Mein erster Aufenthalt in Marokko und Reise südlich vom Atlas durch die Oasen Draa und Tafilet.
Part 13
Ob der Ort, wo heute Fes steht, von den Römern bewohnt war, ist nach so wenigen Untersuchungen schwer zu entscheiden, aber höchst wahrscheinlich. Die Lage ist so ausgezeichnet, so für eine Stadt in jeder Beziehung anlockend, dass eine so günstige Position den Alten gewiss nicht entgangen ist. Ueberdies haben wir in der Nähe Punkte, welche wir mit Sicherheit als von den Römern bewohnte kennen. Wir erkennen die Stadt Volubilis im heutigen Serone, eine Stadt, die zur Zeit Leo's Gualili oder Walili hiess, und von der er sagt, dass sie ausser dem Grabmale vom älteren Edris nur drei oder vier Häuser habe. Heute nun ist Walili oder, wie sie jetzt genannt wird, Serone, ein Städtchen von 4-5000 Einwohnern, und das Grabmal Mulei Edris-el-Kebir, wie der Vater des Gründers der Stadt Fes genannt wird, ist noch immer ein berühmter Wallfahrtsort. Wir haben sodann in den Aquae Dacicae einen sicheren Anhaltepunkt in der Nähe von Fes; können wir uns genau auf das Itinerarium Antonini verlassen, so würden wir nicht anstehen, Fes das alte Volubilis zu nennen, denn die Entfernung, 16 Mill., stimmt genau mit den berühmten heissen Schwefelquellen von Ain Sidi-Yussuf[78], die sich nördlich zu West von Fes befinden. Die Aquae Dacicae sollen nach dem Itinerarium Antonini 16 Mill. nördlich von Volubilis gelegen sein. Die alten Aquae Dacicae, jetzt Ain-Sidi-Yussuf genannt, sind heute noch die berühmtesten Thermalen von Marokko.
[Fußnote 78: ain = Quelle.]
Die heutige Stadt Fes wurde nach Leo im Jahr 185 der Hedschra von Edris gegründet, dieser war ein naher Verwandter von Harun-al-Raschid und ein noch näherer von Mohammed selbst, denn Edris war Enkel von Ali, dem Schwiegersohn Mohammed's. Edris' Vater selbst ist jener Edris-ben-Abd-Allah, der aus Jemen gekommen war und sich in Walili niedergelassen hatte, sein Sohn wurde ihm erst nach seinem Tode von einer gothischen Sklavin geboren. Renou giebt an, Edris habe die Stadt 793 n. Chr. gegründet, welches Jahr mit dem 177. Jahre der Mohammedaner correspondirt Marmol lässt Fes an Jahre 793 n. Chr. erbaut werden, stimmt aber irrthümlicher Weise dieses Jahr mit dem 185. Jahre der Hedschra. Während noch Andere für das Gründungsjahr von Fes 808 n. Chr. ansetzen, verlegt Dapper es auf das Jahr 801 n. Chr. Es geht hieraus hervor, dass wir nicht ganz mit Bestimmtheit das Jahr angeben können, sondern uns damit begnügen müssen, zu wissen, dass die Stadt gegen das Ende des 8. oder im Anfange des 9. Jahrhunderts gegründet wurde.
Ebenso unbestimmt sind die Angaben, woher der Name Fes kommt. Leo leitet den Namen davon her, weil bei den ersten Grabstichen die Gründer Gold, Silber (Fodda oder Fedda) gefunden hätten; Andere meinen, die Stadt habe den Namen vom Flüsschen gleichen Namens, was die Stadt durchschneidet, noch Andere leiten den Namen der Stadt von Fes her, was im Arabischen eine "Hacke" bedeutet. Was die Schreibart anbetrifft, so finden wir ebensowenig Uebereinstimmung; Einige schreiben Fes, Andere Fas, noch Andere Fez, und doch dürfte Fes die alleinig richtige sein, wenn wir die arabische Schreib- und Aussprechungsweise zu Grunde legen.
Fes liegt nach Ali Bey auf dem 34° 6' 3" nördl. Breite, dem 7° 18' 30" östl. Länge von Paris, und da bis jetzt keine anderen Bestimmungen vorliegen, so müssen wir diese festhalten.
Es herrscht eine grosse Confusion über die örtliche Lage von Fes. So sagt Leo: "Die Stadt besteht fast ganz aus Bergen und Hügeln; nur der mittelste Theil ist eben, und Berge sind auf allen vier Seiten." Ali Bey: "Die Stadt Fes ist auf den Abhängen verschiedener Hügel gelegen, welche die Stadt von allen Seiten, mit Ausnahme von Norden her, umgeben." Thatsache ist, dass Fes, als Ganzes betrachtet, denn die Stadt besteht aus zwei vollkommen getrennten Städten, von allen Seiten, mit Ausnahme vom Süden her, von Bergen umschlossen ist. Ebenso werden die die Stadt durchziehenden Gewässer unter verschiedenen Namen aufgeführt, und es hat dies zum Theil seinen Grund darin, dass die Araber in sehr vielen Fällen für einen und denselben Fluss verschiedene Benennungen haben, je nach seiner Quelle, nach seinem mittleren oder unteren Laufe. So hat denn das kleine Flüsschen, welches südwestlich von Fes etwa 20 Kilometer entfernt entspringt, zuerst den Namen Ras-el-ma, ändert aber den Namen, sobald es die Stadt erreicht, in Ued-Fes um; es verbindet sich dieses Flüsschen mit einem stärkeren, aus Südost kommenden Flusse zwischen Neu- und Alt-Fes, und beide durchströmen nun die Stadt ebenfalls unter dem Namen Ued Fes, um später Ued Sebu genannt zu werden. Der grössere Fluss, der von Süd-Süd-Ost in Neu-Fes eindringt, heisst aber oberhalb der Stadt, wie ich auf meiner zweiten Reise in Marokko constatiren konnte, ebenfalls Ued Sebu. Wenn noch andere Namen aufgeführt werden für diese Wässer, als von Renou Oued el Kant'ra (Brückenfluss), von dem Renou glaubt, es sei dies der von Edris genannte Fluss Ued S'enhâdja, oder von Graberg von Hemsö Vad-el-Gieuhari und Vad-Matrusin, oder von Marmol Ouad-el-Djouhour (Perlenfluss), so muss ich gestehen, dass diese Namen mir während meines Aufenthalts in Fes nicht bekannt geworden sind.
Die Stadt präsentirt sich also derart, dass sie fast mit von Norden nach Süden (mit etwas von Nordwest nach Südwest geneigter) gerichteter Achse gelegen ist und aus zwei Städten besteht, Fes-el-bali[79], Alt-Fes, und Fes-el-djedid, Neu-Fes. Beide Städte aber liegen keineswegs dicht neben einander, sondern sind durch eine zwei Kilometer lange Strasse, aufs dichteste von Häusern bestanden, verbunden, so dass es, von oben gesehen, das Aussehen hat wie zwei getrennte Städte, welche communiciren durch eine eng gebaute Strasse. Alt-Fes bildet den nördlichen Theil und ist mit Ausnahme von Süden her von Bergen umschlossen, zum Theil namentlich nach Osten zu an die Bergwand hinaufgebaut, Neu-Fes bildet den südlichen Stadttheil und liegt vollkommen in einer Ebene. Nördlich von Neu-Fes verbinden sich der Sebu und das von Ras-el-ma[80] kommende Wässerchen, um Alt-Fes zu durchfliessen, Alt-Fes wird so in zwei Hälften getheilt, durch sechs steinerne Brücken mit einander verbunden, die westliche Seite ist die kleinere. Beide Städte sind mit 30-40 Fuss hohen Mauern umgeben, welche von etwa 500 zu 500 Schritt mit viereckigen hervorspringenden Thürmen versehen sind. Die Mauern sind an der Basis zwei Meter und mehr dick, verjüngen sich nach oben zu einem Meter, und haben auf der Zinne einen Umgang, geschützt durch eine etwa 5 Fuss hohe und 1-2 Fuss dicke crenelirte Mauer. Die Thürme selbst sind eingerichtet, Geschütze aufnehmen zu können.
[Fußnote 79: Fes-el-bali sollte eigentlich Fes-el-kedim heissen, denn das Wort kedim entspricht genau unserm "alt", während "bali" mehr das "abgenützt" in sich schliesst.]
[Fußnote 80: Ras-el-ma heisst eigentlich weiter nichts als Kopf des Wassers d.h. Quelle.]
Die Mauer von Alt-Fes sowie die Thürme befinden sich in äusserst mangelhalftem Zustande, die von Neu-Fes ist besser erhalten, und ist an manchen Stellen eine doppelte, so namentlich nach Südwesten und Süden zu, wo die äussere Mauer ausserdem 80 Fuss hohe Thürme hat.
Die Mauern sowohl wie die Thürme sind aus einer gegossenen oder vielmehr gestampften Masse aufgeführt, welche zwischen Brettern eingestampft wird und an der Luft, mit Kalk und Cement vermischt, eine grosse Härte erlangt. Die Ecken, Bogen, Seiten der Thore sind indess aus behauenen Steinen hergestellt, denn die Masse, so widerstandsfähig sie im grossen Ganzen auch ist, so leicht zerbröckelt sie doch an den Ecken und Kanten. Aus eben dieser Masse sind auch die meisten grossen Gebäude hergestellt, viele aber auch aus im Feuer gebrannten Ziegeln; gerundete Dachziegel endlich sind das Material, das man zur Bedeckung der Moscheen genommen hat; die Wohnhäuser verlangen solche nicht, da alle platte Dächer haben.
Wenn auf diese Art die Stadt gegen Landesfeinde vollkommen geschützt erscheint--denn so sehr die Mauern auch Verfall drohen, würden sie dennoch Schutz gegen regellose Angriffe gewähren--, so wenig haltbar würde sich Fes einem Angriffe irgend einer europäischen Macht gegenüber zeigen. Selbst die beiden Forts ausserhalb der Stadt tragen nichts zum Schutze gegen einen Angriff von aussen her bei, weil sie selbst von anderen Anhöhen von nächster Nähe aus beherrscht sind. Das eine dieser Forts liegt im Südosten der Stadt auf einer Anhöhe und ist ein mit vier Bastionen versehenes Viereck, offenbar von ehemaligen europäischen Renegaten nach Vauban'schem System recht gut angelegt. Im Westen der Stadt auf der nächsten Anhöhe befindet sich eine Lunette, diese letztere, nach der Stadt zu in ihrer Kehlseite nur durch Pallisaden geschlossen, ist wie das vorhin erwähnte Quadrilatär aus behauenen Steinen erbaut, und beide sind überdies mit tiefen Gräben versehen. Ob diese Steine, welche grosse Quadern aus Sandstein sind, eigens zu diesen Bauten gehauen worden sind oder von alten Römerwerken herstammen, konnte ich nicht erfahren; wäre letzteres der Fall, so wäre das ein Beweis mehr, an der jetzigen Stelle von Fes eine alte Römerniederlassung, vielleicht Volubilis, suchen zu müssen. Keines der beiden Forts hatte Kanonen im Jahr 1861/62, und beide waren auch ohne jede Bewachung.
Die Stadt Fes wird in 18 Quartiere getheilt, von denen zwei auf die Neustadt, die übrigen auf Alt-Fes kommen, davon hat Alt-Fes sieben Thore, inclusive des nach der Neustadt zu führenden, während Neu-Fes nur drei hat, von denen das eine auf Alt-Fes gerichtet ist. Der Länge nach wird die Stadt von einer Strasse durchschnitten, welche hinlänglich breit ist, denn überall können vier oder fünf Menschen neben einander gehen, oft auch noch mehr. Die Gässchen aber, die sich von dieser Hauptstrasse in die verschiedenen Quartiere hinschlängeln, sind äusserst schmal, manchmal so eng, dass zwei sich Begegnende sich an einander vorbeidrücken müssen. Es sind dann zahlreiche Plätze vorhanden, aber kein einziger mit Ausnahme des grossen Platzes in Neu-Fes, der sich vor dem Palaste des Sultans befindet, welcher mehr als 500 Menschen aufnehmen könnte, wenn sie dichtgedrängt bei einander stehen. Hierdurch erlangt die Stadt ein äusserst düsteres Aussehen, was noch dadurch vermehrt wird, dass kein einziges Haus nach der Strassenseite Fenster hat, und fast alle zwei oder drei Stockwerke hoch sind.
Ein grosser Uebelstand ist auch der, dass man gar keine Pflasterung in Fes kennt, man ist im Sommer einem entsetzlichen Staube ausgesetzt und hat im Winter die grösste Mühe, durch den tiefen Schmutz fortzukommen. Gegen diesen haben allerdings die Bewohner eine eigene Art Holzschuhe erfunden mit 2-3 Zoll hohen Absätzen unter dem Hacken und den Fussspitzen, aber oft reichen selbst diese nicht aus. Auch in Tunis, wo ähnliche Verhältnisse während der nassen Jahreszeit sind, hat man diese Holzunterschuhe, die unter dem gewöhnlichen Schuhzeuge befestigt werden, und wie alt ihr Gebrauch ist, geht daraus hervor, dass schon Leo ihrer erwähnt.
Das Innere der Häuser ist oft sehr hübsch eingerichtet, obgleich man natürlich an Möbel, wie sie bei uns in Gebrauch sind, nicht denken muss. Der Marokkaner will gar keinen Fortschritt, so wie seine Väter gelebt haben, will auch er leben, und Neuerungen einführen, ist die grösste Sünde. So sind denn auch alle Einrichtungen so, wie sie vor Hunderten von Jahren gewesen sind. Gelangt man durch eine starke, meist dick mit Eisen beschlagene Thür durch einen umgebogenen Gang[81] in das innere einer Wohnung, so kommt man zuerst auf einen mehr oder weniger grossen nach oben offenen Hofraum, der meist viereckig von Form ist. Bei Reichen und Armen ist dieser Raum gepflastert, oft mit Marmorfliessen (weche [welche] von Spanien und Portugal kommen), meist aber mit Sleadj. Es sind dies kleine Fliesse mit bunt glasirter Farbe, und da sie in allerlei Formen hergestellt werden, sternartig, dreieckig, viereckig etc., so legen die Erbauer die hübschesten Muster damit zusammen. Eine einzelne Sleadj ist nicht grosser als 1-2 Zoll Seitenlänge; man verfertigt sie in Fes selbst. Auch die Zimmerböden sind meist aufs reizendste mit diesen Sleadj ausgelegt.
[Fußnote 81: Ein gerader Gang darf von der Strasse nicht ins Innere des Hauses führen, weil sonst, bliebe ja einmal aus Versehen die Hausthür offen stehen, der Blick eines Fremden in den Hofraum fallen könnte.]
In der Mitte des Haushofes befindet sich ein springender oder jedenfalls fliessender Quell, auch in der ärmsten Wohnung fehlt er nicht. Bei den Reichen befinden sich zu dem Ende meist hübsche Marmorbecken, welche ebenfalls aus Europa bezogen werden, im Hofe. Die Vertheilung des Wassers in der Stadt ist nämlich so ausgezeichnet, dass Canäle weit oberhalb der Stadt von den Flüssen abgeleitet sind, und so auch die höchsten Stadttheile mit reinem Wasser versorgen. In Neu-Fes hat man an einem Canal sogar grosse Räder erbaut, welche, wie in Italien die Bewässerungsräder, mittelst ihrer eigenen vom Wasser bewirkten Umdrehung Wasser auf die Höhe schaffen. Nach Leo sollen diese Wasserräder schon 100 Jahre vor seiner Ankunft in Fes gewesen sein und von einem Genueser herrühren.
Ebenso gut ist für die Abführung der Unreinigkeiten aus den Häusern gesorgt, das lebendige Wasser führt allen Unrath mittelst kleiner unterirdischer Canäle in den Ued Fes[82].
[Fußnote 82: Leo giebt an: es seien über 150 öffentliche Latrinen in Fes, und sämmtliche wurden durch fliessendes Wasser von selbst reingehalten. Ob so viele in Fes sind, kann ich nicht behaupten, jedenfalls wird, da man in allen marokkanischen Städten, auch in den Oasen, öffentliche Latrinen findet, auch wohl in Fes dafür gesorgt sein. Man findet sie übrigens nicht nur mit Moscheen verbunden, sondern häufig auch ganz unabhängig von solchen.]
Die Zimmer der Häuser, von denen sich in der Regel drei oder vier auf den Hofraum öffnen, sind stets sehr lang, sehr hoch, aber auch nie breiter, als dass ein grosser Mensch der Breite nach darin liegen kann. Grosse und hohe Thüren, wie immer mit hufeisenförmigen Bogen führen zu den Zimmern; im Sommer und bei gutem Wetter sind sie offen, im Winter verschlossen, und man gelangt durch eine kleine Thür, eine Art Schlüpfthür (Poterne), welche sich in jeder grossen befindet, ins Zimmer. An beiden Seiten der Thür sind manchmal kleine viereckige, oder auch ogivische stark vergitterte Fenster, Glasscheiben hat man erst in letzter Zeit angefangen einzuführen, Möbel nach unserem Sinne sind nirgends vorbanden. Bei den Reichen findet man Teppiche, Wollmatratzen, feine Matten, und auch die Wände der Zimmer 3-4 Fuss hoch mit hübschen Matten ausgeschlagen; auch manchmal Betten an den Enden der Zimmer auf europäischen Bettstellen, aber diese werden mehr als Luxus, als Schmuck betrachtet, es würde nie Jemandem einfallen, darin zu schlafen.
Die Wände der Zimmer sind weiss ausgekalkt, aber unterhalb des Plafond laufen manchmal Arabesken herum, oft in Form von Koransprüchen.
Die Plafonds der Zimmer sind bunt bemalt, oft azur mit Gold, oft aber auch mit Holzschnitzerei bedeckt oder mit Holzstückchen ausgelegt. In den Wänden sind häufig nischenartige Vertiefungen angebracht, welche als Schränke dienen; ebenso findet man bei der wohlhabenden Classe Holzschränke, oft aus sehr hübschen Holzschnitzwerken gearbeitet, oder mit Perlmutterstückchen, Elfenbein oder Ebenholzstückchen ausgelegt.
Während im Hofe rings um die inneren Wände ein durch steinerne Säulen getragener Bogengang läuft, der zugleich Schatten gegen die senkrechte Sonne gewährt, dient dieser Bogengang für das zweite Stockwerk als Vorplatz, von dem aus man in die Zimmer gelangt; und ist noch ein drittes Stockwerk vorhanden, so gehen die Gallerien ebenfalls höher. Die oberen Zimmer unterscheiden sich in der Anordnung durch nichts von den unteren; ganz oben auf dem platten Dache, welches aus gestampfter und cementirter Erdmasse besteht, befindet sich manchmal noch ein Zimmer, Mensa genannt; hier geben die Frauen vorzugsweise ihre Gesellschaften. Der Zugang nach oben geschieht mittelst Treppen, die immer sehr schmal, und, wenn im Innern des Hauses, niedrig angelegt sind; aber so sehr man darauf sieht, den Raum in Breite und Höhe bei der Treppe zu beschränken, so wenig sieht man darauf, die Absätze selbst kurz zu machen; im Gegentheil, diese sind so hoch, dass manchmal ein ausserordentlicher Kraftaufwand erforderlich wird, um einen Absatz zu ersteigen.
Von aussen werden die Häuser bisweilen durch anstrebende Pfeiler verstärkt oder durch Bogengänge auseinandergehalten; es trägt dies keineswegs dazu bei, die ohnehin schon schmalen Gassen passirbarer zu machen, und wo man ja einmal eine etwas breitere Strasse antrifft, kann man sicher sein, dass die Anwohner dies derart durch Ueberbauen der zweiten und dritten Etage benutzt haben, dass die breiteren Strassen hiedurch fast zu den dunkelsten gemacht sind.
Nachts werden nicht nur die Stadtthore geschlossen, sondern auch die Thore, welche die verschiedenen Quartiere von einander trennen, und da die Quartiere gemeiniglich durch mehrere Strassen mit einander communiciren, so kann man sich denken, wie viele Thore alle Abende verschlossen werden müssen. Man sagt: es sei dies eine Sicherheitsmassregel, und hauptsächlich sei dieselbe gegen Diebe gerichtet. In der That wird dadurch alle Communication Nachts aufgehoben; nach dem l'Ascha (das letzte Gebet) ist es unmöglich, aus seiner Strasse oder seinem Quartier herauszukommen. Während des Chotba-Gebetes am Freitag werden ebenfalls alle Thore abgeschlossen, nicht nur in Fes, sondern in allen Städten Marokko's, ja im ganzen Rharb (die arabischen Geographen rechnen alles Land westlich vom Nil zum Rharb, d.h. dem Westen, alles östlich davon zum Schirg, d.h. dem Osten) herrscht diese Sitte, wie ich später in Rhadames, Tripolis, Bengasi, Tunis und anderen Städten zu erfahren Gelegenheit hatte. Es soll dies deshalb geschehen, weil einer alten Sage zu Folge sich um die Zeit des Chotba-Gebetes die Christen der mohammedanischen Städte bemächtigen würden. Wahrscheinlich ist es aber ein alter Brauch der Regierungen, die sich dann mit ihrer ganzen Macht in den Moscheen befinden und sich so gegen ihr eigenes Volk sichern wollen.
An öffentlichen Gebäuden der Stadt sind die Paläste des Sultans, die Moscheen, die Funduks, Bäder und Grabstätten hervorzuheben.
Der grosse Palast des Sultans nimmt den ganzen südwestlichen Theil von Neu-Fes ein; von dem Innern dieses Gebäudes kann ich nur wenig berichten, da ich hier nicht dem Leser die übertriebenen Beschreibungen der Bewohner von Fes wiedergeben mag, die mehr nach Fabeln aus 1001 Nacht klingen, als auf Wirklichkeit beruhen. Grossartige Ruinen deuten allerdings auf einstige grossartige Bauten hin, aber _alle_ Bauten der Mohammedaner haben das Eigenthümliche, dass sie meist schon _gleich_ nach dem Entstehen ein ruinenhaftes Aussehen bekommen. Der Palast besteht eigentlich aus weiter nichts als vielen grossen mit Arkaden versehenen Höfen mit Springbrunnen, auf welche sich die Zimmer öffnen, Pferdeställe, Bedientenstuben, Wachtzimmer, Empfangshöfe--diar el meshuar genannt--wechseln damit ab. An der südöstlichen Ecke, durch hohe Mauern von den übrigen Theilen des Palais getrennt, befindet sich das Harem, welches Platz für mehr als 1000 Frauen hat. Zwischen der kaiserlichen Wohnung und der südwestlichen Stadtmauer befindet sich ein grosser Garten, in welchen ich mehrere Male Zutritt bekam. Man findet hier fast alle feineren europäischen Gemüse, auch Blumenkohl, Artischocken und dgl. Von langen geraden Gängen durchschnitten, sind diese an den Seiten eingefasst von Beeten mit Rosen, Jasmin und Luisa, und fast alle Wege sind zu Tunnels und Laubengängen umgeschaffen, wo die rankenden Weinreben kühlenden Schatten gewähren. Eine kleine Veranda, vor einem Theil des Palais gelegen--und davor ein besonderes abgeschlossenes Gärtchen, worin nur Blumen gezogen werden, dienen zum Privatgebrauche des Kaisers.
Ein zweiter Palast des Sultans ist zwischen Neu- und Alt-Fes gelegen und hat den etwas sonderbaren Namen Bu-Djelud[83]. Es ist dies, abgesehen von dem halbverfallenen Aussehen, ein hübsches Gebäude, und, eigenthümlicherweise im Renaissancestyl, vermischt mit maurischer Architektur errichtet, was wohl daher rührt, dass europäische Renegaten die Erbauer waren. Es gelang mir leider nicht (da der Sultan in Mikenes war), in das Innere zu kommen; ebenso war mir auch der Garten verschlossen, welcher damit verbunden ist, und dessen herrliche Baumgruppen, aus denen schlanke Palmen hervorragten, ich oft im Vorübergehen bewunderte. Dieser Garten war den Damen des Harems reservirt.
[Fußnote 83: Bu-Djelud heisst Vater der Felle; wahrscheinlich befand sich hier am Flusse--denn dieser Palast liegt hart am Ued-Sebu--eine Gerberei. Eine ähnlich sonderbare Benennung hat ja auch der Palast der französischen Herrscher in Paris: Tuilerie.]
Eine halbe Stunde von Neu-Fes entfernt, nach dem Süden zu, befindet sich eine sultanatliche Wohnung, von einem äusserst grossen und mit hoher Mauer umringten Garten umgeben; in diesem Gebäude hält sich der Sultan manchmal auf, um die Sommerfrische zu geniessen; zum Theil wohnen sodann die Minister, die Grossen des Reichs, die Gouverneure der Provinzen, welche zum Besuch anwesend sind, mit in dem weitläufigen Gebäude, zum Theil campiren sie in ihren Zelten ausserhalb des Gartens.
Zwischen diesem Landsitz in Neu-Fes ist auch gewöhnlich die Mhalla, d.h. der Lagerplatz des Heeres. Dieses muss immer da sein, wo der Sultan sich aufhält; und da in Neu-Fes für die Truppen, welche der Sultan immer um sich hat, nicht hinlänglich Platz ist, so campiren sie hier unter Zelten. Von Weitem gesehen, sieht dieses Zeltlager, inmitten der grünen Wiesen, durchschlängelt vom Ued-Fes, sehr malerisch aus, aber im Innern herrscht die grösste Unreinlichkeit und Verwirrung.
Die stehende Macht des Sultans bestand 1862 aus etwa 4000 Infanteristen, welche aufs bunteste costümirt sind. Sidi-Mohammed-ben-Abd-er-Rhaman, jetziger Sultan und derselbe, dem zu Lebzeiten seines Vaters eine so empfindliche Niederlage durch den Marschall Bugeaud bei Isly[84] beigebracht wurde, war im Feldzuge gegen die Spanier nicht glücklicher gewesen. Indess hatte er so viel Einsehen bekommen, dass er begriff, mit seinen regellosen Schaaren nicht gegen europäische Streitkräfte kämpfen zu können.
[Fußnote 84: Am 14. August 1844. Der jetzige Sultan entkam seiner Gefangennahme nur dadurch, dass er beim Eindringen der Franzosen in sein Zelt dieses mit dem Säbel schlitzte, und aufs Pferd sich schwingend, von diesem aus dem Bereich der Feinde getragen wurde.]