Mein buntes Buch: Naturschilderungen
Part 2
Dort hinten ist eine neue Farbe im Walde. Eine Buche ist es, die an den untersten Zweigen ihre Knospen geöffnet. Lauter goldgrüne Schmetterlinge scheinen den silbernen Stamm zu umflattern. Das sieht so wunderschön aus, daß wir uns hier lagern müssen, um uns in Ruhe daran zu freuen, und an den Windröschen darunter, den weißen, verschämten, den gelben, kecken, an dem protzenhaften, gespreizten Aronstab und dem wunderfeinen, zierlichen Sauerklee, der den moosigen Stumpf mit leuchtenden Blättchen und schimmernden Blütchen verhüllt.
Die Drosseln schlagen, die Finken schmettern, ein Täuber ruft, ein Bussard schreit aus der Höhe herab, und doch ist es, als wäre es still, friedlich still hier im Walde. Verstohlen flattert eine Krähe von Ast zu Ast und bricht heimlich Nestreiser. Ein Eichkätzchen hüpft über den blumigen Erdboden und scharrt nach Käfern. Zwei helle Tauben schweben heran, blicken lange umher und lassen sich endlich im Grunde nieder, wo das goldene Milzkraut den Spring rund umher einfaßt und weiterhin die Lungenblumen versuchen, ihre rosenroten und himmelblauen Blüten dagegen zur Geltung zu bringen.
Die Sonne verfleckt sich, die Blumen verblassen, das Grün verdunkelt sich. Ein kühler Luftzug kommt über den Berg und bewegt die Wipfel. Die Vögel verstummen zumeist. Ein Fink schlägt noch; auch er hört auf, und einzig und allein die Spechtmeise läßt unaufhörlich ihr eintöniges, ermüdendes Geflöte hören. Wir steigen bergab und wieder bergauf und abermals hinab, bis dahin, wo ein Wiesental sich öffnet, und da finden wir die Sonne wieder und Vogellieder und Blumen, soviel Blumen unter den hohen Eichen, daß jedes Fleckchen erfüllt von ihnen ist. Und damit der Weg nicht zu sehr von dieser Pracht absteche, haben ihn die Ahornbäume mit goldenen Blütenbüscheln bestreut.
Wir müssen wieder rasten, so schön ist es an diesem Ort. Das Moos ist weich und die Sonne warm, ein Bächlein ist da, das uns allerlei erzählt, und so kommen und schwinden die Stunden, wie die goldenen Falter, die zwischen den silbernen Stämmen auftauchen und untergehen. Menschenstimmen, ein wenig zu laut für diesen Tag, treiben uns weiter, durch düsteres Tannicht, durchzittert von dem Liebesgezwitscher unsichtbarer Goldhähnchen, durch helles Buchenholz, erfüllt vom Geschmetter der Finken, über eine breite, von Wildfährten gemusterte Trift, durch enge Stangenörter, wo die Sauen im festen Boden gebrochen haben, an Buchenjugenden vorbei, deren Vorjahrslaub in der Sonne wie Feuer lodert.
Ohne Plan und Ziel schweifen wir dahin, bis der Tag zur Neige gehen will und der weite, grüne Teppich von Bärenlauch, der den Hang bedeckt, sein lustiges Funkeln einstellt und herb und streng aussieht und die weißen Windröschen ängstliche Gesichter bekommen. Die Dämmerung erwacht und tritt aus den Dickungen in das hohe Holz, eindringlicher klingt das Lied des Rotkehlchens; bald wird die Eule rufen. Aber noch einmal beschert uns dieser Frühlingstag ein kostbares Geschenk. Hier im jungen Stangenort, rechts und links von dem schmalen Steige, hat er so viel rote und weiße Blumen ausgeschüttet, daß unsere Augen ganz groß werden. Von allem, was uns dieser Tag bot, ist dieses das Herrlichste.
Schiene die Sonne, flögen die Falter, schimmerten die Stämmchen, nicht so wunderbar anzusehen wäre dann dieser Zaubergarten wie nun, wo die Jungbuchen stumpf und hart aus der märchenhaften Blütenfülle herausstreben und das Summen der Hummeln ein fernes Glockengeläute vortäuscht.
Wir stehen und starren und staunen und wissen: immer, nach Jahren noch, werden wir dieses Tages Ende, dieser Stunde hier und ihrer Gabe dankbar gedenken.
Der Porst.
An der Quelle, die am Fuße der hohen Geest aus dem anmoorigen Boden springt, steht ein brauner, blattloser Strauch, über und über mit goldig schimmernden Blütenkätzchen bedeckt.
Ein Porstbusch ist es. Schon im Spätsommer, als er noch im vollen Laube stand, hatte er seine Blüten halb fertig; im Herbst und Winter vollendete er sie, und dann stand er da und wartete auf seinen Frühling. Lange hat er warten müssen. Die Kolkraben kreisten laut rufend über der Wohld, die Birkhähne bliesen und trommelten auf den Wiesen, Hasel und Erle blühten auf und blühten ab; doch erst als der Kranich im Moor in die Trompete stieß und die Birke sich rührte, durfte der braune Busch seinen tausend Knospen den Willen lassen, und nun steht er da, umgeben von goldenem Schein und atmet einen strengen und starken Duft aus, der sich mit dem Hauche des jungen Birkenlaubes und dem Kiengeruche der sprossenden Kiefern vermischt.
Alle die anderen Porstbüsche, die zwischen den Rinnsalen, die aus der Geest quellen, stehen, hier einzeln und hoch, von Birken, Weiden, Eichen und Erlen bedrängt und von gewaltigen Wacholdern und hohen Stechpalmen, dort niedriger und in Scharen vereinigt, durchwuchert von silbern anblühendem Wollgrase und lustig sprießendem Riede, haben ebenfalls ihre Kätzchen erschlossen. Wenn sie aber auch noch so sehr prahlen und prunken, zur Alleinherrschaft kommen sie hier doch nicht. Denn das Bergmilzkraut ist noch da, das mit hellblühendem Rasen die Wässerchen umflicht, stolze Dotterblumen protzen aus saftigem Laub hervor, die Weidenbüsche leuchten von oben bis unten vor Blütenpracht, und das junge Laub der Birken, vermengt mit zierlichen Troddelchen, schimmert und flimmert im Morgensonnenlichte.
Einst, als der Wolf hier noch das Hirschkalb hetzte, bei Tage der Adler das große Wort hatte und bei Nacht der Uhu, herrschte der Porst unumschränkt von der Geest bis an die Aller. Aber die Bauern brannten ihn nieder, rodeten ihn aus, schlugen Pfähle ein, zogen Drähte, trieben das Vieh in die Gatter, kalkten das Land, und nun sind Wiesen und Weiden da, wo ehemals nichts war, als Porst und Porst und immer wieder nur Porst und hier und da eine Eiche, ein Wacholder, ein Stechpalmenbusch. Nur an den Seiten der Wiesen und an einigen Gräben hat er sich noch halten können und zieht braune, goldig leuchtende Streifen durch die grünen, vom Schaumkraut bläulichweiß überhauchten Flächen. Hinter den Wiesen aber, in der großen Sinke, die von zwei flinken Bächen und einem faulen Flüßchen überreich mit Wasser versorgt wird, hat der Porst noch die Obergewalt. Es fehlt dort anfangs nicht an Bäumen und Sträuchern, knorrigen Eichen, schlanken Birken, stolzen Fichten und krausen Kiefern; aber jetzt, wo der Porst in Blüte steht, kommen sie nicht zur Geltung, denn die ganze weite, breite, nur hier und da von einer Krüppelkiefer, einem Erlenhorste, einem Weidenbusche unterbrochene Fläche ist ausgefüllt von ihm, ist ein einziges goldenes, glühendes, loderndes Gefilde, erfüllt von tausendfältigem Leben.
Dumpf murren in den Tümpeln die Moorfrösche, hell locken im Riede die Heerschnepfen, wehleidig klagend taumeln die Kiebitze dahin, und mit jauchzendem Schrei kreist der Bussard unter den Wolken. Auf dem grauen Wacholdergerippe sitzt der Raubwürger, schrill rufend, helle Weihen werfen sich mit gellendem Keckern aus der Luft, der Brachvogel steigt empor und läßt seine wehmütigen Triller weithin schallen, Kuckuck und Wiedehopf läuten, die Turteltauben schnurren, und viele kleine und feine Stimmen erklingen, ab und zu übertönt von den herrischen Fanfaren des Kranichs oder von dem dröhnenden Basse des Rehbockes, der von einem Menschen Wind bekommen hat und nun durch den Porst flüchtet, daß der Blütenstaub hinter ihm herwirbelt und die graue Glockenheide, die braune Sandheide, das grüne Ried und das silberne Wollgras mit dichtem gelbem Puder verhüllt.
Heute herrscht der Porst hier noch und morgen und übermorgen. Um das düstere Erlengebüsch frohlockt er und jauchzt aus dem modrigen Birkenwalde heraus. Aber die Sonne, die ihm nach langem Warten die Schönheit brachte, wird sie ihm bald nehmen, der Wind streift ihm den goldenen Staub aus den Kätzchen, der Regen gibt ihm den Rest. Mit verdorrten, fahlen Blüten wird er dann dastehen; niemand wird nach ihm hinsehen, wenn er sich mit jungem Laube schmückt, und je voller er sich beblättert, um so unsichtbarer wird er und verschwindet zwischen der Heide und dem Riede und den Weiden und dem übrigen Bruchgebüsch als ein Strauch, den keiner sieht und kennt. Im Herbste wird er dann noch einmal goldgelb und feuerrot leuchten und lodern und im Winter sich purpurrot aus dem Schnee erheben, um auf den Frühling zu warten; doch niemand freut sich an ihm.
Hinter den Erlen quillt eine Rauchsäule empor, und noch eine und immer mehr. Die Bauern brennen den Porst; er steht ihnen im Wege. Hier liegen die blühenden Büsche zu Tausenden am Boden, da starren sie tot und schwarz aus dem jungen Grase. Über das Jahr wird der feurige Busch nicht mehr so unumschränkt hier herrschen; Wiesen und Weiden werden ihn durchziehen. Und noch ein Jahr und abermals eins wird kommen, und aus ist es mit ihm. Nicht mehr wird der Birkhahn hier balzen, der Kranich trompeten, die Heerschnepfe meckern.
Verschwunden wird bis auf einige dürftige Reste der Porst sein mit seiner Pracht und all dem bunten, reichen Leben, das sich in ihm barg.
Der Baumgarten.
Die Kohlmeise war es, die den Baumgarten aus dem Winterschlafe brachte. Sie sang so lange in dem Haselbusche, bis dessen Troddelchen sich reckten und streckten und goldenen Staub ausschütteten.
Da fühlte sich die Amsel bewogen, die Aprikosen wachzusingen. Es dauerte eine ganze Weile, ehe ihr das gelang; aber dann entfalteten alle auf einmal ihre rosenroten Blüten und die Leute, die die Straße entlang kamen, blieben stehen, lachten mit den Augen und sagten: »Ah!«
Das machte den Buchfinken eifersüchtig und er begann zu schlagen, daß erst die Knospen an den Kirschbäumen und dann die der Birnbäume aufsprangen und die Zweige aussahen, als seien sie frisch beschneit, und als der Grünfink zu schwirren begann und der Girlitz trillerte, ermunterten sich auch die Pflaumenbäume und die Leute blieben wieder stehen und sagten: »O wie schön!«
Aber die Apfelbäume rührten sich immer noch nicht, soviel Mühe sich Meise, Amsel und Fink auch mit ihnen gaben, und Grünfink und Girlitz, Hänfling und Stieglitz. Es mußte erst das Gartenrotschwänzchen aus dem Süden kommen; das weckte die Frühäpfel auf, und die späten Sorten schüttelten auch dann noch nicht den Schlaf ab, sondern warteten, bis der Wendehals da war. Dann aber bedeckten sie sich mit rosenroten Knospen, zwischen denen die schlohweißen Blüten leuchteten und abermals blieben die Leute stehen und sagten: »Ach wie entzückend!«
Mittlerweile war auch das Gras üppig gewachsen und zwischen ihm öffneten sich Hundert und Aberhundert von goldenen Kettenblumen, so daß die roten und weißen Taubnesseln gar nicht mehr so zur Geltung kommen konnten, wie bisher. Sobald die Sonne am Morgen warm schien, öffneten sich ihre Abbilder, eins nach dem anderen, wandten sich ihr zu und strahlten und glühten gleich ihr, und nun war der Baumgarten eigentlich erst gänzlich aufgewacht und lebte in lauter Blüten und Liedern. Um die Stachelbeerbüsche und Johannisbeerstauden summten die Bienen, über den goldbesternten Rasen flogen Füchse und Pfauenaugen, und in den herrlich geschmückten Zweigen sang und klang es von früh bis spät.
Kohlmeise, Amsel und Buchfink, die bislang das größte Wort haben, verschwinden mit ihren Liedern beinah vor denen der übrigen Vögel, so singt und klingt es in den Wipfeln. Da ist zuerst der Star. In dem Nistkasten, der in dem höchsten Birnbaume hängt, baut er und wenn er nicht Neststoff einträgt oder auf Nahrung ausfliegt, dann sitzt er vor seinem Hause, sträubt die Kehlfedern, klappt mit den Fittigen und quiekt und schnalzt und quinquiliert und dreht sich und wendet sich, daß sein Gefieder nur so blitzt und so blinkert.
Dann ist der Grünfink da, der in dem Rotdorne brütet und den ganzen Tag lockt und schwirrt, bis es ihm auf einmal einfällt, daß er noch etwas Besseres kann, um seine Frau zu belustigen, und dann fliegt er, hin und her taumelnd, genau so wie eine Fledermaus. Das kann außer ihm nur noch sein kleiner Vetter, der Girlitz, von dem zwei Pärchen in dem Baumgarten nisten. Es sieht zu putzig aus, wenn der sein seltsames Geflatter beginnt, bis er wieder auf einem Wipfel einfällt, lustig mit dem Schwänzchen wippt und fröhlich trillert und das Gezwitscher der Stieglitze und das Geschwätz der Bluthänflinge übertönt, obgleich er viel kleiner ist als diese. Dafür sind ihm diese aber an schönen Farben voraus.
Sie können aber nicht mit dem Gartenrotschwanz wetteifern, dessen silberklarer Gesang ab und zu laut aus dem Stimmengewirr heraustönt. Silberweiß ist seine Stirn, kohleschwarz seine Kehle und schön rot seine Brust. Der allerschönste Vogel in dem ganzen Baumgarten ist es, obgleich der schwarzweiße Trauerfliegenschnäpper sich auch wohl sehen lassen kann, und auch hören, denn sein Liedchen, wenn auch nur kurz, ist hell und klar und fröhlich, und das Vögelchen ist so flink und so lebhaft, daß es sehr von den übrigen Bewohnern des Baumgartens absticht.
Das tut der Kleinspecht nicht, obgleich er mit seiner schwarzweißroten Färbung auffallend genug aussieht. Aber er ist ein stilles, bescheidenes Kerlchen, das meist schweigend an den Stämmen und Ästen entlangrutscht und die Blutläuse vertilgt und nur ab und zu lockt. Nur wenn er seinem Frauchen den Hof macht, wird er lebhaft. Dann kichert er schrill und fliegt mit sonderbarem Geflatter um sie herum, daß er wie ein großer bunter ausländischer Schmetterling anzusehen ist. In dem toten Ast des alten Winterapfelbaumes hat er sich seine Nesthöhle gezimmert und bringt dort Jahr für Jahr seine vier bis fünf Jungen aus. Wenn die beflogen sind, sieht es reizend aus, wenn die Eltern sie lehren, wie man sich durch das Leben schlägt. Das ist dann ein wunderliches Gerutsche und Gekrabbel in den Kronen und ein Hin- und Hergeflatter und Gequieke und Gepiepse den ganzen Tag lang, bis am Abend alle miteinander wieder ins Astloch schlüpfen.
Ein überaus schnurriger Gesell ist der Vetter des Zwergspechtes, der Wendehals. Er sieht mit seinem bräunlichen, äußerst fein gestrichelten Gefieder und dem breiten, schöngebänderten Schwanze gar nicht aus, als ob er zu den Spechten gehörte, ruft aber ähnlich wie der Rotspecht, der in dem benachbarten Eichwalde wohnt und ab und zu hier Gastrollen gibt. Aber wenn der Wendehals an einem Stamme entlangklettert, oder an einem morschen Aste nach Larven hämmert, dann sieht man es ihm sofort an, wohin er zu rechnen ist. Ganz albern stellt er sich an, wirbt er um sein Weibchen. Dann spreizt er die Schwingen, fächert den Schwanz, richtet die Scheitelfedern auf, macht den Hals lang und dreht und wendet ihn so aberwitzigster Art, daß man meinen sollte, er habe gar keine Knochen darin.
Vielerlei Vögel sind es noch, die in dem Baumgarten leben oder ihn Tag für Tag besuchen. Da sind die Gartengrasmücke, der Mönch, die Dorngrasmücke und das Müllerchen, alle vier fleißige Sänger, die in den Weißdornhecken und in den Stachelbeerbüschen brüten. Dann ist der Gartenspötter noch da, der in dem Fliederbusche sein kunstvolles Nest hat, das vier rosenrote Eier enthält, ein ganz emsiger Sänger, und ein sehr beweglicher Vogel, der den ganzen Tag in den Zweigen umherklettert und laut dabei singt. Sein Verwandter, der Weidenlaubvogel, ließ sich im ersten Frühling fleißig mit seinem seltsamen Liedchen vernehmen. Auch später singt er noch genug, doch übertönen ihn die vielen anderen Sänger ebenso wie die Kohlmeise, die Gartenmeise und die Blaumeise, die mit ihm die Vorfrühlingssänger waren, wie denn auch das feine Liedchen des Baumläufers, der wie ein Mäuschen an den Stämmen emporrutscht, jetzt ganz verschwindet in der Fülle von Lauten.
Einer aber, der sogar mitten im Winter hier sang, ist nicht unterzukriegen, obwohl er der kleinste aller Sänger ist. Das ist der Zaunkönig. Wenn der loslegt, sei es, daß er sein Liedchen schmettert oder daß er vor einer stromernden Katze warnt, dann ist er mehr als deutlich zu vernehmen. Viel mehr fällt er auf, als die Braunelle, die in der Hecke brütet, und das Rotkehlchen, das in einer der vier Fichten, die in den Ecken des Gartens stehen, sein Nest hat, und am liebsten in der Frühe oder vor dem Abend sein silbernes Liedchen erschallen läßt, das sich mit dem lauten und anspruchsvollen Gesange der Nachtigall, der von dem Parke herüberschallt, zwar nicht an Stärke, wohl aber an Innigkeit wohl messen kann. Von dort tönt abends und oft die ganze Nacht hindurch auch das weiche, süße Lied des Gartenrohrsängers, der dem Baumgarten oft einen Besuch abstattet, hervor und mischt sich mit dem klagenden Rufe der Käuzchen, die manchmal am hellen Tage dort angeschwebt kommen und sich einen Sperling holen, an denen es natürlich auch nicht fehlt, sowohl an Hausspatzen, wie an den niedlichen Feldsperlingen.
Der schlimmste Räuber nächst den Katzen aber ist der Sperber. Jeden Tag kommt er an dem Zaune entlang geschwankt, schwingt sich über die Hecke und geht, ehe sich die Vögel in dem dichten Gezweige bergen können, mit einem Spatzen, einer Amsel, einem Finken oder einem anderen Vögelchen ab. Zu den Vögeln, die der Besitzer des Gartens nicht gern sieht, gehören die Dohlen, die auf dem Turme der alten Kirche horsten, denn sie holen sich von den Pflaumenbäumen die Tragreiser zum Bau ihrer Nester, plündern später auch die Kirschen, wobei ihnen Pirol und Kornbeißer helfen, während wintertags der Dompfaff die Blütenknospen der Bäume verbeißt.
Auch dann ist es im Baumgarten nicht still. Meisentrupps, von einem Buntspechte geführt, fallen ein und säubern die Äste von Frostspannereiern, Krähen kommen und stellen den Mäusen nach, und ist sonst nichts los, so sorgen die Sperlinge dafür, daß dort etwas Leben ist. Am allerlustigsten aber geht es im Baumgarten jetzt zu, wo alle Zweige voller Blüten sind und im Rasen die goldenen Butterblumen blühen.
Die Kirchhofsmauer.
Die Dorfkirche ist schon sehr alt. Man sieht das an den gewaltigen Strebepfeilern, an den Schießscharten, die freilich schon lange vermauert, aber noch zu erkennen sind, an den Hals- und Armeisen des Prangers neben der Haupttüre, an der steinernen Sonnenuhr und an den grünlichen Grabsteinen, die sie umgeben.
Auch die Mauer, die den Kirchhof einschließt, ist sehr alt. Sie bildete mit der Kirche zusammen einst die Feste des Dorfes, in die sich die Bauern zu Kriegszeiten, wenn die Not am höchsten war, zurückziehen konnten. Sie ist hoch und breit und aus großen Bruchsteinen gebaut. Jetzt ist sie ein wenig verwittert und von Rosen und Pfeifenstrauch, Spillbaum und Judendorn überwuchert und hier und da von Efeu berankt, und allerlei zierliche Farne und anderes Gekräut wuchert zwischen den grauen, mit gelben Flechtenkringeln und dunkelgrünen Moospolsterchen bewachsenen Steinen hervor.
Im ersten Frühling, wenn der Huflattich am Grunde der Mauer seine goldenen Sönnchen entfaltet, blüht in ihren Ritzen das zierliche Hungerblümchen und die Fingerkrautpolster bedecken sich mit weißen und gelben Blüten. Später bilden rote und weiße Taubnesseln dichte bunte Sträuße, der Löwenzahn prahlt stolz, der Ehrenpreis blickt freundlich, bis Schöllkraut und Labkraut ihn und die andern im Verein mit blutrot besterntem Storchschnabel überprotzen und an manchen Stellen das Gestein fast ganz verhüllen, während an anderen die Fetthenne, ganz mit goldenen Blütchen bedeckt, dichte, tief herunterhängende Rasen bildet, und weiterhin der Gundermann seine blaublühenden Ranken bis an den Grund der Mauer herabhängen läßt.
Vielerlei Getier lebt an der Mauer, bunte Schnirkelschnecken und die graue spitze Schließmundschnecke, Sprungspinnen und Mörtelbienen, auch verschiedene Käfer und sonstige Lebewesen. Gern sonnen sich hier die Füchse und das Pfauenauge, und nicht selten verschläft ein rotes Ordensband dort den Tag. In einer von Efeu überwucherten Spalte neben der Treppe hat der Zaunkönig gebaut, in dem struppigen Judendorn hat die Braunelle ihr Nest und unter den verbogenen Wurzeln der alten Linde die Bergbachstelze. Auch das Rotkehlchen, das im Pfarrgarten wohnt, schlüpft oft an der Mauer hin und her, und der Rotschwanz, der unter dem Kirchdache seine Brut hat, flattert oft vor ihr umher und fängt Fliegen.
Dann haben dort noch Kröten ihren Unterschlupf. Rechts von der Linde, wo die Mauer schon sehr zerfallen ist und Gras und Quendel dicht wuchern, wohnt eine dicke Erdkröte, und da, wo unter dem Holunderbusch die kleinen blauen Glockenblumen in dichter Fülle herabhängen, eine ebenso dicke Wechselkröte. Den Tag über halten sich beide meist versteckt. Nur wenn nach längerer Dürre ein sanfter Regen herunterkommt, verlassen sie auch einmal bei hellem Lichte ihre Löcher und steigen auf den Friedhof hinauf, um zwischen den eingesunkenen Gräbern auf die Jagd nach Nacktschnecken und Regenwürmern zu gehen, die dann reichlich aus dem Grase und dem Erdboden hervorkommen.
Langsam und bedächtig schiebt sich die Erdkröte dann über die moosigen Wege dahin, ab und zu ungeschickt hüpfend, wenn ein Mensch mit seinen Tritten den Boden erschüttert. Dann drückt sie sich zwischen einige Steinbrocken oder hinter einen Grasbüschel, und setzt sich erst wieder in Bewegung, wenn es ringsumher ganz still geworden ist. Dann und wann, wenn sich vor ihr etwas rührt, macht sie halt und schnellt die Klappzunge nach der Ackerschnecke, die an einem Blatte emporkriecht, oder reißt mit derbem Rucke den Regenwurm ganz aus der Erde und schlingt ihn, mit den Händen nachstopfend, hinab. So treibt sie es, bis sie übersatt ist und genügend Nachttau mit der Haut aufgenommen hat, um sich dann, wenn die Frühdämmerung herannaht, wieder in ihr Mauerloch zurückzuziehen.
Die hübsche, grün und weiß gefleckte Wechselkröte ist viel gewandter als sie. Sie hüpft so flink wie ein Frosch, klettert sicher an den steinernen Umfassungen der Gräber empor und läuft, wenn sie sich in Gefahr glaubt, hurtig in einen Schlupfwinkel. Wenn ihre goldgrünen Augen irgendwo eine Bewegung im Grase erspähen, so ist sie schnell da und schnappt die Beute fort. Mit ganz großen Tauwürmern wird sie leicht fertig, und wenn ihr ein winziger Grasfrosch in den Weg kommt, so macht sie mit dem auch wenig Umstände. Nur um die mächtigen, blauen, goldgrün und kupferrot schimmernden Maiwurmkäfer mit den unförmlichen Leibern, die sie bei ihren Tagesfahrten oft antrifft, kümmert sie sich nicht, denn die sind ihr ekelhaft.
Im März, wenn die Sonne das Wasser des Dorfteiches anwärmt, tritt die Erdkröte alljährlich die große Reise nach den Flachsrösteteichen unter dem Dorfe an, wo sie sich mit ihresgleichen trifft. Aus dem Murren der Grasfrösche klingt dann ihr trockener, hölzerner, wenig lauter Paarungsruf heraus, und bald darauf glitzern zwischen den Wasserpflanzen ihre langen, schwarzgeperlten Laichschnüre, aus denen sich schnell winzige schwarze Kaulquappen entwickeln, auf die die drei Arten von Molchen, die dort ebenfalls ihre Laichplätze haben, eifrig Jagd machen. Erst lange nachher, wenn die Laubfrösche dort meckern und die Wasserfrösche plärren, kommt auch die Wechselkröte angerückt und ihr helles Trillern hebt sich dann scharf von dem Quarren der Frösche und dem Schnarren der Kreuzkröten ab. Ist aber die Laichzeit vorüber, so tritt sie wieder die lange Reise nach der Kirchhofsmauer an und sucht wie die alte Erdkröte ihr Loch bei der Linde, ihre Steinspalte unter dem Glockenblumenbusch auf, das sie Nacht für Nacht verläßt, um zwischen den Grabhügeln zu jagen.
Es sind die beiden besten und sichersten Schlupfwinkel in dem alten Gemäuer, und schon so lange wie der alte Pfarrer hier lebt, kennt er die beiden Kröten. Wahrscheinlich sind es nicht immer dieselben, denn im Herbst schnobert der Iltis hier oft umher und sammelt Frösche und Kröten für die karge Zeit. Aber immer wieder sind die beiden Löcher von alten, dicken Kröten, hier von einer Erdkröte, da von einer Wechselkröte, besetzt, und das wird wohl so lange dauern, wie die Kirchhofsmauer besteht.
Die Moorwiese.
Dort, wo die Heide zum Moore geworden ist, liegt ein großes Stück Wiesenland.