Mein buntes Buch: Naturschilderungen

Part 9

Chapter 93,187 wordsPublic domain

Kreuzschnäbel sind es, die seltsamen Vögel, die hier zwischen Eis und Schnee ihre Brut aufziehen. Über hundert Paare haben sich die Wand hier als Brutstätte gewählt. Unstet waren sie in kleineren Trupps seit dem Frühsommer umhergestrichen, hatten bald oben in den Bergen, bald unten im Lande gelebt, bis um die Weihnachtszeit ein Flug die reichtragenden Fichten an dem sonnigen Abhange entdeckte und sich dort ansiedelte. Andere Rotten, die vorüberstrichen, fanden sich dazu, und wenn es auch anfangs ein großes Gezanke um die Weibchen und ein bitteres Gezerre um die Neststände gab, mit der Zeit vertrug man sich hierum und darum.

Schneidend pfiff oft der Wind an dem Hang entlang, wild wirbelte der Schnee und hüllte die Fichten ein; die Kreuzschnäbel kümmerte es wenig. So fest und dick blieb er auf den Zweigen nicht liegen, daß er die Samenzapfen verdeckte, und sobald die Sonne ein wenig schien, sangen die purpurroten Männchen den grünlichgelben Weibchen lustig ihre Lieder vor, und beide brachen dann fleißig dürre Reiserchen, Heidkrautzweige und Grasblätter für die Außenwand des Nestes, das sie dann mit Moos und Flechten auspolsterten, daß es so dick und so fest und so weich und so warm wurde, wie es nötig ist, daß der Frost nicht bis zu den Eiern gelangen konnte.

Gut versteckt waren die Nester auch in den dichten Zweigen, und fest genug hineingebaut. Mochte der Schnee auch noch so hart treiben, er kam höchstens mit einigen feinen Stäubchen bis zu den brütenden Weibchen hin. Und damit die Eier nicht kalt wurden, fütterte jedes Männchen sein Weibchen, so daß es das Nest nicht zu verlassen brauchte, als höchstens dann, wenn die Mittagssonne ganz warm schien und es sich sein Gefieder zurechtzupfte, es vom Harze reinigte und sich ein bißchen Bewegung machte. Während nun rundumher das Land im Schnee begraben lag und außer dem Gebimmel der Meisen und dem Gezirpse der Goldhähnchen oder einem Krähenschrei und einem Häherruf kein Laut zu hören war, entstand in den hundert und mehr verborgenen Nestern neues Leben.

Nun, wo der Winter nachts noch mit voller Macht hier am Berge herrscht, die Sonne aber schon größere Kraft hat und oft genug den Schnee über Mittag zum Tauen und Tröpfeln bringt, verlassen die jungen Kreuzschnäbel die Nester und wagen sich auf die Zweige hinaus, wo sie eng aneinandergedrängt sitzen, bis einer der alten Vögel herannaht und sie gierend und mit den Flügeln zitternd sich ihm entgegendrängen, um sich den Schlund mit angequollenem Fichtensamen vollstopfen zu lassen. Der Frost macht hungrig, und so haben die alten Vögel von Sonnenaufgang bis zum Abend hin genug zu tun, um die drei oder vier immer freßlustigen Jungen sattzumachen.

Jeder von ihnen hat einen Fichtenzapfen vor und zerspellt mit dem sonderbaren Schnabel die harten, festanliegenden Schuppen, löst mit der Zunge das winzige Samenkorn heraus und läßt es in den Kropf rutschen. Hier hängt ein altes Weibchen kopfüber an einem Zapfen und bearbeitet ihn, daß es in einemfort leise knistert und immerzu winzige Teile der Schuppen, wie Goldstaub blitzend, auf den Schnee am Boden wirbeln, der davon und von den abgestreiften Nadeln und Flechten schon ganz buntgefärbt ist. Dort kneift ein purpurrotes Männchen einen kleinen Zapfen ab, trägt ihn mit dem Schnabel nach einem bequemen Ast und leert ihn da aus. Überall gieren die hungrigen Jungen, hier und da und dort zittern sie mit den Flügeln, in einemfort rieseln Nadeln herab, stäubt Schnee herunter, rundumher ertönt das seltsame Locken der alten Vögel und ab und zu das lustige Gezwitscher eines Hahnes, der auf einem Wipfeltriebe sitzt, daß sein rotes Gefieder in der Sonne nur so leuchtet.

Noch eine oder zwei Wochen wird das lustige Treiben und das bunte Leben hier oben in den hohen Wipfeln anhalten. Dann aber, wenn die Sonne den Schnee von der Bergwand vertreibt, wenn der Seidelbast sich mit rosenroten Blütchen schmückt und der Nießwurz seine grünlichen Blumen entfaltet, wenn die Meisen sich auf ihre Lieder besinnen und der Fink zu schlagen beginnt, werden die jungen Kreuzschnäbel flügge sein und mit den Alten von dannen ziehen, irgendwohin, wo die Fichten genügend tragen. Heute werden sie da sein, morgen dort, und um die Zeit, wenn alle anderen Vögel sich seßhaft machen und ihre Brut aufziehen, unstet und flüchtig hin und her wandern, wie die Zigeuner.

Irgendwo werden sie zur Winterszeit sich einen Wald suchen, wo sie Nahrung genug finden, entweder hier oben in den Bergen oder unten im Lande, je nachdem hier oder dort der Fichtensamen gerät. Vielleicht werden sie in eine Gegend verschlagen im flachen Lande, wo sie sonst nicht leben, und wenn sie dort um die Weihnachtszeit einen Wald mit unbekannten Farben und fremden Stimmen beleben, wird das Volk sie mit besorgten Mienen betrachten und meinen, sie brächten Krieg, Seuche und Teuerung.

Die Strohdieme.

Mitten im kahlen, verschneiten Felde steht die Dieme groß und breit da, und so protzig, als sei sie stolz auf die weiße Haube, die ihr der letzte Schneefall verehrt hat.

Hundert Schritte von ihr führt der Weg entlang, der von der Vorstadt nach dem Walde führt, und auf dem tagtäglich viele Menschen hin und her gehen. Kaum einer von ihnen sieht nach ihr hin. Was ist denn auch weiter daran zu sehen? Es ist ja nur ein Haufen von gedroschenem Stroh.

Das ist wohl wahr. Aber sie ist doch mehr, als nichts und weiter nichts denn ein Haufen toten Strohes. Sie ist eine Herberge und Schlafstätte für vielerlei Getier, das da entweder sein heimliches Leben führt oder ohne Besinnung die harte Zeit verträumt, bis im Frühling, wenn die Dieme abgebaut wird, die Sonne das, was unter ihr schläft, aufweckt.

Schon im Vorherbste, als die Dieme eben gerichtet war, und die ersten rauhen Winde und kalten Güsse über das Land gingen, rettete sich alles, dem es auf dem Felde zu kalt und zu zugig wurde, zu ihr hin, große und kleine Laufkäfer, Fliegen und Wespen, Kurzflügler und Ohrwürmer, Raupen und Eulenfalter, Asseln und Tausendfüße, Spinnen und Milben, Springschwänze und Erdflöhe. Sie alle krochen unter die unterste Strohschicht, krabbelten dort noch eine Weile umher und fielen, als der Frost einsetzte, in Schlaf.

Zu gleicher Zeit kamen die Mäuse angerückt, rötlichgraue, schlanke Waldmäuse, die schönen zimtbraunen, auf dem Rücken mit einem schwarzen Aalstrich geschmückten Brandmäuse, die zierlichen Zwergmäuse, die plumpen, kurzschwänzigen Feldmäuse. Sogar Ackerspitzmäuse stellten sich ein, denn Fraß für ihre spitzen Zähne boten die vielen schlafenden Kerbtiere zur Genüge, auch wurde mehr als eine kranke und schwache Maus ihre Beute.

Vor der Dieme liegt ein mächtiger Haufen Kaff, den die Dreschmaschine unter sich ließ, und der zu einem guten Teil aus Unkrautsamen besteht. Da war anfangs Tag für Tag ein lustiges Leben; Haus- und Feldspatzen, Gold- und Grauammern, Hänflinge und Grünlinge, Buchfinken und Haubenlerchen gaben sich dort ein Stelldichein. Das lockte dann den Sperber, der alle paar Tage angestrichen kam, um die Dieme herumschwenkte und mit einem Vogel in den Griffen dem Walde zuflog. Späterhin löste ihn der Merlin, der Zwergfalke aus Lappland, ab. Wie ein Blitz war er zwischen den Finken und Ammern, und gleich darauf fußte er auf einem Grenzsteine und kröpfte seine Beute, ohne sich um die Menschen zu kümmern, die hundert Schritte bei ihm vorübergingen.

Gestern, als der Nordostwind aus dem Holze herausheulte und Schlackschnee über das Feld schmiß, war es still und öde bei der Dieme. Ab und zu ließ sich eine Krähe auf dem Rande des Daches nieder, spähte hinab, ob sich nicht eine Maus blicken ließ, und flog mißmutig weiter. Heute, wo die Sonne hell am blauen Himmel steht und das leichtverschneite Land bescheint, ist allerlei Leben bei der Strohburg. Bald hier, bald da huscht eine Maus hervor, sonnt sich ein Weilchen und schlüpft wieder in ihr Loch, wenn der Schatten einer Krähe auf den Schnee fällt oder ein Trupp Spatzen herangebraust kommt. Eine dicke Waldmaus, die von der Dieme nach dem Kaffhaufen will, paßt nicht auf, und die graue Krähe, die schon eine Weile gelauert hat, packt zu, faßt sie und streicht mit ihr fort, verfolgt von zwei Rabenkrähen, die ihr hungrig quarrend den Raub abzujagen suchen.

In der dünnen Schneeschicht am Fuße der Dieme sind allerlei Spuren sichtbar. Über Nacht ist der Fuchs, der in dem eine Meile weit entfernten Forst seinen Bau hat, hier gewesen; deutlich zeigt der Schnee seine Spur. Dann sind die zierlichen Eindrücke des Wieselchens da zu sehen, ferner die Spuren von Katze und Hund. Sie alle sind auf Mäusejagd gewesen. Sogar den Igel hat der Hunger aus seinem Unterschlupf in der Dornenhecke herausgetrieben; seine Spur führt rund um die Dieme hin. Die schöngeperlte Feder, die an einem dürren Unkrautstengel hängengeblieben ist, stammt von der Schleiereule, die nächtlicherweile vom Kirchturme aus der Dieme einen Besuch gemacht hat, wo sie mit dem Kauze zusammentraf, der vom Walde herkam und der die große Flügelfeder verlor, die dort im Schnee liegt. Auch ein paar Rehe haben hier herumgetreten, den Schnee vor dem Kaffhaufen geplätzt und das ausgewachsene Getreide abgeäst.

Die Goldammern, die eben auf dem Kaffhaufen herumsuchten, wo ein Hund oder der Fuchs nach Mäusen gescharrt hat, stieben plötzlich empor und hasten davon, und auch das Haubenlerchenpaar, das vor der Dieme umhertrippelte, flattert von dannen, denn von der Hecke her kommt ein schlankes, schneeweißes Tier mit blanken, schwarzen Augen angehüpft, das Hermelin. Nach fünf bis sechs Sprüngen macht es jedesmal halt, richtet sich auf, äugt umher und rennt dann weiter.

Jetzt ist es bei der Dieme angelangt, findet mit seinen Spürborsten sogleich heraus, wo es bequem einschleichen kann, und fort ist es. Nun wird Todesschrecken unter den vielen Mäusen herrschen, die in der Dieme wohnen. Das wird ein banges Geflitze und Gekrabbel sein und ein ängstliches Gerenne und Gerutsche. Schon ist das weiße Mörderchen wieder da; hochaufgerichtet sitzt es und hält eine noch mit den Hinterfüßen zappelnde Brandmaus zwischen den scharfen Zähnchen. Einen Augenblick sieht es sich um, dann hüpft es mit seiner Beute der Dornhecke am Feldgraben zu, wo es gerade noch rechtzeitig anlangt, um der Krähe zu entgehen, die danach aus der Luft herunterstößt. Vor Schreck hat es aber die Maus fallen lassen, mit der die Krähe nun abfliegt. Kaum hat sie die Maus hinabgewürgt, da streicht sie mit wütendem Geplärre der Dieme zu, auf der sich ein heller Raufußbussard niedergelassen hat; es paßt ihr nicht, daß er dort auf Mäuse lauert. Schnell sind noch drei andere Krähen da und schnarren den gutmütigen Fremdling so an, daß er es für besser hält, sich von dannen zu begeben.

Im Frühling, wenn der Bauer Strohmangel hat und die Dieme abbaut, werden die Mäuse nach allen Ecken und Enden auseinanderflüchten. Viele von ihnen werden die Hunde greifen, andere die Knechte totschlagen; die meisten aber werden entkommen. Dann wird die Dieme auch ihr schlimmstes Geheimnis offenbaren. Anderthalbhundert schrecklich abgemagerte Frösche und Kröten werden die Leute dann vorfinden, die der Iltis, der sich an der einen Seite des Strohberges eins seiner Winterlager gewühlt hat, im Herbste zusammenschleppte und hier aufspeicherte für schlechte Zeiten, nachdem er jedes Stück durch einen Biß in das Kreuz gelähmt hatte. Nur wenn tagelanger kalter Regen ihn festhält, frißt er davon, und so quälen sich die unglücklichen Tiere viele Monate zwischen Leben und Tod hin.

Einige hundert Menschen gehen täglich an der Dieme vorbei. Kaum einer von ihnen wirft einen Blick danach hin und keiner weiß, wie vielerlei Leben sich in ihr und um sie abspielt, stilles, friedliches Leben, bittere Not und schreckliches Elend.

Die Ebereschen.

Über Nacht hat es schwer geschneit und in der Frühe fror es hart; nun aber scheint die Sonne was sie nur kann.

Ihrer freuen sich die Gäste von Davos, die gesunden sowohl, die in ihren Sportkleidern auf und ab wandeln, als auch die, die hier Genesung von dem bösen Leiden suchen und sich in ihren Liegestühlen braten lassen, und nicht minder die Spatzen. Sie sitzen haufenweise in den Ebereschenbäumen und schwatzen und zwitschern, als wollten sie die Musik der Kurkapelle überschreien.

Unten im Lande haben die Ebereschen ihre Früchte schon fallen lassen; hier behalten sie sie noch lange. Das ist auch sehr notwendig. Was wäre die Hauptstraße von Davos, hätte sie die Ebereschenbäume nicht. Wohl sehen die vielen verschiedenartigen Nadelhölzer in den Gärten herrlich aus, auch wirken die Espen mit ihrem hellen Gezweige und den dicken blanken Blütenknospen daran prächtig; aber die Ebereschen schlagen doch alles, was da Äste und Zweige hat, mit ihren knallroten Beeren tot.

Wie Flammen glühen die roten Dolden in der Vormittagssonne; sie funkeln und sprühen und blitzen wie geschliffene Korallen, und selbst die Stiele, an denen sie hängen, haben einen metallenen Schimmer. Nirgendswo sehen die Ebereschentrauben so schön aus wie hier, und nirgendswo halten sie sich so lange, ohne einzuschrumpfen, mißfarbig zu werden und abzufallen.

Das muß auch so sein. Was sollten die Spatzen von Davos machen, fielen hier, wie anderswo, die roten Beeren schon im Vorwinter zu Boden? Der Schnee würde sie hinnehmen und erst nach vier Monaten wieder hergeben. Dann wären die Sperlinge ganz auf die Gnade der Schlittenrösser angewiesen und der Speisezettel würde recht mager und langweilig ausfallen.

Anfangs, als die ersten Spatzen, die irgend ein Kurgast in Davos aussetzte, in ihren ersten Winter kamen, mögen sie schön dumme Augen gemacht haben, als es nirgendswo ein Feld gab oder einen Getreideschober, wo sie ihre Nahrung finden konnten. Über Nacht war ein Schnee gefallen, hatte alle Kehrichtplätze zugedeckt und desgleichen das, was die Rösser unterwegs verloren hatten. Hungrig und verfroren flogen die Sperlinge hin und her, fanden aber nichts für ihre Schnäbel, denn überall lag Schnee.

Da beschien die Sonne die Ebereschenbeeren, daß sie funkelten und strahlten. Aber Ebereschenbeeren sind kein Spatzenfutter; das ist ein Fraß für Kramtsvögel, Dompfaffen und Bergfinken. Doch wenn der Teufel in der Not Fliegen frißt, warum soll der Spatz, geht es nicht anders, nicht an Ebereschen gehen? Zwar schmecken sie bitter und sauer zugleich und ziehen den Schlund in arger Weise zusammen. Aber ehe die Rösser für die genügende Menge von Futter gesorgt haben, ist man vielleicht schon verhungert. Da hilft eben nichts, als in die sauern Beeren hineinzubeißen. Schmeckt es auch nicht, so macht es doch satt.

Bald hatten sich die Spatzen daran gewöhnt, denn alle paar Nächte gab es einen schweren Schneefall; dann fand sich bis gegen Mittag nichts anderes und so blieb eben nichts übrig, als sich mit dieser Tatsache solange abzufinden. Da nun die Ebereschenbäume in Davos fast alle hart an der Straße stehen, so wurden die Sperlinge hier mit der Zeit viel vertrauter als anderswo, und mag es noch so laut und so lebhaft unter ihnen hergehen, das scheert sie wenig; sie bleiben sitzen und zerklauben die roten Beeren, ohne sich stören zu lassen.

Auch die übrigen Vögel haben sich an den lebhaften Verkehr gewöhnt, nicht nur die stolzen Amseln, denn die sind schon mehr als dreist, nicht nur die schönen Dompfaffen, denn die sind überall zutraulich, auch nicht die hübschen Grünlinge und die lustigen Buchfinken, denn die haben ein harmloses Gemüt, und die bunten Bergfinken aus Nordland kennen den Menschen so wenig, daß sie ihn nicht scheuen, und so bleiben sie und die Grünlinge und die Dompfaffen ruhig bei der Mahlzeit sitzen, wenn ein paar Menschen einen Schritt vor ihnen stehen bleiben, mit den Händen nach ihnen deuten und laut sprechen. Auch daß der dicke Flüëvogel nicht fortfliegt, wenn es vor seinem Baume recht munter zugeht, ist weiter nicht merkwürdig, ebensowenig, daß die schwarzkappige Alpenmeise sich so gut wie gar nicht um die Menschen kümmert, und nicht minder, daß die Rabenkrähen, sind sie bei dem Beerenfressen, wenig Scheu zeigen; aber daß sogar der prächtige Grauspecht, der den einsamen Wald liebt, dicht an der Straße seinen Kropf mit den roten Beeren füllt, das bekommt man einzig und allein in Davos zu sehen.

Das ist aber alles noch gar nichts. Wenn es um die Mittagszeit auf der Straße nur so lebt von Menschen, wenn die Schlitten hin und her klingen und die Kurkapelle spielt, dann kommen rauhe, harte Schreie von den Bergen, ganze Flüge von ziemlich großen Vögeln flattern heran, fallen in den Ebereschenbäumen ein, reißen die Früchte ab und fressen sie, und das sind Kramtsvögel, die scheuesten von allen Drosseln, und die benehmen sich in Davos, als gäbe es keine Roßhaarschlingen, Schlaggarne und Schießgewehre auf der Welt. Ganz dicht kann man an sie herantreten, ihre rotgelben, schwarzgetüpfelten Brüste, ihre aschgrauen Nacken und ihre blanken Augen besehen, ohne daß es ihnen einfällt, abzustieben. Und doch lassen sie anderswo den Menschen noch nicht auf hundert Schritte herankommen.

Eine Landschaft, die kein lustiges Vogelleben aufweist, wirkt tot und kalt, mag sie sonst auch noch so prächtig sein. So würde es Davos gehen, hätte es die vielen Ebereschenbäume an der Straße nicht, deren rote Korallen ihren schönsten Schmuck bilden vom Herbste an bis zum Frühling, wo sie zusammenschrumpfen und zu Boden fallen, sobald die Espen ihre seidenen Kätzchen entfalten und an den sonnigen Hängen die Schneeheide ihre Blümchen rosenrot färbt.

Sie haben ihren Zweck erfüllt und sind überflüssig, bis der Winter wieder herannaht.

Inhaltsverzeichnis

Seite

Der Feldrain 9

Der Waldrand 16

Das Genist 20

Die Frühlingsblumen 25

Der Porst 30

Der Baumgarten 34

Die Kirchhofsmauer 40

Die Moorwiese 45

Die Schlucht 49

Die Heide 54

Der Fluttümpel 59

Der Windbruch 63

Der Bergteich 67

Die Marsch 71

Der Haselbusch 76

Das Bergmoor 80

Der Bach 87

Der Überhälter 92

Der Feldteich 97

Der Bergwald 102

Der Eisenbahndamm 108

Das Brandmoor 114

Der Quellbrink 121

Die Durchfahrt 129

Die Böschung 135

Die Kiesgrube 140

Die Dornhecke 145

Der Fichtenwald 150

Die Strohdieme 155

Die Ebereschen 160

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.

Korrekturen (in geschweifte Klammern eingeschlossen):

S. 11: Rauschschwalben → Rauchschwalben Der Wutschrei der {Rauchschwalben} warnte beide,

S. 19: Bachen → Buchen auf der Weibchensuche um die {Buchen}

S. 25: den → der {der} Knirps von Zaunkönig überstimmt sie doch alle

S. 26: Er → Es {Es} raschelt im Grase;

S. 28: da → das ein Bächlein ist da, {das} uns allerlei erzählt,

S. 32: gelben → gelbem mit dichtem {gelbem} Puder verhüllt

S. 32: gebt → gibt der Regen {gibt} ihm den Rest.

S. 37: spreitzt → spreizt Dann {spreizt} er die Schwingen

S. 39: schwinkt → schwingt {schwingt} sich über die Hecke

S. 41: nnter → unter und {unter} den verbogenen Wurzeln der alten Linde

S. 60: Jungale → Jungaale einige fadendünne {Jungaale} schlängeln sich

S. 63: Buchen → Buchten In den sonnigen {Buchten}

S. 71: ihr → ihm die sich in {ihm} spiegeln

S. 74: vor → von dichten Wirrwarr {von} Rohr und Schilf

S. 74: Dicke → dicke {dicke} Blasen steigen auf und zerplatzen seufzend;

S. 78: Flüge → Flügel ritsch ratsch, sind die {Flügel} herunter,

S. 84: frühere → früheren eine Raubritterburg in {früheren} Zeiten

S. 89: sie es → sie sie Bis zu der Mühle treibt {sie sie} hin

S. 90: erfreuen → erfreue den Menschen mit ihren lustigen Liedern {erfreue}

S. 91: Kickschen → Knickschen Benehmen die paar Fischchen {Knickschen} wieder wett,

S. 99: eulenhaften → eulenhaftem Mit lautlosem {eulenhaftem} Fluge

S. 100: Rohrweie → Rohrweihe gut vor den scharfen Blicken der {Rohrweihe} verborgen,

S. 101: unstät → unstet ziehen erst zusammen {unstet} von einem Röhricht zum anderen,

S. 116: erstickte → erstickten Endlich {erstickten} Regen, Schnee und Frost den Brand

S. 131: ihn → ihm wenn andere Räuber {ihm} in die Quere kommen.

S. 136: Alle → Alles {Alles} dieses kleine feine Leben

S. 151: Keuzschnäbel → Kreuzschnäbel {Kreuzschnäbel} sind es

S. 151: Unstät → Unstet {Unstet} waren sie in kleineren Trupps