Mein Besuch Amerika's im Sommer 1824 Ein Flug durch die Vereinstaaten Maryland, Pensylvanien, New-York zum Niagarafall, und durch die Staaten Ohio, Indiana, Kentuky und Virginien zurück

Part 11

Chapter 113,520 wordsPublic domain

Man erzählte mir nachher, daß die Kupferschlange, an ihrer Dicke und grünröthlichen Farbe leicht kennbar, das gefährlichste Thier in diesen Gegenden sei. Sie ist sehr gefräßig und nimmt es mit den größten Thieren auf. Ihr giftiger Biß wird nach einigen Stunden tödtlich, nachdem der Körper vorher zu einer ungeheuern Dicke angeschwollen ist. Indeß vermindert sich diese wüste Brut überall in gleichem Verhältniß, wie sich die Ansiedelungen der Menschen vermehren. Am meisten wirkt dazu das Halten der Schweine. Es gibt keinen Pflanzer, der nicht eine Zucht dieser nützlichen Hausthiere hätte, die sich ohne seine Sorge vermehren und beköstigen. Ein einziger besitzt deren oft hundert und zweihundert Stück. Sie laufen fast beständig im Wald umher und nähren sich da von Pflanzen, Wurzeln und Gewürmen aller Art. Sie greifen sowohl die Kupfer- als die Klapperschlangen an, und verschmausen dieselben, ohne von deren giftigem Biß Schaden zu leiden. Denn weil der nie tief geht, dringt er nur in den Speck und trifft wohl nur selten ein Blutgefäß.

Unterdessen nahte sich die Nacht. Es wurde um mich her immer dunkler und der Wald immer dichter. Mein Fußweg lief noch immer in seiner alten Richtung rechts, abweichend von meiner frühern. Ich tröstete mich damit, daß ich auf die Art dem Ohio aufwärts gelangte. Denn wieder umzukehren spürte ich in mir auch nicht die mindeste Lust.

Weil mir aber mit dem erlöschenden Tageslicht auch die Hoffnung erlosch, irgend eine Menschenwohnung zu erreichen, und mir es schien, daß ich schon eine lange Strecke Wegs mehr gemacht hätte, als erforderlich gewesen, um der mir zum Uebernachten bestimmte Pflanzerei zu begegnen, fügte ich mich in mein Verhängniß. Ich musterte im Vorbereiten links und rechts die Plätze, wo ich Nachtherberge nehmen könnte. Ich besaß allenfalls gegen Kälte einen guten Mantel; konnte auch Feuer anschlagen und hatte meine geladene Doppelpistole bei mir. Nur mit der Küche zum Nachtessen bliebs übel bestellt. Ich hatte Dammhirsche, Welschhühner und anderes Geflügel unterwegs erblickt, aber weder Jagd darauf machen wollen, noch mit meinem kurzen Feuergewehr machen können.

In diesen trübseligen Ueberlegungen einer verzweifelnden Verzichtung auf alles Heil, verdünnerte und öffnete sich mit einemmale vor mir der Wald, und vor meinen Augen lag ein Bauerhof. Freudiger, als ein abentheuernder Ritter nach langen Irrfahrten einem Feenschlosse, trabte ich dem bescheidenen Holzpalaste entgegen und hielt vor demselben, als mein eigener Herold, mit lauter Stimme rufend: »Holla! kann hier ein Reisender über Nacht bleiben?«

Eine ältliche Frau, begleitet von zwei jungen Frauen, trat hervor. Sie bedauerten, mich nicht empfangen zu können, weil sie allein, und ihre Männer abwesend wären. Sie beruhigten mich inzwischen damit, daß ich, den Weg fortsetzend, in einer guten halben Stunde eine andere Pflanzerwohnung antreffen würde. Nebenbei erfuhr ich auch noch, daß ich wirklich irre geritten sei, und beinahe zwei Stunden lang einen Querweg durch die Waldung verfolgt habe.

Wie unlieb mir auch alle diese Erklärungen, Fingerzeige und Nachrichten lauteten, wollte ich doch nicht zudringlich werden. Ich trabte also frischerdings wieder in die Nacht der vor mir gelegenen Wälder hinein, auf einem Pfad, den mir die Frauen angewiesen hatten. Im schlimmsten Fall blieb mir doch das nun einmal gesehene Haus und die Rückkehr dahin.

Es ward mir jedoch mit jedem Augenblick unheimlicher, je tiefer ich ins Gehölz eindrang und je stärker die Finsterniß wurde. Ich mußte vom Pferde steigen, und von Baum zu Baum die Einkerbungen der Stämme mit den Fingern ertasten. -- Welche Seligkeit aber, als mir nach einer halben Stunde, durch die Säulen der Waldung spielend, röthliches Licht entgegenschien. Ich verdoppelte den Schritt, und stand bald vor der roh aus Baumstämmen gezimmerten Hütte eines Pflanzers. Auf meinen Anruf erschien ein Mann. Auf die gewöhnliche Anfrage öffnete er mit dem freundlichen Wort: =Walk in, Sir!= (treten Sie ein, Herr!) den Pfahlhag, mit dem jede Hütte eines amerikanischen Ansiedlers umgürtet zu sein pflegt. Ich trat ein. Beim Feuer saß eine Frau. Sie stand auf, bot mir ihren Sessel und sagte: =Sit down, Sir!= (setzen Sie sich, Herr.) Diese beiden Redensarten, =Walk in= und =Sit down=, sind in Amerika beim Empfang eines Fremden, ohne alle andere Höflichkeitsbezeugungen, die gebräuchlichen, man mag zum schlichten Bauer oder zum reichsten und vornehmsten Manne der Vereinstaaten kommen.

Ich habe meinen Ritt durch die Wildniß etwas umständlich erzählt, nicht eben weil er so gar merkwürdig wäre, sondern um doch eine Vorstellung zu geben, wie man in unangebauten Gegenden des Innern dieses Welttheils reiset, wo ohne Zweifel, bevor ein Jahrhundert verfließt, Städte, Dörfer, Paläste und Landgüter durch die besten Kunststraßen verbunden sein und die Erzählungen von heut fast mährchenhaft scheinen werden.

28.

Nach Gallipolis und Point Pleasant.

(12. bis 14. Oktober.)

Man muß mehrere Tage sich selbst überlassen, ich möchte sagen, verlassen, durch unwirthbare Einöden, in Unruhe für das Entkommen aus verirrlichen Waldlabyrinthen, oft nicht ohne Sorge für das arme Leben selbst, die Reise gemacht haben, um die Wollust zu verstehen, die man fühlt, wenn man sich endlich in einer engen, sichern Hütte unter freundlichen Menschengesichtern erblickt.

Wie ich mich recht umsah und mit der Familie nähere Bekanntschaft machte, zählte ich zehn Kinder; das älteste mochte fünfzehn Jahre haben, das jüngste lag am Busen der Mutter. Die gute Frau fragte mich, ob ich zum Nachtessen Kaffee oder Thee verlange und welche Gattung Geflügels? Sie machte kleine Brödchen in einer Tortenpfanne, kochte feine Schinkenschnitte und röstete sie in heißzerlassener Butter. Es gab dazu Fricassee von Geflügel, rothe Rüben als Salat, frische Butter, eingemachte Pfirsiche und statt des Brodes -- Hoekake. Ich schildere die Bestandtheile meines Abendmahls nicht darum, damit man wisse, was eine einsame Pflanzerhütte dem unverhofften Gaste leisten könne, sondern um zu sagen, daß dies ohngefähr die Gerichte sind, mit denen man überall im Innern der Vereinstaaten Abends bewirthet zu werden pflegt. Das Frühstück ist meistens aus denselben Platten zusammengesetzt.

Das Tischzeug bestand auch hier, wie immer, aus sauberm Linnen; das Tafelgeschirr, Teller, Schüsseln, aus englischer Erde. Nur die Hausfrau, sehr reinlich gekleidet, sitzt mit zu Tisch, um den Gast bedienen zu können. Sie beginnt ganz gewöhnlich mit der Frage: »Lieben Sie Milch und Zucker zum Thee?« damit ist die Mahlzeit eröffnet. Von den Speisen nimmt sich nachher der Gast nach Belieben selber. Die Wirthin aber ermuntert fleißig mit dem Zuspruch: =Help your self!= (bedienen Sie sich selbst.) Erst wenn der Fremde gegessen hat, sitzen Vater und Kinder zu Tisch. Die Kinder betiteln ihre Aeltern aber nicht mit Vater- und Mutternamen, sondern auch in der Bauerhütte mit Sir und Maam.

Das Zimmer, welches erst Küche, dann Speisesaal geworden, ward dann Unterhaltungszimmer. Es überraschte mich jedesmal in den Vereinstaaten und auch diesmal, einen schlichten Landmann über die Politik, über die Staatsverfassungen und Nationalverschiedenheiten Europens so unterrichtet und verständig reden zu hören. Viel trägt zu diesen Kenntnissen, die in Amerika eine Hauptstütze der Vaterlandsliebe werden, ohne Zweifel das allgemein verbreitete Lesen der öffentlichen Blätter und Zeitschriften bei. In Europa, wo der Landmann, oft der Städter, wenig vom Ausland, noch weniger vom Inland erfahren darf, weil man es zu hindern wünscht und zu hindern weiß, wo sich die Regierungen durch besoldete Schreiber und durch Zensoren die Vormundschaft über den Volksverstand anmaßen, erzeugt sich eine stinkende Selbstsucht, die nur für das eigene Haus, nicht für das Allgemeine, nicht für Thron und Vaterland, Interesse hat, und, wie das Thier, nur sein Futter und seinen Stall kennt. Es ist wahr, bei der in Amerika bestehenden Preßfreiheit wird auch das unsinnigste Zeug, das leidenschaftlichste, gehässigste Geschwätz gedruckt und verbreitet. Die Feinheit und Artigkeit der Amerikaner im persönlichen Umgang wird häufig in ihren Zeitschriften durch ekelhafte Derbheit, Rohheit und Gemeinheit ganz verdrängt. Aber gerade die unter dem Segen der Preßfreiheit mannigfaltiger gewordene Kenntniß der Menschen, ihrer Leidenschaften und Umtriebe, und die reifere Entwickelung der Verstandesthätigkeit macht die Versuche der schriftstellerischen Bosheit, Unvernunft und Parteisucht kraftlos, die Plumpheit der Blättchenschmierer verächtlich; -- während der in kindische Unmündigkeit ängstlich zurückgehaltene Verstand des gemeinen Mannes in Europa sich an Geschmacklosigkeiten am innigsten ergötzt, das Alberne und Unglaubliche am leichtgläubigsten aufnimmt, und der verleumderischen Bosheit in seiner Unerfahrenheit das Ohr am liebsten entgegenspitzt.

Nachdem ich mit meinem Pflanzer einige Stunden in die Nacht hinein geplaudert hatte, verwandelte sich das Sprachzimmer in das allgemeine Schlafgemach. Wir waren unserer vierzehn Personen. Es wurden drei Betten gemacht; das beste mir mit den reinlichsten Ueberzügen. Den Kindern breitete man baumwollene Decken am Boden aus. Die offenen Fugen der Balken von den Zimmerwänden liessen der frischen Luft freien Umlauf.

Ich verließ die zahlreiche Familie schon vor Sonnenaufgang. Der Pflanzer gab mir noch Empfehlung an einen andern Pflanzer mit, bei dem ich unterwegs einkehren konnte. Es war dies ein Herr _Thevenot_, der fünf Stunden von da entfernt und nur noch zwei Stunden von Gallipolis wohnte. Ich fand ihn und nahm mein Frühstück bei ihm.

Dieser Mann war aus Frankreich, mit einigen tausend seiner Landsleute, zur Zeit der Revolution nach Amerika ausgewandert. Er gehörte ehemals zur französischen Niederlassung von Gallipolis, wo man Land mit Geldtiteln und Schriften kaufte, die nachher in Frankreich allen Werth verloren, als man sie in Münze umsetzen wollte. Man bezahlte die Juchart zu jener Zeit mit fünf Dollars. Gleich zu Anfang ihrer Ansiedelung hatten die Franzosen da mit den Indianern einen Krieg zu bestehen, der ihnen mehrerer Menschen Leben kostete. Zehn Jahre später fing man gegen sie einen Rechtsstreit über ihr Eigenthum an, weil die Titel, womit sie gezahlt hatten, meistens ungültig geworden waren und sie auch selbst noch nicht über ihre Grundstücke die Kaufbriefe urkundlich in Händen hatten. Sie mußten oder sollten zum Theil noch einmal Zahlung leisten. Die Regierung aber nahm doch Rücksicht auf ihren unverschuldeten Verlust, und bewilligte denen, welche nicht kaufen konnten, einen Landstrich, etwa dreizehn Stunden Weges von Gallipolis entlegen, unter dem Namen »_French-grant_« (französische Einräumung). Auch die Franzosen, welche einst den Unabhängigkeitskrieg mitgemacht, und seitdem kein Glück gehabt hatten, erhielten dort Ländereien. Aber diese Niederlassungen wollten nicht gedeihen.

Auch _Gallipolis_, wohin ich zeitig ankam, obgleich gar vortheilhaft am rechten Ufer des Ohio hingebaut, ist nur eine kleine Stadt von höchstens hundert Häusern. Die einzigen öffentlichen Gebäude sind ein Kollegium, ein Mettinghouse (Versammlungshaus zum Gottesdienst) und ein Gemeinds- oder Rathhaus. Dampfboote und andere Schiffe halten hier regelmäßig an. Ich hatte mehr von dem Ort erwartet, machte zwar einige werthe Bekanntschaften mit Hrn. Monod, Burcau etc., denen ich empfohlen worden, hielt mich aber doch nicht auf, sondern setzte, eine Stunde weiter aufwärts am Fluß, in einer Fähre über den Ohio und übernachtete zu _Point-Pleasant_ in Virginien. Der Ort liegt am Zusammenfluß des Kanhaway, eines beträchtlichen, schiffbaren Stroms, mit dem Ohio. Große Fahrzeuge gehen noch den Kanhaway hinauf bis zu den Salzwerken von _Charlestown_, ohngefähr zweiundzwanzig Stunden von Point-Pleasant.

Der Menge von Schiffen nach zu urtheilen, die man, mit Salzfässern befrachtet, überall auf den Flüssen sieht, müssen die Charlestowner Salzwerke sehr ergiebig sein. Der Zentner Salz kostet einen halben Dollar. In den Kaufläden, wo man damit Kleinhandel treibt, zahlt man fürs Pfund zwei Kreuzer. In den Vereinstaaten sind alle und jede Salzwerke Partikulareigenthum, und Staat und Volk stehen sich ganz natürlich besser dabei, als wenn sie Monopol, das heißt, Auflage fürs Volk, in den Händen der Regierung gewesen wären, wie bei den Europäern. Partikularen beuten sorgfältiger aus, und liefern, um gegen die Nebenbuhler zu bestehen, bessere Waare und in wohlfeilerm Preis, als Regierungen; können auch wohlfeiler liefern, weil sie dafür keine Schaar von Intendanten, Direktoren, Ober- und Unterspektoren, Faktoren, Auswägern u. s. w. zu besolden und wohl gar zu pensioniren haben. Es sind in Europa wenig Völker, die nicht unter der Last von Abgaben seufzen, während doch die Regierungen davon nur einen sehr mäßigen Theil empfangen und ihrerseits ebenfalls in beständiger Geldverlegenheit seufzen. Der Schwarm der Beamten, die Summe der Erhebungs- und Einzugskosten verschlingt den vierten oder dritten Theil der gesammten Abgaben. Trotz unserer gelehrten Professoren und dicken Bücher über Finanzwesen, herrschen bei uns daheim noch unglaubliche, starrsinnige Vorurtheile. Man künstelt und vermindert das Naturgemäße, nämlich die höchste Vereinfachung der Geschäfte. Aber man will diese nicht, um immer Gelegenheit zu behalten, guten Freunden oder Verwandten ein Aemtchen zu verschaffen, oder sich einen Troß abhängiger Kreaturen zu machen, oder auch, weil man nicht weiß, was mit der Schaar dadurch brodlos werdender Angestellten zu beginnen sei? Am bequemsten, man läßt diese Leute vom Schweiß des fleißigen Volks mitzehren.

29.

Auf der Turnpikeroad nach Geneva und Baltimore.

(18. Okt. bis 4. Nov.)

Ich verweilte gern ein paar Tage in Point-Pleasant. Ein Hr. _Smith_ daselbst, dem ich Briefe vom Hause Bruen in New-York brachte, hatte viele Güte für mich. Ich mußte auch einen Theil der weitläuftigen Besitzungen des Hrn. Bruen in jenen Gegenden sehen. Mit seinem Sohn und einem seiner Nachbarn fuhr ich folgenden Tags den Kanhaway zehn Stunden weit aufwärts, wo wir ohnweit _Potalia_ übernachteten, dann andern Morgens ans linke Ufer des Kanhaway überstießen. Wir durchirrten hier die großen, meist noch unurbaren Ländereien des Hrn. Bruen, für welche er sich Ankäufer und Ansiedler wünscht. Erst einen Tag später kamen wir nach Point-Pleasant zurück.

Noch war der ganze weitläuftige Landstrich, den ich jetzt gesehen hatte, Wald und Wildniß, von einzelnen Bauernhöfen unterbrochen. Der Boden, wenn gleich nicht von erster Güte, ist im Durchschnitt doch nicht schlecht, oder ganz mittelmäßig, und natürlich längs Flußufern am vortheilhaftesten.

Die Zeit, welche ich der Besichtigung dieser Landschaft gegeben, sparte ich in den nächsten Tagen wieder ein. Ich reisete den 18. Oktober an einem Montag von Point-Pleasant ab, und eilte in vier Tagen über _Mariette_, _Newport_, _Fischingcreek_, _Elisabethtown_ nach _Whelling_, eine Strecke von dreiundfünfzig Stunden Wegs, bald am linken, bald am rechten Ufer des Ohio. Die Amerikaner setzen, bei niedrigem Wasserstande, häufig zu Pferde über diesen Fluß, wenn sie sich auf des Rosses Gebein verlassen können.

Man hatte mir unterwegs an vielen Orten von einer Ansiedelung gesprochen, die man für eine der schönsten des Landes hielt, und durch welche mich der Weg führen würde. Als ich mich derselben wirklich endlich näherte, sah ich innerhalb einer wahrhaften Waldung von üppigen und reichtragenden Fruchtbäumen einige Wohnhäuser von sehr gefälligem Aeussern. Vor einem derselben stand ein großer, starker Mann mit langem, grauen Bart, der ein Schurzfell vor hatte. Der Beschreibung nach, die man mir gegeben, konnte dies kein anderer, als der Eigenthümer des Gebäudes, Master _Homelong_, der Wiedertäufer, sein.

Also fragte ich ihn auf deutsch, ob er mir ein wenig Haber für das Pferd spenden könne. Da verklärte sich sein ganzes Antlitz: »Grüß Gott,« rief er, »bist du a Landsmann?« Und ohne meine Antwort setzte er hinzu: »=Walk in, Sir!=« holte seinen Sohn, der das Roß nehmen mußte, führte mich ins Haus, und richtete nun in seiner Sprache, halb englisch halb deutsch, wie die Deutschen Amerika's immer zu reden pflegen, tausend Fragen an mich. Ich mußte diesem guten Einsiedler von Allem erzählen, von der alten Welt, von meiner Fahrt übers Meer, von der Reise durch die Vereinstaaten u. s. w. Sein Erstaunen war so groß, daß ich mehrmals wiederholen mußte, was ich schon gesagt hatte, und was er mir kaum glauben konnte. »Min Gott, ist denn das möglich! =to be shure that's wonderfull journey!=« schrie er einmal ums andere. Er setzte mir Kuchen und den köstlichsten Aepfelwein vor, den ich in Amerika getrunken; ich mußte bei ihm zu Mittag speisen. Er war seines Gewerbes ein Schuhmacher, baute daneben seine herrliche Pflanzung mit Einsicht und Fleiß und galt bei seiner Kirchparthei als ein guter Prediger. Als ein kleiner Knabe war er mit seinen Aeltern vor sechszig Jahren von den Ufern des Rheines zu den Ufern des Ohio gekommen, wo man wegen kirchlicher Ansichten, Lehren und Gebräuche keine Mitchristen und redliche, arbeitsame Leute gehässig verfolgt. Die Schnelligkeit meines Reisens erregte seine Verwunderung mehr denn alles Uebrige. Denn er und seine Aeltern hatten zur Ueberfahrt von Europa auf dem Meere fünf Monate zugebracht, und ein Jahr gebraucht, um von der Küste bis zu diesem Platz ihrer Niederlassung zu gelangen.

In einer andern Ansiedelung, wo ich übernachtete, wohnte eine erst vor Kurzem aus England hier ansäßig gewordene Familie. Das Haus war von Backsteinen erbaut; das Innere köstlich, mit zierlichem Haus- und Zimmergeräth versehen. Zwei hölzerne Hütten neben den Stallungen waren der Aufenthalt zahlreicher Negersklaven. Ohnweit dieser Pflanzung war es, wo mir die unheilbringende Paradiesesfrucht einen übeln Streich spielte. Aepfel, von ungeheurer Größe in einem Baumgarten hinter einem Pfahlhag, verlockten mich zur Neugier und Lüsternheit. Durch einen Fall gewann ich dabei eine schmerzvolle Verrenkung, von deren Plage ich erst nach fünf Monaten in Europa durch Mitleid und Kenntniß einer liebenswürdigen Person vollständig befreit werden konnte. Das mag meinen Lesern sehr gleichgültig sein, aber ein wenig dankbar zu sein, ist mir nicht gleichgültig.

Von Whelling hinweg kam ich zum erstenmal auf einen sogenannten »_Turnpikeroad_« oder Meilenstein-Weg. Eine kunstmäßige Hochstraße ist für den Wanderer das erste Zeichen von der Zivilisation, die in einem Staate herrscht, und der Maßstab ihrer Stufe. Nach wochenlangem Umherfahren in Wäldern und Wildnissen that mir dies sich freundliche Verkünden einer bewohnten und angebauten Welt unendlich wohl. Es gibt dieser Turnpikeroads jetzt mehrere mir bekannt gewordene. Die drei vorzüglichsten sind die von Philadelphia, die von Baltimore und die von New-York. Alle drei gehen in der Richtung von Osten nach Westen, und laufen also über die weitläuftige Verkettung der Alleghanygebirge hin.

Jede dieser Hochstraßen hat fünfundzwanzig Schuh Breite, und die Länge von 100 bis 130 Wegstunden. Von einer Drittelstunde (=mile=) zur andern ist ein Meilenstein, der die Entfernung desselben von den beiden Städten anzeigt, welche an den Aussenenden der Hochstraßen liegen.

Auch das ist eine mir bemerkenswerth scheinende Eigenthümlichkeit der Vereinstaaten, daß der Bau der Hochstraßen, schiffbaren Kanäle und der Brücken keine Regierungsangelegenheit ist. Unsere europäischen Staatsmänner mögen dazu lächelnd den Kopf schütteln. Aber das Volk des amerikanischen Freilandes befindet sich dabei gar wohl. Es empfängt sehr gute Straßen; die Gemeinden haben darum keine Plagerei von fetten oder fettwerdenwollenden Beamten, von Frohndiensten u. s. w. zu erdulden, und was die Hauptsache ist, die Kosten sind ungleich geringer, schon auch weil kein Brücken-, Straßen- und Bau-Departement, mit seinen Inspektoren, Kommissären, Kassaführern, Controlleurs, Archivaren, Sekretären und Kopisten zu besolden ist.

Es bildet sich für jede Unternehmung eines Brücken- oder Straßen- oder Kanalbaus eine Gesellschaft von Aktienbesitzern. Diese setzt einen Preis für den besten Plan zu ihrem Werk aus. Gewöhnlich sind die Eigenthümer der Güter und Ländereien, welche dem künftigen Kanal, oder der künftigen Hochstraße zunächst wohnen, meistens selbst Annehmer von Aktien, weil die Erleichterung des Waarenverkehrs den Werth ihrer landwirthschaftlichen Erzeugnisse im Preise steigen muß und somit auch den Werth ihrer Grundstücke. -- Nach Vollendung der Arbeit wird die ausführliche Rechnung nebst allen Belegen, über die gehabten Unkosten, der Regierung vorgelegt, und diese bewilligt dann, nach einer annähernden Berechnung, den Aktien-Inhabern die Erhebung eines Weggeldes, gemeinlich streckenweis von ohngefähr drei Stunden zu drei Stunden des Wegs.

Die Kosten der Straße von Whelling nach Baltimore sollen ausserordentlich groß gewesen sein. Aber man sieht da auch eine Menge sehr schöner, starker, steinerner Brücken, und der Straßenzug über die Gebirge ist meisterhaft. Dieser läßt sich etwa mit der schönen Simplonstraße in Europa vergleichen, nur daß in den Alleghanybergen die durch Felsen gehauenen Gewölbwege nicht vorhanden sind.

Ueber _Braunville_, einer Stadt mit zahlreichen Fabriken am Manongehalaflusse, und durch _Uniontown_ kam ich, auf einer Nebenstraße, in vier Stunden nach _Geneva_.

30.

In Geneva.

(25. Okt. bis 4. Nov.)

Das Städtchen Geneva gehört zum Theil noch dem Herrn _Gallatin_, demselben, der, nach der Wiederkehr der Bourbonen auf den französischen Thron, als Gesandter Nordamerika's acht Jahre lang in Paris lebte.

Ich fand den Herrn Gallatin und seine Familie auf seinem Landgute, eine volle halbe Stunde von der Stadt entfernt. Seine Wohnung, einfach und geschmackvoll, hat in der Bauart etwas Großartiges. Ich wurde bei ihm auf gewohnte, amerikanische Weise eingeführt; er empfing mich mit vieler Güte. Er saß eben bei einem guten Kaminfeuer. Um ihn her lag ein Haufe amerikanischer, englischer und französischer Zeitungen. Unser Gespräch gewann bald eine anziehende Richtung. Seine Gemahlin, eine sehr gebildete und liebenswürdige Frau, setzte sich zu uns an die wohlthuenden, zur Geselligkeit lockenden Flammen und nahm an der Unterhaltung Theil.

Herr von Gallatin ist, wie ich erfuhr, ursprünglich ein Genfer. Er erzählte mir, wie er dazu gekommen, sich dem Handel zu widmen, den er nachher siebenundzwanzig Jahre lang mit gutem Erfolg betrieb. Anfangs in Boston sich aufhaltend, um dort seinen gewerbigen Verkehr mit neuer Kraft zu beginnen, ließ er sich nachher in New York nieder. Hier brachte ihn der Zufall mit zwei Deutschen in Bekanntschaft, die ihn versicherten, sie hätten jenseits der Alleghanyberge alle Materialien entdeckt, um große Glashütten anzulegen, und Glas von jeder Art zu liefern. Er reisete mit ihnen dahin und fand Alles, wie sie gesagt hatten. Der Ort war damals ganz unbewohnt, inmitten einer weiten Wildniß und Oede. Der Plan ward entworfen. Er bildete mit den beiden Deutschen eine Gesellschaft, kaufte das Land an, und gab die nöthigen Gelder her. Die Unternehmung glückte vollkommen. Das Glas stand damals noch in sehr hohem Preise. Man hatte noch keine Glasfabriken in den Vereinstaaten, und mußte die Waaren dieser Gattung aus Europa kommen lassen. Der Absatz vermehrte sich von Jahr zu Jahr zugleich mit der Güte der Artikel und in gleichem Verhältniß wuchs der Gewinn. Als sich Herr Gallatin endlich von dieser Fabrikation zurückzog und seine Rechnung abschloß, ergab sich für ihn ein durchschnittlicher reiner Nutzen von 8000 Dollars alle Jahre. Er hatte sich in die öffentlichen Geschäfte ziehen lassen, und späterhin die Gesandtschaft in Paris am Hofe Ludwigs =XVIII= angenommen. Nach achtjährigem Aufenthalt in Europa kehrte er in sein freies, beglücktes Vaterland zurück. Hier wählte er die anmuthige Stille seines Landgutes bei Geneva, wo er noch jetzt lebt.