Part 15
Aber noch mehr leisten sie, um die Samen richtig verwerten zu können. Wenn im Sommer Regengüsse fallen, dann sieht man die Körnerameisen eine sehr merkwürdige Tätigkeit ausführen. Jetzt schleppen sie von ihren Körnervorräten aus dem Nest heraus und legen die Körner in den Regen. Ich habe dies in Mazedonien vielfach beobachten können. In den warmen Stunden nach dem Regen keimen die Samen sehr bald und werden wieder in das Nest hineingetragen. Das kleine Stückchen, welches herausgekeimt ist, stellt offenbar eine weiche, gut, besonders für die Larven verwertbare Nahrung dar. Sind Keime zu weit entwickelt, so werden sie entweder von vornherein draußen gelassen, oder wenn sie ins Nest getragen worden sind, drinnen als ungeeignet aussortiert und auf den Abfallhaufen geschafft, wo sie bald vertrocknen. So benützen die mazedonischen Körnerameisen ihre Vorräte zu der Zeit, wo sie sie am nötigsten brauchen. Es sind nicht etwa Wintervorräte bei ihnen, sondern im wesentlichen Reserven für die dürrste und insektenärmste Zeit des Jahres. Anders verhält es sich bei den Körnerameisen in Südfrankreich, die offenbar für den dort milden Winter sammeln und für die Formen der Wüste Nordafrikas, deren knappste Zeit offenbar der heiße, trockene Wüstensommer ist.
Der italienische Forscher _Emery_ hat gezeigt, daß die Körnerameisen sogar Makkaroni gern fressen und als Futter für ihre Larven verwenden. So sind sie denn tatsächlich in einem gewissen Teil des Jahres Vegetarianer und finden in den Samen eine für ihre Ernährung wichtige Kohlehydratquelle. Auch ich konnte in Mazedonien bestätigen, daß die +Messor+-Arten niemals Blattläuse aufsuchten oder in ihre Nester schleppten. Diese Zuckerquelle, welche sonst bei Ameisen so beliebt ist, benützten in nächster Nachbarschaft der +Messor+-Nester andere Ameisenarten auch in Mazedonien in ausgiebiger Weise. Jene aber rührten die Blattläuse nicht an.
Sowohl in Mazedonien als auch in der Heimat hielt ich _Körnerameisen_ in künstlichen sog. Fieldenestern und konnte an ihnen eine ganze Reihe interessanter Beobachtungen machen, welche zum Teil die Feststellungen im Freien bestätigten, zum Teil neues lehrten. Wie merkwürdig und eigenartig sind doch die Instinkte dieser Tiere ausgebildet. Wie energisch äußert sich bei ihnen der Sammeltrieb und führt sie zur Anlage von Scheunen und Getreidekammern. Aber wie merkwürdig schwankend zeigt sich dieser Instinkt im Freien bei der Unterscheidung des Nützlichen und Nutzlosen. Wie sicher ist er dagegen bei der Aussortierung der gesammelten Vorräte, wenn diese im Nest sich befinden. Was mögen da für Gesetzmäßigkeiten vorliegen, wie mag die ganze eigenartige Biologie dieser Formen zu erklären sein? Sie bieten sicher noch interessante Probleme, die manchen Forscher locken dürften.
Das gleiche gilt auch für die gelben Ameisen der Art +Pheidole pallidula+ Nyl., die ich vor allem im südlichen Wardartal und im Gebiet des Doiransees fand. Das ist jene oben erwähnte einzige europäische Ameisenart mit echten Soldaten. Auch diese habe ich viel im Freien beobachtet und in künstlichen Nestern gehalten.
Dabei zeigte sich, daß bei ihnen die Soldaten viel einseitiger in ihren körperlichen Leistungen und in ihren Fähigkeiten sind als die Dickköpfe der +Messor+-Arten.
Die +Pheidole+-Soldaten sind viel unbeholfener bei der eigenen Ernährung als ihre Arbeiter, von denen sie sich oft füttern lassen. Sie nehmen auch kaum an den Bauarbeiten im Staat und an dem Eintragen der Nahrung teil. Ein Volk, welches nur aus Soldaten besteht, deren Arbeiter verloren gegangen sind, stirbt bald aus; denn erstere beteiligen sich nicht an der Pflege der Königin und an der Aufzucht der Larven. Allerdings bei der Verteidigung des Staats und seiner Insassen zeigen sie sich besonders energisch.
Zu welchen interessanten Vergleichen mit dem Menschenleben fordern diese eigenartigen sozialen Tiere heraus.
ZWÖLFTES KAPITEL
DIE SCHLUCHTEN DES BALKAN
Wie anders muß Mazedonien in den Zeiten vor der _griechischen_ Kultur ausgesehen haben, als es heute sich darstellt. Es ist früher, soweit wir unterrichtet sind, ein waldbedecktes Land gewesen mit ganz anderem Klima. Auch die Oberflächengestaltung muß sehr abweichend gewesen sein, als _thrakische_ Stämme das Land bewohnten. Die Berge hatten noch kaum ihre zerrissenen Formen, die Nacktheit der Landschaft trat nicht so schroff hervor, das Land muß viel weniger farbig gewesen sein und vor allem die Menge von Schluchten muß gefehlt haben, welche jetzt so charakteristisch für die Landschaft Mazedoniens sind.
Wie auch sonst in den Mittelmeerländern ist an der Oberflächengestaltung des Landes, wie sie uns heute entgegentritt, vor allem die Raubwirtschaft schuld, welche seine Bewohner mit dem Wald getrieben haben. Waldwirtschaft und Waldschonung sind Errungenschaften der neuesten Zeit. Zwar in Deutschland zeigen sich Ansätze dazu schon seit dem Mittelalter; Ehrfurcht vor und Pflege von Bäumen war den Germanen frühe Gewöhnung. Aber erst seit etwa zwei Jahrhunderten hat sich Schritt für Schritt eine geordnete Forstwirtschaft auch bei uns entwickelt. Daß gerade in Mazedonien mit dem Wald so barbarisch gehaust wurde, so daß er jetzt in diesem Land nur noch da existiert, wo die Menschen nicht an ihn heran können, ist zum Teil auch durch die Geschichte dieses Teils von Europa bedingt.
Bei den ungeordneten Zuständen, welche seit Jahrhunderten auf dem Balkan herrschten, dachte niemand daran, für die Zukunft vorzusorgen. Die unterworfenen Völker hatten keine Veranlassung, Naturschätze für die künftigen Generationen ihrer Beherrscher zu erhalten. Und die Türken gar mit ihrem Fatalismus waren schwer zu weitausschauenden Plänen zu haben. So kam in diesem Land, wo die durch den Ruin der Wälder erzeugten Schäden jedem vor Augen standen, niemand darauf, über die Zusammenhänge nachzudenken und an Maßregeln zur Abhilfe heranzutreten.
Sicher fanden die Byzantiner schon ein sehr entwaldetes Gebiet vor, und die Waldbestände, welche sie den Türken hinterließen, mögen in den Niederungen auch nicht mehr beträchtlich gewesen sein. Nun begann sich wohl der Raubbau auch auf die Gebirge auszudehnen und das Bild sich auch im Innern der Balkanhalbinsel auszubreiten, welches wohl schon die antiken Völker fast im ganzen Mittelmeergebiet hinterlassen hatten.
Nur wo das Klima mitwirkte, kam der Wald nicht wieder auf; im zentralen Balkan, wurde er nie ganz vernichtet. Die geologischen Verhältnisse mögen auch vielfach dazu beigetragen haben, seine Neuentstehung zu erschweren. Und vor allem waren es die _weidenden Haustiere_, welche durch Abfressen von jungen Baumindividuen, durch Benagen der frischen Sprosse die Baumarten entweder ausrotteten oder, wenn sie einigermaßen widerstandsfähig waren, zum _Zwergwuchs_ zwangen. Noch jetzt kann man die verderbliche Wirkung der ungestört weidenden _Ziegen_ -- diese sind es vor allem, welche als Waldfeinde in Frage kommen -- überall in den Mittelmeerländern beobachten.
Heute findet man in Mazedonien nur mehr im Gebirge ausgedehntere Laub- und Nadelwälder. Auf meinen Gebirgsreisen habe ich solche kennen gelernt und in den entsprechenden Kapiteln geschildert. Die Balkankriege und gar noch der Weltkrieg haben eine weitere empfindliche Lücke in den Baumbestand des Balkan geschlagen. Bei Freund und Feind war für Bauten zu militärischen Zwecken und zum Heizen im Winter ein ganz enormer Verbrauch unvermeidlich, dessen Folgen einem überall in traurigen Bildern entgegentraten. Noch 1917 hatte ich manche Baumgruppen und riesenhafte Exemplare von Ulmen, Eichen, Kastanien, Pappeln bewundert, die im nächsten Jahre schon verschwunden waren. Die Truppen mußten ja doch kochen und heizen; Import von Holz konnte nicht im nötigen Maßstab durchgeführt werden und die Kohlen waren noch viel schwerer heranzubringen.
Schon im Jahre 1917 fiel mir auf, daß Wälder in Höhen unter 1200-1500 m selbst im Gebirge nur da erhalten waren, wo der Mensch keine Zufahrtsstraßen hatte, um größere Massen von Holz an die Verbrauchsstätten zu bringen. War auch nur ein Saumpfad vorhanden und anlegbar, der für Maultiere gangbar war, so hatte sicher in jedem kleinen Waldbestand mindestens der Köhler sein Zerstörungswerk begonnen. Der rauchende Meiler zeigte an, wo und wie der Wald gemordet wurde.
Auch hatte ich oft Gelegenheit, zu beobachten, daß keines der Balkanvölker Talent und Neigung hat, den Wald zu pflegen und an die Zukunft zu denken. Ich habe an anderen Stellen geschildert, wie die gefällten Bäume ganz unvollkommen ausgenützt und rücksichtslos zerstört wurden. Alle die einander hassenden Völker und Rassen kamen nie auf den Gedanken, daß noch einer nach ihnen kommen könne, der etwas von dem Wald haben wollte, und daß sie ihm das gönnen würden.
Sobald große Strecken entwaldet waren, konnten die Kräfte der _Erosion_ ihre Arbeit beginnen und anfangen, die Berge zu zerstören. Ein Weg zu diesem Ende ist die Bildung von Schluchten. Wo der Waldboden nicht zwischen den Wurzeln der Bäume festgehalten wird, da saugt er das Wasser nicht fest und tief in sich hinein; wo nicht der Schatten der Bäume den Boden vor den ausdörrenden Strahlen der Sonne bewahrt, können keine dauerhaften Quellen sich ansammeln.
Überall in Mazedonien sehen wir heutzutage an jedem Berg, an jedem Hügel die zerstörenden Kräfte der Atmosphäre tätig. Nach jedem starken Regenguß entstehen neue Rinnsale an den Abhängen. Das Wasser, vom harten, schon steinig gewordenen Boden nicht aufgesaugt, sammelt sich an dessen Oberfläche schnell in Massen an, welche tosend zu Tale stürzend, den Boden aufwühlen und die spärliche Erdkrume mit sich reißen. So sieht man nach jedem Gewitterregen des Sommers, nach den schweren Güssen des Herbstes in Mazedonien hunderte und tausende von jugendlichen Schluchten sich bilden, deren weitere Entwicklungsgeschichte man überall an früher entstandenen verfolgen kann.
Je weiter das Wasser zu Tal fließt, um so mehr wird es, um so gewaltiger wird seine Kraft. Viele kleine Rinnsale vereinigen sich zu einem Wildbach, dieser schließlich zu einem Flüßchen, dessen Wasser schon große Steine, ja Felsenmassen loslösen und auf seinem Weg zu Tal reißen kann. Mächtige Halden bilden sich auf diese Weise an den Abhängen der Berge.
Im Winter gefriert das in die Spalten eingedrungene Wasser und es beginnt die Arbeit des Frostes und des Tauwetters. Die Regengüsse des neuen Jahres finden neue Beute. Die herabgeschwemmten Felsblöcke zerschlagen die Felsen, über welche sie rollen, und schleifen sie und sich gegeneinander ab. So sind es immer kleinere Steine, die unten im Tal anlangen, um so kleiner, je länger der Weg ist, den sie vom Berg zurücklegen müssen, je größer die Gewalt des Wassers ist, das sie mitriß.
Die Schlucht wird von Jahr zu Jahr tiefer; ihre Wände können schließlich steil 100 m und höher hinansteigen und die ganze tiefe Schlucht ist das Werk von vielhundertjähriger Arbeit des Wassers und der Steine. Überall in Mazedonien sieht man Schluchten in allen Entwicklungsstadien: ganz junge, die noch sehr harmlos aussehen, mittlere Stadien, welche schon tiefe Falten ins Antlitz des Berges gerissen haben, ältere, welche das Gebirge durchbrochen haben und Ströme zu Tal wälzen. Und den traurigsten Eindruck machen die ganz alten, welche ihre Felsblöcke schon zu Kieseln, zu Sand, ja zu feinem Schlamm zermahlen haben, den sie in das Tal über die fruchtbaren Felder schwemmen, so daß vom Ausgang der Schlucht eine lange Zunge von Geröll in die Ebene sich hinausstreckt, welche an das Delta eines Flusses erinnert. Sie ist ja gleichen Ursprungs mit einem solchen; ihr Wasser hat aber die Zerstörung und den Aufbau auf einer Strecke ausgeführt, welche es in Minuten, höchstens einer halben Stunde durchbrauste, während der Nil in stiller Arbeit hunderte Kilometer zurücklegte, überall auf seinem Weg Segen austeilend.
Solche Schluchten habe ich während meines Aufenthalts in Mazedonien hunderte durchwandert. Bald dienten sie zum Anstieg ins Gebirge, bald mußte man, an der Flanke des Berges entlang wandernd, in ein Dutzend Schluchten an einer Seite hinab, an der anderen Seite hinaufsteigen, um seinen Weg zu finden, wollte man nicht den ganzen Berg umgehen.
_Kaluckova_ liegt, wie ich früher schon schilderte, am Ausgang einer solchen Schlucht, die mir Anlaß gab, manche Beobachtung über das Wesen der Schluchten, ihre Pflanzen- und Tierwelt zu machen. Ging man in die Schlucht hinein, so wanderte man zunächst auf dem weichen Sandboden eines Tälchens, in welches drei Schluchten einmündeten. Deren Boden war von grobem Gerölle bedeckt. Weiter oben kam man in eine immer enger werdende Schlucht, deren Boden aus anstehendem Felsen bestand. Auf ihm lagen größere und kleinere Felsblöcke herum. Durch diese wurde das Wasser des Baches oft zu kleineren und größeren Tümpeln gestaut. Dazwischen fanden sich Talmulden von verschiedenem Umfang, wo der Bach langsam floß und sich Gerölle, Sand oder Schlamm angesammelt hatte. Hier war oft eine reiche Pflanzenwelt entwickelt. Gräser, Riedgräser und Binsen, manchmal auch Kolbenschilf, bildeten da einen üppigen Rasen, zwischen dem Minzen, Doldenpflanzen, Glockenblumen blühten. Allerhand Pflanzen, welche draußen auf dem Hügel schon längst verdorrt waren, führten hier noch ein fröhliches Leben bis in den Juli und August hinein. Da blühten noch Orchideen, Wicken, Salbei, Königskerzen und viele andere.
In den Mulden zwischen den Hügeln wuchsen Kräuter heran, welche durch beträchtliche Größenverhältnisse auffielen. Es waren dies mächtige Exemplare von _Königskerzen, Disteln_ (Abb. 99) und dem _Natternkopf_. Besonders letzterer übertraf an Größe die bei uns einheimische Art ganz gewaltig. Die blauen Blütenstände, von Bienen und Hummeln umsummt, waren hier noch größer und in ihrem Blütenreichtum wirkungsvoller als die Exemplare an den Hügelhängen von Kaluckova und in den Maulbeerhainen bei Hudova. Die hier vorkommende Art war +Echium italicum+ L. (Abb. 100).
Sie waren von vielen Schmetterlingen, Bienen, Fliegen besucht. Von der Tierwelt werden wir noch mehr zu berichten haben. Von Pflanzen fanden sich vielfach die gleichen stachlichen und dornigen Büsche, wie oben auf dem Hügel. Hier wuchsen vor allem Brombeersträucher, die einem nicht selten das Vorwärtskommen sehr erschwerten. Noch mehr war man aber beim Aufstieg behindert, wenn von einer Felsenstufe ein Wasserfall herabbrauste (Abb. 97). Oft mußte man eine weite Umgehungskletterei durchführen, wollte man seine Absicht durchsetzen, die ganze Schlucht kennen zu lernen. Oberhalb und unterhalb solcher Wasserfälle war das Wasser nicht selten zu stattlichen Gumpen angesammelt, deren grünes Wasser zum Bade verlockte. Oft habe ich mit meinen Gefährten die Gelegenheit ausgenützt und nach anstrengender Kletterei in einer solchen Naturbadewanne Erfrischung gesucht.
War man gegen den oberen Schluß der Schlucht vorgedrungen, so wurde sie oft immer flacher; man war an manchen Zweigschluchten vorbeigekommen, welche dem Schluchtbach Wasser zugeführt hatten. So war er selbst immer dünner und schwächer geworden, bis er schließlich in einer Mulde in einem Grasbüschel zwischen Sand verschwand. Damit hatte man seine Quelle vor den Augen.
Im Laufe des Jahres ging mancherlei in den Schluchten vor sich. Im Winter hingen manchmal die Felsen voll Eiszapfen und ihr Grund wurde gelegentlich voll Schnee geweht. Aber vor allem in der Gegend von _Kaluckova_ hielt das nicht lange an. Viel unangenehmer waren die anhaltenden schweren Regengüsse des Spätherbstes und Winters; dann sammelte sich in den Schluchten oft in wenigen Stunden eine solche Wassermasse an, daß sie plötzlich durch das Schluchtende in das Dorf einbrach und das Tal in einen See voll schlammigen Wassers verwandelte. Dann war Not in Kaluckova (Abb. 101). Da kamen die Stege zur Geltung, auf denen man laufen mußte, wollte man von einer Talseite auf die andere. Oft wurden die locker gebauten Brücken auch weggerissen und es erforderte Heldenmut, wollte der Arzt von den Häusern am Hügel zu seinen Kranken, die in Baracken an der anderen Talseite lagen.
Meist verlief sich das Wasser in wenig Stunden und von dem stolzen gewalttätigen Fluß war nur ein dünner Wasserfaden übrig. Schlamm und Geröll hatte er aber in Massen hinterlassen, welche alle Wege verschüttet und in Gärten und eventuell auch an den Häusern Schaden getan hatten.
Der Bach in der Kaluckovaschlucht erreichte nur in solchen großen Momenten das Tal, aber auch dann wohl niemals den Wardar. Vorher war sein Wasser längst in den Geröllmassen versickert. Das ist ganz typisch für solche mazedonischen Schluchtbäche. Im Frühjahr beginnt der Bach schon seinen Rückzug bergauf, der nur nach einem starken Regen eine Unterbrechung erfährt. Immer weiter muß man hinaufsteigen, will man an fließendes Wasser gelangen. Nach der Trockenzeit des August und September sind manche Schluchten in ihrem ganzen Verlauf trocken.
Dieser Prozeß verläuft ganz regelmäßig so, daß jeweils im Unterlauf in den Gruben und Vertiefungen größere oder kleinere Tümpel zurückbleiben, die allmählich eintrocknen, so daß man auch ihnen immer höher hinauf nachsteigen muß.
Das tut der Naturforscher gern und oft; denn in den Schluchten ist der Zufluchtsort für eine mannigfaltige Tierwelt, welche schon zu gewöhnlicher Zeit dort Schlupfwinkel und Höhlen leichter und mehr findet, als draußen auf dem kahlen Hügel. Dazu ist es hier auch im heißen Sommer immer feucht und kühl und wie die Pflanzen, so flüchten sich auch viele Tiere aus dem grellen Sonnenbrand in den kühlen Schatten der Schluchten. Wie ich das schon vom Buchenwald auf der Plaguša Planina beschrieb, so stellen auch die Schluchten einen Zufluchtsort für viele Tiere dar.
Man treibt beim Klettern in den Schluchten nicht nur Ratten und Mäuse, sondern auch Marder, Füchse, Dachse und den großen mazedonischen Hasen auf. Ratternd fliegen Steinhühner (+Alectoruis graeca graeca+ Meicen.) vor unseren Schritten davon. Ammern, Nachtigallen, allerhand kleine Vögel beleben die Büsche der Schluchten. Schlangen und Eidechsen sind an den Schluchtwänden häufig. Nicht selten halten sich hier die Landschildkröten +Testudo graeca+ L. und +T. ibera+ Pall. auf.
Viele Tiere kommen an die Tümpel zum Trinken. Das kann man vor allem in den frühen Morgenstunden und gegen Abend beobachten. Für manche Insekten, so für Schmetterlinge, mag auch die Windstille in der Tiefe der Schluchten verlockend sein.
Vor allen Dingen interessant ist aber die Tierwelt des Baches, welche hauptsächlich seine Becken und Tümpel bewohnt. An ihr ist manche interessante Beobachtung zu machen, und es hatte einen großen Reiz, sie im Verlauf eines Jahres zu verfolgen. Darum gehörten die Schluchten bei Kaluckova zu den Gegenden, welche ich in Abständen regelmäßig während aller Jahreszeiten besuchte, um die Schicksale ihrer Tierwelt zu verfolgen.
Im Winter zur wirklich kalten Zeit war sie nicht allzu reich. Die Wassertiere wurden gar zu leicht mit den Wasserstürzen nach Regengüssen hinabgerissen und kamen um, irgendwo auf Sand und Geröll vom abfließenden Wasser zurückgelassen. So kamen denn _Fische_ in den Schluchtbächen selten vor und dann nur in den großen Gumpen, die nicht ganz ausgeschwemmt werden konnten. Selten fand ich da einmal kleine Barben (+Barbus plebejus+ Val.); in der Kaluckovaschlucht habe ich allerdings niemals Fische gesehen.
Um so zahlreicher waren die _Amphibien_ vertreten, von denen mehrere Formen in den Schluchten lebten und in den Tümpeln laichten.
Der kleine graue Frosch (L) +Rana graeca+ Blgr. mit seinem braungefleckten, hellen Bauch war schon früh beim Laichen. Auch der _große Frosch_ Mazedoniens (+Rana ridibunda+ Pall.) legte im Schluchtbach seine Eier ab, aber erst im Mai, während der erstere dann schon in stattlichen Larven vertreten war. Noch später war die sehr häufige _Unke_ (+Bombinator pachypus+ Blgr.) mit der Fortpflanzung dran; sie laichte erst im Juli. Noch Mitte Juli fand ich Unken bei Kaluckova beim Eierlegen.
Ganz außerordentlich reich war in den Schluchten die _Insektenwelt_. Sie bestand zum Teil aus Formen, welche hier die Blüten aufsuchten, während draußen auf den Hügeln alles schon verdorrt war. So schwebten zahlreiche Schmetterlinge über den Stellen der Schlucht, wo die oben gekennzeichnete üppige Vegetation sich entwickelt hatte. Hier war es vor allem, daß man, wie in der Nähe der Dörfer, die gewöhnlichsten deutschen Schmetterlinge antraf, den großen und kleinen _Fuchs_, das _Tagpfauenauge_, das _weiße C_, dazu die _Weißlinge_; unter den 4-5 mitteleuropäischen Arten allerdings manchmal etwas Besonderes, so +Pieris manni+ Mayr.; daß der _Distelfalter_, der häufigste Tagschmetterling Mazedoniens, nicht fehlte, braucht kaum betont zu werden. Von vielen Formen sah man im Verlauf des Sommers zwei _Generationen_, die als Frühlings- und Sommergeneration nach Farbe und Größe zu unterscheiden waren, so z. B. von +Colias croceus+ Faure, der dort fliegenden Form der _goldenen Acht_.
Von den drei Arten von _Scheckenfaltern_ (+Melitaea phoebe+. +M. trivia+ und +M. didyma+) war das Vorkommen des letzteren besonders interessant, da er hier in der südlichen Form flog, während im Gebirge bei Gopes die nördliche Form lebte. Außerdem ist die Tatsache bemerkenswert, daß von +Melitaea trivia+ und +didyma+ die zweite Generation auffallend klein ist. Unter den _Augenfaltern_ der Gattung +Satyrus+ fiel +S. statilinus+ Hafn. auf, noch mehr +S. fatua+ Frg., die erst vor kurzem in Europa aufgefunden wurde (Abb. 24, S. 46). Von den zahlreichen _Bläulingen_ hebe ich +Cyaniris argiolus+ L. hervor. Im Hochsommer drangen um die Blumen die Taubenschwänzchen (+Macroglossa croatica+) und die auch bei uns so häufige +Macroglossa stellatarum+. Beide flogen im Herbst massenhaft in die Häuser. Ich habe hier etwas mehr von Schmetterlingen berichtet, da sie auf interessante Gesetzmäßigkeiten der Tiergeographie aufmerksam machen.
Auch an _Käfern_ waren die Schluchten sehr reich. Schöne _Böcke_ saßen auf den Doldenpflanzen, so der metallischglänzende _Moschusbock_ (+Aromia moschata+ L.), die kleine, rotschwarz gefleckte +Leptura cordigera+ Finly, die zierlichen _Widderböcke_ (+Clytus ornatus+ Hbst., +Cl. rhamni+ Germ., +Cl. floralis+ Pall.). Von den großen Bockkäfern waren besonders auffallend +Aulacopus sericollis+ Motsch und +Prionus persicus+ Recht. Ein eigenartig gelblich behaarter Käfer mit weißen Flecken, der massenhaft vorkam, nennt sich +Epicometes hirtella+ L. Auch hier wie überall am Wasser gab es die schönen, wie Edelsteine glänzenden Blattkäfer (+Chrysomeliden+). Dazu +Melosoma populi+ (L.) +Clythra elata+ Fabr. und +Cl. traphaxides+ Pall. Von Rüsselkäfern möchte ich nur die rotfleckigen +Rhynchita hungarica+ Hel. und den schimmerden +Rhynchites auratus+ Les. erwähnen. An den Kräutern fand sich im Mai vielfach ein speichelähnlicher Schaum, wie er bei uns als „Kuckucksspeichel‟ bekannt ist; auch hier fand sich in ihm die Larve einer Zikade aus der Gruppe der Schaumzikaden, ähnlich unserer +Aphrophora spumaria+ L.
Damit gebe ich nur eine kleine Auslese aus der Insektenwelt der Balkanschluchten. Schwebfliegen, solitäre Bienen, bunte Wanzen, Heuschrecken wären noch anzuführen. Eine große Rolle spielten die Libellen, deren es zahlreiche Arten gab. Ganze Schwärme von Eintagsfliegen tauchten gelegentlich auf.