Medea

Chapter 1

Chapter 14,005 wordsPublic domain

Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen

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Medea

Franz Grillparzer

Trauerspiel in fünf Aufzügen

Personen:

Kreon, König von Korinth Kreusa, seine Tochter Jason Medea Gora, Medeens Amme Ein Herold der Amphiktyonen Ein Landmann Diener und Dienerinnen Medeens Kinder

Erster Aufzug

(Vor den Mauern von Korinth. Links im Mittelgrunde ein Zelt aufgeschlagen. Im Hintergrunde das Meer, an dem sich auf einer Landspitze ein Teil der Stadt hinzieht. Früher Morgen noch vor Tages Anbruch. Dunkel.)

(Ein Sklave steht rechts im Vorgrunde in einer Grube, mit der Schaufel grabend und Erde auswerfend. Medea auf der andern Seite, vor ihr eine schwarze, seltsam mit Gold verzierte Kiste, in welche sie mancherlei Gerät während des Folgenden hineinlegt.)

Medea. Bist du zu Ende?

Sklave. Gleich, Gebieterin!

(Gora tritt aus dem Zelte und bleibt in der Entfernung stehen.)

Medea. Zuerst den Schleier und den Stab der Göttin; Ich werd euch nicht mehr brauchen, ruhet hier. Die Zeit der Nacht, der Zauber ist vorbei Und was geschieht, ob Schlimmes oder Gutes, Es muß geschehn am offnen Strahl des Lichts. Dann dies Gefäß: geheime Flammen birgt's, Die den verzehren, der's unkundig öffnet; Dies andere, gefüllt mit gähem Tod; Hinweg ihr aus des heitern Lebens Nähe! Noch manches Kraut, manch dunkel-kräft'ger Stein, Der ihr entsprangt, der Erde geb ich euch.

(Aufstehend.)

So. Ruhet hier verträglich und auf immer! Das Letzte fehlt noch und das Wichtigste.

(Der Sklave, der unterdes aus der Grube heraufgestiegen ist und sich hinter Medeen, das Ende ihrer Beschäftigung abwartend, gestellt hat, greift jetzt, um zu helfen, nach einem, an einer Lanze befestigten, Verhülltem, das an einem Baume hinter Medeen lehnt; die Hülle fällt auseinander, das Banner mit dem Vliese leuchtet strahlend hervor.)

Sklave (das Banner anfassend). Ist's dieses hier?

Medea. Halt ein! Enthüll es nicht!-- Laß dich noch einmal schaun, verderblich Gastgeschenk! Du Zeuge von der Meinen Untergang, Besprützt mit meines Vaters, Bruders Blut, Du Denkmal von Medeens Schmach und Schuld.

(Sie tritt mit dem Fuße auf den Schaft, daß er entzweibricht.)

So brech ich dich und senke dich hinab In Schoß der Nacht, dem dräuend du entstiegen.

(Sie legt das gebrochene Banner zu dem andern Gerät in die Kiste und schließt den Deckel.)

Gora (vortretend). Was tust du hier?

Medea (umblickend). Du siehst's.

Gora. Vergraben willst du Die Zeichen eines Dienstes, der Schutz dir gab Und noch dir geben kann?

Medea. Der Schutz mir gab? Weil mehr nicht Schutz er gibt, als er mir gab, Vergrab ich sie. Ich bin geschützt genug.

Gora. Durch deines Gatten Liebe?

Medea (zum Sklaven). Bist du fertig?

Sklave. Gebiet'rin ja!

Medea. So komm!

(Sie faßt die Kiste bei einer Handhabe, der Sklave bei der andern, und so tragen beide sie zur Grube.)

Gora (von ferne stehend). O der Beschäftigung Für eines Fürsten fürstlich hohe Tochter!

Medea. Scheint's dir für mich zu hart, was hilfst du nicht?

Gora. Jasons Magd bin ich, nicht die deine; Seit wann dient eine Sklavin der andern?

Medea (zum Sklaven). Jetzt senk sie ein und wirf die Erde zu!

(Der Sklave läßt die Kiste in die Grube hinab und wirft mit der Schaufel Erde darüber. Medea kniet dabei.)

Gora (im Vorgrunde stehend). O laßt mich sterben, Götter meines Landes, Damit ich nicht mehr sehn muß was ich sehe! Doch vorher schleudert euren Rachestrahl Auf den Verräter, der uns dies getan! Laßt mich ihn sterben sehn, dann tötet mich!

Medea. Es ist getan. Nun stampf den Boden fest Und geh! Ich weiß, du wahrest mein Geheimnis, Du bist ein Kolcher und ich kenne dich.

(Der Sklave geht.)

Gora (mit grimmigen Hohn nachrufend). Verrat's nicht eurem Herrn, sonst weh euch beiden!-- Hast du vollendet?

Medea (zu ihr tretend). Ja.--Nun bin ich ruhig.

Gora. Und auch das Vlies vergrubst du?

Medea. Auch das Vlies.

Gora. So ließt ihr es in Jolkos nicht zurück Bei deines Gatten Ohm?

Medea. Du sahst es hier.

Gora. Es blieb dir also und du vergrubst es Und so ist's abgetan und aus! Weggehaucht die Vergangenheit, Alles Gegenwart, ohne Zukunft. Kein Kolchis gab's und keine Götter sind, Dein Vater lebte nie, dein Bruder starb nicht: Weil du's nicht denkest mehr, ist's nie gewesen! So denk denn auch, du seist nicht elend, denk Dein Gatte, der Verräter, liebte dich; Vielleicht geschieht es!

Medea (heftig). Gora!

Gora. Was? Meinst du ich schwiege? Die Schuldige mag schweigen und nicht ich! Hast du mich hergelockt aus meiner Heimat In deines trotz'gen Buhlen Sklaverei, Wo ich, in Fesseln meine freien Arme, Die langen Nächte kummervoll verseufze, Und jeden Morgen zu der neuen Sonne Mein graues Haar verfluch und meines Alters Tage, Ein Ziel des Spotts, ein Wegwurf der Verachtung, An allem Mangel leidend als an Schmerz, So mußt du mich auch hören, wenn ich rede.

Medea. So sprich!

Gora. Was ich vorhergesagt, es ist geschehen! Kaum ist's ein Mond, daß euch das Meer von sich stieß, Unwillig, den Verführer, die Verführte, Und schon flieht euch die Welt, folgt euch der Abscheu. Ein Greuel ist die Kolcherin dem Volke, Ein Schrecken die Vertraute dunkler Mächte, Wo du dich zeigst weicht alles scheu zurück Und flucht dir. Mög' der Fluch sie selber treffen! Auch den Gemahl, der Kolcherfürstin Gatten, Sie hassen ihn um dein-, um seinetwillen. Der Oheim schloß die Tür ihm seines Hauses, Die eigne Vaterstadt hat ihn verbannt, Als jener Oheim starb, man weiß nicht wie, Kein Haus ist ihm, kein Ruhplatz, keine Stätte: Was denkst du nun zu tun?

Medea. Ich bin sein Weib!

Gora. Und denkest nun zu tun?

Medea. Zu folgen ihm In Not und Tod.

Gora. In Not und Tod, ja wohl! Aietes' Tochter in ein Bettlerhaus!

Medea. Laß uns die Götter bitten um ein einfach Herz, Gar leicht erträgt sich dann ein einfach Los!

Gora (grimmig lachend). Haha! Und dein Gemahl?

Medea. Es tagt. Komm fort!

Gora. Weichst du mir aus? Ha, du entgehst mir nicht! Der einz'ge lichte Punkt in meinem Jammer Ist, daß ich seh, an unserm Beispiel seh, Daß Götter sind und daß Vergeltung ist. Bewein dein Unglück und ich will dich trösten, Allein verkennen sollst du's frevelnd nicht Und leugnen die Gerechtigkeit da droben, Da du die Strafe leugnest, deinen Schmerz. Auch muß ein Übel klar sein, will man's heilen! Dein Gatte, sprich! ist er derselbe noch?

Medea. Was sonst?

Gora. O spiel mit Worten nicht! Ist er derselbe, der dich stürmend freite, Der, dich zu holen, drang durch hundert Schwerter, Derselbe, der auf langer Überfahrt, Den Widerstand besiegte der Betrübten, Die sterben wollte, Nahrung von sich weisend, Und sie nur allzuschnell bezwang mit seiner Glut? Ist er derselbe noch? Ha bebst du? Bebe! Ihm graut vor dir, er scheut dich, flieht dich, haßt dich, Wie du die Deinen, so verrät er dich! Grab ein, grab ein die Zeichen deiner Tat, Die Tat begräbst du nicht!

Medea. Schweig!

Gora. Nein!

Medea (sie hart am Arm anfassend). Schweig, sag ich!-- Was rasest du in deiner tollen Wut? Laß uns erwarten was da kommt, nicht rufen. So wär' denn immer da, was einmal dagewesen Und alles Gegenwart?--Der Augenblick, Wenn er die Wiege einer Zukunft ist Warum nicht auch das Grab einer Vergangenheit? Geschehen ist, was nie geschehen sollte, Und ich bewein's und bittrer als du denkst, Doch soll ich drum, ich selbst, mich selbst vernichten? Klar sei der Mensch und einig mit der Welt! In andre Länder, unter andre Völker Hat uns ein Gott geführt in seinem Zorn, Was recht uns war daheim, nennt man hier unrecht, Und was erlaubt, verfolgt man hier mit Haß; So laß uns denn auch ändern Sitt' und Rede Und dürfen wir nicht sein mehr was wir wollen, So laß uns, was wir können mind'stens sein. Was mich geknüpft an meiner Väter Heimat Ich hab es in die Erde hier versenkt; Die Macht, die meine Mutter mir vererbte, Die Wissenschaft geheimnisvoller Kräfte, Der Nacht, die sie gebar, gab ich sie wieder Und schwach, ein schutzlos, hilfbedürftig Weib Werf ich mich in des Gatten offne Arme; Er hat die Kolcherin gescheut, die Gattin Wird er empfangen, wie's dem Gatten ziemt. Der Tag bricht an--mit ihm ein neues Leben! Was war, soll nicht mehr sein; was ist, soll bleiben! Du aber milde, mütterliche Erde Verwahre treu das anvertraute Gut.

(Sie gehen auf das Zelt zu; es öffnet sich und Jason tritt heraus mit einem korinthischen Landmann, hinter ihm ein Sklave.)

Jason. Sprachst du den König selbst?

Landmann. Jawohl, o Herr!

Jason. Was sagtest du?

Landmann. Es harre jemand außen, Ihm wohlbekannt und gastbefreundet zwar, Doch der nicht eher trete bei ihm ein, Umringt von Feinden, von Verrat umstellt, Bis er ihm Fried' gelobt und Sicherheit.

Jason. Und seine Antwort?

Landmann. Er wird kommen, Herr! Ein Fest Poseidons feiern sie hier außen, Am offnen Strand des Meeres Opfer bringend, Der König folgt dem Zug mit seiner Tochter, Da, im Vorübergehen, spricht er dich.

Jason. So, es ist gut! Hab Dank!

Medea (hinzutretend). Sei mir gegrüßt!

Jason. Du auch.

(Zum Sklaven.)

Ihr aber geht, du und die andern, Und brechet grüne Zweige von den Bäumen, Wie's Brauch hier Landes bei den Flehenden. Und haltet ruhig euch und, still. Hörst du? Genug!

(Der Landmann und der Sklave gehen.)

Medea. Du bist beschäftigt?

Jason. Ja.

Medea. Du gönnst Dir keine Ruh'!

Jason. Ein Flüchtiger und Ruh'? Weil er nicht Ruh' hat ist er eben flüchtig.

Medea. Du schliefst nicht heute nacht, du gingst hinaus Und walltest einsam durch die Finsternis.

Jason. Ich lieb die Nacht, der Tag verletzt mein Aug'.

Medea. Auch sandtest Boten du zum König hin; Nimmt er uns auf?

Jason. Erwartend weil ich hier.

Medea. Er ist dir freund.

Jason. Er war's.

Medea. Willfahren wird er.

Jason. Verpesteter Gemeinschaft weicht man aus.-- Du weißt ja doch, daß alle Welt uns flieht Daß selbst des falschen Pelias, meines Oheims, Tod, Des Frevlers, den ein Gott im Grimm erwürgte, Daß mir das Volk ihn Schuld gibt, deinem Gatten, Dem Heimgekehrtem aus dem Zauberlande? Weißt du es nicht?

Medea. Ich weiß.

Jason. Wohl Grunds genug, Zu wandeln und zu wachen in der Nacht!-- Doch was trieb dich schon vor der Sonn' empor? Was suchst du in der Finsternis?--Ei ja! Riefst alte Freund' aus Kolchis?

Medea. Nein.

Jason. Gewiß nicht?

Medea. Ich sagte: nein.

Jason. Ich aber sage dir, Du tust sehr wohl wenn du es unterläßt! Brau nicht aus Kräutern Säfte, Schlummertrank, Sprich nicht zum Mond, stör nicht die Toten, Man haßt das hier und ich--ich haß es auch! In Kolchis sind wir nicht, in Griechenland, Nicht unter Ungeheuern, unter Menschen! Allein ich weiß, du tust's von nun nicht mehr, Du hast's versprochen und du hältst es auch. Der rote Schleier da auf deinem Haupt, Er rief vergangne Bilder mir zurück. Warum nimmst du die Tracht nicht unsers Landes? Wie ich ein Kolcher war auf Kolchis' Grund, Sei eine Griechin du in Griechenland. Wozu Erinnrung suchen des Vergangnen? Von selbst erinnert es sich schon genug!

(Medea nimmt schweigend den Schleier ab und gibt ihn Goran.)

Gora (halbleise). Verachtest du dein Land um seinetwillen?

Jason (erblickt Gora). Du auch hier?--Dich haß ich vor allen, Weib! Beim Anblick dieses Augs und dieser Stirn, Steigt Kolchis' Küste dämmernd vor mir auf. Was drängst du dich in meines Weibes Nähe? Geh fort!

Gora (murrend). Warum?

Jason. Geh fort!

Medea. Ich bitt dich, geh!

Gora (dumpf). Hast mich gekauft? daß du mir sprichst als Herr?

Jason. Die Hand zuckt nach dem Schwert. Geh weil's noch Zeit ist; Mich hat's schon oft gelüstet, zu versuchen, Ob deine Stirn so hart ist, als sie scheint.

(Medea führt die Widerstrebende begütigend fort.)

Jason (der sich auf einen Rasensitz niedergeworfen hat, auf die Brust schlagend). Zerspreng dein Haus, und mach dir brechend Luft! Da liegen sie, die Türme von Korinth, Am Meeresufer üppig hingelagert, Die Wiege meiner goldnen Jugendzeit! Dieselben, von derselben Sonn' erleuchtet, Nur ich ein andrer, ich in mir verwandelt. Ihr Götter! warum war so schön mein Morgen, Wenn ihr den Abend mir so schwarz bestimmt. O wär' es Nacht!

(Medea hat die Kinder aus dem Zelte geholt und führt sie an der Hand vor Jason.)

Medea. Hier sind zwei Kinder, Die ihren Vater grüßen.

(Zu dem Knaben.)

Gib die Hand! Hörst du? Die Hand!

(Die Kinder stehen scheu seitwärts.)

Jason (die Hand schmerzlich nach der Gruppe hinbreitend). Das also wär' das Ende? Von trotz'gen Wilden Vater und Gemahl!

Medea

(zu dem Kinde). Geh hin!

Knabe. Bist du ein Grieche, Vater?

Jason. Und warum?

Knabe. Es schilt dich Gora einen Griechen!

Jason. Schilt?

Knabe. Es sind betrügerische Leut' und feig.

Jason (zu Medea). Hörst du?

Medea. Es macht sie Gora wild. Verzeih ihm!

(Sie kniet bei den Kindern nieder und spricht ihnen wechselweise ins Ohr.)

Jason. Gut! Gut!

(Er ist aufgestanden.)

Da kniet sie, die Unselige Und trägt an ihrer Last und an der meinen.

(Auf und ab gehend.)

Die Kinder; laß sie jetzt und komm zu mir!

Medea. Geht nur und seid verträglich. Hört ihr?

(Die Kinder gehen.)

Jason. Halt mich für hart und grausam nicht, Medea! Glaub mir, ich fühl dein Leid so tief als meines. Getreulich wälzest du den schweren Stein, Der rück sich rollend immer wiederkehrt Und jeden Pfad versperrt und jeden Ausweg. Hast (du's) getan? hab' (ich's)?--Es ist (geschehn).

(Eine ihrer Hände fassend und mit der andern über ihre Stirne streichend.)

Du liebst mich. Ich verkenn es nicht Medea; Nach deiner Art zwar--dennoch liebst du mich, Nicht bloß der Blick, mir sagt's so manche Tat.

(Medea lehnt ihre Stirn an seine Schulter.)

Ich weiß, dein Haupt ist schwer von manchem Leid Und Mitleid regt sich treulich hier im Busen. Drum laß uns reif und sorglich überlegen Wie wir entfernen, was so nah uns droht. Die Stadt hier ist Korinth. In frührer Zeit, Als ich, ein halb gereifter Jüngling noch, Vor meines Oheims wildem Grimme floh, Nahm mich der König dieses Landes auf, Ein Gastfreund noch von meinen Vätern her Und wahrte mein, wie eines teuern Sohns. In seinem Hause lebt' ich sicher manches Jahr. Nun auch--

Medea. Du schweigst?

Jason. Nun auch, da mich die Welt, Verstößt, verläßt, in blindem Grimm verfolgt, Nun auch hoff ich von diesem König Schutz: Nur eines fürcht ich und nicht ohne Grund.

Medea. Was ist's?

Jason. Mich nimmt er auf, ich weiß es wohl, Und auch die Kinder, denn sie sind die Meinen, Nur dich--

Medea. Nimmt er die Kinder, weil sie dein, Behält er als die Deine wohl auch mich.

Jason. Hast du vergessen, wie's daheim erging, In meiner Väter Land, bei meinem Ohm, Als ich zuerst von Kolchis dich gebracht? Vergessen jenen Hohn, mit dem der Grieche Herab auf die Barbarin sieht, auf--dich? Nicht jedem ist wie mir bekannt dein Wesen, Nicht jedem bist du Weib und Mutter seiner Kinder, Nicht jeder war in Kolchis, so wie ich.

Medea. Der Schluß der herben Rede, welcher ist's?

Jason. Es ist des Menschen höchstes Unglück dies: Daß er bei allem was ihn trifft im Leben Sich still und ruhig hält, (bis) es (geschehn) Und (wenn's) geschehen, nicht. Das laß uns meiden. Ich geh zum König, wahre meines Rechts Und rein'ge vom Verdacht mich, der uns trifft; Du aber mit den Kindern bleib indes Fern von der Stadt verborgen, bis--

Medea. Bis wann?

Jason. Bis--Was verhüllst du dich?

Medea. Ich weiß genug.

Jason. Wie deutest du so falsch, was ich gesagt!

Medea. Beweise mir, daß ich es falsch gedeutet. Der König naht--sprich, wie dein Herz dir's heißt.

Jason. So stehen wir dem Sturm, bis er uns bricht.

(Gora tritt mit den Kindern aus dem Zelte. Medea stellt sich zwischen die Knaben und bleibt anfangs beobachtend in der Ferne.) (Der König tritt auf mit seiner Tochter, von Knaben und Mädchen begleitet, die Opfergerät tragen.)

König. Wo ist der Fremde?--Ahnend sagt mein Herz Er ist es, der Verbannte, der Vertriebne-- Der Schuldige vielleicht.--Wo ist der Fremde?

Jason. Hier bin ich, und gebeugt tret ich vor dich; Kein Fremder zwar, doch nur zu sehr entfremdet. Ein Hilfesuchender, ein Flehender. Von Haus und Herd vertrieben, ausgestoßen Fleh ich zum Gastfreund um ein schützend Dach.

Kreusa. Fürwahr er ist's! Sieh Vater es ist Jason!

(Einen Schritt ihm entgegen.)

Jason (ihre Hand fassend). Ich bin es, so wie du es bist, Kreusa, Dieselbe noch, in heitrer Milde strahlend. O führe mich zu deinem Vater hin, Der ernst dort steht, den Blick mir zugewandt Und zögert mit dem Gegengruß, ich weiß nicht Ob Jason zürnend oder seiner Schuld.

Kreusa (Jason an der Hand, ihrem Vater entgegentretend). Sieh Vater, es ist Jason!

König. Sei gegrüßt!

Jason. Dein Ernst zeigt mir den Platz, der mir geziemt. Hin werf ich mich vor dir und faß dein Knie, Und nach dem Kinne streck ich meinen Arm; Gewähre was ich bat, gib Schutz und Zuflucht!

König. Steh auf!

Jason. Nicht eher bis--

König. Ich sage dir, steh auf!

(Jason steht auf.)

König. So kehrtest du vom Argonautenzug?

Jason. Kaum ist's ein Mond daß mich das Land empfing.

König. Den Preis des Zugs, du brachtest ihn mit dir?

Jason. Er ward dem Oheim, der die Tat gebot.

König. Und warum fliehst du deiner Väter Stadt?

Jason. Sie trieb mich aus; verbannt bin ich und schutzlos.

König. Des Bannes Ursach' aber, welche war's?

Jason. Verruchten Treibens klagte man mich an!

König. Mit Recht, mit Unrecht? dies sag mir vor allem!

Jason. Mit Unrecht, bei den Göttern schwör ich es!

König (ihn rasch bei der Hand fassend und vorführend). Dein Oheim starb?

Jason. Er starb.

König. Und wie?

Jason. Nicht durch mich! So wahr ich leb und atme, nicht durch mich!

König. Doch sagt's der Ruf und streut's durchs ganze Land.

Jason. So lügt der Ruf, das ganze Land mit ihm.

König. Der einzelne will Glauben gegen alle?

Jason. Der eine den du kennst, gen alle die dir fremd.

König. Wie aber fiel der König?

Jason. Seine Kinder, Sein eigen Blut hob gegen ihn die Hand.

König. Entsetzlich. Sprichst du wahr?

Jason. Die Götter wissen's!

König. Kreusa naht, sprich nicht davon vor ihr, Gern spar ich ihr den Schmerz ob solchem Greuel.

(Laut.)

Ich weiß genug für jetzt, das andre später: Solang ich kann, glaub ich an deinen Wert.

Kreusa (hinzutretend). Hast, Vater, ihn gefragt? Nicht wahr? Es ist nicht?

König. Tritt nur zu ihm, du kannst es ohne Scheu.

Kreusa. Du hast gezweifelt, weißt du? Niemals ich, In meiner Brust, im eignen Herzen fühlt' ich's, Es sei nicht wahr, was sie von ihm erzählten: Er war ja gut; wie tat er denn so schlimm? O wüßtest du, wie alle von dir sprachen. So arg, so schlimm. Ich hab geweint, daß Menschen So böse, so verleumd'risch können sein. Du warst kaum fort, da scholl's im ganzen Lande Von gräßlich wilden Taten, die geschehn, In Kolchis ließen sie dich Greuel üben, Zuletzt verbanden sie als Gattin dir Ein gräßlich Weib, giftmischend, vatermörd'risch. Wie hieß sie?--Ein Barbarenname war's--

Medea (mit ihren Kindern vortretend). Medea! Ich bin's!

König. Ist sie's?

Jason (dumpf). Sie ist's.

Kreusa (an den Vater gedrängt). Entsetzen!

Medea (zu Kreusen). Du irrst; den Vater hab ich nicht getötet; Mein Bruder fiel, doch frag ihn, ob durch mich?

(Auf Jason deutend.)

Auf Tränke, Heil bereitend oder Tod Versteh ich mich und weiß noch manches andre, Allein ein Ungeheuer bin ich nicht Und keine Mörderin.

Kreusa. O gräßlich! Gräßlich!

König. Und sie dein Weib?

Jason. Mein Weib.

König. Die Kleinen dort--

Jason. Sind meine Kinder.

König. Unglückseliger!

Jason. Ich bin's.--Ihr Kinder kommt mit euren Zweigen, Reicht sie dem König dar und fleht um Schutz!

(Sie an der Hand hinführend.)

Hier sind sie, Herr, du wirst sie nicht verstoßen!

Knabe (den Zweig hinhaltend). Da nimm!

König (die Hände auf ihre Häupter legend). Du arme, kleine, nestentnommne Brut!

Kreusa (zu den Kindern niederkniend). Kommt her zu mir, ihr heimatlosen Waisen, Wie frühe ruht das Unglück schon auf euch; So früh und ach, so unverschuldet auch. Du siehst wie sie--du hast des Vaters Züge.

(Sie küßt das Kleinere.)

Bleibt hier, ich will euch Mutter, Schwester sein!

Medea. Was nennst du sie verwaist und klagst darob? Hier steht ihr Vater, der sie Seine nennt Und keiner andern Mutter braucht's, solange Medea lebt.

(Zu den Kindern.)

Hierher zu mir! Hierher!

Kreusa (zu ihrem Vater emporblickend). Laß ich sie hin?

König. Sie ist die Mutter.

Kreusa (zu den Kindern). Geht zur Mutter!

Medea. Was zögert ihr?

Kreusa (zu den Kindern die sie um den Hals gefaßt) (haben). Die Mutter ruft. Geht hin!

(Die Kinder gehen.)

Jason. Und was entscheidest du?

König. Ich hab's gesagt.

Jason. Gewährst du Schutz mir?

König. Ja.

Jason. Mir und den Meinen?

König. Ich habe (dir) ihn zugesagt.--So folge! Zuerst zum Opfer und sodann ins Haus.

Jason (zum Fortgehen gewendet, zu Kreusen). Gönnst du mir deine Hand wie sonst, Kreusa?

Kreusa. Kannst du sie doch nicht fassen so wie sonst.

Medea. Sie gehn und lassen mich allein. Ihr Kinder Kommt her zu mir, umschlingt mich! Fester! Fester!

Kreusa (umkehrend, vor sich hin sprechend). Noch eine fehlt. Warum folgt sie uns nicht?

(Zurückkommend, aber in einiger Entfernung von Medeen stehend.)

Du gehst nicht mit zum Opfer, nicht ins Haus?

Medea. Die Ungeladnen weist man vor die Tür.

Kreusa. Allein mein Vater bot dir Herd und Dach.

Medea. Ganz anders klang, was ich von euch vernahm.

Kreusa (nähertretend). Beleidigt hab ich dich. Ich weiß. Verzeih!

Medea (sich rasch gegen sie kehrend). O holder Klang!--Wer sprach das milde Wort? Sie haben mich beleidigt oft und tief, Doch keiner fragte noch, ob's weh getan? Hab Dank! und wenn du einst in Jammer bist, wie ich, Gönn' dir ein Frommer, wie du's mir gegönnt, Ein sanftes Wort und einen milden Blick.

(Sie will ihre Hand fassen, Kreusa weicht scheu zurück.)

O weich nicht aus! Die Hand verpestet nicht. Ein Königskind, wie du, bin ich geboren, Wie du ging einst ich auf der ebnen Bahn Das Rechte blind erfassend mit dem Griff. Ein Königskind wie du, bin ich geboren, Wie du vor mir stehst, schön und hell und glänzend, So stand auch ich einst neben meinem Vater, Sein Abgott und der Abgott meines Volks. O Kolchis! o du meiner Väter Land! Sie nennen dunkel dich, mir scheinst du hell!

Kreusa (ihre Hand lassend). Du Arme!

Medea. Du blickst fromm und mild und gut Und bist's auch wohl; doch hüte, hüte dich! Der Weg ist glatt, (ein) Tritt genügt zum Fall! Weil du in leichtem Kahn den Strom hinabgeglitten, Dich haltend an des Ufers Blütenzweigen, Von Silberwellen hin und her geschaukelt, So hältst du dich für eine Schifferin? Dort weiter draußen braust das Meer Und wagst du dich vom sichern Ufer ab, Reißt dich der Strom in seine grauen Weiten. Du blickst mich an? Du schauderst jetzt vor mir. Es war 'ne Zeit, da hätt' ich selbst geschaudert, Hätt' ich ein Wesen mir gedacht, gleich mir!

(Sie verbirgt ihr Gesicht an Kreusens Halse.)

Kreusa. Sie ist nicht wild. Sieh Vater her, sie weint.

Medea. Weil eine Fremd' ich bin, aus fernem Land Und unbekannt mit dieses Bodens Bräuchen, Verachten sie mich, sehn auf mich herab, Und eine scheue Wilde bin ich ihnen, Die Unterste, die Letzte aller Menschen, Die ich die Erste war in meiner Heimat. Ich will ja gerne tun was ihr mir sagt, Nur sagt mir was ich tun soll, statt zu zürnen. Du bist, ich seh's, von sittig mildem Wesen, So sicher deiner selbst und eins mit dir; Mir hat ein Gott das schöne Gut versagt. Doch lernen will ich, lernen, froh und gern. Du weißt was ihm gefällt, was ihn erfreut, O lehre mich, wie Jason ich gefalle Ich will dir dankbar sein.--

Kreusa. O sieh nur, Vater!

König. Nimm sie mit dir!

Kreusa. Willst du mit mir, Medea?

Medea. Ich gehe gern, wohin du mich geleitest, Nimm dich der Armen, der Verlaßnen an, Und schütze mich vor jenes Mannes Blick!

(Zum König.)

Sieh nur nach mir, du schreckst mich dennoch nicht, Obgleich, ich seh's, du sinnest was nicht gut. Dein Kind ist besser, als sein Vater!