Part 3
Merkwürdig ists, daß eben diese _Herren_ fort und fort über Verfall der Religion, Abnahme der Andacht, schlechten Besuch des Gottesdienstes schreibend und predigend klagen. In Amerika klagt man nicht über Indifferentismus. Hier wetteifern alle christlichen Kirchenparteien auf oft rührende Weise in gottesdienstlicher Frömmigkeit. Hier sind in den größern und kleinern Städten die Kirchen stets von Betern erfüllt, und in den weiten Einsamkeiten junger Pflanzungen sieht man Pflanzerfamilien oft lange Tagreisen bis zur nächsten Kapelle oder Kirche machen. Wenn sich eine Stadt bildet oder ein Dorf -- so weit ich gekommen bin --, und alle Hütten noch gebrechlich und hölzern sind, stehen zuerst immer zwei große Gebäude massiv und kostbar aufgeführt da: das Rathhaus und der Tempel.
Den ersten Sonntag, welchen ich auf amerikanischer Erde erlebte, tönte von allen Seiten das Geläut der Kirchenglocken. Es war der 18. Juli. Ich verließ meinen Gasthof und folgte dem ersten Zuge von Menschen, den ich sah, zu einer der Kirchen. Der Prediger war auf der Kanzel; ihm zur Rechten saß der männliche, zur Linken der weibliche Theil der Gemeinde. Man sang die Psalmen mit vieler Harmonie. Dann las der Prediger einen Bibeltext und sprach über die Unerfahrenheit und Ungeduld der Menschen, indem sie ihre Glücks- und Unglücksfälle dem Vertrauen auf eigene Kräfte anheimstellen, ohne die tiefer liegenden Ursachen zu bemerken. Er sprach sehr erwecklich und belehrend. Ich bemerkte, daß ich in einem Tempel der _Methodisten_ war, der sich, wie die Art der öffentlichen Andachtsübung, wenig von der reformirten Form unterschied.
Von da begab ich mich in eine andere Kirche. Es war die der _Neger_. Auch der Geistliche war ein Neger. Er ereiferte sich sehr gegen die, seinem schwarzen Menschenschlage gewöhnlichen Untugenden. Seine Stimme war sehr stark; seine Bewegung ganz schauspielerhaft. Die Kleidung der Zuhörer und Zuhörerinnen zeichnete sich durch hohe Sauberkeit, Geschmack und Feinheit aus. Die Frauenzimmer trugen sich meistens weiß; doch manche auch in farbigen Kleidern und mit feinen Strohhüten. Aber welche Ueberraschung für einen Europäer, wenn sich eine der schlanken Grazien mit dem Köpfchen wandte, und dem Neugierigen eine ganz schwarze Gestalt wies!
Den folgenden Tag ging ich in eine katholische Kirche. Es wurde hier eben ein ausserordentliches Seelen-Amt wegen dem Tode eines Herrn _Moranville_ gehalten. Bei der ansteckenden Seuche, die im Sommer 1819 zu Baltimore so viele Menschen wegraffte, und durch die Wärme der Luft von 26 bis 28 Grad Reaumur am furchtbarsten geworden war, opferte dieser Herr _Moranville_ Vermögen, Zeit und Kräfte für die leidende Menschheit auf. Er theilte Arzneien aus, er tröstete die Sterbenden, er half die Todten forttragen, so lange die Seuche wüthete. Die meisten Verwüstungen richtete sie in dem Theil der Stadt an, der _Fellspoint_ heißt, und in den niedern Gegenden, während der höher gelegene Theil der Stadt sich gesund bewahrte, obgleich man auch von den Kranken da hinauf verlegt hatte. Herr Moranville fühlte sich zuletzt auch nicht wohl. Er glaubte, das Klima Frankreichs, seines Vaterlandes, werde ihm Besserung geben. Er reisete ab, kam nach _Amiens_ und starb da. Der _Hyperion_ hatte die Nachricht von seinem Tode mitgebracht, den ganz Baltimore mit lauter Stimme beklagte. Die Kirche hatte kaum Raum genug, die ungeheure Menschenmenge zu fassen. Mit welchem kalten Pomp sah ich in Europa oft Menschen begraben, die zu den Höchsten und Bedeutendsten gehörten. Hier weinten tausend und tausend dankbare Augen still vor sich hin. Und als der Prediger vom Leben des Wohlthäters sprach, ward der Schmerz laut.
Man hat jetzt seit Kurzem einen Theil des Hafens ausgetrocknet, wodurch die Luft reiner und gesunder geworden ist. Es sind Flußgraben geöffnet, so, daß die Fahrzeuge in der Nähe der Vorrathshäuser landen können. Diese Kanäle ziehen sich manchmal eine halbe Wegstunde vor bis in die meisten Straßen der Stadt. Neben den Kanälen sind auf beiden Seiten Hochstraßen für Fuhrwerk. Zwischen den Häusern über den Dächern ragen daher die Masten der Schiffe mit ihren flatternden Wimpeln empor. An den Ufern rollen prächtige Lust- und Reisewagen entlang, Karren von Negern gezogen und gestoßen; zierliche Kaufläden sind seitwärts geöffnet, deren Reichthum den europäischen nicht nachsteht. Eine regsame Menschenmenge schwärmt durch die lichten Straßen. Der Großtheil der Wandelnden ist immer in sauberer und geschmackvoller Kleidung. Es hat Alles alle Tage sonntägliches Ansehen.
Jeden Morgen, ehe noch die Thürme im Goldstrahl der Sonne leuchteten, erwacht' ich vom verworrenen Gesang mehrerer Stimmen. Ich ward neugierig, woher diese Klänge, und ging ihnen eines Tages nach. Sie kamen vom Hafen. Ich sah auf einem Schiff acht Neger beschäftigt, es auszuladen. Alle ihre Bewegungen geschahen im strengen Zeitmaß und begleitet von einem Sang, den einer von ihnen angestimmt hatte. Die Töne, mit weniger Abwechselung, erhoben oder senkten sich, je nachdem der Waarenballen mehr oder minder schwer war, der bewegt wurde. Ich fand diese Art melodisch zu arbeiten nachher noch öfter bei den Negern. Man sagte mir, daß diese Unglücklichen sich in den ersten Monaten ihrer Gefangenschaft einer solchen Schwermuth überliessen, daß sie zuletzt gegen die Mahnungen ihrer Herren, selbst gegen Schläge ganz unempfindlich würden. Nichts könnte sie dann erheitern, als ihr Gesang. Man nöthige sie, zu Allem zu singen. So singen sie nachher zu aller Arbeit und bewahren dadurch ihre Munterkeit.
8.
Die Auswanderer.
Um mehr in der Mitte der Stadt zu sein, wohin ich von meinem Gasthof wohl eine halbe Stunde Wegs hatte, wählte ich einige Tage nach meiner Ankunft den Gasthof zur _Indian Queen_. Im ersten hatte ich wöchentlich, bei täglichen drei Mahlzeiten, 4 Dollars (ungefähr 1 Louisd'or) bezahlt; in diesem war der Preis täglich 1¼ Dollar. Die Reisenden wurden durch sechs Neger und Mulatten bedient; dreimal des Tages war die Tafel gedeckt, mit ausgewählten Speisen besetzt und die Gesellschaft am Tisch zahlreicher. Es waren mit mir etwa achtzig Reisende da und sehr wenig Europäer unter denselben. Der Wirth hält ein Buch, worin der Name seiner Fremden eingetragen ist. Das aber ist keine Polizeimaßregel, wie in Europa, sondern Uebung. Die Polizei drängt sich hier nicht in Alles ein. Man setzt voraus, die Mehrheit der Reisenden bestehe aus rechtlichen Menschen, und unterwirft diese nicht den demüthigenden und beleidigenden Verfügungen, die man einiger Schelmen willen erfunden hat. Man reiset durch alle Staaten Amerika's, ohne auch nur eines Passes zu bedürfen, und sich damit beim Thor jedes Städtleins und jeder Polizeibehörde ausweisen, verzögern und oft plump genug behandelt sehen zu müssen.
Kömmt ein Reisender ans amerikanische Ufer, muß er erst seinem Schiffskapitän den Werth seiner Waaren genau angeben, dann hernach beim Zollamt den Werth des Verkauften. Ein jährlich vom Kongreß bestimmter Tarif bezeichnet, was davon zu entrichten ist. Uebersteigt die Abgabe fünfzig Piaster, gewährt man Zahlungsfristen von sechs, neun und zwölf Monaten. Man hält sich an das gegebene Wort. Und Alles geht ganz gut dabei. -- Es ist dies allerdings merkwürdig. Werden denn die Leute ehrlicher und rechtlicher, wenn sie amerikanische Luft athmen? -- Ich möchte beinahe glauben, es würden die Unterthanen der europäischen Regierungen viel besser werden oder sein, wenn die Regierungen ihnen mehr Redlichkeit zutrauten. Man verkrüppelt Völker nicht nur, wie in der Türkei, durch rohe, gesetzlose Härte und Grausamkeit zu sklavischen Wesen, die mit den Lastern des Sklaventhums behaftet stehen, sondern auch durch unbesonnene Gesetzgebungen, in denen kein Glaube an die menschliche Tugend, keine Achtung des jedem Menschen eigenthümlichen Ehrgefühls, keine Schonung der Würde des Menschen, auch im Aermsten, vorherrscht. Mustert die Gesetzgebungen der meisten Länder: sie scheinen für Botany-Bai-Leute geschaffen zu sein.
Die heitere, freie, anständige Bewegung der Einwohner Baltimore's auf Straßen, öffentlichen Plätzen u. s. w. fand ich im Innern der Familien wieder. Ich ward einigemal in die Abendgesellschaften eines der ersten Häuser, bei Herrn G...., eingeladen. Die Frauenzimmer machten nach dem Thee Musik mit Gesangbegleitung; man plauderte, scherzte, spielte. Es war hier Alles ohngefähr wie bei uns in ähnlichen guten Gesellschaften; nur weniger gezwängt, steif und gesucht, viel heiterer und jeder mehr sich hingebend.
Noch muß ich doch auch ein Wort von meinen europäischen Reisegefährten, den Auswanderern, sagen. Den Tag nach der Ankunft im Hafen, gingen die Auswanderer ebenfalls ans Land und schickten sich an, in die westlichen Gegenden der Vereinstaaten zu reisen, meistens in kleinen Caravanen von acht bis zehn Personen. Manche waren schon ganz von Geld entblößt. Sie wandten sich an eine sehr achtungswürdige Gesellschaft in Baltimore, und die beiden ärmsten Familien, die eilf Personen stark waren, erhielten ein Pferd für sich und 40 Piaster. Sie zogen, wie der größte Theil solcher Ankömmlinge, den Ufern des Ohiostroms zu.
Auch das amerikanische Schiff _Elisabeth_ war in New-York, und früher, als der Hyperion, mit mehr denn vierzig Reisenden angekommen, wie ich erfuhr. Diese, meistens Schweizer, zogen an den Ufern des Hudson aufwärts und folgten dem großen Kanal bis zum Erie-See. Das Schiff _Boston_ kam fast gleichzeitig mit 120 Kolonisten, Elsassern und Schweizern, größtentheils Wiedertäufern, in Alexandria in Virginien an. Auch diese wanderten vom Ufer des Potomak zum Ohio. Eben so andere Auswanderer, die einige Wochen später auf zwei Schiffen von Havre ankamen. -- Jährlich strömt aus Europa eine unglaubliche Menge arbeitsamer, gewerbfleißiger Familien nach Amerika. Und doch -- wie große Strecken Landes entbehren in Europa noch des Pfluges und des Kunstfleißes!
Wie schon gesagt, sind in jedem Fall die amerikanischen Schiffe allen andern zur Ueberfahrt vorzuziehen. Sie brauchen gewöhnlich von Europa nach dem neuen Welttheil nicht mehr, als zwanzig bis vierzig Tage, und zur Rückfahrt nach Europa etwa zwanzig bis dreißig. Zwölf Schiffe, die den Namen Packboote tragen, machen zwischen Havre und New-York den regelmäßigen Dienst; zwölf andere eben so von Grenok nach New-York; zwölf von London und sechszehn von Liverpool eben dahin. Jedes dieser Schiffe macht die Hin- und Herfahrt dreimal im Jahre. In jedem derselben ist der Preis für einen Platz in der Kajüte zu dreißig Guineen (ohngefähr dreißig Louisd'or) oder 140 Dollars. Man hat dafür täglich drei wohlgewählte Mahlzeiten nebst dem Wein; zum Nachtisch Madera; Sonntags Champagner.
Diejenigen, welche weniger Bequemlichkeit verlangen und unterwegs sparen wollen, finden beim Kapitän eines Kauffahrteischiffes leicht den Platz zu zwanzig Louisd'or. Die Auswanderer auf dem Hyperion zahlten für die Person nur ohngefähr sechs Louisd'or; beköstigten sich aber selbst; schliefen im Zwischenverdeck, hatten aber Holz zum Kochen und süßes Wasser frei. Matratzen, Fleisch, Wein, Schiffszwieback, hatten sie von Havre mitgenommen, und auf die Person für vier Louisd'or Lebensmittel berechnet.
Noch vor wenigen Jahren war die Ueberfahrt kostspieliger und bei der Unerfahrenheit der damaligen Schiffskapitäne langsamer. Sie gebrauchten dazu oft sechszig bis achtzig Tage, manchmal sogar drei bis fünf Monate. Viele der Auswanderer waren sodann ausser Stand zu zahlen; hatten ihr Geld oft schon beim langen Aufenthalt im Hafen verzehrt. Dann pflegten sie sich, um die Ueberfahrt zu zahlen, dem Kapitän auf längere oder kürzere Zeit in Arbeit zu verdingen, und dieser verkaufte sie, oder vielmehr ihre Arbeitsverpflichtung, wenn er nach Amerika kam, an Andere, die das Meiste boten.
Die Regierung von Amerika hat diesen schändlichen Handel durch ein Gesetz verboten, und alle dergleichen Verträge zwischen Kapitänen und Reisenden aufgehoben. Seitdem nimmt kein Kapitän mehr Ueberfahrende an, ohne das Frachtgeld vorher baar erhalten zu haben.
Viele von den Ankömmlingen, die ich nachmals in verschiedenen Gegenden Amerika's sprach, und welche die Ueberfahrt auf Schiffen anderer Stationen gemacht hatten, erzählten mir von seltsamen Meer-Abentheuern, denen ich kaum Glauben schenken konnte. Ein Aargauer, der im Jahr 1817 mit 450 Würtembergern und Schweizern die Ueberfahrt von Holland aus gemacht hatte, erzählte: daß man nach sechs Wochen auf dem Meere endlich die Portionen Lebensmittel habe auf ein Drittel einschränken müssen; daß sich deswegen viele dem Kapitän verkauft hätten; daß bei 150 Menschen durch Hunger und Krankheit auf dem Meer umgekommen wären, und erst nach einem Vierteljahre New-York erreicht hätten. Gewiß ist, daß einige, die ihre Ueberfahrt bezahlt hatten, nachher ihre Klage gegen den Kapitän aufsetzten und sie Regierungsgliedern überreichten. Der Kapitän wurde vor den Richter berufen, und da er sich nicht ganz rechtfertigen konnte, zu einjähriger Gefangenschaft und zum Verlust seines Schiffes verurtheilt. Die Reisenden wurden von den eingegangenen Verträgen frei gemacht. Und seit dieser Zeit ists auch, daß jenes Gesetz erschien, um alle Mißbräuche dieser Art abzuschaffen.
9.
Eine Tagreise nach Philadelphia.
(24. Juli.)
»Wie weit ists von hier bis zur Hauptstadt Pensylvaniens?« fragte ich.
»Vormals ziemlich weit,« war die Antwort; »man mußte mehrere Tage unterwegs zubringen. Jetzt aber können Sie bei uns in Baltimore frühstücken und in Philadelphia zu Abend speisen. Die beiden Städte sind einander sehr nahe gerückt worden. Es sind, von Baltimore dahin, dreiunddreißig Stunden.«
In der That, wohin man bald gelangen kann, das ist nicht sehr entfernt. Je mehr sich die Vereinstaaten beleben, mit Kunststraßen, Kanälen und Schifferflüssen durchschnitten werden, Eilwagen und Dampfboote sich vervielfältigen und vervollkommnen, je kleiner wird dies ungeheure Gebiet, in welches man ziemlich bequem den größten Theil Europas hineinlegen kann.
Ich bestieg an einem schönen Morgen um fünf Uhr das Dampfschiff Richmond, welches, mit der Kraft von siebenzig Pferden, regelmäßig die Fahrt von New-York nach Albany macht. Ob ich gleich manches Dampfboot schon gesehen hatte, überraschte mich doch dieses durch seine Sauberkeit, innere Schönheit und die Pracht der Zimmergeräthe und Verzierungen. Der Dampf hörte auf zu zischen; das Räderwerk gerieth in Bewegung, und mit wunderbarer Geschicklichkeit flog das Boot mitten durch die Menge der Fahrzeuge, welche das Gewässer des Hafens bedeckten. Kaum von der Rhede etwas entfernt, kam uns das Dampfschiff =the Maryland= entgegen, das von Charlestown und Norfolk nach Baltimore gehend, uns einen Reisenden abgab, welcher nach New-York wollte.
Wenn man aus dem Hafen kömmt, mag die _Chesapeakbay_ eine starke Viertelstunde breit sein und nimmt dann den Namen _Susquehanna_ von dem Fluß an, der aus den Alleghanybergen in zwei verschiedenen Strömen kömmt. Diese Ströme vereinigen sich zu _Sunbury_ ehe sie in die Chesapeakbay fallen.
Um acht Uhr wurde zum Morgenmahl geläutet. Jedermann setzte sich zum Tisch, wie ihm gefiel. Es waren der Reisenden ohngefähr sechszig Personen. Das Frühstück war, wie gewöhnlich, in üppiger Fülle aufgetischt; Kaffee, Rindfleisch, Geflügel, Fisch, auf mancherlei Weise bereitet; Backwerk, Butter und die =sweah patatoes=, oder süße Erdäpfel nicht zu vergessen, vom feinsten Geschmack, welche mein Lieblingsbissen blieben, so lange ich in Amerika war.
Das Schiff ging rasch; in einer Stunde stromaufwärts zwei Wegstunden. Beide Ufer, die sich einander allmälig näherten, waren mit artigen Landhäusern und wohlgebauten Feldern geschmückt. Im Hintergrunde unendlicher Wald.
Um eilf Uhr hielt das Schiff an. Wir mußten ans Land. Jeder Reisende erhielt eine Karte, welche die Nummer eines Wagens trug, in dem jeder nun vom Ufer der Susquehanna zum Delavarefluß fahren sollte, wo uns ein anderes Dampfschiff erwartete.
Sechs schöne Wagen, jeder mit vier kräftigen zierlich geschirrten Rossen bespannt, brachten uns in vierthalb Stunden von _Newcastle_ ans Delavare-Ufer in den Delavarestaat. Es ist dies ein Weg von ohngefähr neun Stunden Länge. Man saß im Wagen bequem, obgleich immer drei Personen nebeneinander.
Wir hörten schon in der Ferne, ehe wir das Dampfboot sahen, den Dampf pfeifen. Eilfertig, als wäre Alles auf der Flucht begriffen, stieg man aus ins Schiff; das Gepäck kam sogleich mit, und wir flogen den Delavarestrom aufwärts. Die Ufer desselben sind so lieblich, wie die der Susquehanna. Wälder, durchschnitten von schönen Pflanzstätten, saubere Häuser von Back- und Felssteinen, mit Gärten, verkündeten freudigen Wohlstand und noch Raum genug für manchen Ansiedler. -- Zwischen Gehölzen, Maisfeldern und üppigen Wiesen sahen wir auch zwei kleine Städte an uns vorüberschweben: _Chester_ und _Wilmington_. Sie hatten freundliches Aeusseres; die Häuser mit vielem Geschmack erbaut, aus Steinen, Backsteinen und getünchtem Holz. Rechts lag uns der Staat _Jersey_, weniger volkreich, als Pensylvania zu unserer Linken.
Eine Menge Schiffe, Sloops und anderer Fahrzeuge begegneten uns, oder folgte uns. Ueberall Leben und Verkehr. Aber kein Schiff konnte mit unserm Boot gleichen Lauf halten; es legte in einer Stunde, gegen den Strom, über 2¼ Wegstunden zurück.
Es war sechs Uhr Abends vorbei, als wir schon den Wald von Schiffsmasten sahen, welcher den Hafen von Philadelphia besäumt. Bald erblickten wir am Ufer des Flusses, beim Eingang des Hafens, ein ungeheures steinernes Bauwerk, breit und schwerfällig. Es war die Veste Mifflins.
Am Landplatz lagen schon fünf andere Dampfboote. Wir befanden uns dem Marktplatz gegenüber. Eine Menge schaulustiger Menschen standen am Ufer. Neger erboten sich, mein Gepäck zu tragen. Nur 200 Schritte vom Hafen ist der Gasthof _Brandson_, wo ich einkehrte, und für einen Dollar täglich mich ganz wohl befand.
So war ich nun in der Stiftung des unsterblichen und ewig ehrwürdigen William Penn; in der Stadt, welche bis zum Jahre 1800 die Stadt des Kongresses gewesen, der dann nach Washington im Columbiastaat verlegt wurde.
General _Lafayette_ kannte sein Amerika, für dessen Unabhängigkeit er einst als Jüngling gefochten hatte, nicht wieder, da er zum letztenmale dessen Gast ward. Und jeder Reisende, der nur einige Jahre später kömmt, als der frühere, findet Verwandlungen über Verwandlungen, neue Kolonien im Innern, wo sonst Einöden, neue Städte, wo sonst einzelne Bauerhöfe lagen, und kleine Ortschaften in Gewerbs-, Handels- und Prachtstädte verwandelt.
Laut der letzten Zählung steigt die Bevölkerung jetzt auf 12,508,000 Einwohner in den gesammten achtundzwanzig Staaten des Bundes. Ich will hier die Uebersicht von gegenwärtiger Bevölkerung der Vereinstaaten, nebst den Jahren ihrer Kolonisation und Aufnahme in den Bund, als selbstständige Republiken, beifügen.
Namen. Kolonisation. Eintritt in Bevölk. den Bund. Seelen.
Virginien 1610 1776 1,100,000 New-York 1614 1776 1,220,000 New-Jersey 1614 1776 314,000 Massachusetts 1620 1776 548,000 Newhampshire 1623 1776 274,000 Pensylvanien 1627 1776 1,078,000 Delavare 1627 1776 100,000 Maine 1630 1819 10,000 Connecticut 1635 1776 316,000 Rhode-Island 1635 1776 100,000 Maryland 1638 1776 450,000 Vermont 1664 1776 300,000 Nordkarolina 1669 1776 504,000 Südkarolina 1710 1776 662,000 Georgien 1732 1776 366,000 Louisiana 1734 1812 158,000 Tennesee 1750 1796 430,000 Allabama 1770 1822 85,000 Columbia 1638 1800 56,000 Kentuky 1773 1792 1,100,000 Indiana 1787 1816 130,000 Ohio 1780 1803 540,000 Illinois 1790 1818 55,000 Missouri 1790 1820 106,000 Missisippi 1780 1817 156,000 Ostflorida } } 1822 1,000,000 Westflorida } Michigan 1810 1823 50,000 Die Länder westwärts Illinois u. s. w. zählen auch etwa 1,000,000.
Man sieht daraus, daß bei uns zu Lande die Geographien, welche erst vor einigen Jahren gedruckt sind, wo sie von den Vereinstaaten reden, durch die Riesenschritte, welche Bevölkerung und Anbau dort thun, unvollständig geworden sind.
Noch ein Vierteljahrhundert, und die Vereinstaaten sind durch ihre Lage, durch ihre Bevölkerung, durch ihren Reichthum, durch ihre vortrefflichen Einrichtungen, durch ihre weisen Gesetzgebungen eine Riesenmacht, die des gesammten Europens Trotz spotten kann, und auf unsern Welttheil mehr Einfluß haben wird, als er auf sie. Da, wo jeder Bürger für sein Vaterland das Gewehr trägt, wo beinahe eine Million Milizen in den Waffen geübt werden, wo Freiheitsgefühl, Nationalstolz und Mißachtung der alteuropäischen Einrichtungen begeistern, ist schon jetzt nichts mehr von schweren Anfechtungen aus Amerika zu fürchten, obgleich die gesammten achtundzwanzig Republiken nicht mehr, als kaum 6000 Soldaten, das heißt in Sold und Lohn stehendes Kriegsvolk, unterhalten. Daß die Amerikaner ihr Glück fühlen im Verhältniß zu den Europäern, muß uns gar nicht wundern. Denn ungerechnet die natürliche Liebe der Eingebornen zu ihrer Heimath, bringen die jährlichen Einwanderer und neuen Ansiedler wenig Lobreden auf den alten Welttheil mit, welche die Neigung für Europa erhöhen könnten; und dann erfahren sie wöchentlich aus zahllosen Zeitungen nur zu viel vom Bunterlei unserer Schick- und Drangsale.
10.
Die Stadt der Freunde.
(24. bis 30. Juli.)
_Philadelphia_ trägt wohl seinen Namen mit Recht. Der Großtheil ihrer Bewohner besteht aus Personen, die zur Kirchpartei, oder wie sie es nennen, zur _Gesellschaft der Freunde_ gehören, die man gemeinlich mit dem Spottnamen der _Quakers_ und _Zitterer_ bezeichnet.
Es war mir gleich anfangs, da ich durch die Stadt ging, auffallend, welche anständige, ich möchte sagen sonntägliche Stille in den volkreichen Gassen Philadelphia's herrschte, einer Stadt von ohngefähr 120,000 Seelen. Und doch durchkreuzte sich das Volk in lebendigem Verkehr nach allen Richtungen. Der Markt war voll Getümmels, von einem Ende zum andern mit Gartenfrüchten und Gemüsen jeder Art, wohlgeordnet besetzt; seitwärts mit ganzen Reihen von Bauerwagen und wohlgenährten Rossen; die Wagen waren mit Fleischwaaren, gerupftem und in saubere Leinwand eingeschlagenem Geflügel u. s. w. angefüllt, von Käufern und Käuferinnen umringt.
Jene Stille, die mich überraschte, hatte die nämliche Wirkung auf einen englischen Schriftsteller hervorgebracht, der sich darüber so ausdrückt: »Was mir, nicht nur zu Philadelphia, sondern in allen Städten der Vereinstaaten, ungewohnt entgegentrat, war das anständige, besonnene Wesen der Bürger. Da ist in den Straßen kein Lärmens, Schreiens, Zankens; und doch bezeichnet dieser Mangel des Lärmens so wenig einen Mangel an Lebhaftigkeit, als das Nichtdasein von Grausamkeit die fehlende Tapferkeit andeutet. Wer daran zweifelt, besuche den nordamerikanischen Bundesstaat.«
Am Sonntage ward die Luft von allen Seiten durch das Geläut der Glocken bewegt. Ich ging in die erste Kirche, die ich antraf; sie war sehr groß und doch schon von Personen beiderlei Geschlechts angefüllt. Ich bemerkte an den aufrecht stehenden Rockkragen der Männer, an den feinen aber blumen- und federlosen Strohhüten der Frauenzimmer, an der mangelnden Kanzel, die ich vergebens mit den Augen suchte, daß ich in einem Tempel der Gesellschaft der Freunde war.