Mein Besuch Amerika's im Sommer 1824 Ein Flug durch die Vereinstaaten Maryland, Pensylvanien, New-York zum Niagarafall, und durch die Staaten Ohio, Indiana, Kentuky und Virginien zurück

Part 4

Chapter 43,405 wordsPublic domain

Die Kirchenglocken schwiegen. Im weiten Raum des der Andacht geweihten Gebäudes entstand eine tiefe, anhaltende Stille. Alles schien in fromme Betrachtung untergegangen. Ich wartete geduldig anderthalb Stunden, und es änderte sich nichts. Ich war schon im Begriff fortzugehen, als eine gute alte Frau vom Sitz aufstand, und mit zitternder doch vernehmlicher Stimme das Schweigen brach, indem sie ein Gebet sprach. Dies mochte wohl eine Viertelstunde dauern; dann bedeckte sie sich das Gesicht mit beiden Händen und saß wieder nieder. Ich verweilte noch ein halbes Stündchen. Als niemand aber das Wort nahm, ging ich wieder und besuchte eine andere Kirche.

Es ist in der Art und Weise dieser Gesellschaft der Freunde viel Eigenes, Hartes, Schwärmerisches und Ueberspanntes. Wer könnte das ganz läugnen? Aber doch muß ich bekennen, keine von allen christlichen Kirchenpartheien hat dabei so viel Milde, Menschenfreundlichkeit, Selbstverläugnung, Selbstaufopferung und Wahrhaftigkeit, als eben diese. Sie leben freundlich unter allen Menschen, ohne deren wilde Thorheiten und Leidenschaften anzunehmen. Sie wenden die Vorschriften des Christenthums streng, ja _buchstäblich_ auf das wirkliche Leben an, und werden dadurch auffallend, sonderlingsartig in den Augen derer, die eine andere Erziehung genossen haben, sogar lächerlich. Sie zanken nicht, wie andere Christen, um Formen und Dogmen; ihr Glaube liegt mehr sprechend in ihren Handlungsweisen. Das stammt schon von erster Erziehung her, die ihnen nachher das Gewohnte zum lieben Bedürfniß macht. Diese Erziehung weicht freilich von der gewöhnlichen ab; ist vielleicht in Manchem zu ängstlich. Aber vielleicht ist eben diese Aengstlichkeit das beste Verwahrungsmittel gegen die spätere Leichtigkeit, mit dem, was unehrbar und lasterhaft ist, in Unterhandlung zu treten. Tanz, Musik, Jagd, Hazardspiel und Theater sind untersagt. Die erzieherische Gesetzgebung William _Penns_ scheint mir unendlich edler, in sich selbst weiser und in ihren Wirkungen nicht minder bewundernswürdig, als die vielbewunderte des _Lykurg_. Wer dies bezweifelt oder nicht begreift, müßte Pensylvanien, müßte die entlegensten Einsamkeiten Amerika's besuchen. Hier ist nicht Heuchelei, auf den Schein gemachte Frömmigkeit, verlarvter Stolz, wie bei manchen ähnlichen Sekten in Europa, sondern Ueberzeugung, die ins Leben durch die That tritt, und durch Erziehung und Gewohnheit Bedürfniß wird.

Es scheint mir, daß die Einfalt, Wahrhaftigkeit, Anspruchlosigkeit und Rechtlichkeit der Gesellschaft der Freunde, auf Denkart und Ton, Gesetzgebung und Verfassung der Amerikaner in den Vereinstaaten einen sehr bedeutenden Einfluß gehabt habe und noch immer übe. Ueberall bin ich den Spuren ihrer Gesinnungen begegnet. Auch geniessen sie allgemeine und wohlverdiente Achtung.

Unter ihnen herrscht vollkommene Gleichheit der Rechte; Reichthum und Armuth geben darin keinen Unterschied. Die Häupter ihrer Versammlungen beziehen keine Besoldungen, empfangen keine besondere Ehrenbezeugungen, und finden für ihre Meinungen kein Uebergewicht bei den Andern. Das weibliche Geschlecht hat, wie bei allen andern Kirchenpartheien, dieselbe Stellung, und genießt derselben Achtung und Ehrfurcht. Die liebenswürdige Bescheidenheit, Einfachheit, häusliche Ordnungsliebe und feine Verständigkeit der Frauenzimmer macht, daß diese auch von den achtbarsten Familien anderer Sekten gesucht werden. -- Erfüllt einer von ihnen nicht seine Pflichten gewissenhaft, wird er von einem seiner nächsten Verwandten oder vertrautesten Freunde im Stillen gewarnt; ist dies fruchtlos, geschieht es von mehrern Seiten; zeigt sich alle Mühe eitel, ihn zu seinen Pflichten zurückzuführen, wird er aus der Gesellschaft der Freunde ausgeschlossen. Das Alles geschieht ohne Aufsehn im Stillen.

Die Verbesserung der Strafanstalten, die Versittlichung der Verbrecher, die Verhütung des Verarmens und der aus Armuth entspringenden Uebelthaten, die Verbreitung des Christenthums unter den Heiden, die menschlichere Behandlung der Indianerstämme, die Abschaffung des Negerhandels und der Sklaverei hat dieser Kirchpartei mehr, als allen andern in der Christenheit, zu danken. -- Wenn man die Genossen derselben auch nicht schon an ihrer äussern, einfachen Tracht erkennen würde, die Männer an ihren breitkrämpigen schwarzen oder weißen Hüten, und schwarzen, braunen, dunkelfarbigen Röcken; die Frauenzimmer an der Abwesenheit aller bloßen Schmucksachen, der Ohrgehänge, Ringe, Armbänder, Federn, Kunstblumen u. s. w. -- Trauer um die Todten legen sie nie an -- so würde man sie an der strengen Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit im Handel und Wandel erkennen; an ihrer Treue im gegebenen Wort, an der Verschmähung jeder Art Betrugs und Ueberlistung.

Die Stadt _Philadelphia_ hat etwas ungemein Gefälliges im Aeussern. Die Straßen sind geräumig und breit, manche achtzig bis hundert Schuh; alle sauber mit Plattsteinen gepflastert. In der Mitte stehen Hallen, oder zum Marktverkauf bestimmte, überdeckte Plätze, wo die Landleute, die ihre Erzeugnisse bringen, gegen das Wetter geschirmt stehen. Manche dieser Hallen sind über eine Viertelstunde lang. Die Fußgänge an den Seiten sind von Zeltdächern beschattet, viele der Kaufläden und Gewölbe gleichen an Fülle und Schönheit der Verzierung den schönsten in Paris.

_Penn_ selbst hat den Riß zur Stadt der Freunde im Jahr 1682 entworfen. Sie ist wohl eine Wegstunde lang. Es ziehen vierundzwanzig breite, schnurgrade, oft seitwärts mit Fußgängen versehene Straßen neben einander hin, die von zwanzig andern ähnlichen im rechten Winkel durchschnitten sind. Die Häuser haben meistens weißen, gelblichen oder röthlichen Anstrich. Die Begräbnißplätze sind hier noch, wie in allen amerikanischen Städten, bei den Kirchen. Es fehlt nicht an vielen Sehenswürdigkeiten. Ich darf nur an das herrliche Museum erinnern, wo auch das vor einigen Jahren zu Bigbone in Kentuky, ohnweit Cincinnati gefundene Mammuthskelet aufbewahrt wird, das 18 Schuh lange, 11½ Schuh hohe Riesenthier der Vorwelt.

Neben allen schönen Gebäuden der Stadt zeichnen sich immer die Kirchen durch ihre Pracht und Majestät aus. Und ihrer sind nicht wenige. Und alle sind doch nur auf Kosten der verschiedenen Kirchpartheien gebaut. Denn, wie gesagt, hier ist keine herrschende, sogenannte Landesreligion. Der Staat hat den weisen und wohlthätigen, und Religiosität befördernden Grundsatz vollkommener Glaubensfreiheit anerkannt. Er zwingt niemanden zum Kirchenbesuch, und doch sind alle Tempel stets beim öffentlichen Gottesdienst angefüllt, während in Europa die Pfarrer über Verfall der öffentlichen Andacht und die Leerheit der Gotteshäuser häufig jammern. Der Staat gibt kein Geld zum Kirchenbau, besoldet keinen Geistlichen, und doch gibt es kaum ein Land, wo so viel Kirchen sind. Im Jahr 1817 hatte die Stadt Philadelphia bei ohngefähr 100,000 Einwohnern achtundvierzig Kirchen; _Boston_, damals bei etwa 40,000 Seelen dreiundzwanzig Kirchen; _New-York_, bei damals etwa 120,000 Einw., dreiundfünfzig Kirchen. Und heute sind überall, nach Maßgabe der gestiegenen Bevölkerung, auch der Tempel mehr geworden. -- Worauf deutet das?

Weil der Staat ohne Unterschied jeder christlichen Glaubensgenossenschaft gleiches Recht und gleichen Schutz gewährt, hört man auch nichts von den ekelhaften Religionszänkereien, mit denen sich die Europäer ermüden und quälen. Es herrscht gegenseitige Achtung und Schonung. Man spricht nicht gern über Glaubensverschiedenheit. Man ist so verständig, zu begreifen, daß man keine fremde Glaubenslehre tadeln und beschimpfen könne, ohne die eigene dem Tadel und der Beschimpfung preis zu geben. Noch weniger darf sich das Kirchliche irgendwo in die Politik mengen, da beide durch die Grundgesetze des Staates so scharf und fest von einander geschieden stehen.

Unter den Sehenswürdigkeiten, die erst seit Kurzem ihr Dasein empfangen haben, zog mich ganz besonders das Kunstwerk am Shuykillstrom, eine Stunde von Philadelphia, an, durch welches die ganze Stadt mit Wasser versehen wird. Auf dem Wege dahin sah ich eben an einem neuen _Zucht-_ und _Besserungshause_ arbeiten. Ein weiter Platz war dazu geebnet und der ganze, große Raum mit einer mächtigen Mauer umgeben. Man sollte meinen, hier werde an einem Festungswerk gebaut: so schwer und stark ist alles aufgeführt. Das Thor ist eine mächtige Arbeit, und soll mit eisernen Gitterthüren geschlossen werden, die wohl mehr, als eines Mannes Arm vonnöthen haben dürften, um sich in ihren Angeln zu bewegen.

Eine halbe Stunde von da ist am Shuykill die Wassermaschine. Ein Vorbau drängt das Wasser des Flusses vom Ufer ab. Räder von 16 Schuh Durchmesser bewegen eine Pumpe mit doppeltem Stempel, wodurch das Wasser 120 Schuh hoch gehoben in ein ungeheures Becken gegossen wird. Die Pumpe liefert binnen vierundzwanzig Stunden bei 500,000 Gallonen Wasser. Sie steht erst seit zwei Jahren. Vorher hatte man eine durch Dampf getriebene, die man aber nun nicht mehr gebraucht.

Durch eine Menge Röhren und Kanäle fließt das Wasser aus dem ersten Behälter nach allen Stadtvierteln, ja fast in jedes Haus, wo man mit einem angebrachten Hahn so viel abzapft, als man will. In jeder Straße sind mehrere Brunnen, die man, im Fall einer Feuersbrunst, nach Belieben laufen läßt. Man legt nur den Schlauch der Feuerspritze an, die dann zweimal mehr Wasser schleudert, als die sonst übliche.

11.

Der Ausflug nach New-York.

(30. Juli.)

Wie gern hätte ich noch in Philadelphia verweilen mögen! Ich mußte mich immer recht ernsthaft daran erinnern, daß ich nur zum Besuch in Amerika sei und versprochen habe, vor Weihnachten wieder in meiner Heimath zu sein. Wie viel hatte ich noch zu sehen! _New-York_, der Hauptplatz des nordamerikanischen Handelsverkehrs, ist nur zweiunddreißig Stunden von Philadelphia entlegen. Kleinigkeit! Ich konnte also Abends dort sein.

Um halb sechs Uhr Morgens stieg ich ins Dampfboot, das an Bequemlichkeit und Zier allen frühern nicht wich. Der Reisenden waren ohngefähr achtzig auf dem Boot; Herren und Frauenzimmer; alle, ohne Ausnahme, sehr sauber und mit Sorgfalt gekleidet, als wären sie nicht zur Reise, sondern zu einem geselligen Vergnügen zusammengekommen. Auch, als man sich um sieben Uhr zum Frühstück setzte, am reich mit allerlei Speisen beladenen Tisch, glich die Reisegesellschaft einer freundlichen Vereinigung eingeladener Gäste.

Wir fuhren den Delaware aufwärts und erblickten nach einer halben Stunde die Schiffswerfte von Philadelphia, auf welcher neun große Fahrzeuge bereit lagen, ins Wasser gelassen zu werden. Die pensylvanische Küste bot uns aller Orten das Schauspiel fleißigen Anbaus dar. Zwischen zerstreuten Wäldchen und lichtstehenden Pappeln lachten uns freundliche Landhäuser an. Nicht so große Mannigfaltigkeit zeigte das zum Staat Jersey gehörige Ufer.

Das Dampfboot lief in einer Stunde zwei Wegstunden stroman. Schon um neun Uhr kamen wir an _Burlington_ vorüber, wo Reisende von uns gingen, andere zu uns kamen. In _Bristol_, sechs bis sieben Stunden von Philadelphia, stiegen wir ans Land, wo neun Wagen warteten, um uns weiter zu bringen. Jeder suchte den seinigen nach der Nummer der empfangenen Karte. Der lange Zug unserer zierlichen Reisewagen machte sich sehr artig und rollte, wie durch einen weiten Garten, von Zeit zu Zeit neben hübschen Landhäusern und Bauerhöfen vorüber, die, gut unterhalten, einen behaglichen Wohlstand zu verrathen schienen.

Nach zwei Stunden hielt man in _Trenton_ an, um die Rosse zu erfrischen, was man jedesmal alle zwei Stunden beobachtete. Die Stadt -- bekanntlich ist sie die Hauptstadt von Jersey -- macht den Augen ein ganz angenehmes Bild. Die Häuser stehen nicht in strenger Regelmäßigkeit, sind aber meistens in gutem Geschmack gebaut. Besonders ist die bedeckte Brücke, welche über die Delaware führt, von besonderer Schönheit.

Zu _Princetown_, wo die Pferde gewechselt wurden, begegneten uns zehn volle Reisewagen, die von New-York kamen, um das Dampfboot zu erreichen, welches wir verlassen hatten; dagegen wir in Brunswik ein anderes finden sollten, von dem sie herkamen. Immer und immer überraschte mich täglich die Menge der Reisenden. Hier schien mir fast Alles unterwegs zu sein. Die Gasthöfe hatten der Reisenden oft so viel zu beherbergen, wie etwa in Europa sonst nur große Badeanstalten. Welch ein Verkehr und Leben auf diesen noch vor vierzig bis fünfzig Jahren halböden Küsten!

Auch Princetown schien mir eine sehr artige Stadt. Ich konnte sie nicht näher besichtigen. Noch vor wenigen Jahren war hier aber die berühmteste Hochschule der Vereinstaaten. -- Ueber Kingstown gelangten wir endlich nach der Stadt _New-Brunswik_, anmuthig am Rariton gelegen, über welchen eine 400 Schuh lange Brücke führt, die, wie gewöhnlich, auf den Seiten Fußgänge und in der Mitte zwei Fahrwege hatte.

Die Hitze war sehr stark gewesen. Unsere lange Wagenreihe hatte dicke Staubwolken aufgetrieben, und wir alle, wie wir zum Dampfboot kamen, trugen mehr oder weniger die Spuren dieser Wolken. Allein jetzt erschienen sogleich einige Mulatten und Neger, mit Bürsten, Handtüchern, Wasserbecken, und luden jeden, der ihre Dienste verlangte, in ein Zimmer ein, um sich da wieder entstäuben und schön machen zu lassen. Auch einige Barbierer waren mit ihren Waffen bereit, die Männer zu verjüngen. Fast alle Reisende unterwarfen sich dieser Purification, die weniger ängstlich, als die spanische unter dem Scheermesser der Apostolischen ist. -- In Europa, selbst in England und Holland, kennt man diesen hohen Grad der Reinlichkeitsliebe nicht. Sie ist ein Beweis der gegenseitigen Achtung, welche sich selbst Fremde untereinander im geselligen Leben schuldig sind, und die bei uns oft tölpisch genug vernachlässigt zu werden pflegt. Ich halte mich bei diesem kleinen Umstand gern auf, der selbst im Unbedeutenden auf ein regeres, sittliches Feingefühl hindeutet.

So lange man in der Nähe von New-Brunswik ist, zeigt sich die Landschaft wohlbevölkert in malerischer Abwechselung. Je weiter hin, werden die Ufer flach, und von Ebb' und Fluth verschwemmt, die sich bis Brunswik fühlbar macht. -- Links lagerte _Perth-Amboy_ seine niedliche Häuserreihen vor uns auseinander; besonders stellte sich der Sommersitz der Familie _Brun_ von New-York, Brightonhouse, anmuthig dar. Es liegt schloßähnlich auf einer kleinen Anhöhe und schaut von da weit durch die Ebenen. Rechts hatten wir _Staaten-Island_ oder _Richmond_, welches uns im Vorüberfluge nichts Ausgezeichnetes in seinen Ländereien darbot, aber gegen New-York zu an Bevölkerung reicher zu werden schien. Nachdem wir noch am linken Rariton-Ufer, bei _Elisabeth-Town_, einige Reisende aufgenommen hatten, fuhren wir gegen sechs Uhr Abends, beim lieblichsten Wetter, in die Bai von New-York ein.

Da stieg plötzlich in der Tiefe des Hintergrundes vor uns eine, ich möchte sagen von tausend Schiffsmasten halbverschleierte Stadt aus den Wellen. Nur die Zinnen der Häuser, die Thürme, die Pappeln-Reihen, welche auf die Richtungen der Straßen deuteten, liessen sich über den Wimpeln wahrnehmen. Wie wir näher rückten, hatten wir die sogenannte Batterie vor uns. Es ist dies ein öffentlicher Lustplatz, von Linden und Pappeln überschattet, deren Zwischenräume am Boden wohlunterhaltenes Rasengrün deckt. Alles wimmelte von Lustwandelnden. Die schöne Welt war im schönsten Sommerschmuck dort versammelt. Am äussersten Ende, ohngefähr hundert Schritte vorwärts in der Bai, hat man ein niedliches, kreisförmiges Pavillon aufgeführt. Es ist zwei Stockwerke hoch; das Dach mit einer Gallerie umgeben. Man hat von diesem Belvedere in der That, wie ich nachher sie selbst genoß, eine wunderliebliche Aussicht. Ueber dem Bau erhebt sich ein dreißig Schuh hoher Mastbaum, mit der Flagge der Vereinstaaten. Der Hafen von New-York ist voll ewiger Bewegung. Täglich, stündlich laufen Schiffe ein, segeln andere ab. Bei dreißig Dampfschiffe schwärmen ab und zu, von den verschiedensten Formen und Bestimmungen. Flüchtige Rauchsäulen, die sich bald in den Lüften zerstreuen, schweben des Tags über ihnen; Nachts sind eben so viel Feuersäulen, gleich jenen, die in der Wüste den Kindern Israels leuchteten.

Als wir um sieben Uhr ans Land traten, boten Weiße, Mulatten und Schwarze ihren Dienst an, unser Reisegepäcke in die Stadt zu tragen; aber nicht mit jener frechen oder plumpen Zudringlichkeit, deren man von Leuten dieser Klassen in Europa gewohnt ist. Längs dem Quai stand eine lange Reihe eleganter Kutschen und Halbwagen, die wahrlich mit den Fiacren oder Lohnkutschen von Paris oder Wien wenig Aehnlichkeit, dennoch die nämliche Bestimmung, hatten. Sie sind geschmackvoll gestaltet, meistens gondelförmig. Die Lohnkutscher, wie alle Personen aus der arbeitenden Klasse, sind mit vieler Sorgfalt angekleidet, in ihrem Betragen gefällig, zuvorkommend, ohne jenes knechtisch-höfliche Wesen, welches bei uns die Würde des Mannes so oft entweiht.

Ein Sprung vom europäischen Ufer über den Ozean, ans amerikanische, macht, beim schnellen Wechsel der Welttheile, jenen Gegensatz der Sitte und Lebensweise ungemein fühlbar. Andern vielleicht scheint eine Beobachtung dieser Art unbedeutend; mir bedeutsamer aber, als die Beschreibung von Bildergallerien, Kunstkabineten und Bibliotheken, die wir Reisende gern besuchen. Es ist in den amerikanischen Städten durch alle Volksklassen eine gewisse Sittenfeinheit, ein Gefühl für das Anständige und Edle verbreitet, welches nicht aus Tanzmeisterlektionen, sondern aus dem Bewußtsein des eigenen Rechtes und der Achtung für fremdes stammt. Selbst die Einwanderer schleifen nach und nach die rohen Seiten ihres Betragens ab, welches sie von dem Stande oder der Kaste noch mitbrachten, der sie im andern Welttheil eingebürgert waren; das grobe Hochfahren des Adelmanns und Beamten, die stolze Leutseligkeit des Vornehmen gegen den Geringen, die Rang-Seligkeiten des spießbürgerischen Kleinstädters, die unbehilfliche Steifheit des Handwerkers, die unterthänige Kriecherei und patzige Frechheit der Herrendiener. Wo der Mensch als Mensch gilt, ist ächter Adel -- Menschenadel daheim. Wer Freiheit und Recht hat, wie jeder, ehrt beides gern im Andern, um beides geehrt in sich zu bewahren.

Ein Mulatte, mit einem Nummerschild am Rocke, trug mein Gepäck in die Beaver-Street, wo ich bei einer Privatperson einkehren mußte, der ich schon durch einen Freund in Philadelphia empfohlen war. Die Gastlichkeit der Familie bedrückte mich fast. Eine Woche lang mußte ich bei ihr verweilen; dann aber bezog ich den schönen Gasthof Columbian-House.

12.

Von New-York.

(30. Juli bis 14. August.)

Vor etwa 200 Jahren schickten die Holländer Ansiedler hieher, die bauten am Zusammenfluß des Hudson- und Ostflusses am Meere, auf der äussersten Morgenseite der Insel _Manhattan_, ihre Niederlassung _New-Amsterdam_; später empfing die Pflanzstätte den Namen _New-Stockholm_; und seit sie in Besitz der Engländer kam, hieß sie _New-York_. Die Insel ist etwa vier Wegstunden lang und eine halbe breit. Jetzt steht hier eine reiche blühende Stadt von 130,000 Einwohnern, die nach allen Welttheilen Handel treibt, für Wissenschaften und Künste mehr Anstalten, Gesellschaften, Sammlungen, Bibliotheken u. s. w. hat, als der Mehrtheil königlicher Hauptstädte in andern Welttheilen, und daneben eine ausserordentliche Menge Fabriken in thätiger Bewegung sieht.

Von der Batterie, deren ich schon erwähnte, hat man die Aussicht auf mehrere Inseln. Die größten sind Richmond oder Staaten-Island rechts und Long-Island links. Governor-, Ellis- und Gill-Island, worauf Vesten zur Vertheidigung der Bai angelegt sind, haben geringen Umfang. -- In der Ferne, doch etwa nur einer Stunde, sieht man die Stadt _Jersey_, Hauptort vom Staate dieses Namens; noch eine schwedische Gründung. Die Höhen alle herum sind da mit Windmühlen bepflanzt, die ihre luftigen Flügel rührig herumtreiben.

Das Innere von New-York hat keinen so regelmäßigen Straßenbau, als Philadelphia. Die bald breiten, bald engen Kreuz- und Quer-Gassen europäern ein wenig. Doch eine Straße, wie der _Broadway_ zu New-York, von solcher Breite, eine volle Stunde Wegs lang, die Fußgänge an den Seiten mit Pappelbäumen eingefaßt, links und rechts schöne Gebäude, prachtvolle und reiche Kaufmannsgewölbe -- findet man in Europa nicht leicht. Das schönste Gebäu aber steht in der Mitte des Broadway, ganz von weißem Marmor, in großen, riesenhaften Parthien. Es ist das Rathhaus. Davor liegt ein öffentlicher Lustplatz, mit Geländern eingefaßt. Er heißt der Park, ist aber nur ein weitläuftiger, mit Gängen durchschnittener und von einigen Bäumen leichtbeschatteter Rasenplatz. Verschiedene Häuser haben Ebendächer und Balkone, die an lieblichen Sommerabenden gern benutzt werden, um der Aussicht auf den Hafen zu geniessen, der drei Viertel der ganzen Stadt begrenzt, und wohl der größte der Vereinstaaten ist. Ueberhaupt liegt New-York in einer äusserst anmuthigen Landschaft.

Man sieht hier nur wenige Neger, und die man sieht, sind frei. Zahlreicher werden sie in den südlichern Staaten gefunden, und wiewohl man sie auch dort schon sehr menschlich behandelt, rückt doch schon der bloße Gedanke an ihr Sklaventhum diese Unglücklichen zur dienstbaren Thierklasse nieder. Dieser Stand der Neger ist noch ein Nachlaß, eine Hefe von der Herrschaft der christlichen Europäer. Ach, man sollte sich doch bei uns zu Lande nicht brüsten mit Zivilisation und Christenthum, sollte nicht die Grausamkeit der Araber, Türken, Mauren, nicht die Barbareien des Orients stolz verdammen, so lange man noch nicht auf europäischen Schiffen den verruchten Menschenhandel abgethan hat! -- In den Vereinstaaten ist jetzt wahrer Wetteifer, das Loos der Schwarzen zu verbessern, ihnen allmälig die volle Freiheit zu geben und sie zu vermenschlichen. Man weiß, die ersten wurden im Jahr 1503 in die neue Welt aus Afrika hinübergeschleppt. Jahrhunderte lang wurden diese beklagenswürdigen Mitmenschen wie Hausthiere behandelt; oft schlechter. Wie lange wird es dauern, ehe die moralischen Narben der Sklavenkette ganz verwachsen sind?

Die in Amerika gebornen Neger sind weniger schwarz, als die, welche unmittelbar aus Afrika kommen. Man behauptete mir, das Schwarz vermindere sich von Geschlechtsfolge zu Geschlechtsfolge.

Es ist möglich. Denn auch die Europäer in Amerika scheinen mir mit den Jahrhunderten ihre Farbe allmälig zu ändern. Ich glaubte ziemlich gut eingeborne Amerikaner von neuen Ansiedlern schon an Farbe, Bau und im ganzen Wesen unterscheiden zu können. Sie sind im Allgemeinen wohl geformt. Selten erblickt man einen Mißwuchs, wie man wohl in Europa oft genug sieht. Aber die Farbe ihres Gesichts hat nicht das Leben und die Frische, wie bei uns; die Stadtbewohner haben eine, ich möchte sagen kränklichblasse Haut; die Landbewohner sind freilich brauner, ohne darum frischer und farbiger zu sein. Die Gesichter sind gewöhnlich mehr länglich, als rund; und die Züge derselben, die meistens zusammengesetzter, als bei uns, sind, verrathen so wenig, als das übrige Aeussere der Gestalt, Gewerb und Beruf, die man in Europa so leicht bei den verschiedenen Volksklassen unterscheiden kann.

Eine zuvorkommende, edle Gastfreundlichkeit ist wohl die herrschendste Tugend unter den Amerikanern. Sie sind im Umgange gefällig, fein und offen. Man muß sie nicht nach dem rohen, leidenschaftlichen Ton ihrer zahllosen Zeitungen beurtheilen. Da treibt der politische Parteigeist sein freies und derbes Spiel. Aber das schadet niemandem; denn man kennt das Geklätsch und Treiben der Publizisten, und weiß, daß die, welche die zarten Verfädelungen der Diplomatik und Politik auseinanderschlichten wollen, dazu gern die gröbsten Finger gebrauchen.