Mazedonien

Part 31

Chapter 313,454 wordsPublic domain

Dr. _Gripp_ beobachtete in diesem Gebiet nur Gneise. Dieser einheitlichen Gesteinszusammensetzung schreibt er die gleichmäßige Oberflächengestaltung des Gebietes zu. Angelagert an diese Gneise fand er eine Hülle von Glimmerschiefer, zum Teil Granatglimmerschiefer, aus der auch der größte Teil des Pepelak und des Höhenzuges zusammengesetzt ist, der sich vom Pepelak bis Jabolcista erstreckt.

Ganz anders als diese milden, gleichartigen Berge sehen die Gebirgszüge aus, welche westlich von diesem Glimmerschiefergebirge liegen. Es ist das weiße, kahle, baumlose und überhaupt vegetationsarme Gebiet, welches ich oben schon erwähnte. Wir alle, welche die Gebirge der Gegend von Triest, von Istrien oder der Herzegowina kannten, wurden durch seinen Anblick an den _Karst_ erinnert. Unser Geologe bestätigte uns die Richtigkeit dieser Annahme. Es war ein typisches Kalkgebirge; die Gesteine, die es zusammensetzten, waren nur Marmor und Dolomit. Und überall traten uns die typischen Karstphänomene entgegen, welche für Gebirge vom Bau des Karstes in aller Welt charakteristisch sind und den Namen dieses südkrainischen und küstenländischen Gebirges zu einem geologischen Fachausdruck gemacht haben.

Vor allem war die Wasserarmut dieser Berge auffällig. Streifte man durch diese weißen, plattigen Gesteine, dann mußte man seine Feldflasche wohlgefüllt mitnehmen. Denn auf Quellen konnte man nicht rechnen. Die Täler und Schluchten waren trocken und keine munteren Bäche durchströmten sie. Wo Schmelzwasser von den Schneefeldern herabfloß, versickerte es bald im Boden oder verschwand in unterirdischen Spalten. Die Täler waren sämtlich abflußlos. Die für den Karst so bezeichnenden _Dolinen_ waren überall in großen und kleinen Ausmaßen anzutreffen. Es sind das Einsturztrichter, welche dadurch entstanden sind, daß unterirdische Höhlen durch Auslaugung der Felsen sich bildeten, in welche später die Felsendecke einstürzte. Solche riesigen Dolinen wie im adriatischen Gebiet, in denen große Felder und Gärten, ja ganze Dörfer liegen können, fanden wir allerdings hier im Hochgebirge nicht. Karstphänomene werden wir weitere zu erwähnen haben, wenn uns die Beschreibung der weiteren, von uns durchforschten Strecken der Golesniza Planina dazu führt.

Besonders interessant für den Geologen waren die Beobachtungen einer Auflagerung von mehreren hundert Metern mächtigen Marmormassen auf dem kristallinen Schiefer. An zwei Stellen konnten solche Überlagerungen beobachtet werden; in beiden Fällen lagerten helle Kalke und Kalke mit Glimmer, die unter 50-70° nach Südwesten einfielen, über den kristallinen Schiefern, und zwar ohne jede Transgressionsmerkmale zu zeigen. Die Kalke gingen nach oben bald in graue Dolomite und hellen Marmor über. Im Patiskatale fand Dr. _Gripp_ eine linsenförmige Scholle von Gneis von einer Länge von 8-10 m in den untersten Lagen der Kalke.

Interessanter und auffälliger waren uns anderen Naturforschern die Spuren einer einstigen starken Vereisung der Gebirge, welche Dr. _Gripp_ eifrig untersuchte und abends im Lager, wenn wir schmausend vor unseren Zelten saßen, hörten alle gern zu, wenn er von seinen Beobachtungen erzählte.

Die Resultate im Gebiet der Karseen des Pepelak haben wir oben schon zusammengefaßt. Vor dem Karstgebiet zeigten sich im Gebiet des Gneisgebirges viele Spuren der Gletschertätigkeit, die sehr auffällig waren. Südlich vom Pepelakkar fand sich am Osthang des Glimmerschieferzuges in 1990 m Meereshöhe ein weiteres Kar. Etwas südlich von diesem lagen auf dem Glimmerschiefer 80 Marmorblöcke von verschiedener Größe, dem Gestein nach vollkommen den anstehenden Gesteinen im westlich liegenden Karstgebirge entsprechend. Daran anschließend am Westhang der Höhe sind Rundhöcker zu finden, auf denen verstreut gerundete Marmorblöcke umherliegen. Wir können daraus schließen, daß in das Tal zwischen dem Glimmerschiefergebirge und dem Karst ein Gletscher sich ausdehnte, der bei 2040 m Höhe das Tal ausfüllte. Es muß ein prachtvoller großer Gletscher gewesen sein, dessen Eis hier hinabfloß. Kein anderes Transportmittel wäre fähig gewesen, die mächtigen Marmorblöcke und Kalkfelsen aus dem Karstgebiet weit in das Gneisgebiet hinein zu verschleppen. Im Tal selbst lagen in 1945 und 1990 m Höhe noch zwei mächtige Moränen aus Marmorgeschieben, von denen die obere 3 m hoch und 50 m lang, die untere 15 m hoch und 120 m lang ist. Im Grunde des Zungenbeckens der oberen Moräne gibt es mehrere Dolinen. Unterhalb der tieferen Moräne liegt eine steile Marmorwand, an deren Fuß eine Quelle entspringt (_Östreichs_ Salakova-Quelle). Ihr Abfluß, dem zwei kleine Bäche seitlich zufließen, durchbricht in der Salakova-Senke die Glimmerschieferkette und fließt steil bergab zur Kadina Reka.

Nach Süden schließt sich westlich vom Glimmerschieferzug das von _Östreich_ so benannte Wannental an; in Wahrheit handelt es sich um zwei größere, abflußlose Täler. Sie führen Bäche, deren Wasser vom Glimmerschiefergebirge kommt und welche jetzt verstärkt durch die Schneeschmelzwasser des Frühlings noch im Tal in Dolinen verschwanden.

Am Abend unseres ersten Tages im Pepelaklager erlebten wir einen starken Barometersturz, ein kalter Regen trieb uns in unsere Zelte, die Temperatur sank auf 6° C. Nebelschwaden zogen das Tal herauf und hüllten unser Lager vollständig ein. Eine kurze Aufklarung ermöglichte uns wenigstens abzukochen. Nachts aber kam wieder Regen, dem ein schweres Gewitter und schlimme Kälte folgten. Das schlechte Wetter hielt den ganzen nächsten Tag an, gegen Abend schneite es sogar; das dauerte die Nacht hindurch an. Gegen Morgen trat sogar Frost ein, wir hatten -4° C, morgens im Zelt noch -1,5° C; die Erde war stark gefroren, der Schnee war nicht liegengeblieben, aber Wiesen und Felsen waren stark bereift. Und das widerfuhr uns während des subtropischen Sommers Mazedoniens in der Nacht zum längsten Tag des Jahres.

Der Tag wurde trotzdem gut ausgenützt, obwohl es unmöglich war, in dem immer wieder aufziehenden dichten Nebel sich weit vom Lager zu entfernen. Der Botaniker kam immerhin zu seinem Rechte. An den zahlreichen Wasserläufen, welche den Berg herabliefen, standen neben farbenprächtigen Polstern von Läusekraut (+Pedicularis limnogena+ Gris.), die goldenen Sträuße der Sumpfdotterblume; dazwischen bogen sich im Wind die Stengel der roten _Bachnelke_ (+Geum coccineum+ S. S.). Die _Bachnelken_ waren hier im Kar sehr häufig, und zwar kamen vier Arten vor (+Geum montanum+ L., +G. molle+ V. B., +G. urbanum+ L. und das rotblühende +Geum coccineum+ L. L.). Prof. _Bornmüller_ benützte die Zeit, um nach Bastarten zwischen diesen nahe verwandten Arten zu suchen und er fand tatsächlich solche auffallend häufig. So waren zahlreich Bastarte von +coccineum+ und +montanum+, ebenso von +urbanum+ und +coccineum+, dagegen sehr selten solche von +molle+ und +coccineum+.

Selbst für den Zoologen gab es trotz Regen, Nebel und Kälte manches zu beobachten. Um die Zelte trieben sich zahlreiche Wasserpieper (+Anthus spinoletta+ L.) herum, Braunkehlchen (+Saxicola rubetra+ L.) schwirrten in den Felsen oberhalb des Lagers, Feldlerchen und Ohrenlerchen gab es auch. Das schlechte Wetter zwang einen Steinadler und einen Lämmergeier nebst einem Schwarm Alpendohlen zu einem flüchtigen Besuch in unseren Tiefen.

Ja ich konnte hier sogar zwischen den Bächen eine ganze Anzahl von Ameisenhaufen entdecken. Es war eine +Formica+-Art (+Serviformica fusca+ L.), welche in dieser Bergeshöhe zwischen den Polstern einer hier häufigen Wachholderart (+Juniperus nana+ Will.) regelrechte Haufen hauptsächlich aus Wachholdernadeln gebaut hatte. An dem kalten Tag waren die Tiere alle tief im Bau verkrochen.

Am nächsten Morgen überraschte uns klarer Himmel in unserer Höhe, während die Täler, so auch das Wardartal, tief unten im Nebel steckten. Wasser und Schwämme waren selbst im Zelt gefroren, die Zeltbahnen hart und steif. Die kurze Stunde Sonnenschein half uns unsere Sachen annähernd trocknen, unsere Waschung im Bachwasser vollbringen. Wir brachten diesen Tag noch in der Umgebung des Lagers zu, die verschiedenen begonnenen Untersuchungen fortsetzend. Nachmittags stieg ich einige Kilometer bergab, um die Buchenwaldregion am Sattel, welche wir beim Aufstieg rasch durchschritten hatten, noch einmal zu durchstreifen. In dem schönen, lichten Buchenbestand war ein reiches Vogelleben. Vor allem wimmelte es von kleinen Singvögeln, von denen Kleiber, die beim Nestbau waren, Baumläufer, Zaunkönige, Drosseln und Waldlaubsänger beobachtet wurden.

Vor uns lag, blau hinter dem Buchenwald sich erhebend, der schön umrissene Berg Liseč, hinter welchem die Berge des Wardartals um Veles und die jenseitigen Gebirge auftauchten.

Am nächsten Morgen, am 24. Juni, hatte schöner Sonnenschein uns begrüßt, nachdem wir noch beim Sternenschein begonnen hatten, die Zelte abzuschlagen und die Tragtiere zu bepacken. Aber noch ehe wir losritten, erhob sich ein starker, kalter Wind, schwere Wolken zogen von Westen heran. Trotzdem setzten wir uns in Bewegung und erklommen die Hänge des Pepelakkargebiets. Südlich des Südgipfels wollten wir den Sattel überschreiten, um in das längs der Karstberge hinziehende Tal zu gelangen.

Oben auf dem Sattel überfiel meine Karawane ein gewaltiger Sturm; die Stöße des Westwindes brachten Menschen und Pferde aus dem Gleichgewicht. Es war kaum möglich, sich aufrecht zu erhalten. Dabei war es bitter kalt, daß die Hände einem am Zügel erstarrten. Plötzlich entriß mir, der ich auf alle Menschen und Tiere aufpassen mußte und darum auch auf mich selber am wenigsten achten konnte, ein Windstoß meine Militärmütze und trug sie über das Schneefeld im Nu kilometerweit zu den Seen und über sie hinweg. Sie war dahin und die Reise mußte ohne Mütze fortgesetzt werden.

Zum Glück kamen wir bald über den Sattel und ritten abwärts in das Tal, welches sich am Fuß der Marmorberge hinzog. Trotzdem kamen wir noch nicht in Winddeckung und alle Mitglieder der Expedition litten an diesem Tage sehr durch den eiskalten Wind.

Ganz einsam und menschenleer war hier das Gebirge auf beiden Seiten des Tales. In den letzten Tagen hatten wir keine Hütte und keine menschliche Siedelung angetroffen. Nordwärts vom Pepelak hatten wir einige Hirten mit ihren Herden in der Ferne gesehen. In der Tiefe hatten wir Dörfer bemerkt und mit einem von ihnen waren wir auch in Beziehungen getreten. Und so sollte es noch für einige Tage weiter gehen.

Es war ein wasserloses Tal, welches wir nun zu durchreiten hatten. Schroff und kahl stiegen zu unserer Rechten die Karstberge auf, eine lange Kette von Gipfeln, an deren Südostecke ein Doppelkegelberg mit schönen Umrissen emporragte, der höchste Gipfel des ganzen Gebirges, der für die nächsten Tage unser wichtigstes Ziel war. Diesen Berg hat _Östreich_ wohl als erster Forscher 1899 bestiegen und nannte ihn _Begova_. _Cvijić_ gibt ihm den Namen _Jakupiza_; den kannte aber keiner der Einwohner, die wir in diesen Tagen befragten. Die österreichische Karte 1 : 200000 bezeichnet die beiden Gipfel als _Solunska_ und _Begova_. Diese beiden Namen wurden uns bestätigt, wobei allerdings der Name _Begova_ auch auf das weitere Gelände ringsum bezogen wurde und ja weiter nichts bedeutet als der Besitz des Beg.

Die Rast bei der von Dr. _Gripp_ untersuchten Moräne war wenig erfreulich; denn keiner von uns fand Deckung vor dem kalten Winde, der durch das Tal fegte. So ritt ich bald mit Dr. _Gripp_ voraus, um zu versuchen, rechtzeitig einen geeigneten Lagerplatz zu finden. Der Ritt führte über die zweite Moräne, dann links über einen Hang hinauf durch den letzten Teil des Wannentals. Hier sahen wir an vielen Stellen die Zeugen der Arbeit des Gletschereises in den gewaltigen Marmorblöcken, die oft über 40 m über der Talsohle auf dem Gneis lagen.

Nun ging es hinab und auf eine weite Fläche hinaus, an deren gegenüberliegendem Rand Nadelgehölz uns eine geeignete Lagerstätte zu versprechen schien. Seit Tagen schien zum ersten Male wieder ein Waldbestand uns zu winken. Die hohen Gipfel, vor allem die _Solunska_, waren hier durch vorragende Berge der Kalkkette verdeckt; aber weit die Vorberge hinauf sah man den Nadelholzbestand reichen, der der Landschaft einen ganz anderen Charakter gab, als ihn die öden Wiesen- und Steinregionen besaßen, die wir zu verlassen im Begriff waren.

Unsere Pferde griffen auf dem weichen Wiesenboden flott aus. Es war eine noch magere Wiese, über welche wir ritten, man sah ihr an, daß der Schnee noch nicht lange von ihr abgeschmolzen war. In munterem Ritt ging es über eine weite, flache, von Bächen durchzogene Talebene, an derem jenseitigen Rand neue Berge aufragten, an die im Südostwinkel die hohen Berge sich anschlossen, die allmählich frei wurden und in einem kühlen Nachmittagslicht vom trüben Himmel sich abhoben.

Wieder packte uns der Wind an und wir suchten wieder Winddeckung für unser Lager, die wir schließlich am Südrand des Tales auf einem Felsen fanden, hinter welchem dicht anschließend das Nadelholz anfing, zu unserem Erstaunen Legföhren, _Latschen_, die mich höchst heimatlich anmuteten.

Vor dem Felsen stand eine zeltförmige kleine Hütte aus Reisigholz; sie wurde von unseren bulgarischen Soldaten und den Tragtierführern freudig begrüßt. So winkte ihnen doch die Aussicht, einige Nächte unter Dach zuzubringen, wenn dies Dach auch nicht übermäßig fest und dicht war. Wir schlugen unsere Zelte etwas oberhalb der Hütte auf der Felsplatte auf und bald rauchten die Lagerfeuer, so daß man hoffen durfte, vor der Nacht durch warme Nahrung die durchfrorenen Körper etwas zu erholen.

Holz gab es genug in der Nähe, denn die ganzen Hänge waren von dem Krummholz bedeckt, dessen dunkelgrüne Nadeln einen neuen erfreulichen Farbton in die Landschaft brachten. Dicht bei unseren Zelten begannen die Latschenbestände und zogen sich auf allen Hängen weit hinauf. Es waren stattliche Büsche, oft fast baumartig emporragend. Mit ihren liegenden Ästen und oft hervorragenden Wurzeln erschwerten sie das Steigen sehr. Die Latschen hatten lange, weiche Nadeln von dunkelblaugrüner Farbe. Die Bestände waren durch diese blaugrüne Färbung außerordentlich charakteristisch und beherrschten durch diesen Farbton vielfach die Stimmung der vorherrschend düsteren Landschaften im Solunskagebiet. Es war +Pinus montana+ Mill., +Sbsp. mughus+ Scop.

In unserer Nähe war der Legföhrenbestand immerhin etwas gelichtet; verbrannte Stellen zeigten uns, wie unvorsichtig und nachlässig die Bevölkerung auch hier mit dem kostbaren Holz umgegangen war. Die kleine Hütte war von Köhlern errichtet worden, welche offenbar regelmäßig im Hochsommer einige Monate zum Kohlenbrennen hier verbringen. Im Krummholzwald zeigten auf zahlreichen Lichtungen die Reste von Kohlenmeilern, daß hier eifrig gearbeitet worden war. Aus manchen Meilern konnten wir uns noch erhebliche Mengen Holzkohlen herausholen, die unsere Feuer nachhaltig machten, und uns erlaubten, um sie herum hockend, uns ordentlich anzuwärmen.

Während die Zelte aufgeschlagen und gekocht wurde, hatten wir Naturforscher Zeit, uns an unserer neuen Arbeitsstätte umzusehen. Es war eine großartige Landschaft, die sich um uns ausbreitete. Vor uns lag eine weite, grasbewachsene Ebene, durch welche mehrere Bachläufe sich verzweigten. Direkt unseren Zelten gegenüber, also nördlich von ihnen, zog sich von West nach Ost eine Hügelkette hin, welche dem Gneisgebiet angehörte und dies durch ihre graue Färbung erkennen ließ. Sie setzte die Begrenzung des Wannentals fort, das gleichsam durch eine Pforte sich in das weite Tal öffnete. Westlich zogen die hellen Karstberge heran und grenzten mit ihren weißen Wänden das Tal ab, sich fortsetzend in die stattlichen Gipfel der _Begova_ und _Solunska_. Diese prachtvollen Berge erhoben sich steil etwas rechts hinter unserem Lager; wir brauchten nur einige hundert Meter in die Ebene hinauszuwandern, um einen grandiosen Anblick zu genießen. Von der Abendsonne rosig überhaucht hoben sich die mächtigen Kalkhalden aus dem dunklen Polster der Latschen, welche auf dieser Talseite überall hoch die Hänge hinaufstiegen. Tiefe, blaue Schatten hoben die zerrissenen Wände der beiden Kegel scharf hervor.

Der Blick nach Norden und Osten war weniger großartig; ziehende Wolkenschwaden verhüllten meist die Aussicht. Immerhin war diese sehr interessant. Der Grund des weiten Tals war wellig und zum Teil mit Rasen bedeckt. Zahlreiche Rinnen durchzogen ihn, von Bächen und den von allen Höhen niederrauschenden Schneeschmelzwässern gebildet. Auf den ersten Blick mußte man an einen ausgetrockneten Seeboden denken, eine Meinung, die tatsächlich von _Östreich_ ausgesprochen wurde. Das ganze Tal gehörte dem Karstgebiet an und als interessante Karsterscheinung konnten wir zwei von West und Nord zuströmende Bäche feststellen, welche in der Mitte der Talebene beide gemeinsam plötzlich im Boden verschwanden. Beide Bäche strömten hier in eine tiefe _Doline_; ihr Wasser wurde vom Boden verschluckt, um irgendwo weit bergab aus einer Felsspalte wieder zum Vorschein zu kommen.

Das Tal wies auch die Spuren einer einstigen _Vergletscherung_ auf. Am Ostrande war es eng geschlossen und setzte sich in eine trockene Schlucht fort, welche durch Moränen gesperrt war und an ihren Rändern Marmorblöcke auf dem Gneis trug, die Verlauf und Mächtigkeit des einstigen Gletschers anzeigten.

Das Tal selbst gab zu allerhand Beobachtungen Anlaß. Die Präparatoren waren eifrig auf der Vogeljagd, wobei interessante Arten, wie die Ohrenlerche (+Chionophilos alpestris balcanicus+ Rchw.), erbeutet wurden (Abb. 201). Im Talgrunde waren zwischen dem kurzen Rasen viele Erdlöcher mit ausgeworfenem Sand zu beobachten, von denen viele von _Zieseln_ bewohnt waren. Dieses fast hamstergroße Nagetier hatte ich in Mazedonien schon oft beobachtet. Er ist ein reizvolles, putziges Tierchen; oft sieht man es, wie ein Murmeltier aufgerichtet vor seinem Erdloch sitzend und Männchen machen, um schnell wie der Wind sich in die Tiefe zu stürzen, sobald es den Menschen bemerkt (Abb. 200).

Einige Belegstücke wurden geschossen, um diesen eigenartigen Fundort festzulegen. Es war auffallend, dies Steppentier in so großer Meereshöhe (2000-2200 m) so zahlreich zu finden. In den Ebenen des Wardar bei Hudova und Üsküb hatte ich immer nur einzelne gesehen, hier waren hunderte von Löchern im Talboden und die Tiere ließen sich leicht beobachten, da sie in dieser einsamen Gegend viel weniger scheu waren, als im Tiefland. Die Weibchen waren hier gerade trächtig, also fast 6 Wochen später als im warmen Tiefland. Hier oben müssen sie auch einen viel längeren Winterschlaf halten als unten. Auch die Nahrung mußte bisher sehr mager gewesen sein, denn vor kurzem hatte der Schnee noch das Tal gedeckt. So hatte das Tier hier auch wohl sicher noch keine Vorräte eingetragen, bei welcher Tätigkeit ich es im Wardartal schon viel früher im Jahre beobachtet hatte. Dort hatte ich den Ziesel große Gras- und Heubüschel, größer als er selbst, im Mund im raschesten Lauf einschleppen sehen. Hier auf dem Balkan scheint also der Ziesel seine Vorräte nicht nur in den Backentaschen einzutragen, wie er das in Rußland tun soll. Die bisherigen Untersuchungen ließen keine Abweichungen von der typischen Form (+Citillus citillus+ L.) erkennen.

Ein _Iltis_, der rasch in einem der Bauten verschwand, konnte leider nicht erbeutet werden.

Im Tal war eine Senke stark versumpft, zahlreiche größere und kleinere Tümpel von geringer Tiefe waren da durch das Schmelzwasser des Schnees entstanden; von ihnen waren einige im Austrocknen begriffen, einige wenige schon ganz ausgetrocknet. In diesen Tümpeln und in ihrer Umgebung fand sich eine reiche Tierwelt. Ich beobachtete dort Laubfrösche, Unken, den großen Bachfrosch (+Rana ridibunda+ L.), im Wasser tummelten sich verschiedene Arten von Wasserkäfern (+Gaurodytes+-Arten), Wasserwanzen und Käferfliegenlarven. Vor allem aber wimmelten einzelne der Tümpel von ungeheueren Massen einer +Euphyllopoden+-Art (+Chirocephalus diaphanus stagnalis+); zu vielen Tausenden schwammen die rotgelben Krebschen in langsamer Bewegung in dem kalten Wasser umher. Sie waren in allen Entwicklungsstadien vertreten, auch erwachsene Männchen und Weibchen, welch letztere auch schon reichlich Eier entwickelt zeigten. Die Dauereier dieser Tiere sinken in den Schlamm, der den Boden der Tümpel bedeckt. Ist das Wasser der Tümpel verdunstet, so trocknen die Krebseier mit dem Schlamm aus und können Trockenheit und schwersten Frost überstehen. Füllt neues Schmelzwasser die Tümpel von neuem, so schlüpfen junge Krebschen aus den Eiern aus und erfüllen die entstehenden Gewässer mit neuem Leben. Aus den frisch ausgetrockneten Tümpeln nahm ich Schlammproben mit, um später in der Heimat im Laboratorium die +Chirocephalus+ zu neuem Leben zu erwecken. Es war dieselbe +Branchiopoden+-Art, welche in den Pepelakseen erst den Larvenzustand erreicht hatte.

Von +Chirocephalus diaphanus+ sind bisher zwei Rassen beschrieben worden, eine größere und eine kleinere. Unser Fund gehört zur kleineren Rasse, die bisher in Mazedonien noch nicht beobachtet war, während die größere schon einmal im Wardartal gefunden wurde. Sie gilt als eine Art subtropischen Ursprungs, eine Warmwasserform, welche ihr Hauptverbreitungsgebiet im Norden Afrikas hat. Daß sie trotzdem starke Temperaturschwankungen aushält, beweist unsere Beobachtung, daß das Wasser der Tümpel im Begovatal nachmittags bis 22,4° C erreichte, während morgens in der Frühe eine Eisdecke ihre Oberfläche überzog. In den Tümpeln lebte außerdem ein Kopepode +Diaptomus tatricus+ Wierz., bei welchen die Männchen prachtvoll von Carotin rot gefärbt, die Weibchen aber mit Ausnahme der roten Eier farblos waren. Auch diese Art war neu für Mazedonien.

Dem ereignisreichen Tag folgte eine bitterkalte Nacht. Morgens um 5 Uhr maß das Thermometer noch 2° unter Null. Die Zeltbahnen waren dick bereift. Aber uns Bergwanderer grüßte ein wolkenloser Himmel und machte uns den Entschluß leicht, an diesem Tag die Besteigung der beiden Hochgipfel zu unternehmen. Wir stiegen die tiefe Mulde hinan, welche sich vor _Begova_ und _Solunska_, wie die beiden Gipfel nach den Aussagen der Einwohner hießen, ausbreitete. Wir hatten Felsblöcke zu überklettern und -- wer Latschenwälder der Alpen kennt, wird würdigen, wie schwer es war über die Wurzeln und Äste der sehr stattlichen Legföhren hinwegzuklettern, um durch das Moränenfeld des großen Kars zu gelangen, das sich hier vom Sattel zwischen beiden Gipfeln zu uns erstreckte. Die oberen Mulden des Karhanges waren noch mit ausgedehnten Schneefeldern erfüllt, von denen murmelnde Bäche sich zu kurzem Lauf zwischen den Kalk- und Marmorblöcken des Hanges entwickelten. Beim Aufstieg an die jenseitigen Hänge des Kars verließen wir bald die Latschenzone und kamen in ein fast vegetationsloses felsiges Gebiet. Der Anstieg war an dem kühlen Morgen nicht allzu anstrengend. Die Höhendifferenz von unserem hochgelegenen Lagerplatz bis zu den Gipfeln war ja nicht sehr beträchtlich. Dazu kam, wie in allen von mir besuchten mazedonischen Gebirgen, mochten sie noch so entlegen und einsam sein, das Vorhandensein von Pfaden, die allerdings oft undeutlich waren, selbst verschwanden, um nach einigen hundert Metern wieder erkennbar zu werden. Jetzt war die Gegend ja vollkommen menschenleer; aber im Sommer wurde sie von zahlreichen Hirten mit ihren Herden durchzogen, die alle Pässe überwandern. Auch mögen Schmuggler und Flüchtlinge diese Pfade ausgetreten haben und noch vor kurzer Zeit mochte manche Bande in diesem wüsten Gebirge Zuflucht gesucht und gefunden haben.