Mazedonien

Part 6

Chapter 63,404 wordsPublic domain

Nach Norden setzte sich das von mir bestiegene Gebirge noch in eine Gruppe niedriger Gipfel fort, zwischen denen die Täler tief eingeschnitten waren. Seine Fortsetzung fand es in den Ketten, welche gegen den Wardar bis Demir-Kapu sich hinzogen. An den Abhängen der Berge und in den grünen Winkeln der Täler sah man kleine, türkische Ortschaften eingeschmiegt, als solche zum Teil an den Minarets zu erkennen. Nach der Karte erkannte ich Arazli Menekli, Kara Eliasli, und Baceli-Cesme. Nach Süden sah man der Westkante des Gebirges entlang, welche in schroffen Felswänden mehrere hundert Meter fast senkrecht zum Wardartal abfiel. Über die vor mir liegenden Gipfel hinweg sah ich in der Klarheit des schönen Maitages die Berge der Doiranfront mit allen Einzelheiten vor mir liegen. Eine Menge von Ortschaften konnte man erkennen, ja es waren unsere Stellungen und diejenigen der Feinde dort deutlich zu sehen.

Fern hinter diesem Gebiet blitzten der Spiegel des _Doiransees_ und des _Ardzansees_ auf. Zwischen ihnen ragt ein kegelförmiger Berg auf, der _Dub_, eine vielumkämpfte Vorstellung unserer Truppen, welche einen vollen Einblick in die feindlichen Stellungen im südlichen Wardartal erlaubte. Dort schwebten zwei Fesselballons am Himmel und kaum waren sie sichtbar geworden, als drüben eine heftige feindliche Beschießung losging. Von den Granateinschlägen an einer Straße entlang, stiegen mächtige schwarze Rauchwolken auf.

Über den Seen und den vorderen Bergen hinweg sah ich im blauen Dunst der Ferne einen hohen Doppelgipfel; es war der _Olymp_, der Götterberg des alten Hellas, der dort herüberschaute.

Ich überblickte das weite Tal des _Wardar_, wie es sich aus der Enge bei _Hudova_ öffnete, darüber die mir schon lieb gewordenen Umrisse der _Marianska Planina_ und der _Mala Rupa_. Durch die grüne Ebene von Hudova floß der breite Strom, zum Teil in Arme zerspalten, zu einem neuen Engpaß, in welchem er bei _Miletkovo_ eintrat, um weit nach Süden bis gegen _Gewgeli_ sichtbar zu bleiben.

Quer von _Miletkovo_ herüber sah man eine Hügelkette an _Mravinca_ vorbei gegen _Dedeli_ ziehen und von dort konnte das Auge rückwärts wandernd die Reihe der Dörfer am Fuß der Plaguša Planina verfolgen, vom südlichsten _Piravo_ über _Verceli, Aranli, Terzeli_ und _Kalkova_ nach _Kaluckova_.

Da ich für die nächsten Tage mir eine neue Besteigung des Plaguša-Gebirges vorgenommen hatte, so nahm ich jetzt den Abstieg hinter dem Grünberg nach _Kalkova_, wo ein deutsches Pferdelazarett untergebracht war. Als ich die Region von ungefähr 500 m Höhe erreicht hatte, traf ich dort in der Nachmittagssonne ein reiches Insektenleben. Vor allem häufig waren zwei Arten von _Ameisenlöwen_, darunter die zierliche Form mit den bandförmigen Hinterflügeln (+Nemoptera sinuata+ Oliv.). Schmetterlinge flogen um die Blüten, auch zahlreiche Bienen und Fliegen. Auf letztere jagten zwei Libellenarten. Auf den Pflanzen und am Boden gab es zahlreiche Käferarten, so Mistkäfer, unter denen die _Pillendreher_ besonders auffielen.

Die gleichen Tiere, in noch vermehrter Menge, konnte ich in derselben Region beobachten, als ich am 27. Mai, am Pfingstsonntag, den gleichen Weg, aber mit weiterem Ziel zurücklegte. Geradezu erstaunlich war die Menge von _Mistkäfern_, welche auf dem Pfad und an den Hängen herum wimmelten. Sicher ein Anzeichen dafür, daß auf dem jetzt so einsamen Pfädchen der Verkehr früher viel stärker war.

Als ich in der Gipfelregion ankam, wehte hier ein kalter Wind. Große Wolken trieben am Himmel und versprachen weniger gutes Wetter als beim letzten Aufstieg. Am ersten Gipfel flogen wieder die _Mnemosynen_, d. h. bei der Kälte flogen sie nur in den kurzen Augenblicken des Sonnenscheins. Sonst saßen sie starr auf den Büschen und ließen sich leicht mit der Hand fangen.

Aber die Kälte konnte den Insektenreichtum dieser Region nicht vollkommen unterdrücken. Sowie die Sonne herauskam, erhoben sich die Schmetterlinge aus ihren Schlupfwinkeln und gaukelten um die Blüten. Dabei fiel auf, welch kräftige Farben hier in dieser Region die meisten Arten aufwiesen. In die Augen fallend war vor allem das leuchtende Blau der Bläulinge.

Auch andere Insekten waren reichlich vorhanden. _Hummeln_ und _Bienen_ lockten durch ihr Summen die Aufmerksamkeit aller meiner Begleiter auf sich. _Cetonien_ und andere Blumenkäfer ließen sich leicht von den Sträuchern herunterschütteln. Kleine Bockkäfer waren häufig, so +Leptura erratica+ Dalm. und +L. fulva de Geer+, wie die bunte +Strangalia septempunctata+ Fabr. und die dunkle +L. melanura+ L. Auffallend viele _Spanner_ und _Motten_ flogen umher.

Auf dem Pfad und an seinen Rändern liefen Tigerlaufkäfer (+Cicindela campestris+ L.) herum und überall waren die kreisrunden Löcher im Boden zu sehen, in denen ihre Larven auf Beute lauerten. Auf den Wiesenpflanzen saßen kleine Zikaden mit schwarzrot gefleckten Flügeln (+Triecphora mactata+ Germ.), eine Schaumzikade. Grillengezirpe ertönte von allen Seiten, als eine zeitlang die Sonne wärmer schien.

Das Umwälzen der Steine brachte reiche Ausbeute. Viele Käfer, besonders Laufkäfer saßen unter ihnen. Durch seine krepierenden Bomben aus Sekret der Afterdrüsen fiel der _Bombardierkäfer_ +Brachinus immaculicornis+ Dej. besonders auf. Ganze Scharen von schwarzen und braunen Juliden, jenen walzenförmigen, sich einrollenden Tausendfüßlern, traf ich unter den Steinen an oder fing sie, als sie offen auf den Wegen krochen (+Brachyjulus unilineatus hercules+ Verh.). Fand ich aber einen jener großen, flachen, flinken Tausendfüßler aus der Gattung +Scolopendra+, so saß das Raubtier sicher einsam und ungesellig unter seinem Stein. Jedesmal gab es eine aufregende Jagd, bis das Tier mit der Pinzette gefaßt, der schmerzliche und unter Umständen gefährliche Biß vermieden, und trotz aller Gewandtheit und schnellen Bewegungen die Beute im Sammelglas saß.

Unter Steinen fand sich hier, wie auch in der Ebene, sehr häufig eine _Wolfsspinne_ (+Lycosa amentata+ [Clerk]), eine der Formen, welche kein Netz bauen und ihre Spinndrüsen außer zur Anfertigung der Eierkokons nur zum Umspinnen der Beute verwenden. Auch dieses stattliche Tier war infolge der Schnelligkeit seiner Bewegungen nicht leicht zu fangen.

Merkwürdig ist die Tatsache, daß ich hier oben, das einzige Mal in Mazedonien die bei uns häufigste _Hausspinne_ (+Tegenaria domestica+ [Clerck]) im Freien bei etwa 1000 m Höhe fand, wo sie ihr Netz unter einem Strauch gebaut hatte. In Häusern habe ich diese Spinne und ihr charakteristisches Netz in Mazedonien nie beobachtet, was wohl nicht nur ein Zufall ist.

Eine Merkwürdigkeit der Region waren die zahlreichen Löcher im Boden, welche der Bautätigkeit von Insekten ihre Entstehung verdankten. Außer den _Cicindelenlarven_ hatten Ameisen und Bienen solche gebaut. Die Löcher dieser beiden Insektenformen unterschieden sich aber sehr von denjenigen der Käferlarven und der Spinnen, die auch nicht selten waren, durch einen kraterähnlichen Wall aus beim Bau ausgeworfenen Erdteilchen, welche in regelmäßigem Kreis das Loch umgaben. Auffallend war oft die gänzlich von der Erde der Oberfläche abweichende rötliche, schwärzliche oder gelbe Farbe, welche dieser aus größerer Tiefe stammende, auch vielfach noch feuchte Bauschutt besaß.

Die Ameise, welche hier häufig aus solchen Kraternestern kam und die Öffnungen eifrig umschwärmte, war eine Form, die auch unten in der Ebene infolge ihrer Lebhaftigkeit und eigenartigen Körperhaltung kaum übersehen werden konnte. Es war eine große Ameise, in Größe und Gestalt unseren Waldameisen ähnlich sehend, mit rotem Kopf, roter Brust und braunem Hinterleib. Das Tier schoß, wenn es erregt war, mit sehr raschen Bewegungen im Zickzack hin und her und hielt dabei den Kopf und die Vorderbeine steil in die Höhe. Es ist die Art +Cataglyphis bicolor+ F. var. +orientalis+ For., deren Arbeiter sich außerhalb des Nestes so auffallend benehmen.

Hier oben fing ich auch zum erstenmal Exemplare der großen schwarzen, bronzeglänzenden, flügellosen _Heuschrecke_ +Callimenus oniscus+ Charp.; diese habe ich später im Nikolatal genauer beobachtet und will daher im Kapitel über jenes Tal näheres über sie berichten und sie dort abbilden.

Unterdessen war trotz des fortschreitenden Tages der Wind kälter geworden. Die Bewölkung nahm zu. Indem sie sich von Zeit zu Zeit in irgendeiner Himmelsrichtung öffnete, ergaben sich engumrahmte Fernblicke von großer Klarheit und von phantastischer Schönheit. Bald konnten wir nach Westen durch ein Wolkenloch tief ins Wardartal hineinsehen, bald wurde es im Osten klar. Dann blickten wir über den sanfteren Osthang der Plaguša Planina in das Tal von _Strumiza_, dessen Sohle und Hänge gut angebaut schienen; wohl abgeteilte Äcker und Felder deuteten auf ertragreichen Ackerbau.

Einmal, als die Wolken sich verteilten, öffnete sich der Vorhang vor einem Prospekt von zauberhafter Schönheit. Es zeigte sich, auf den Gipfeln noch schneebedeckt, vor uns im Südosten das Belasizagebirge mit seinen einfachen, großen Formen. Weit in der Ferne im Osten ragten aber schimmernde, eis- und schneebekleidete Zinnen in gewaltige Höhen empor. Wir konnten uns kaum entscheiden, daß es das Rhodogegebirge sein müßte, als die Wolken sich wieder schlossen und das vorgezauberte Bild entschwand.

Es war 11 Uhr vormittags; wir hatten unsern Marsch über den Kamm fortgesetzt, einige der Gipfel erstiegen und waren durch dichtes Buschwerk gekrochen. Nun nahm die Bewölkung zu, an alle Gebirgsketten hingen sich schwarze Gewitterwolken, die schließlich auch die unserige einhüllten. Hagel und Regen prasselten los und hatten rasch unsere dünnen Uniformen durchweicht. Wir suchten Schutz unter den Büschen, indem wir uns auf den Boden hockten. Bald aber kam der Regen durch und wir waren froh auf einen alten Unterstand zu stoßen.

In diesen krochen wir hinein, erlebten aber hier nicht allzuviel Freude. Das Gewitter umtobte uns, grelle Blitze zuckten durch die um uns jagenden Wolken, fast im gleichen Niveau, in dem unsere Höhle lag. Schwere Donnerschläge, den Blitz begleitend, erschütterten den Boden. Erde und Steinchen rieselten herunter und schließlich ergossen sich Ströme von Schlamm und Wasser auf uns von oben herab.

Uns schien es richtiger, diesen etwas bedenklichen Aufenthalt zu verlassen und lieber etwas mehr Nässe zu riskieren. Der ganze Bergkamm war hier von alten Schützengräben, von Befestigungen und Unterständen durchzogen. Überall lagen französische und serbische Patronenhülsen und Rahmen umher. Jeden Augenblick wühlte der Fuß Kugeln aus dem Boden. Hier mußte einmal ein scharfer Kampf getobt haben.

Ein trockenes Plätzchen fand sich aber nicht. Wir suchten Deckung an einer Felsenwand. Tief unter uns im Abgrund brodelte der Nebel und eiskalt fegte der Wind um die Ecken.

Doch ebenso plötzlich wie das Unwetter gekommen war, klarte es wieder auf. Die Sonne brach durch, die Wolken verzogen sich und schmolzen vor ihrer Glut dahin. Nach einer halben Stunde war das Gebirge wieder vollkommen frei, das Gewitter verzog sich nach Nordwesten und in strahlender Klarheit lag das Land vor uns. Nur um ferne Berge hingen Wolkenmassen. Wir kletterten noch ein Stück an den Felsengraten weiter, suchten uns ein gedecktes Plätzchen in den schon trocknenden Felsen. Es war 1 Uhr geworden, so daß es geeignet schien, den Proviant auszupacken und während der Mahlzeit die Kleider in der Sonne zu trocknen. Und richtig, zwischen 2 und 3 Uhr waren wir wieder vollkommen trocken und konnten mutig unseren Marsch fortsetzen, der uns noch über die letzten Gipfel der Plaguša-Kette in das Tal bei _Dedeli_ hinunterführen sollte.

Unsere Rast war an günstiger Stelle erfolgt. Wir waren in dem felsigsten, romantischsten Teil des Gebirges. Es war etwas südlich des Passes von _Kalkova_ nach _Strumiza_. Uns zur Seite stürzte der Felsen fast senkrecht in die Tiefe; an seine Wand schloß sich unten eine mächtige Schutthalde an. Im allgemeinen war die Farbe des Felsens weißlich grau; er bestand in der Hauptsache aus Kalk; eine ganze große Bergwand war aus Marmorplatten aufgebaut. Hie und da fand man in Spalten und zerbrochenen Geröllstücken Drusen mit Kalkspatkristallen. An manchen Stellen traten auch rötliche Färbungen der Felsen auf. Die Verwitterungsprodukte des Felsens, Erde und Sand, waren an den meisten Stellen rotgelb. Der Regen hatte manche Tiere mobil gemacht. So fand ich hier oben, zum ersten Mal im mazedonischen Gebirge _Regenwürmer_, welche offenbar der eindringende Regen aus ihren Schlupfwinkeln getrieben hatte. Das gab Anlaß, an mehreren Stellen Löcher zu graben, um nach weiteren Exemplaren zu suchen. Auch hier in den Bergen war das Graben in der harten, steinigen Erde sehr schwer. Der Regen war nur wenige Zentimeter tief eingedrungen, der Humus ganz dünn und in geringer Tiefe noch vollkommen trocken. Wir fanden weder Regenwürmer noch irgend ein anderes Tier im Boden.

Dagegen fand ich an den benäßten Pflanzen in größerer Anzahl _Schnecken_ von verschiedenen Arten der Gattungen +Helix+, +Buliminus+ und +Clausilia+. Eine ganze Anzahl Tiere waren in der feuchten Luft beweglich und krochen auf Steinen und Pflanzen umher; bei den verschiedenen Arten waren es Individuen von verschiedener Größe. Am Boden lagen viele leere, gebleichte Schalen umher.

Auch die _Vögel_ waren nach dem Regen im hellen Sonnenschein recht munter geworden. Hier oben war ein Vogel sehr häufig, der einen schönen, dem der Drosseln ähnlichen Gesang hören ließ. Er war aber kleiner als eine Drossel, hatte einen blaugrauen Kopf, roten Bauch und roten Schwanz; die Flügeldecken stachen durch ihr dunkles Schwarz stark von diesen Farben ab. Es war der _Steinrötel_ oder die _Steindrossel_ (+Monticola saxatilis+ L.), ein Vogel, den ich später noch oft in den mazedonischen Gebirgen beobachtete. Hier war er erst vor kurzem vom Zug heimgekehrt. Wir sahen ihn auch seinen eigenartigen Balzflug ausführen. Auch +Saxicola rubetra+ (L.) kam hier oben vor. Raubvögel flogen nicht selten über den Bergkamm dahin, unter denen wir Adler und Geier, Bussarde und Falken erkannten, ohne daß wir die Arten genau feststellen konnten, außer bei den häufigen _Rötelfalken_.

So hatten wir reichlich Beobachtungen gemacht und Tiere gesammelt, während wir im Kammgebiet südwärts weiter wanderten. Allmählich, nachdem der Weg uns auf und ab über eine Reihe felsiger Gipfel geführt hatte, sahen wir von einer Spitze aus den Kamm sich langsam zum Tal senken. Er blieb dabei ein scharfer Grat, der sich noch mehrmals zu Spitzen erhob.

Hier oben gab es noch stattliche Bestände von Stacheleichensträuchern; wie die Wolle eines Schafes sieht auf den Photographien dieser Bestand vielfach aus. Hier oben beobachtete ich den seltenen Fall, daß eine Stacheleiche (+Quercus coccifera+ L.) zu einem stattlichen Baum mit einem knorrigen Stamm von fast 50 cm Durchmesser erwachsen war (Abb. 37). Er stand auf einer blumigen Wiese als vollkommener Eigenbrödler ganz allein, dahinter ein Gipfel, der noch vollkommen mit niederen Büschen der gleichen Art bedeckt war. Was mögen es wohl für Bedingungen gewesen sein, welche es diesem Individuum der Art erlaubten, zu einem stattlichen Baum zu werden? Sind es wirklich die Ziegen, welche auch bei dieser Pflanze im Frühjahr die zarten, frischen Triebe abfressen und so im niederen Wuchs erhalten. Und sollte dies eine Individuum einmal einen Trieb so lang entwickelt haben, daß er hoch über den Bereich der gefräßigen Ziegenmäuler ragte und hart und stachlig wurde, ehe sie ihn vertilgt hatten? Noch einige Male sah ich ältere Bäume von +Quercus coccifera+, die bewiesen, daß auch diese Eiche die Fähigkeit hat, zum stattlichen Baum zu werden.

Auf dem Felsen wuchsen hier schon jene wollblättrigen Pflanzen, die mir später in den Hochgebirgen begegneten. In der Plaguša Planina waren es Kompositen der Gattung +Hieracium+ vor allem +H. pannosum+ Gris., die nebenan abgebildet sind, wie sie wie weiße Plüschgebilde sich vom Felsgestein abheben.

Der Abstieg wurde zur beschwerlichen Felsenkletterei, als wir nun an einem alten türkischen Turm vorbei den Kamm verfolgten. Der Turm, kaum ruiniert, ragte stattlich empor und bot einen schönen Blick auf die reizende Stadt, welche unter uns lag, der Ort mit dem wohllautenden Namen _Valandova_. Der ganze Kamm, besonders alle Spitzen trugen Spuren türkischen Mauerwerkes; der Zugang aus dem Gebirge in die Stadt, und damit einer der Pässe nach _Strumiza_ muß früher stark befestigt gewesen sein.

_Valandova_ ist ein stattlicher Ort, wenig zerstört, mit vielen Häusern, deren rote Dächer fast ganz in grüne Bäume eingehüllt sind. Die Kuppel einer Moschee, ein Minarett, eine christliche Kirche ragten über die kleinen Häuser empor. Auch die ganze Talebene um den Ort war in saftiges Grün getaucht, Maienpracht war dort noch über Wiesen und Felder gebreitet. Wundervoll leuchteten zwischen den Maulbeerpflanzungen die weißen und violetten Flächen der blühenden Mohnfelder heraus.

Über Valandova hinaus dehnte sich das Tal weit gegen die _Belasiza Planina_ aus. Vor uns, jenseits Valandova, lagen die Lazarette von _Rabrovo_ mit ihren vielen Zelten und Baracken. Jenseits des Tales mündete die Kleinbahn von Hudova in dem Lager von _Dedeli_. Zwischen der Endstation der Bahn und dem schattigen „_Hain Mamre_‟ stieg im Zickzack die steile Straße zum _Furkapaß_ hinauf, welche an die Doiranfront führte. Staubwolken, welche von ihr aufwirbelten, zeigten den starken Kolonnenverkehr an, der der wichtigen Doiranfront galt.

Beim Hinuntermarsch nach Valandova galt es wie immer in Mazedonien, auf weiten Bogen die Schluchten zu umgehen, welche auch hier von allen Seiten tief in den Berghang einschnitten. Nur so konnte man ein ermüdendes Auf- und Abklettern an den Schluchtwänden vermeiden; wir hätten 6-8 Schluchten durchklettern müssen, um auf geradem Weg ins Tal zu gelangen, hätten wir nicht ihre oberen Enden geschickt umgangen.

Über der Stadt hoben sich von der dürren Felsenwand des Berges zwei scharf umrissene, dunkle Flecken ab. Es waren dies zwei Haine alter Platanen. Dem einen von ihnen strebten wir zu, denn einer meiner Begleiter, Dr. _Laser_, kannte den köstlichen Quell, der in seinem Schatten entspringt. Der Abend nahte, wir waren 14 Stunden auf den Beinen, die Feldflaschen waren leer, Durst und Müdigkeit bei uns allen groß; zudem hatte die Sonne am Nachmittag, je tiefer wir hinabstiegen, immer mehr ihre mazedonische Sommerkraft entfaltet.

Die Gegend von _Dedeli_ und _Valandova_ ist durch ihre starken Quellen berühmt. In friedlichen Zeiten muß dies Gebiet ein fruchtbares Land fast ohne gleichen gewesen sein, und muß es in Zukunft wieder werden. _Valandova_ war für die Versorgung der Truppen in der Gegend der wichtigste Markt. Hier konnte man vielerlei Gemüse einkaufen, Bohnen, Erbsen, Tomaten, Lauch, Zwiebeln und Kohl gediehen üppig auf den gut bewässerten Feldern und in den Gärten.

Der Sommer brachte alle _Melonenarten_, jetzt gerade reiften die Kirschen, Pfirsich, Aprikosen-, Äpfel- und Birnbäume hatten reichlich Früchte angesetzt. Zwischen den Getreidefeldern waren weite Strecken mit Mohn bepflanzt und die unendlichen Maulbeerhaine verrieten, daß dieser Teil des Wardartales, vor allem Valandova und Piravo in Friedenszeiten ein Zentrum der Zucht des Seidenspinners waren, von dem die Fabriken im nicht fernen _Gewgeli_ einen großen Teil ihres Bedarfs bezogen. Jetzt noch sah man in einzelnen Häusern die hier ziemlich primitive Kultur des Seidenwurmes betreiben. Im Tal gab es sogar einige mit Baumwollstauden bepflanzte Gebiete, eine der wenigen Stellen in Europa, wo dies wichtige Gewächs, der Reichtum der Südstaaten von Nordamerika und von Ägypten, gezogen wird.

Während wir uns von diesen Dingen erzählten, erquickte uns der Schatten des Platanenhains und vor allem die mächtige Wasserader, welche aus dieser Quelle des Reichtums der Gegend floß. Eine Gruppe von 4-5 riesigen uralten Platanen war an einen senkrecht abfallenden grauen Felsen angelehnt, aus welchem eine Quelle über einen Meter breit einen Wasserstrahl aus seinem Innern herausschoß, der sofort als stattlicher Bach sich in die Schlucht stürzte, die er sich selbst im Laufe der Jahrhunderte gegraben hatte.

Als wir herannahten, erschien uns der Hain mit seiner rauschenden Quelle wahrhaft wie ein segenbringendes Heiligtum. Seit die Wolken sich oben im Gebirge zerteilt hatten, hatte kein Schatten uns mehr berührt. Schwarz standen die Kronen der Bäume über der glühenden Landschaft, als wir den Berg, meist stark mit unserer wissenschaftlichen Ausbeute belastet, hinabkeuchten. Schwarz erschienen die knorrigen, meterdicken Stämme der Platanen; fast war es, als träten wir in ein dunkles, kühles Gewölbe ein, als wir den Rand des Schattens erreichten.

Er brachte uns bald Kühlung und Erfrischung, dieser _heilige Hain_ mit seiner Quelle. Bald erholten sich die Augen von der Blendung des Sonnenlichtes und man begann die Schönheit des Ortes ganz aufzunehmen. Graugrün erschienen jetzt die Stämme der Bäume, wie mächtige Säulen das Blättergewölbe stützend, das sich über uns zusammenfügte. Auf den gelbgrauen Felsen kletterten Ziegen. Am kaum entstandenen Bach wuschen Frauen im klaren Wasser.

Und vor uns öffnete sich ein lieblicher Blick über das Tal und die fernen Berge, wie von einem köstlichen Rahmen umschlossen durch die Stämme der Platanen und die zierlichen Formen ihrer im Abendhimmel schwebenden Blätter.

Der Quellbach stürzte bald brausend in die Schlucht, die wir verfolgen mußten, um in die Stadt zu gelangen. Kaum geboren, mußte der Bach schon die erste Mühle treiben und so deren noch eine ganze Reihe, ehe er unten im Tal, zwischen den Häusern der Stadt seine ganze Burschenkraft verloren hatte und träg über dem Geröll dahinschlich.

Die Mühlen waren kleine, dunkle Steinhäuser, meist ohne Fenster; durch die enge Türe sah man direkt in die Mahlstube hinein, wo der Mühlstein wagerecht sich drehte, so wie unten auch das Mühlrad wagerecht lag und mit seinen Schaufeln das seitlich zufließende Wasser nach Art einer Turbine auffing.

Alte türkische Männer mit vermehlten Haaren und Bärten, umgeben von Knaben, besorgten die geringe Arbeit in den primitiven Mühlen. Es waren malerische Bilder, welche die Mühlen, zum Teil von Schlingpflanzen überwachsen, mit ihren hölzernen, halbvermoderten Zuleitungsröhren, hohlen Baumstämmen, eingeschmiegt in der Wand der Schlucht darboten. Grell beschien sie noch die Abendsonne, dunkle Schatten fielen von ihren Wänden auf die Hänge der Schlucht. Das Wasser toste und brauste durch Röhren, Kanäle, an den Rädern vorbei, der Tiefe der Schlucht zu, die wir betraten, um unter einer alten, überwachsenen Brücke den Ort zu erreichen.

Dort herrschte auf den Straßen das geräuschvolle Leben der deutschen Soldaten. Zahlreiche Kolonnen waren hier einquartiert. Vor der Marketenderei und einer Feldbuchhandlung stauten sich die Mannschaften. Aus den Höfen tönte das Lachen und Singen türkischer Kinder. Abendfrieden und goldener Sonnenschein lagen über dem Städtchen, als wir unseren Wagen, der uns vor der Moschee erwartete, bestiegen.