Part 7
Ich zauderte auch nicht lange, und ließ anspannen. Es war erst vier Uhr Nachmittags, und ich konnte noch bequem nach dem Städtchen _Buffalo_, sechs bis sieben Stunden von da, gelangen. Der Weg dahin, auf canadischem Boden, folgt den gekrümmten Ufern des Niagara, der oberhalb Chippeway einen sanften Lauf hat. Als wir beim äussersten Ende des Erie-Sees, bei der Erie-Veste angekommen waren, mußten wir in einem Fahrzeuge über den Fluß setzen. Vor uns lagen in einiger Entfernung zwei Städtchen, _Blackrock_ und _Buffalo_.
_Buffalo_ liegt an der östlichen Ausspitzung des Erie-Sees und war während des letzten Krieges fast ganz zerstört worden. Am meisten hatte es aber von der Rohheit der Indianer gelitten, deren sich die Engländer hatten gegen die Amerikaner bedienen wollen. Es ist gefährlich, solche Bundesgenossen im Hause zu haben. Jetzt ist Buffalo freilich wieder aus der Asche neu aufgestanden, aber nicht als ein Phönix. Das Städtchen ist nichts weniger als hübsch. Indessen, was nicht ist, kann noch werden; denn der Ort ist zum Waarenverkehr trefflich gelegen. Der große Kanal des Erie-Sees, der mit dem Hudsonfluß verknüpft ist, geht von Buffalo aus, wo Fahrzeuge aus dem Michigan- und Erie-See landen müssen. Auch herrscht hier im Hafen schon viel Thätigkeit und Leben.
Herr L**, dem ich von New-York aus empfohlen war, empfing mich sehr zuvorkommend. Aus einer achtbaren französischen Familie stammend, war er schon vor vierzig Jahren nach Amerika ausgewandert. Während des Krieges zwischen England und Nordamerika hatte er, wie er mir erzählte, Buffalo verlassen und sich mit seiner Frau bei den Wilden zwei Jahre lang aufgehalten, indessen er seine drei Kinder nach Frankreich zurückschickte, um ihnen eine gute Erziehung geben zu lassen.
Sein Leben unter den Wilden, und was er mir davon sagte, hatte für mich viel Anziehendes. Bei mancherlei Entbehrung entbehrlicher Dinge, war er doch bei ihnen sehr glücklich gewesen. Er konnte ihre treue Gastfreundschaft nicht genug rühmen.
In den Umgegenden des Eriesees und gar nicht entfernt von Buffalo trieb sich damals ein zahlreicher Stamm von Indianern herum, der den Namen _Seneca_ führt, und ein Zweig der alten, vielgefürchteten _Irokesen_ ist. Diese Wilden waren damals mit aller Welt rings um in Frieden: Herr L** ermunterte mich, sie zu besuchen. Es gefiel mir gar wohl, etwa einen Tag lang, oder zwei, das einsame Treiben und Wirthschaften dieser Naturkinder zu schauen. Aber wie man ein paar Jahre lang mit ihnen in den Wäldern ganz behaglich hausen könne, wollte mir doch nicht einleuchten. Wir machten uns also auf den Weg.
Schon, wie wir aus Buffalo hervor waren, begegneten uns einige der Senecaner. Ihre Bekleidung schien mir etwas sorgfältiger, als jene der Cayagua-Indianer. Sie hatten auch gar kein ärmliches Aussehen. Die, welche Hüte trugen, hatten sie sogar mit Silberplättchen geziert. Breite Gurte von rothem Tuch hingen um ihre Hüften; andere trugen diese Gürte schärpenartig gebunden. Manchen hing an der Seite ein breites Messer; dabei hielt jeder seinen Tomoak in der muskelstarken Faust.
Der Weg zu ihrem Dorfe führte in die Tiefe einer ungeheuern Waldung. Je weiter wir hineinkamen, je dichter wurde das Gehölz, und von Zeit zu Zeit stand ein Indianer, kommend oder gehend, vor uns, so unerwartet oder unvorhergesehen, als wär er aus der Erde hervorgeschossen. -- Ein Greis, dem zwei junge Leute nachfolgten, alle wohlbewaffnet und wohlgekleidet, strich an uns vorüber, ohne uns anzusehen. Ich hielt ihn an und fragte, wie weit es noch bis zur Mitte des Stammes hin sei? Diese Wilden verstanden kein Englisch. Der Alte redete mit den Jünglingen, wie sich zu berathen. Nun versuchten wir die Zeichensprache. Damit gings besser. Wir erhielten die verlangte Auskunft und sahen nach zwei Stunden Wegs im Wald umher zerstreute Hütten.
Das Holz war stellenweis abgeschlagen, und der leergewordene Platz ziemlich nachlässig angepflanzt. Mais, Korn, Erdäpfel und andere Feldfrüchte sahen wir, mehr wie durch Zufall, als durch Menschenhand da hingesetzt. Es sind auch nur die Weiber, die den Landbau treiben. Männer schämen sich noch des, und treiben blos das edle Weidwerk, als geborne Jäger. Das Weib ist noch eine Art Sklavin; trägt auch, während sich der Mann frei bewegt, auf Reisen die Lebensmittelvorräthe in einem Korb auf dem Rücken, an einem breiten Lederriemen, der über die Stirn geht. Eben so tragen sie auch ihre kleinen Kinder, aber auf ein Brett gebunden, bis ans Kinn eingefäscht, mit deren Rücken gegen ihren Rücken.
Der große Stamm der Irokesen, der einst an den Champlain-, Ontario- und Erie-Seen umhertrieb, ist jetzt fast ganz verschwunden. Man sieht nur noch einzelne abgerissene Zweige desselben, wie den der Senecaner. Als sich im Jahre 1610 die ersten christlichen Glaubensboten unter sie wagten, zählten sie noch eine Heeresmacht von mehr denn 20,000 Kriegern. Nach dem nordamerikanischen Unabhängigkeitskriege im Jahr 1780 fanden sich hier nur noch etwa 1500 Krieger vor. Jetzt können sie nicht mehr als 150 bis 200 Streiter aufstellen.
Diese befremdende Verminderung der Indianer mag mancherlei Ursachen haben. Der Wilde zieht sich bei jeder Annäherung der zivilisirten Welt scheu zurück, wenn er sie nicht zerstören kann. Er will mit ihr nichts gemein haben. Er kennt aus den Sagen seiner Väter und Urväter die nie zuverlässige Treue, die List und Hab- und Herrschgier und rastlose Ausbreitungssucht der Europäer. Er kann die Lebensbequemlichkeiten derselben nicht reizend finden, weil er ihrer durchaus nicht bedarf; kann die Genüsse nicht schätzen, welche Wissenschaft und Kunst gewähren mögen, weil sie ihm fremd und verschlossen stehen; kann die feinern Vergnügungen der gebildeten Gesellschaft nicht leben, weil sie zugleich einen äussern Zwang auflegen, der ihm naturwidrig scheinen muß. -- Die reine Freiheit des Wilden hat ohnehin ihren eigenthümlichen Zauber, der aus der Einfalt, Rechtlichkeit und ungebundenen Sorglosigkeit hervorgeht. Man hat wenige, oder am Ende _gar keine_ Beispiele, daß Indianer, welche bei Europäern erzogen wurden, nicht gerne wieder aus dem Zwang der Etikette, des Zeremoniels, des Kirchenthums, des Rangwesens, der Polizeiordnungen, der Titulaturen, der gesellschaftlichen Vorurtheile, der Parteimachereien, der unendlichen Lebensmühen, um zum Besitz entbehrlicher Dinge zu gelangen, herausgegangen und in die Stille und Freiheit ihrer Wildnisse, zur einfachen Lebensweise ihrer Stammesgenossen zurückgekehrt und daselbst geblieben wären. Dagegen sind der Beispiele mehrere vorhanden, daß gebildete Europäer, die gewaltsam oder freiwillig unter die Indianer kamen, sobald sie sich nach Jahr und Tag unter ihnen heimisch fühlten, auf das Bittersüß der Zivilisation verzichteten, sich, wie die Familie L** zu Buffalo, sehr glücklich bei ihnen fühlten, und entweder gar nicht mehr, oder doch nicht ohne späteres Heimweh, in die Welt der Gebildeten zurückkehrten.
Eine große Zahl der Irokesen hat sich wirklich von den großen Seen hinweg westwärts in das unbekannte Innere des Welttheils gezogen. Was noch zurückblieb, ward zum Theil wohl in Kriegen, mehr noch durch das Gift der gebrannten Wasser, welches sie von den Europäern kennen lernten, durch Völlerei und Krankheiten, die daher entsprangen, allmälig aufgerieben. Vielweiberei findet in der Regel bei ihnen nicht statt; nur die Stammhäupter und Vornehmsten haben mehrere Frauen.
In der ersten Hütte, in die ich eintrat, fand ich eine Indianerin geschäftig, Mais in einem hölzernen Troge klein zu stoßen, um daraus eine Art Brod zu backen, das sie _Hökake_ heißen. Ich hatte späterhin bei einsamen nordamerikanischen Pflanzern oft genug Anlaß, meinen Gaumen mit dieser Hökake vertraut zu machen.
Fünfzig Schritte weiter, in einer zweiten und viel größern Hütte, die einem Oberhaupt gehörte, lagen fünf junge Weiber auf dem Boden, die unter einander mit bunten Bohnen, auf einer über die Erde gebreiteten Matte, spielten. Zwei derselben rauchten dazu, zwei andere säugten ihre Kinder. Ihre Bekleidung war so spärlich, daß unsere Schönen in europäischen Städten, wenn sie sich in »eleganter« griechischer Tracht halbnackt den Gaffern hinstellen, daneben ganz nonnenhaft vermummt erschienen haben würden. Sie sahen zu uns auf, ohne ihre bequeme Lagerung zu ändern. Ich verlangte ein wenig Milch. Die Jüngste, welche etwas englisch verstand, fragte, wie viel ich dafür geben wollte? Ich reichte ihr ein Sechs-Pencestück hin. Sie brachte mir mehr Milch, als ich trinken konnte.
Ohne die Indianer in ihrer Sprache sprechen zu können, geht man unter ihnen natürlich wie ein Taubstummer umher. Man sieht dies und das, aber möchte Erklärungen dazu, und vermag sie nicht zu fordern. Ich durchirrte das Dorf und wandelte in den Umgebungen mehrerer Hütten, deren kahles Innere keiner Beschreibung bedarf. Ich bemerkte auch von den schauerlichen Siegeszeichen der Wilden, die mit den Haaren bewachsene Schädelhaut von den Köpfen ihrer erschlagenen Feinde. Nun wußte ich ohngefähr, wie es in den Walddörfern und Hütten der alten, tapfern, vielgerühmten Germanen zu Tacitus Zeit ausgesehen haben mag, von denen, ihrem Whisky (oder Meth) ihrem Eichelschmaus (oder Hökake) u. dgl. m. noch jetzt die Rektoren und Professoren an den Schulen in Deutschland ihrer lernbegierigen Jugend gern großes Aufhebens machen.
Man weiß, wie es bei den Wilden mit dem Skalpiren, oder dem Abziehen der Schädelhaut ihrer Feinde, schnell und leicht geht. Aber eins wußte ich nicht und schien mir fast unglaublich. Man versicherte mich, daß man Menschen gekannt habe, die noch viele Jahre nach ihrer Skalpirung munter und gesund gelebt haben; nur daß ihnen die Haare nicht wieder nachwuchsen.
Die Rechtlichkeit und Strenge der amerikanischen Gesetze und der Ernst in deren Vollziehung hat bewirkt, daß sich die Seneca-Indianer sehr ruhig verhalten. Nur die Begierde, etwas zu besitzen, das ihnen an einem Weißen gefällt, hat sie oft zu Unthaten verleitet. Denn das kürzeste Mittel, sich im Besitz des gewünschten Gutes zu sehen, schien ihnen auch das beste zu sein, nämlich den Eigenthümer zu tödten. -- Doch auch davon hat man lange nicht gehört.
20.
Die Fahrt im Vaggon nach Pittsburg.
(25. bis 28. August.)
Mein Plan war gewesen, im Dampfschiff von Buffalo über den ganzen Erie-See bis an dessen entgegengesetztes Ende nach Detroit zu fahren. Aber ich hatte mich in den Tagen verrechnet; das Dampfschiff war schon abgereiset, und acht Tage lang hier auf ein anderes zu warten, taugte zu meinem Zeitvorrath schlecht.
Ich bequemte mich also, wenn gleich etwas ungern, mit in ein Fuhrwerk zu sitzen, das den folgenden Tag von Buffalo nach Pittsburg in Pensylvanien abreisen sollte. Man nannte diesen Wagen, der wie ein Karren aussieht, einen »_Vaggon_.« Ich werde noch lange an diese Vaggons denken, die eben nicht zu dem bequemsten Reisegeräth gehören, zumal auf Wegen, wie die sind, wo sie gebraucht werden. Zu meiner vorläufigen Beruhigung erzählte man mir, daß zwei Wochen vorher zwei Reisende mit dem wöchentlich abgehenden Vaggon kein Glück gehabt. Der eine wäre vom Vordersitz herab in eine Schlucht geschleudert worden und auf der Stelle todt gewesen; der andere, indem er herausspringen wollte, als der Vaggon eben umstürzte, wäre von diesem zerschmettert worden. Aber das begegne bei einiger Vorsicht nicht alle Tage.
In Gesellschaft anderer Reisenden bestieg ich also den Vaggon. Eine Stunde von Buffalo schon hörte die Straße auf. Man fuhr nun immer längs dem Ufer des Erie-Sees hin. Aber welch ein Weg! -- oder vielmehr, es war gar kein Weg da. Bald sanken die armen Rosse bis über die Knie in feinen Schlammsand ein, bald in Morastpfützen und Koth. Es waren vier Pferde, allein sie hatten Arbeit vollauf, den Wagen nur im Schritt fortzubringen. Ich hatte die angenehme Einbildung, das sei eine wüste Stelle; man müsse einige Augenblicke Geduld haben. Der Postknecht belehrte mich aber sehr höflich, die wüste Stelle dauere zehn Stunden Weges lang.
Der See ging ziemlich stürmisch. Trotz dem fuhr unser kühner Phaëton ins Wasser hinein, wenn er entweder aus dem Schlamm sich retten, oder großen Steinen ausweichen wollte. So lange die Räder des Vaggons, die, als eines Strandlaufers, sehr hoch waren, noch festen Boden über sich fühlten, ließ ich die Wasserreise unbetadelt. Aber nun kamen wir an einen Platz, wo sich ein Felsen ziemlich weit in den See hinausstreckte. Der mußte umschifft werden. Der Lenker unserer Schicksale und des Vaggons trieb die Pferde ins Wasser, bis es über sie wegrauschte, und sie wie Hunde schwammen, während die Wogen des kleinen stürmischen Meers den Kasten des edeln Vaggon weidlich zerschlugen. Da ward mirs doch etwas schwül; ich dachte an meine unglücklichen Vaggonsvorfahren und verwünschte diese Art Lustreisen. Meine amerikanischen Reisegefährten verwunderten sich höchlich. Sie fanden die Sache vollkommen in der Ordnung der Dinge. Ich mußte ihnen das allerdings zugestehen; aber, dacht' ich: ländlich, sittlich!
In einem einsamen Hause hart am See ward zu Mittag gespeiset, Roß und Vaggon gewechselt. Dann gings weiter; nicht besser, als des Morgens, aber doch, zur Abwechselung, auch anders. Denn wenn die Pferde, bei der Tiefe und Beweglichkeit des Sandes nicht mehr von der Stelle rücken konnten, fuhr man, statt ins Wasser, in den Wald, der das Seeufer besäumt. Da mußte man nun mit vieler Kunst im Zikzak zwischen den Bäumen und um sie herumkreisen; bald sich durch einen in die Quer hingestürzten alten Stamm, bald durch einen Bach-Hohlweg in witzigen Erfindungen üben lassen, wie man das neue Hinderniß überwinden könne.
Doch, ohne Hals- und Beinbruch, hatten wir das Glück, bei eintretender Nacht an Ort und Stelle nach _Fredonia_ zu gelangen.
Fredonia trägt den Namen einer Stadt (=Township=). Es ist eine _neue_ Stadt. Aber mache sich niemand gar zu glänzende Vorstellungen von den neuen Städten in Nordamerika. Es hat damit ein ganz eigenes Bewandtniß. Ihre Errichtung hängt nicht blos von Zufälligkeiten ab, durch welche ehemals die Städte Europens, oder auch noch die Küstenstädte Nordamerika's entstanden sind, wo ein Kloster, ein Wallfahrtsort, ein landesherrliches Schloß und dergleichen, mehr Ansiedler, als anderswohin, zusammenlockte; oder wo eine Bucht, ein natürlicher Hafen, die Mündung eines großen Stroms, zur Gründung einer Kolonie einlud. Kluge Vorausberechnungen bestimmen jetzt den Platz, wo eine künftige Stadt im Innern des Landes stehen müsse. Dann wird die Erbauung derselben durch Beschluß angeordnet und begonnen, es sei, wo es wolle.
So steht Fredonia mitten in Wildnissen und Wäldern, die sonst allein vom Geheul der Irokesen und wilden Thieren belebt waren. Da führen noch keine vielbewanderte Wege, keine gebaute, regelmäßige Hochstraßen zu den Thoren. Es sind noch keine Thore, keine Ringmauern vorhanden. Die Stadt ist _erst vier Jahre alt_. Man sieht ein gutgebautes Gerichtshaus (=court-house=). Weiterhin stehen wieder zwei Kirchen, aus Backsteinen geschmackvoll aufgeführt; zwei verschiedenen Glaubensparteien angehörend; beide ziemlich nahe beisammen. Dann sieht man noch ein Wirthshaus; einen Kaufladen und Magazin mit Spezerei, Leinwand, Tüchern, gebrannten Wassern und andern kleinen Bedürfnissen; ferner eine Schmiede, und eine Buchdruckerei, aus der wöchentlich eine Zeitung hervorgeht. Dann in gleichem Verhältniß, wie in mehrern europäischen Staaten der augenlose weltliche und geistliche Arm derer, die Gewalt haben, die gegenseitige Mittheilung, Belehrung und Verknüpfung der Geister unter einander vermittelst der unterdrückten Preßfreiheit unterdrücken möchte, suchen die Nordamerikaner durch Begünstigung der Preßfreiheit Gemeinsinn, Theilnahme an vaterländischen Angelegenheiten, Kunst, Kenntniß, Volksbelehrung zu befördern. Um jene sieben, acht Gebäude herum stehen in Fredonia etwa noch zehn einzelne Häuser zerstreut umher. Aber die öffentlichen Plätze, die Märkte, die künftigen Straßen sind schon im Plan vorhanden; sind schon wirklich ausgesteckt. Wer sich da ansiedeln will, ist gehalten, dem angenommenen Plan gemäß zu bauen.
So sieht eine vierjährige Stadt im Innern Nordamerika's aus.
Folgenden Tages gings durch Wald und Wüstenei; der Weg ward nicht gemächlicher, aber doch minder gefahrvoll, als am vorigen Tage. Der Postknecht, welcher die Zeitung von Fredonia auf seiner Reise abzugeben hatte, warf dieselben, wo man in der Nähe von einzelnen Häusern unterwegs vorbeikam, links und rechts aus dem Wagen vor die Thüren. Abends kamen wir noch bei hellem Tage zu _Erie_ an.
Diese Stadt liegt am Südosttheil des Sees, von dem sie benannt ist, auf einer Anhöhe, von der sich eine weitgedehnte Aussicht ergibt, und bis zum jenseitigen See-Ufer. Die Seen Ontario und Erie gleichen kleinen Meeren; jeder von ihnen hat über dritthalbhundert Stunden Umfang und bei sechshundert Geviertmeilen Fläche.
Südwärts der Stadt, die sich mit ihren 150 Häusern und drei Kirchen auf ihrer Höhe gar städtisch ausnimmt, kann man noch Ueberbleibsel einer ältern Niederlassung wahrnehmen. Es hatten sich da vorzeiten französische Pflanzer auf einer Landzunge angebaut, die sie _Presqu'isle_ nannten. Der Boden war sehr gut, das Klima gesund; allein die allzugroße Entfernung von allen andern bewohnten Orten zwang sie, das Land wieder zu verlassen. Kurze Zeit nachher gründeten die Amerikaner die Stadt Erie. Wenn einmal die Ufer des Sees bevölkerter sind, wird diese Stadt sehr bedeutend werden müssen.
Mit Anbruch des folgenden Tages ging die Reise südwärts, nach Pittsburg. Wir kamen abermals an Ueberbleibseln einer französischen Niederlassung, _Lebeuf_ geheißen, etwa fünf Stunden von Erie, vorbei, die das Schicksal von Presqu'isle gehabt hatte. Dagegen sahen wir, zwei gute Stunden weiter hin, die holländische Niederlassung _Waterfort_ in sehr blühendem Zustande. Wir frühstückten hier in einem sehr guten Wirthshause. Zu _Meadville_, zehn Stunden von da, hielten wir etwas an. Ich traf da mit einem Herrn zusammen, der mit gleicher Leichtigkeit englisch, deutsch und französisch sprach. Seine Unterhaltung war für mich sehr belehrend. Vermuthlich hielt er mich für den Geschäftsführer einiger europäischen Auswanderer-Gesellschaften. Er trug mir Ländereien zum Kauf an, den Acker zu zwei und drei Dollars. Es war ein Herr H**, Agent einer holländischen Kompagnie.
Erst spät Nachts kamen wir in das Städtchen _Mercer_, welches dem Städtchen Meadville glich. Beide nämlich sind _neue_ Städte. Man wird nun wissen, was darunter zu verstehen ist. Vorzeiten ging der Weg hieher durch die Veste _Wenango_, die wir weit links gelassen hatten.
Ich war seit den vorigen Tagen, von den Wasserfällen des Niagara weg, durch ungeheure Einsamkeiten fortgeführt worden. Aber sie konnten nicht mit denen verglichen werden, die sich zwischen Mercer und Pittsburg am folgenden Tage auslagerten. Es ist eine Strecke von zwanzig Wegstunden, und wir sahen nur das einzige Städtlein _Buttler_; fuhren oft fünf bis sechs Stunden, ohne eine Hütte, vergraben im Gebüsch, zu erblicken. Alles ein endloser Wald, dessen finstere, durch einander gewachsene Zweige selten nur einen freundlichen Strahl des Himmels auf uns niederzufallen erlaubten.
Es läßt sich denken, wie es um die Poststraße dieser unbewohnten Welt stand. Wir hatten vier wackere Rosse; wir waren im Wagen unserer nur drei Reisende, und doch kostete es keine geringe Mühe und Noth, vorwärts zu kommen. Beim vorletzten Pferdewechseln liefen wir am Ende noch Gefahr, Hals und Beine zu brechen. Es ging eben einen Hügel steil abwärts. Die Amerikaner pflegen keine Räder zu spannen, sondern lassen die Pferde geschwinder laufen, oft im Galopp bergab. So machte es unser Postknecht. Das Riemenwerk eines der Deichselpferde riß. Mit vieler Geschicklichkeit lenkte er das andere, welches allein noch den Wagen zurückhalten konnte. Aber nun war ein großer Stamm über den Weg gefallen, und doch nicht quer genug, um den Wagen zum Stehen zu bringen. Auf einer Seite liefen die Räder auf dem Stamm entlang; endlich sprang das eine über, das andere schob den Stamm fort. Das Holz rollte. Die erschrockenen Pferde nahmen mit Wagen und Holz Reißaus. Wir tanzten in der Luft, und siehe da -- kamen mit heiler Haut glücklich davon.
Auf einer schönen Halbinsel, gebildet von den Strömen Manongahela und Alleghany, beut sich dem Auge die Stadt Pittsburg dar. Jene Ströme rauschen einander aus entgegengesetzten Weltgegenden zu. Der Alleghany kömmt von Norden. Er ist aus verschiedenen Gebirgsbächen und Wassern von den Erie-Ufern entstanden, die sich bei der Wenango-Veste verbinden. Der Manongahela hinwieder kömmt von Süden her, aus den Laurels-Gebirgen, in Obervirginien. Er verschlingt in seinem Laufe viele andere Ströme, und so auch den _Youghiogeni_, der ziemlich beträchtlich ist. Bei Pittsburg, wo der Alleghany und Manongahela zusammenfallen, empfangen sie nach der Vereinigung den Namen _Ohio_ (man spricht den Namen O-hai-io aus) oder Schön-Fluß. Dieser durchläuft dann eine weite Strecke von 400 Stunden, bis er sich in den Missisippi ausmündet.
Wir fuhren über eine der prächtigsten Bogenbrücke in die Stadt hinein. Sie ist mit Schiefer bedacht, und ruht auf fünf Bogengewölben, jedes fünfundsiebenzig Schritte lang. Eben so schön ist jenseits der Stadt auf ihrer Mittagsseite die andere Brücke. Sie hat die Länge von 532 Schritten; an jeder Seite zweiundfünfzig Fenster, um Heiterkeit zu geben; zwar nur von Holz gebaut, aber auf acht steinernen Pfeilern ruhend, die sieben Bogen bilden. Sowohl für Fuhrwerke, als Fußgänger, sind Doppelwege. Diese trefflichen Arbeiten, welche im Jahr 1816 ein englischer Ingenieur leitete, der auch in Tennesee eine ähnliche Brücke gebaut hat, sind binnen zwei Jahren vollendet worden.
21.
Die Ohio-Fahrt nach Mariette.
(29. August bis 4. Sept.)
Ich verweilte mit Vergnügen in Pittsburg einige Tage. Die Stadt ist in mehr als einer Hinsicht anziehend für den Beobachter. Man nennt sie das »Manchester der Vereinstaaten.«
Sie ward erst im Jahre 1784 gegründet. Im Jahre 1800 zählte sie 2400 Einwohner; im Jahre 1810 aber 4700 derselben, und gegenwärtig über 14,000. Darunter sind, ausser eingebornen Amerikanern, Engländer, Franzosen, Schotten, viele Deutsche und Schweizer, die sich alle, jetzt wohlzufrieden, veramerikanert haben.
Die Stadt besitzt nicht, wie andere Städte dieses großen Freilandes, das lachende, freundliche Ansehen in seinem Innern. Die Häuser sind vom Rauch der Steinkohlen geschwärzt, die hier allgemein üblich sind. Aber dagegen erblickt man eine rührige Gewerbigkeit, wie nicht leicht anderswo. Alle Häuser sind voll von den verschiedensten Werkstätten. Längs den Ufern lärmen die Dampfmaschinen, welche eine Menge Mehl-, Säge-, Papier-, Oel- und Loh-Mühlen, Gerbereien und Färbereien, Glashütten und Eisenschmelzen u. s. w. in ununterbrochener Bewegung halten. Den westlichen Staaten um hundert und mehr Stunden näher als Philadelphia und Baltimore, versorgt Pittsburg die Pflanzorte in jenen vorzugsweise mit seinen Kunsterzeugnissen. Die Flüsse wimmeln von Fahrzeugen, die Waaren bringen oder fortführen. Mit Ausnahme der Monate August, September und Oktober, kommen täglich Dampfboote an. Von Neu-Orleans, den Missisippi und Ohio herauf, legt ein solches Boot den Weg von mehr denn siebenhundert Stunden binnen achtzehn Tagen zurück; stromabwärts ist die Fahrt in zwölf Tagen vollbracht. Und doch wird unterwegs, mit dem Ausschiffen und Aufnehmen von Waaren und Reisenden in allen Städten längs den Ufern, noch Zeit verbraucht. Die Reise den Strom herauf, von Neu-Orleans bis Pittsburg, kostet 50 Dollars, stromab nur 40. Man hat dafür, wie immer auf amerikanischen Dampfbooten, gute Tafel und sehr saubere Betten.