeutend besser, sondern selbst in Livorno werden sie billiger und schöner hergestellt. Besonders hervorheben müssen wir sodann die Manufacturwaaren von seidenen Schärpen, 3-4 Fuss breit, 40-50 Fuss lang; es sind diese seidenen von Gold durchwirkten Stoffe das Kostbarste, was Fes auf den mohammedanischen Markt bringt, und heutzutage das Einzige, worin es unübertroffen dasteht.

Von allen übrigen Handwerken finden wir in Fes nichts, was die Stadt vorzugsweise auszeichnete, aber alle sind in so grosser Menge vertreten, dass man auf den ersten Blick sieht, es wird hier nicht bloss für die Bedürfnisse der Stadt gearbeitet, sondern für das ganze Land.

Die lange Strasse, welche Alt-Fes mit Neu-Fes verbindet, ist denn auch weiter nichts als ein Bazar, und es herrscht hier natürlich die grösste Frequenz, nicht nur weil alle Leute vorzugsweise diesen verhältnissmässig breiten Weg benutzen, um von einer zur andern Stadt zu kommen, sondern auch weil ein Hauptkarawanenweg hier durchführt, auf dem sich beständig lange Reihen von beladenen Kameelen, Maulthieren und Eseln fortbewegen. Verfolgt man diesen Weg weiter nach Neu-Fes hinein, so findet man sich gleich darauf vor dem ummauerten Stadttheile der Juden, der Melha. Die Juden aber dürfen _nur_ in Neu-Fes und hier abgesondert von den Gläubigen in einem ummauerten Viertel, das gleich an das kaiserliche Palais stösst, wohnen. Und sie sind gern hier, denn so sehr sie auch den Vexationen und Erpressungen der Regierung des Sultans ausgesetzt sind, so haben sie doch längst einsehen gelernt, dass es besser ist unter dem Schutze selbst der despotischsten Herrschaft zu wohnen, als der Willkür eines dummen und fanatischen Volkes preisgegeben zu sein. Im Judenviertel herrscht übrigens, was Handel und Wandel, was Industrie und Handwerke anbetrifft, eben das geschäftliche und rege Treiben, wie in der Kessaria und den Strassen von Alt-Fes.

Vorzugsweise sieht man Gold- und Silberarbeiten in den Händen der Juden, die Nadeln, welche dazu dienen, das Haar der Frauen oder ihre Kleider zu befestigen, Fingerringe, Arm- und Fussbänder (auch die marokkanischen Frauen tragen oberhalb der Knöchel schwere kupferne oder silberne Ringe) werden fast ausschliesslich von den Juden hergestellt. Ebenso ist die Secca, d.h. Münze, nur von den Juden bedient. Es ist dies ein ziemlich ansehnliches Gebäude, welches Theil des Palastes des Sultans ist und unmittelbar an die Melha anstösst.

An einheimischen Münzen haben die Marokkaner jetzt nur den Fls (pl. flus), eine kleine Kupfermünze, welcher auf einer Seite das Salomon'sche Siegel, d.h. das bayerische Bierzeichen (zwei durcheinandergehende Dreiecke), und auf der anderen Seite Jahreszahl und Prägungsort (auch in Tetuan befindet sich eine Münze) zeigt, dann zwei Flus-Stücke, udjein genannt, ebenfalls geprägt. Sechs Flus bilden die imaginäre Münze, Mosona genannt: eine Mosona giebt es nicht geprägt. Sie ist ungefähr gleich einem Sou.