Part 9
Das bringt uns auf die Lautäußerungen der Fische. Um eine gute Stufe höher als die unbestimmten und jedenfalls unfreiwilligen Töne des Mondfisches stehen die Lautäußerungen des in der Nord- und Ostsee lebenden =Knurrhahns= (_Trígla hirúndo_), die auch freiwillig im Wasser zum besten gegeben werden (Abb. 17). Unsere Fischer behaupten sogar, daß bei schwülem Wetter und namentlich vor dem Ausbruch von Gewittern die Knurrhähne scharenweise an die Oberfläche kämen und dann förmliche Knurrkonzerte veranstalteten. Mindestens der erste Teil dieser Behauptung ist richtig, denn es ist an manchen Küsten ein beliebter Sport, solche auftauchende Knurrhähne mit dem Teschin zu schießen, obwohl ihr trockenes Fleisch nicht viel wert ist. Erzeugt werden solche Töne durch das Aneinanderreiben der Kiemendeckelknochen oder verschiedener harter und nervenreicher Muskeln in der Wand der verhältnismäßig sehr großen Schwimmblase, die zugleich als wirksamer Resonanzboden dient, so daß eine ganze Tonstufe zustande kommt, die zwischen dem behaglichen Schnurren einer Hauskatze und hell quiekenden Tönen auf und nieder führt und es begreiflich erscheinen läßt, wenn schon Aristoteles von einem »Meerkuckuck« sprach und unsre Fischer von »Meerpapageien« erzählen. Auch sonst ist der Knurrhahn ein recht interessanter Fisch. Schon der groteske, fast viereckige Dickkopf mit dem zahnstarrenden Froschmaul und den durch Panzerplatten geschützten Glotzaugen, der feinschuppige, nach hinten zu jäh kegelförmig zugespitzte Rumpf mit dem schmächtigen Hinterleibe, die prächtige Rosafärbung des Bauches und die mächtig entwickelten, fast an die Flügel von Nachtschmetterlingen erinnernden Brustschuppen vereinigen sich zu einem Gesamtbilde von höchster Eigenart. Das merkwürdigste aber sind je drei lange, fingerartig gegliederte Anhängsel vor den Brustflossen, die es dem Tiere ermöglichen, auf dem Meeresgrunde fortzukriechen, ja förmlich zu gehen, wobei der Hinterleib etwas in die Höhe gehoben wird und seitliche Bewegungen der roten Schwanzflosse nachhelfen. Im Schwimmen sieht dieser Fisch hochelegant aus, denn es gleicht einem Fliegen im Wasser, indem die großen, blauen, metallisch schimmernden Brustflossen wie Flügel abwechselnd ausgebreitet und zusammengelegt werden. Sie ermöglichen es dem Knurrhahn, der ja mit seiner artenreichen Sippe der nächste Verwandte der bekannten tropischen Flughähne ist, sich auch für kurze Strecken aus dem Wasser in die Luft zu erheben, und wirken dann beim Herablassen als Fallschirme.
Wenn auch im allgemeinen das Sprichwort »Stumm wie ein Fisch« heute noch zu Recht besteht, so hat es doch im Laufe der Zeit schon mancherlei Einschränkungen erfahren, und fast steht zu erwarten, daß wir uns in dieser Beziehung in Zukunft auf noch größere Überraschungen gefaßt machen dürfen. Können wir ahnen, welche Offenbarungen der Meeresgrund noch für uns birgt, sobald wir nur einmal gelernt haben, unser Ohr und unsere anderen Sinne dort unten frei und ungehindert zu gebrauchen! Sollte im dunklen Meeresschoße wirklich nur unentwegt das eisige Schweigen des Todes herrschen, gibt es nicht vielleicht auch für diese abgeschlossene Tierwelt ein Singen und Klingen, dessen Tonfülle teilnimmt an der großen, ewig-schönen Symphonie der Natur? So viel wissen wir wenigstens heute schon sicher, daß es auch lustige Musikanten unter dem Volk der Fische gibt, Orgelspieler, Leiermänner, Pfeifer, Raßler, Grunzer und Trommler. Fischer, die das Ohr auf den Rand ihres Bootes legen, können bisweilen ganz deutlich diese Fischkonzerte aus Tiefen von 10-12 kg herauftönen hören. Am besten ist das Trommlerkorps ausgebildet. Es sind stattliche, barschartig gebaute Burschen, diese =Trommelfische= (_Pogónias chrómis_), die namentlich in den verschiedenen Teilen des Atlantik zu Hause sind. Die erzeugten Töne klingen bei den einzelnen Arten verschieden. Mit dem Klange einer Orgel oder Harmonika, selbst mit einem Orchester von Bässen und Cellis, am passendsten aber wohl mit dem Klange von Maultrommeln hat man sie verglichen. Die Laute der einzelnen Fische würden für das menschliche Ohr wohl verloren gehen, aber die Gesamtheit vieler gibt ein Gelärm von nicht zu beschreibender Eigenart, ein stundenlang ununterbrochenes, dumpfes, schier unheimlich anmutendes Getrommel, durchsetzt von hellerem Gurgeln und Glucksen. »Es besteht«, so schreibt Pechuel-Loesche, »keine Spur von Ähnlichkeit mit Glocken- oder Harfenklängen, und doch sind die Laute wunderbar genug. Will man sie recht scharf unterscheiden, so muß man das Ohr fest an den Schiffsbord drücken. Besser ist es, im Boote ein breites Ruder ins Wasser zu senken und das freie Ende mit den Zähnen zu beißen, am besten vom Boote aus gleich den Kopf bis über die Ohren ins Meer zu tauchen, rückwärts natürlich, um atmen zu können. Da vernimmt man dann in der dunklen Flut ein allseitig wirr durcheinander gehendes Knurren und Murksen, mit einem leichten Knirschen und Knarren vermischt.« Die Trommel der geschuppten Musikanten ist nichts anderes als ihre merkwürdig verzweigte und durch Zwischenhäute in verschiedene Kammern geteilte Schwimmblase, in die Luft eingepumpt wird, wodurch die durchlöcherten Trommelfelle in Schwingungen versetzt werden und die verschiedenartigen Töne zustande kommen. Zu diesem Zwecke sind auch besondere Trommelmuskeln von auffallend roter Färbung am Unterleibe eingelagert, die rasche Zusammenziehungen und Ausdehnungen der Schwimmblase bewirken können. Da sich dabei natürlich auch das spezifische Gewicht des Fisches verändert und sein Schwerpunkt sich verrückt, so gerät der Tonkünstler ganz von selbst in tanzende Bewegung. Ein Tanzliedchen zur Minnezeit im dunklen Meeresschoße! Ja, wenn Fische reden könnten! Der Umstand, daß bei vielen Arten nur die Männchen Trommelorgane besitzen, weist darauf hin, daß die Töne in irgendwelchen Beziehungen zum Geschlechtsleben stehen müssen, also vielleicht Trommelständchen darstellen, die der verliebte Fisch seiner Auserkorenen darbringt. Wahrscheinlich werden die erzeugten Lautäußerungen doch auch irgendwelchen Zweck haben, und die Vermutung liegt nahe, daß sie der gegenseitigen Verständigung dienen. Sicherlich darf man aber aus beiden Mutmaßungen die Folgerung ableiten, daß diese Fische auch ein gewisses, wenn auch modifiziertes Hörvermögen besitzen müssen, denn sonst hätten ja die Trommelkonzerte gar keinen Sinn. Von dem 2 kg lang werdenden und seines schmackhaften Fleisches halber hochgeschätzten =Adlerfisch= (_Sciaéna áquila_) behaupten die Fischer, daß sie seinen Gesang selbst noch aus Tiefen von 50 kg vernehmen und dadurch die Standplätze dieses scheuen und schwer zu fangenden Raubfisches feststellen könnten. Prinz Bonaparte nennt das laut tönende Geräusch, das ein schwimmender Trupp dieser kraftvollen Fische hören läßt, »fast eine Art Brüllen«.
Auch das =Fortpflanzungsgeschäft= der Seefische bietet dem denkenden Beobachter eine Fülle hochinteressanter Ausblicke, zumal verschiedene Formen der aufopferungsvollsten Brutpflege bei diesen als kaltblütig und teilnahmslos verschrieenen Geschöpfen weit häufiger vorkommen, als sich der Laie träumen läßt. Meist ist freilich das Männchen derjenige Teil, dem die Sorge um die Bewachung, Verteidigung und Aufzucht der Nachkommenschaft zufällt. So legt das Weibchen des =Seeteufels= seinen Rogen an Felsen ab, und das Männchen setzt sich dann bis zur völligen Reife der Eier so fest und ausdauernd auf sie, daß in dem Eierhaufen ein Abdruck seiner Unterseite verbleibt; die kleinen Zähnchen auf der Innenseite seiner Bauchflossen dienen wahrscheinlich zum Festhalten der Eier. Der =Lump= oder =Seehase= (_Cyclópterus lúmpus_, siehe Abb. 10, Fig. 7), der zur Laichzeit einen rotgefärbten Bauch bekommt, setzt die Eier unter Klippen ab, wo sie dann das Männchen nach geschehener Befruchtung mit der Schnauze fest gegen das Gestein drückt und sich selbst daneben verankert, um den hoffnungsschwangeren Schatz zu bewachen. Erleichtert wird ihm sein Amt dadurch, daß das die Eier umhüllende Sekret bald verhärtet und so den Rogen festhält. Fremdkörper, die das Wasser zwischen die Eier treibt, fängt der Lump mit dem Maule auf und schafft sie fort. Gegenüber solchen Geschöpfen aber, die sich mit Raubgelüsten nahen, versteht der Lump keinen Spaß, sondern greift sie tapfer an und scheut selbst einen Kampf mit dem grimmen Seewolf nicht, den er durch wütende Bisse oft genug in die Flucht schlägt. In der biologischen Anstalt auf Helgoland wurde ein Beobachter des brutpflegenden Fisches von ihm derart in den Finger gebissen, daß Blut floß. Sind die Jungen endlich glücklich ausgeschlüpft, so heften sie sich auf dem Rücken des besorgten Vaters fest, und dieser trägt nun die teure Bürde zufrieden nach tieferen und sichereren Gründen. Der hochrückige, dickköpfige und breitmaulige Seehase mit der klebrigen, knotenbesetzten Haut ist aber auch noch in einer anderen Beziehung merkwürdig. Die brustständigen Bauchflossen sind nämlich zu einer Scheibe verschmolzen, die als Schröpfkopf wirkt, so daß sich der Fisch, der ein ebenso träger wie schlechter Schwimmer ist, damit an beliebigen Gegenständen festsaugen kann, selbst an glatten Glasscheiben, und zwar so innig, daß nach den Berechnungen von Hannox 36 kg Gewicht erforderlich sind, um einen 20 kg langen Seehasen wieder loszureißen. Faul liegt das auch in der Nord- und Ostsee häufige Tier so wochenlang vor Anker und wartet geduldig, bis der Zufall etwas Genießbares an seinem gefräßigen Maule vorüberführt. Die jungen Seehasen sind zwar sehr klein, aber doch schon recht vierschrötig gebaut, von grasgrüner Farbe, und folgen ihrem Vater wie Kücken der Henne. Droht Gefahr, so saugen sie sich auf dem Rücken und an den Seiten ihres Beschützers fest und lassen sich von ihm davontragen. Das weichliche und wässerige Fleisch des Seehasen wird bei uns nur wenig gegessen; anders ist es aber in nordischen Ländern. Eine ähnliche Lebensweise wie der Lump führt die =Meergrundel= (_Góbius níger_), einer unserer gemeinsten Seefische, zeichnet sich aber zugleich als vorzügliche Nestbauerin aus. Auch sie vermag sich mit den zu einer Saugscheibe verwachsenen Bauchflossen an Steinen und dergleichen festzusaugen und tut das im Aquarium auch an der Glasscheibe, durch die sie dann den Beobachter anstarrt. Nach Eintritt der Ebbe finden sich immer viele Grundeln in den zurückbleibenden Tümpeln und werden dann von der Jugend mit Handnetzen herausgefischt, soweit sie nicht den Möwen und Krähen zum Opfer fallen. Eine Grundelart benutzt nach den Beobachtungen Marshalls zur Nestanlage die eine Klappe einer abgestorbenen Herzmuschel. Sie legt diese mit der hohlen Seite nach unten, entfernt den Sand unter ihr, schmiert die Höhlung der Muschelschale mit ihrem eigenen Körperschleim aus und streut lockeren Sand über das Ganze, um die Schale so zu beschweren, daß sie an Ort und Stelle bleibt. Zuletzt scharrt sie einen kurzen Gang in den Sand, der in den Hohlraum unter der Muschelschale führt. Alle diese Arbeiten verrichtet allein das Männchen. Erst wenn das Bauwerk nahezu fertig ist, erscheint das Weibchen und legt seine Eierchen hinein, die vom Männchen wacker bewacht werden und nach 8-9 Tagen die Jungen entschlüpfen lassen. Für die Fischerei haben die nur 20 kg langen Meergrundeln keine Bedeutung. Dies gilt auch vom =Seeskorpion= (_Cóttus scórpius_), obwohl er beträchtlich größer wird. Nicht gerade zur Freude unserer Fischer findet er sich oft massenhaft in ihren Netzen. Nur die Leber wird gelegentlich verzehrt, das Fleisch gilt als ungenießbar und findet höchstens als Angelköder Verwendung. Überdies fürchten die Fischer den Stich des häßlichen Fisches, während dieser für den Forscher dadurch von Interesse ist, daß seine sehr wechselnde Färbung bei aller scheinbaren Auffälligkeit eine weitgehende Anpassung an den steinigen Meeresgrund darstellt (Abb. 18).
Höchst eigenartige Formen der Brutpflege finden wir bei den bekannten =Seepferdchen= (_Hippocámpus antiquórum_, s. Abb. 10, Fig. 8), diesen lebenden Skeletten, die dem Springer im Schachspiel so ähnlich sehen, auf den ersten Blick so wenig Fischartiges haben und in den Seewasseraquarien durch ihr absonderliches Aussehen, die bestechende Anmut ihrer Bewegungen, ihr lautloses Auf- und Niederschweben, ihr lebhaftes Spielen und durch die seltsame Beweglichkeit des nach vorn eingerollten Schwanzes immer zuerst die Aufmerksamkeit der Besucher auf das von ihnen bewohnte Becken lenken. Schade nur, daß sich die zarten Geschöpfchen im engen Gewahrsam so schlecht halten, denn sonst wären wir wahrscheinlich über ihre Lebensweise besser unterrichtet, als es heute trotz ihrer Häufigkeit der Fall ist. Das verknöcherte Aussehen des Tieres kommt daher, daß die Haut keine Schuppen führt, sondern mit Knochenplatten ausgelegt ist. Das Flossenwerk hat eine starke Verminderung erfahren. Während die Bauchflossen ganz fehlen, sitzen die Brustflossen am Kopfe hinter der Schnauze, da, wo man die Ohren vermuten sollte. Zur Fortbewegung tragen sie nur wenig bei, sondern diese wird fast ausschließlich durch die einzige Rückenflosse bewirkt, die ganz nach Art einer Dampferschraube arbeitet und das Tier mit einer gewissen feierlichen Langsamkeit durch die Fluten treibt. Das Seepferdchen ist ein schlechter und unbeholfener Schwimmer und wird deshalb oft von den Wogen an den Strand geworfen, wo man dann den kleinen, vertrockneten Leichnam findet und als Andenken an den schönen Aufenthalt im Nordseebade mit nach Hause nimmt. Der gewöhnliche Aufenthalt der Seepferdchen ist zwischen Seegräsern und Tangen, wo sie auch ihre aus allerhand winzigem Getier bestehende Nahrung finden. Ausruhend legen sie sich an den Wasserpflanzen vor Anker, indem sie deren Stengel mit ihrem putzigen Schwänzchen umwickeln, das sie also in ganz ähnlicher Weise gebrauchen wie die Kletteraffen ihren Rollschwanz. Gewiß sind die Seepferdchen in ihrer steifen Haltung und mit dem possierlichen, starren Gesichtsausdruck höchst niedliche Tierchen, aber von besonderer Klugheit, von der die älteren Naturgeschichtsbücher fabeln, kann keine Rede sein, ihr ganzes Gebaren atmet vielmehr Eintönigkeit und Langeweile. Allerdings spielen sie ganz hübsch miteinander, umwickeln sich gegenseitig mit den Schwänzen, was aber auf rein mechanische Berührungsreize zurückzuführen sein dürfte, und zur Fortpflanzungszeit scheint es sogar zum Austausch gewisser Zärtlichkeiten zwischen den verliebten Paaren zu kommen. Das Weibchen klebt seine Eier auf den Bauch des Männchens, das sie hier befruchtet, worauf dann die Oberhaut von beiden Seiten her über sie hinwegwuchert und sie in eine schützende Tasche so lange einschließt, bis die Jungen entschlüpfen, die sich zunächst still verhalten, später aber durch ihre Unruhe dem Vater lästig fallen, so daß er sich ihrer zu entledigen sucht und sie durch eigentümlich knickende Körperbewegungen zur Bruttasche hinaus befördert. Sie sind dann etwa 1/2 kg lang. Die Weibchen sind bei diesen Fischen merkwürdigerweise stets lebhafter und auffallender gefärbt als die Männchen. Also auch das Hochzeitskleid hat der gutmütige, offenbar stark unter dem Pantoffel stehende Gemahl seiner Holden überlassen. Übrigens ist den Seepferdchen auch ein nicht unbeträchtliches Farbwechselvermögen eigen, und noch in anderer Beziehung erinnern sie an die Chamäleons, indem sie nämlich jedes ihrer wunderlichen Gespensteraugen unabhängig vom anderen bewegen können. Ganz ähnliche Brutverhältnisse hat auch die ihrem Namen entsprechend lang und dünn gebaute =Seenadel= (_Syngnáthus ácus_) aufzuweisen. Auch hier trägt das Männchen die Eier bis zu ihrer völligen Entwicklung in einer aus zwei fleischigen Längsfalten gebildeten Bauchtasche mit sich herum, die später eine Klappe zur Entlassung der jungen Fischchen öffnet. Man hat auch behauptet, daß die kleinen, frei herumschwärmenden Seenadeln während ihrer ersten Lebenszeit bei Gefahr in die Bauchtasche des Vaters zurückflüchteten wie die jungen Känguruhs in den Brutbeutel ihrer Mutter. Nachgewiesen ist das aber nicht. Bei der ungepanzerten und deshalb mehr wurmartig aussehenden =Schlangennadel= (_Neróphis aequoreus_) kommt es überhaupt nicht zur Bildung des Brutbeutels, sondern die Eier bleiben lediglich in 2-3 Reihen dem Bauche des Männchens angeklebt (Abb. 19). Auch der =Seestichling= (_Gastrósteus spináchia_) gehört gleich seinem allbekannten Vetter aus dem Süßwasser zu den Brutpflege treibenden Arten. Er legt seine Nester im Algengewirr an, ist beträchtlich größer als der Stechbüttel und besitzt 15 freie Rückenstacheln (Abb. 20). Merkwürdigerweise soll er in Einehe leben und auch das Weibchen am Brutgeschäft sich beteiligen.
Die allergrößten Wunder des Fischreiches aber birgt die =Tiefsee=, und in ihrem geheimnisvollen Schoße harren noch unzählige Rätsel des menschlichen Forschergeistes. Noch bringt aus ihr jede Forscherfahrt neue Formen mit heim, und sie alle bergen eine Unzahl neuer Ausblicke, eine überraschende Fülle wertvollster Anregungen. Nirgends hat die schöpferische Natur so schrankenlos in der launenhaften Hervorbringung absonderlicher, verzerrter, einseitiger und abenteuerlicher Formen geschwelgt wie gerade hier, und auch die kühnste Phantasie des schwärmendsten Künstlers vermöchte Gleiches oder auch nur Ähnliches nicht zu schaffen. Schier ratlos steht der Systematiker dieser erdrückenden Menge gänzlich von einander abweichender Formen gegenüber, und der Biologe weiß nicht, an welchem Ende er diese Flut von Rätseln zuerst anpacken soll. Was heute mühsam genug aufgeklärt erscheint, wird morgen durch neue, noch seltsamere Entdeckungen wieder über den Haufen geworfen. Die verwirrende Mannigfaltigkeit der Formen läßt sich oft zurückführen auf die einseitige Bevorzugung und Ausbildung bestimmter Organe, die bei verwandten Formen wieder verkümmert und durch die Umbildung anderer ersetzt sind, wie ja die Natur oftmals den gleichen Zweck auf die verschiedenste Weise zu erreichen weiß. So kennen wir Tiefseefische mit gewaltigen Glotzaugen, die bei anderen zur Größe von Stecknadelköpfen zusammengeschrumpft sind und bei nicht wenigen überhaupt fehlen. Diese werden aber für ihre Blindheit durch mächtige Fühler entschädigt, die oft doppelt so lang sind als der ganze Körper. Der =Großschweif= (_Gigantúra chúni_) hat röhrenförmige Teleskopaugen mit geteilter Netzhaut; dabei hat die Hauptretina ein wohlentwickeltes Sehvermögen, während die Nebenretina als ein vorzüglicher Signalapparat, als ein »Sucher« aufgefaßt werden muß. Bei dem wurmförmigen =Stylophthálmus paradóxus= stehen die Augen auf fabelhaft langen und dünnen Stielen, die sich erst im Laufe des Larvenlebens allmählich entwickeln. Das eherne Gesetz des Fressens und Gefressenwerdens, das fast überall die Gestaltung der Fischwelt beherrscht, kommt nirgends so scharf und unerbittlich zum Ausdruck, wie in der scheinbar recht stillen und friedlichen Tiefsee, die in Wirklichkeit von einem fürchterlichen und erbarmungslosen Kampfe ums Dasein durchtobt wird. Hier sind so schaudererregende Hechelgebisse am Platze, wie sie der =Schwarzfisch= (_Melanocétus kréchi_) in seinem breiten Froschmaule führt, oder _Stomias boa_ (Abb. 21) in seinem Riesenschlangenkopf, hier kann es zur Bildung von Tieren kommen, die, wie das =Großmaul= (_Macrophárynx_) oder wie _Eurypharynx pelecanoides_ (Abb. 22) mit dem Pelikanschnabel, eigentlich nur noch aus einem riesenhaften Rachen mit etlichen unbedeutenden Anhängseln zu bestehen scheinen, oder bei denen ein gewaltiger, höchst ausdehnungsfähiger Magensack alle anderen Organe in den Hintergrund drängt. Dies ist z. B. bei _Melanocétus johnsóni_ der Fall, und infolgedessen kann dieses Fischchen Tiere verschlingen, die es an Körpergröße gut um das Doppelte übertreffen. Zu ihrer Herbeilockung trägt es über der Schnauze noch eine lange Angelrute, in deren Spitze ein Leuchtorgan sitzt. Gegenüber solchen Untieren darf ein nach Art des _Cerátias uranóscopus_ gebauter Tiefseefisch (Abb. 23) wohl als eine ausnehmend reguläre und anmutige Erscheinung gelten.
So außerordentlich verschieden und mannigfaltig auch Form und Lage solcher =Leuchtkörper= sind, so sind sie histologisch nach den schönen Untersuchungen Brauers doch ausnahmslos zurückzuführen auf mit Sekretkörnern angefüllte Drüsenzellen, die als die eigentlichen Lichterzeuger anzusehen sind, während alle übrigen Bestandteile der Leuchtorgane nur nebensächliche Bedeutung haben, so der Pigmentmantel und der Reflektor, deren Rolle ja ohne weiteres kenntlich ist, wie auch gewisse lichtbrechende Teile des Innenkörpers aller Wahrscheinlichkeit nach als Linsen wirksam sein dürften. Meist sind die Leuchtdrüsen geschlossen, und der Leuchtvorgang verläuft demgemäß intrazellulär (zwischenzellig). Aber es gibt auch Leuchtdrüsen (z. B. bei den Gonostomiden), die unmittelbar ins Wasser ausmünden, und wo der Leuchtvorgang erst einsetzt, sobald das Drüsensekret mit dem Wasser in Berührung kommt, so daß es sich hier unbedingt um einen rein chemischen Vorgang handelt, der deshalb auch noch nach dem Ableben des Tieres vor sich gehen kann. Solche Geschöpfe verfügen also über hochmodern ausgerüstete Scheinwerfer, deren sie sich zum Erkennen und Anlocken von Beutetieren wie auch zur Abschreckung von Feinden bedienen, wobei aber noch dahingestellt werden muß, ob die Lichterzeugung vom Willen des Tieres abhängig ist oder nicht. Die vielfach vorhandenen Vorrichtungen zum Abblenden machen eigentlich das erstere wahrscheinlicher. Außer diesen eigentlichen Leuchtorganen sind aber bei Tiefseefischen nicht selten noch andere, kleinere, zu Hunderten und Tausenden über den ganzen Rumpf zerstreut, die offensichtlich eine andere biologische Bedeutung haben müssen. Brauer und andere Forscher neigen der Ansicht zu, daß diese oft zu hübschen Mustern angeordneten Organe ein vielfarbiges Licht aussenden, mithin in ihrer Gesamtheit die charakteristische Zeichnung des Tieres darstellen und somit dieselbe Rolle spielen wie die Pigmente oder Färbestoffe bei den im Bereich des Sonnenlichtes lebenden Tieren. Biologisch würden sie demgemäß zum Erkennen der Artgenossen und zum gegenseitigen Aufsuchen der Geschlechter dienen. In schönster Übereinstimmung mit dieser Auffassung steht die Tatsache, daß sie sich nur bei solchen Tiefseefischen finden, die mehr vereinzelt leben und große Strecken durchschwimmen, während sie bei den seßhaften Grundfischen und gesellig lebenden Arten als überflüssig nicht zur Ausbildung gelangen. Etwa ein Fünftel aller Tiefseefische ist im Besitze von Leuchtorganen, und zwar nimmt deren Leuchtvermögen mit zunehmender Meerestiefe wieder ab, woraus Brauer folgern möchte, daß sie sich in der Dämmerungszone ausgebildet haben und hauptsächlich für diese kennzeichnend sind.