Mein Besuch Amerika's im Sommer 1824 Ein Flug durch die Vereinstaaten Maryland, Pensylvanien, New-York zum Niagarafall, und durch die Staaten Ohio, Indiana, Kentuky und Virginien zurück

Part 2

Chapter 23,618 wordsPublic domain

Das Steuer führt ein Matrose, der alle zwei Stunden abgelöst wird; die Augen stets auf zwei vor ihm befindliche Kompasse geheftet, die des Nachts durch eine Lampe beleuchtet sind. Bei gutem Wetter hatten die Matrosen von vierundzwanzig Stunden nur sechs zur Ruhe; bei bösem Wetter blieb Alles auf den Beinen wach. -- In den meisten Reisebeschreibungen wird über die Rohheit der Matrosen geklagt. Man schildert sie, wie einen Auswurf des menschlichen Geschlechts. Ich fand das bei unsern Matrosen nicht. Sie waren insgesammt Amerikaner, sehr gefällig, dienstfertig, sauber gekleidet, sittsam und immer thätigen Gehorsam. Freilich man muß diese braven Leute nicht wie Knechte und Bediente behandeln und ihnen Befehle zuherrschen wollen. Aeusserte ich bittweise nur einen Wunsch, schnell sprangen zwei und mehr, mir zu helfen. In Baltimore begegnete ich nachher einigen von ihnen wieder auf der Gasse. Sie waren aber so zierlich gekleidet, daß ich sie im ersten Augenblick nicht kannte. Einer lud mich sogar zu seinen Eltern ein. Der Empfang überraschte mich durch das Anständige, Feine und Herzliche. Wenn wir in der bürgerlichen Gesellschaft noch brutale, ekelhafte Menschenklassen haben, wahrlich, so sind daran nur die höhern Stände mit ihrer brutalen, ekelhaften Vorbildung schuld. Braucht nur häufig bei den Kriegsleuten und Vaterlandsvertheidigern die Korporal-Fuchtel, in den Schulen den Stock, werft die Juden mit Koth, und kehrt dem Handwerksmann und Landmann hochmüthig den Rücken zu, wenn sie euch gleichgeboren zu sein glauben, so habt ihr bald eine europäische Pariah's-Kaste gebildet. Dann schreibt Bücher über Bücher über Verbesserung der Juden, über Schulwesen, über Volksbildung; dann erlaßt Sitten- und Sonntagsmandate, Gesetze und Dekrete zur Beförderung der Zivilisation! Das wird helfen, wie ein Pflaster auf die Todeswunde des Erschlagenen. -- Wie treibt man's aber in jenen Ländern, wo die Barbaren mit Titusköpfen und Fraks nach der neuesten Mode wohnen?

5.

Die Seefahrt nach Baltimore.

(2. Juni bis 13. Juli.)

Ueber das spielende, wechselnde, gewaltige, majestätische Element der Wellen, durch die Dienstbarkeit der Winde, wie von unsichtbaren Geistern, hingetragen zu werden, ist ein Hochgenuß ganz eigener Art, besonders eh' die Gewohnheit, die auch den stärksten Wein endlich verwässert, dafür die Sinne stumpf macht. Verwunderung, Grausen und Stolz auf die Gewalt des menschlichen Geistes, bemächtigen sich des ganzen Gemüths.

Leider verstimmte sich dies Hochgefühl bald durch die sogenannte Seekrankheit, von welcher, mit Ausnahme der Kinder unter zwölf Jahren und ganz alter Personen, alle Reisende ergriffen wurden, und ich, wie mirs vorkam, am ärgsten. Es war ein bald widerlicher, bald lächerlicher, Anblick, fünfzig bis sechszig Menschen um sich her die seltsamsten Gesichter schneiden zu sehen, weil ihr Magen in beständiger Insurrektion gegen Anstand und Sitte war. -- Ein Paar Tage lang mußten die Auswanderer aller warmen Speisen entbehren, weil das Uebel ihre sämmtlichen Kochkünstler ausser Stand setzte, den Herd zu besorgen.

Das Wetter blieb schön, der Wind günstig, zuweilen verwandelte er sich sogar in sturmartige Stöße; wir befanden uns am vierten Tag der Abfahrt schon weit ausser der Meerenge von Frankreich und England. Allein Lust und Freude gingen im ewigen Uebelsein verloren. Man kann und mag sich mit Niemandem unterhalten, nicht einmal lesen. Der Geist quält sich mit Denken und Träumen. Aus den besten Träumen aber stört auch wieder das beständige Krachen und Girren des vielbewegten Schiffes auf. Es ist einem zu Muthe, als würde man, in einen großen hölzernen Kasten gesperrt, mit Schnelligkeit über und zwischen Steingeröll fortgeschleppt. Man hält zuletzt keinen Gedanken und Wunsch fester, als den, bald Land zu erreichen und ruhigen Boden unter den Sohlen zu haben. Kein Essen erquickt; vielmehr es erneuert nur den Jammer. Ich sehnte mich blos nach Mehlsuppe. Unser schwarzer Schiffskoch aus Afrika machte sie nach meiner Angabe und endlich ziemlich gut. Aber wenn er mich davon essen sah, bezeugte er mir sein herzlichstes Mitleiden und betheuerte, weder in noch zwischen den drei Welttheilen seiner Bekanntschaft je ein elenderes Essen gekocht zu haben.

Die Erhabenheit der unendlichen Wasserwüste, welche uns umgab, und mich anfangs tief erschüttert hatte, ward, ich muß es gestehen, zuletzt mit seiner majestätischen Einfalt mir sehr langweilig. Es wundert mich jetzt gar nicht mehr, wenn die meisten Reisebeschreiber mit dem, wodurch sie sich ihre Langeweile vertreiben, ihren Lesern die größte verursachen, nämlich mit Aufzeichnung des Windes, der geblasen hat. Die einzige Abwechselung in der weiten Einöde des Ozeans bringt entweder ein Schiff, das in der Ferne erscheint, sich nähert und verschwindet; oder von Zeit zu Zeit das Spiel der Fische auf der Oberfläche des ungeheuern Wasserbeckens. Die Delphine bildeten da oft stundenlange Linien, indem sie regelmäßig einer nach dem andern zwei bis drei Schuh über der nassen Fläche hoch sprangen. Die Boniten und Doraden, mit allen Farben des Regenbogens geschmückt, schwammen traulich neben dem Fahrzeug her; während der Haifisch unbeweglich auf dem Wasserspiegel lag und die Beute erwartete, die seinem unersättlichen Rachen zuschwimmen sollte. Der Spritzfisch blieb auch nicht aus, uns seine Künste zu zeigen; und so stellten sich uns immer neue Arten von den Bewohnern des feuchten Abgrundes dar. Eines Abends näherte sich sogar dem Schiffe einer von den Riesen der Tiefe, ein Wallfisch. Dann und wann wieder flatterten Tauben und Meerschwalben über und zwischen den Segeln umher. Die Schwalben wandelten lustig über die Wogen und pickten mit den langen Schnäbeln nach den Stückchen Zwieback, die wir ihnen hineinwarfen.

Der Wiedertäufer _Hermann_ versah bei den Ausgewanderten die Stelle eines Schiffspredigers. Jeden Sonntag verrichtete er ein öffentliches Gebet und hielt aus dem Stegreif über irgend eine Bibelstelle eine Rede, die darin vor mancher Predigt gelehrter Pfarrer den Vorzug hatte, daß sie aus reinem, frommem Gemüth hervorging, und verständig, kunstlos und erbaulich zum Gemüth drang. Den Schluß dieser Andachtsstunde, die gewöhnlich zwei Stunden dauerte, machte ein Psalmengesang. -- Dieser Wiedertäufer und seine Frau zeichneten sich unter allen Ausgewanderten durch ihre feinen, geistvollen Gesichtszüge aus.

Ich fand seine Frau eines Tages blaß und leidend sitzend, mit dem Rücken gegen das Schiffsbord gelehnt. Ich bot ihr ein Glas Wermuth-Extract zur Stärkung an. Sie trank es und stieg dann in's Zwischenverdeck hinunter. Kaum zwei Stunden nachher verkündete mir ihr Mann die glückliche Entbindung seiner Frau von einem Töchterlein. Ein Paar Tage später kam sie selbst aufs Verdeck und zeigte mir ihren lieben Säugling. Auf meine Frage, wie es nun um Taufe und Namen des Kindes stehen werde? erwiederte sie: »Wir weihen unser Kind in das Christenthum ein, wenn es die Wichtigkeit und Heiligkeit der Sache begreifen kann. Zu Ehren unsers guten Kapitäns wollen wir es aber nach ihm _Albertine_ heißen. Wäre es ein Knäblein gewesen, würden wir es _Hyperion_ oder _Ozean_ genannt haben.«

Wir waren schon zwanzig Tage auf dem Wasser. Die Hitze der Sonne ward unausstehlich; das süße Trinkwasser in kleinern Portionen vertheilt, daß es oft Streit darum gab. Wir hatten beständige Westwinde uns entgegen; die Azoren südwärts gelassen, ohne sie zu erblicken, und uns der Bank von Terre-neuve genaht. Sobald das Senkblei hier, bei 45 Klafter Tiefe, feinen Sand fand, gab der Kapitän dem Schiffe die Richtung nach Süden. Wir kamen ziemlich nahe bei den Bermuden vorüber.

Es ist auf dieser weiten, einsamen Wasserstraße den Schiffen Bedürfniß, wenn sie einander begegnen, Frage und Antwort zu tauschen. Sie steuern sich gegenseitig zu. Man hisst die Flagge; legt einige Segel bei, und fragt sich durchs Sprachrohr, von wannen? wohin? welche Ladung? u. s. w. Am gewissesten aber ist die Frage nach der Länge und Breite, unter der man sich befindet. Ist zwischen den Berechnungen beider ein Unterschied, so hält man sich gewöhnlich an die, welche auf dem Schiff gemacht ward, das noch die kürzere Zeit unterwegs ist. Es ist noch nicht immer ganz leicht, mit einander zu sprechen, besonders wenn der Wind stark, das Meer unruhig geht; denn man kann sich dann einander nicht wohl gehörig nähern, ohne Gefahr zu laufen.

Schon war es der 6. Juli und seit einigen Tagen die tiefste Windstille. Kein Wimpel spielte. Das weite Meer stand unbeweglich und glatt, wie spiegelndes Eis. Das Schiff schien angefesselt. Die entfalteten Segel hingen schlaff nieder. Wolkenlos glühten Luft und Himmel um und über uns. Die Sonne warf stechende Strahlen. Die Lebensmittel nahmen sichtbar ab. Jeder theilte dem andern nur Furcht und Besorgniß mit. Ein Orkan auf dem Meer ist das Fürchterlichste. Wir aber hätten jetzt lieber einen Orkan bestanden. Die todte Ruhe währte schon acht Tage und das Leben der Segel und Wogen wollte nicht wiederkehren. Ich stieg jeden Morgen sogleich auf den Mastkorb, in Hoffnung, Küsten des Festlandes zu erblicken. Oft rief mich die Ungeduld schon vor Tagesanbruch aufs Verdeck, wenn die Sterne noch, in geheimnißvollen Ordnungen am Himmel, ihr blasses Licht durch das stille Reich der Nacht ausgossen. Ich zitterte hoffend dem Tag entgegen; ich fand mich immer getäuscht, doch immer durch die Herrlichkeit des Sonnenaufgangs für die Täuschungen entschädigt.

Endlich, es war an einem Sonntage, gewann die Natur dieser ewigen Einöden des Ozeans wieder Odem. Die Segeltücher wölbten sich nach und nach, und wir flogen wieder acht bis neun Seemeilen in einer Stunde. Welche Freude lächelte von allen Antlitzen; wie andächtig sprach der Wiedertäufer das sonntägliche Abendgebet mit lauter Stimme, und mit welcher stummen Inbrunst in allen Zügen beteten die Andern vor sich hin! Der glänzende Sonnenball senkte sich den zitternden Wellen der Ferne entgegen. Das Schiff schien ihm in heiterer Sehnsucht tanzend auf den Wogen nachzueilen, und das Tagesgestirn selbst tändelnd seine Bahn und Stätte zu verlassen. Bald verbarg es sich hinter dem Busen des einen, bald des andern Segels; bald durchlief es der ganzen Breite nach die leichten Streifen des aufgespannten Tauwerks und der Seile. Masten, Linnen und Wimpel, Bord und alles Schiffsgeräth tauchten sich in wunderbaren Goldschimmer, von tiefern Schatten begrenzt. Eine breite, blendende Lichtbrücke ging vom Hyperion über das Meer bis zur Sonne, die zu zögern schien, aus diesem Tempel der Schöpfungsherrlichkeit zu scheiden. Still sumsete zwischen Segeln und Seilen der Wind sein Abendlied. Die Wogen brachen sich tönend am Schiff zum Gesang. Die Menschen, in verschiedenen Stellungen, beteten. Der unendliche, schweigende Himmel horchte.

Am 11. Juli sagte Herr _Valengin_: »Ich denke, wir werden morgen einen Küsten-Lootsen am Bord sehen.« Frohe Botschaft. Wirklich entdeckte man ihn folgendes Tages früh um neun Uhr vermittelst des Fernrohrs. Wir steckten die Flagge auf. Nach zwei Stunden kam das leichte, winzige Fahrzeug bei uns an, worin sieben Mann wie festgenagelt saßen, alles große, wohlgewachsene Leute. Jede Welle schien das gebrechliche, niedrige Boot wie eine Nußschale verschlucken zu wollen. Was doch der Mensch wagt; er der da weiß, was er wagt! Welche Hingebung, zumal in stürmischen Wettern! Schiffe, welche durch einen Windstoß gegen die Küste getrieben, oder auf langen Fahrten irre wurden, sind oft schon durch diese unerschrockenen Männer gerettet worden, die alle Untiefen und heimlichen Gefahren der Seegegend, und jedes Anländeplätzchen des Gestades kennen.

Einer der Lootsen kletterte an einem ihm zugeworfenen Seil zu uns ans Bord hinauf, grüßte uns freundlich, drückte dem Kapitän die Hand und jedem, der ihm nahe kam, und fragte: »Wie stehts? Geht alles gut?« Diese herzliche Frage, so natürlich in dem Verhältniß, und dabei so wohlwollend, hat für den, der nach vielen Wochen wieder den ersten unbekannten Menschen sieht, etwas Erquickendes. Es war die erste, unmittelbare Erscheinung eines Bewohners der neuen Welt, die wir selbst noch nicht sahen.

Der Lootse nahm vom Kapitän den Befehl über sämmtliche Matrosen und sagte: wir wären noch ohngefähr 150 Seemeilen (etwa drei derselben bilden eine Wegstunde) entfernt von der Chesapeak-Bai, und wenn der Wind, der gerade günstig und stark blies, tapfer anhielte, würden wir den andern Morgen an Ort und Stelle unsers Wunsches sein.

Und am folgenden Morgen um neun Uhr scholl das Geschrei: Land! Land! -- Ein freudiges Schrecken fuhr Allen durch die Glieder. Die Vorufer des jungen Welttheils stiegen aus dem Schoos des Ozeans.

6.

Die Landung.

Wir fuhren in die _Chesapeak-Bai_ mit vollen Segeln ein. Links hob sich das _Kap Henry_, mit einem weißen Thurm, auf welchem allnächtlich den Seefahrern ein Feuer brennt. In größerer Ferne rechts zeigte sich noch ein Leuchtthurm, es war der des _Kap Charles_.

Das Gewässer der Bai fanden wir mit Holz, Kräutern und Stroh bedeckt. Wir erfuhren, es habe auf dem Lande fünfzehn Tage lang anhaltend geregnet. Noch befanden wir uns sechszig Wegstunden (oder 180 Seemeilen) von Baltimore. Aber der Wind ging stark mit uns. Wir fädelten binnen einer Stunde zehn Knoten ab, das heißt, legten 3½ Wegstunden zurück, und noch dazu gegen die Strömung des Meers.

Es zeigten sich, seit wir Land sahen, der Schiffe immer mehr vor unsern Augen und immer mehr, je näher wir den Ufern der Bai kamen. Schon unterschied man von den Fluren ungeheure Waldungen; bald da und hie angebautes Land mit einzelnen Wohnungen der Menschen. Fröhliches Schauspiel für uns. Eine Viertelstunde fern von uns zog ein Dampfschiff vorbei. Ein schwarzer Rauchstreifen bezeichnete durch die Luft den verlassenen Weg desselben. Silberbrandung umgab die Dampfräder.

Die Nacht kam. Bald unterschied man nichts mehr. Das Schiff flog rasch durch die Wogen. Wir machten eilf Knoten in der Stunde. Ein Matrose, an der Schiffsseite draussen angebunden, warf beständig das Senkblei und rief jedesmal an, wie tief. Das hielt uns, und auch die Freude, spät wach.

Kaum war es Tag, rief mir der Kapitän zu: »Wir sind in der Rhede von Baltimore!« -- Ich wagte es kaum zu glauben, und doch stand das Schiff unbeweglich. Ich sprang aus dem Bett und warf mich hastig in die Kleider. Als ich aufs Verdeck kam, lag die Stadt Baltimore vor mir. Durch den lichten Wald der Schiffsmasten unterschieden wir Kirchthürme und die Wipfel hoher Pappeln in allen Theilen der Stadt. Die Thürme sind von weißem Marmor, sehr zierlich; die Häuser von Backsteinen gebaut. Zwischen dem schönen Grün der Pappelbäume, stellten sie sich mit ihrem gelben, röthlichen, bläulichen Anstrich dem Auge gar gefällig hin. Wir sahen zu unserer Rechten Felder mit Korngarben bedeckt. Das Glockengetön der Heerden sang uns vom Ufer an, wo halb sichtbar zwischen Obstbäumen die Kühe in den Wiesen weidend umherirrten. Der Himmel klärte sich auf und die ersten Strahlen der Sonne rötheten alle Höhen und Berge.

Um sieben Uhr Morgens nahte sich uns ein Kanot. Es brachte einen Arzt, der den Gesundheitszustand Aller auf unserm Schiff untersuchen mußte, das den Tag zuvor, mehr als gewöhnlich, gesäubert und gewaschen worden war. Er grüßte uns mit einem »guten Morgen!« ohne dabei den Hut abzuziehen. Es war ein gefälliger, angenehmer Mann; sehr sauber gekleidet. Nachdem er in der Kajüte beim Kapitän ein kleines Frühstück genommen, kam er nach zehn Minuten wieder aufs Verdeck. Der Namensausruf Aller im Schiffe erfolgte. Er beschäftigte sich mit jedem einzeln; untersuchte noch zwei Personen, die unpäßlich in ihren Betten geblieben waren, und schied zufrieden von uns, auf die nämliche Art grüßend, wie er gekommen war.

Ich vermuthete, unsere Quarantäne würde wenigstens noch vierundzwanzig Stunden auf dem Schiffe dauern. Darum rief ich einem Seemann, der auf einem Kanot mit Doppelsegel nicht weit von unserm Hyperion vorbeifuhr, zu, ob er mich nicht zum nächsten Bauerhause fahren wolle, um Milch und einige frische Nahrung einzukaufen. Er kam heran; ich stieg von der Seite des Schiffs, wo man eine Treppe angebracht hatte, hinab zu ihm. Er änderte an den Segeln, und obgleich kein fühlbarer Wind ging, flog doch das kleine Fahrzeug schneidend durch den Wasserspiegel ans Ufer.

Ich sprang ans Land. Mir ward wunderbar zu Muth, da ich den langentbehrten festen Grund unter meinen Füßen fühlte; einen Boden unter meinen Sohlen, den der weite Ozean von meiner Heimath trennte; den der große Columbus die Kühnheit hatte zu suchen und das Glück ihn zu finden; den Jahrhunderte lang die Grausamkeit raubsüchtigen Kriegsgesindels, golddürstiger Kaufleute und herrschlustiger, dummgläubiger Pfaffen mit Menschenblut besudelt hatte, bis Muth und Gefühl der Menschenwürde das Joch zerbrach, welches der europäische Despotismus für unvergänglich hielt.

Von meinen Gedanken und Empfindungen in diesen Augenblicken Rechenschaft zu geben, ist mir unmöglich. Ich kam zu einem artigen Bauerhause. Eine Frau trat mir entgegen. Sie sprach deutsch; sie stammte aus dem Bernerland in der Schweiz. Nun richtete sie hundert und tausend Fragen an mich, daß mir zuletzt bange ward, keine Milch zu bekommen. Sie gab mir endlich, was ich begehrte; ich mußte ihr aber versprechen, sie noch einmal zu besuchen. Als ich zum Schiff zurückgekommen war, und meinen Fährmann fragte: was ich denn schuldig sei? antwortete er: »O durchaus nichts. Es machte mir ein Vergnügen, Sie einen Augenblick ans Land zu führen.« Er lehnte sehr höflich Alles ab.

Wie die Kinder auf dem Hyperion, es waren derer wohl zwanzig, meinen großen Topf voller Milch erblickten, liefen alle auf mich zu. Ich konnte jedem nicht geschwind genug davon geben. Um sie zu sättigen, hätt' ich viermal mehr haben müssen. Aber das war auch eine Schwelgerei für die guten Kleinen, und ein Genuß für mich ihre Freude!

Der Kapitän hatte den Arzt in die Stadt begleitet. Sein Nachen kam Nachmittags zurück, aber ohne ihn; statt seiner ein Briefchen an mich, worin er mir ankündigte, ich könne ans Land gehen, wann ich wolle; der Nachen stehe zu meinem Befehl.

Ich säumte keinen Augenblick.

7.

In Baltimore.

(13. bis 24. Juli.)

Die ersten Schritte am Lande, durch die Straßen der Stadt, reichten hin, um mich zu belehren, ich sei in einem fremden Welttheil. Ich konnte nicht müde werden, diese Reihen zierlicher Gebäude, diese Handelsgewölbe und Kaufläden, diese Gruppen von Negern und Mulatten zu sehen.

Baltimore war vor fünfundvierzig Jahren noch ein gar geringes Städtchen, mochte kaum ein halbes hundert Häuser haben, viele noch von Holz. Jetzt steht da, einer Hauptstadt ähnlich, eine regsame Welt. Baltimore zählt schon 75,000 Einwohner. Die Straßen sind gepflastert und mit breiten Trottoirs eingefaßt; reinlich, heiter, angenehm mit Pappelbäumen besetzt, deren Gipfel mit den Kirchthürmen um die Wette in die Lüfte aufstreben. Die Häuser sind meistens von Backsteinen, manche von Marmor gebaut, geschmackvoll und edel ausgeführt, von zwei und drei Stockwerken. Die grünen Fensterläden überall, die Hausthüren von Rothholz und Acajou, die glänzenden Messingbeschläge daran, die hohe Reinlichkeit überall -- Alles gibt diesen Wohnungen, diesen breiten, lichten, saubern Straßen, ein gefälliges, freundliches, frisches Ansehen, wie ich mich dessen von keiner europäischen Stadt erinnerte. Während der heißen Sommerzeit werden die Straßen täglich mit Wasser besprengt. Die schönste und längste derselben ist die _Baltimorestraße_, beinahe eine halbe Stunde lang. In der Mitte derselben steht seitwärts die Douane, ein Gebäu von ausserordentlichem Umfang, aus weißem Marmor aufgeführt. Zwölf mächtige Säulen tragen einen Theil vom Innern des Gebäudes, welches hier von oben herab durch eine sehr hohe Kuppole erleuchtet wird. Links und rechts sind die Amts- und Geschäftzimmer, die Wohnungen der Angestellten u. s. w. Die Beamten selbst, einfach, aber äusserst zierlich gekleidet, zeichnen sich durch ihr zuvorkommendes, gefälliges Betragen aus. --

Mein erster Gang war in einen Gasthof. Man saß eben zum Mittagsessen. Ich brachte eine Eßlust mit, als hätt' ich auf dem Meere vier Wochen gefastet. -- Ländlich, sittlich! Ich mußte mich bequemen, um nicht auffallend zu werden, mit dem Messer in der rechten, mit der Gabel stets aber in der linken Hand zu essen, und beide queer über den Teller zu legen, wenn man mir keine Speisen mehr darbieten sollte. Ich war noch nicht halb gesättigt, als meine Tischgenossen schon Feierabend machten. Ueberhaupt bemerkte ich durchgehends nachher auf meinen Reisen im Lande, daß die Amerikaner am Tische sehr mäßig sind. Selten nimmt man beim Frühstück oder Nachmittags mehr, als zwei Tassen Thee oder Kaffee. Aber beim Thee und Kaffee wird jedesmal zugleich Geflügel, Fisch, Backwerk, Brod, Butter u. s. w. aufgetragen. Die Frau des Hauses bedient die Gäste. Bei der Mittagstafel wird Bier zum Trinken gegeben und guter Branntwein mit Wasser verdünnt.

Der Sauberkeit und Zierde der Straßen und des Aeussern der Häuser entspricht überall das Innere der Wohnungen. Man wird wenig Wohnungen finden, wo der Fußboden nicht mit einem schönen türkischen Teppich bedeckt, und von der Hausflur bis zum obersten Gemach des Hauses nicht jede Treppe es ebenfalls wäre.

Von den öffentlichen Denkmälern zeichnete sich das zu Ehren Washingtons, und ein anderes, nicht weit von einem Brunnen, zum Gedächtniß jener Bürger aus, die bei Vertheidigung der Stadt gegen die Engländer im letzten Kriege das Leben fürs Vaterland opferten. Ihre Gebeine ruhen unter dem Denkmale. Ihre Namen alle sind in den Marmor des Fußgestells eingegraben.

Die katholische St. Pauls-Kirche könnte neben den schönsten Tempeln Europens aufgezählt werden. Der Kirchen für die andern christlichen Konfessionen mögen etwa noch achtzehn sein. Zuweilen stehen sie dicht neben einander. Jeder, ohne Groll gegen den Nachbar, geht in das Gotteshaus, wohin ihn sein Herz und sein Glaube rufen. Das ist die Wirkung der wahren Religionsfreiheit, während man in Europa höchstens in den gebildeten Ländern nur die Duldung kennt und sich mit religiöser Toleranz, als wäre sie eine große Tugend, brüstet. -- Das ist in Amerika die Wirkung einer weisen, vernünftigen Gesetzgebung. Die Menschen sind sich hier, wie vor dem weltlichen, so vor dem göttlichen Gesetz in ihren Rechten gleich. Die Europäer werden noch lange Zeit große und kleine Bücher über das Verhältniß der Kirche zum Staat schreiben, indem die einen den Staat in die Kirche, als in das Höhere und Allumfassende, hineinstellen, andere die Kirche dem Staat unterordnen, und wieder andere Staat und Kirche, Kaiser und Papst, in gleichen Würden neben einander setzen.

Die Amerikaner haben die Streitfrage der europäischen Staatsmänner und Professoren längst und auf die naturgemäßeste Weise gelöst. Der Staat, diese große Anstalt für Rechtssicherheit und Entwickelung der bürgerlichen Gesellschaft, hat kein Befugniß, über religiöse Ueberzeugungen, über das innere Verhältniß des Menschen zur Gottheit zu entscheiden. Den Bürgern ist es anheimgestellt, in derjenigen Form oder kirchlichen Ordnung ihre gemeinschaftlichen Gottesverehrungen zu veranstalten, die ihren Ueberzeugungen am meisten entspricht. Wie mannigfaltig und verschieden dieselben sein mögen, der Staat hat nicht darüber zu entscheiden, welche Form die bessere, welche Kirche die alleinseligmachende sei. Allein alle Bürger sind Eigenthümer gleicher Rechte; der Staat ist da, um sie alle in den kirchlichen Verhältnissen ihrer Wahl zu schützen. Von der andern Seite aber darf auch keinerlei Kirchenthum zerstörend auf die öffentliche Ordnung des bürgerlichen Lebens einwirken, noch weniger sich, durch priesterschaftlichen Stolz geleitet, weltliches Recht und Ansehen in Staatsverfassung oder Staatsführung anmaßen.

»Lauheit, Indifferentismus!« rufen dabei in Europa unsere geistlichen _Herren_ (denn Herrn wollen sie gern sein!).