Mein buntes Buch: Naturschilderungen

Part 8

Chapter 83,726 wordsPublic domain

Allerlei Vögel tränken sich an dieser bequemen Stelle, Spatzen, Finken, Hänflinge, Grünlinge, Ammer, die wilden Tauben und manchmal auch der Häher. Auf der Eiche nimmt die Elster, die im Dorfe brütet, gern Platz, und zu Zeiten auch der Raubwürger, der in dem alten Birnbaume im Felde sein Nest hat, denn er findet dort immer reichliche Beute, weil die dicken Bremsen gern über der Furt in der Luft stehen und auf die Gespanne warten. Haben sie sich dumm und faul gesogen, so setzen sie sich an das Geländer und sind leicht zu erwischen. Obgleich der Würger selbst ein Räuber ist und gern eine Maus oder einen Jungvogel faßt, so kann er es nicht leiden, wenn andere Räuber ihm in die Quere kommen. Er warnt vor dem Habicht und dem Sperber, sobald er sie gewahrt, und stößt auf sie, kommen sie näher, und wenn eine Dorfkatze an die Durchfahrt kommt, um einen Fisch zu erbeuten, so belästigt er sie so lange, bis sie wieder davonschleicht. Ebenso macht er es, wenn das Großwiesel, das in dem hohlen Ufer wohnt, sich blicken läßt, um zu dem Neste des Sumpfrohrsängers oder der Zwergmaus, die in dem Weidenstrauche stehen, zu gelangen.

Ab und zu sucht der Storch auch die Ufer der Furt ab, teils der Ukleis wegen, die an den Ausbuchtungen laichen und dann ganz dumm und unvorsichtig sind, oder der großen, grünen Frösche halber, die dort auf Fliegen, Bremsen und besonders auf die blauen, grünen, gelben, braunen und roten Wasserjungfern lauern, die massenhaft um die Schilfhorste flattern oder kreuz und quer über den Wasserspiegel flirren. Sobald sich aber die Ringelnatter blicken läßt, plumpsen die Frösche eilig in das Wasser und verbergen sich im dichtesten Gekräute, doch erwischt die Schlange dann und wann einen von ihnen, macht aber auch auf die Fische Jagd. Hat sie einen erbeutet, so schlängelt sie sich mit hochgehaltenem Kopfe, den Fisch im Maule, durch das Wasser nach dem Ufer, wo sie ihren Raub hinunterwürgt. Unter den mit blauen und weißen Glöckchen geschmückten Beinwellstauden sonnt sie sich dann auf dem warmen Sande. Wenn sich aber ein Wagen oder ein Mensch naht, so schlüpft sie in das lange Gras.

Der schönste von allen Besuchern der Durchfahrt ist der Eisvogel, der fast jeden Tag auf der Bohle oder dem Geländer sitzt und auf Beute wartet. Streicht er den Bach aufwärts seinem Neste zu, das er an der steilen Wand des Mühlenkolkes unter den alten Ellern hat, dann sieht es aus, als flöge ein großer Kolibri dahin, so blitzt und funkelt das Gefieder des kleinen Fischers. Der lustigste Vogel aber, der an der Furt sein Wesen treibt, ist die Bergbachstelze, die ebenfalls bei der Mühle brütet. Sie hat sich erst vor einigen Jahren hier angesiedelt, und wenn sie auch fast so aussieht wie die Kuhstelze, so ist sie doch viel fröhlicher als diese und dient dem Plätzchen ebenso zum Schmucke, wie die weiße Bachstelze, die sich gleichfalls hier jeden Tag einstellt, hurtig auf dem Stege umhertrippelt und nach Fliegen springt.

Im Spätherbste und Winter, wenn die Wiesen unter Wasser stehen und der Wagenverkehr bei der Durchfahrt bis zum Vorfrühling aufhört, schweben oft durchreisende Möwen dort hin und her und suchen nach Futter, und mancherlei nordische Enten und Taucher lassen sich da nieder, weil sie von da aus weiten Blick haben und deshalb vor dem Jäger sicher sind.

Nur wenn starker Frost die Wasserfläche zum Zufrieren bringt, ist es still und öde da, und einzig und allein die Krähen sitzen trübselig auf dem Geländer oder hacken an einem eingefrorenen Fische auf dem Eise herum.

Kommt aber der Frühling in das Land, taut das Eis, schmilzt der Schnee, läuft das Wasser ab, sprießt das Gras und blühen die gelben Kuhblumen an dem Flüßchen, dann beginnt bei der Durchfahrt wieder das bunte, lustige Leben.

Die Böschung.

Quer durch die Heide zieht sich der Kanal, der die Wasser des Moores dem Flusse zuführt.

Er ist so tief in das Gelände eingelassen, daß seine Böschungen hoch und steil sind. Deshalb ist es dort meist überwindig und darum herrscht selbst dann, wenn die Luft rauh über das übrige Land geht, noch allerlei Leben, zumal der Rand der Böschung mit Föhren, Birken, Eichen und allerlei Gebüsch bedeckt ist und ihre Flanken an den meisten Stellen ausgedehntes Sandrohrgestrüpp trägt.

Neulich, als es zum ersten Male über Nacht hart gefroren hatte, das Heidkraut von Reif starrte und das meiste von den Faltern, Fliegen, Bienen und Käfern, das tags zuvor noch lustig sein kleines Leben geführt hatte, tot dalag oder sich verborgen hielt, sah es an der Böschung gar nicht danach aus, als ob der Winter sich schon angemeldet habe.

Die Birken waren zwar binnen zwölf Stunden gelb geworden, die Eichenblätter hatten sich auf einmal gebräunt und die Espen hatten kohlschwarzes Laub bekommen. Die Silberrispen des Sandhalmes schimmerten aber noch in alter Pracht, die Moorhalmbüsche leuchteten wie goldenes Glas, an den Brombeeren waren nur wenige fahle Blätter zu sehen und hier und da fristete noch eine Blume das Leben, hier die rubinrote Karthäusernelke, da das goldene Mauseohr, dort die blaue Knaule und daneben die weiße Sumpfschafgarbe.

Als die Sonne dann den Reif abgetaut hatte und den Boden anwärmte, schwirrte und flirrte es da, wie zur sommerlichen Zeit. Mordwespen suchten Raupen und Spinnen, um sie mit ihren Giftstacheln zu lähmen und in ihre Bruthöhlen zu schleppen. Spinnen huschten zwischen den borstigen Grasbüscheln über den feinen, weißen Sand, hier schlich ein Rüsselkäfer, da rannte ein Sandläufer, Schlammfliegen sonnten sich auf den Föhrenwurzeln, Bienen und Hummeln naschten an den letzten Blumen, große dicke Raupen in samtenen, mit Gold verbrämten Pelzen krochen langsam über das silbergraue Renntiermoos, dickköpfige Grillen wagten sich aus ihren Löchern hervor, kleine Heuschrecken zirpten zum letzten Male, viele Sandfüchse flatterten an den nackten Stellen, ein Zitronenfalter taumelte an den Büschen entlang. Köcherhafte und Florfliegen rafften sich zu einem kurzen Fluge auf und sogar Wasserjungfern schwirrten hin und her. Auch auf dem Ameisenhaufen krimmelte und wimmelte es noch, ein Eidechschen lag breit und behaglich in der Sonne, ein junges Kreuzkrötchen kroch hurtig über die Moospolster und jagte auf Mücken, und ein Grasfrosch schnappte nach Schmeißfliegen.

Alles dieses kleine feine Leben nahm aber nach und nach ein Ende, als Nacht für Nacht der Frost über die Heide fuhr und als dann der schwere kalte Regenguß kam, da war es ganz aus damit. Was sich nicht zu bergen wußte, wie die Käfer, Eulenfalter, Florfliegen und Ameisen, das brachte die Kälte um oder tötete der Regen. Gegen Mittag, wenn die Sonne heiß gegen die Böschung scheint, schwirrt wohl noch einmal eine Fliege, kriecht ein Käferchen dahin, und die Wintermücken spielen dann in hellen Haufen über dem Sande und steigen auf und ab; all das andere kleine Getier wird aber erst wieder sichtbar, wenn der Winter aus ist und die Frühlingssonne die Böschung bescheint. Dagegen mangelt es dort nie an anderem Getier. Vor allem sind es die Vögel, die die Büsche mit Leben erfüllen. Ein Meisentrupp nach dem andern, meist von einem Spechte geführt und von Goldhähnchen begleitet, rispelt und krispelt in den Föhren, Birken und Eichen umher, Dompfaffen suchen das Gebüsch nach Beeren und Knospen ab, Krammetsvögel halten dort Rast, und so ist es da fast nie still und leer.

Geht die Sonne zur Rüste, ziehen die Krähen laut quarrend unter dem goldenen Himmel ihrem Schlafwalde zu, fallen die Goldammern in die Eichenbüsche ein und rascheln lange in dem dürren Laube, ehe sie die Augen zumachen, fällt die Amsel zeternd in die Schlehdornen, dann tritt ein heimliches Leben an die Stelle des offenbaren. Aus ihren Bauen schlüpfen die Kaninchen heraus, sichern lange an dem Eingange der Fahrten und rücken zu Felde. Ihnen nach folgt der Hase, der sich den Tag über in dem Sandrohre geborgen hielt. Dann erscheint die Eule und streicht die Böschung auf und ab, der vielen Mäuse wegen, denen die Sandrohrkörner reiche Nahrung bieten. Enten kommen angeklingelt, fallen am Ufer ein und schnattern es nach Fraß ab. Feldhühner rennen den Fußsteig entlang und huschen bei der Brücke über den Fahrweg. Gern treten die Rehe dort herum, um die Brombeeren zu verbeißen. Das Hermelin sucht die Kaninchenbaue ab und würgt, was es greifen kann, desgleichen der Iltis, der unter der Brücke wohnt, und der Fuchs, der in den Heidbergen sein Gebäude hat, schleicht allnächtlich hier umher, weil er jedesmal gute Beute macht, und alle paar Tage spürt sich der Otter auf dem Sandwege, und die Reste von Döbel und Hecht zeigen an, daß er nicht umsonst gefischt hat.

Wenn die Sonne dann wieder über den Berg kommt, wenn der Nebel von dem Kanale weicht, die Goldammern ihre Schlummerbüsche verlassen und zu Felde fallen, geht das laute Leben wieder los. Dann lacht der grüne Specht, der einen Stollen in den Ameisenhaufen getrieben hat und sich darin vollfrißt, der Häher kreischt, der Zaunkönig schmettert sein Liedchen, Hänflinge, Grünfinken und Stieglitzen machen halt, wenn sie hier vorbeigestrichen kommen, die Elster nimmt für einen Augenblick Platz, ehe sie nach der Abdeckerei fliegt, der Bussard lauert, ob er nicht das Wiesel betölpeln kann, das unter dem Durchlasse haust, und allerlei Meisenvolk tummelt sich im Buschwerke.

So geht es in der rauhen Zeit tagein, tagaus. Ist aber der Winter zu Ende, werden die silbernen Kätzchen an den Weiden zu goldenen Flämmchen, entfalten die Kohmolken am Ufer ihre großen gelben Blumen, wandern die Pieper aus Nordland auf der Rückreise am Kanal entlang ihrer Heimat zu, dann wacht auch das kleine und feine Leben wieder auf und es blitzt und flitzt und schwirrt und flirrt und flittert und flattert und summt und brummt von früh bis spät an der Böschung.

Die Kiesgrube.

Mitten in der Feldmark, weithin sich bemerkbar machend, ist ein heller Fleck. Das ist die große Kiesgrube, aus der das Städtchen seinen Bausand gewinnt.

Jetzt, zur späten Zeit im Jahre, herrscht nicht die bunte Pracht in ihr, wie an sommerlichen Tagen. Hier und da hat sich noch eine goldgelbe Rainfarnblüte vor dem Nachtfroste gerettet, eine schneeweiße Schafgarbe, eine himmelblaue Glockenblume, eine blutrote Karthäusernelke.

Dennoch aber fehlt es der Grube nicht an Farben. Über der gelben Steilwand, die von den Bruthöhlen der Uferschwalben wie ein Sieb durchlocht ist, prahlen die Schlehen mit hellblauen und die Weißdornbüsche mit feuerroten Beeren, und die junge Birke unter der Wand ist über und über mit goldenen Flittern behängt. Die Brombeeren vor ihr leuchten scharlachfarbig, die hohen Beifußstauden sind blutigrot, stumpfgrün starren die hohen Binsen und wie Rubinen strahlen die Blättchen des Zwergampfers.

Auch an anderem Leben mangelt es nicht. Eben rüttelte der Turmfalke über der Stelle, wo eine Waldmaus aus dem bunten Steinhaufen rutschte und über die goldigschimmernden Moospolster hinweghüpfte. Er stieß herunter und strich mit der Maus in den Griffen ab. Dann schnurrte ein Flug von Feldspatzen heran, fiel in den Schlehdornen ein, lärmte ein Weilchen und stob feldeinwärts. Jetzt hüpfen ein paar Grünfinken unter den Klettenstauden umher und suchen nach Grassamen, auf der Spitze der Birke sitzt ein Hänfling und lockt halb lustig, halb wehmütig, und an den weißwolligen Schöpfen der hohen Haferdistel hängen zwei knallbunte Stieglitze, zwitschern fröhlich und picken die Samenkörner heraus.

Plötzlich fliegen sie ab, denn in den hohen, brauntrockenen Brennesseln hinter dem Haufen kopfgroßer Steinknollen raschelte es. Ein plattes Köpfchen mit schwarzen Augen taucht auf, verschwindet, ist wieder da, und nun sitzt oben auf dem Steinhaufen ein Wieselchen, schlüpft durch die fahle Mausegerste, kommt unter den Kletten zum Vorschein und verschwindet zwischen dem braunen Gestrüpp der Flockblumen, wohin das Geschrille der Spitzmäuse es lockt. Ein Goldammerhahn kommt angeschnurrt, läßt sich auf einem Pfahle nieder, lockt, wippt mit dem Schwanze, sträubt die Holle und burrt weiter. Dann ist auf einmal eine Haubenlerche da, die hurtig auf dem Sande umherrennt, ein Spinnchen fängt, einige Körnchen aufliest und mit weichem Geflöte von dannen fliegt, so daß der Sperber, der hinter der Birke hergeschwenkt kommt, mit leeren Fängen abziehen muß.

Dünne Vogelstimmen kommen näher; vier Pieper aus Nordland lassen sich vor den grauwolligen Mausekleebüscheln nieder, trippeln hin und her, putzen sich ihr Gefieder, lesen Körnchen auf, tränken sich an der Regenpfütze und wandern weiter nach Süden. Über der Steilwand erscheint ein hellgefärbter Bussard, rüttelt eine Weile über der Stelle, wo er zwischen den braunen Johanniskrautstengeln eine Bewegung erspähte, und streicht dann fort, weil er das, was sich da rührte, als die Löffel des Hasen erkannte, der dort im Lager sitzt, und er weiß, daß er nicht stark genug ist, um den zu bezwingen. Über die silbernen Gänsefingerkrautblätter humpelt steifbeinig ein frostlahmer brauner Frosch; er will sich einen Unterschlupf suchen, wo er die harte Zeit verschlafen kann. Dasselbe hat eine winzige Kreuzkröte vor, die den dürren Ochsenzungenstauden zukriecht.

Laut schwatzend braust ein Flug Stadtsperlinge über die Grube hin. Dann läßt sich eine Nebelkrähe in ihr nieder, schreitet würdevoll auf und ab und sucht so lange, bis sie eine Käserinde findet, die die Sandfuhrleute fortwarfen, und mit der sie abfliegt. Ein Dompfaffenpärchen nimmt auf den Schlehen Platz, lockt zärtlich, verbeißt einige Knospen und strebt dem nahen Friedhof zu. Vor der Steilwand flattert ein alter Hausrotschwanz umher, schlüpft in eine der Uferschwalbenhöhlen, kommt wieder heraus, rüttelt vor einem anderen Loche, fängt dort eine Schnake weg, rennt an der Sandkante entlang, fliegt nach den Brombeeren, zerpflückt die letzte reife Beere, trippelt über die seidigschimmernden Moospolster, hascht eine Spinne und eine Fliege, und fort ist er.

Die Sonne ist hinter dem Hügelkopfe untergegangen; ihr Abglanz färbt den weißen Sand wärmer und die bunten Kiesel darauf glühen und sprühen. Dann verliert sich das Leuchten am Himmel; die Luft wird grauer. Bleiche Eulenfalter flattern dahin; von der Steilwand ruft das Käuzchen. Quarrend fliegen die Krähen vorüber. Der Hase erhebt sich aus seiner Sasse, putzt sich das Fell, hoppelt unter dem Abhange entlang, sichert eine Weile und rückt dann zu Felde. Die Haubenlerchen sind wieder da, locken und schlüpfen zum Schlafe in das Gekräut. Unter den Kletten zwitschern die Spitzmäuse, in den Brombeeren rascheln die Waldmäuse. Es burrt laut und ein Feldhuhnpaar fällt in der Grube ein, rennt über den Fahrweg und verschwindet in dem fahlen Gestrüpp. Jetzt lockt der Hahn und stiebt mit seiner Henne wieder ab; eine stromernde Katze trieb ihn fort.

Immer trüber wird es. Nach einer Stunde ist es Abend. Dann jagt die Schleiereule, die im Kirchturme wohnt, hier auf Mäuse, der Iltis stöbert hier umher und ganz gewiß läßt sich auf seinem Wege nach dem Seeufer, wo er die Enten beschleichen will, auch der Fuchs es einfallen, der Kiesgrube einen kurzen Besuch abzustatten, um zuzusehen, ob er nicht einen Hasen oder ein Feldhuhn erwischen könne, oder sei es auch nur eine Maus, denn daran mangelt es hier nicht, weil das viele Gekräut den Mäusen durch seine Samenkörner reiche Nahrung bietet und die Grube trocken und warm gelegen ist, so daß sich es wintertags dort leben läßt.

So fehlt es selbst dann, wenn der Schnee festliegt, der Kiesgrube nicht an lustigem Leben, denn Tag für Tag stellen sich die Grünfinken, Stieglitze, Goldammern und Feldspatzen in ihr ein und suchen Sämereien. Am schönsten und lustigsten aber ist es zur Sommerszeit, wenn die Uferschwalben vor ihren Bruthöhlen auf und ab fliegen, der Steinschmätzer über das Geröll rennt, die Hänflinge schwatzen und die Grasmücke plaudert, und über dem bunten Gewirr von Distel, Färberkamille, Rittersporn, Löwenmaul, Johanniskraut, Minze, Klatschmohn und Fetthenne die Falter flattern und die Bienen summen. Dann ist das Sandloch unter dem Hügelkopfe so voll von Blumen, so laut und lebhaft von allerlei Getier, daß der, wer alles das schildern wollte, ein ganzes Buch darüber schreiben müßte.

Die Dornhecke.

Es gab einmal eine Zeit, da sah die Feldmark so bunt und kraus aus, wie eine Federzeichnung von Albrecht Dürer.

Jeder Grabenbord hatte sein Dorngestrüpp, jede Böschung ihr Gestrüpp, alle Teiche und Tümpel waren von Weiden und Erlen eingefaßt, und an Wildbirnbäumen, Kopfweiden und Pappeln war kein Mangel.

Dann kam die Verkoppelung und aus war es mit der ganzen Herrlichkeit. Die Büsche und Bäume fielen überall unter der Axt, selbst da, wo sie niemand im Wege standen und keinen Schatten auf den Acker oder in die Wiese warfen. Kahl und langweilig wurde das Gelände und arm an Vogelsang und Falterflug, und alle die schönen bunten Blumen, die in dem Gebüsche wuchsen, verschwanden.

Eine einzige Hecke ist in der ganzen weiten, breiten Feldmark noch übriggeblieben. An der Wetterseite des Hohlweges zieht sie sich entlang und schützt ihn vor Erdrutsch und Schneeverwehung. Die Schlehe und der Weißdorn bilden mit Kreuzdorn und Heckenrose ein dichtes Gewirre, dessen Grund von Brombeeren, Himbeeren und Stachelbeeren besäumt wird, und dazwischen verschränken sich Nesseln, Disteln, Kletten und andere Stauden zu einem engen Verhau.

Wie ein mürrisches braunblaues Bollwerk steht jetzt die Hecke im überschneiten Felde. Man sieht es ihr nicht an, wie schön sie im Vorfrühling ist, wenn die Schlehen sich mit weißen Blüten bedecken, oder später, wenn der Weißdorn seine schimmernden, starkduftenden Dolden entfaltet, oder hinterher, brechen an den Rosenbüschen die reizenden Knospen auf. Aber auch wenn die Büsche selber nicht mehr blühen, bleibt es bis in den Herbst hinein noch bunt von blauen Glocken, roten Lichtnelken, weißem Labkraut und gelber Goldrute; wenn diese verwelken, schmücken sich die Zweige mit scharlachrotem und goldgelbem Laube, und fällt das ab, so funkeln, blitzen und leuchten die schwarzen, blauen und roten Beeren am kahlen Gezweige.

Mit dieser Pracht ist es nun auch fast zu Ende. Die Brombeeren sind abgefallen bis auf einige, die nicht mehr zur Reife kamen und nun verdorrt an den Stielen zwischen den eingeschrumpften Blättern hängen. Die Rosen haben zwar noch viele von den Hagebutten, doch sind sie von dem Nachtfroste verschrumpft und leuchten nicht mehr so herrlich, wie im Spätherbste, und auch die Mehlfäßchen an dem Weißdorne verloren ihr prächtiges Aussehen und fangen an, sich zu bräunen. Einzig und allein die Schlehen haben noch die meisten ihrer blaubereiften Früchte bewahrt, doch werden es von Tag zu Tag weniger, da Sturm und Regen sie nach und nach von den Zweigen reißen und zu Boden werfen. Dennoch ist die Hecke immer noch schön. Sie war es eben, wo sie als braunblaues Bollwerk von dem Schnee abstach, und ist es jetzt erst recht, denn die Sonne ist durchgekommen, und das verworrene Gezweige blitzt und schimmert und leuchtet, als bestände es aus Erz.

Auch fehlt es nicht an allerlei Leben. Zwar die Grasmücken und Braunellen, die sommertags hier umherschlüpfen und fleißig singen, sind verzogen, die Falter starben ab oder sitzen in Todesstarre in ihren Winterverstecken, wie auch der Laubfrosch, der in der schönen Zeit hier so oft lustig meckert, in seiner Erdhöhle die bitteren Tage verschläft, und die Eidechse, die im Sommersonnenscheine hin und her huscht, desgleichen tut; aber alle Augenblicke schwirrt oder burrt es heran, denn alles kleine Vogelvolk, das über die Feldmark dahinfliegt, macht hier gern Rast. Feld- und Haussperlinge fallen in ganzen Flügen ein, Buchfinken und Grünlinge, Stieglitze und Hänflinge, desgleichen die Goldammern und die plumpen Grauammern, die mit trockenem Geklapper fortfliegen, wenn ein Mensch den Weg entlangkommt.

Ab und zu stellt sich auch anderer Besuch ein. Da sind die wunderschönen Dompfaffen, die hier immer haltmachen, wenn sie den Wald mit den Obstgärten des Dorfes vertauschen wollen, oder die Kramtsvögel, die von den höchsten Zweigen der Schlehdornbüsche Umschau halten, ehe sie zu Felde fallen. Dann und wann nimmt hier auch der Raubwürger aus Nordland Platz oder eine der Elstern, die in den hohen Pappeln des Gutes ihr Dornennest haben, oder einige Meisen suchen ein Weilchen in dem Gezweige nach Raupeneiern und wandern dann lustig lockend dem Walde oder dem Dorfe zu, und manchmal stöbert auch ein Eichelhäher da herum und tut sich an den Beeren gütlich, oder eine Krähe lauert am Boden auf eine Maus.

Die wohnen auch um diese Zeit in der Hecke, sowohl die braunen Waldmäuse wie die schön schwarzgestreiften Brandmäuse und auch die zierlichen Zwergmäuschen, denn sie finden im Laube allerlei Körner und Samen und dazu noch die abgefallenen dürren Beeren sowie manchen Käfer und allerlei anderes kleine Getier, das in dem trockenen Laube den Winter verschläft. Auch Feld- und Rötelmäuse gibt es dort sowie die dicke Wühlmaus, und deswegen läßt sich das Wiesel und das Hermelin oft da blicken, um auf sie zu jagen.

Die Sonne ist wieder fortgegangen, der Himmel wird grau, ein Wind macht sich auf und es beginnt zu dämmern. Da kommt es mit lauten Locktönen herangeflattert. Die Goldammern sind es. Sie fallen auf den Zweigen ein, sträuben die gelben Schöpfchen, zucken mit den Schwänzen, zanken und zergen sich ein wenig und schlüpfen dann tief in das Gebüsch hinein, wo sie noch ein Weilchen herumrascheln, um dann einzuschlafen. Unter ihnen her schlüpft das Hermelin und wittert nach ihnen empor, traut sich aber wegen der scharfen Dornen nicht hinauf und huscht deshalb nach der Strohdieme, um dort auf die Mausejagd zu gehen. Es beginnt verloren zu schneien. Allmählich fallen die Flocken dichter, bedecken die Saat und den Sturzacker und bleiben in den Zweigen der Hecke und auf dem Dürrlaube der Brombeeren hängen, alles verhüllend, was darunter schläft und atmet.

Morgen früh aber, wenn die Sonne kommt, beginnt es da wieder zu leben. Die Ammern erwachen, putzen ihr Gefieder und fliegen zu Felde. Die Spatzen kommen an und die Finken, die im Walde geschlafen haben, und so vergeht keine Stunde, daß auf der Dornhecke nicht irgend welches fröhliche Leben ist, während ringsum im Felde alles weiß und tot ist.

Der Fichtenwald.

Die Morgensonne steigt rund und rot über die verschneiten Kuppen; der Bergwald erwacht.

Lärmend fliegen die Krähen zu Tale, Häher flattern kreischend von Baum zu Baum, Goldfinken flöten im Unterholze, Zeisige zwitschern dahin, überall ertönt das Geklingel der Meise und das Gewisper der Goldhähnchen, zwischendurch auch das schneidende Gezeter der Amsel, die den zu seinem Bau schleichenden Fuchs erspäht hat.

Die Frostnebel weichen von der Bergwand, goldig erglänzen die Schneehänge, rosig färben sich die bereiften Fichten, silbern blitzt unter der Felswand der Wildbach. Da leidet es den Zaunkönig nicht, der im Ufergebüsche umherschlüpft; keck schmettert er sein Liedchen, und auch die Wasseramsel, die mitten im Bache auf einem gischtumrauschten Blocke sitzt, singt fröhlich die Sonne an.

Auf einmal singt es lustig hier aus dem Wipfel, und da und dort, hüben und drüben, nah und fern, laute und leise Locktöne erschallen, helle und tiefe, spitze und runde, und von Fichte zu Fichte fliegen rote und grünlichgelbe Vögel, hängen sich an die Äste, klettern an den Zweigen umher, schlüpfen dahinter, tauchen wieder auf, machen sich an den schimmernden Zapfen zu schaffen, zerklauben die größeren, kneifen die kleineren ab, sind emsig beim Fressen, putzen dazwischen ihr Gefieder, schnäbeln sich ein bißchen, zanken sich ein wenig und haben sich, als wäre es Mai.