Part 27
Weiter oben hatten wir an einer tiefen Schlucht entlang zu wandern, bis wir nach etwa 1½ Stunden an den Rand eines Eichenwaldes kamen, der zuerst aus Buschwerk bestand, allmählich, je tiefer wir in ein Tal hineinkamen, immer mehr zum Hochwald wurde. Das ganze Tal wurde immer dichter vom Eichenwald erfüllt.
Wir Jäger wurden an das obere Ende des Tales verwiesen; die Albaner sollten an beiden Seiten am Hang durch den Hochwald treiben, und man versicherte uns, die Sauen würden schußgerecht bei uns herauskommen. Der fürchterliche Lärm, mit dem die Menschenmenge in den Wald eingezogen war und den sie drinnen ungemindert fortsetzte, die große Schießerei, die alsbald ohne jeden Grund losging, und das sinnlose Ansetzen der Schützen überzeugten mich, daß bei dieser Jagd nichts herauskommen konnte.
So beschloß ich denn, mich in der Umgebung meines Standplatzes genau umzusehen. Ich war in einer durch Holztrieb entstandenen Lichtung des Eichenwaldes postiert. Auf dem laubbedeckten Boden lagen einzelne gefällte Stämme, rings umher standen noch prachtvolle alte Baumriesen. Am Himmel zogen große Wolken und ließen dann und wann einen blauen Flecken klar werden. Damit wurden auch die roten Buchenwälder der höheren Region und über ihnen die Schneeflächen der Matten zeitweise sichtbar. In der Hauptsache blieb es aber ein trüber Tag.
Es dauerte gut zwei Stunden, bis die übrige Jagdgesellschaft und die Treiber herankamen. Trotzdem erlosch das Getöse in den Tälern nicht. Waren je Wildschweine im Gebiet, sie hatten sich sicher längst in stillere, verborgenere Gegenden zurückgezogen. Soviel ich suchte, ich fand keine Spuren, keine Losung, keine Andeutung, daß je Wildschweine hier gehaust hatten. Kein Tier irgendeiner Art brach durch den Wald. Außer dem Lärm, den die Menschen machten, herrschte tiefste Stille. Es hätten weihevolle Stunden sein können, in dieser stillen, winterlichen Einsamkeit des Bergwaldes.
Ein wenig genoß ich davon, als ich bis zum Schneerand anstieg und mich dort ruhig eine Zeitlang hinsetzte. Kein Tier regte sich im Gebiet, kaum ein Vogel flog vorbei, nur ein Specht trommelte in der Ferne. Ich wälzte Steine, löste Rinden von alten Bäumen. So fand ich Hackstellen des Spechtes; unter einem losgelösten Rindenstück fand ich etwa 50 schwarzrot gefleckte Blattwanzen im Winterquartier. Ähnlich fand ich solche Wanzen auch an anderen Stellen in Mazedonien. Es sind dies +Aradiden+, Rindenwanzen, deren geselliges Leben und gemeinnütziges Überwintern auch sonstwo beobachtet ist. Unter Steinen fand ich eine Anzahl Spinnen. Es waren junge Exemplare einer Wolfsspinne (+Lycosa+ sp.).
Sonst war es hier oben in einer Höhe zwischen 1200-1500 m noch ohne jedes Tierleben. Ich genoß die schöne frische Luft und meine Einsamkeit und war froh, als die Jagdgesellschaft enttäuscht sich wieder versammelte und den Rückmarsch zu unserem Gastfreund nach Dubrava antrat.
Da unten erwartete mich Besseres; denn schon beim Aufstieg hatte ich bemerkt, daß weiter unten das Vogelleben des Frühlings schon seinen munteren Anfang genommen hatte. Am Rande des Waldes, wo dieser in die Kulturlandschaft überging, da tönten schon die Lockrufe und der Gesang von vielen Vögeln. Überall huschte es in den Kronen, kletterte es auf den Stämmen. Auf den hohen Eichen sah man _Baumläufer_ sich verfolgen (+Certhia familiaris familiaris+ L.), zahlreich waren die Kleiber (+Sitta europaea caesia+ Wolf), auch schon Männchen und Weibchen gepaart. Sehr zahlreich waren die _Trauermeisen_ (+Parus lugubris lugubris+ Temm.), die auf den hohen Bäumen am Waldrand lärmten. Dort waren auch kleine Flüge der _Nonnenmeise_ (+Parus communis fruticeti+ Wallengr.). Und überall trieben sich in großen Mengen _Schwanzmeisen_ (+Aegithalos caudatus macedonicus+ Dress.) umher.
Ging man aus dem Wald heraus, so kam man auf eine Wiese, auf der sich Obstbäume, vor allem Apfelbäume mit dicken Knospen erhoben. Die Wiese war vom Schmelzwasser des Schnees sehr naß und noch dürr und braun. Trotzdem war in den Bäumen ein Lärmen und Singen im Gange, daß man den ganzen Frühling im Herzen spürte. _Amseln_ und _Drosseln_ freuten sich da ihres Lebens und waren zum Teil schon beim Nesterbauen. Sehr drängte sich mit ihrer schallenden Stimme die _Balkanamsel_ vor (+Turdus merula aterrima+ Mad.), in zahlreichen Paaren war die _Misteldrossel_ vertreten (+Turdus viscivorus viscivorus+ L.). Und fast ebenso zahlreich waren die Pärchen der _Ringdrossel_ (+Turdus torquatus alpestris+ Bg.). Auf dem Heimweg am nächsten Morgen war die Vogelwelt nicht weniger lebhaft. Zwischen den _Meisen_ unten im Tal, in den Büschen erregte meine besondere Freude ein ganzer Flug von _Gimpeln_. Mit ihrem silbergrauen Rücken, ihrem roten Brüstchen, ihrem dunkelen Schnabel machten sie einen sehr feinen Eindruck. Wer hätte gedacht, daß wenige Tage darauf tiefer Schnee das Land wieder bedeckte, und all den Vögeln da oben die Lenzesfreude bös versalzen war.
Höchst feierlich war unser Abschied von den albanischen Gastfreunden. Sie begleiteten uns zu ihrem Haus hinaus, schüttelten uns die Hände und unser Oberarzt, sowie ich, offenbar für den Alten die Angesehensten der Gesellschaft, wurden von ihm mit dem albanischen Kuß, dem Aneinanderlegen der Wangen, verabschiedet. Flott liefen unsere Pferdchen den Berg hinunter. Nachmittags bestiegen wir in Kazanik den Zug, der uns abends wieder nach Üsküb ins Standquartier brachte. Ich war zufrieden, diesen Blick ins intime Leben der Albaner getan zu haben.
Während dieser Tage waren wir mit keiner Frau zusammengekommen. Zwei verschleierte Wesen waren in Kazanik vor uns geflohen. Im Haus unserer Gastfreunde hatten wir, obwohl sie im anderen Teil des Hauses wohnten, von Frauen nichts gesehen noch gehört.
DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
DER WODNO, DIE TRESKASCHLUCHT UND DAS KLOSTER MARKOVA
Schon an einem der ersten Tage, die ich in Üsküb weilte, Mitte Mai 1917, hatte ich einen Spaziergang auf den 1000 m hohen Berg, der sich südlich der Stadt erhebt, auf den _Wodno_ unternommen. Damals schon konnte ich in den wenigen Stunden eine Anzahl interessanter Beobachtungen machen.
Am Fuß des Berges liegt der _slavische Friedhof_. Alle diese mazedonischen Gräberstätten machen auf uns Deutsche einen ungeordneten und vernachlässigten Eindruck. Die Gräber liegen kreuz und quer durcheinander; sie bestehen aus kastenförmig zusammengesetzten Steinplatten, sind meist ohne Inschriften, unregelmäßig gebaut, oft etwas zerfallen. Dazwischen wachsen regellos Gras und Kräuter und allerhand Büsche. Hier in Üsküb beschatteten stattliche Bäume die Gräber. Die Umgebung war nicht reinlich gehalten und gar im Sommer, wenn die Pflanzen verdorrt und Gräber und Bäume verstaubt waren, machte die Stätte einen unfreundlichen und unfriedlichen Eindruck.
Das Seltsamste sind aber die Besucher des Friedhofs. Sie machen ihren Toten regelrechte Besuche. In Feiertagsgewändern, hier am Rand der Stadt, teils städtisch, teils ländlich gekleidet, kommen sie mit Körben und Paketen voll Eßwaren zum Friedhof heraus. Auf den Grabstätten lagern sie, packen ihre Sachen aus und es beginnt eine allgemeine Speisung. Für den Toten wird sein Anteil auf sein Grab gelegt. Dabei geht alles ganz behaglich zu, als mache man bei einem Lebendigen seinen Besuch. Man hat den Eindruck, als weckten die Leute alte Erinnerungen an den Toten bei solcher Gelegenheit so sehr auf, daß sie sich vorstellen, er weile in ihrer Gegenwart. Selten, wenn der Tote erst seit kurzem im Grabe liegt, ertönen Klagen. Gebete werden stets gesprochen. Bei Beerdigungen ist der Pope dabei, es wird allerlei Pomp entfaltet und Gesänge von weicher, melancholischer Art, auch laute Klagen erschallen dann.
Hinter dem Friedhof geht es steil auf Saumpfaden und engen Steigen den Berg hinan. Wie oft bin ich auf diesem Berg herumgestreift und was gab es da alles zu beobachten und zu bewundern.
Der _Wodno_ ist ähnlich wie die _Plaguša Planina_ das Musterbeispiel eines mazedonischen Gebirges von etwa 1000 m Höhe. Charakteristische Unterschiede bringen hier die etwas nördlichere Lage und der größere Quellenreichtum mit sich. Außerdem ist der Gesteinsuntergrund ein abweichender. Im unteren Teil liegen Alluvionen des Wardar, darüber Marmor, Kalk und Schiefer. An seinen Abhängen sind drei deutliche Terrassen erkennbar.
Wald ist hier infolge der Nähe der großen Stadt noch weniger erhalten als in der Plaguša. Wo Wasser ist, an den Schluchten und in der Nähe der Ortschaften, sind größere Baumbestände vorhanden. So sind die Dörfer von stattlichen Obst- und Nußbäumen, Pappeln, Erlen und Weiden umgeben. In der Nähe des Dorfes Neresi befindet sich ein stattlicher Hain von _Edelkastanien_ (Abb. 173, S. 355), der einzige, den ich in Mazedonien sah, außer einem bei Kalkandelen im Sarskatal. In dem westlichen Teil des Bergzuges, gegen die Treskaschlucht zu, mehren sich Bestände von Eichen und Buchen, die aber stets ziemlich licht sind, höchstens Wäldchen, keine Wälder bilden.
Zu allen Zeiten des Jahres gab es auf dem Wodno etwas Interessantes zu beobachten. Im ersten Frühling waren auch hier, wie unten in Üsküb, _Spinnen_ besonders häufig; im Kapitel über die Spinnenfauna Mazedoniens habe ich auch die Arten erwähnt, die auf dem Wodno vorkommen. Von Arten, welche ich unten im Tal nicht antraf, erwähne ich den _Weberknecht_ (+Metaphalangium propinquum+ Luc.), von dem ich hier oben schon im April ein junges Männchen fand. Von echten Spinnen stieß ich ebenfalls Anfang April auf die Springspinne (+Hyctia canestrinii+ Canest. u. Pav.), von _Wolfsspinnen_ auf die stattliche +Lyçosa amentata+ (Clerk), welche sonst im Süden Mazedoniens häufiger war.
_Röhrenspinnen_ waren auch oben nicht selten, so die große +Tarentula praegrandis+ C. L. Koch. Unter den Steinen fanden sich außer allerhand Spinnen viele _Juliden_ und _Skolopender_, auch _Skorpione_ der Art +Euscorpius carpathicus+ L. Unter anderen Steinen gab es zu dieser Zeit zahlreiche langhörnige Käfer aus der Gattung +Dorcadion+, die jetzt im Frühjahr in vielen Arten auftrat, während ich im vorigen Sommer nur zerfallene Reste von ihnen gefunden hatte.
Die ersten _Frühlingsschmetterlinge_ sahen nicht viel anders aus als bei uns; auch hier flogen zuerst _Zitronenfalter, Weißlinge_, kleine _Füchse_ und vor allem der unvermeidliche _Distelfalter_, dieser häufigste Tagschmetterling Mazedoniens.
Beim Aufstieg kam man durch blühende Hecken, in den Dörfern blühten die Obstbäume. Weiße und gelbe _Krokus_ sproßten zwischen den Büschen, Veilchen dufteten und etwas später tauchten zahlreiche _Anemonen_ auf. Einen wundervollen Kontrast zu den fernen schneebedeckten Bergen bildeten die sanft grünenden Weiden und Pappeln, die blütenbedeckten Pfirsich-, Pflaumen- und Aprikosenbäume, später die Apfel- und Birnbäume.
Winterlicher wurde der Eindruck, stieg man im April in die Gipfelregionen des Wodno, dort waren die Flächen noch braun und kahl; nur in windgeschützten Mulden hatten die Büsche ausgetrieben. An einer solchen Stelle konnten wir interessante Beobachtungen machen. Nahe dem Gipfel fanden sich alle Sträucher bedeckt von tausenden kleiner Käfer. Es war unser _Marienkäfer_, der _Siebenpunkt_ (+Coccinella septempunctata+ B.), der gerade aus seinem Winterquartier mobil wurde. So ließ sich hier feststellen, daß dieser Käfer in Mazedonien im Winter auf Berggipfeln Massenquartiere bezieht. Das tut er wohl auch in Deutschland; wenigstens ist im Riesengebirge entsprechendes schon gesehen worden. Aber in Mitteleuropa hat man bisher kaum auf dies Verhalten geachtet.
Mir fielen damals gleich die interessanten Beobachtungen ein, welche in Kalifornien an einer +Coccinellide+ gemacht und wirtschaftlich in sehr kluger Weise ausgenutzt wurden. Die Art +Hippodamia convergens+ überwintert dort in Mengen im Gebirge, während sie im Sommer in der Ebene als Blattlausvertilgerin in den ausgedehnten Melonenpflanzungen eine sehr nützliche Arbeit tut. Die amerikanischen Entomologen haben diese biologischen Eigentümlichkeiten ihrer einheimischen Art rationell ausgenützt. Im Winter werden von eingelernten Sammlern die Käfer in den vorher erkundeten Winterquartieren eingeheimst, in kalten Räumen bis zum Frühsommer aufgehoben und dann in bestimmt zugemessenen Portionen auf den Melonenfeldern ausgesetzt.
Das hat sich als sehr erfolgreich und gewinnbringend bewährt, ist zu einer Dauerorganisation gemacht worden und wird mit Nutzen in Kalifornien weiter betrieben. Wenn ich an die Melonenfelder unten im Wardartal dachte und an die Möglichkeiten eines zukünftigen größeren Betriebes durch die Bulgaren, so nahm ich mir sofort vor, ihnen unsere Entdeckung mitzuteilen. Leider entwickelte sich alles anders als man damals hoffte.
Vom Gipfel des Berges zieht sich der Kamm zu immer höheren und unwirtlicheren Felsenmassen hin, die schließlich in ungeheurem Absturz zum Tal der _Treska_ abfallen. Dieses stellt eine der majestätischsten Schluchten in dem an solchen Schaustücken so reichen Mazedonien dar. Als im Februar die Sonne einen trügerischen Frühling über das Tal von Üsküb gezaubert hatte, habe ich einen Ausflug mit einigen deutschen Ärzten in die _Treskaschlucht_ und an ihren Westhang unternommen.
Mächtig strömt die _Treska_ aus der schattigen Klamm hervor, deren Wände 600-800 m hoch fast senkrecht zu beiden Seiten aufsteigen. Welche Arbeit hat das Wasser da wohl in Jahrtausenden geleistet, um das harte Gestein bis zu dieser Tiefe durchzubohren. Auf beiden Seiten führen steile Saumpfade hoch in die Felsen hinauf, wo zwei einsame Bergklöster sicher jahrhundertelang eine Zuflucht der mazedonischen Christen waren. Heute liegen beide in Ruinen.
Das eine von ihnen, _Sveti Nedelja_, war unser Ziel. Auf steilen Pfaden klommen wir die Hänge entlang. Einige junge Albaner, Hirten, welche wir unterwegs antrafen, trugen uns unseren Proviant hinauf und zeigten uns den Weg, der allmählich bis zu einer Höhe von 800-900 m uns führte. Hier waren die Hänge unten von einer eigenartigen Buschvegetation bedeckt, die aus _Buchsbaum_ (+Buxus sempervirens+ L.) bestand. Auf dem vergilbten Rasen erhoben sich Gruppen dieser dunklen Büsche; in den oberen Teilen zeigten ihre Blätter noch ihr glänzendes Dunkelgrün, während sie unten durch den Winter dunkelrotbraun gefärbt waren, so daß sie fast aussahen, als wären sie aus Bronze gegossen. Zwischen dem Buchs standen _Wacholdersträucher_, die zum Teil baumartig gewachsen waren und in ihren Umrissen fast an Kiefern erinnerten (+Juniperus communis+ L.).
Später im Jahr, im Juni, blühte in der Treskaschlucht außer anderen eigenartigen Pflanzen die schöne, eigenartige +Ramondia serbica+ Pančič. mit ihren großen rosaweißen Blüten in einem Kranz dunkler Blätter zwischen dem grauen Gestein, ein schönes Bild darbietend.
Jede Wendung des Steigs brachte neue wilde Gebirgslandschaften. Stellenweise konnte man weit in die gewaltige Klamm hineinschauen, die nach Süden eng und hoch sich hinzog. Ihre Wände stiegen in Absätzen fast senkrecht in die Höhe; auf den Vorsprüngen standen Bäume und Büsche und von ganz oben sahen wir tief hinunter auf die Ruinen von Kirche und Kloster von _Sveti Nikola_. Wie auf einer aus den Felsen hervorragenden Plattform lagen die Gemäuer auf einer kleinen Fläche höchst malerisch in der Felsenwildnis am rechten Ufer der Treska, während wir am linken emporkletterten.
Da lag nicht weniger romantisch das Kloster _Nedelja_ an den Felsen angeklammert vor uns. Die Vorliebe der slavischen Mönche für bizarre Felsenlandschaften hatte hier sich ausleben können. Heute war es noch schwerer, von einem Mauerrest zum anderen zu gelangen als einstmals, als noch hölzerne Treppen und Galerien sie verbanden. Die Trümmer hingen ziemlich isoliert, zum Teil über tiefem Abgrund, umwuchert von Brombeersträuchern, Rosenhecken und Buchsbaum. Reste von Türmen und Arkadengalerien waren noch zu erkennen. Auch hier in der Höhe waren die Mauern zum Teil aus Felsgestein mit wagrechten Zwischenlagen aus roten Ziegeln gebaut.
Die Mönche hatten auch hier die Lage für schöne Aussichten gut gewählt. Auf kleinen Balustraden, über dem Abgrund hängend, hatte man großartige Blicke die Schlucht aufwärts, in ihre Tiefe, aus der der Fluß nur leise zu uns herauf brauste und vor allem zur Schlucht hinaus in das Tal von Üsküb. Man sah drunten den Zusammenfluß des _Wardar_ mit _Treska_ und _Lepinatz_, die Felder und Baumgruppen der Talfläche, jenseits die Hänge des _Karadakh_, ein schönes, farbiges Bild. Während wir oben verweilten, kreisten fünf mächtige Mönchsgeier über uns und tauchten oft tief in die Schlucht hinein, so daß wir von oben auf ihre Rücken und ihre schimmernden Flügelfedern blicken konnten.
Im Mai wurde es immer reizvoller auf dem Wodno. Eine Menge interessanter blühender Pflanzen entzückten den Botaniker, so +Astragalus fugioniferus+ Fisch. und +Genista nyssana+ Petr. Im Dörfchen _Oberwodno_ bildeten Erlen, Weiden und andere Büsche einen dichten Hain um einen kleinen Bach, in welchem die Frauen des Ortes ihre Wäsche wuschen. An den Obstbäumen hingen schon reifende Früchte.
Auf den Wegen wälzten die heiligen _Skarabäen_ ihre Mistkugeln und eine Fülle von Bienen beflogen die Blüten. Vor allem auffallend waren solitäre Bienen mit langen Fühlern, Vertreter der Gattung +Eucera+, und Arten von +Andrena+ und +Halictus+ sah man in ihren Löchern im Boden ein- und ausfliegen.
Um einen Begriff von der Mannigfaltigkeit, die mir manchmal an einem Ort entgegentrat, zu geben, führe ich die Bienenarten einzeln an, die nach den Bestimmungen von Dr. _Friese_ damals am Wodno von mir gefangen wurden: von +Eucera+ die Arten +E. seminuda+ Bz. und +E. caspica+ var. +peregi+ Moos., von +Halictus+ die charakteristischen Vertreter +H. quadrinotatus+ K., +malachurus+ K. und +rufocinctus+ K. Noch reicher war die Gattung +Andrena+ vertreten, und zwar mit sieben Arten (+A. thoracica+ F., +A. pectoralis+ Perez, +A. bimaculata+ var. +apiformis+ Kriechb., +A. gwynana+ K., +A. ephippium+ var. +macedonica+ Friese n. var., +A. flavipes+ K., +A. taraxica+ Gir.). Gerade dort war es auch möglich, das Vorkommen von zwei Generationen im Jahre bei einigen Arten, so +Andrena thoracica+ F. und +pectoralis+ Perez, von denen je eine Generation im April und eine im Juli flog.
Dieselbe Feststellung gelang bei +Anthophora crinipes+ Sm., von der auch beide Generationen auf dem Wodno gefunden wurden; und die gleiche Beobachtung wurde auch bei +A. acervorum+ L. gemacht.
Damit war die Menge der Wodnobienen noch nicht erschöpft. Im Frühjahr flogen noch +Ceratina cyanea+ K., +Osmia cornuta+ L. und im Hoch- und Spätsommer kam noch eine ganze Anzahl dazu, so +Osmia notata+ F., +O. dimidiata+ Mor. Vier Arten von +Megachile+ (+M. lagopoda+ L., +M. leucomalla+ Gerst., +M. apicalis+ Spin., +M. argentata+ L.), ferner noch +Anthidium cingulatum+ Latr.
Auf die Gefahr hin, manchen Leser etwas zu langweilen, habe ich diese lange Liste hier eingefügt, um zu zeigen, wie vielseitige Aufgaben dem Naturforscher dort im Lande überall sich boten.
Im Mai und Juni besuchte ich auch die Südseite des _Wodno_ und kam öfter bei den Vorbereitungsexpeditionen für die große Forschungsfahrt in die _Golesniza_ Planina ins Kloster _Markovo_. Man erreichte es am besten auf einem Weg, der über den östlichen Sattel des Wodno in das Tal der _Markova Reka_ führte. Am Abhang lag das Dorf _Kisela-Voda_, bei welchem Dr. _Gripp_ interessante Pflanzenversteinerungen entdeckte. Entweder durch das Tal des Markovabachs oder über die Hänge des Wodno gelangte man in ein engeres Stück des Tals, in welchem an einem lößartigen Hang inmitten von Pappeln und Weiden, von grünen Wiesen umgeben, das malerische gastliche Kloster lag.
Es ist dem _heiligen Dimitri_ geweiht, so auch die malerische Kirche in ihm, welche aus der Serbenzeit Mittelmazedoniens stammt. Daher ist sie in Bau und Stil erheblich verschieden von der älteren Kirche in Neresi (S. 365). Auch diese Kirche ist reich ausgemalt; die Malereien sind zwar zum Teil überschmiert, aber besser erhalten als in Neresi. In der Apsis finden sich Darstellungen von Heiligen und Engeln.
Am Bach lag ein großer Lehmschuppen, dessen Wand für den Zoologen außerordentlich interessant war. Ich besuchte ihn zweimal, um dort zu beobachten und zu sammeln. Oft hatte ich in Mazedonien Wände voll der Nester von einsam lebenden Bienen gesehen. Beim Anstieg zur Klosterruine _Sv. Nedelja_ in der _Treskaschlucht_ waren die sandigen Wände neben dem Weg zum Teil ganz porös gewesen von den Nestern von +Anthophora+ und ähnlichen Bienen. Damals schon, in den ersten Tagen des Februar, waren die ersten dieser Bienen ausgeflogen, und zwar waren es damals nur Männchen gewesen, welche wohl vergeblich auf das Ausfliegen der Weibchen gewartet hatten. Denn in jenen Tagen hatte der harte Winterrückschlag eingesetzt.
Im Juni an der Lehmmauer bei _Markovo_ sah es anders aus; da flogen nur Weibchen. Die hier wohl rechtzeitig ausgeflogenen Männchen waren längst gestorben und hatten die Weibchen bei der Arbeit des Bauens und Pflegens der Brut allein gelassen. Diesmal waren die Bienenweibchen in eifrigster Tätigkeit.
Viele hundert Bauten senkten sich in die Lehmwand hinein, von deren Aussehen die umstehende Photographie eine Vorstellung gibt (Abb. 172, S. 351). Nicht alle diese Bauten waren von der gleichen Bienenart gebaut. Manche Öffnungen hatten einen kleinen Durchmesser, in diese sah man kleine Bienchen hineinkriechen, andere waren größer und waren das Werk größerer Tiere. Vor allem waren aber auffallend die Bauten der offenbar häufigsten Art, welche einen zierlichen Vorbau trugen, der das Loch umfaßte und in Gestalt einer nach unten gekrümmten Röhre über die Oberfläche der Lehmwand vorragte. Die war nicht ringsum geschlossen, sondern bestand aus einem zierlichen Gitterwerk, welches in Gestalt von Stäbchen und Strängen ein luftiges Gebilde darstellte. Offenbar hatte die Biene beim Bau kleine Lehmklümpchen herangetragen und eins an das andere angeklebt. Da der Anbau genau die gleiche Farbe hatte, wie die Lehmwand selbst, so war es nicht unwahrscheinlich, daß die Baumeisterin beim Aushöhlen der inneren Röhre des Baues das ausgegrabene Material der Lehmwand gleich beim Anbau verwandte. Dabei war sie ganz eigenartig vorgegangen; sie hatte nicht etwa gleichmäßig am Umkreis des Ausgangsloches angebaut, sondern oben und unten kleine Lehmwürstchen gebildet, die da und dort untereinander verklebten und so das Gitterwerk erzeugten. Die ganze große Kolonie war noch im vollen Ausbau. Manches Weibchen, welches einen oder mehrere Bauten schon gefüllt hatte, fing gerade mit einem neuen an. So konnte man alle Stadien des Baues an der Wand nebeneinander sehen. Hier bohrte eine Biene gerade an einem neuen Loch, dort schloß eine einen fertigen Bau; hier war eine an der Ausgangsröhre tätig, dort war eine andere eifrig beim Aus- und Einfliegen und beim Eintragen von Blütenstaub und Honig als Nahrung für ihre Brut.