Mein erster Aufenthalt in Marokko und Reise südlich vom Atlas durch die Oasen Draa und Tafilet.

Part 10

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Nach der Meinung der Marokkaner verursacht der Genuss des Arganöls (Oel vom Baume des Elaeodendron Argan, der auf den westlichen Abhängen des grossen Atlas wächst) diese Krankheit oder begünstigt dieselbe. Ob dies der Fall ist, wage ich nicht zu bestätigen. Die in Mogador und Asfi lebenden Europäer haben nichts von einer solchen Wirkung dieses Oels gemerkt; und was dagegen spricht, ist das, dass in der Provinz Abda und Schiadma, wo doch hauptsächlich der Arganbaum wächst, gar keine Lepröse anzutreffen sind, während andererseits in Haha, wo ebenfalls der Argan vorkommt, die meisten Aussätzigen anzutreffen sind. Auffallend ist, dass die Kranken als Linderung ihrer Schmerzen innerlich einen Absud der Arganblätter nehmen, und auch äusserlich auf offene Wunden zerstampfte Arganblätter legen. Ein Teig aus Henne-Blättern[54] mit Erde gemischt wird ebenfalls zu Verband bei den offenen Geschwüren gebraucht.

[Fußnote 54: Lawsonia inermis, L.]

Krätze kommt überall vor, aber weniger, als man bei dem entsetzlichen Schmutze, an dem diese Völker Gefallen finden, denken sollte. Aus Krätze wird nicht viel Wesen gemacht, und Heilung wird erzielt durch kräftige Einreibung von brauner Schmierseife und Sand; Schmierseife wird überall in Marokko fabricirt, zu halben Theilen von beiden eingerieben, habe ich selbst Heilung bei verschiedenen Fällen erfolgen sehen.

Eine ungleich widerlichere Krankheit und äusserst verbreitet ist der Kopfgrind. Meistens sind die Knaben damit behaftet, im Alter von zwanzig Jahren verliert er sich von selbst. Ob die Tinea in Marokko Folge des Rasirens ist (jeder männliche Marokkaner trägt den Kopf von frühester Jugend an, rasirt), ist wohl anzunehmen. Der Reiz, der dadurch entsteht bei ganz jungen Kindern, monatlich und noch öfter mit halbscharfem Messer die Haare dicht über der Wurzel zu entfernen, oft abzureissen, kann wohl Veranlassung zu einer solchen Krankheit geben. Bei den Mädchen beobachtet man Grind sehr selten. Man braucht gegen diese Krankheit gar nichts, und sie ist so allgemein, dass Niemand in der Gesellschaft eines Grindigen Abscheu oder Ekel empfindet. Nach dem zwanzigsten Jahre sind die Meisten der Mühe, ihren Kopf zu rasiren, überhoben, da die Krankheit im Kindesalter sie ihrer sämmtlichen Haare beraubt hat.

Von Parasiten kommen nur Kopf- und Kleiderläuse vor, beide haften an jeder Frau, während die männliche Bevölkerung nur den Pediculus vestimenti[55] cultivirt, da sie in der Regel kein Kopfhaar hat, diejenige männliche Jugend indess, welche einen Zopf trägt, hat auch Kopfläuse. Der Pedic. pubis ist nirgends anzutreffen, weil sich Alle, sowohl die männliche als die weibliche Bevölkerung, diejenigen Partien des Körpers, wo derselbe vorzukommen pflegt, rasirt erhalten.

[Fußnote 55: Von dem Pedic. vestimenti existiren in Marokko mehrere Arten.]

Wurmkrankheiten sind selbstverständlich auch im Lande. Obschon die Lebensweise und Nahrung sehr förderlich für diese Entozoen sein muss, hört man doch selten darüber klagen. Spul- und Madenwürmer, eine häufige Erscheinung, werden behandelt durch eine Abkochung von Sater (Thymian[56]) und Kelil (Rosmarin[57]), denen noch andere starkduftende Kräuter zugesetzt werden. Aber auch durch eine Decoction der Wurzel der Rtemwurzel (Genista Saharae). Genannte beide bilden indess Hauptbestandteile. Taenia Solium, der auch vorkommt, wird (nach den Aussagen der marokkanischen Collegen) erfolgreich derart behandelt, dass man zuerst eine Portion Haschisch (Cannabis ind.) geniesst und später, wenn der Wurm berauscht ist, ihn durch irgend ein Purgirmittel abtreibt. Als Dose wurde angegeben ein Esslöffel voll pulverisirten und gedorrten Haschichkrautes [Haschischkrautes] [58], und als Abführungsmittel haben sie eine Zusammensetzung aus Sennesblättern (wächst wild im südlichen Marokko), Schwefel und Aloës, welches innerlich gegeben wird. Der Guineawurm kommt äusserst selten vor, und dann nur von Schwarzen aus dem Süden eingeschleppt. Die Behandlung desselben, sowie sie von den Schwarzen in Centralafrika practicirt wird, ist in Marokko nicht bekannt.

[Fußnote 56: Thymus hyrtus, Willd.]

[Fußnote 57: Rosmarinus offic.]

[Fußnote 58: Allerdings eine starke Dosis.]

Nicht nur der ungeheure Schmutz, in dem sich alle nordafrikanischen Völker gefallen, sondern auch Oertlichkeiten und Klima haben Augenkrankheiten von je her in Marokko begünstigt. Und je mehr man nach dem Süden kommt, desto häufiger werden dieselben, bis man in den Oasen der grossen Sahara die Bevölkerung derart von Augenleiden aller Art afficirt findet, dass ein Individuum mit beiden gesunden Augen schon zu _Ausnahmen_ gehört. Wie der Staub auch sein mag, ob ihn der Gebli oder Samum aufwirbelt, ob er im Norden mehr mit animalischen oder vegetabilischen Atomen, im Süden des Atlas mit anorganischen, mikroskopisch kleinen Theilen geschwängert ist, immer wirkt er gleich schädlich auf die Augen.

Es hat dies zur Folge, dass Hornhautkrankheiten alltägliche Erscheinungen sind. Chronische Hornhautentzündung nennt der Marokkaner Bu Tillis, d.h. den Vater des Schleiers. Manchmal heilen sie derartige Fälle im Entstehen dadurch, dass sie Feuer im Nacken, an den Schläfen, hinter den Ohren örtlich anwenden. Meist aber enden alle Augenkrankheiten mit Erblinden. Citronensaft und Wasser gemischt und in die Augen getröpfelt, wird häufig genug angewandt. Auch Antimon (Kohöl) ist in vielen Gegenden Gebrauch; es wird dies im Atlas gefundene Metall, dessen sich alle Frauen nicht nur Marokko's, sondern ganz Nordafrika's als Schönheitsmittel bedienen, und das auch unsere Theaterdamen, um den Glanz der Augen zu erhöhen, anwenden, oft mit Erfolg gebraucht. Man bestreicht mit Kohöl die Augenlider, mittelst eines feinen Holzspatels und unzweifelhaft hat dies Mittel gute Präservativeigenschaften bei dort herrschenden Augenkrankheiten. Als Arzneimittel wird es deshalb auch vielfach von den Männern gebraucht. Die Wirksamkeit des Spiesglanzes als Präservativmittel erhellt schon daraus, dass bei weitem mehr Männer von Augenkrankheiten betroffen werden als Frauen. Als äusserstes Mittel gegen Augenkrankheiten[59] führe ich noch an, dass in einigen Orten pulverisirter Pfeffer in die Augen geblasen wird.

[Fußnote 59: Ich bediene mich dieses allgemeinen Ausdrucks, da der Marokkaner nicht unterscheidet, ob die Hornhaut, die Lider, der Augapfel, die Liderhaut etc. erkrankt ist, sondern alles dies Augenkrankheit, Mrd-el-aiun, nennt.]

Von inneren Mitteln gegen Augenkrankheiten ist natürlich keine Spur vorhanden, als ich einige Male versuchte durch Calomel, innerlich gegeben, oder durch Purgantien Ableitungen herbeizuführen, wurde mir ernstlich gesagt, mit solchen Mitteln aufzuhören: "nicht der Bauch sei erkrankt, sondern die Augen".

Schwarzer und grauer Staar sind unter einer Bevölkerung, bei der fast jedes Individuum augenkrank ist, nichts Seltenes, und merkwürdig genug, giebt es in Marokko einige Familien, die sich damit beschäftigen, Staaroperationen und zwar mit Erfolg auszuüben. Diese Familien sind vorzugsweise auf dem _grossen_ Atlas ansässig, die Fähigkeit den Staar zu stechen geht vom Vater auf den Sohn über, der natürlich bei jenem in die Lehre geht. Die beiden Doctoren-Staarstecher, die ich kennen lernte, waren Berber ihrer Abkunft nach. Ohne sich mit anderen Krankheiten zu beschäftigen, verschmähten sie es sogar, andere Augenkrankheiten als Staarerblindungen in Behandlung zu nehmen. Sie machten für dortige Verhältnisse gute Geschäfte und man würde sie wirklich als gute Specialärzte haben hinstellen können, wenn sie die Fähigkeit gehabt hätten, irgend wie eine Diagnose zu stellen, geschweige von einer Prognose zu reden. Aber da kam es oft genug vor, dass irgend eine andere Krankheit der inneren Theile des Auges, wohl gar Gutta serena mit Gutta opaca verwechselt wurde. Da ich nicht selbst der Operation eines Staares beigewohnt habe, so kann ich nur anführen, dass mittelst eines glattgeschliffenen nadelförmigen Instruments der Einstich, nach Aussage der Staardoctoren, _seitwärts_ gemacht wird, dass nach der Beschreibung sodann die Linse zerstückelt wird, um später resorbirt zu werden. Eine Extraction oder Depression der Linse war offenbar diesen Leuten nicht bekannt.

Sehen wir, wenn es auf eine chirurgische Operation ankommt, wie bei der Staarstechung, die Heilkunde auf einer bedeutend höheren Stufe als bei _inneren_ Krankheiten, so ist das im Allgemeinen in der Chirurgie auch der Fall. Es ist dies auch ganz natürlich. Bei Verwundungen, bei äusseren Verletzungen kennt auch der gewöhnliche Mensch gemeiniglich die _Ursache_, er kann es dann bedeutend leichter unternehmen, eine Heilung zu versuchen. Und nicht nur in ganz uncivilisirten Ländern, oder in halbcivilisirten wie Marokko, auch in den am weitesten in der Cultur vorgeschrittenen findet man, dass die Chirurgie auf einer höheren Stufe steht als die Heilkunde innerer Krankheiten.

Reine Hiebwunden, die durch das fast überall geübte Faustrecht so häufig unter den Bewohnern Marokko's vorkommen, werden entweder mit einem Teig verbunden, der aus Henne (Lawsonia inermis) und Chobis (Malva parviflora) geknetet wird, oder man verbindet die Wunden mit geschmolzener salzloser Butter, in welche vorher, sobald die Butter siedend ist, ein Säckchen mit Schih (Artemisia odorif.) getaucht worden ist. Hierdurch bekommt die Butter einen starken aromatischen Gehalt, nimmt einen fast Kölnischem Wasser gleichenden Geruch an, der später selbst nicht vom übelstriechenden Eiter verdrängt wird. Wunden auf diese Art behandelt, nehmen fast immer einen guten Verlauf. In vielen Gegenden verbindet man die Wunden mit Rinderkoth, namentlich nomadisirende Stämme glauben an die Heilkraft der verdauten Kräuter.

Verwundungen, welche die Knochen verletzen, einerlei ob sie durch Kugeln oder Hiebwunden herrühren, werden auf gleiche Art rationell behandelt. Ist eine vollkommene Knochenzerschmetterung vorhanden, so wird ein _fester_ Verband angelegt, um die Heilung der zerschmetterten Knochen mittels Callusbildung herbeizuführen. Man kümmert sich nicht um Herausziehen der Knochensplitter oder Kugelstücken[60], so schnell wie möglich wird der Verband angelegt. Eine aus Ziegen- oder Schafleder bestehende Binde, die ihren Halt durch kleine Rohrstäbchen, die hineingenäht werden, bekommt, wird um die verletzten Theile gelegt und das Ganze dann mit Thon umkleistert. Ein solcher Verband soll nach den Regeln der dortigen Chirurgie 28 Tage liegen bleiben. Das einzige Misslingen bei diesem Verbande liegt darin, dass nicht gehörig für Eiterabfluss gesorgt wird, und dadurch für den Patienten oft missliche Zustände eintreten.

[Fußnote 60: Man ladet meistens mit zerhacktem Blei.]

Fracturen werden ebenfalls durch festen Verband geheilt, ohne dass man aber vorher einrichtet. Natürlich werden dabei meist schiefe Heilungen erzielt, und oftmals sieht man Röhrenknochen die Weichtheile durchbohren, und es entstehen dann für immer offene Wunden. Nie fällt es ein irgend wie zu amputiren. Der Marokkaner hält das für sündhaft. Die durch die Gerechtigkeit abgehauenen Hände oder Füsse werden sorgfältig vergraben, weil sie sonst am Auferstehungstage fehlen könnten, und die Stümpfe werden in siedende Butter oder kochendes Oel getaucht, um die Blutung zu stillen. Verrenkungen einrichten kennt man nicht, so dass gewöhnliche Folge eine schmerzhafte Entzündung mit oft bösem Ausgang ist. Natürlich ist selbst bei schwersten Verwundungen von einer inneren Behandlung nie die Rede, aber Amulette, Zaubersprüche u. dergl. m. sind auch hier an der Tagesordnung.

Was die Geburtshülfe anbetrifft, so ist es schwer darüber nur das Geringste anzugeben, da nur Frauen als Beistand geduldet werden. Die Wendung sowie die Zange sind unbekannt, einzelne Praktiken, die mir erzählt wurden, sind zu abgeschmackt, als dass ich sie hier wiedergeben sollte. Nur so viel kann ich bezeugen, dass einst meine Hauswirthin in einer kleinen Oase der Wüste, Nachts mit einem Kinde niederkam und am andern Morgen trotzdem ihre gewöhnliche Beschäftigung verrichtete.

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6. Uesan el Dar Demona.

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Es giebt Bücher genug, die über Marokko handeln, und keine Geographie älteren oder neueren Ursprungs unterlässt es, irgend ein Capitel diesem Reiche zu widmen; aber wie Afrika im Allgemeinen noch heute ein Terra incognita für uns ist, so ist von all den Staaten, welche an den Küsten liegen, namentlich an den Küsten des Mittelmeers, kein Land so wenig bekannt wie Marokko und von allen Städten in Marokko ist Uesan die unbekannteste. So sehen wir denn auch, dass ein Hemsö, Ali Bey, Richardson und Renou nur ganz oberflächlich des Ortes Uesan im Vorübergehen erwähnen.

Ali Bey verlegt Uesan auf den 24° 42' 29" N. Br. und 7° 55' 10" L. von Paris, Renou, der die Breite gelten lässt, glaubt aber Uesan die Länge von 7° 58' geben zu müssen. Dieselbe Position finden wir auch auf Petermanns trefflichen Karten von Marokko[61]. Bis genauere Messungen an Ort und Stelle angestellt sind, können wir uns auch einstweilen recht gut daran halten. Die Stadt Uesan liegt etwa 900 Fuss über dem Meeresspiegel, erfreut sich also unter diesen Breiten eines äusserst günstigen Klimas.

[Fußnote 61: Mittheilungen, Jahrg. 1865.]

Vortheilhafter wird die Lage noch dadurch, dass die Stadt am Fusse des mächtigen und zweigipfligen Berges Bu-Hellöl aufgebaut ist. Dieser herrliche Berg, dessen ganze Nordseite von der Stadt an bis zum Gipfel zum Theil mit Oliven, zum Theil mit immergrünen Eichen und Wachholder bewaldet ist, hält wirksam die heissen Südwinde ab, während er zugleich den regentragenden Nord- und Nordwestwinden einen Damm entgegensetzt.

Der ganze Gebirgscomplex, der sich um Uesan herumzieht, steht im innigen Zusammenhange mit dem sogenannten kleinen Atlas. Ersteigt man den Bu-Hellöl, so sieht man über die Rharbebenen hinweg die blauen Fluthen des atlantischen Oceans, während andererseits nach Norden und Osten der Blick eine vollkommen zusammenhängende Gebirgslandschaft vor sich hat bis zu den zackigen Berggipfeln, der Habib, der Srual, der Schischauun und in erster Nähe der Erhona.

Es scheint, dass Uesan von einem Nachkommen Mulei Edris, Namens Mulei Abd-Allah Scherif, etwa um das Jahr 900 n. Chr. als Sauya gestiftet wurde. Da nun Edris der Gründer der Stadt Fes als der directeste Nachkömmling des Propheten angesehen wird, so ist seine männliche Nachfolge in erster Linie noch heute in demselben Ansehen. Aus diesem Grunde sind die Schürfa von Uesan, d.h. die Edrisiten, bedeutend heiliger gehalten als die übrigen von Mulei Ali stammenden, wozu die Familie des Sultans gehört.

Dennoch haben aber diese Vorrechte genug, und was der kaiserlichen Familie an Heiligkeit directer Abkunft abgeht, ersetzt sie eben dadurch dass sie die regierende ist. Bei den Mohammedanern nun ist aber das Heiligsein ganz anders als bei uns Christen.

Mein seltsamer Anzug, halb christlich, halb mohammedanisch, hatte rasch einen Haufen Neugieriger herbeigezogen, mein Begleiter und ich wurden umdrängt und befragt, wer ich sei, was ich wolle, woher ich komme, wohin ich wolle u. dergl. unverschämte Fragen mehr. Es ist vollkommen falsch, wenn man glaubt der Mohammedaner sei schweigsam, ernst und nicht neugierig; in Afrika habe ich überall das Gegentheil erfahren. Manchmal freilich mag der Vornehme, der Mann vom "grossen Zelte," sich gegen Christen so zurückhaltend benehmen, aber nie gegen seines Gleichen. Und man erinnere sich, dass ich als Mohammedaner reiste.

Nachdem die Neugier befriedigt und nachdem namentlich die Menge beruhigt war über meinen Glauben, d.h. nachdem ich auf ihre Aufforderungen zum "Bezeugen" mehrere Male "es giebt nur Einen Gott und Mohammed ist sein Gesandter" geantwortet hatte, sagten sie aus, "Sidi" befände sich mit den Schürfa und Tholba im Rharsa es Ssultan, so hiess man Garten und Gartenhaus des Grossscherifs.

Man kann sich denken, mit welcher Spannung ich der ersten Zusammenkunft mit diesem Manne, der in den Augen der meisten Marokkaner höher als Gott, ja höher als der Prophet gehalten wird, entgegen sah.

Meine Begleiter und ich gingen also nach seinem Landsitze, der sich bald, er liegt nur ca. 5 Minuten ausserhalb der Stadt, unseren Blicken zeigte. Wie erstaunt war ich, ein Haus halb im neuitalienischen, halb im maurischen Style zu erblicken. Dort ist Sidna,[62] sagte man mir. Aus den Fenstern des oberen Stockes sah ich eine Menge Neugieriger herabgucken, vorne stand ein junger Mann in französischer Capitäns-Uniform mit dem Degen an der Seite, ein langes Fernrohr in der Hand. Jetzt rasch durch ein hohes gewölbtes Steinthor in den Garten tretend, befanden wir uns bald vor der Hauptthür, welche direct auf eine enge und so niedrig gebaute Treppe ging, dass jeder nur etwas grosse Mann sich bücken musste, um hinaufzuschreiten. Oben angekommen, riefen uns mehrere uniformirte Sklaven ein "Okaf" (Halt) entgegen, das aber gleich vom lauten "sihd" (marokk. Ausruf, bedeutend "tritt näher") des Grossscherifs übertönt wurde.

[Fußnote 62: Der Titel Sidna, d.h. "unser Herr," kommt eigentlich nur dem Sultan zu. Jeder Scherif hat den Titel sidi oder mulei, was "mein Herr" bedeutet Tholba, d.h. Schriftgelehrte, Standespersonen, Beamte, haben den Titel "sid," was Herr bedeutet. Der Plural von mulei, muleina, wird nur Gott und dem Propheten gegeben.]

Mein Begleiter prosternirte sich, küsste die gelben Stiefel Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam's, und berichtete dann über mich. Ich selbst begnügte mich, seine dargebotene Hand (der Grossscherif sass auf einem Teppich in einer Ecke des Zimmers) zu ergreifen, und sodann führte ich die meine an Stirn und Mund. Unter der Zeit hatte ich Musse, ihn und seine Umgebung zu betrachten.

Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam-ben-el-Arbi-ben-Ali-ben-Hammed-ben-Mohamméd-ben- Thaib[63], wie sein ganzer Titel lautet, war (1861) etwa 31 Jahre alt; von fast zu hoher Statur, wurde das Ebenmaass seines Körpers durch eine angenehme Wohlbeleibtheit hergestellt. Sein Teint ist stark gebräunt, und auch etwas dick aufgeworfene Lippen deuteten auf Negerblut, wie denn in der That seine Mutter aus Haussa stammte. Eine gerade Nase, ein feurig schwarzes Auge, im Ganzen ein längliches Gesicht, so präsentirte sich der Mann, dem von fast der ganzen mohammedanischen Welt eine abgöttische Verehrung gezollt wird. Seine Bekleidung bestand in einer weiten skendrinischen[64] rothen Tuchhose, einem französichen [französischen] Waffenrock mit französischen Epauletten, auf dem Kopfe hatte er einen tunesischen Tarbusch mit schwerer goldener Troddel. An der Seite trug er einen äusserst schön gearbeiteten Degen, wie ich später erfuhr, ein Geschenk vom General Prim.

[Fußnote 63: In seinen Briefen titulirt sich Abd-es-Ssalam bis zum Grossvater, Thaib, seines Urgrossvaters Hammed hinauf, weil Mulei Thaib der Erneuerer der religiösen Gesellschaft der Thaib gewesen ist, in ganz Nord-Afrika die allergrösste religiöse Genossenschaft. Seines marokkanischen Ahnen Mulei Edris, oder des Gründers der Sauya Uesan, Mulei Abd Allah Scherif, wird in den Briefen nicht Erwähnung gethan.]

[Fußnote 64: Skendrinischen = Alexandrinischen.]

Eine goldene Schärpe, die er um hatte, enthielt zugleich einen Revolver vom System Lefaucheux, der überdies mittelst einer rothseidenen Schnur um den Hals befestigt war. "Merkwürdig," dachte ich, "den Mohammedanern ist durch den Koran verboten, Gold und Seide auf ihren Kleidern zu tragen, und nun sehe ich den directesten Sprössling des Propheten damit überladen.["] Die übrigen Anwesenden bestanden zum Theil aus nahen Anverwandten, also ebenfalls Abkömmlingen Mohammed's, dann aus Tholba, endlich aus vielen Fremden von vornehmer und geringer Herkunft. Ueberdies ging es ohne Unterlass aus und ein, da ging kein Mann oder keine Frau aus dem Gebirge vorbei (das Gartenhaus lag an einer sehr frequenten Strasse), ohne rasch heraufzuspringen, um den Grossscherif zu küssen und um einige Mosonat[65] niederzulegen. Da kamen Processionen von Ferne, um den uld en nebbi (Sohn des Propheten) zu besuchen, von diesen wurde nur der "Emkadem" (geistige Vorsteher und Hauptgeldeinsammler) vorgelassen, die anderen aber einstweilen fortgeschickt, um in die für Fremdenaufnahme eingerichteten weiten Hallen der Sauya in Uesan einquartiert zu werden und um später en bloc den Segen zu empfangen.

[Fußnote 65: Mosona, eine imaginäre marokkanische Münze, besteht aus 6 flus, pl. von fls. Ein fls. ist ungefähr gleich einem französischen Centime.]

Sidi winkte; gleich darauf brachte ein kleiner uniformirter Neger Namens Zamba eine silberne Platte, darauf stand ein silberner Theetopf, eine Schale mit grossen Stücken Zucker, eine Theebüchse, und, ausser den sechs üblichen kleinen Theetassen, ein Glas, woraus Sidi seinen Thee nehmen sollte. Alles dieses wurde vor den Sidi zunächstsitzenden Scherif, einen schon älteren Mann, Namens Sidi el Hadj Abd-Allah, gesetzt, und dann ging die Bereitung des Thees vor sich.

Der Hadj Abd-Allah nahm eine tüchtige Hand voll grünen Thees, warf ihn in den Topf, während ein anderer kleiner Neger, Ssalem, schon das siedende Wasser in Bereitschaft hielt; der erste geringe Aufguss diente nur dazu, den Thee zu reinigen. Sodann wurde eine tüchtige Portion Zucker in den Topf geworfen, und nun derselbe mit kochendem Wasser gefüllt. Unter der Zeit hatte der Hadj auch schon einige aromatische Kräuter in Bereitschaft, als Minze, Wermuth und Luisa, die noch obendrein hineingeworfen wurden. Nach einiger Zeit wurde sodann für Sidi ein Glas gefüllt, nachdem jedoch vorher der Hadj Abd-Allah mehrere Male durch Kosten sich überzeugt, dass der Thee genug gezuckert sei. Sodann wurden die übrigen sechs Tassen gefüllt, und sie den Gästen von den beiden kleinen Sklaven präsentirt; da wohl 30 Leute anwesend sein mochten, ohne die vielen Besucher, die ab- und zugingen, die meisten auch drei Tassen tranken, wie es die Sitte erheischt, so kann man sich denken, dass es ziemlich lange dauerte, ehe Alle, da nur sechs Tassen vorhanden waren, befriedigt wurden. Es versteht sich von selbst, dass die Theekanne verschiedene Male wieder nachgefüllt wurde.

Unter der Zeit wurden die verschiedensten Gespräche geführt, Sidi wollte vor allem von den politischen Zuständen in Europa unterrichtet sein, und ich merkte, dass es ihn ärgerte, dass einige ältere Schürfa mich fragten, wann, wo und wie ich zum Islam übergetreten, ob ich auch vollkommen überzeugt sei, dass die mohammedanische Religion besser sei als die jüdische und christliche, ob ich auch ordentlich "bezeugen" könne etc.

Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam, der wohl merkte, wie unangenehm mir solche Fragen sein mussten, sprang auf und winkte zu folgen. Alle erhoben sich, da er aber auf mich speciell gedeutet hatte, so blieb die ganze Versammlung im Zimmer und setzte sich wieder, während er und ich, begleitet von seinen beiden Günstlingen und einigen Dienern, die einen Teppich, ein Fernrohr, Doppelflinte etc. trugen, in den Garten hinabgingen.

Diese beiden Günstlinge, Ibrahim und Ali, die den ganzen Tag nicht von der Seite des Grossscherifs wichen, waren Ssalami[66], d.h. jüdische Renegaten! Der eine, aus Fes gebürtig, war Schriftgelehrter, und aus freiem Antrieb übergetreten, Ali aber, aus Uesan gebürtig, war, wegen Diebstahls verfolgt, in die Sauya geflüchtet, und hatte sich dann, um der Strafe zu entgehen, mohammedanisirt. Beide trugen französische Capitäns-Uniform mit weiten Hosen und rothem Tarbusch. Sie waren beide verheirathet und wohnten sogar beide im Hause von Sidi, der ihnen je einen Flügel abgesondert angewiesen hatte. Sie waren zu der Zeit die Personen, die Sidi gar nicht entbehren konnte, Alles ging durch ihre Hände.

[Fußnote 66: Ein vom Judenthum zum Islam Uebertretender bekommt in Marokko den Namen Ssalami, d.h. Gläubiger, ein vom Christenthum Uebertretender bat den Namen Oeldj, d.h. wörtlich christlicher Sklave.]