Mein Besuch Amerika's im Sommer 1824 Ein Flug durch die Vereinstaaten Maryland, Pensylvanien, New-York zum Niagarafall, und durch die Staaten Ohio, Indiana, Kentuky und Virginien zurück

Part 6

Chapter 63,551 wordsPublic domain

Der Heilquellen sollen um Saratoga bei zwanzig sein. Begleiter von meinem Freunde, dem Quäker, besucht' ich und kostete ich mehrere. Man bemerkte uns jedesmal, bei welcher die Kur begonnen, bei welcher sie beendet werden müsse. Einige lauwarme Quellen hatten den Geschmack von denen zu _Baden_ im Kanton Aargau; andere glichen dem Selterserwasser; die Quelle von _Balston_, zwei Stunden von Saratoga, hatte die größte Aehnlichkeit mit der vom _Schwarzbrünnli_ bei _Gurnigel_ im Kanton Bern.

Nur wenige Gäste baden; die meisten begnügen sich mit Trinken des Wassers. Des Morgens sieht man in dieser werdenden Stadt Alles von Gehenden und Kommenden belebt. An jeder Quelle stehen ein paar Kinder, die mit einem Stabe, an dessen Ende drei Gläser in eisernen Reifen oder Käfigen hängen, das Wasser schöpfen und den sie umringenden Trinkern bieten.

Unter den Trinkern befand sich auch der ehemalige König von Spanien, _Joseph Bonaparte_. Er scheint sich als freier harmloser Bewohner eines Freistaats weit glücklicher zu fühlen, denn vor Zeiten im königlichen Glanz. Er, von etwas mehr als mittlerer Stärke, hat ein volles, ausdrucksreiches Gesicht und angenehmere, freundlichere Züge, als sein Bruder, der große Napoleon.

Noch ist in Saratoga nur Alles erste, rohe Anlage; Sorge für das dringendste Bedürfniß. Noch fehlt es selbst an Lustgängen für die Gäste. Die Umgegend hat indessen viel Anmuth, obgleich sie von Wäldern und kleinen Hügeln umringt ist. Auf einem dieser Hügel, nicht weit vom Orte, hat man eine Aussicht bis zum St. Georgensee.

Dennoch fehlt es in dieser Gegend, wo sonst die Wilden, vom Stamm der Irokesen, hauseten, wo man in den nahen Waldungen noch die Ueberbleibsel ihrer zahlreichen Befestigungen, ihrer Gräber u. s. w. erblickt, nicht an Mitteln des geselligen oder einsamen Genusses. -- In einem Lesesaal fand ich die Werke der besten amerikanischen und englischen Gelehrten, und bei hundert verschiedene Zeitungen aus allen Staaten des Vereins. Der Saal war von stillen Lesern angefüllt. Ueber demselben ist ein anderer Saal, in welchem man Liebhabern eine Sammlung von Mineralien und andern Naturmerkwürdigkeiten, oder Kunsterzeugnissen der Indianer vorzeigt, die man in den Umgegenden gefunden hat.

Auch Schauspiel fand sich. Eine Gesellschaft kommt zu gewissen Zeiten von Newyork hierher und giebt ihre Vorstellungen. Ich hatte sie schon in Newyork gesehen und sehr mittelmäßig gefunden. In Congreß-Hall gab es, durch Unterschriften, Abends einen Ball. Man walzt in Amerika wenig; desto mehr sind Quadrillen beliebt und eine Art Hopser.

In _Skenectady_, wo ich einen Preussen mit seiner Gemahlin fand, der von St. Thomas kam, wo er Consul war, und nach Saratoga reisete, bestieg ich ein langes, bedecktes Schiff, um den großen Kanal hinauf zu fahren. Zwei Jagdhörner gaben das Zeichen zur Abreise; sie waren es auch, welche den Schleusenwächtern die Ankunft des Schiffes verkündeten, so wie den beiden Zugpferden, die alle zwei und eine halbe Stunde gewechselt wurden, da sie in dieser Zeit im scharfen Trott fünf Wegstunden zurückgelegt hatten. -- Der Uebergang von einer Schleuse in die andere ist Geschäft von zwei Minuten. In vierundzwanzig Stunden hatten wir vierzig Wegstunden gemacht.

Bei _Utica_, einem Städtchen von zweitausend Seelen, am Ufer des Mohawkflusses, hielten wir an. Der Kanal geht über diesen sich viel schlängelnden Strom mehrmals hinüber, oft zwanzig Schuh mit der Wasserleitung über der Oberfläche des Flusses. Und immer ist dabei seitwärts doch Raum zu einem Weg für die Rosse gespart, die das Schiff ziehen.

Wir waren unserer sechsunddreißig Reisende auf dem Fahrzeuge. Von der Gegend war selten viel zu sehen, der Kanal schneidet meistens schnurgrade durch Thäler und unermeßliche Waldungen. Hier ist noch der Boden in uralter Wildniß; wenig bevölkert. In der Nähe des kleinen Fleckens _Frankfurt_ hörten wir das Tosen eines Wasserfalles, der ziemlich beträchtlich sein soll.

Aber diese Einöden werden durch die Nähe des Kanals bald lebendig und urbar werden. Schon jetzt wird die Stadt _Utica_ blühend. An einer Seite derselben, wo vor Kurzem noch der finstere Rest eines Waldes verschont stand, ist jetzt ein breites Wasserbecken gebaut, in welchem zierliche Schiffe, beladen mit Waaren und Menschen, landen. Täglich brachten in den Monaten Juli und August, der Zeitung von Utica zu Folge, zwei Schiffe fünfzig bis sechszig Reisende, von denen die mehrsten nach dem Erie- und Ontario-See gingen. Nicht so zahlreich, wie ich nachher aus der Newyorker Zeitung ersah, sind die Reisenden im Spätjahr. Hingegen der Waarenverkehr zeigte sich noch im Oktober 1824 so lebhaft, wie im August, da ich selbst in Utika war.*)

*) Es kann Liebhabern der Statistik vielleicht lieb sein, zu erfahren, welche Arten Waaren vorzüglich nach Utica gebracht wurden. In einem Jahrzehend ist's gewiß anders; aber dann könnte es noch geschichtlich anziehend werden. Ich will also das Verzeichniß der in Utica während der ersten Oktoberwoche 1824 eingeführten Waaren hersetzen, wie ich dasselbe in mein Reisetaschenbuch aus der Newyorker Zeitung damals eintrug.

Die in erwähnter Woche zu Utica eingelaufenen 127 Fahrzeuge führten: 3310 Faß Mehl, das Faß zu 6 Scheffel; 1686 Faß Salz; 315 Faß Lebensmittel; 460 Faß Asche; 6300 Scheffel Getreide; 130 Scheffel Leinsamen; 763 Scheffel Pfirsiche zum Destilliren; 9094 Gallonen Whisky (Kornbranntwein, der Gallon hält 2 Maas); 105,844 Fuß Brett- und Zimmerholz; 10,000 Latten- und Schindelbünde; 158 Zentner Speck und Butter; 323 Tonnen Gyps; 500 Tonnen anderes Material; 27 Tonnen Käse; 30 Tonnen Hopfen; 953 Kisten Glaswaaren; 19 Zentner Sämereien; 91 Tonnen Porzellanthon; 15 Kisten Kleider; 3 Kisten rohe Häute; 3 Tonnen Gänsefedern. Ausserdem viele andere Kleinigkeiten.

17.

Die Fahrt zum Niagara.

(20. bis 22. Aug.)

Ich stieg mit acht andern Reisenden, die ebenfalls den großen Fall des Niagarastromes besuchen wollten, in die Postkutsche. Denn bei der Fahrt auf dem Schiffe, das Tag und Nacht geht, verlor ich zu viel Gelegenheit, das Land, das ich durchreisete, zu sehen. Die Postkutsche macht täglich zwanzig Stunden Weges, fährt bei Tagesanbruch ab, und kehrt bei nächtlicher Dunkelheit ein. Ein anderer Reisewagen, der eine halbe Stunde nach uns von Utica abging, holte uns zu _Oneida_ ein, wo wir dar Frühstück nahmen.

Kaum waren wir eine Strecke hinter Oneida, ward ich durch etwas überrascht, was in Europa, wo vortreffliche Polizei herrscht, keinen Reisenden überrascht, und schwerlich als Merkwürdigkeit in eine Reisebeschreibung aufgenommen wird. Ich aber will's gern hier eintragen.

So weit ich bisher in Amerika gekommen bin, hatte ich keine Straßenbettler gefunden. Hier liefen uns die ersten Bettelbuben nach. Es waren kleine Indianer. Bald auch kamen wir durch das Dorf der Wilden. Es bestand aus den erbärmlichsten Hütten, die hie und da im Wald, oder auf schlecht angebautem Erdreich herumlagen. Links von unserm Weg sah ich einen artigen grünen Rasenplatz von alten Bäumen überschattet. Dort, sagte man mir, pflegen die Häupter der Wilden ihre Rathsversammlungen zu halten.

Die hiesigen Indianer waren vom Stamm _Cayagua_, und nicht von der schönen Art. Sie hatten runde Gesichter, langgeschlitzte Augen, dicke Nasen, lange auf die Schultern niederhängende Haare, und elende Lumpen um die Hälfte ihres schmutzigen, gelben Leibes gewickelt. Das waren nicht mehr die kecken, kräftigen Gestalten, die ich in Newyork bewundert hatte.

Das Land wurde, je weiter wir kamen, wilder, und mit Ausnahme einzelner Ortschaften, weniger bevölkert. Selten sah man Häuser von Backsteinen, sondern nur von leichtbehauenen Baumstämmen, sogenannte Blockhäuser. Sie sind leicht und wohlfeil zu erbauen.

Ein junges Ehepaar, das sich als Pflanzer in den neuen Staaten ansiedeln will, hat oft, statt alles Vermögens, nichts als ein oder zwei Rosse, ein wenig Linnenzeug im Bündel und hundert Dollars Münze im Geldbeutel. Damit wandert es in die Einsamkeit und wählt sich eine Gegend, einen Boden, wie er ihm eben zusagt. Es hat an fünfzig Morgen Landes genug; zahlt den Morgen mit einem bis zwei Dollar zum Theil baar, zum Theil verzinset es das Uebrige mit sechs Prozent. Dann werden die nächsten Nachbarn, die oft drei und vier Stunden Wegs entfernt wohnen, besucht und vom Tag benachrichtigt, wenns an Erbauung des Hauses gehen soll. Am bestimmten Tag kommen alle Nachbarn mit ihren Pferden, Ochsen, Aexten, Beilen u. s. w. um Holz zu führen; bringen auch Sämereien mit und Vorräthe von Lebensmitteln zum Geschenk für die neuen Pflanzer. -- Dann werden die Baumstämme gefällt, entastet; an ihren beiden Enden mit Einschnitten und Zapfen zum Zusammenfugen versehen, und auf einander gelegt, wie wenns einen großen Käfig geben sollte. Allfällige Lücken zwischen den Balken füllt man mit Steinen, Moos und Erde aus. Ehe der Tag ganz zu Ende ist, steht die Wohnung schon fertig. Dann werden die Eingeladenen noch mit Speise und Trank bewirthet, und ihre Zahl ist immer ziemlich groß; und jeglicher kehrt zu den Seinen zurück, oder wohnt er allzu entfernt, nimmt er unterwegs beim ersten besten Pflanzer dessen Gastfreundschaft in Anspruch, die herzlich gern bewilligt wird.

Ist der junge Pflanzer irgend rührig und arbeitsam auf dem neuen Gute: so ist er am Ende von zwei bis drei Jahren schon im Stande, eine Wohnung von Backsteinen aufzuführen. Auch das wieder ist nicht so gar köstlich. Denn zu dem Behuf gibt es Ziegelbrenner, die von einem Ort zum andern wandern. Auf dem Bauplatz selbst legen sie ihre Werkstatt an, kneten, formen und brennen die Backsteine, die sie zu vier bis sechs Dollars das Tausend liefern. Die neuen Häuser sind dann ein Stockwerk hoch, mit zwei bis vier Fenstern in der Breite. Zu einem Gebäu von drei Fenstern vorn gehören vierzigtausend Steine. In Städten haben diese Steinhäuser auch einen Anstrich von aussen, und die Dachung ist mit Schiefer gedeckt.

Jenseits des indianischen Dorfes sieht man von einer kleinen Höhe den ganzen Oneida-See, und bis zum Ontario-See, der an den Horizont grenzt. Wir kamen durch zwei Städtchen, _Manlieus_ und _Odanagua_; zwischen beiden dehnte sich zu unserer Rechten ein See aus, acht Stunden lang, ungefähr eine Stunde breit, an dessen gegenüberliegendem Ufer wieder die Häuser von zwei Städtchen hervorschimmerten. Ich fragte, wie sie hießen, und ward von Ehrfurcht durchdrungen, als ich ihre Namen, _Rom_ und _Syrakus_, hörte.

Durch das niedliche Städtchen _Skenektedes_, am Ende eines kleinen Sees hingelagert, gelangten wir Abends acht Uhr nach der kleinen Stadt _Auburn_, etwa einundzwanzig Wegstunden von Utica. Das Wirthshaus, wo wir abstiegen, war schon voller Reisenden, die vom Niagara in zwei Wagen zurückgekommen waren. Ich spürte gemach, daß ich mich in Nordamerika den Grenzen der zivilisirten Welt näherte. Das Wirthshaus hatte nichts Erquickliches. Die Schlafgemächer, worin immer fünf Betten beisammen standen, glichen den Kasernen. Das Städtchen selbst zählte schon eine Bevölkerung von etwa zweitausend Seelen.

Andern Tages ward es nicht besser. Die Landschaften wurden immer einsamer und wilder. Von einer Stadt zur andern fährt man oft vier bis zehn Stunden Weges durch ewige Wälder, in denen man nur dann und wann hölzerne Hütten zwischen weiten Strecken uralter, hoher, dicker Bäume erblickt, die aber alle verdorrt sind und einen traurigen Anblick gewähren. Die Pflanzer nämlich, welche ohnehin der Arbeit in den ersten Jahren genug haben, geben sich nicht die Mühe, die riesenhaften Bäume selbst zu fällen, die sie wegschaffen möchten. Sie schälen nur unterhalb über der Wurzel Rinde und Splint bis aufs Holz ab, lassen den Baum absterben und, wie er fault, vom Wind und Regen umwerfen. Man benutzt aber häufig das Land schon, ehe die Stämme gefallen sind; jätet unter den dürren Aesten, die nichts mehr verschatten, das Gesträuch aus, pflügt den Boden mit einem einzigen Pferde auf, streut den Samen aus und erfreut sich der Aernte, die auf einem an Lebenskraft so reichen Boden nie schlecht sein kann.

Durch das Städtlein _Geneva_, am nördlichen Ende des Seneca-Sees ungemein anmuthig hingebaut, und durch _Canandaigua_, wo wir zu Mittag speiseten, kamen wir Abends in das Städtchen _Rochester_, welches zwar nur erst 1800 Einwohner hat, aber auch erst zehn Jahre alt ist. Wir sahen folgendes Tages unterwegs einzelne Häuser ganz mit Menschen angefüllt, und mit gesattelten Pferden und Wagen umringt. Es war Sonntag. Man hatte sich da zum Gottesdienst versammelt, und manche Familie wohl deswegen eine halbe Tagereise gemacht und mehr. Hier zu Lande sind keine Zwangsanstalten, Beichtzettel, Sonntagsmandate und dergleichen Nothbehelfe erforderlich, um die Kirchen zu füllen und würdige Feier des Tages zu erzwecken. Alles erfolgt von selbst, wo wahre Freiheit daheim ist. Erzwungene Gottesdienstlichkeit ist das sicherste Mittel, die Kirche und ihre Priester verhaßt zu machen, Irreligiosität zu verbreiten und eine geheuchelte, darum eben lästige äussere Ehrbarkeit, statt frommer Sitten, herrschend zu machen. Es ist unglaublich, wie weit man in manchen Ländern Europens noch zurück ist, nach so vielen Erfahrungen und Thatsachen, die einfachsten Sätze des gesunden Verstandes zu begreifen.

Man hört den Sturz des Niagarafalls, wenn der Wind von daher kommt, sechs Stunden Wegs weit. Ich hörte sein Brausen aber erst in einer Entfernung von zwei Stunden, und nur dumpf.

Bei einbrechender Nacht kamen wir nach _Lewistown_, am Ufer des Niagara. Drei englische Lords und ein ehemaliger britischer Admiral saßen im Wirthshause am Kaminfeuer und sprachen mit andern amerikanischen Reisenden. Sie waren eben vom Wasserfall zurückgekommen. Natürlich, wir, die wir ihn erst schauen wollten, sponnen die Unterhaltung darüber gern fort.

Als mir der Wirth mein Schlafzimmer anwies, machte er mich auf ein anhaltendes Sumsen aufmerksam, welches aber meine Ohren mächtiger schlug, wenn er die Fenster öffnete. Es war das Tosen des ungeheuern Stromfalles, dessen einförmiger Donner aus den weiten Urwäldern wiederhallte, bald näher heranzuwandeln, bald wieder sich zu entfernen schien, je nachdem der Wind das majestätische düstre Rauschen mit sich hintrieb.

Ich stand lange am Fenster und horchte der wunderbaren Natur-Musik. Der Nachthimmel war heiter und hing voller Sterne. Empfindungen, die sich in kein Wort kleiden lassen, bewegten mich. Ich stand da beinahe zweitausend Stunden weit von meiner Heimath, in jenen unermeßlichen Wäldern, die noch vor wenigen Jahren nur von Wilden bewohnt, oder von Abentheurern und verwegenen Reisenden besucht waren, welche für Handelsgewinn oder Kenntnißbereicherung jedes Wagstück bestanden.

18.

Der Wasserfall des Niagara.

(23. Aug.)

Noch lag ich im tiefsten Schlaf, als mich der Wirth schon früh Morgens nach 3 Uhr mit angezündeter Kerze ermunterte, aufzustehen; der Wagen werde sogleich vorfahren. Kaum hatte ich Zeit mich anzukleiden. Der Reisewagen rollte heran. Wir stiegen ein. In kurzer Zeit hatten wir den Fuß eines mäßigen Hügels erreicht. Aber auf der Höhe droben angekommen, faltete sich plötzlich vor unsern trunkenen Blicken eins der reizendsten Schauspiele auseinander. Der Himmel glühte in allen Farben des Morgens; der Erdball schien sich vom Schlummer aufzurichten und verschämt erröthend dem Gott des Tages entgegen zu lächeln. Zu meinen Füßen wallte, wie ein dunkler, stellenweis funkelnder Teppich weithin der _Ontario-See_. Einzelne Nebelsäulen wandelten über diesen wehenden Teppich wie verspätete Geister der Nacht; sie wandelten und verschwanden. Nordwärts umfaßte den See der breite, schwarze Saum von Canada's unübersehbaren Wäldern; westwärts ein langer blauer Streifen von Gebirgen. Mehr in der Nähe hoben sich bei der Ausmündung des Niagarastroms zwei Vesten, die sich gegenseitig zu bewachen schienen. Drüben am canadischen Ufer die _St. Georgs-Veste_; hierüben, auf dem Gebiet der Vereinstaaten, die _Niagara-Veste_. Im Hintergrunde, am jenseitigen Ufer des Ontario-Gestades, glänzten im ersten Sonnenstrahl Kirchthürme und Gebäude aus der Ferne. Ich vernahm vom Postkutscher, es sei das canadische Städtlein _York_, acht Stunden Wegs von uns. »Sehen Sie auch seitwärts!« setzte er hinzu und wies nach der Mittagsseite. Ich wandte mich dahin und sah eine ungeheure Dampfsäule in der Ferne aus dem Schoos der Erde gegen die Wolken auffahren, wie von einem Vulkan ausgekocht. Dort war der Niagarafall.

Erst nach ungefähr einer Stunde sahen wir von diesem zwischen den Bäumen einige Wassermassen erscheinen und verschwinden. Aber das dumpfe Getöse ward mit jedem Augenblick deutlicher und lauter. Um neun Uhr hielt der Wagen vor einem artigen Wirthshause still, wo wir uns mit gutem Frühstück erquicken konnten, und freundliche Führer zum Wasserfall erhielten.

Wir begaben uns dahin. Auf einer Brücke, die über einen Arm des Flusses geworfen ist, gelangten wir zu einer Insel, _Goat-Island_, welche den Stromfall in zwei ungleiche Theile trennt. Wir verweilten hier, uns auf der Insel zerstreuend, die ungefähr eine halbe Stunde Umfang hat, bis drei Uhr Nachmittags, um den Wasserfall und seine Pracht in aller Muße zu genießen.

Die Kalklager, von denen die Alleghany-Berge aufgeschichtet sind, bilden oft Berge und Hügel von beträchtlicher Höhe. Ein Zweig dieser Gebirgsverästung, der sich durch Maryland, Pensylvanien und Newyork streckt, durchschneidet den Niagarafluß in die Queere und verursacht den ungeheuern Sturz dieses Gewässers. Der Niagara, einziger Abfluß der großen Seen und des Erie-Sees, bildet bis zu seiner Mündung in das weite Becken des Ontario, einen mächtigen Strom von tausend bis zwölfhundert Schuh Breite und großer Tiefe. Bis zum _Chippewaystrom_, der zwischen dem Erie- und Ontariosee in ihn hineinstürzt, (vor Zeiten hat hier auch eine Veste gestanden), fließt er langsam und still. Dort aber, enger zwischen Felsen geklemmt, von den Wassern des _Chippeway_ verstärkt, wird er unruhig, sein Fall reissender. Er stürmt schäumend gegen Klippen und Felsen, die ihm den Weg verrammeln. Zwei Inseln spalten ihn in drei Theile. Aber stürmisch vereinigt er sich wieder, nahe dem weit über hundert Schuh tiefen Abgrund, in welchen er hinab muß. Die Felsen haben ihm hier bis auf viertausend Schuh weiten Spielraum gelassen. Es ist ein heulendes Meer, dessen Wogen, unter einander kämpfend ihrem zermalmenden Sturze entgegenrasen.

Der Wasserfall hat die Form eines Hufeisens. Der östliche Theil ist der vollere, gewaltigere, malerischere. Die Masse der niederstürzenden Fluthen, von unten auf angesehen, scheint aus den Himmeln herabzufahren und sich in einen bodenlosen Abgrund vergraben zu wollen. Die Felsenlager, welche unterhalb einige Absätze bilden, drohen unter dem Gewicht der zermalmenden Wassersäulen zu zersplittern und zu verstäuben. Die Erde und der Felsenboden dröhnen und zittern unterm Fuß des Menschen. Man steht in der Mitte eines ewigen, betäubenden Donners, während rings umher die ganze Natur schweigt, wie vom Entsetzen erstarrt. Aus der Tiefe, wo Alles kocht und gährt, silbergraue Staubwolken und Wasserbündel und Strahlen hastig auffliegen, und von nachkommenden wieder ereilt und zerstört werden, heulen in allerlei Tönen zwischen den Klippen die gräßlichen Stimmen des Abgrunds durch das einförmige Tosen der Donner.

Ich begab mich vom amerikanischen Ufer auf _Goat-Island_; eine lange, schmale Brücke, mit großer Kühnheit über die Strömungen hingebaut, führt zu diesem Eiland. Und auf demselben befindet sich ein artiges Wohnhaus, wo man nicht nur Erfrischungen findet, sondern, was mich verdroß, ich möchte sagen, anekelte -- sogar ein _Billard_! -- Pfui! Da, wo vor der Majestät des Schöpfers, vor der erschütternden Herrlichkeit der Natur Alles klein wird, will die erbärmlichste aller menschlichen Leidenschaften, die Spielsucht, noch groß thun und sich auf den Zehen in die Höhe strecken und gelten. Da, wo Alles zur Bewunderung und Andacht ruft, will man noch -- gemeine Unterhaltung, um der Langenweile zu entgehen. Ich könnte unmöglich mit einem Reisenden Freundschaft schließen, den ich hier Billard spielen sähe. Ich sähe in ihm das vollendete Zerrbild europäischer Zivilisation; jene sittliche Verkrüppelung, die wieder in stumpfes, gemüthloses, freches Thierthum übergeht. Es gibt Stellen auf Erden, die den Menschen aller Zonen und Religionen durch sich selbst Heiligthümer sind, heiliger, als ihre von Kalk und Steinen gebauten Kirchen und Tempel. Man sollte deren Entweihung nicht dulden.

Das Haupt eines indianischen Stamms hatte, so erzählte man mir, von den Alten gehört, es sei zwischen den Seen ein großes Wunder. Er machte sich auf; begleitet von seinen vornehmsten Kriegern kam er zum Niagarafall. Nachdem er eine Weile mit Erstaunen und Schweigen dagestanden war, nahm er seinen Tamoak, mit Silber belegt, seinen Bogen und die schönsten seiner Zierden, warf sie in den Schlund der Wogen, und sagte zu seinen Gefährten: »Fürwahr! Hier ist ein Haus des großen Geistes!«

Man hat auf der Insel die bequemste Ansicht des Wasserfalls; und wie man auf einen andern Punkt derselben tritt, verwandelt sich dem Auge das nie ermüdende Riesenspiel der Natur zu neuen Erscheinungen. Ich lebte in einer Wunderwelt. Recht anmuthig war es, daß auf dem grünen Teppich der Wiesen einige Hirsche und Rehe zahm und traulich um das Haus gingen und sich uns arglos näherten.

Ein junger Amerikaner war bisher immer mein Gefährte gewesen. Er blieb es auch, als ich bis zum Tiefsten des Wasserfalls niederstieg. Dies geschieht auf hölzernen Leitern, die man am senkrechten Felsen angebracht hat, die aber unter jedem Schritt schwanken. Zwei Männer, schon an diese schwierige Kletterei gewöhnt, trugen unsere Bündel. Denn wir hatten mit uns selbst genug zu schaffen, uns an Gesträuchen, Klippen und was uns unter die Hände kam, festzuklammern. Jeden Augenblick durchnetzte uns ein Stoß und Brast von Wasserstaub, durch den Wind gegen uns getrieben. Das Geheul der Wogen betäubte uns die Ohren.

Unten nahm uns ein kleiner Nachen auf. Einer der Führer stieg zugleich ein und schiffte uns mit Hilfe eines Ruders mitten durch die wüthenden Wellen. Wir brachten über eine halbe Stunde zu, ehe wir das canadische Ufer erreichen konnten.

Während dieser Ueberfahrt genossen wir gemächlich und umfassend das große Bild ewiger Verwandlungen. Die brennenden Farben des Regenbogens umgaukelten uns, bald in der schäumenden Nähe, bald über uns.

So erreichten wir unten am Wasserfall, wo uns beständig dicke Wolken aufsteigenden Wasserstaubes verschlangen, das canadische Ufer. Aber das Erklimmen dieser schroffen Felsen war für uns so gefahrdrohend und mühselig, als es das Herabsteigen am jenseitigen Ufer gewesen war.

Droben erreicht man in einer Viertelstunde ein großes, schönes Wirthshaus. Hier fanden wir Alles belebt. Jeden Augenblick zeigten sich uns andere Gesichter; Reisende kamen, Reisende gingen. Ganze Karavanen durchkreuzten sich. Die Fenster des Speisesaals gingen gegen den Fall hinaus. Man zeigte mir von da den _Table-Rock_ (Tafelfelsen), wo die schönste Ansicht des ganzen Falles sein soll. -- Ich begab mich dahin, und sah mich keineswegs getäuscht. Dieser Felsen streckt sich beträchtlich weit in den ungeheuern Schlund vor. In der That, das Auge umfaßt hier mit einem Blick das Ungeheure des großen Schauspiels. Es ist dem Geiste zu groß. Er will Alles umfassen und wird von dem erhabenen Ganzen verschlungen. Er verliert sich. Er schwebt zwischen Grausen und Entzücken.

19.

Ein Besuch bei den Seneca-Wilden.

Nichts widerlicher, als der Uebergang von prachtvollen Naturszenen, aus denen man in der Trunkenheit stiller Begeisterung zurückkehrt, zur Gemeinheit von Wirthshausszenen. Es ist die schmerzlichste Verletzung der Andacht. Es ist mehr, als Kirchenraub.