Mein Besuch Amerika's im Sommer 1824 Ein Flug durch die Vereinstaaten Maryland, Pensylvanien, New-York zum Niagarafall, und durch die Staaten Ohio, Indiana, Kentuky und Virginien zurück

Part 5

Chapter 53,503 wordsPublic domain

Diese Sonderbarkeit dort ist, wie bei unsern europäischen Gelehrten, einheimisch. Bei uns zwar nicht überall in der Politik, aber doch in andern Fächern. Welche Klasse von Schriftstellern pudelt sich ungezogener und ungeschliffener vor dem Publikum herum, als die der Jugenderzieher, der Pädagogen und Philologen? Wer zeigt weniger die Wirkungen der Humanität, als die Klasse derer, die Humaniora treiben? Wer handelt wüthender und unchristlicher wider fremde Meinungen, als die Lehrer der Religion der Liebe? Wer schreibt besser über Landwirthschaft, als wer dadurch ökonomisch zu Grunde ging? Wer hat unphilosophischern Stolz, als die Philosophen?

13.

Der Besuch beim Oheim.

Zwölf Stunden von New-York, am linken Hudson-Ufer, wohnte ein Oheim von mir, der sich schon vor vielen Jahren dort niedergelassen hatte. Ich nahm mir vor, ihn zu besuchen, und bestieg ein Fahrzeug von der Größe unserer größten Schiffe auf Seen und Flüssen, mit zwei Segeln, das heißt, einen _Sloop_. Dies Fahrzeug hatte ein Verdeck, wie andere Schiffe, und eine niedliche Cajüte. Meine Reisegefährten waren meistens Weiber und Mädchen, die zur Stadt gekommen waren, einzukaufen oder zu verkaufen. Obgleich in Amerika geboren, sprachen sie doch noch das Holländische, ihre Stamm-Landessprache, untereinander. Mehrere rauchten Tabak aus kurzen, irdenen Pfeifen. Das wunderliche Schauspiel dieser Schmaucherinnen, und der ernsthaften, nachdenklichen Geberden, die sie dazu machten, fing an mich zu belustigen.

Ein Landmann erklärte mir, das sei so Brauch bei den Holländerinnen; indessen bei den Mädchen käme jetzt das Rauchen ganz ab. Gegen Abend langten die Weiber ihre Körbe vor mit Speisevorrath gefüllt, und machten Thee. Eine der Frauen trank ihre Tasse voll aus, füllte sie dann wieder und bot sie mir. Ich mußte annehmen. Jede der Andern reichte mir nun noch von ihrem Vorrath, eingemachte Pfirsiche, Brödchen, Honig, Butter, Käse.

Nun gings ans Fragen: »Ißt man bei Euch in Europa auch dergleichen? Wie sind dort die Weiber? Ist das, was Ihr tragt, bei Euch Landestracht? Sehen die Männer alle so munter bei Euch aus? Wie kleiden sich die Frauen?« -- Eine sagte: »Ihr seid ein kräftiger, starker Mann, und werdet ein guter Landbauer werden.« Nach dieser Bemerkung über mein Körperliches rückte sie stockend mit der zarttastenden Neugier aus: ob ich verheirathet sei? -- Als ich mit Nein antwortete, war sie ausser sich vor Erstaunen; »Was?« rief sie lebhaft: »Muß man denn bei Euch so spät heirathen?«

Wir kamen spät nach _Tapan_. Der Oheim wohnte noch eine Stunde Wegs weiter. Ein hablicher Landmann, der desselben Wegs fuhr, erbot sich, mich in seinem Wagen mit dahin zu nehmen. Ich setzte mich in seinen »Gig«, den zwei brave Rosse zogen, und ein schwarzer Diener führte. -- Unterwegs gaukelten die Flämmlein unzähliger Irrwische zu allen Seiten, über vermuthlich sumpfigen Wiesen, als wollten sie mit den Gestirnen des Himmels über sich wetteifern.

Der Oheim war sehr überrascht, plötzlich einen europäischen Neffen um Mitternacht erscheinen zu sehen. Er erquickte diesen indessen gastfreundlich mit Speis' und Trank und gutem Nachtlager und sparte die Fragen einer verzeihlichen Neugier dem folgenden Tage auf.

Der Aufenthalt hier war für mich, wenn gleich kurz, doch belehrend, und, einen Unfall abgerechnet, angenehm. Ich wurde in die Bekanntschaft aller Nachbarn eingeführt; auch in die Familie dessen, der mich von Tapan hierher gebracht hatte. Als wir diesem einen Besuch machen wollten, gab man mir ein Reitpferd. Ich hatte es aber kaum bestiegen, gebehrdete es sich so wild, schlug aus, bäumte sich, daß ich zehn Schritte weit aus dem Sattel flog und drei Stunden ohne Besinnung, doch ohne weitern Schaden, blieb, als daß ich einige Tage lang Rippenschmerz fühlte. Ich machte nun meine Besuche zu Fuß.

Als ich zu meinem obenerwähnten nächtlichen Fuhrmann kam, stellte er mir seine Frau, seine Mutter und seine Großmutter und seine Urgroßmutter vor. Letztere mochte etwa hundert Jahre alt sein, und sprach, als geborne Holländerin, nur holländisch. Vater und Sohn waren in dieser Familie die einzigen männlichen Geschlechts. Bei Tische setzten sich die beiden alten Frauen. Die beiden jüngern standen hinter den Stühlen ihrer Mütter, um sie zu bedienen. Das feinste Tischzeug von schneeweißem Linnen und glänzendes Silbergeschirr deckte die Tafel.

Ich fühlte mich in dieser patriarchalischen Familie sehr glücklich. Der größte Theil des Tages verfloß unter Gesprächen über den Unterschied der alten und neuen Welt.

Es wird gewöhnlich den Amerikanern schwer zu fassen, daß wir Europäer das Vernünftige, Naturgemäße und Volksbeglückende ihrer Verfassungen, Gesetze und Einrichtungen anerkennen, und doch bei uns an das Beengende und Zwängende des oft zweckwidrigen, verderblichen Herkommens und Erbes aus den Zeiten mittelalterischer Barbarei festhalten. Europa, wenn es sich plötzlich der alten Einrichtungen und Gewohnheiten entledigen wollte, würde in ein hundertjähriges, namenloses Elend versinken und sich doch nicht der tausendjährigen Banden ganz entstricken können. Eine allgemeine, gewaltsame Umgestaltung der Verfassungen, Gesetze und Sitten würde eine allgemeine, gewaltsame Verheerung alles öffentlichen und häuslichen Glücks, eine Hemmung des ruhigen Fortschreitens zur Vollendung, ja eine Verwilderung der Sitten und Lebensansichten werden, und doch zuletzt, nach Erschöpfung aller Kräfte, von zweifelhaftem Ausgang sein. Wer kennt die Wege der Leidenschaften? -- Sie lassen sich nicht vorher berechnen, gleich den Wegen der Vernunft.

Nordamerika dankt seine Vorzüge der gesellschaftlichen Ordnung eigentlich keiner Revolution. Die sogenannte amerikanische Revolution war ein Kampf für Unabhängigkeit gegen drückende Ministerialwillkühren, Regierungsunbesonnenheiten und Handelsdespotismus, und half nachher zur Gestaltung des Bessern als erleichterndes Mittel. Amerika dankt jene Vorzüge der Eigenthümlichkeit seines Werdens. Hier schuf kein _altes Volk_ sich einen _neuen Staat_; nein, hier entsprang in weiten, fruchtbaren Einsamkeiten ein neues Volk, das sich den Staat und die Gesetzgebung, bereichert mit den Gedanken der Weisen des achtzehnten Jahrhunderts und aller Jahrhunderte, getrieben vom tiefgefühlten Bedürfniß des Zeitalters, unbeengt durch bestehende positive Rechte Anderer, nach Einsichten und Umständen beliebig bilden konnte. Es würde vielmehr ein ewiger Schimpf für den Verstand der Amerikaner geblieben sein, wenn sie ohne alle Noth das bei sich aufgenommen hätten, was sie bei alten Völkern Verwerfliches gefunden.

Nun ist es zwar richtig, daß unter den gebildeten Nationen Europens die Erkenntniß und das Bedürfniß dessen, was und wie es sein sollte, im Widerspruch steht mit dem, was wirklich vorhanden ist und gilt. Dieser Widerspruch erregt Mißmuth und Kampf. Aber _das_ scheint mir eben der richtige, naturgemäße Gang der Menschheit zu ihrer Veredelung. Vernunft und Leidenschaft begegnen sich feindselig. Im Streit um Verbesserungen der bürgerlichen Gesellschaft mag die Partei derer, die aus Unwissenheit, oder Schüchternheit, oder Eigennutz das Schlechtere festhalten, durch Macht, Reichthum, Stellung und Volksvorurtheil die überwiegende sein; aber sie wird unmerklich geschwächt und besiegt, weil sie, eben durch ihren Kampf, wider Willen, die Erkenntniß des Bessern ausbreiten hilft. So schreitet die europäische Menschheit allmälig zum Bessern vor, ohne es zu ahnen. Hundert Wahrheiten, sonst als Ketzereien verdammt, sind jetzt Alltagsgedanken der Priester und Edelleute, und sie selbst erstaunen über die Verkehrtheit und Unmenschlichkeit der Alten, die das Gegentheil behaupten konnten.

14.

Die Gesandtschaft der Indianer.

Da ich nach Newyork zurückgekehrt war, hatte sich unterdessen in dieser Stadt die Gesandtschaft von sechs indianischen Stämmen eingefunden, die an den Quellen des Missisippi und an den Westküsten Amerika's wohnen. Die Gesandtschaft bestand aus vierundzwanzig Häuptern der Stämme, nebst vier Weibern und zwei kleinen Kindern. Sie waren, nur um bis zur Vereinigung des Ohio mit dem Missisippi zu gelangen, sechs Monate unterwegs gewesen. Dort hatte man sie in Dampfboote aufgenommen und wieder stromaufwärts bis Pittsburg geführt. Von Pittsburg waren sie in Wagen nach Washington gebracht, wo sie vom Präsidenten der Vereinstaaten mit Auszeichnung empfangen wurden. Mit Hilfe von vier Dollmetschern, die unter ihnen gewohnt hatten, ward mit ihnen ein Bundesvertrag abgeschlossen. Um ihnen eine Vorstellung von höherer Landesgesittung zu geben, ließ der Präsident diese Männer der Wildniß, begleitet von zwei Gliedern der Regierung, durch die vornehmsten Städte des Landes reisen. Sie kamen durch Baltimore und Philadelphia nach Newyork.

Hier gab man ihnen auf der Batterie ein Fest. An Wein, Branntewein und Leckereien durft' es nicht fehlen. Eine ausgewählte Musik spielte den ganzen Abend. Ein Feuerwerk beschloß das Tagwerk.

Ich begegnete ihnen unter einem Haufen Neugieriger beim Eintritt des Lustgangs der Batterie. In demselben Augenblick liessen sich die ersten Töne der Musik hören. Auf der Stelle erhoben diese Gesandten ihrerseits einen Fest- oder Kriegsgesang, mit solcher Macht, daß sie fast den Odem darüber verloren. Sie begannen und endeten ihr Geheul immer mit einem Laut, der wie _Hu!_ oder _Kohu!_ klang, daß den Hörern in der Nähe davon die Ohren gellten. Der Gesang selbst hatte eine Art Melodie. In verschiedenen Zeiträumen fuhren sich die Sänger dabei, und alle zugleich, mit der Hand über den Mund. Ihr Gebrüll hatte etwas Furchtbares. Dabei waren ihre Geberden und Leibesbewegungen mit den Streitäxten in den Fäusten so drohend und schrecklich, daß Jeder, der diese ihre Artigkeiten zum ersten Mal sah, jeden Augenblick fürchtete, die Erde mit Blut und verstümmelten Menschen bedeckt zu sehen.

Um einen Schelling erhielt ich Erlaubniß, in die Batterie einzutreten. Da war ein runder Tisch, rings mit Stühlen, für sie bereitet. Vier- bis fünfhundert neugieriger Zuschauer bildeten einen Kreis.

Als sich die Wilden gesetzt hatten, war ihr erstes Geschäft, die brennenden Kerzen auszulöschen. Man bat sie, es nicht zu thun; reichte ihnen gefüllte Gläser zum Trinken, und bot nun dem Obersten der Gesandtschaft eine von den Schüsseln dar, sich selber davon zu bedienen. Er legte den Schurz, den er um die Hüften trug, über die Knie auseinander, leerte die Schüssel darein aus und gab sie wieder zurück. Von nun an hütete man sich wohl, Jedem die gefüllte Schüssel darzubieten, sondern gab jedem Einzelnen seinen Theil davon. Die Gäste hörten essend immer der Musik aufmerksam zu. Als nach dem Schluß derselben alle Zuschauer freudig mit den Händen Beifall klatschten, wurden die Indianer gleich beim ersten Klatschen unruhig, sahen sich unter einander an und fuhren mit den Fäusten nach den Streitäxten. Ihre Furcht verlor sich, als die Musik wieder begann; und da sie schloß, erhoben sie zum Zeichen ihrer Zufriedenheit ein gar entsetzliches Geschrei.

Man ließ endlich das Feuerwerk aufsteigen, was ihnen eine angenehme Verwunderung zu erregen schien, und um acht Uhr zogen sie sich zurück. Beim Heimgehen war ich dem Zuge dieser Gesandten sehr nahe gekommen. Einer dieser Naturmenschen, neben welchem ich zufällig ging, betrachtete mich seitwärts so neugierig, wie ich ihn. Ich bot ihm lächelnd die Hand dar; er schüttelte sie mir treuherzig. Sein Haupthaar war, wie meistens auch bei den übrigen, zur Hälfte weggeschoren, und der Schopfbüschel mit buntfarbigen Federn ausgeschmückt; andere trugen die Haare lang, bis auf die Achseln niederfallend; in der Nase Metallringe; die Arme und den ganzen Oberleib unbedeckt, eben so die Beine. Einigen hing ein Wildthierfell von der Schulter herab.

Es waren wohlgebaute, starkgemuskelte Leute, ungefähr sechs Schuh groß, von schmutzig rother Hautfarbe, die durch das Beschmieren mit Fett und rother Erdfarbe noch schmutziger geworden war. Einige von ihnen hatten Tatowirungen. Ihr Gang war ganz eigen. Es kam mir vor, als hätten sie ihn bei den Wanderungen auf dem Boden ihrer Urwälder zur Gewohnheit angenommen. Stets haben sie die Augen vor sich nieder auf die Erde geheftet; so gehen sie, ohne rechts noch links umherzuschauen. Die Weiber, etwas kleiner und in Felle gehüllt, schienen sehr furchtsam zu sein. In der ihnen angewiesenen Wohnung wollten sie sich nie von einander trennen lassen. Sie schliefen alle beisammen.

Sie sind nachher mit Dampfschiffen auf dem Hudsonfluß und über die großen Seen in ihre Heimath zurückgekehrt. Als zu Albany eins ihrer Häupter starb, legten sie seinen Leichnam in einen doppelten Kasten und nahmen ihn mit sich.

Die amerikanischen Zeitungen enthielten die Namen dieser Gesandten, mit der Uebersetzung. Ich füge sie hier bei. Sie sind alle bezeichnend: Ganzgift, Wind, hockender Adler, Fuchswach, Wolkenaufgang, Matt-Auge, Sperling im Gehen jagend, Löffel, Büffel, fliegendes Täubchen, Bär brüllend daß Felsen zittern, weißnasiger Fuchs, Fuchssprung linksum, geduckter Fuchs, Sonne, Weißnebel, krausgeschwänzter Fuchs, Starkläufer, Donnerschnell.

Leider mußte ich mich stets daran erinnern, daß ich nur zum Besuch in Amerika sei. Ich hatte noch so viel zu sehen und genoß so angenehme Tage. Ich war durch Empfehlung in eins der ersten Häuser in Newyork eingeführt. Das Haupt der Familie, der Vater, wohnte auf einem Landgut am Ufer des Rariton. Ich ward auch dort mit großem Wohlwollen aufgenommen. Der alte Herr führte mich unter andern in seine Bibliothek und rollte da einen Haufen Pergamente und Karten auf, um mir Titel und Umfang seiner gesammten Länderbesitzungen zu zeigen. Demzufolge besaß er einen ungeheuern Flächenraum Landes, der zusammen beinah soviel an Größe betrug, als etwa ein kleines deutsches Königreich. Er bat mich, wenn ich durch Virginien käme, einige seiner Besitzungen zu besuchen und besonders ihm Schweizer zum Anbau zu verschaffen.

Sein weitläuftiges Wohngebäu auf dem Landgut, eine Viertelstunde von der Amboy-Bay, zählt achtzig Gemächer und beherrscht eine der reizendsten Aussichten. Zwei seiner Söhne führen in Newyork eine der ersten Großhandlungen. Sie besitzen zwei Züge Schiffe, von denen der eine regelmäßig nach Livorno, der andere nach Ostindien die Fahrt macht. Ein dritter Sohn hat sich der Verbreitung des Evangeliums unter den Heiden gewidmet und ist schon seit vielen Jahren Missionär. Er verschmäht den bequemen Genuß eines großen Reichthums und duldet mit apostolischem Muthe die größten Entbehrungen, um durch die unwirthbaren Einöden der Wilden die Saat christlicher Gesittung auszustreuen.

15.

Die Fahrt nach Albany und Saratoga.

(14. bis 16. Aug.)

Kein Monarch Europens kann sich rühmen, einen glänzendern und größern Triumphzug gefeiert zu haben, von den Völkern mit höhern Ehren begrüßt worden zu sein -- selbst _Napoleon_ nicht, wenn er die bezwungene Welt durchreisete --, als General _Lafayette_, der Mitstifter amerikanischer Unabhängigkeit, da er das Vaterland seines Ruhmes zum letzten Male sah.

Ungeboten, ja unaufgefordert rüstete sich Alles, den edeln und geliebten Gast zu empfangen. Arm und Reich ward für ihn thätig. Die ganze Nation wollte ihn empfangen, ihn sehen, ihn segnen. Was sind daneben die kalten Feierlichkeiten, mit welchen prunklustigen Großen der andern Welttheile, unter steten Einmischungen der Polizei, geschmeichelt und gehuldigt werden muß! Wie der greise _Lafayette_ diese Reihe von rührenden Auftritten und geräusch- und prachtvollen Festen ohne Zerstörung seiner Gesundheit ertragen konnte, bleibt mir noch immer unbegreiflich.

Und dieser große Edelmann, als er wieder in sein Geburts- und Vaterland Frankreich zurückkehrte, wo er der Gegenstand des Hasses oder Widerwillens des Hofes, der Minister, der Großen und ihrer Diener und Beamten war -- wie anders mußte ihm da Alles erscheinen! Ein Welttheil bringt ihm Verwünschungen für dieselben Gesinnungen, derentwillen ihm ein anderer dankbar den unsterblichen Lorbeer reichte. Die Nachwelt wird strenges Gericht über die Menschen unserer Tage halten.

Gern wäre ich Zeuge von Lafayettens Empfang in Newyork gewesen, wo schon große Zubereitungen veranstaltet wurden. Da sich seine Ankunft aber von Tag zu Tag verzögerte, wollte ich nicht länger verweilen und bestieg ein Dampfschiff, welches nach Albany ging.

Täglich fahren drei Dampfboote von Newyork dahin, die auf dem Hudson binnen achtzehn bis vierundzwanzig Stunden die fünfzig Wegstunden lange Strecke bis Albany zurücklegen. Diese Boote, welche zu den größten der Vereinstaaten gehören, gehen nicht über Albany hinaus, sondern werden von minder großen abgelöset, die dann den Hudson hinauf durch den Georgs- und Champlainsee auf dem Lorenzenstrom nach Canada gehen. Der Hudson, oder Northriver, wie er auch heißt, und bei New-York, wo er sich ins Meer ausmündet, drei Viertelstunden, bei Albany beinah noch eine kleine halbe Stunde breit ist, bildet sich eigentlich in seiner Größe erst durch die einfallenden Gewässer des Sacondaga und Mohawk. Seine Ufer sind an einigen Orten sehr schroff, von weißgrauen Kalkfelsen, mit Tannen und Eichen besäumt. Von Zeit zu Zeit erscheinen artige Landhäuser, Bauerhöfe und kleine Ortschaften auf fruchtbarem Gefilde.

Weil ich immer auf dem Verdeck geblieben war, hatte ich nicht bemerkt, wie große Gesellschaft sich mit mir auf dem Boote befand. Es waren hundert und achtzig Reisende. Frauenzimmer und Herren hatten ihre besondern Säle; wer mit jenen speisen wollte, mußte, mit Angabe seines Namens, beim Kapitän um Erlaubniß bitten. Er führte mich also in ihren Saal. Man setzte sich in bunter Reihe an zwei langen Tafeln zum Frühstück, welches mit ausgewählten Platten versorgt war. Auch hier schien weniger eine vom Zufall zusammengeführte Reisegesellschaft, als eine Versammlung eingeladener Gäste beisammen zu sein; so sorgfältig und anständig war der Anzug Aller, so gesellig, fein und ungebunden war die gegenseitige Unterhaltung.

Wir kamen am Städtchen _Orange-Town_, dreizehn Stunden von Newyork, dann fünf Stunden weiter bei _West-Point_ vorbei, wo das vorzüglichste Kollegium für die Jugend der Vereinstaaten ist. Unter den hiesigen Zöglingen befinden sich auch zweihundert und fünfzig meistens Söhne von Wittwen, oder von Militärpersonen, die den letzten Krieg mitgemacht hatten. Sie werden hier für den Land- und Seedienst der Vereinstaaten auf öffentliche Kosten erzogen.

Der Hudson wimmelt von Sloops und Fahrzeugen, die sich nur mit dem Winde, oder der Fluth und Ebbe fortbewegen, welche noch über dreißig Stunden von der Flußmündung spürbar ist. Man sagte mir, es wären täglich wohl bei zweitausend solcher Sloops auf dem Hudson thätig.

Die drei größten Dampfboote dieses Flusses waren damals der _Chancellor Levington_ von achtzig Pferdestärken, und geräumig genug, um fünfhundert Reisende bequem zu halten; der _Richmond_ zu siebenzig Pferdestärken, für vierhundert Reisende; und der _Kent_ von sechszig Pferdestärken, der dreihundert Reisende aufnehmen konnte. Alle diese Fahrzeuge sind in verschiedene Gemächer getheilt. Das schönste derselben ist für die Frauenzimmer, und zwar als ihr ausschließlich eigenes, bestimmt; das nachschönste ist für sie und für die jungen Männer, denen der Kapitän Zutritt gestattet. Zwei andere, größere Säle sind einzig für Männer. Alle diese Zimmer sind, wie auf andern Schiffen, seitwärts mit Betten versehen, von denen stets eins über ein anderes angebracht und mit Umhängen, einen auswärts gehenden Bogen bildend, verdeckt sind.

In der Schiffsmitte und zur Seite befinden sich noch kleine Gemächer zu besonderm Zweck, z. B. ein Badstübchen, ein Lesezimmer mit den Werken amerikanischer und britischer Schriftsteller; die Küchen, die Gemächer der Schiffsmannschaft, der Mechaniker, Matrosen, Köche, Mägde und Bedienten, deren zusammen etwa zwanzig Personen sind.

Des Nachts verbreiten große Hängeleuchter die möglichste Heiterkeit rings ums Schiff und warnen die Sloops schon von Weitem, auszuweichen. -- Die Seitenräder haben zweiunddreißig Schuh im Durchmesser, und geben dem Schiffe die Geschwindigkeit, binnen einer Stunde Zeit stromauf zwei Wegstunden, und stromab drei Wegstunden zurückzulegen.

Das Ausschiffen und Aufnehmen von Reisenden unterwegs raubt wenig Zeit. Die Schiffsglocke ruft an. Ein am Aussenbord hangender Nachen, groß genug, acht Personen zu fassen, wird schnell ins Wasser gelassen. Die Reisenden steigen bequem auf einer eisernen Geländerstiege vom Schiff ein. Zwei Ruderer bringen den Nachen schnell ans Ufer, während der Matrose am Steuer hinten ein Seil, das am Dampfboot befestigt ist, allmälig abrollen läßt. Aus- und Einladen des Nachens am Ufer ist Sache weniger Minuten. Der Pilot gibt dem Dampfschiff ein Zeichen; sogleich setzt sich dort durch den Mechanismus ein Zylinder in Bewegung, der das Seil des Nachens aufrollt und diesen an sich zieht.

Es war an einem schönen Sonntagsmorgen um fünf Uhr (15. Aug.), als wir vor dem Städtchen _Hudson_ anlangten. Es stellt sich dem Auge gar freundlich dar. Es mag drei- bis viertausend Einwohner haben. Von Zeit zu Zeit tönten den ganzen Vormittag die Kirchenglocken über die Landschaft, welche die Bewohner der umherliegenden Höfe zur Andacht riefen. Um eilf Uhr Morgens kamen wir endlich zu _Albany_ an.

Diese Stadt zählt jetzt vierzehntausend Bewohner und ist ganz in Art und Weise der übrigen neuen Städte Amerika's gebaut. Albany's Handelsverkehr ist sehr bedeutend, weil sich hier der Stapelplatz aller Erzeugnisse vom Norden des Newyorker Staates bis Canada befindet, besonders seit dem Bau des herrlichen Kanals, der vom Hudson bei Albany bis zum Erie-See läuft.

Dies Meisterstück der Kunst und des amerikanischen Gemeingeistes verdient gekannt zu sein. Man denke sich, daß dieser Kanal hundert und zehn Stunden lang ist; daß man über demselben fünfhundert und sechsundfünfzig hölzerne Brücken zählt, und siebenundvierzig Schleusen, jede sieben Schuh höher (denn dies ist der Fall vom Eriesee bis zum Hudsonufer); man denke sich, daß mehrere Leitungen angebracht sind, die das Wasser über Sümpfe und kleine Seen führen (die größte bei Rochester, mehr denn sechsundsechszig Stunden von Albany, ganz von Stein, mit einer Seitenstraße für die Rosse, um die Schiffe zu ziehen) -- man denke sich diesen großen, festen Bau des Ganzen, und dann -- daß das Alles in Zeit von zwei Jahren vollendet ward.

Ich verweilte in Albany nicht lange; begnügte mich mit einer Besichtigung des Innern der Stadt, nahm einen Reisewagen, übernachtete in Skenectady und befand mich andern Morgens in den berühmten Bädern von _Saratoga_.

16.

Saratoga's Heilquellen. Utica.

(16. bis 19. Aug.)

Ein junger, gebildeter, sehr unterrichteter Quaker war mein Reisegefährte bis hierher gewesen. Wir gewannen einander lieb und blieben in Saratoga beständig beisammen. Alle Religionen und alle Kirchpartheien haben ihren heiligen Grund und sind wahrlich in ihrem Wesentlichen und Göttlichen nicht so sehr von einander verschieden, als die Menschen in denselben, welche aus Religion und Kirche Werkzeuge ihrer Selbstsucht, ihres Hochmuths, ihrer Milzsüchtigkeit machen und die dummgläubige Unwissenheit Anderer fanatisiren und leiten.

Die Umgegenden von _Saratoga_ schienen mir gar wild. Die Stadt selbst besteht nur aus einer einzigen, sehr breiten aber noch ungepflasterten Straße. Baumstöcke, die hin und wieder mit Wurzelstöcken über einander liegen, deuten an, vor wie weniger Zeit noch der Platz, wo der Ort aufgebaut ist, ein finsterer Wald gewesen, den die Bären bewohnten, die auch jetzt noch oft in der Nachbarschaft sichtbar sind.

Jäger entdeckten vor etwa zehn Jahren zuerst hier die Mineralquellen. Erst seit vier Jahren baute man die prächtigen, pallastartigen Gasthäuser auf, deren nun schon zehn vorhanden sind. Das vornehmste derselben ist ohne Zweifel _Congreß-Hall_; dann folgen _Union-Hall_, _United-Staten-Hall_ und der _Pavillon_. Die Anzahl der Kurgäste, welche sich bei meiner Ankunft hier befand, betrug 1230 Personen, Leute aus allen Staaten des Vereins und Südamerika's, auch einige Europäer.