Mazedonien

Part 13

Chapter 133,357 wordsPublic domain

Das Hochzeitsfest dauert für die Art nur wenige Tage, wie für das einzelne Individuum nur wenige Stunden. Einige Tage nach dem 8. Juli wurden die Zikaden selten. Nur während der heißesten Sommertage ließen sie ihren Chorgesang ertönen. Früher und später im Jahre hört man nur einzelne Tiere, meist jedes von seinem Baum sein Trillern entsenden.

Das Weibchen legt seine Eier an den Wurzeln von Pflanzen, so von Eschen und anderen Bäumen ab. Die entstehende Larve saugt sich mit ihrem Rüssel an der Wurzel fest und nährt sich von deren Saft. So lebt sie mehrere Jahre unter der Erde, um dann im letzten Larvenstadium emporzusteigen und das fertige Insekt aus sich hervorgehen zu lassen. Dabei reißt die derbe Larvenhaut in einem Längsspalt in der Rückenmitte auf; das fertige Insekt schlüpft in ganz weichem, verletzlichen Zustand aus diesem Schlitz heraus und bleibt auf der Larvenhaut oder in deren Nähe sitzen, bis seine Oberfläche verhärtet ist. Dann breitet es seine Flügel aus, schwirrt in den Sonnenschein an den nächsten Baum und beginnt sein Lied zu singen. Nach dem langen Larvendasein unter der Erde lebt es eine kurze Zeit in Licht und Sonne, um nach Begattung und Eiablage eines raschen Todes zu sterben.

Ich beobachtete die grauschimmernden Zikaden den ganzen Nachmittag, bis der Abend herabsank. Als kühle Luft vom See herüberwehte, verstummten sie, das Konzert war zu Ende.

Erst jetzt achtete ich darauf, daß das Geschützfeuer auch ein Ende gefunden hatte. Tiefe Stille herrschte in der Natur, als der Abend kam. Wir wanderten in der Dämmerung die kurze Strecke zu der Wegkreuzung, wo der Wagen auf uns wartete, der in schneller Fahrt mich zu meinem Standquartier zurückbrachte.

Es war kein endgültiger Abschied vom Doiransee. Im Mai des Jahres 1918 wurde eine zweite nächtliche Forschungsfahrt auf dem See unternommen, die mit ähnlichem Erfolg endete.

Schöner als von seinen Ufern aus erscheint der Doiransee von den ihn umgebenden Gebirgen aus gesehen. Von den Bergen des Furkapasses, vom Dub und gar von der _Belasiza Planina_ aus gewährt er manch äußerst reizvollen Anblick.

Welch schönes malerisches Bild bot er von den Gipfeln des Gebirges aus dar, wenn man etwa aus den Buchenwäldern der Visoka Čuka, umrahmt von Baumzweigen, tief unter sich den blauen See schimmern sah, umgeben von den zahlreichen Ketten der ihn umgrenzenden Gebirge, und den Blick schweifen ließ in Fernen, wo das Ägäische Meer aufleuchtete, wo die Berge der Chalkidike und der ferne Olymp blau schimmerten und die Gedanken in weite Fernen verführten.

Über unsere Forschungen am _Doiransee_, bei denen mich im Jahre 1918 Dr. _Nachtsheim_ unterstützte, kann vorläufig folgendes berichtet werden. Der See ist, nächst dem Kaltanowosee, der kleinste der von mir untersuchten mazedonischen Seen. Er liegt auch viel tiefer als die anderen, nämlich 148 m über dem Meer. Er umfaßt ein Areal von nur 42,6 qkm. Seine größte Tiefe ist 9,9 m, also nur fast 10 m. Man versteht daher die weitgehende Verschlammung seiner Ufer und den breiten Schilfrand, der ihn umgibt.

Wie bei dem allerdings beträchtlich tieferen Prespasee ist auch sein _Plankton_ reich an _pflanzlichen_ Bestandteilen. Bei dem Fang im Juli 1917 fanden sich zahllose _Blaualgen_ in den Oberflächenschichten, auch reichlich _Ceratien_, Chrysomonadinen und andere pflanzliche Organismen. Ähnlich pflanzenreich waren auch die Fänge im Mai 1918. Diese enthielten dazu zahlreiche Daphniden (+Daphnia cucullata+) und Copepoden, kleine Cyklopiden (+Cyclops strenuus+). In diesen Frühlingsfängen kamen junge _Flohkrebse_ (+Gammariden+) in beschränkter Zahl vor. In 8 und 10 m Tiefe, also dicht über dem Boden, fanden sich auffallend viele +Nauplius+-Stadien von Copepoden. Das Netz muß hier fast auf dem Boden geschleift sein; in ihm hatten sich einige _Muschelkrebse_ (+Ostracoden+) und eine Anzahl _Wassermilben_ gefangen.

In den Julifängen fällt besonders eine stattliche +Cladocere+, eine Art der Gattung +Leptodora+, auf. Dieses schöne durchsichtige Tier, aus unseren süddeutschen Seen bekannt und von _Weismann_ vor vielen Jahren im Bodensee genau studiert, kommt in vielen Varietäten und Arten in süd- und osteuropäischen Seen vor. In den Julifängen war die Art des Doiransees sehr reichlich in Männchen und Weibchen, jugendlichen und erwachsenen Exemplaren vertreten, viel reichlicher als in den Maifängen des Jahres 1918. Der Höhepunkt der Entwicklung scheint also im Hochsommer zu liegen. Im Juli war auch der Reichtum an _Rädertierchen_ (+Asplanchniden+) bemerkenswert, sowie das Vorkommen einer +Bosmina-Art+, einer Daphnide, die beide im Mai fehlten. Selbst weit draußen im See schwammen zwischen den zarten Planktontieren die plumperen Larven der Federmücken.

Im Doiransee kommt auch der _Flußkrebs_ (+Astacus fluviatilis+ L.) vor, und zwar erreicht er dort eine beträchtliche Größe. Die Doirankrebse waren in der Armee sehr berühmt und beliebt.

Leider war es mir unmöglich, Fische aus dem Doiransee zu erhalten. Nur kleine Fischlarven waren in den Planktonfängen enthalten.

Außer den früher erwähnten _Insekten_ möchte ich aus der _Schilfregion_ des Doiransees den Reichtum an schönen, auffallend gefärbten +Stratiomyiden+, den _Waffenfliegen_, erwähnen, welche in verschiedenen Arten vertreten waren, so +Lasiopa tenuirostris+ Lw., +Rhynchomyia impavida+ Rossi, +Rh. speciosa+ Lw., +Stratiomyia erythrocera+ Egger und +Str. chamaeleon+ L. -- Unangenehm machte sich an dem heißen Julitag die _Bremse_ +Tabanus umbrinus+ Mg. bemerkbar.

Von Käfern fand ich als auffallende Form an den Baumstämmen einen kleinen braunen, goldglänzenden _Borkenkäfer_ (+Capnosa tenebriosa+ Fal.). Im Juli kamen wir für die _Rohrkäfer_ (+Donacien+) zu spät und bei dem Besuch im Mai konnten wir nur nachts uns am See aufhalten.

Von Spinnen fing ich +Oxyopes ramosus+ Panz., +Thanatus arenarius+ Thor., +Epeira redii+ Leop., +E. patagiata+ Clerck, +Agalena labyrinthica+ Clerck und +Pythonissa exornata+ C. L. Koch.

Wie schon die Gegend von Mravinca und Dedeli, so trug die Umgebung des Doiransees in ihrer Tierwelt einen _südlichen_ Charakter. Es wäre zu wünschen gewesen, daß wir mehr Gelegenheit zu Arbeit und längerem Aufenthalt in diesem Gebiet gehabt hätten. Immerhin wurden unsere Forschungen ergänzt durch die Sammlungen, welche Prof. _Burgeff_, Botaniker an der Münchener Universität, der als Soldat längere Zeit an der Doiranfront stand, dort anlegte. Unter ihnen sind die _Reptilien_ besonders interessant, so die _Wasserschildkröte_ (+Clemmys caspica rivulata+ Val.); der kleine _Gecko_, dessen Wohnen in meinem Schlafzimmer ich im zweiten Kapitel beschrieb (+Gymnodactylus kotchyi+ Stud.) ist auch eine ausgesprochen südliche Form. Östliche und südliche Beziehungen zeigt eine mit den Riesenschlangen verwandte kleine Schlange (+Eryx jaculus+ L.), die _Sandschlange_. Ein ähnlich interessanter Fund war +Typhlops vermicularis+ Merr., die im Boden lebende _Blindschlange_. Auch der seltsame _Scheltopusik_ (+Ophisaurus apus+ Pall.), wie die Blindschleiche einer Schlange gleichend und doch so ganz anders plump gebaut als diese, erscheint als fremdartiges Element in diesem Land, das in seinem Charakter eine so starke Durchmischung südlicher und nördlicher, östlicher und westlicher Bestandteile zeigt.

Die Doiranseegegend bildet offenbar in vielen Beziehungen einen Übergang zu dem südlichsten Teil der Balkanhalbinsel. Hier geht die Landschaft allmählich über ins flache Land bei Saloniki. Hier zeigt sich schon der beginnende Einfluß des Meeres und damit eine Annäherung an die Verhältnisse Griechenlands und an die adriatische Küste des Balkans.

ELFTES KAPITEL

DIE MAZEDONISCHEN AMEISEN UND IHRE BAUTEN

Auch die Ameisen sind in Mazedonien Tiere, welche man nicht übersehen kann. Sie kommen in allen Teilen des Landes in großen Mengen vor. So konnte ich während der 2 Jahre meiner Forschung in diesem Lande 36 Arten und Unterarten auffinden, wie aus den Bestimmungen von Herrn _H. Viehmayer_ in Dresden, der meiner Sammlungen sich freundlich angenommen hat, hervorgeht. Diese von mir aufgefundene Zahl von Arten ist nicht allzugroß, es gibt ihrer in Mazedonien sicher noch mehr. Aber da ich meine Forschungen nicht speziell auf Ameisen beschränkte, so ist es immerhin eine beträchtliche Zahl.

Mit ihrer Bautätigkeit bearbeiteten die Ameisen den Boden in einer ganz erstaunlichen Weise, und wir werden später sehen, daß sie gerade in Mazedonien damit eine besondere Rolle spielen, ganz zum Unterschied von anderen Ländern, wo andere Tierarten die Hauptarbeit an der Umarbeitung des Bodens leisten.

Wie bei der übrigen Tierwelt und bei der Pflanzenwelt zeigt sich in der Ameisenfauna Mazedoniens eine Mischung von Arten, welche teils südlichen und östlichen Charakter haben, teils nordischen Arten entsprechen. Vor allem im Süden des Landes und im Tiefland treten die südlichen Arten von Ameisen hervor. Sie fallen dem Deutschen vor allen Dingen auf, weil sie in Aussehen und Lebensverhältnissen von unseren Ameisen abweichen. Ganz besonders machte sich in den heißen Teilen Mazedoniens eine Ameisengattung bemerkbar, die Gattung +Messor+, welche in ganzen Armeen beobachtet werden konnte, und deren Nester sehr häufig waren. In der gleichen Gegend kamen kleine gelbe Ameisen vor, bei denen neben den winzigen Arbeitern sogenannte Soldaten mit mächtig dicken Köpfen herumliefen. Es ist dies die Gattung +Pheidole+, die einzige europäische Ameise mit echten Soldaten. Außerdem gab es Vertreter der Gattungen +Cataglyphis+ und +Cremastogaster+, welche durch ihre große Lebhaftigkeit auffielen. Alles das sind _südliche_ Ameisenformen, die in Steppen und Wüsten vorkommen und zum Teil bis Nordafrika verbreitet sind.

Ganz andere Ameisen leben im Gebirge. Kam man in die Wälder in Höhen von 1500-2000 m, so stieß man auf Ameisenarten, welche unseren einheimischen außerordentlich ähnlich waren und sich auch als die nämlichen herausstellten. Es waren dies Arten der Gattung +Formica+; diese fand ich niemals in Höhen von weniger als 1500 m. Dort gab es auch die +Formicina+-Arten, die man früher als +Lasius+ bezeichnete, und die Holzameisen aus der Gattung +Camponotus+. Die beiden letzteren Gattungen fand man auch im Flachland, allerdings dort nicht so häufig als in den Bergen, während die +Formica+-Arten in Mazedonien mir unten niemals begegneten.

Es ist zu verstehen, daß ich die meisten Ameisenarten in der Umgebung derjenigen Orte fand, welche längere Zeit mein Standquartier waren. So fand ich in der Gegend von _Kaluckova_ 14, bei _Üsküb_ 12 und bei _Dedeli_ ebenfalls 12 Ameisenarten.

In _Mazedonien_ ist wie überhaupt in Südeuropa diejenige Form die typische _Hausameise_, welche man bei uns die Rasenameise nennt (+Tetramorium caespitum+ L.). Diese kleine braune Ameise drang viel in die Quartiere ein, sie war im ganzen Land bis 1600 m Höhe verbreitet und konnte sehr lästig werden. So war sie es besonders für den Naturforscher, dem sie gelegentlich seine genadelten Insekten und die schon verpackten Schätze überfiel und auffraß, so daß nur wenige Beine und Flügel übrig blieben. Mit Naphthalin konnte man sie schnell und sicher vertreiben. Es tötet sie rasch und sein Geruch hält sie von den Sammlungen ab.

In den Maulbeerpflanzungen um _Kaluckova_ gab es viele Holzameisen aus der Gattung +Camponotus+. Vor allen Dingen in alten Bäumen hatten sie vielfach ihre Gänge genagt. In solchen lebten auch Ameisenarten, welche in den hohlen Stämmen feingegitterte Nester aus einer Kartonmasse gebaut hatten. Sie ließen sich als die Arten +Liometopum microcephalum+ Panz. und +Cremastogaster scutellaris schmidti+ Mayr. bestimmen.

Noch mehr Ameisen gab es aber auf den bebuschten Hügeln in der ganzen Gegend um _Kaluckova_. Da herrschten die +Messor+-Arten vor. Deren Löcher waren überall zu sehen und ihre Straßen durchzogen die ganze Gegend. Von ihrer Lebensweise werden wir später ausführlich hören.

Großes Interesse erregt durch ihre Bewegungen eine große schwarz und rot gefärbte Ameise. Wie die +Messor+-Arten kam sie aus Bodenlöchern und jagte in der ganzen Gegend nach Insekten. Kam man dieser Ameise nahe, so hob sie den rotgefärbten Kopf und den Brustteil nebst den Vorderbeinen hoch in die Höhe, sperrte die Kiefer weit auseinander und war bereit, sofort zuzubeißen. Mit einer seltsamen Hast rannte sie in dieser Stellung hin und her und packte an, was ihr in den Weg kam. Es war +Cataglyphis bicolor+ F. var. +orientalis+ For. Sie gleicht in ihren bizarren Bewegungen und in ihrer eifrigen Jagd auf allerhand Insekten den zahlreichen Formen ihrer Gattung, welche in den Wüsten Nordafrikas leben.

Reiche Ausbeute an fliegenden Geschlechtstieren von Ameisen lieferte das hellbeleuchtete Kasino des Lazaretts _Kaluckova_ an den schönen warmen Sommerabenden. Da flogen manche Formen an, deren Nester ich nicht in der Umgebung gefunden hatte. Der Aufenthalt in _Üsküb_ und bei _Dedeli_, sowie die Reisen in die Gebirge Mazedoniens brachten mir eine ganze Menge von Ameisenarten, von denen ich aber hier nicht weiter sprechen will.

Ameisen bekam ich also während meines Aufenthaltes in Mazedonien in Menge zu sehen. Aber etwas vermißte ich in den ersten Monaten meines Aufenthaltes in diesem interessanten Lande, was wir bei uns gewöhnt sind, mit Ameisen und Ameisenleben stets verbunden zu denken. Ich bekam keinen einzigen _Ameisenhaufen_ zu sehen. Als mir das aufgefallen war, begann ich aufmerksam darauf zu achten, und ich merkte bald, daß hier alle Ameisen, die nicht etwa wie die Holzameisen in Bäumen bauen, sich unter die Erde zurückgezogen hatten. Viele von ihnen hausten unter Steinen. Unter diesen begannen ihre Gänge, die in den Boden hineinführten, auch hatten sie vielfach in dem Hohlraum, der sich etwa unter dem Stein befand, Wände errichtet, so daß Kammern und Gänge entstanden waren. So fand ich die Arten von +Tetramorium+, +Pheidole+, +Cataglyphis+, +Plagiolepis+, +Solenopsis+, +Tapinoma+, +Myrmica+ und +Cremastogaster+ entweder immer oder gelegentlich unter Steinen; sogar eine Art von +Formica+ und zwei solche von +Camponotus+ fand ich im Boden unter Steinen hausend.

Was sonst von Ameisen in der Gegend lebte, lebte auch im Boden, wenn auch nicht unter Steinen. Die Löcher dieser anderen Arten traten aber frei an die Oberfläche und waren im Frühjahr von eigenartigen _Ringwällen_ umgeben. Diese Ringwälle bestanden aus dem _Bauschutt_, der bei dem Ausgraben der Gänge aus der Erde herausgeschafft worden war. Solche Nester bezeichnet man als _Kraternester_, weil der Ringwall sich wie der Krater eines Vulkans zu dem Ausgangsloch des Ameisennestes herabsenkt. Die Kraternester waren charakteristisch für eine ganze Anzahl Ameisenarten in den Hügeln bei _Kaluckova_. Es waren dies vor allem die dort vorkommenden drei Arten der Gattung +Messor+. Ich will gleich ihre Namen nennen und ihr Aussehen kurz beschreiben. Die häufigste Form war +Messor barbarus meridionalis+ E. André, eine sehr dunkelgefärbte Art; ihr Kopf und fast der ganze übrige Teil des Körpers sind schwarz. Nur der Brustteil, die Knötchen und die Gelenke der Beine zeigen hellbraune Färbung. Die zweite Form +Messor oertzeni+ For. var. +amphigea+ For. ist auch nicht selten, sie fällt durch einen rotbraunen Kopf und Vorderkörper auf, auch ihre Beine haben dieselbe Färbung, während der Hinterleib schwarz ist. Etwas weniger häufig war eine dritte Form +Messor barbarus structor+ Lar. var. +mutica+ Nyl.; sie war ähnlich gefärbt wie die erste, fast noch dunkler am ganzen Körper mit helleren Beinenden.

Außer bei diesen drei Arten fand ich ähnliche _Kraternester_ bei +Tetramorium caespitum+ L., +Cataglyphis bicolor+ F. var. +orientalis+ For. und einer gelben +Formicina+-Art. Es war eine sehr auffällige Beobachtung, daß hier alle Ameisen, die nicht in Bäumen hausten, in der Erde wohnten, und daß keine einzige einen _Ameisenhaufen_ baute.

Den ersten _Ameisenhaufen_ entdeckte ich, als ich Expeditionen in die Hochgebirge Mazedoniens unternahm. Da fand ich im August 1917 im _Schardakh_, also im albanischen Grenzgebirge, in der Gipfelregion der _Kobeliza_, von etwa 1800 m Meereshöhe ab, regelrechte Ameisenhaufen, wie wir sie in unseren Wäldern zu sehen gewohnt sind. Das waren die großen, aus Tannennadeln, Holzstückchen, Erde und allerhand anderem Material aufgebauten Haufen, welche man als die _gemischten Nester_ der Ameisen zu bezeichnen pflegt. Von da an achtete ich bei allen meinen Gebirgsfahrten auf die Ameisenhaufen und fand solche in allen Gebirgen, und zwar jeweils in der Waldregion und niemals in Höhen von unter 1500 m. Eine richtige Entwicklung von Ameisenhaufen war stets erst bei etwa 1800 m Meereshöhe zu beobachten. Als ich diese Haufen untersuchte, fand ich in ihnen die typischen deutschen Waldameisen aus der Gattung +Formica+, dieselben Arten, welche ich in den Bayrischen Alpen und im Schwarzwald viel gesehen hatte. Es waren Nester von +Formica (Rhaphi-formica) sanguinea+ Latr., +Formica rufa+ L., +Formica (Serviformica) fusca+ L., +F. exsecta+ Nyl. und Varietäten von ihnen.

Diese Beobachtungen machten mir manches klar. Mit den Wäldern hatten diese Waldameisen sich in die Berge zurückgezogen. Ich habe nie einen Vertreter einer +Formica+-Art im Flachlande Mazedoniens gefunden. Eine einfache Überlegung zeigt, daß hügelbauende Formen in dem trocknen, heißen Tiefland Mazedoniens gar nicht existieren könnten; in der Hitze des Sommers würde das ganze Material des Haufens in Kürze ausgetrocknet und würde von den lokalen Winden nach allen Seiten zerstreut.

Nun fielen mir die feinen Beobachtungen wieder ein, welche _Forel_ an den Ameisenhaufen der schweizer Ameisen gemacht hat, und die interessanten Erwägungen, die er an seine Beobachtungen anknüpfte. Unsere mitteleuropäischen Ameisen brauchen ihre Haufen, darum kann man auf jeder Wiese, an jedem Ackerrand die um Gras und Kräuter aufgebauten Erdkuppeln und in jedem Wald die aus gemischtem Material errichteten kleinen und großen Haufen finden. Sie alle stellen für die Ameisen _Wärmesammler_ dar. In den Erdkuppeln sind es die Sonnenstrahlen, welche den verschiedenen Kammern eine verschiedene Wärme zuführen. In den Haufen der Waldameise wird eine ganz andere Wärmequelle ausgenützt; es ist die _Gärungswärme_, welche in dem feuchten Pflanzenmaterial dieser Haufen ähnlich wie in zu feucht eingetragenem Heu sich entwickelt. Man weiß ja, daß durch Bakteriengärung im Heu gelegentlich eine solche Hitze hervorgerufen wird, daß Selbstentzündung dadurch bewirkt wird. Ähnliche Gärungserscheinungen erzeugen im Ameisenhaufen Temperaturen, welche oft bis zu 10° C über der Lufttemperatur in der Umgebung erreichen. Ich habe mich selbst durch Messungen von dieser Temperaturerhöhung überzeugt. Diese im Haufen entstehenden, in dessen verschiedenen Zonen verschiedenen Temperaturen, zugleich mit der verschiedenen Feuchtigkeit seiner Schichten nützen die Ameisen bei der Pflege ihrer Entwicklungsstadien aus. Sie heben die Eier in den feuchtesten Regionen, die Larven in den mittleren, die Puppen in den heißesten und trockensten Räumen ihres Haufens auf. Und je nach der Entwicklungsstufe werden die Stadien in die geeigneten Räume gebracht.

Es leuchtete mir ein, daß solche Wärmesammler in dem heißen Klima Mazedoniens unnötig waren und bei der Trockenheit des Sommers gar nicht bestehen konnten; und so war es wohl zu verstehen, daß sie in Mazedonien nur in den regenreicheren Gebirgszonen mit milderem Sommerklima vorkamen.

So war es denn eine große Überraschung für mich, als ich im Sommer 1917 in dem mir so gut bekannten Gelände der Umgebung von _Kaluckova_ Haufen von Pflanzenteilen bemerkte, welche insofern an Ameisenhaufen erinnerten, als viele Ameisen sich daran zu schaffen machten. Ich erkannte sofort in diesen die in der Gegend häufigsten Ameisen, die +Messor+-Arten. Eine Untersuchung der Haufen zeigte mir, daß es sich nicht um bewohnte Bauten der Ameisen handelte. Sie bestanden aus allerhand locker angehäuften Pflanzenteilen und ich konnte sehen, daß die Ameisen noch an der Vergrößerung der Haufen arbeiteten. Es war eine stark belebte Straße, welche zu dem Haufen führte, und sie kam direkt vom Ausgang eines Nestes her. Wie oft hatte ich in den letzten Wochen gerade diese Ameisen beobachtet, welche in Zügen von vielen Tausenden auf ihren wohlgebahnten Straßen emsig hin und her liefen. Diese Züge bestanden aus ganz verschieden großen Tieren, offenbar verschiedenen Formen der gleichen Art. Die einen davon waren auffallend groß und hatten als auffallendstes Merkmal dicke Köpfe mit mächtigen Kiefern. Die kleinsten waren kaum ein Drittel so groß wie sie, hatten viel kleinere Mundgliedmaßen. Und zwischen ihnen liefen Individuen, die in Größe und Gestalt alle Übergangsformen zwischen diesen Extremen darstellten. Wie schon längst bekannt ist, sind die +Messor+-Arten Ameisen mit unvollständigem Dimorphismus. Die _Dickköpfe_ sehen aus wie die Soldaten, welche bei den Ameisenarten mit vollkommenem Dimorphismus als besondere Formen vorkommen. Hier auf den Straßen sah man sie sich aber genau wie gewöhnliche Arbeiter benehmen. Sie trugen und schleppten Pflanzenteile aus dem Nestloch auf den Haufen und dabei wurden sie von ihren Kameraden aller Größen mit demselben Eifer unterstützt. Wie in Größe und Gestalt keine scharfen Gegensätze sich zeigten, so waren auch Funktionen und Leistungen bei allen Individuen annähernd die gleichen.

Mit Freuden sah ich, daß ich _Körnerameisen_ vor mir hatte, eine Art jener Körnersammler, die schon seit dem Altertum die Phantasie der Völker beschäftigt haben. Ich beschloß sofort diesen Tieren besondere Aufmerksamkeit zu schenken und ihre Lebensweise möglichst genau zu untersuchen auf die Gefahr hin, daß ich nur längst bekannte Beobachtungen bestätigen könnte. Im Verlauf meiner Forschungen konnte ich auch manche Dinge feststellen, die noch unbekannt waren.

Während der Jahre 1917 und 18 habe ich ihr Leben während aller Jahreszeiten verfolgt. Im Winter allerdings waren sie verschwunden und hielten ihren _Winterschlaf_ unter der Erde. Ich konnte feststellen, daß der Boden in den Tiefen, in denen sie lebten, gefroren war; die ganzen Ameisenvölker befanden sich in den kalten Wintermonaten Dezember und Januar in einem Zustand der _Winterstarre_. Diese hielt durchaus nicht den ganzen Winter hindurch gleichmäßig an, sondern sowie wärmeres Wetter eintrat, sobald die Sonne heiß auf die von ihnen bewohnten Hänge schien, wagten die Ameisen sich heraus. Aber es war Zufall, wenn man sie dann bemerkte; denn während des Winters sah man keine Spur von ihren Bauten, Wind und Regen hatten die Eingänge der Nester zugeschwemmt. Auf der Spitalwiese in _Üsküb_, unter deren Boden sich eine Menge von Nester befanden, war im Winter keine Spur von diesen zu bemerken. Die ganze Oberfläche bestand je nach der Witterung aus Staub oder Schlamm. Mehrere Wochen lang war die Wiese sogar mit einer hohen Schneeschicht bedeckt.