Mazedonien

Part 25

Chapter 253,339 wordsPublic domain

Berührung eines einzelnen Haares an den Tastern, an irgendeinem der Beine, am Hinterleib, selbst mit einem ganz zarten Gegenstand, z. B. mit einem Menschenhaar, führt prompte Reaktion herbei. Es erfolgt stets eine rasche Drehbewegung gegen die berührte Stelle. Berührung des Hinterendes veranlaßte eine blitzschnelle Umdrehung des ganzen Körpers. Dabei war die Verwendung der einzelnen Beine in unabhängiger Bewegung sehr bemerkenswert.

Ganz besonders empfindlich gegen Berührungsreize sind die schaufelförmigen Fortsätze am hintersten Beinpaar, die sogenannten _Malleoli_. Auf ihre Berührung reagiert das Tier blitzschnell und sehr heftig. Welche spezielle Funktion diese besonderen Sinnesorgane bei +Galeodes+ haben mögen, ist noch nicht bekannt. Sicher sind sie geeignet, dem Tiere eine genaue Prüfung von ihnen berührter Gegenstände zu ermöglichen. So mögen sie im Geschlechtsleben eine Rolle spielen. Leider fehlte mir, angesichts der vielen Aufgaben, die in jener Zeit sich vor mir auftürmten, die Zeit, das Tier eingehend auf seine Reizreaktionen in sorgsam angestellten Experimenten zu prüfen. Es hätte dies sicher sehr interessante Ergebnisse geliefert.

Jedenfalls hatte ich den Eindruck, daß das Tier vielmehr unter dem Einfluß von Reizreaktionen steht und automatisch reagiert, als derjenige Forscher annimmt, der bisher die Tiere wohl am eingehendsten studiert hat. _Heymons_ lehnt ihre starke Abhängigkeit von +Tropismen+ ab. Mir dagegen scheinen solche in ihrem Leben eine große Rolle zu spielen. Gerade seine Beobachtung, daß sie in der transkaspischen Steppe so leicht den Eisenbahngeleisen sich anschließen und an ihnen blieben, scheint mir eine Folge ihrer sehr auffälligen Thigmotaxisreaktionen zu sein, die ich beobachten konnte.

In Mazedonien scheint die Fortpflanzungszeit, ähnlich wie in der transkaspischen Steppe, im Juni und Juli zu liegen. Kleine jugendliche Exemplare fanden sich vom August an in den Herbstmonaten.

Zu den Spinnentieren gehören auch die _Skorpione_; nach den Erfahrungen, die ich sonst im südlichen Europa gemacht hatte, hätte ich erwartet, sie in Mazedonien in großer Zahl anzutreffen. Es wurden mir auch aus den ersten Jahren des Balkanfeldzuges sogar von Ärzten recht seltsame Geschichten von Abenteuern unserer Soldaten mit Skorpionen erzählt. So wurde von Lähmungen und langdauernden Anästhetien nach Skorpionstichen berichtet. Da ich nach eigenen Erfahrungen Schmerz und Folgen eines Skorpionstiches bei den südeuropäischen Formen nicht schlimmer einschätzte als die eines Wespenstiches, so war ich auf Sammlung neuer Erfahrungen sehr gespannt.

Es stellte sich bald heraus, daß _Skorpione_ in Mazedonien durchaus keine häufigen Tiere sind. Ich habe allerdings eine Sammlung von Arten dieser Gruppe zusammengebracht; aber diese war das Resultat angestrengter Sammelarbeit und des Umwälzens von vielen Tausenden von Steinen. So ist es auch verständlich, daß ich nie einem Eingeborenen oder Soldaten begegnet bin, der von einem Skorpion gestochen gewesen wäre. Folgende Arten habe ich in Mazedonien gefunden:

+1. Euscorpius carpathicus+ L. bei Üsküb sowohl im Tiefland als am Pepelak und an der Kobeliza in 2100 m Höhe.

+2. Buthus occitanus Amoreux+, der mehr im Süden beobachtet wurde. Ich fand ihn bei Mravinca und Kaluckova sowie in der Babunaschlucht bei Veles.

Überblicke ich meine Tagebuchnotizen über Spinnen, so ist es sehr auffallend, daß vielfach für die ersten Frühlingsexkursionen große Zahlen von Spinnenfunden verzeichnet sind. Natürlich hängt dies zum Teil damit zusammen, daß ich mich an solchen Tagen in besonders spinnenreichen Gegenden befand. Aber nicht weniger sind jene reicheren Funde dadurch bedingt, daß an Tagen, an denen die sonstige Tierwelt durch Kälte und ungünstiges Wetter vertrieben oder zur Untätigkeit gezwungen war, die Kraft und Aufmerksamkeit von mir und meinen Mitarbeitern mehr der Aufgabe gewidmet werden konnte, den Spinnen in ihren Verstecken nachzugehen.

So fand ich in und bei Üsküb im Februar, März und April 1918 viele Spinnenarten und konnte an ihnen manche Beobachtungen machen. Anfang März traf ich den _Weberknecht_ (+Phalangium cornutum+ L.), der auch sonst in Mazedonien sehr häufig war. Eine ganze Anzahl von _Wolfsspinnen_ waren schon in den ersten Märztagen, während des verfrühten Vorfrühlings (vgl. S. 166) sehr mobil. So liefen am Wardarufer zahlreiche Exemplare von +Lycosa paludicola+ Clerck frei auf dem Sand umher, und zwar waren es Männchen, Weibchen und zahlreiche kleine Tierchen darunter. Am gleichen Tage fand sich dort +Trochosa cinerea+ F., auch frei umherlaufend auf dem sonnenbeschienenen Sand. Eine andere Art der gleichen Gattung wurde fast an der gleichen Stelle erst Mitte April gleichzeitig mit der ersteren beobachtet, es war dies +Trochosa infernalis+ Motsch. Diese Arten bauen Röhren im Boden, welche bei +Tr. cinerea+ etwa 25 cm lang werden.

Besonders auffällig waren in der Üsküber Gegend die mächtigen _Taranteln_; große, dunkle, behaarte Spinnen, welche Röhren im Boden bewohnen. Eine der Arten (+Tarentula praegrandis+ C. L. Koch), kam in der ganzen Umgebung von Üsküb sehr häufig vor (Abb. 161). Ich habe sie auch bei _Dedeli_ und im Gebirge, auf dem _Wodno_ und später im Sommer auf dem Tomorosgebirge in 1500 m Höhe beobachtet. Überall baute sie schiefe Röhren in den Boden, welche 20-35 cm lang waren. Diese Röhren hatten einen Durchmesser von etwa 1-1½ cm und waren mit einem festen Spinnstoff ausgekleidet, so daß man sie ganz bis zu ihrem rundlich geschlossenen Ende aus der Erde herauspräparieren konnte.

In sie tauchten die Spinnen, wenn man sie verfolgte, blitzschnell hinein und verkrochen sich bis ans unterste Ende. Man sah sie oft nahe dem Ausgang ihrer Röhre auf der Lauer sitzen; doch waren sie nicht selten auf Streifzügen unterwegs.

Die _Deckel-_ oder _Minierspinnen_ aus den Gattungen +Cteniza+ und +Nemesia+, welche im westlichen Mittelmeergebiet häufig sind, und welche ich früher bei Bozen und in Italien beobachtet hatte, fand ich in Mazedonien nicht, obwohl ich sehr auf sie fahndete.

Eine zweite Art der Gattung +Tarentula+ (+T. apuliae+ Walck.), die ich schon im Jahre 1917 bei Kaluckova gesehen hatte, ein mächtiges Tier mit dunkelbraunem Hinterleib und gelbbraun geringelten Beinen fing ich auch Mitte April bei Üsküb. Am 10. April erbeutete ich ein stattliches Weibchen, welches einen großen, kugeligen Eikokon mit sich trug. Die Begattungszeit war also bei diesem Tier so früh im Jahr schon abgeschlossen. Eine dritte Art +Tarentula cuneata+ Clerck fand ich bei Üsküb schon Anfang März.

Noch mehrere Arten der gleichen Gattung habe ich in Mazedonien beobachtet, so +T. trabralis+ Clerck in einem Kiefernwald bei Strumiza, +T. pulverulenta+ var. +aculeata+ Clerck auch schon im März im Karadakh. Im Süden Mazedoniens war +Tarentula radiata+ Latr. häufiger; ich fand sie dort überall im Wardartal und auf den Bergen. Bei _Hudova_ bedeckten ihre Röhren weite Flächen in der Ebene, besonders in den Maulbeerpflanzungen.

Bei Kaluckova hatte ich als Röhrenbewohner +Mygale icterica+ C. L. Koch (+Trechona+) beobachtet.

In den drei Frühlingsmonaten traf ich in und um Üsküb ferner noch +Runcinia lateralis+ C. L. Koch im März in ganz jungen Exemplaren. Unter Steinen fand ich +Pisaura mirabilis+ Clerck und +Drassus pubescens+ Thor. +Xysticus luctator+ L. Koch lief frei herum, während +Epeira ubrichii+ Hahn und +E. redii+ Scop. beim Bauen ihrer Radnetze waren und +Liocranum tenuissinum+ L. Koch am Wardar an Pappeln herumlief.

Zur gleichen Zeit fanden sich in Zimmern, Kellern und Gängen +Teutana triangulosa+ Walck., +Pholcus opilionioides+ Schrank, der auch hier eine besondere Vorliebe für Aborte zeigte, +Cicurina cicur+ Menge und das einzige Mal in Mazedonien +Tegenaria pagana+ C. L. Koch. Dazu kamen +Gnaphosa rufula+ L. Koch und +lugubris+ C. L. Koch.

Auf dem Wodno, also am sonnigen Berghang, lieferte die gleiche Periode nicht weniger als 12 Spinnenarten.

Im April war auch am _Katlanovosee_, besonders im Schilf, der Reichtum an Spinnen groß. So fand sich +Hyctia canestrinii+ Can. und Rad. direkt in Schilfhalmen wohnend. Auch sonst fand ich die Art stets in Wassernähe, so am Wodno und bei Gewgeli am Wardar. _Becker_ gibt dasselbe für die in Algier entdeckte, von ihm in Belgien am Meer in den Dünen beobachtete verwandte Art +H. nivoyi+ Luc. an.

Direkt als _Wasserspinne_ kann +Dolomedes limbatus+ Hahn bezeichnet werden, eine Art, welche zwischen dem Schilf lebt. Ihre Lebensweise scheint ganz ähnlich zu sein, wie sie _Becker_ für +D. fimbriatus+ Clerck geschildert hat. Sie scheint deren südliche Vertreterin zu sein, stürzt sich wie diese ins Wasser, um da ihre Beute zu fangen.

Auch von der dritten Spinnenart, die ich im Röhricht des Katlanovosees fand, ist von ihren nördlichen Fundorten bekannt, daß sie die Nähe des Wassers liebt. So beschreibt _Becker_, daß +Epeira cornuta+ Clerck ihr Radnetz an, im oder über dem Wasser wachsenden Pflanzen baut. Am Katlanovosee waren die Spannfäden zwischen den Binsenrohren ausgespannt.

Ein eigenartiges, auffallendes Tier, welches auch in Deutschland nicht selten vorkommt, war dort +Theridium lineatum+ Clerck; der Rücken dieses Tieres ist silbergrau mit dunkelbraunen Längsstreifen.

Auch sonst ließe sich von mazedonischen Spinnen mancherlei berichten. Bei der Schilderung der einzelnen Gegenden und besonderer Landschaftsformen wird Gelegenheit sein, auf sie zurückzukommen.

Meine reiche mazedonische Spinnensammlung wurde von Dr. _Roewer_ (Bremen) bearbeitet. Sie enthält viele für den Balkan neue Formen, wenn auch keine neuen Spezies.

ZWANZIGSTES KAPITEL

DAS CHROMBERGWERK VON RADUSCHE

Es war ein interessanter Weg, der mich mit meinen Präparatoren an einem schönen Aprilmorgen (18. April 1918) das Wardartal aufwärts nach _Radusche_ führte. Der Kleinbahnzug war uns vor der Nase weggefahren und ein Marsch von etwa 20 km lag vor uns. Aber es wehte ein frischer Wind, die Landschaft prangte im schönsten Frühlingsgrün, große weiße Wolken zogen am tiefblauen Himmel dahin.

Links von uns erstreckte sich ein hoher Gebirgszug, mit dem _Wodno_ beginnend, nach Westen ziehend und so den Südrand des Wardartals bildend. Eine Schlucht von riesigen Dimensionen unterbrach die Kette; es war der Durchbruch der _Treska_, des mächtigen Nebenflusses des Wardar, der stärker als dieser, dem Flußlauf wohl den Namen gegeben hätte, wenn nicht der kleinere Wardar die Hauptrichtung des Flußsystems bestimmte. Blau ragte das schön umrissene, klar modellierte Gebirge hinter einem von Pappeln und Obstbäumen umhüllten Dorf auf. Es war ein Landschaftsbild von großer Schönheit und der für Mazedonien charakteristischen Farbigkeit, das Dorf mit seinen weißen Häusern und roten Dächern, seinem grünen Park und dem zarten Schleier der blühenden Bäume, in den großen Rahmen der Gebirgslandschaft gestellt.

Der Kleinbahnlinie folgend bogen wir in das Flußtal ein, dessen Windungen in die Berge führten. Eine lachende Frühlingslandschaft begleitete uns zunächst. Grüne Wiesen mit blühenden Obstbäumen, weiß überhauchten Weißdornbüschen und duftenden Blumen waren das richtige Tummelfeld vieler Vögel. Am Flußufer lauerten _Eisvögel_ von den Büschen auf die kleinen Fische und stürzten sich, wie funkelnde Edelsteine aufblitzend, zum Wasser hinab (+Alcedo atthis atthis+ L.).

Von den Obstbäumen sah man einen kleinen Vogel lustig tirelierend senkrecht in die blauen Lüfte steigen, um dann langsam zum Boden niederzuschweben. Es war der _Baumpieper_ (+Anthus trivialis trivialis+ L.), der genau so seinen Balzflug ausführte, wie ich ihn wenige Jahre vorher genau zur selben Jahreszeit im oberen Donautal beobachtet hatte. Über die Steine des Flußufers hüpften zwitschernd weiß-schwarze _Bachstelzen_ und die gelbgefleckten _Schafstelzen_. _Stare_ (+Sturnus vulgaris balcanicus+ Stres.) und die _Balkanamsel_ wetteiferten mit ihrem Gesang, die Erinnerung an den Frühling der Heimat wachzurufen. Besonders schön war hier das Lied der _Mönchsgrasmücke_ (+Sylvia atricapilla atricapilla+ L.). Zwei andere Grasmücken, die _Zaungrasmücke_ (+Sylvia carruca carruca+ L.) und die _Dorngrasmücke_ (+Sylvia communis communis+ Lath.) huschten durch die Hecken. Auch _Kohlmeisen_ und _Blaumeisen_ waren beim Absuchen der Rinde der Obstbäume fleißig tätig.

So ging die Zeit unterm Beobachten schnell dahin, während wir flußaufwärts in öderes, winterlicheres Gelände kamen. Der Fluß machte mehrere große Windungen, trat an eine kahle Bergwand heran, welche in ein enges Tal umbog. Neben dem Fluß ließ die Schlucht gerade noch Raum für die schmale Straße und das Geleise der Schmalspurbahn, die hier steil emporzuklettern hatte.

Durch das Tal mit seinen rötlichen Felsenwänden erblickte man über dem steinerfüllten, brausenden Fluß ein Stück der Schardakhkette. Es war gerade der Teil um den _Ljubotren_, der hier als prachtvolle Pyramide sich in der Mitte des Bildes stattlich abhob. Er wie die ihn umgebenden Berge waren noch tief herab mit Schnee bedeckt. So war es wieder ein malerisches Bild von großer Schönheit, das ich längere Zeit beim Ansteigen bewundern durfte.

Nach etwa einer Stunde erweiterte sich das Tal; wir kamen an die Endstation der Kleinbahn, die von Baracken und Schuppen umgeben war. Zahlreiche kleine Güterwagen standen auf Nebengeleisen, zum großen Teil schon mit Erzen beladen, um mit dem Nachmittagszug nach Üsküb befördert zu werden.

Vor uns erhoben sich die gewaltigen Halden des Bergwerks, welche hier die Nordhänge des Tals einnahmen. Oben am Berg standen verschiedene Häuser, das Wohnhaus des Direktors, ein Beamtenkasino, in welchem wir freundlich bewirtet wurden, und Verwaltungsgebäude.

Nach einem Besuch bei dem Direktor besichtigen wir das Werk, welches als _Tagbau_ betrieben und infolgedessen sehr leicht zu überblicken war. Einige der Hügel und Rücken des Berges bestanden aus Serpentin, welches von _Chromeisenerz_ stark durchsetzt war. Dieses wurde durch oberflächliche Sprengungen in Trümmer zerlegt, welche auf kleinen Karren auf Schienen zu bestimmten Stellen gebracht und angehäuft und von da zu Tal gebracht wurden.

So machte die Landschaft einen öden Eindruck; Pflanzen wuchsen keine auf diesen Hängen, nur an den Rändern und in den Schluchten zeigte sich die übliche trockene Buschvegetation. Grünlich-grau war das Gestein, an einzelnen Stellen traten tiefschwarze Massen hervor; das war das chromreichste Erz. Dort wurde gesprengt und gearbeitet. Hier sah man dunkle Menschenmassen zusammengedrängt: hunderte von Arbeitern, welche die Gesteinsmassen in die „Hunde‟ schaufelten. Diese liefen auf schmalen Geleisen, die wagerecht den Hängen entlang verliefen. So war das ganze Gelände in Terrassen geteilt, welche parallel übereinander einige hundert Meter an der Talwand sich hinzogen.

Die erzhaltigen Steintrümmer wurden mit Klopfmaschinen zerkleinert, die Stücke sortiert, die gehaltreichsten Erze, die fast schwarz waren, von den grauen geringeren und diese von dem Grundgestein gesondert. Dieses blieb auf den Halden zurück, während das Erz in Körben auf einer primitiven Schwebebahn hinab zur Bahnstation gebracht und in die Güterwagen verladen wurde.

So bildeten sich an den Abhängen mächtige Schutthalden, von denen manche weiß wie Schnee von den bunten, meist grünlichen Felsen des Grundgesteins seltsam abstachen.

Dieses einfache Bergwerk war schon in Friedenszeiten abgebaut worden, aber infolge der geringen Rentabilität und der Transportschwierigkeit hatte es nie richtig floriert und lag meist still. Die Arbeiterzahl, die man dort in serbischer und früher in türkischer Zeit beschäftigte, hatte wohl niemals die Zahl 100 erreicht.

Zur Zeit meines Besuchs war dort großer Betrieb. Man beschäftigte gerade 3700 Arbeiter, meist Mazedonier und Albaner. Über ihre Leistungsfähigkeit, Arbeitsamkeit, Arbeitsdisziplin wurde sehr geklagt. Aber gearbeitet werden mußte doch mit allen Kräften. Denn _Chrom_ war für die deutsche Heeresleitung ein wichtiger Artikel. Nachdem der _Wolfram_import von Übersee, vor allem von _Birma_, vollkommen abgeschnitten war, hatte man in Deutschland alle alten Werke, die Ersatzmetalle, wie _Molybdän_ liefern konnten, wieder in Betrieb gesetzt, so kleine Bergwerke in den hohen Bergen der Alpen.

Aber deren Erträge waren ungenügend, angesichts der großen Mengen, die man zur Härtung des Stahls für Panzerplatten für Forts, Befestigungen, für die Marine brauchte. Es war ein schwerer Notstand, zu dessen Behebung alle Hebel in Bewegung gesetzt wurden. Die einzigen Bergwerke, die _Chrom_ lieferten und in unseren Händen waren, lagen in Mazedonien und im _türkischen Kleinasien_. Nur _Radusche_ war von diesen einigermaßen günstig zu einer leistungsfähigen Bahnlinie gelegen. Die anderen Werke in Mazedonien, nahe bei _Dedeli_, waren sehr klein und wenig ertragreich.

So liefert denn in jener Zeit _Radusche_ all das _Chrom_, welches wir zur Stahlhärtung bekamen. Es herrschte daher ein fieberhafter Betrieb dort und auf der Kleinbahn. Alles Geförderte wurde sofort abtransportiert, fuhr nach Deutschland und wurde dort gleich nach der Ankunft verarbeitet.

Man bekam hier einen Einblick in eine der vielen Nervenleitungen des Kriegsorganismus und lernte verstehen, wie außer politischen und militärischen Notwendigkeiten auch harter wirtschaftlicher Zwang die Besetzung eines Landes und das Halten einer Front unerläßlich machte.

Da noch viele andere wichtige Elemente des wirtschaftlichen Lebens aus dem Balkan flossen, ich erinnere nur an das serbische Kupfer aus _Bor_, an das _Opium_ für die Arzneifabrikation, an _Reis, Getreide, Öl_ und all die Lebensmittel sowie das _Petroleum_ aus Rumänien, so wird man verstehen, welche Folgen der Zusammenbruch dieser Front auf alle Dispositionen unserer Heeresleitung haben mußte.

EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL

DER KATLANOVOSEE

Etwa 20 km östlich von Üsküb liegt im Winkel zwischen dem Wardar und der südlich in diesen mündenden Pcinja ein eigenartiger Sumpfsee, der _Katlanovosee_. Er und seine Umgebung bot dem Zoologen viel Interessantes. So war er das Ziel zahlreicher Ausflüge, welche der Vogelwelt, den Insekten und Spinnen wie den Wassertieren galten. Bei diesen war häufig mein Begleiter mein früherer Assistent Dr. _Nachtsheim_. Es war mir gelungen, ihn vom Postüberwachungsdienst zu befreien und ihn nach Mazedonien kommandiert zu bekommen, wo er nützlichere Tätigkeit fand.

Nördlich vom Katlanovosee zieht sich ein schmales Sumpfgebiet bis in die Gegend von Üsküb, in welchem zahlreiche Bäche versickern. Somit ist jetzt der See im wesentlichen ein Sammelbecken dieser Bäche. Es ist nicht ausgeschlossen, daß er früher einmal vom Wardar durchflossen wurde oder diesen an anderer Stelle mit der Pcinja verband, ehe diese sich ihre Schlucht zum Wardar gewühlt hatte.

Der lange Weg von Üsküb zum See war reizvoll durch die Blicke auf die Berge der Umgegend; entzückend schöne Formen hatten vor allem _Osri_ und _Kitka_, welche als letzte Ausläufer der _Golesniza Planina_ in die Wardarebene etwa 1500 m hoch emporragten und diese damit fast bis zur Wardarklamm zwischen Taor und Selenikovo fortsetzten. Nördlich zogen sich die Höhen des _Karadak_ hin. Kleine Dörfer lagen in Gruppen von Pappeln und Obstbäumen malerisch vor den Bergen. Auf den Bäumen sah man viele Storchennester.

Wie diese, so hatte der Sumpfwald, der sich zwischen Üsküb und dem See hinzog, eine reiche Vogelwelt angelockt, deren Studium ich manchen Tag im April 1918 widmete. Prachtvolle alte Eichen, Weiden, Erlen und Haselgebüsch bildeten diesen lichten Wald, in welchem auch Pappeln nicht fehlten. Zwischen den Gruppen großer Bäume dehnten sich Flächen dichten Gestrüpps aus, die besten Schlupfwinkel für die mannigfaltige Vogelwelt.

Einige alte Bäume waren die Ruheplätze großer Raubvögel. Sie standen meist einsam, so daß es außerordentlich schwer war, sich an sie heranzupürschen, um die Riesenvögel genau zu betrachten oder gar erlegen zu können. Immerhin gelang es, manche der dort sitzenden Arten mit großer Sicherheit festzustellen, zum Teil als Beute von Offizieren und eines Veterinärs, die mehr Zeit auf die Jagd verwenden konnten, als ich, den viele andere Probleme festhielten.

Wie überall in Mazedonien war hier der _Kaiseradler_ am häufigsten (+Aquila heliacea heliacea+ Lad.); die meisten Adler, welche in Mazedonien jung aus den Nestern genommen und bei den Abteilungen aufgezogen wurden, gehörten zu dieser Art. Ich habe ihrer viele in allen Teilen des Landes gesehen. Mit Sicherheit glaube ich ferner beim Katlanovosee den schön braunen _Schreiadler_ (+Aquila pomarina pomarina+ Pr.) und den gefleckten _Schelladler_ (+Aquila maculata+ Gm.) beobachtet zu haben. Im ganzen habe ich im Gebiet fünf Adlerarten gesehen, zu den genannten noch den _Zwergadler_ in der Golesniza Planina (+Hieraëtus pennatus+ Gm.) und bei Hudova den _Schlangenadler_ (+Ciraëtus gallicus+ Gm.) als ziemlich häufige Form.

Dazu kommt noch der _Fischadler_ (+Pandion haliaëtus haliaëtus+ Lad.), der auch in der Nähe des Sees nicht selten war; im Winter konnte ich mehrmals auch _Seeadler_ (+Haliaëtus albicilla+ L.) beobachten.

Einer der alten Bäume im Sumpfwald war der Schlafplatz eines riesigen _Gänsegeiers_ (+Gyps fulvus fulvus+ Habl.). Wie oft suchte ich in der Dämmerung an ihn heranzukommen. Doch nie gelang es, ihn zu überraschen. Er hatte sich seinen Schlafbaum so vorsichtig ausgesucht, daß man beim Heranschleichen von keiner Seite Deckung fand. Schließlich gelang es einem mich oft begleitenden Tierarzt ihn zu erlegen.

An den Abfallhaufen der Korpsschlächtereien konnte man oft auch _Mönchsgeier_ (+Aegyptius monachus+ L.) und den _Aasgeier_ (+Neophron pernopterus pernopterus+ L.) beobachten. Es war ein phantastischer Anblick, wenn die riesigen Vögel sich um die Reste der geschlachteten und gefallenen Tiere balgten. Ein wüstes Geschrei erhob sich um die Abdeckereien herum, wenn die Tiere sich hoch aufrichteten, den nackten Hals zurückbogen und die breiten Federn ihrer Flügel weit auseinander spreitzten. Auch diese beiden Arten kamen in den Sumpfwald zum Schlafen.

Es ist das eine stattliche Schar großer Vogelarten, welche ich damit verzeichne. Für mich als Zoologen gehört es zu den starken Eindrücken, die ich von Mazedonien mitnahm, so viel von der Vogelwelt beobachten zu können. Überall erblickte man Adler und Geier; bei jedem Ausflug in die Berge sah man entweder die Paare der Adler in mächtigen Kreisen hoch oben nahe den Wolken streichen, oder man konnte ganze Scharen von Geiern tief herabschweben und sich auf ein Aas stürzen sehen. Auch die Mengen von Vögeln, die oft von einer Art sich an einem Ort versammelten, waren überwältigend. Wie belebt ist die Luft noch in den Ländern Europas, in denen noch nicht die Eisenbahnschienen das ganze Land, Telegraphen- und Telephondrähte die Luft durchkreuzen und hunderte von Fabrikschornsteinen sie verpesten und den Beherrschern der Lüfte die freie Bahn sperren.

Einen nicht geringen Beitrag zu diesen Erlebnissen lieferte die Gegend des _Katlanovosees_. Im Sumpfwald waren _Falken, Weihen, Sperber_ und _Bussarde_ noch häufiger als ihre großen Vettern. Eine große Rolle spielen dort auch die _Eulen_. Oft streifte ich bis tief in die Dämmerung durch die Büsche. Dann flogen nicht selten allerhand Eulenarten leichten Fluges über meinen Kopf dahin.