Chapter 2
Kreusa. Komm! Er will dir wohl!--Und ihr kommt auch, ihr Kleinen!
(Führt Medeen und die Kinder fort.)
König. Hast du gehört?
Jason. Ich hab.
König. Und sie dein Weib? Schon früher gab uns Kunde das Gerücht, Doch glaubt' ich's nicht und nun, da ich's gesehn, Glaub ich's fast minder noch!--Dein Weib!
Jason. Du siehst den Gipfel nur, die Stufen nicht, Und nur von diesen läßt sich jener richten. Ich zog dahin in frischer Jugendkraft, Durch fremde Meere zu der kühnsten Tat, Die noch geschehn, seit Menschen sind und denken. Das Leben war, die Welt war aufgegeben Und nichts war da, als jenes helle Vlies, Das durch die Nacht, ein Stern im Sturme schien. Der Rückkehr dachte niemand und als wär' Der Augenblick, in dem der Preis gewonnen, Der letzte unsers Lebens, strebten wir. So zogen wir, ringfertige Gesellen, Im Übermut des Wagens und der Tat, Durch See und Land, durch Sturm und Nacht und Klippen, Den Tod vor uns, und hinter uns den Tod. Was gräßlich sonst, schien leicht und fromm und mild, Denn die Natur war ärger als der Ärgste; Im Streit mit ihr und mit des Wegs Barbaren Umzog sich hart des Mild'sten weiches Herz; Der Maßstab aller Dinge war verloren, Nur an sich selbst maß jeder was er sah. Was allen uns unmöglich schien, geschah: Wir sahen Kolchis' wundervolles Land, O hättest du's gesehn in seinen Nebeln! Der Tag ist Nacht dort und die Nacht Entsetzen, Die Menschen aber finstrer als die Nacht. Da fand ich sie, die dir so greulich dünkt; Ich sage dir, sie glich dem Sonnenstrahl, Der durch den Spalt in einen Kerker fällt. Ist sie hier dunkel, dort erschien sie licht Im Abstich ihrer nächtlichen Umgebung.
König. Nie recht ist Unrecht, Schlimmes nirgends gut.
Jason. Der Obern einer wandt' ihr Herz mir zu; Sie stand mir bei in mancher Fährlichkeit. Ich sah die Neigung sich in ihr empören, Doch störrisch legt' sie ihr den Zügel an, Und nur ihr Tun, ihr Wort verriet mir nichts. Da faßt' auch mich der Wahnsinn wirbelnd an, Daß sie's verschwieg, das eben reizte mich, Auf Kampf gestellt rang ich mit ihr und wie Ein Abenteuer trieb ich meine Liebe. Sie fiel mir zu. Ihr Vater fluchte ihr. Nun war sie mein--hätt' ich's auch nicht gewollt. Durch sie ward mir das rätselvolle Vlies, Sie führte mich in jene Schauerhöhle, Wo ich's gewann, dem Drachen abgewann. Sooft ich ihr seitdem ins Auge blicke, Schaut mir die Schlange blinkend draus entgegen, Und nur mit Schaudern nenn ich sie mein Weib. Wir fuhren ab. Ihr Bruder fiel.
König (rasch). Durch sie?
Jason. Er fiel der Götter Hand.--Ihr alter Vater, Ihr fluchend, mir und unsern künft'gen Tagen, grub Mit blut'gen Nägeln sich sein eignes Grab Und starb, so heißt es, gen sich selber wütend.
König. Mit bösen Zeichen fing die Eh' dir an.
Jason. Mit schlimmern setzte sie sich weiter fort.
König. Wie war's mit deinem Ohm? erzähl mir dies.
Jason. Vier Jahr' verschob die Rückkehr uns ein Gott, Durch Meer und Land uns in der Irre treibend. In Schiffes Enge, stündlich ihr genüber, Brach sich der Stachel ab des ersten Schauders; Geschehn war, was geschehn--Sie ward mein Weib.
König. Und nun daheim, in Jolkos bei dem Oheim?
Jason. Verwischt war von der Zeit der Greuel Bild, Und, halb Barbar, zur Seite der Barbarin, Zog stolz ich ein in meiner Väter Stadt. Im Angedenken noch des Volkes Jubel Bei meiner Abfahrt, hofft' ich freudiger Noch den Empfang, da ich als Sieger kehrte. Doch still war's in den Gassen, als ich kam, Und scheu wich der Begegnende mir aus. Was dort geschehn in jenem dunkeln Land, Vermehrt mit Greueln, hatt' es das Gerücht Gesät in unsrer Bürger furchtsam Ohr; Man floh mich und verachtete mein Weib-- (Mein) war sie, (mich) verschmähte man in ihr. Mein Oheim aber nährte schlau die Stimmung Und als ich forderte das Erbe meiner Väter, Das er mir nahm und tückisch vorenthielt, Da hieß er mich mein Weib von mir zu senden, Die ihm zum Greuel sei mit ihrem dunkeln Streben, Wo nicht, sein Land, der Väter Land zu meiden.
König. Du aber?
Jason. Ich? Sie war mein Weib; Sie hatte meinem Schutz sich anvertraut Und der sie forderte, es war mein Feind. Hätt' er auch Billiges begehrt, beim Himmel, Er hätt' es nicht erlangt: so minder dies. Ich schlug es ab.
König. Und er?
Jason. Er sprach den Bann. Desselben Tags noch sollt' ich Jolkos meiden. Ich aber wollte nicht und blieb. Da wird der König plötzlich krank. Gemurmel Läuft durch die Stadt, gar Seltsames verkündend. Wie vor dem Hausaltar er sitze, wo Das Wundervlies man weihend aufgehängt, Mit unverwandtem Aug' es starr betrachtend. Oft schrie er auf: sein Bruder schau' ihn an, Mein Vater, den er tückisch einst getötet Beim Wortstreit ob des Argonautenzugs, Er schau' ihn an aus jenes Goldes Flimmer, Das er mich holen hieß, der falsche Mann Aus fernem Land, auf daß ich drob verderbe. Als nun die Not des Königs Haus bedrängte, Da traten seine Töchter vor mich hin, Um Heilung flehend von Medeens Kunst. Ich aber sagte. Nein! Sollt' ich den Mann erretten, Der mein Verderben sann und all der Meinen? Da gingen sie, die Mädchen, weinend hin, Ich aber schloß mich ein, nichts weiter achtend. Und ob sie wiederholt gleich flehend kamen Ich blieb bei meinem Sinn und meinem: Nein! Als ich darauf nun lag zu Nacht und schlief, Hör ich Geschrei an meines Hauses Pforten, Akastos ist's, des bösen Oheims Sohn. Der stürmt mein Tor mit lauten Pöbelhaufen Und nennt mich Mörder, Mörder seines Vaters, Der erst gestorben, in derselben Nacht. Auf stand ich und zu reden sucht' ich, doch Umsonst, das Volksgebrüll verschlang mein Wort. Und schon begann mit Steinen man den Krieg. Da nahm ich dies mein Schwert und schlug mich durch. Seitdem irr ich durch Hellas' weite Städte, Der Menschen Greuel, meine eigne Qual, Und, nimmst du mich nicht auf, ein Ganzverlorner!
König. Ich hab dir's zugesagt und halt es auch. Doch sie--
Jason. Eh' du vollendest höre mich! Du nimmst uns beide, oder keinen, Herr! Mein Leben wär' erneut, wüßt' ich sie fort, Doch muß ich schützen, was sich mir vertraut.
König. Die Künste, die sie weiß, sie schrecken mich, Die Macht zu schaden zeugt gar leicht den Willen, Auch ist ihr Schuld nicht fremd und arge Tat.
Jason. Wenn sie nicht ruhig ist, so treib sie aus, Verjag sie, töte sie, und mich--uns alle. Doch bis dahin gönn ihr noch den Versuch, Ob sie's vermag zu weilen unter Menschen. Beim Zeus, der Fremden Schützer, bitt ich es, Und bei dem Gastrecht fordr' ich's, das die Väter In längstentschwundner Zeit uns aufgerichtet, In Jolkos und Korinthos, solcher Schickungen Mit klugem Sinn in vorhinein gedenkend. Gewähre mir's, damit nicht einst den Deinen In gleichem Unheil, gleiche Weigrung werde.
König. Den Göttern weich ich, gegen meinen Sinn. Sie bleibe. Doch verrät mir nur ein Zug Die Rückkehr ihres alten, wilden Sinns, So treib ich sie aus meiner Stadt hinaus Und liefere sie denen, die sie suchen. Hier aber, wo ich dich zuerst gesehn, Erhebe sich ein heiliger Altar. Der Fremden Schützer, Zeus, sei er geweiht Und Pelias', deines Oheims blut'gen Manen. Dort wollen wir vereint die Götter bitten, Daß sie den Eintritt segnen in mein Haus, Und gnädig wenden, was uns Übles droht. Und nun komm mit in meine Königsburg.
(zu seinen Begleitern, die sich jetzt nähern.)
Ihr aber richtet aus, was ich befahl.
(Indem sie sich zum Abgehen wenden, fällt der Vorhang)
Zweiter Aufzug
(Halle in Kreons Königsburg) zu (Korinth.) (Kreusa sitzend, Medea auf einem niederern Schemmel vor ihr, eine Leier in ihrem Arm; sie ist griechisch gekleidet.)
Kreusa. Hier diese Saite nimm, die zweite, diese!
Medea. So also?
Kreusa. Nein. Die Finger mehr gelöst.
Medea. Es geht nicht.
Kreusa. Wohl. Wenn du's nur ernstlich nimmst.
Medea. Ich nehm es ernstlich; doch es geht nicht.
(Sie legt die Leier weg und steht auf.)
Nur an den Wurfspieß ist die Hand gewöhnt Und an des Weidwerks ernstlich rauh Geschäft.
(Ihre rechte Hand dicht vor die Augen haltend.)
Daß ich sie strafen könnte diese Finger, strafen!
Kreusa. Wie du nun bist! Da hatt' ich mich gefreut Daß du ihn überraschen solltest, Jason, Mit deinem Lied.
Medea. Ja so, ja du hast recht. Darauf vergaß ich. Laß noch mal versuchen! Es wird ihn freuen, meinst du, wirklich freuen?
Kreusa. Gewiß. Er sang das Liedchen schon als Knabe, Als er bei uns, in unserm Hause lebte. Sooft ich's hörte, sprang ich fröhlich auf, Denn immer war's das Zeichen seiner Heimkehr.
Medea. Das Liedchen aber?
Kreusa. Wohl so hör mir zu Es ist nur kurz und eben nicht sehr schön Allein er wußt' es gar so hübsch zu singen, So übermütig, trotzend, spöttisch fast. O ihr Götter, Ihr hohen Götter! Salbt mein Haupt Wölbt meine Brust, Daß den Männern Ich obsiege Und den zierlichen Mädchen auch.
Medea. Ja, ja, sie haben's ihm gegeben!
Kreusa. Was?
Medea. Des kurzen Liedchens Inhalt.
Kreusa. Welchen Inhalt?
Medea. Daß den Männern er obsiege Und den zierlichen Mädchen auch.
Kreusa. Daran hatt' ich nun eben nie gedacht. Ich sang's nur nach, wie ich's ihn singen hörte.
Medea. So stand er da an Kolchis' fremder Küste; Die Männer stürzten nieder seinem Blick, Und mit demselben Blick warf er den Brand In der Unsel'gen Busen, die ihn floh, Bis, lang verhehlt, die Flamme stieg empor Und Ruh' und Glück und Frieden prasselnd sanken Von Rauchesqualm und Feuersglut umhüllt. So stand er da in Kraft und Schönheit prangend, Ein Held, ein Gott und lockte, lockte, lockte, Bis es verlockt, sein Opfer, und vernichtet, Dann warf er's hin und niemand hob es auf.
Kreusa. Bist du sein Weib und sprichst so schlimm von ihm?
Medea. Du kennst ihn nicht, ich aber kenn ihn ganz. Nur (er) ist da, (er) in der weiten Welt Und alles andre nichts als Stoff zu Taten. Voll Selbstheit, nicht des Nutzens, doch des Sinns, Spielt er mit seinem und der andern Glück. Lockt's ihn nach Ruhm so schlägt er einen tot, Will er ein Weib, so holt er eine sich, Was auch darüber bricht, was kümmert's ihn! Er tut nur Recht, doch recht ist was er will. Du kennst ihn nicht, ich aber kenn ihn ganz Und denk ich an die Dinge, die geschehn, Ich könnt' ihn sterben sehn und lachen drob.
Kreusa. Leb wohl!
Medea. Du gehst?
Kreusa. Soll ich dich länger hören? Ihr Götter! Spricht die Gattin so vom Gatten?
Medea. Nach dem er ist: der Meine tat darnach!
Kreusa. Beim hohen Himmel, hätt' ich einen Gatten, So arg, so schlimm, als Deiner nimmer ist, Und Kinder, sein Geschenk und Ebenbild, Ich wollt' sie lieben, töteten sie mich.
Medea. Das sagt sich gut, allein es übt sich schwer.
Kreusa. Es wär' wohl minder süß, übt' es sich leichter. Doch tue was dir gutdünkt, ich will gehn. Zuerst lockst du mit holdem Wort mich an Und fragst nach Mitteln mich, ihm zu gefallen Und nun brichst du in Haß und Schmähung aus. Viel Übles hab an Menschen ich bemerkt, Das Schlimmste aber ist ein unversöhnlich Herz. Leb wohl und lerne besser sein.
Medea. Du zürnst?
Kreusa. Beinahe.
Medea. O gib nicht auch (du) mich auf, Verlaß mich nicht sei du mein Schirm und Schutz!
Kreusa. Nun bist du mild und erst warst du voll Haß.
Medea. Der Haß gilt mir und Jason gilt die Liebe.
Kreusa. So liebst du deinen Gatten?
Medea. Wär' ich hier sonst?
Kreusa. Ich sinne nach und doch versteh ich's nicht. Doch: liebst du ihn, bin ich dir wieder gut, Und sage dir wohl sichre Mittel an, Die Launen, die er hat, ich weiß es wohl, Wie Wolken zu zerstreun. Laß uns nur machen. Ich sah es, er war morgens trüb und düster, Doch sing ihm erst dein Lied und du wirst sehn Wie schnell er fröhlich wird. Hier ist die Leier. Nicht eher laß ich ab, bis du es weißt.
(Sie sitzt.)
Was kommst du nicht? Was stehst und zögerst du?
Medea. Ich seh dich an und seh dich wieder an Und kann an deinem Anblick kaum mich sätt'gen. Du Gute, Milde, schön an Leib und Seele, Das Herz wie deine Kleider hell und rein. Gleich einer weißen Taube schwebest du, Die Flügel breitend, über dieses Leben Und netzest keine Feder an dem Schlamm, In dem wir ab uns kämpfend mühsam weben. Senk einen Strahl von deiner Himmelsklarheit In diese wunde, schmerzzerrißne Brust. Was Gram und Haß und Unglück hingeschrieben O lösch es aus mit deiner frommen Hand Und setze deine reinen Züge hin. Die Stärke, die mein Stolz von Jugend war, Sie hat im Kampfe sich als schwach bewiesen O lehre mich, was stark die Schwäche macht.
(Sie setzt sich auf den Schemmel zu Kreusas Füßen.)
Zu deinen Füßen will ich her mich flüchten Und will dir klagen, was sie mir getan; Will lernen, was ich lassen soll und tun. Wie eine Magd will ich dir dienend folgen, Will weben an dem Webstuhl, früh zur Hand, Und alles Werk, das man bei uns verachtet, Den Sklaven überläßt und dem Gesind', Hier aber übt die Frau und Herrin selbst, Vergessend, daß mein Vater Kolchis' König, Vergessend, daß mir Götter sind als Ahnen, Vergessend was geschehn und was noch droht--
(Aufstehend und sich entfernend.)
Doch das vergißt sich nicht.
Kreusa (ihr folgend). Was ficht dich an? Was Schlimmes auch in frührer Zeit geschehn, Der Mensch vergißt, ach und die Götter auch.
Medea
(an ihrem Halse). Meinst du? O daß ich's glauben könnte, glauben!
(Jason kommt.)
Kreusa (sich gegen ihn wendend). Hier dein Gemahl. Sieh Jason, wir sind Freunde!
Jason. So, so.
Medea. Sei mir gegrüßt.--Sie ist so gut, Sie will Medeas Freundin sein und Lehrerin.
Jason. Viel Glück zu dem Versuch!
Kreusa. Was bist du ernst? Wir wollen hier recht frohe Tage leben. Ich, meine Sorge zwischen meinem Vater Und euch verteilend; du und sie, Medea--
Jason. Medea!
Medea. Was gebeutst du, mein Gemahl?
Jason. Sahst du die Kinder schon?
Medea. Ach, ja nur erst. Sie sind recht munter.
Jason. Sieh doch noch einmal!
Medea. Nur kaum erst war ich dort.
Jason. Sieh (doch), sieh (doch!)
Medea. Wenn du es willst.
Jason. Ich wünsch es.
Medea. Wohl, ich gehe.
(Ab.)
Kreusa. Was sendest du sie fort? Sie sind ja wohl.
Jason. Ah! So, nun ist mir leicht, nun kann ich atmen! Ihr Anblick schnürt das Innre mir zusammen Und die verhehlte Qual erwürgt mich fast.
Kreusa. Was hör ich? O ihr allgerechten Götter! So spricht nun er und so sprach vorher sie. Wer sagte mir denn, Gatten liebten sich?
Jason. Ja wohl, wenn nach genutzter Jugendzeit Der Jüngling auf ein Mädchen wirft den Blick Und sie zur Göttin macht von seinen Wünschen. Er späht nach ihrem Aug', ob es ihn trifft Und trifft's ihn, ist er froh in seinem Sinn. Zum Vater geht er und zur Mutter hin Und wirbt um sie und jene sagen's zu. Da ist ein Fest und die Verwandten kommen Die ganze Stadt nimmt an dem Jubel Teil. Mit Kränzen reich geschmückt und lichten Blumen Führt er die Braut zu Tempel und Altar. Errötend und in holdem Schauer bebend Vor dem was sie doch wünscht, tritt sie einher; Der Vater aber legt die Hände auf Und segnet sie und ihr entfernt Geschlecht. Die so zur Freite gehn, die lieben sich. Mir war es auch bestimmt, doch kam es nicht. Was hab ich denn getan, gerechte Götter, Daß ihr mir nahmt, was ihr dem Ärmsten gebt Ein Schmerzasyl an seinem eignen Herd Und zur Vertrauten, die ihm angetraut.
Kreusa. So hast du nicht gefreit wie andre freien, Der Vater hob die Hand nicht segnend auf?
Jason. Er hob sie auf, doch mit dem Schwert bewaffnet Und statt des Segens gab er uns den Fluch. Allein ich hab ihm's tüchtig rückgegeben; Sein Sohn ist tot, er selber stumm und tot-- Sein Fluch nur lebt--zum mind'sten scheint es so.
Kreusa. Wie können wen'ge Jahre doch verwandeln! Wie warst du mild und wie bist nun so rauh. Ich selber bin dieselbe die ich war, Was damals ich gewollt, will ich noch jetzt, Was da mir gut erschien, erscheint mir's noch, Was tadelnswert muß ich noch jetzo tadeln. Mit dir scheint's anders.
Jason. Ja, auch das, auch das! Es ist des Unglücks eigentlichstes Unglück, Daß selten drin der Mensch sich rein bewahrt. Hier gilt's zu lenken, dort zu biegen, beugen, Hier rückt das Recht ein Haar und dort ein Gran, Und an dem Ziel der Bahn steht man ein andrer, Als der man war, da man den Lauf begann. Und dem Verlust der Achtung dieser Welt Fehlt noch der einz'ge Trost, die eigne Achtung. Ich habe nichts getan was schlimm an sich, Doch viel gewollt, gemocht, gewünscht, getrachtet; Still zugesehen, wenn es andre taten; Hier Übles nicht gewollt, doch zugegriffen Und nicht bedacht daß Übel sich erzeuge. Und jetzt steh ich vom Unheilsmeer umbrandet Und kann nicht sagen: ich hab's nicht getan! O Jugend, warum währst du ewig nicht! Beglückend Wähnen, seliges Vergessen, Der Augenblick des Strebens Wieg' und Grab. Wie plätschert' ich im Strom der Abenteuer, Die Wogen teilend mit der starken Brust. Doch kommt das Mannesalter ernst geschritten, Da flieht der Schein: die nackte Wirklichkeit Schleicht still heran und brütet über Sorgen. Die Gegenwart ist dann kein Fruchtbaum mehr, In dessen Schatten man genießend ruht, Sie ist ein unangreifbar Samenkorn, Das man vergräbt, daß eine Zukunft sprosse. Was wirst du tun? wo wirst du sein und wohnen? Was wird aus dir? Und was aus Weib und Kind? Das fällt uns an und quält uns ab und ab.
(Er setzt sich.)
Kreusa. Was sorgst du denn? es ist für dich gesorgt.
Jason. Gesorgt? O ja, wie man dem Bettler wohl Den Napf mit Abhub an die Schwelle reicht. Bin ich der Jason und brauch andrer Sorge? Muß unter fremden Tisch die Füße setzen Mit meinen Kindern betteln gehn zu fremden Mitleid? Mein Vater war ein Fürst, ich bin es auch Und wer ist, der dem Jason sich vergleicht? Und doch--
(Er ist aufgestanden.)
Ich kam den lauten Markt entlang Und durch die weiten Gassen eurer Stadt Weißt du noch, wie durch sie ich prangend schritt Als ich, vor jenem Argonautenzug, Hierherkam, von euch Abschied noch zu nehmen? Da wallten sie in dichtgedrängten Wogen Von Menschen, Wagen, Pferden, bunt gemengt. Die Dächer trugen Schauende, die Türme, Und wie um Schätze stritt man sich den Raum. Die Luft ertönte von der Zimbel Lärm Und von dem Lärm der heilzuschreinden Menge. Dicht drängt' sie sich rings um die edle Schar, Die reich geschmückt, in Panzers hellem Leuchten, Der mindeste ein König und ein Held, Den edlen Führer ehrfurchtsvoll umgaben-- Und ich war's der sie führte, ich ihr Hort, Ich, den das Volk in lautem Jubel grüßte-- Jetzt als ich durch dieselben Straßen ging, Traf mich kein Aug', kein Gruß, kein Wort. Nur als ich stand, und rings her um mich sah, Meint' einer, es sei schlechte Sitte, so In Weges Mitte stehn und andre stören.
Kreusa. Du wirst dich wieder heben, wenn du willst.
Jason. Mit mir ist's aus! ich hebe mich nicht mehr.
Kreusa. Ich weiß ein Mittel wie dir's wohl gelingt.
Jason. Das Mittel wüßt' ich wohl, doch schaffst du mir's? Mach daß ich nie der Väter Land verlassen, Daß ich bei euch hier in Korinthos blieb, Daß ich das Vlies, ich Kolchis nie gesehen, Ich nie gesehen sie, die nun mein Weib. Mach, daß sie heimkehrt in ihr fluchbeladnes Land Und die Erinnrung mitnimmt, daß sie dagewesen, Dann will ich wieder Mensch mit Menschen sein.
Kreusa. Das wär's allein? Ich weiß ein andres Mittel: Ein einfach Herz und einen stillen Sinn.
Jason. Ja, wer von dir das lernen könnte, Gute!
Kreusa. Die Götter geben's jedem, der nur will. Auch dir war's einst und kann es wieder werden.
Jason. Denkst du noch manchmal unsrer Jugendzeit?
Kreusa. Gar oft und gern erinnr' ich mich an sie.
Jason. Wie wir ein Herz und eine Seele waren.
Kreusa. Ich machte milder dich und du mich kühn. Weißt du, wie ich den Helm aufs Haupt mir setzte?
Jason. Er war zu weit, du hieltst ihn, sanft geduckt, Mit kleinen Händen ob den goldnen Locken. Kreusa, es war eine schöne Zeit!
Kreusa. Und wie mein Vater sich darüber freute, Er nannt' uns öfter scherzend Bräutigam und Braut.
Jason. Es kam nicht so.
Kreusa. Wie manches anders kommt, Als man's gedacht. Allein was tut's? Wir wollen drum nicht minder fröhlich sein!
(Medea kommt zurück.)
Medea. Die Kleinen sind besorgt.
Jason. Nun, es ist gut.
(Fortfahrend.)
Die schönen Orte unsrer Jugendlust, An die Erinnrung knüpft mit leisen Fäden, Ich hab sie durchgegangen, da ich kam, Und Brust und Lippen kühlend eingetaucht Im frischen Born der hellen Kinderzeit. Ich war am Markt, wo ich den Wagen lenkte, Das rasche Roß dem Ziel entgegentrieb, Den Faustschlag wechselnd mit dem Gegner rang, Indes du standst und sahst, erschrakst und zürntest, Um meinetwillen jedem Gegner feind. Ich war im Tempel, wo vereint wir knieten, Hier nur allein einander uns vergessend, Und unsre Lippen zu den Göttern sandten Aus zweier Brust ein einzig, einig Herz.
Kreusa. So weißt du denn das alles noch so gut?
Jason. Ich sauge Labung draus mit vollen Zügen
Medea (die still hingegangen ist und die weggelegte Leier ergriffen hat). Jason, ich weiß ein Lied!
Jason. Und dann der Turm! Weißt du den Turm dort an der Meeresküste Wo du mit deinem Vater standst und weintest, Als ich das Schiff bestieg zum weiten Zug. Ich hatte da kein Aug' für deine Tränen Denn nur nach Taten dürstete mein Herz. Ein Windstoß löste deinen Schleier los Und warf ihn in die See, ich sprang darnach Und trug ihn mit mir fort, dir zum Gedächtnis.
Kreusa. Hast du ihn noch?
Jason. Denk nur, so manches Jahr Verging seit dem und nahm dein Pfand mit sich. Der Wind hat ihn verweht.
Medea. Ich weiß ein Lied.
Jason. Du riefst mir damals zu: Leb wohl, mein Bruder.
Kreusa. Und jetzt ruf ich: Mein Bruder, sei gegrüßt!
Medea. Jason, ich weiß ein Lied.
Kreusa. Sie weiß ein Lied, Das du einst sangst, hör zu, sie soll dir's singen.
Jason. Ja so! Wo war ich denn? Das klebt mir an Aus meiner Jugendzeit und spottet meiner, Daß gern ich manchmal träumen mag und schwatzen Von Dingen die nicht sind und die nicht werden. Denn wie der Jüngling in der Zukunft lebt So lebt der Mann mit der Vergangenheit. Die Gegenwart weiß keiner recht zu leben. Da war ich jetzt ein tatenkräft'ger Held Und hatt' ein liebes Weib und Gold und Gut Und einen Ort wo meine Kinder schlafen. Was also willst du denn?
(Zu Medea.)
Kreusa. Ein Lied dir singen, Das du in deiner Jugend sangst bei uns.
Jason. Und das singst du?
Medea. So gut ich kann.
Jason. Ja wohl! Willst du mit einem armen Jugendlied Mir meine Jugend geben und ihr Glück? Laß das. Wir wollen aneinander halten Weil's einmal denn so kam und wie sich's gibt. Doch nichts von Liedern und von derlei Dingen!
Kreusa. Laß sie's doch singen. Sie hat sich geplagt Bis sie's gewußt und nun--
Jason. So singe, sing!
Kreusa. Die zweite Saite, weißt du noch?
Medea (mit der Hand schmerzlich aber ihre Stirne streichend). Vergessen.
Jason. Siehst du, ich sagt' es wohl, es geht nun nicht! An andres Spiel ist ihre Hand gewohnt, Den Drachen sang sie zaubrisch in den Schlaf. Und das klang anders als dein reines Lied.
Kreusa (einflüsternd). O ihr Götter Ihr hohen Götter--
Medea (nachsagend). O ihr Götter-- Ihr hohen, ihr gerechten, strengen Götter!
(Die Leier entfällt ihr, sie schlägt beide Hände vor die weinenden Augen.)
Kreusa. Sie weint. Wie kannst du doch so hart sein und so wild.
Jason (sie zurückhaltend). Laß sie! Kind, du verstehst uns beide nicht! Es ist der Götter Hand, was sie nun fühlt, Auch hier gräbt sie, auch hier mit blut'gen Griffen. Greif du nicht in der Götter Richteramt! Hättst du sie dort gesehn im Drachenhorst, Wie sie sich mit dem Wurm zur Wette bäumte, Voll Gift der Zunge Doppelpfeile schoß, Und Haß und Tod aus Flammenaugen blinkte, Dein Busen wär' gestählt gen ihre Tränen. Nimm du die Leier und sing mir das Lied Und bann den Dämon, der mich würgend quält. Du kannst's vielleicht, doch jene nicht.
Kreusa. Recht gern.
(Sie will die Leier aufheben.)
Medea
(ihren Arm ober der Hand fassend und sie abhaltend). Halt ein!
(Sie hebt mit der andern Hand die Leier auf.)
Kreusa. Recht gern, spielst du es selber.
Medea. Nein!
Jason. Gibst du sie nicht denn?
Medea. Nein.
Jason. Auch mir nicht?
Medea. Nein!
Jason
(hinzutretend und nach der Leier greifend). Ich aber nehme sie.
Medea (ohne sich vom Platz zu bewegen, die Leier zurückziehend). Umsonst!
Jason (ihre zurückziehenden Hände mit den seinigen verfolgend). Gib!
Medea
(die Leier im Zurückziehen zusammendrückend, daß sie krachend zerbricht). Hier! Entzwei!
(Die zerbrochene Leier vor Kreusa hinwerfend.)