Part 21
Im April und Anfang Mai war es in Üsküb schön, überall wo man hinkam. Wäre die Stadt leichter zugänglich und gäbe es dort eine bessere Unterkunft, so könnte sie zu den berühmten Stätten Europas gehören. Über die Mauern der Gärten beugten sich die blühenden Zweige der Bäume, das Verfallene und Ruinenhafte erschien nur romantisch unter der Fülle der Pflanzenwelt, die für eine kurze Zeit der Pracht mit gewaltiger Macht hervorbrach.
Wo man zwischen den Bäumen und Büschen hindurchsah, öffneten sich überraschende Blicke, ob man nun nach Osten oder Westen ins Tal des Wardar, oder nach Norden und Süden auf die Gebirge blickte. Im Norden erhob sich die Kette des _Karadakh_ noch mit Schnee bedeckt, trotzdem schon dunkel, durch seine schon freigeschmolzenen waldigen Hänge. Kara ist das türkische Wort für schwarz; der Name bedeutet also schwarze Berge. Im Westen grenzte der _Schardakh_ mit der schönen Pyramide des _Ljubotren_ das weite Wardartal ab. Südlich stiegen die mit blühendem Schlehdorn und Obstbäumen bestandenen Hänge des _Wodno_ hinan. Nach Osten dehnte sich eine breite Talfläche, die nun grün zu werden begann und deren besondere Schönheit Gruppen mächtiger Pappeln bildeten.
Im Gesamtbild von _Üsküb_ spielen überhaupt die Pappeln eine beherrschende Rolle. Überblickte man die Stadt von der Zitadelle aus, so sah man vor sich hauptsächlich die Südstadt liegen, die mit ihren gleichmäßigen Häusern in der Flußebene ausgebreitet reizlos gewesen wäre, hätte nicht eine mächtige Pappelallee sie malerisch gegliedert, so daß sie sich schön von dem eigenartigen Umriß des _Wodno_ abhob, des Berges, der südlich der Stadt auf 1100 m Höhe ansteigt. Diese Allee begleitete nicht eine Straße, sondern einen breiten Bewässerungskanal, der längs eines großen Teiles der Stadt hinzog. Wer ins Kriegslazarett in der türkischen Kaserne hinaus wollte, der vermied gern die staubige Landstraße und turnte lieber auf den Dämmen des Kanals entlang, die frischere Luft und eine Augenweide darboten. Die silberweißen Stämme mit ihren dunkelen Ringflecken spiegelten sich auf dem stillen, dunkelgrünen Wasser des Kanals, zu welchem sich von den Ufern üppige Kräuter und Büsche hinabneigten. Bunte Enten plätscherten schnatternd im Kanal. Zwischen den säulenähnlichen Stämmen der Pappeln blickte man nach Süden auf die vom Kanal bewässerten, reichen Gemüsegärten, in denen Salate, Kohl und Kräuter, Tomaten, Melonen und schwarzblaue Auberginen zwischen Obstbäumen herrlich gediehen. Nordwärts schweifte der Blick über die im grellen Sonnenschein glühenden farbigen Häusermassen der Türkenstadt mit ihren Moscheen und Minarets, welche den Berghang drüben bedeckten.
Es waren vor allem die Abendstunden, welche zu einem Spaziergang in der _Türkenstadt_ verlockten. Die Moscheen und Kirchen lagen meist hoch am Berg, so daß man von ihnen aus wundervolle Aussichten über Teile der Stadt, über das Wardartal und das weite Land genoß. Im Frühling schwebten meist große Wolkenballen am Himmel, wenn die Sonne hinter dem Schardakh hinabsank und nicht nur jene vergoldete, sondern auch tief in die Gassen der Stadt ihre verklärenden Strahlen auf die roten, gelben oder grell weißen Wände der Häuser, Moscheen und Türme warf. Dann war es außerordentlich reizvoll, die engen Gassen zu durchwandern und die eigenartigen Bauwerke zu besuchen, welche zum Teil recht sehenswert waren.
Unter ihnen sind besonders malerisch die ruinenähnlich aussehenden, runden, kuppelbedeckten Teile eines alten _türkischen Bades_. Wie eine Gruppe von kleinen, breiten Türmen nimmt sich das ganze Bauwerk aus, dessen Mörtelbewurf zum Teil abgefallen ist. So treten die Reihen von roten Backsteinen und graugelben Hausteinen bunt hervor, aus denen schichtenweise die Wände erbaut sind. Die halbkugeligen Kuppeln, recht baufällig, sind mit Gras und Büschen bewachsen, so daß man zunächst nicht recht weiß, ob es sich um Werke des Menschen oder um Erzeugnisse der Natur handelt. Aber ein farbiges Bild bieten sie dar, im Schein der Abendsonne (Abb. 135).
Ähnlich sahen die Kuppeln einiger zerfallender Moscheen aus, die man in den verschiedenen Stadtteilen antrifft. Noch eigentümlicher mutet eine alte _Karawanserei_ an, welche auf die Zeit des Serbenzaren _Stephan Duschan_, das 14. Jahrhundert, zurückgeführt wird. _Kurschumli-Han_, d. h. Blei-Han, wird das Gebäude genannt, wegen der kleinen Bleikuppeln, welche Gemächer des oberen Stockwerks überwölben. Ein _Han_ ist eine Karawanserei, ein Absteigequartier des Reisenden, vor allem des Kaufmanns, der mit seinen Tragtieren, Dienern, Führern und Gepäck hier in alten Zeiten Unterkunft fand. Solche Hans sind charakteristisch für den ganzen Orient.
Der _Kurschumli-Han_ (Abb. 136) in Üsküb ist wirklich eine Sehenswürdigkeit. Es ist ein stattliches, fast burgähnliches Gebäude von guten Verhältnissen. Durch eine weite Torhalle tritt man in einen säulenumgebenen Hof von eigenartigem Reiz. Mitten auf dem gepflasterten Boden des Lichthofes befindet sich, von Marmorplatten umfaßt, ein vertieftes Brunnenbecken, in dessen Mitte auf kurzer Säule sich eine skulptierte Schale erhebt. Den Hof umgeben zwei Stockwerke säulengetragener Bogen. In der Hinterwand dieser Loggien führen Rundbogentüren in die Räume, in denen die Reisenden mit ihrem Gepäck Unterkunft fanden, während im Hofraum ihre Reit- und Tragtiere lagerten und gefüttert und am Brunnen getränkt wurden. Zur Zeit meines Besuches war allerdings der Brunnen trocken.
Das Eigenartigste war aber die Farbe des Bauwerks, die Säulen und Bogenwände trugen ein strahlendes Blau, während die Hinterwände mit einem Rot gestrichen waren, welches an Wände in Pompeji erinnerte. In dem starken Licht des mazedonischen Tages bot der Hof ein prachtvolles Bild dar. Was mag da oft ein buntes Leben sich abgespielt haben, als der Han noch seinem eigentlichen Zweck diente. Jetzt während des Krieges wurde er als bulgarisches Proviantmagazin benutzt. Wenn die gewaltigen Tore des Gebäudes mit den schweren Eisenbalken geschlossen waren, dann mochten sich die Reisenden und die Kaufleute mit ihren Waren hier sicher fühlen vor dem Gesindel der einstigen Großstadt.
Ebenfalls auf die Serbenzeit und sogar auf den Zaren _Stephan Duschan_ selbst wird die eigenartige Kirche Sv. Spas zurückgeführt, die klein am Berghang verborgen zwischen Häusern liegt, ohne Turm und auffallende Fassade. Ihre Fundamente mögen auf alte Zeiten zurückgehen, aber die Malereien und Schnitzereien im Innern sind sicher viel späteren Datums; letztere sind zum Teil mit 1840 datiert.
Es war ein schöner Augenblick, wenn man aus dem Gewimmel der Gasse auf den stillen, kleinen Kirchenhof trat, dessen Boden von Grabplatten bedeckt war. Zwischen deren Spalten sproßten Pflanzen hervor und so war im Frühsommer der ganze Raum von Blütenflor bedeckt, von Blumenduft erfüllt. Durch eine niedere Türe führte es einige Stufen hinab in das Kircheninnere, welches von dem auf die Sinne wirkenden, zunächst verwirrenden Glanz der slavischen Kirche erfüllt war. Dunkle Holzschnitzerei füllte den niedrigen Raum bis zur Decke aus, in den Einzelheiten ein merkwürdiges Stilgemisch zeigend, aber doch sehr wirkungsvoll als Einrahmung der Altarbilder mit dem reichen Gold der Heiligengewänder und Heiligenscheine, als Wände der Beichtstühle, als Stützen der Gestühle und Schranken. Wie stets in der griechischen Kirche, ist das Allerheiligste vom Laienpublikum durch Schranken (Ikonostas) abgeschieden. Die Heiligenbilder sind nicht bedeutende Malereien, in ihrem charakteristischen Stil verfehlen sie ihre Wirkung nicht.
Hier wie in manchen slavischen Kirchen des Balkans habe ich öfters den recht eindrucksvollen griechischen Gottesdienst mitgemacht. Besonders schön pflegen die Gesänge der Kirchenchöre zu sein, bei denen mir oft prachtvolle Männerstimmen, besonders Bässe, auffielen. Die slavischen Kirchengesänge zeichnen sich durch großen Melodienreichtum aus. Ich habe gelegentlich in Serbien, Bulgarien, Mazedonien und Rumänien Gottesdiensten beigewohnt, einfachen Feldgottesdiensten wie pompösen Repräsentationen. Ich hatte meist den Eindruck einer leeren, nicht sehr tief wirkenden Handlung. Dazu trug meist das Geringe der Persönlichkeit der Priester bei.
Auch in Üsküb begegnet man oft auf der Straße den schwarzen Gestalten der Popen. Mit ihren großen Bärten, ihren mächtigen Kopfbedeckungen und wallenden Kaftanen sahen sie manchmal pompös aus. Kam man ihnen näher, so verschwand sehr bald der Nimbus. Viele von ihnen waren schäbig gekleidet, wenig an Körper und Kleidern gepflegt. Andere waren geschniegelt und gut angezogen, je nach Stellung und sonstiger Art. Merkwürdig war die geringe Achtung, welche ihnen im allgemeinen die Soldaten und Offiziere entgegenbrachten. Meine bulgarischen Freunde sagten mir, die meisten unter ihnen seien wenig gebildet, hätten schlechte Manieren, geringes Wissen. Doch gebe es unter ihnen auch tüchtige und feine Menschen.
Ich habe gelegentlich auch höher stehende Popen getroffen, so bei den Armeestäben, aber kaum einen, der eine fremde Sprache beherrschte. Somit habe ich keine eigenen Erfahrungen über diese slavischen Geistlichen. Doch hatte ich Gelegenheit, bei manchem eine prachtvolle Singstimme zu bewundern. Einer eigenartigen Feier wohnte ich in der Kathedrale in _Bukarest_ bei; in Rumänien besteht ja die gleiche orthodoxe griechische Kirche, und so war der Ritus derselbe wie in den bulgarischen Kirchen. In Bukarest zelebrierte der dortige Metropolit selbst die Messe in einer Schar glänzend geschmückter Priester. Es wurden Verse in altslavischer Sprache gesungen, denen Chöre antworteten. Diese machten mir damals einen sehr schönen Eindruck, da sowohl die Stimmen der Priester, als auch die in den Chören vortrefflich waren und die sehr schönen Gesänge sehr rein und ausdrucksvoll gesungen wurden. In Üsküb trat allerdings das Christentum jedenfalls in den Gebäuden nicht hervor und im allgemeinen war es auch reizvoller und interessanter, sich mit dem, was aus der Türkenzeit von mohammedanischem Wesen übrig geblieben war, zu beschäftigen.
Von Moscheen besuchte ich eine ganze Anzahl, deren Gittertore, Vorhallen, Gewölbe und Teppiche vielfach sehr schön waren. Auch die um einige von ihnen gelegenen Gräber mohammedanischer Vornehmen waren zum Teil sehr eigenartig und gute Leistungen von Kunstschmieden. Stattlich ist besonders die Murad-Moschee, in welcher schöne Teppiche zu sehen waren. Neben ihr steht der rote Uhrturm, ein Wahrzeichen Üskübs. Im Stadtteil um die Zitadelle, nicht weit des Kurschumli-Han, befinden sich die ältesten Moscheen. Besonders hervorragende Architekturen gibt es in Üsküb nicht, immerhin ist es ein anständiges Niveau, welches die dortigen Moscheen repräsentieren, und was die Türken von Bauwerken hinterlassen haben, flößt einem doch Respekt vor der Kultur ein, welche sie in diesem Lande vertraten.
Einen merkwürdigen Ausdruck mohammedanischer Religiosität lernte ich in den Ekstasen sogenannter _tanzender_ und _heulender Derwische_ kennen. Jeder, der eine Stadt des Orients besucht, hat Gelegenheit, dergleichen kennen zu lernen. Vor allem aus Ägypten oder Algier gibt es viele Darstellungen dieser seltsamen Exzesse. Das, was ich davon in Üsküb sah, verdient wegen seiner Besonderheit Erwähnung. Hier handelte es sich nicht um eine öffentliche Schaustellung in einem großen Raum, sondern wir durften fast heimlich die religiöse Handlung bei einer Sekte, die sich aus armen, einfachen Leuten zusammensetzte, in einem kleinen Haus eines entlegenen Stadtteiles ansehen.
Das Ganze war mit einem gewissen Mantel des Geheimnisses umgeben; ein Führer begleitete uns gegen Mitternacht durch dunkle Gassen in ein fernes Quartier am Rand der Türkenstadt. Nur mit der Laterne fanden wir unseren Weg durch enges Gewinkel. Zuletzt bogen wir in einen mauerumfaßten Hof und traten in ein niederes kleines Haus ein, welches nur dürftig mit einigen qualmenden Lampen erhellt war. Ein etwas größerer Raum war für die sogenannten Derwische frei gemacht. Die Nebenräume füllten sich allmählich mit einer Menge einfacher Männer aus dem umgebenden Viertel. Alles flüsterte nur und bewegte sich mit großer Geschäftigkeit schlürfend durch die Räume. Wir als Offiziere wurden mit einer gewissen Auszeichnung behandelt, die im wesentlichen darin bestand, daß man uns Polster darbot, auf denen wir uns niederhocken konnten.
Dann kamen einige einfache Männer in den mittleren Raum, entkleideten sich den Oberkörper und verhielten sich zunächst still und schweigsam. Es waren alles Männer aus dem Volk, Arbeiter, Handwerker, Gärtner, Diener, Knechte, Lastträger, die zu dieser eigenartigen Sekte gehören. Es ist bemerkenswert, daß auch die mohammedanische Religion Sekten gebildet hat, deren Lehren nicht nur die Theologen ergreifen, sondern einen starken Einfluß auf das Volk haben.
Ein etwas älterer Mann, den sie ihren _Scheik_ nannten, ordnete die Männer in Reihen mit befehlendem Blick und energischen Handbewegungen, den einen hierhin-, den anderen dorthinweisend. Tiefe Stille trat ein, als er jedem seinen Platz anwies und jeden fast eine Minute lang scharf fixierte. Der Scheik leitete die ganze Handlung, die stundenlang dauerte und hatte offenbar die Leute alle vollkommen in der Hand.
Zunächst hockten sich die Männer hin und begannen langsam und rhythmisch „Allah‟, „Allah‟, „Allah‟ zu rufen. Laut und sonor klangen die Stimmen, immer lauter werdend. Dann begannen alle gleichmäßig den Oberkörper hin und her zu bewegen, wobei sie die Arme über der Brust gekreuzt hielten. Der Rhythmus des Rufs und der Bewegung wurde beständig von dem Scheik geleitet, der dabei die einzelnen oft sehr grob anherrschte.
Waren die Leute ermüdet, so pausierten sie für einige Minuten und fingen dann wieder mit ihren Ausrufen und Bewegungen an. Der Rhythmus der Bewegung wurde immer schneller und die Rufe immer lauter gegen Ende eines solchen Satzes. Die Leute strengten sich immer mehr an, es war ein ganz seltsamer Anblick, wie ihre Bewegungen immer mechanischer, ihre Blicke immer stierer wurden.
Nach Mitternacht waren Sang und Tanz zu einer hysterischen Ekstase gesteigert. Die Männer waren zum Teil aufgestanden und machten die Bewegungen nun mit dem ganzen Körper. Alle brüllten und schrien Allah, Allah, während einige einen seltsamen rhythmischen Gesang ausführten. Erlahmte einer, wurde seine Stimme heiser, seine Bewegungen langsamer, so brüllte ihn der Scheik an. Half das nichts, so stellte er ihn an einen anderen Platz, ihn langsam führend und dabei seine Blicke in seine Augen bohrend.
So wurde es von Sang zu Sang, von Tanz zu Tanz immer toller und wilder, die Bewegungen immer schneller, die Schreie immer greller, wobei der Scheik immer vormachte, immer aneiferte. Die Körper der Männer wurden naß vor Schweiß, in Strömen tropfte er auf den staubigen Boden. Die Bewegungen wurden immer verrenkter, die Stimmen heulten und ächzten. Schließlich warfen sich einzelne auf den Boden; der Scheik richtete sie sofort wieder auf und wußte sie sofort in den Gesamtrhythmus der Bewegungen und der Töne einzureihen.
Schließlich standen manche ganz starr und regungslos da, sie waren offenbar in einem hypnotischen Zustand. Da ließ sich nun der Scheik lange spitze Nadeln reichen und stach sie den einzelnen durch die Backen, durch die Ohren, durch Oberarm und Wade, ohne daß die Leute nur zuckten und einen Laut von sich gaben. Immer wieder fing das Geheul und Gewackel an, und immer mehr der Leute ließen sich zu den Nadelexperimenten herbei.
Welch seltsame Form der Gottesverehrung mußte ich da mit ansehen! Wie merkwürdig war die Hingabe der Männer an die Sache, wie folgten sie dem Blick und Wort ihres Scheiks. Seltsam, die ganze Situation stand wieder vor mir auf, als ich im Winter nach der Revolution in Breslau in einem großen Saal die Vorführungen eines Hypnotiseurs und Gedankenlesers sah, der dort das Publikum der Großstadt ebenso in seiner Gewalt hatte, wie hier der Scheik seine armen Üsküber Vorstädter. Hier wie dort waren es meist blasse, verhungerte Gestalten, besondere Menschentypen, welche sich der Macht des Hypnotiseurs beugten. Allerdings in Mazedonien waren es nur Männer, die teilnehmen durften, in Deutschland waren es ebensoviele Frauen als Männer, die man so ganz den eigenen Willen verlieren sah.
Der Unterschied war groß genug zwischen den beiden Situationen. Wie seltsam berührten mich doch jene religiösen Ekstasen der einfachen Leute in dem halb dunkelen Raum, der schließlich von einer heißen, stinkenden Luft erfüllt war, gemischt aus dem Rauch der Lampen, dem Schweißgeruch und dem versagenden Atem der tollen Menge.
Draußen winkte die Kühle der Nacht; an die vergitterten Fenster des Hauses drängten sich kleine Kinder und alte Weiber, die etwas von dem seltsamen Schauspiel erhaschen wollten. Halbnackte Zigeunerinnen blickten mit lüsternen Blicken herein.
Es ging schon gegen Morgen, als mein Begleiter und ich den Raum verließen, leise erschauernd im kühlen Wind. Wir atmeten auf, als die Stille der nächtlichen Gassen uns umfing und waren in Gedanken versunken, während wir über den Hügel in unser Quartier zurückkehrten. Nach all dem Getümmel und Lärm ruhten unsere Sinne aus und die Augen erholten sich, als sie im Schein des untergehenden Halbmondes noch über die Dächer der Stadt, die Kuppeln der Moscheen, die Minarets blickten, zwischen denen der Spiegel des Wardar aufblinkte, der leise in der Tiefe rauschte. Welch phantastischen Eindruck hatten wir mitgenommen von den Wurzeln, welche der Mohammedanismus im Boden dieses unglücklichen Landes gefaßt hat.
SIEBZEHNTES KAPITEL
DIE BULGAREN IN MAZEDONIEN
Die Bulgaren sind nun einmal durch Schicksal mit uns verbunden. Das gleiche Unglück wie uns hat sie betroffen. Sie fühlen sich als Schicksalsgenossen und nicht wenige unter ihnen sehen immer noch mit Bewunderung auf uns und hängen an uns. So haben wir die Pflicht, sie nicht zu vergessen, uns mit ihnen zu beschäftigen, sie nicht im Stich zu lassen. Es ist eines der wenigen Völker, das noch etwas von uns hält und zu uns hält. So sollten wir uns bemühen, sie nach Möglichkeit zu verstehen und ihrem Wesen näher zu kommen.
Vor dem Krieg glaubten wir fast alle fremden Völker zu verstehen und sie zu durchschauen. Wie oberflächlich war in Wirklichkeit die Kenntnis fremder Völker und das Verständnis für ihre Besonderheiten in weiten Kreisen unseres Volkes. Um so mehr bleibt uns jetzt nach dem Kriege in dieser Beziehung zu tun übrig. Wer Gelegenheit hatte, in Kreise und Individuen aus einem Volk, wie die Bulgaren, etwas tiefere Einblicke zu tun, der ist verpflichtet, seine Erfahrungen der Allgemeinheit zugänglich zu machen, um uns für die Zukunft vor so verderblichen Vorurteilen zu bewahren, wie sie während des Weltkrieges zu unserem Schaden viele Deutsche beherrschten.
Mit wie wenig Takt und Verständnis traten unsere Landsleute in den meisten Fällen unseren Bundesgenossen gegenüber. Wie oft war ich peinlich berührt von der unberechtigten Überhebung, mit der unsere Soldaten auf die armen, dummen Bulgaren herabsahen, von der Art, mit der unsere Offiziere von ihren bulgarischen Kameraden sprachen. Gewiß gab es manche Ausnahmen. Es gab Verständnis, es gab rechte Kameradschaft, und wo die Verhältnisse Männer beider Völker für Monate oder gar Jahre zusammenketteten, kam es auch zu guter, treuer Freundschaft.
Eine große Schwierigkeit bot für die Verständigung die Sprache. Der Eifer zum Erlernen des Deutschen war bei den Bulgaren bedeutend größer als der Deutschen Streben zum Bulgarischen. Erschwerend war die fremde Schrift und der Zweifel, ob man mit dieser Sprache später werde viel anfangen können; dazu kam der Mangel an fesselnder Literatur. Auch Grammatiken und Wörterbücher fehlten anfangs und wurden erst allmählich in genügender Menge beschafft. Es war unter den Deutschen die Kenntnis des Bulgarischen vor dem Kriege eine sehr große Seltenheit. Diese Kluft wäre aber zu überbrücken gewesen, wobei der rührende Eifer vieler Bulgaren zum Deutschlernen sehr hätte helfen können. All das hätte im Interesse besserer Beziehungen zwischen beiden Völkern ganz anders ausgenutzt werden können als es geschah.
Sah man sich in einer Gesellschaft bulgarischer Offiziere oder Ärzte um, ging man aufmerksamen Auges an einer marschierenden Truppe vorbei oder bummelte man durch die Straßen einer bulgarischen Stadt, Sofia, Tirnowo oder Rustschuk, so fiel einem stets die Vielheit der Typen auf. Die Menschen sahen ganz außerordentlich verschieden aus. Man erkennt sie nicht ohne weiteres als Bulgaren, wie man etwa Italiener oder Engländer als solche erkennt. In einer größeren Menge herrschte stets ein dunkler Typus vor mit dunkelbraunem Haar, braunen Augen, dunkler Haut. Das war in Bulgarien selbst fast stets der Fall; so sah ich in Tirnowo kaum einen hellhaarigen Menschen. Auch in der Armee wog der brünette Typus vollkommen vor. Es waren fast stets mittelgroße Gestalten mit Kurzköpfen, die oft einem Mitteltypus sich näherten, und länglichen Gesichtern. Sehr viel schöne Erscheinungen sind mir unter den bulgarischen Männern nicht begegnet. Noch weniger allerdings unter den bulgarischen Frauen. Allerdings muß ich gestehen, daß ich in der Kriegszeit gegenüber den vielen Männern nur eine verschwindende Zahl von Frauen zu Gesicht bekam. In Mazedonien waren ja fast nur Männer aus Altbulgarien; von den mazedonischen Bulgarinnen ist an anderer Stelle die Rede.
Zwischen den brünetten Bulgaren fanden sich aber immer wieder Mischtypen, also blaue Augen kombiniert mit dunkelm Haar, blonde Haare mit braunen Augen. Es gab alle möglichen Kombinationen. Selten waren Langköpfe mit blonden Haaren und blauen Augen in Bulgarien selbst, etwas häufiger in der Armee. Auffallend häufig waren sie im westlichen Mazedonien, so z. B. in Prilep und am Ochridasee. In den Straßen von Prilep tummelten sich spielende Kinder, die man hätte mit deutschen Kindern verwechseln können, mit ihren noch dazu sonnengebleichten, flachsfarbenen Haaren und leuchtend blauen Augen. Auf die Dauer war eine solche Verwechslung allerdings nicht möglich; denn so verlumpte, verschmutzte, verwahrloste Kinder gab es in Deutschland nirgends.
Die gleiche Vermischung von Typen, welche auf alle möglichen Rassen hinweisen, zeigen wie die Bulgaren fast alle Balkanvölker. Das ist die Folge der bewegten Vergangenheit des Balkans, in welchem Völkerwanderungen, Volksverschiebungen, Herrschaftsausdehnungen sich seit zwei Jahrtausenden unablässig folgten. Soviel eingewandert und ausgewandert, verschoben und ausgerottet wurde wohl in keinem Teil Europas in historischer Zeit.
In die von Thrakern, Mazedoniern und Griechen bewohnten Teile des Balkan brachen nacheinander Germanen, vor allem West- und Ostgothen, dann Hunnen, Avaren, schließlich ural-altaische Völker und Slaven ein. Das begann schon, als das Gebiet durch die römische Herrschaft noch kaum oberflächlich latinisiert war. Immerhin waren auch durch die Kolonisation der Römer, vor allem durch Ansiedelung von Legionären manche fremde Elemente und mit ihnen lateinische Sprache eingeführt worden. Diese hatte nach der Abtrennung von Ostrom und der Begründung des byzantinischen Reiches immer mehr mit der sich ausbreitenden griechischen Sprache, die von der griechischen Kirche getragen wurde, zu kämpfen.